Neue Ballbesitzstruktur beim DFB-Team

Bundestrainer Hansi Flick forciert den Dreieraufbau durch asymmetrische Außenverteidiger und darf sich über viele gute Punkte freuen.

Mit drei Siegen ohne Gegentor und mit schließlich zwei überzeugenden Siegen gegen Island und vor allem Armenien fällt die erste Bilanz zum Start von Hansi Flick als neuem Bundestrainer freundlich aus. In den ersten Einheiten, zwischen vielen Reisen, war für Flick noch nicht allzu viel Arbeit mit dem Team möglich. Für größere Schlüsse zu qualitativer Umsetzung ist es zu früh. Wie gut die enorme Intensität und Aktivität, die Flick während seiner Zeit beim FC Bayern entwickelte, auch in die Nationalmannschaft eingebracht werden können, wird erst über längere Zeiträume die interessante Hauptfrage sein. Ob die zyklischen Zusammentreffen eines Auswahlteams mit oft nur kurzen Trainingszeiten einen förderlichen oder einen hinderlichen Faktor dafür darstellen, ist gar nicht leicht zu diskutieren.

Hofmann rückt auf: Grundstruktur mit Dreieraufbau

Asymmetrischer Dreieraufbau

Zunächst entscheidender und aufschlussreicher waren für diese erste Länderspielphase unter Flick der generelle strukturelle Ansatz und die Personalwahl, mit möglichen Fingerzeigen. Statt verschiedener Experimente oder Tests hatte sich der Trainer systematisch ein klar entworfenes Konstrukt zurechtgelegt, das spielübergreifend zum Einsatz kam. Bei Ballbesitz wurde aus der nominellen Vierer- eine Dreierkette, indem der Rechtsverteidiger zumeist früh hoch schob. Links blieb Thilo Kehrer dann tiefer und spielte seinen Part fast beidfüßig. Angesichts der eher defensiv ausgerichteten Gegner liegt auf dem Ballbesitz der Schwerpunkt dieses Artikels.

Dass ein Dreieraufbau durch solch asymmetrische Außenverteidiger hergestellt wird, sieht man in jüngster Zeit immer häufiger und selbstverständlicher, mit Europameister Italien als prominentem Beispiel. Für den Posten des aufrückenden Akteurs auf rechts überraschte Flick zur zweiten Partie mit dem Gladbacher Jonas Hofmann, einem vor allem in vielerlei Hinsicht sehr sauberen Spieler. Dementsprechend wurde die Hybridrolle mit einer Portion Zuverlässigkeit und Konstanz versehen. Für die wenigen Phasen in der Arbeit gegen den Ball zehrte Hofmann zudem von seiner balancierten Orientierung als Pressingspieler. Er kam auch in der Kette ordentlich zurecht, zumal das flexible Anlaufen des deutschen Teams aus einem eher engen 4-2-3-1 ohnehin manche Vorrückbewegungen aus dieser heraus erforderte.

Gegenüber einem abkippenden Sechser hat dies den (…) Vorteil, dass die Struktur (…) leichter hergestellt werden kann. (…) Der für den Dreieraufbau vorgesehene Außenverteidiger (…) kann sich zunächst einfach sehr flach positionieren, wodurch eine verschobene erste Aufbaulinie entsteht, welche sich dann im Zuge der Zirkulation zentraler positionieren kann. Der Wechsel zwischen Dreier- und Viereraufbau kann so schneller erfolgen und die Asymmetrie vermehrt für Zuordnungsprobleme beim Gegner sorgen.

Alex Belinger (AB) in unserem EM-Heft zur aktuellen Popularität des asymmetrischen Dreieraufbaus im Weltfußball

Wenn Hofmann bei Ballbesitz aufrückte, hatte das DFB-Team in der Offensive typischerweise eine Grundstaffelung mit Serge Gnabry im rechten Halbraum und Leroy Sané breiter auf links. Zwischendurch gab es kleinere Varianten: Die Höhe der Außenverteidiger wurde gelegentlich angepasst, insbesondere gegen Island, und manchmal ging der Rechtsverteidiger vermehrt selbst in den Halbraum anstelle von Gnabry. Teilweise hielt sich die Offensive noch zu sehr in einer flachen Fünferstaffelung, in der die einzelnen Akteure vertikal nicht versetzt genug zueinander standen. Die genaue (speziell horizontale) Aufteilung zwischen den zwei bis drei Spielern in der ersten Linie wechselte ebenfalls – wenn auch noch nicht immer sauber umgesetzt – und die Anordnung der Sechser darum herum gestaltete sich flexibel.

Viele gute Ansätze, beispielhaft gegen Armenien

Die zweite Partie gegen Armenien war unter den drei Begegnungen das spielstärkste Highlight. Das deutsche Team hatte viel Bewegung in der Offensivabteilung und brachte oftmals gute Präsenz in die Kreativräume. Einer der wichtigsten Faktoren in dieser Begegnung waren die Abstände zu den Mit- und Gegenspielern auch bei eigenem Ballbesitz, ein allgemein immer wichtiger werdendes Thema. Das betrifft die Details der Positionsfindung, also jenseits der grundlegenden Raumwahl auch die genaue Positionierung innerhalb eines jeweiligen Raumes.

Zwischen den verschiedenen Referenzpunkten geht es darum, die günstigsten Distanzen zu eben diesen Referenzpunkten zu haben und sie auf jede Dynamik der Spielsituation hin wieder anzupassen bei Bedarf. Die deutschen Spieler fanden gegen Armenien ein sehr gutes Gespür, wie weit sie beispielsweise an Gegenspieler heranrücken sollten, bevor sie einen Pass in einen Zwischenraum spielten. Die Besetzung hinter der Mittelfeldlinie des gegnerischen 4-4-2 war durch die eigene Offensivstruktur asymmetrisch aus dem nominellen 4-2-3-1 heraus ohnehin erst einmal im Grundsatz gegeben.

Auf Pass in den Zwischenlinienraum hin: Mittelstürmer oder Zehner kommen dazu

Auf Pässe in den Zwischenlinienraum hin folgte dann fast immer eine ergänzende Bewegung zumindest eines weiteren Spielers, also als dritter Mann, wenn auch noch nicht übergreifender von noch mehr Positionen. Vor allem für die Einbindung von Gnabry im rechten Halbraum unterstützen und lauerten gegen Armenien sehr oft Timo Werner und Marco Reus auf Anschlussaktionen. Beiden liegt eine solch kleinräumige Pärchen- und First-Touch-Einbindung, einerseits in ergänzender Rolle und andererseits nach schnellen vertikalen Beschleunigungsmomenten. Insgesamt stand so eine erste solide Basis für die Spielfortsetzung von Vorwärtsaktionen, oft über Steil-Klatsch und vergleichbare Muster. Bis zu einem abgestimmten Gesamtpaket wird es dann noch mehr als der nur kurzen Vorbereitungszeit vor den ersten drei Partien bedürfen. Rein systematisch war es für diese Auftritte förderlich, dass die zahlreichen Bayern-Spieler mit Kernpunkten von Flicks Arbeits- und Spielweise noch gut vertraut sind.

