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SV Training #1: Mit unterschiedlichen Feldformen um die Ecke denken

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Dass viele unserer Autoren als Trainer tätig sind, dürfte niemanden mehr weiter überraschen. Spätestens seit „Fußball durch Fußball“ herausgegeben wurde, sind auch die grundsätzlichen Prinzipien einer zeitgemäßen Trainingsweise nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse ausführlich dargelegt. Nun ist es an der Zeit, dieses ganzheitliche Konzept weiter mit Inhalten aus der Praxis zu füttern – davon lebt es letztlich und darauf ist seine Weiterentwicklung auch ausgerichtet.

TEs Bundesliga-Check: Unter dem Radar

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An diesem Bundesliga-Wochenende widmet sich die Bundesliga-Kolumne zwei Teams, die in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unter dem Radar fliegen. TE analysiert, warum Walpurgis zu Ingolstadt passen könnte und wieso die Mainzer so rasante Spiele abliefern.

Hochklassig und fordernd

Bayerns Versuche, das Leverkusener Sechser-Herausrücken zu attackieren und dann zu beschleunigen, gehen auf und bringen einen knappen Heimsieg. Nebenbei findet Ancelottis Team Ansätze von neuem Defensivglanz, obwohl gleichzeitig Roger Schmidts Pressingmaschinen rumkombinieren.

United hadert mit Punktverlust gegen zahnlose Gunners

Der Gastgeber war trotz Unsauberkeiten das intensivere und im Mittelfeldbereich präsentere Team. Bei Arsenal schlug die zurückfallende Einbindung von Alexis Sánchez als Mittelstürmer aufgrund von Präsenzproblemen fehl. Trotz Uniteds starker Vorstellung im Abwehrpressing reichte es für die Gäste aber noch zum späten Ausgleich.

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Türchen 6: Brasilien – Niederlande 1998

Es ist wohl eine der stärksten ungekrönten Spielergenerationen der Fußballgeschichte: die Niederlande zwischen 92 und 2004 um Weltklasse-Spieler wie Edwin van der Sar, Dennis Bergkamp, Jaap Stam, Phillip Cocu oder Edgar Davids. Mehrfach scheiterten sie überlegen, mehrfach im Elfmeterschießen. Doch ihr Scheitern war nicht nur Pechsache, sondern oft fehlte es den vielen Stars an der mannschaftlichen Funktionalität.

So zum Beispiel 1998, als sich Oranje im WM-Halbfinale gegen eine individuell eher limitierte brasilibra-nedanische Mannschaft ins Elfmeterschießen retten konnte und dort ausschied. Die Analyse der Partie zeigt nicht nur viel Potential und viel Potentialvergeudung bei den Niederländern sondern auch einen Vize-Weltmeister, der sich untypischer Weise und in unorthodoxer Art stark über seine Defensivarbeit definierte.

Brasiliens Kompaktheiten im 4-2-2-2

Die Brasilianer um Kapitän Dunga und Shootingstar Ronaldo spielten in einem System und einer Ausrichtung, die in Teilbereichen bereits äußerst modern war. Besonders das laufstarke Mittelfeld machte eine gute Figur. Die beiden Abräumer Dunga und Sampaio agierten in einem engen Block mit den beiden Zehnern. Das, was Roger Schmidt heutzutage bei seinem 4-2-2-2-System immer wieder unterstreichen muss, wird bei der 98er-Selecao mehr als deutlich: Die äußeren Mittelfeldspieler waren keine Flügelspieler, es waren Zehner. Nicht nur weil einer von ihnen Rivaldo hieß, sondern weil sie sich fast permanent in den Halbräumen oder noch zentraler aufhielten und nur dann auf den Flügel schoben, wenn sie dort zum Pressing gezwungen waren.

Das kompakte Mittelfeld wurde immer wieder vom äußerst lauf- und pressingstarken Stürmer Bebeto unterstützt. Er leitete nach vorne gute Gegenpressingsituationen an und eroberte mehrfach Bälle im Rückwärtspressing, wenn der Gegner durch die Kompaktheit zu seitlichen Pässen gezwungen wurde. Auch die Außenverteidiger machten extrem lange und viele Wege und schlossen bei Bedarf die Räume neben dem Mittelfeld-Block.

Brasiliens Grundkompaktheit im Mittelfeld drängt die Niederlande nach außen. Cocu in seiner einrückenden Rolle.