Kleinere Schwierigkeiten, am Beispiel der Partie gegen Island

Zumindest nach der ersten Halbzeit des Island-Spiels schien der neue Bundestrainer mit dem Auftritt seiner Mannschaft nicht ganz zufrieden. Es kamen einige Komponenten zusammen, die in den ersten 45 Minuten der dritten Begegnung weniger gut funktionierten. Im Vergleich mit der Partie gegen Armenien war unter anderem die Entscheidungsfindung in der Offensive ein größeres Thema. Dort neigte die Mannschaft dazu, zu ungeduldig den Weg nach vorne und vermehrt frühzeitige unnötige vertikale Aktionen zu suchen, statt auf die Ballsicherung und -zirkulation zu gehen. Zwischenzeitlich bildete sich vermehrt ein Hin und Her heraus.

Eine ähnliche Konstellation gab es im Aufrückverhalten, das mitunter von jenem Hang zur Vertikalität erfasst zu werden drohte. Hinzu kam zudem eine strukturelle Bedingung: Joshua Kimmich, auf der Doppel-Sechs neben Leon Goretzka, schien gegen Island eine noch stärker vertikale Einbindung zu erhalten und noch zu mehr Vorwärtsbewegung berechtigt zu sein, als es sich gegen Armenien angedeutet hatte. Goretzka dosierte seine starken Vorstöße und Rochaden diagonal in den linken Halbraum, den er in der Partie zuvor entweder bei besonders breiten oder bei besonders engen Positionierungen Sanés angelaufen bzw. besetzt hatte. Eventuell stand das im Kontext der Aufstellung Ilkay Gündogans als nominellem Zehner. Dieser diente zwar vorwiegend als ballsichere Anspielstation im Zwischenlinienraum, ermöglichte aber zumindest situative Rochaden mit Goretzka oder Kimmich.

Situativ wich Goretzka im Aufbau sehr frühzeitig und sehr tief zurück, um anzukurbeln, positionierte sich dabei anpassungsfähig. Bei höheren Positionen Kimmichs hielt er aber die Verbindungen von der ersten Linie nach vorne bzw. um diese herum nicht immer so sauber und den Sechserraum nicht immer so zuverlässig. Zwischenzeitlich gab es einige Szenen, in denen beide Sechser sehr weit aufgerückt standen. Grundsätzlich war das zunächst kein Problem, da es sich um genau die Momente handelte, in denen gleichzeitig das Kollektiv enorm hoch agierte und selbst die Innenverteidiger über zehn Meter in der gegnerischen Hälfte. Doch sobald es in der anschließenden Linie davor kaum mehr eine Tiefenstaffelung gab und die zentralen Mittelfeldakteure teilweise auch horizontal etwas zu weit auseinander drifteten, ergab sich eine suboptimale Konstellation.

Fazit

Für das erste Zusammentreffen unter dem neuen Bundestrainer war der spielerische Stand, auf dem sich sein Team präsentierte, sehr respektabel. Es gab eine klare Grundstruktur mit interessanter Asymmetrie, wenngleich noch einige Feinheiten fehlten, und vor allem einer bereits guten Präsenz zum Zwischenlinienraum hin. Die Basis, auch personeller Natur, ist vorhanden – bei diesem Schluss muss man es derzeit zunächst einmal belassen.

Koom 18. März 2022 um 13:09

Stach und Weigl im Aufgebot der Nationalmannschaft. Flick hat wohl offenbar die Bedeutung und Wichtigkeit eines „richtigen“ Sechsers erkannt und probiert aus, was die beiden so können. Weigl war unter Tuchel auf dem Weg zur Weltklasse auf der Sechser-Position und IMO damals erheblich eindrucksvoller als der gelobte (aber auch einfach sehr andere und offensivere) Kimmich. Stach ist auch kein reiner Grätscher auf der Sechser-Position, treibt auch viel nach vorne an.

Man darf gespannt sein.

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tobit 18. März 2022 um 14:37

Wurde aber auch Zeit, dass Weigl mal wieder nominiert wird.
Weigl vs Kimmich ist halt irgendwie immer ein komischer Vergleich gewesen, weil sie so verschieden sind. Weigl tut eine Sache auf absolutem Weltklasse-Level (fast schon oberhalb davon), Kimmich sehr sehr viele auf etwas niedrigerem Niveau und vereint sie auf einzigartige Weise.
Zu Tuchels Zeit war Weigl schon der weit mehr gelobte Spieler, auch weil er viel mehr Spielzeit hatte. Kimmich war damals auch beeindruckend, weil Pep ihn einfach überall gebracht hat und er nirgends nicht bundesligatauglich aussah. Aber sein wirklicher Aufstieg begann erst mit Weigls Schwierigkeiten unter den verschiedenen Tuchel-Nachfolgern. Und ins Mittelfeld wechselte er 2019 erst kurz bevor Weigl die Bundesliga verließ.

Stach ist bei mir bisher komplett unterm Radar geblieben, kannst du den etwas genauer beschreiben?

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WVQ 18. März 2022 um 14:59

Tatsächlich eine freudige Nachricht. Stach kenne ich auch nicht einmal, aber bei Weigl kann man nur hoffen, daß er tatsächlich auch spielen wird und nicht nur im Training begutachtet werden soll. Wenn man jetzt mal von einer unveränderten Grundordnung ausgeht, wäre – gerade in Abwesenheit Goretzkas – eine „Doppelsechs“ Weigl-Kimmich überaus sinnvoll, um Kimmich die für ihn passenden/notwendigen Freiheiten im Zentrum zu gewähren und dasselbe trotzdem konsequent besetzt und kontrolliert zu halten. (Bliebe dann nur zu hoffen, daß nicht direkt wieder erwartet würde, er möge auch „mit vorne reingehen“… Was keineswegs trivial ist, denn insbesondere gegen Israel wird man nicht mit vier Mann absichern wollen.)

Hat eigentlich jemand Weigl in den letzten Jahren genauer verfolgen können? Bei Benfica spielt er ja aktuell auf einer eher flachen Doppelsechs und gerade im Achtelfinale hat man vornehmlich tief verteidigt, so daß er in die Aufbau-/Ballbesitz-Situationen, die für die Nationalmannschaft von besonderem Interesse wären, nur selten kam. Am weiterhin vorhandenen Talent braucht man wohl nicht zweifeln, aber er hat ja nun auch einige Jahre unter ganz anderen Trainern gespielt und zumindest international in ganz anders ausgerichteten Systemen als unter Tuchel in Dortmund. Irgendwelche Eindrücke, um seine aktuelle Spielweise/Form einzuschätzen?

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tobit 18. März 2022 um 15:09

Gesehen hab ich ihn auch nicht wirklich, aber er soll wohl etwas variabler in seinem Spiel geworden sein, geht auch Mal etwas mehr mit nach vorne und nutzt seine Passtechnik etwas angriffslustiger. Gegen den Ball ist er weiter sehr stabil, angesichts der sehr verschiedenen Nebenleute dürfte er sich auch die gute Balance zwischen giftigem Zugriff und absichernder Raumkontrolle bewahrt haben.

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rb 21. März 2022 um 11:50

Habe ihn auch nicht wirklich gesehen. Aber dass er letzte Saison von den Benfica-Fans zum Spieler der Saison gewählt wurde, habe ich wahrgenommen. Wenn ein nicht-offensiver Spieler, der eher über eine mannschaft-enablende als über eine selbstdarstellende Spielweise kommt, so eine Individual-Auszeichnung erhält, dann muss er schon eine richtig gute Saison gespielt haben.

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Taktik-Ignorant 27. März 2022 um 21:56

Gestern konnten wir ihn – und dann auch Stach – ja dann in der Nationalmannschaft bewundern. Ich war allerdings nicht sonderlich beeindruckt von Weigl. Allerdings hat das deutsche Spiel gegen den Ball insgesamt gut funktioniert, erst ab Mitte der zweiten Halbzeit hat Israel es ja überhaupt einmal geschafft, mehr als 3 Pässe hintereinander zu spielen, ohne den Ball einem Deutschen in die Füße oder ins Aus zu passen. Die Preisfrage: lag es am guten deutschen Pressing oder waren die Israelis einfach erstens schlecht und hatten zweitens noch eine schlechte Tagesform?

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Koom 28. März 2022 um 12:57

Immer schwer zu sagen. Ein Sechser kann ja nur glänzen, wenn er auch was zu tun bekommt. Israel ist da letztlich zu schwach und die Deutschen recht stark, wenn ihre Motivation und taktische Einstellung stimmt. Wenn er nicht negativ aufgefallen ist, ist es schon mal ein guter Anfang. Mal schauen, ob er auch gegen die Niederlande ran darf, das dürfte schon mehr Aussagekraft haben.

Generell war/ist Weigl keiner, der die spektakulären Dinge machte. Man kriegt von ihm keine Szenen wie sie bspw. Schlotterbeck mit seinem teils riskanten Spiel hatte, was mal hop oder top sein kann. Auch Stach mag es durchaus mal, schussgewaltig nach vorne zu gehen, das war zumindest früher nicht unbedingt Weigls Ding. Kann mir auch nicht vorstellen, dass das total anders geworden ist.

WVQ 29. März 2022 um 20:55

Habe nur die erste Halbzeit weitgehend verfolgt und fand Weigl umgehend genauso beeindruckend wie eh und je. Ein paar kleine Fehler waren natürlich drin, aber sein Raumgefühl (Freilaufen, Lückenschließen, Absichern, Balancieren), die Ball- und Paßsicherheit, die Gewichtung der Aggressivität, alles sofort auf sehr hohem Niveau. Hat auch sehr gut mit Gündogan harmoniert, teilweise spielte man fast in einer 1-1-Staffelung und Weigl war teils tiefer positioniert als die mehr und mehr mit angreifenden HV bzw. insbesondere Schlotterbeck, was Deutschland mit Kimmich/Goretzka oft fehlt. Defensivzweikämpfe auch mehr als ordentlich, und ein paar sehr feine Spielverlagerungen hatte er ebenfalls drin, die auch ordentlich Dynamik kreiert haben. In meinen Augen sofort ziemlich genau das, was Deutschland auf der Position bräuchte. Insbesondere wenn man bedenkt, daß es für Weigl das erste Spiel seit Jahren in der Nationalmannschaft war.

In einer Startelf wird er ohne Kimmich-Verletzung nie stehen (hat Flick anscheinend sogar so oder ähnlich gesagt, wenn ich es am Rande richtig mitbekommen habe), damit muß man leben, aber daß man Weigl bei der WM dabeihaben sollte, scheint mir nach der einen Halbzeit schon komplett klar.

(Daß er generell nicht arg viele Aktionen hatte, lag halt auch daran, daß Israel im 4-4-2 die deutsche Sechs zugemacht, die IV in Ruhe gelassen und dafür die Außenbahnen angeboten hat. Gab einige Szenen, in denen Weigl sogar trotzdem aussichtsreich anspielbar gewesen wäre und der IV sich nicht getraut oder es nicht gesehen hat, aber es ist natürlich klar, daß er dann nicht ständig den Ball am Fuß haben kann.)

Nun gut, jetzt mal schauen, was/wer gegen Holland so passiert.

Taktik-Ignorant 30. März 2022 um 09:56

Gegen die Niederlande haben wir weder Stach noch Weigl gesehen, sondern Gündogan und Musiala im zentralen Mittelfeld, die beide von den Medien überschwänglich gelobt wurden. Dabei fand ich das Spiel ziemlich zerfahren, die Holländer haben die Deutschen zu einigen Ballverlusten gezwungen, und das Spiel nach vorne stockte oft, vor allem über Kehrer auf der rechten Seite. Aber auch Sané traf m.E. einige falsche Entscheidungen. Nun weiß ich nicht, inwieweit ein Einsatz von Weigl da etwas verbessert hätte, ob man die holländische Offensive besser im Griff gehabt hätte (sie kamen ja immer wieder durch), aber Flick hat gegen den starken Gegner andere Lösungen bevorzugt. Er wird wohl wissen, warum.

Koom 30. März 2022 um 13:14

Die Krux ist allerdings auch, dass Flick eine Harakiri-Spielweise mag. Da ist jemand wie Weigl, der in seiner Spielweise absichernd/strukturierend agiert, natürlich niemand für ihn (was Quatsch ist: er wäre genau der, den er bräuchte). Das konnte man bei den Bayern zumindest recht gut beobachten (und eskalierte zusehends).

WVQ 30. März 2022 um 15:28

Ja, das Holland-Spiel hat sehr deutlich gezeigt, wie sich Flick das Auftreten gegen starke Gegner vorstellt: hinten festnageln und alle Offensivbemühungen zerpressen. (Hat er ja in den Interviews vor und nach dem Spiel auch mehrmals gesagt.) Ein Aufbauspiel oder eine Zirkulation ist nur vorgesehen, wenn vorübergehend wirklich nichts anderes geht, und das Ziel ist immer, den Ball schleunigst wieder in gefährliche Zonen zu bringen (definiert als: letzte Linie attackieren). Dann ist natürlich klar, warum Flick zwei offensiv orientierte Sechser bevorzugt: Er braucht sie einfach, weil man eine tiefe und kompakte Defensive nicht in Unterzahl knacken kann. (Das 1:0 fiel ja bezeichnenderweise, als Musiala bis zur Grundlinie durchstieß.)