Brasiliens Grundkompaktheit im Mittelfeld drängt die Niederlande nach außen. Cocu in seiner einrückenden Rolle.

In dieser Systematik versuchten die Brasilianer immer wieder, mit vielen Spielern in Ballnähe zu kommen. Die Abwehrreihe verschob allerdings nicht richtig mit und Ronaldo beteiligte sich nur sporadisch. Außerdem fehlte eben noch etwas die Athletik, die man von modernen Teams kennt. So mussten die Brasilianer in ihrer Ballorientierung viel improvisieren. Sie gingen immer wieder kurzzeitige Manndeckungen ein und Dunga stopfte Löcher in alle Richtungen. Aber die Gesamtausrichtung war äußerst unangenehm zu bespielen, da die offenen Räume um den Mittelfeldblock herum immer wieder flexibel und intensiv aus mehreren Richtungen zugelaufen wurde.

Die brasilianische Viererkette nicht ganz so kompakt: Zwei rücken zum manndecken heraus, die anderen beiden bleiben stehen. Cocu erkennt das entstehende Loch und schickt Kluivert. Dunga ist aber voll die Maschine und sichert als linker Sechser bis zum rechten Flügel durch. Zwischendurch reiht er sich noch als Innenverteidiger ein.

In Ballnähe ist Brasilien kompakt. Die Viererkette ist nicht so kompakt: Zwei rücken zum manndecken heraus, die anderen beiden bleiben (ebenfalls mannorientiert) stehen. Cocu erkennt das entstehende Loch und schickt Kluivert. Dunga ist aber voll die Maschine und sichert als linker Sechser bis zum rechten Flügel durch. Zwischendurch reiht er sich noch als Innenverteidiger ein.

Carlos Dunga. Über den macht Kollege TR sicher auch mal einen Artikel. Für das niedrige Niveau seiner Vereine und seinen unterstützenden Spielertyp ein immens hoher Peak-Goal-Impact.

Carlos Dunga. Über den macht Kollege TR sicher auch mal einen Artikel. Für das niedrige Niveau seiner Vereine und seinen unterstützenden Spielertyp ein immens hoher Peak-Goal-Impact.

Spielstarke Niederländer mit schlechter Struktur

Gegenpressing-Szene von Brasilien. Bebeto macht einen starken Lauf, durch das 4-2-2-2 ist Brasilien massiv auf die Seite geschoben. Aber van der Sar marschiert einfach seitlich aus dem Strafraum und die Niederlande spielt sich raus. Am Ende fängt Dunga Bergkamp im Doppeln ab.

Gegenpressing-Szene von Brasilien. Bebeto macht einen starken Lauf, durch das 4-2-2-2 ist Brasilien massiv auf die Seite geschoben. Aber van der Sar marschiert einfach seitlich aus dem Strafraum und die Niederlande spielt sich raus. Am Ende fängt Dunga Bergkamp im Doppeln ab.

Trotz der brasilianischen Pressingbemühungen dominierten die Niederländer das Spiel gegen den (zum Zeitpunkt) vierfachen Weltmeister. Die zweite goldene Generation des niederländischen Fußballs hatte drei Jahre zuvor in beeindruckender Manier die Champions League gewonnen und folgte stilistisch den Idealen des Cruyff’schen Voetbal Total. Die Mannschaft hatte das Selbstverständnis und die individuelle Klasse, um auch Partien auf höchstem Niveau spielerisch zu kontrollieren.

Die taktische Anlage, um das stabil und erfolgsversprechend zu tun, hatte die Mannschaft hingegen nicht. Kapitän Frank de Boer – einer dieser spielmachenden Innenverteidiger – und Stam – einer dieser spielerisch unterschätzten Brocken – zeigten eine kluge Spieleröffnung, bei Bedarf unterstützt vom äußerst modernen Keeper van der Sar. Auch Spielmacher Wim Jonk bewegte sich recht geschickt vor den beiden und Davids war mit seiner überragenden Athletik und sehr guter Orientierung ziemlich pressingreistent.