Da sind natürlich durchaus gute Ansätze zu sehen, zugleich aber auch, daß man gegen starke Defensiven nur mit extrem präziser, schneller und koordinierter Ausführung erfolgreich sein wird. Oft scheiterte man bei vertikalen Durchbruchsversuchen (teils schon im Ansatz) an der technischen Ausführung, an unkoordinierten Laufwegen und an schlechten Entscheidungen (bspw. Dribbling in ein holländisches Viererknäuel hinein, wenn ein einfacher Steckpaß möglich gewesen wäre). Auch die Grundposition für derlei Aktionen war oft zu hoch, d.h. schon zu nahe am holländischen Defensivblock, so daß man gar nicht erst Dynamik aufbauen konnte und die Paßoptionen sehr schnell sehr flach wurden. Da ist zweifellos noch viel Raum für Verbesserungen und ich glaube auch gerne, daß die unter Flick mit mehr Training und Spielpraxis auch kommen werden, aber schon in diesem Spiel war es bezeichnend, daß der Ball am häufigsten dann doch wieder durch Flanken von links (halbwegs) aussichtsreich in den Strafraum kam, also im Gegenteil zum vorherigen da, wo Holland noch am wenigsten kompakt ist. Und im Zentrum sah das Potential zur Verwertung der Hereingaben dann wiederum ziemlich mau aus. Ob das als Angriffs-Repertoire für WM-Ambitionen hinreichend ist, möchte ich bezweifeln.

Weitgehend gefehlt hat ein Übergangsspiel vom Aufbau in den Angriff, eine Art stabiler Ballbesitz auf Höhe des Sechserraums. Der Versuch war fast immer (sei es über den Flügel oder durchs Zentrum), das Mittelfeld möglichst schnell zu überspielen und sich dann an der letzten Linie durchzusetzen – in meiner Wahrnehmung mehr noch als gegen die vorherigen kleineren Gegner. Das irritiert mich schon ein wenig. Die Devise schien mir zu lauten: Gegner stärker, also müssen wir noch schneller spielen und noch mehr Druck aufbauen, bei Ballverlust noch härter gegenpressen, dann paßt es wieder.

Daß man in der letzten halben Stunde immer mehr ins Schwimmen kam, scheint mir eine direkte Folge dieses Ansatzes zu sein. Ein konstruktives Herausspielen aus tiefer Position bei gegnerischem Pressing gelang fast gar nicht. Zwar verlor man den Ball im Aufbau kaum, aber schon der erste Paß ging meistens an einen Spieler, der keine aussichtsreiche Vororientierung hatte, teils dem eigenen Tor entgegenlief und Holland einfache Gelegenheit zum Ballerobern und direkten Gegenangriff gab. Und wenn nicht, nahm die Kontrolle mit jeder weiteren deutschen Paßstation nach vorne rapide ab. Somit dann das immer temporeichere Hin und Her, über das Deutschland immer weniger Kontrolle hatte. Flick scheint sich hier als Lösung vorzustellen, daß man diese risikoreichen Aufbauvarianten einfach rigoros durchzieht und gefährliche Konter draus macht. Das Problem sehe ich aber darin, daß hierfür einfach die Struktur fehlt und ebenso die generelle Ballsicherheit unter Gegnerdruck. Die Idee ist vielmehr, daß man mit sehr wenig Struktur auskommt, weil man es brutal vertikal (und brutal schnell) aufzieht; dann brauche man (wie in der ersten Halbzeit bei zurückhaltenden Holländern) nur vorne das Personal, hinten die Absicherung und dazwischen lediglich Leute, die den Ball schnell und gefährlich nach vorne treiben.

Bin ganz ehrlich nicht sicher, ob das gut gehen kann. Es ist sowieso keine Mannschaft der Welt in der Lage, 90 Minuten Belagerung, Pressing und Konter zu spielen, und Deutschland gehört nun trotz einiger Verbesserungen in diesen drei Bereichen auch noch lange nicht zur Weltelite. (Das hohe Pressing teilweise im 4-2-4 wurde in der zweiten Halbzeit von den Holländern bspw. mehrmals sehr einfach überspielt, weil… genau, im Zentrum kaum ein Deutscher mehr vorzufinden war.)

Was mir überdies noch nicht gefallen hat war, daß im Ballbesitz erneut nicht nur Raum auf links sehr früh sehr hoch schob, sondern Kehrer auf rechts fast genauso sehr. So ergab sich eine reichlich schiefe Grundordnung, weil sich die Offensivspieler alle sehr linkslastig orientierten. Kann man machen, wenn dann rechts außen Gnabry steht, der auch mal mit nur einem oder ganz ohne Mitspieler Dynamik erzeugen kann – aber mit Kehrer (wie auch mit jedem anderen AV außer Pseudo-AV Hofmann) geht das nicht. Vielmehr hätte Kehrer erneut die Rolle als HV/Sechser-Hybrid einnehmen können, die er zu Beginn unter Flick auf halblinks sehr gut gespielt hat, insbesondere, wenn der Sechserraum eh dünn bis gar nicht besetzt ist. Das hätte auch den deutschen Aufbau in die Breite gezogen und folglich das holländische Mittelfeld. Ich kann nur mutmaßen, daß man das nicht gemacht hat, weil mit Gnabry und Hofmann die beiden Spieler, die die einsame rechte Außenbahn vor Kehrer sinnvoll hätten besetzen können, gefehlt haben; aber de facto war es mit isoliertem Kehrer dann offensiv zahnlos und hinten spielte man teils schon wieder nur noch mit Zweier-Absicherung (+ ein bißchen Gündogan, der diesmal den „defensiveren“ Part der Doppelsechs einnahm, was aber bekanntlich auch nicht sein Steckenpferd ist).

Läuft alles auf das hinaus, was man unter Flick bei Bayern schon stets konstatiert hat und unter (Spät-)Löw in der Nationalmannschaft sowieso: ohne starkes defensives Zentrum, das auch sinnvoll ins Aufbauspiel eingebunden ist, fehlt ein essentielles strukturelles Element, wodurch die Mannschaft in vielerlei Hinsicht anfällig wird. Kann gutgehen und ganz toll aussehen, wenn man vorne genug Tore schießt, kann aber eben auch komplett in die Hose gehen. Und auch wenn ich weiterhin meine, daß Weigl exakt derjenige wäre, der allein aufgrund seiner Spielweise hier schon erhebliche Verbesserungen bringen würde (und auch zum Drumherum passen würde, weil sowohl die AV als auch der zweite Sechser dann viel mehr Risiko gehen könnten, ohne daß die Absicherung und auch die spielerische Anbindung komplett flöten ginge); aber das Grundproblem ist nicht das spezifische Personal, sondern daß man diese riskante und „löchrige“ Spielweise offenkundig für geeignet hält, um gegen jeden Gegner zu bestehen. Das kann man positiv gesehen als ambitioniert bezeichnen; mir fällt dabei allerdings schon wieder das Wort ein, das mir aus taktischer Sicht bereits die letzten Jahre der Löw-Ära im Kern zu treffen schien: Hybris.