Die Rollenverteilung in der niederländischen Mannschaft war jedoch eine kleine Katastrophe. Bergkamp und Kluivert kamen bis in die Endphase kein bisschen ins Spiel, da sie als Doppelspitze viel zu wenig Abstimmung und Bewegung einbrachten. Beide schwammen wechselnd durch den Zwischenlinienraum, wo sie Dunga aber gut kontrollieren konnte. Dabei hielten sie sich fast immer nebeneinander gestaffelt. Das war eine Katastrophe, weil die brasilianischen Innenverteidiger sich sehr mannorientiert verhielten – und die Außenverteidiger ebenfalls. So entstanden immer wieder Löcher hinter den Außenverteidigern, die zu selten angelaufen wurden, und es entstanden keine Löcher – oder Überladungen – dadurch, dass die Stürmer durch kreuzende Bewegungen (bzw. vertikale oder asymmetrische Staffelung) die Mannorientierungen unter Druck setzten.

Die Problematik bei den Niederlanden: die offenen Verbindungsräume werden nicht angelaufen, weil es zwischen den Stürmern und den Sechsern keine Aufgabenverteilung gibt, sondern alle vier Spieler ohne Verbindungen den zentralen Streifen besetzen.

Die Problematik bei den Niederlanden: die offenen Verbindungsräume werden nicht angelaufen, weil es zwischen den Stürmern und den Sechsern keine Aufgabenverteilung gibt, sondern alle vier Spieler ohne Verbindungen den zentralen Streifen besetzen.

Diese Problematik ging Hand in Hand mit den simplen Rollen der Flügelstürmer. Zenden war ohnehin ein ganz klassischer Flügelspieler, der die Linie bearbeitete und vornehmlich ungezielte Flanken brachte. Ronald de Boer zeigte sich in der Partie als passstärkster Akteur auf dem Feld, spielte aber fast nur an der rechten Seitenlinie. Von dort agierte er zwar kreativ, aber seine Präsenz fehlte im Zentrum. Zudem spielte Reiziger sehr laufstark und offensiv, was durch de Boers breite Position aber wirkungslos war. Er wurde im ersten Durchgang fast gar nicht eingebunden, sodass der Niederlande quasi ein Offensivspieler fehlte.

So hatten die Niederländer die üblichen Verbindungs-, Synergie- und Kombinationsmängel, die ein „echtes“ 4-4-2 so gut wie immer mit sich bringt. Sie kamen vorerst nur selten hinter Dunga. Wenn doch, waren das vereinzelte Szenen, in denen sich einer der Stürmer weiter aus der Position fallen ließ, Ronald de Boer doch einmal einrückte oder Cocu seine interessante Rolle einbrachte: Der äußerst komplette, polyvalente Routinier nutzte die enge Rolle von Leonardo und die Mannorientierung auf Zenden, um in den linken Halbraum aufzurücken. So gab es häufig das Muster, dass die Niederlande über halbrechts aufbaute, Leonardo und die Doppelsechs dort hin zog und dann auf Cocu nach halblinks verlagerte. Das genügte aber mangels Verbindungen nicht für nennenswerte Chancen.

Ganz interessante Szene: Zum einen hat Oranje zum Beginn eine Dreierkette mit dem Rechtsverteidiger tief und dem Linksverteidiger als Sechser. Anschließend gehen beide nach außen. Zum anderen sieht man erneut wie die zentralen Spieler einigermaßen unbeweglich sind. Jemand könnte in den Raum vor Cocu oder hinter Carlos ausweichen. Stattdessen das übliche Muster mit der Verlagerung auf Carlos. Hierbei aber schlechte Orientierung von Jonk, der sich staksig bewegt und Bebeto nicht sieht, stattdessen den Pass blind aus seinem Sichtfeld herausspielt. Bebeto fängt den Ball ab, Konter. Bemerkenswert erneut die Horizontalkompaktheit im brasilianischen Mittelfeld.

Ganz interessante Szene: Zum einen hat Oranje zum Beginn eine Dreierkette mit dem Rechtsverteidiger tief und dem Linksverteidiger als Sechser. Anschließend gehen beide nach außen. Zum anderen sieht man erneut wie die zentralen Spieler einigermaßen unbeweglich sind. Jemand könnte in den Raum vor Cocu oder hinter Carlos ausweichen. Dann hätte de Boers seltenes Einrücken potentiell immense Wirkung. Stattdessen das übliche Muster mit der Verlagerung von halbrechts auf Cocu halblinks. Hierbei aber schlechte Orientierung von Jonk, der sich staksig bewegt und Bebeto nicht sieht, stattdessen den Pass blind aus seinem Sichtfeld herausspielt. Bebeto fängt den Ball ab, Konter. Bemerkenswert erneut die Horizontalkompaktheit im brasilianischen Mittelfeld.

Cocu konnte allein in diesem Spiel demonstrieren, was für ein außergewöhnlicher Spieler er war. Er bewegte sich mit einer herausragenden Souveränität sehr flexibel durch die Positionen und war in puncto Entscheidungsfindung klar der reifste Spieler auf dem Platz. Eine Aura der Komplettheit umgab ihn.

Cocu konnte allein in diesem Spiel demonstrieren, was für ein außergewöhnlicher Spieler er war. Er bewegte sich mit einer herausragenden Souveränität sehr flexibel durch die Positionen und war in puncto Entscheidungsfindung klar der reifste Spieler auf dem Platz. Eine Aura der Komplettheit umgab ihn.

Oranje manndeckt 6-2-2-artig

Auch gegen den Ball waren die Niederlande taktisch eher schwach – aber die Ausrichtung passte zumindest gut gegen die Brasilianer. Kluivert und Bergkamp machten wenig Druck im Pressing, was beide in ihren Vereinen durchaus auch anders zu spielen wussten. Zumindest positionierten sie sich einigermaßen tief, sodass sie meist zumindest einen oder beide Sechser abdeckten.

Dahinter gab es klare Mannorientierungen auf allen Positionen, die aber bei Bedarf etwas justiert wurden. Die Flügelspieler gingen die Bewegungen der sehr aggressiven brasilianischen Außenverteidiger mit. Ronald de Boer übergab den stürmischen Roberto Carlos aber gelegentlich an Reiziger, was auf links teilweise zu Problemen führte. Zudem schob Sampaio manchmal etwas in diesen Raum nach, sodass Jonk Zuordnungsprobleme mit Rivaldo bekam.

Bei einem Freistoß kann man mustergültig die niederländische Grundorientierung beobachten. In Ballnähe wird dann enger manngedeckt.

Bei einem Freistoß kann man mustergültig die niederländische Grundorientierung beobachten. In Ballnähe wird dann enger manngedeckt. Man erkennt auch, warum Brasilien trotzdem nicht schafft, im Zentrum Überzahl zu erzeugen.

Um die Doppelsechs herum gab es wegen der breiten Flügelspieler immer wieder große Räume, die für dynamische Dribblings nutzbar waren. Allerdings hatte Brasilien wenige Spieler, die in diese Räume reingehen konnten. Die niederländischen Innenverteidiger rückten gegen die umtriebigen Bebeto und Ronaldo immer wieder weit heraus. Das passte und funktionierte gut, weil die Außenverteidiger – vor allem Cocu – oft nicht beschäftigt waren und aus einer guten Horizontalkompaktheit heraus dann eine klare Dreierkette bilden konnten.

Für die Stabilität der Niederländer war Davids ein Schlüsselfaktor. Er war der Spieler auf dem Platz, dessen Athletik am ehesten an moderne Spitzenspieler erinnert. Auch sein Umblickverhalten war den meisten anderen überlegen - schlichtweg ein handwerklich sehr guter Fußballer, wie es ihn zu dieser Zeit kaum gab.

Für die Stabilität der Niederländer war Davids ein Schlüsselfaktor. Er war der Spieler auf dem Platz, dessen Athletik am ehesten an moderne Spitzenspieler erinnert. Auch sein Umblickverhalten war den meisten anderen überlegen – schlichtweg ein handwerklich sehr guter Fußballer, wie es ihn zu dieser Zeit kaum gab.

Unkreative Brasilianer

Dribblingaktionen hätten die holländische Defensivorganisation stark beschädigen können. Das passierte aus mehreren Gründen nicht. Zum einen hatten die Brasilianer schlicht keine besonders dribbelstarke Elf. Beide Sechser waren in dieser Hinsicht limitiert. Leonardo und Bebeto waren zwar gute Techniker, aber hatten nicht die Athletik, um sich konstant gegen Manndeckungen von Spielern wie Stam oder Davids durchzusetzen.

Auch Rivaldo war in dieser Hinsicht sehr enttäuschend. Generell bestand seine berüchtigte Kreativität eher aus plötzlichen, durchschlagskräftigen Technik-Aktionen in Strafraumnähe; als Raumüberbrücker und Stratege im Mittelfelddrittel fehlte ihm die Konstanz, Dynamik und teilweise auch Sauberkeit und Timing. Insofern war seine Einbindung hier etwas fragwürdig, auch wenn er letztlich mit einem schönen Diagonalpass aus dem Halbraum das Führungstor vorbereitete.