Taktik-Ignorant 30. März 2022 um 17:35

@WVQ: Böse, aber nicht unzutreffend. Zu Beginn der Trainerzeit von Joachim Löw hielt sich der Trainerstab ja viel darauf zugute, die Verweilzeit des Balls am Fuß schrittweise auf letztlich unter 1 Sekunde gesenkt zu haben. Gestern war jeder deutsche Spieler gefühlt 5 Minuten am Ball, bevor ein Abspiel kam. Dann kann es natürlich nicht zu den schnellen Durchstößen kommen, die man in den ersten Spielen unter Flick noch häufiger beobachten konnte. Was auffällt, ist weiter die fehlende Eingespieltheit, die notwendig wäre, um dann, wenn man mit dem Ball vor dem gegnerischen Strafraum angelangt ist, nicht nur außen herum zu spielen, sondern manchmal eben auch scharf und flach oder hoch (Chipball) zentral hinter die gegnerische Kette bzw. zwischen zwei Verteidigern durchzuspielen (Dribbling ginge natürlich auch, aber dafür sind die Räume meist zu eng). Solche Szenen gab es gegen Holland (immerhin?) drei Mal, einmal der Chipball von Müller auf Sané in der Anfangsphase, dann der Pass von Werner auf Musiala vor dem 0:1 und schließlich der Pass auf Nmecha, der zur letzten deutschen Torchance 5 Minuten vor Schluss führte.

Ansonsten wurde der Ball entweder schnell und überhastet bzw. wegen ungenauer Zuspiele verloren, oder ein Spieler (besonders häufig Kehrer) lief mit dem Ball ratlos umher und suchte nach einer Abspielgelegenheit. Dabei gab es vor allem in der ersten Halbzeit genug Tiefenläufe von Werner und Havertz, auf die aber nie reagiert wurde. Auch ein schon länger zu beobachtendes Manko.

Die Hektik in der letzten halben Stunde war mehreren Faktoren geschuldet. Natürlich spielen die Auswechselungen eine Rolle (Löw wäre dafür zerrissen worden), aber eben auch der Umstand, dass sich das hochintensive Pressingspiel am gegnerischen Strafraum nicht über 90 Minuten durchziehen lässt und die Mittelfeld- und Angriffsspieler, die die unter starkem holländischem Druck gespielten Pässe aus der deutschen Abwehr hätten verarbeiten müssen, nicht mehr den Saft hatten, das ordentlich zu tun und dann durchdachte Gegenangriffe zu fahren. Das wurde erst in den letzten 5 Minuten wieder besser, als auch die Holländer ihrer Intensität Tribut zollen mussten.

Aber in der Gesamtschau ist das große Defizit tatsächlich das Mittelfeldspiel. Defensiv konnte die eigene Abwehr nicht entlastet werden, wenn es den Holländern gelang, das deutsche Pressing zu überspielen, und offensiv brachte es zu wenig Struktur in die Angriffe. So ist das riskante deutsche Spiel zwar sehr unterhaltsam, aber insgesamt steht die deutsche Mannschaft leistungsmäßig immer noch da, wo die Statistiken sie einordnen: Weltrangliste Platz 11, Achtelfinale bei der letzten EM. Mehr ist da nicht.

tobit 30. März 2022 um 19:49

@WVQ Zustimmung zu allem.

Ich hab noch nie kapiert, warum so viele Trainer ausgerechnet gegen die großen Gegner die ganze Statik des Teams umschmeißen wollen. Die ersten acht Spiele haben doch recht klar gezeigt, dass man in allen Phasen am besten ist, wenn man Kimmich oder einen ausgewiesen defensiven Sechser (Weigl, Stach hat ja mehr einen Goretzka-Backup gespielt) auf dem Platz hat.
Dann auch noch ausgerechnet DIE Achse (Blind/Frenkie/Memphis) quasi komplett offen zu lassen, war ein krasser Coaching-Fehler, der von den Niederländern nur nicht sofort bestraft wurde, weil sie die erste Halbzeit sehr flach und mit absurd viel Personal vor dem Block aufgebaut haben. Ich meine, Blind vor einer 4er-Reihe aus de Ligt, Koopmeiners, van Dijk und Frenkie ist cool (vor allem die Umformungen dafür), aber überbesetzt. So viel Respekt vor dem deutschen Pressing hatte die Welt glaube ich seit 2012 nicht mehr (das ist schonmal gut).
Zu Rüdigers Leistung will ich mich angesichts dieser Mammut-Aufgabe gar nicht groß äußern (bin da nicht neutral), aber sein letztes Ding gegen Memphis war für mich eine klare Tätlichkeit. War (ausnahmsweise mal) kein rohes Spiel, aber den Gegner abseits des Spielgeschehens einfach mal zu legen hat für mich nichts mehr mit Fussball zutun.

WVQ 30. März 2022 um 23:40

@Taktik-Ignorant
Daß die (nicht arg zahlreichen, aber durchaus vorhandenen) Tiefenläufe bzw. Ansätze dazu nicht viel öfter wenigstens mit dem Versuch eines Anspiels honoriert wurden, wenn Holland schon mal ein bißchen Raum hinter der Kette bot, hat mich auch gewundert. Gerade wenn man mit Werner, Sané und Havertz drei schnelle Stürmer aufbietet, denen solche Situationen auf die ein oder andere Weise sehr liegen, und wenn man sowieso eigentlich jede Chance auf vertikale Beschleunigung nutzen will, sollte das doch extrem naheliegend sein. Aber wie Du sagst, die ballführenden Spieler schienen das jeweils oft noch nicht einmal zu bemerken oder machten jedenfalls keine Anstalten, darauf zu reagieren. Sehr komisch.

@tobit
He, bei Rüdiger muß ich auch öfter denken, daß er eigentlich der bessere Can ist. Was da an ulkigsten Ring- und Kickboxeinlagen von den Schiedsrichtern weitgehend durchgewunken wird, ist wirklich erstaunlich. Aber gut, solange das so ist, gibt man seiner Spielweise natürlich implizit Recht. (Und solange er es nicht komplett auf die Spitze treibt – im letzten Champions-League-Finale war’s ja dann beispielsweise nicht mehr so lustig. Aber das gab ja auch nur Gelb, also okay.)

Taktik-Ignorant 31. März 2022 um 13:02

Nur kurz: das Problem mit den missachteten Tiefenläufen war auffällig, aber auch nicht neu, sondern konnte auch schon in den ersten Testspielen unter Flick und auch unter Löw beachtet werden, aber ich hatte die Hoffnung, dass Flick da etwas ändert. Ist allerdings bei ständig wechselnden Formationen in der NM nicht ganz einfach; nicht umsonst war die eine Kombination, bei der es mal geklappt hat, eine Bayern-Koproduktion (von Müller auf Sané).

Zu Rüdiger: er ist irgendwie sehr effizient, aber nicht wirklich bösartig, wie die Szenen nach dem Spiel gezeigt haben. Auch die Gegenspieler haben das so empfunden. Beim CL-Endspiel war es ein einfaches Sperren ohne Ball, die schwere Verletzung von De Bruyne m.E. nicht vorhersehbar. Nicht jeder Verteidiger ist im Zweikampf so filigran wie weiland Philipp Lahm….

tobit 31. März 2022 um 13:20

Zweikämpfe darf er ja gerne so führen. Aber sich ständig abseits des Spiels mit Gegnern anzulegen, gehört sich für mich einfach nicht.