Dieses Tor erzielte Ronaldo, der bis dahin wenig Präsenz hatte. Das lag zum einen daran, dass er zu wenig Bälle bekam und sich selber auch nicht viel bewegte. Zum anderen lag das daran, dass die Niederländer ihn schlichtweg immer sofort foulten, sobald sie in seine Nähe kamen. Mein Erinnerungsprotokoll verzeichnet im ersten Durchgang sieben Aktionen, fünf davon wurden sofort mit Fouls unterbrochen. Keine harten Fouls, sondern einfach kleine Eingriffe in die Laufbewegung, die ihn zu Fall brachten. Football-Lineups zählt in der Partie ganze 24 Fouls der Niederländer gegenüber 10 auf brasilianischer Seite.

Dennoch kamen die Brasilianer auch einfach zu selten kontrolliert in die hohen Räume. Der Spielaufbau war nicht gut. Dunga versuchte zwar das ganze zu strukturieren und kippte dafür auch geschickt ab, doch Sampaio war bei weitem kein Spielmacher und auch die Innenverteidiger waren in dieser Kategorie schwächer als ihre Gegenüber. Gerade Aldair bolzte seine langen Bälle des häufigeren ins Nichts.

So funktionierte die brasilianische Offensive tatsächlich mehr über Bewegung als über Technik. Bebeto unternahm immer wieder die ausweichenden Läufe, die den Niederländern fehlten, und tauchte praktisch überall auf. Auch Leonardo bewegte sich geschickt verbindend durch das offensive Mittelfeld. So entstanden oftmals gute, kombinativ nutzbare Strukturen, die aber zu selten mit dem Ball ausgespielt wurden.

Ein wesentliches Element waren stattdessen die berüchtigten Vorstöße von Roberto Carlos. Das Kraftpaket von Real Madrid überrannte Ronald de Boer und manchmal Reiziger gleich mit. Teilweise wurde er schon zu viel gesucht, sodass lange Bälle überfrüht gespielt wurden. Einige Male kam er jedoch an der Strafraumseite zum Zug und brachte ein paar sehr scharfe und unangenehm platzierte Flanken vor das Tor.

Ausgleich per 3-2-4-1 in einer klassischen Endphase

Direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit erzielte Brasilien die Führung. Aldair dachte sich, dass er ja mal Fußball spiele könne, dribbelte über links an, sodass nach Pass auf Carlos und einer Rückgabe in den Halbraum Rivaldo etwas Zeit am Ball bekam. Halbrechts bewegte sich Ronaldo zwischen Cocu und de Boer. Der Kapitän wollte wohl auf Abseits spielen oder drehte nur kurz durch, rannte fünf Meter nach vorne, Ronaldo ging in den Raum, Rivaldo brachte den Ball, Ronaldo schob ihn van der Sar durch die Hosenträger.

Zunächst lief das Spiel weiter wie gehabt mit wenigen Torchancen auf beiden Seiten. Allerdings wurden die niederländischen Ballbesitzphasen noch länger und Brasilien fiel mehr zurück, verteidigte noch dauerhafter und etwas tiefer in der eigenen Hälfte. Dabei beteiligte sich jetzt auch zunehmend Ronaldo und zwar sehr geschickt: Er ließ sich halbrechts zurückfallen und blockierte damit den Aufrückraum für Cocu.

Das Spiel in der Endphase der regulären Spielzeit.

Das Spiel in der Endphase der regulären Spielzeit.

Nicht nur deshalb war Guus Hiddinks Wechsel in der 75. Minute logisch: Er löste die Linksverteidiger-Position auf, schob Cocu vor und brachte mit van Hooijdonk einen wuchtigen Mittelstürmer für Zenden. In der Folge ließen sich Kluivert und vor allem Bergkamp verstärkt ins Mittelfeld zurückfallen. Zudem spielte nun Aron Winter – seines Zeichens eher ein Achter – für Reiziger. Winter rückte vereinzelt wie Cocu durch den Halbraum vorwärts, sodass Ronald de Boers breite Position effektiver wurde.

Mario Zagallo hatte indes Denilson für Bebeto gebracht, diesen auf die linke Seite gestellt und Rivaldo in den Sturm – oder auf die Zehn – nach vorne gezogen. Rivaldo und Ronaldo konnten sich in dieser Konstellation und aus der tiefen Verteidigung heraus besser einbringen und fuhren einige hochgefährliche Konter. Ronaldo lief zwei Mal auf van der Sar zu, ein Mal schob er mit Davids an den Hacken am Tor vorbei, ein Mal kam der Torwart gerade noch an den Ball.