Tiefenläufe sind aber ja eigentlich immer und überall quasi Wegwerf-Aktionen, die nur selten bedient werden (selbst bei Haaland). Wenn das Timing nicht 100% perfekt ist, ist der Ball garantiert weg (abseits oder abgelaufen). Und die unbedienten Läufe waren bei Deutschland in den letzten Jahren auch oft in eher ungünstige Richtungen, wo die Läufer schlechte Chancen auf einen Torschuss oder Spielfortsetzung hätten.

Das Thema Eingespieltheit ist finde ich zweischneidig. Gegen Israel sah es trotz der 9(!) verschiedenen Vereine in der Startelf ziemlich gut aus, während es gegen Oranje mit zwei größeren Blöcken viel inkohärenter wirkte.

Taktitk-Ignorant 31. März 2022 um 16:59

Tiefenläufe und Wegwerfchance: Nicht jeder Tiefenlauf muss bespielt werden, aber wenn sie immer ignoriert werden, kann sich die Abwehr darauf einstellen und entsprechend agieren. Außerdem ist die Gefahr des Ballverlusts so groß nicht, da die intensive, schnelle Bewegung zu Unordnung führt und es der Abwehr nicht unbedingt gelingt, den Ball sauber zum eigenen Mann zu klären.

AG 1. April 2022 um 09:08

@tobit: Es ist glaube ich auch deutlich einfacher, gegen ein individuell und qualitativ schlechteres Team gut auszusehen. Gerade athletische Vorteile lassen kleinere Unsauberkeiten retuschieren.

WVQ 1. April 2022 um 16:13

Gibt ja auch verschiedene Arten von Tiefenläufen. Der Stürmer, der an der Abseitsgrenze auf den perfekt getimten Paß wartet und mehr oder weniger direkt Richtung Tor lossprintet, wird natürlich nie eine hohe Erfolgsquote haben, weil a) der Torwart meist gut eingreifen kann, b) der nächststehende Abwehrspieler meist gut mitkommt, c) der Paß extrem gut gewichtet sein und d) das Timing nahezu perfekt passen muß. Da braucht man schon einen sehr hoch stehenden Gegner (und demzufolgende Raum für kleinere Präzisionsmängel) oder eine nahezu perfekte Ausführung. Aber wenn bspw. Werner eher auf dem Flügel lauert und der Ball im gegenüberliegenden Halbraum ist, ist ein gelegentlicher Diagonalball bereits aussichtsreicher, allein schon, weil der Torwart den nur schwer attackieren kann und weil der Stürmer auch nicht komplett auf gut Glück losrennen muß – ein Laufduell mit dem Verteidiger ist oft schon ein Gewinn (zumindest ein Raumgewinn). Es bringt auch generell qua Verlagerung eine vorteilhafte Dynamik ins Spiel, zumindest wenn man selbst einigermaßen darauf eingestellt ist. (Solches Lauern auf halblinks habe ich gegen Holland tatsächlich das ein oder andere Mal gesehen, wurde aber nie bespielt.) Und dann gäbe es ja auch Tiefenläufe aus tieferer und zentralerer Position, die der Gegner zwar früher kommen sieht, die – ohne daß hier annähernde Perfektion im Timing nötig wäre – aber trotzdem schwierig zu verteidigen sind, weil man den Lauf im Grunde zwingend mitgehen muß, damit aber auch entweder ein Loch in die eigene Formation reißt (wiederum gut für Ablagen und Anschlußaktionen) oder kollektiv zurückfällt. Warum man diese Variante nicht generell viel öfter sieht, frage ich mich ohnehin – kann der Stürmer machen, indem er zurückfällt (→ Entscheidungsprobleme für die Verteidigung) und aus tiefer Position durchstartet, kann ein Flügelspieler vertikal oder diagonal machen oder jeder andere Spieler im Zehnerraum, und die Mißerfolgsquote sollte deutlich geringer sein als bei klassischen langen Bällen. Nun ja, jedenfalls gibt es sowas in der NM aber trotz relativ zahlreicher Positionsrochaden im offensiven Zentrum auch nur ganz selten.

@AG
Stimmt natürlich, aber Holland verteidigte zumindest in der ersten Hälfte des Spiels gar nicht so viel anders als Israel – mit mehr Bewegung und höherer Grundposition der Stürmer, aber grundsätzlich auch sehr tief und darauf konzentriert, Deutschland das Zentrum dichtzumachen. Bei Israel standen die deutschen Sechser im Deckungsschatten der Stürmer, bei Holland waren sie von deren Mittelfeld manngedeckt – der Effekt war ähnlich, die Sechser mußten sich geschickt freilaufen und präzise angespielt werden, um überhaupt eingebunden werden zu können. Der Unterschied gegen Holland war in meinen Augen vor allem, daß man einfach noch weniger tiefen Ballbesitz WOLLTE als gegen Israel. Der Ball wurde einfach so schnell wie möglich in hohe Zonen gespielt, so daß man früher in schwer kontrollierbare Konstellationen kam und folglich weniger geordnet wirkte.

Daß die besten Offensivaktionen im Zentrum meist mehr oder weniger Kopien von bekannten Bayern-Spielzügen waren, ist mir auch aufgefallen (in diesem Fall das Dreieck Musiala-Müller-Sané). Ist nicht zwangsläufig schlecht und kann sogar auch sehr gut sein, aber sich darauf zu verlassen, daß die das eh schon können und einfach wie im Verein machen sollen, macht halt die Einbindung von Spielern, bei denen es im Verein anders läuft (hier: Havertz, Werner, Gündogan) auch deutlich schwieriger. Da bleibt dann schnell auch viel Potential liegen und es schadet der allgemeinen Eingespieltheit, sofern nicht eh nahezu alles, was irgendwie stürmt, Bayern-Spieler ist.

Taktik-Ignorant 2. April 2022 um 13:29

@WVQ Tiefenläufe: die Abseitsfalle versuchen viele Stürmer nicht nur durch Ausweichen auf Flügel, sondern auch kurvenähnliche Laufmuster zu umgehen, die zudem der Abwehrreihe die Reaktion erschweren. Erfolg verspricht zudem, wenn zwei Stürmer gleichzeitig solche Läufe ansetzen und sich dabei kreuzen (also nicht nur tief, sondern auch quer laufen) – das eröffnet mehr Anspieloptionen für den ballführenden Mitspieler, der zudem auch mehr Zeit hat, den Ball zu spielen (weil die Reaktionen der Abwehrspieler dazu führen können, dass Abseitspositionen aufgehoben werden), und mehr Erfolgsaussichten, weil u.U. auch ein etwas weniger präzise oder mit zu viel oder zu wenig Schärfe gespielter Pass noch einen Abnehmer findet.
Das muss natürlich im Training eingeübt werden, und wenn man zudem noch laufintensives Pressing betreibt (gutes Pressing ist notwendigerweise laufintensiv), dann sind die Offensivspieler sehr viel unterwegs. Vor allem sprinten sie viel. Man muss also dosieren oder Qualität auf der Bank haben, wenn die Erstbesetzung müde wird.