So waren es dann doch die Niederländer, die von den beidseitig sinnvollen Wechseln profitierten. Brasilien musste gegen Bergkamp und Co. immer enger und zentraler verteidigen. Gleichzeitig bekam die Abwehr mit dem zusätzlichen Mittelstürmer große Zuordnungsprobleme. Beim Ausgleichstor konnte deshalb Ronald de Boer völlig ungestört flanken und Baiano ließ Kluivert ungestört einköpfen.

Entscheidend beim Tor ist wiederum Cocu. Voraus ging ein langer Ball von Frank de Boer auf Kluivert. Cocu erkennt früh den Kampf um den zweiten Ball, erreicht dann knapp vor Dunga den Abpraller und kann ihn im Grätschen auf Vorlagengeber Ronald de Boer verlagern.

Entscheidend beim Tor ist wiederum Cocu. Voraus ging ein langer Ball von Frank de Boer auf Kluivert. Cocu erkennt früh den Kampf um den zweiten Ball, erreicht dann knapp vor Dunga den Abpraller und kann ihn im Grätschen auf Vorlagengeber Ronald de Boer verlagern. Der ist frei, weil Roberto Carlos von van Hooijdonk gebunden wird.

Ein großer Fehler der Brasilianer war in dieser Phase auch, dass sie kaum mehr für Entlastung im Spielaufbau sorgten. Mehrere Abstöße und Aufbausituationen endeten mit langen Bällen direkt ins Seitenaus. So leicht Präsenz und Zeit herzuschenken ist ein typisches Problem von Defensivmannschaften in Endphasen.

Verlängerung mit instabilen Niederländern

Die Systeme ab der 91. Minute.

Die Systeme ab der 91. Minute.

Angesichts der gefährlichen brasilianischen Konter ist es wohl als recht kurios zu bewerten, dass Hiddink seine Mannschaft nun unverändert in die Verlängerung schickte. Den nicht besonders schnellen Frank de Boer ohne Linksverteidiger gegen den vielleicht durchschlagskräftigsten Stürmer der Fußballgeschichte antreten lassen – kann man mal machen. Aber eigentlich nicht.

Ronaldo konnte dementsprechend noch einmal aufblühen. In den ersten Minute konnte er einen Abpraller per Fallrückzieher auf’s Tor bringen, der gerade noch von Frank de Boer von der Linie geköpft wurde, und anschließend nach einem Dribbling noch einen starken Distanzschuss platzieren, den van der Sar aus der Ecke holte.

Oranje blieb indes natürlich auch weiterhin spielstark und wurde vereinzelt auch gefährlich. Die Brasilianer rückten nun auch wieder mit mehr Spielern in die Angriffe; mehrere Angriffe liefen über links mit Kombinationen von Denilson, Carlos und Rivaldo. Wenn die Südamerikaner dabei hängen blieben konnten die Niederländer auch gefährlich kontern. Ansonsten kombinierten sie nun teilweise auch lockerer.

Alles in allem stabilisierte sich Brasilien aber etwas, da die ganze Formation etwas zur linken Seite hing, wo die Niederländer durch ihre Umstellungen ja effektiv einen zusätzlichen Spieler hatten und vermehrt angriffen. Dunga bewegte sich nun auch primär auf halblinks und orientierte sich viel an Bergkamp. Dadurch wurde Oranje oft auf die Seite von Ronald de Boer gelenkt und dort dann sehr dicht zugeschoben.

Fazit

Die Brasilianer gewannen das Elfmeterschießen 4:2, weil Ronald de Boer und Philip Cocu an Taffarel scheiterten. Es war ein Sieg der Stabilität und der Lokalkompaktheiten gegen eine Mannschaft, deren große spielerische Klasse 75 Minuten lang ein bisschen zu sehr am eigenen 4-4-2 zerschellte. Es war ein Dunga-Sieg. Gegen die taktisch starken Franzosen in ihrem 4-3-2-1 um Zinedine Zidane reichte das dann nicht mehr. Die Niederlande scheiterten zum zweiten Mal in Folge bei einem großen Turnier im Elfmeterschießen, ein drittes Mal sollte 2000 gegen Italien folgen – das war übrigens ein taktisch noch deutlich stärkeres Spiel. Dieses hier war eines mit viel Licht und Schatten.

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