Taktik-Ignorant 15. September 2021 um 16:35

Eine betont offensive und dominante Spielweise hatte schon Klinsmann der Nationalmannschaft verordnet. Aber auch offensiv ausgerichtete Trainer haben ein Defensivkonzept. Unter Löw hat das auf Mittelfelddominanz basierende kontrollierte Offensivspiel lange funktioniert (ungeachtet aller Anpassungen, wenn man sich mal den Spielstil der Mannschaft der WM 2006 anschaut und vergleicht mit 2010, 2014, 2016 und 2018), aber irgendwann (nach 2016) ist dabei die defensive Stabilität flöten gegangen. Löw hat dann eine Stabilisierung der Defensive versucht (vulgo Umschaltspiel statt Ballbesitz, 5er-Kette u.a.m.), aber das hat hinten wenig verbessert und offensiv zu oft ideenlosem Auftreten geführt, wie Koom es etwas überspitzt (Ball zu Kroos, Flanke von irgendwo) formuliert hat. Bei den ersten drei Flick-Auftritten hatte die NM in der Offensive mehr Struktur und Zug zum Tor, auch wieder mehr Tempo, aber dass die Defensive nicht unbedingt sicherer steht, hat sich gegen Island zumindest etwas angedeutet.

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savona 15. September 2021 um 17:37

Vor einigen Jahren wurde hier mal in der Rubrik „historische Spiele“ das HF 2006 gegen Italien analysiert. Tenor, wenn ich mich recht entsinne: gutes Spiel, aber taktisch im Vergleich mit der seither stattgefundenen Entwicklung recht simpel.

Ergänzend zur Frage, wann und warum der positive Trend unter Löw sich umgekehrt hat bzw. wann Löw hätte zurücktreten sollen, sei daran erinnert, dass nicht nur del Bosque mit Spanien eine ähnliche Erfahrung machen musste, sondern alle Weltmeisterteams seit 2000 einen ähnlichen Absturz erlebten. In der Regel scheiterten sie ebenfalls in der Vorrunde, Brasilien war 2006 trotz VF-Teilnahme auch nur noch ein Schatten des Teams, das 2005 den Confed-Cup überzeugend gewonnen hatte (auch die anderen Titelverteidiger hatten 3 Jahre nach dem WM-Gewinn noch Erfolgserlebnisse.

Meine Vermutung: eine Titelverteidigung nach vier Jahren fällt besonders schwer, weil die „Helden“ immer noch da, aber nicht durchweg in Topform sind. Die nächste Generation aber hat sich noch nicht etablieren können. Zwischen beiden Gruppen gibt es naturgemäß Spannungen. Dies alles ungeachtet aller Besonderheiten wie der strategischen und taktischen Ausrichtung, eines vollzogenen oder unterbliebenen Trainerwechsels, etc. Deutsche Erfolgstrainer haben i.d.R. dem Reiz der erfolgreichen Titelverteidigung nicht widerstehen können, mit bekanntem Ergebnis. Dass es bis zum Jahr davor immer noch gute Leistungen und Ergebnisse gibt, trägt sicherlich dazu bei, die Herausforderung zu unterschätzen.

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[email protected] 17. September 2021 um 11:54

Also nach meiner Meinung trifft das nicht die Realität: Die NM hat bis 2018 Ballbesitz gespielt und zwar als Selbstzweck, denn die offensive Durchschlagskraft nahm mehr und mehr ab.

Erst 2018 hat dann Löw den Umbruch verkündet und partiell Umschaltfußball proklamiert (bei mangelhaftem Gegenpressing, wo man ja gerade das Umschaltspiel forciert).

Ich finde eine eher romanhafte Beschreibung von Hoch und Tief und ein ewiger Zyklus verstellt doch ziemlich den Blick auf die Natur einer Sache und wendet sich somit ab von der Analyse. Ich will nicht in Abrede stellen, dass man Schwankungen sieht, aber dass jede Schwankung deswegen nach unten daran liegt, weil die Natur der Sache so wäre, ist schon recht weit hergeholt.

Als Trainer einer NM ist man stark von den Vereinen einer Liga abhängig, wie die ausbilden, welche Taktiken populär sind, ob nationale Spieler stark eingesetzt werden. Auch einfacher sind homogen verbreitete Taktiken, statt jeder Verein macht was völlig anderes.

Aber ich muss sagen: die deutsche Bundesliga ist stark, es gibt viele deutsche gute Spieler, es gibt in den Top-Mannschaften schon recht ähnliche Ansätze. Die Liga ist auch schon lange stark und auch recht konstant.

In sofern muss da ein Trainer nun wirklich kein Magier sein, um daraus was zu machen und zwar auf konstant hohem Niveau. Konstant hohes Niveau heißt nicht, dass man ein Recht auf Halbfinale hat, aber das Spiele eher knapp oder wegen Pech verloren werden. Die Klopper von Löw, heute gut, morgen Katastrophe, das passt einfach nicht zu den sehr guten Voraussetzungen, die die deutsche Bundesliga liefert.

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[email protected] 17. September 2021 um 12:28

Und um noch einen Aspekt zu sagen: erst Müller und Hummels absägen, um sie 6 Wochen vor DEM Turnier wiederzuholen. Wenn man so will war das ja das Eingeständnis von Löw, dass er es verkackt hat. Aber 6 Wochen vor dem Turnier war es ein doppeltes Eingeständnis: ich habe auch nicht mehr genug Zeit mein Verkacken zu reparieren, selbst wenn sie zurückkommen.

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Taktik-Ignorant 17. September 2021 um 12:31

Ob die Bundesliga wirklich so gut ist, sei dahingestellt, In der Fünf-Jahres-Wertung der UEFA liegt sie abgeschlagen hinter England und Spanien, Italien ist inzwischen wieder vorbeigezogen und die Buli muss aufpassen, dass sie ihren vierten CL-Platz nicht an Frankreich verliert. Auch die Ergebnisse diese Woche waren – abgesehen von den Bayern – nicht berauschend. Die Bundesliga wird überschätzt und überschätzt sich selbst. Gute deutsche Nachwuchsspieler haben es schwer und müssen ihrerseits auf noch schwächere Ligen (Niederlande, Österreich) ausweichen. Hinzu kommt, dass die Jahrgänge demographiebedingt immer weiter ausdünnen. So gut sind die Voraussetzungen also nicht, dass der deutsche Fußball seine Spitzenposition behält.
„Recht auf Halbfinale“ – genau das (und mehr) scheinen die Löw-Kritiker ja immer zu fordern („mit DEM Kader“… als ob andere Nationen keine guten Kicker hätten). Nicht das Halbfinale erreicht hat Löw in genau 2 Turnieren, und zwar den beiden letzten. Die Ergebnisse waren bis auf eine einzige Ausnahme (das 0:6 gegen Spanien in einem zum Wettbewerbsspiel hochgejazzten Quasi-Freundschaftsspiel einer sinnlosen Veranstaltung (die Nationsleague ist völlig überflüssig und macht den Terminkalender nur noch enger)) immer knapp. Die Spiele wurden ab Herbst 2017 tatsächlich schlechter, und Löw hat daran seinen Anteil, aber das Personal im Kader war sichtbar nicht von der gleichen Qualität wie das der Kader von Frankreich, Spanien oder Brasilien.
Nun ist das alles Nabelschau der Vergangenheit, wir werden ja sehen, ob Flick es auf Dauer besser macht und es schafft, die Schwachstellen auf bestimmten Positionen durch eine stimmige Taktik und ein solides Mannschaftsgefüge zu kompensieren.

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[email protected] 17. September 2021 um 13:33

Ok, also fangen wir mal an:

die Bundesliga ist eine gute Liga. Darüber gibt es kaum Dissenz denke ich. Danach muss man noch im Detail hinschauen, wie sehr ausländische Spieler das Bild färben. In England ist seit mindestens 5 Jahren durch die Präsenz von ausländischen Investoren das Bild sehr verzerrt, was man dann auch entsprechend nicht bei den Leistungen der englischen NM wiederfindet. Will sagen, dass die Rangliste der UEFA ist nur ein Indiz für den nationalen Kader. Dennoch ist Deutschland da Top 4 – so hat man die NM aber nicht spielen sehen wie Top 4, auch nicht Top 5.

Mit so einem Pfund muss man eine gewisse Konstanz in den Leistungen hinbekommen. Dass es nicht immer dafür reicht weit zu kommen, ist klar. Man kann auch ein gutes Spiel machen und trotzdem verlieren. Aber da ist ja die Kritik auch anzusetzen: man sah kaum gute Spiele. Aber man sah gute Fußballer – das tut ja besonders weh. Die können kicken.

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Maddin 13. September 2021 um 12:11

Löw hätte 2016 gehen müssen, aber er hat mit dem DFB den richtigen Zeitpunkt verpasst. Vermutlich ging es für alle Seiten um viel Geld, und wollte auf die Werbeikone Löw nicht verzichten in der Industrie und beim DFB.

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Taktik-Ignorant 10. September 2021 um 17:15

Vielen Dank für den Kommentar zum ersten „Dreierpack“ der NM unter neuer Leitung. Erfreulich, dass die Nationalmannschaft auch nach der EM ein Thema bleibt, auch wenn die Gegner nicht zur fußballerischen Crème de la Crème zählen.
„In den ersten Einheiten, zwischen vielen Reisen, war für Flick noch nicht allzu viel Arbeit mit dem Team möglich“ – das ist wohl das grundsätzliche Problem aller Länderspiele außerhalb der Turniere: drei Spiele werden in 10 Tage gepackt, dazwischen noch die Reisen – was soll ein Auswahltrainer da schon „einschleifen“, wenn er zudem noch nach dem Wunsch der allermeisten Sofabundestrainer Standards üben soll. Ich teile die Auffassung des Autors, dass Flick hier natürlich auf Mechanismen setzt, die die Bayern-Spieler in der NM noch gewohnt sind. Das insgesamt recht hohe Positionieren der Elf könnte man denn auch als bayerntypisch bezeichnen, wenn man übersieht, dass die hohe Positionierung wohl vor allem den Gegnern geschuldet waren.
Generell musste ich natürlich schmunzeln, ob der vielen Ex-Post-Leserkommentare in den Online-Foren. „Flick spielt endlich wieder mit Viererkette“; „Die Dreierkette musste weg, und prompt spielt die NM wieder besser“ – und was gab es zu sehen? Eine wunderbare Dreier-, oftmals sogar eigentlich nur eine 2er-Kette! Eigentlich köstlich. Löw wäre dafür gehängt worden. Aber gut, hieraus taktische Rückschlüsse abzuleiten ist wohl wirklich verfrüht, man wird sehen, wie Flick die NM gegen Gegner aus den Top-15 der Welt aufstellen wird. Dann wird auch das Personal vermutlich anders aussehen.
Genauso spaßig übrigens die Kommentare der Tonlage „Flick setzt die Leute endlich auf ihren gewohnten Positionen ein“ – und dann laufen Kehrer als Links- und Hofmann als Rechtsverteidiger auf. An Humor scheint es dem Bundestrainer nicht zu mangeln. Kann man natürlich gegen Gegner dieser Preisklasse machen.
Trotzdem lassen sich schon einige Dinge erkennen, die Flick hoffentlich beibehält. Werner ist besser in der Mitte aufgehoben als auf außen, Sané besser links als rechts und Gnabry umgekehrt besser rechts als links – diese grundsätzliche Positionierung sollte m.E. bei allen kreativen Rochaden im laufenden Spiel beibehalten werden. In der Offensive gibt es dazu genügend Alternativen, die Problempositionen bleiben die, die auch schon Löw Kopfzerbrechen bereiteten. Als Innenverteidiger sehe ich bei der hohen Positionierung der Mannschaft eher Süle, Rüdiger oder Kehrer als Hummels, der seine Geschwindigkeitsnachteile immer weniger durch gutes Stellungsspiel wird kompensieren können.

Und ein letzter Punkt: Dass die Offensive im Island-Spiel insbesondere in der ersten Halbzeit nicht so reibungslos funktionierte wie gegen Armenien, war auffällig. Insbesondere gelang es den Isländern (durch geschickte Staffelung?) mehrfach, die scharfen Vertikalpässe aus der deutschen Abwehrkette nach vorne abzufangen. Das mag auch mit der Positionierung Gündogans zusammengehangen haben, der sein Zusammenspiel mit Kimmich und Goretzka anders interpretiert als Reus; in der zweiten Halbzeit wurde das deutlich besser und gerade Gündogan hatte dann einige gute Szenen.

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tobit 11. September 2021 um 10:00

Die Offensive hat gegen Island hat u.a. gehakt, weil sich der isländische LA sehr anders verhalten hat als der von Armenien. Der Armenier war entweder sehr hoch neben den Stürmern oder sehr tief mannorientiert gegen Hofmann während der Isländer sich mehr an der Mittelfeldkette gehalten hat und damit Süle im Weg war ohne einfach über- oder umlaufen werden zu können. Und die drei Sechser waren wie bei Liechtenstein ein gutes Mittel um den Zwischenlinienraum zu blocken.
Generell hatte Island einen höheren Grad an Organisation gegen den Ball als Armenien und war ziemlich gut darin, die Ordnung nach Brüchen wiederherzustellen. Das ist aber auch schon seit Jahren eine ihrer Stärken.

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Taktik-Ignorant 11. September 2021 um 11:25

Das könnte auch an der isländischen Ausbildung liegen, die ja ziemlich gut organisiert ist. So kann auch ein sehr kleines Land bei seinen wenigen Spitzenfußballern eine solide Grundqualität schaffen. Die taktische Disziplin wurde einmal nach einem Spiel bei der WM 2018 aus der Hintertorkamera in der Ganzfeldperspektive gezeigt, aus der man die parallelen und abgestimmten Bewegungsabläufe der Isänder gegen den Ball ganz gut nachverfolgen konnte. Von daher ist es auch kein Wunder, dass es gegen Island (trotz der vielen, den isländischen Offensivbemühungen geschuldeten Konterchancen der deutschen Mannschaft) kein Feuerwerk gab. Die Isländer sind wohl mit ihrer bisherigen Punkteausbeute in der Quali etwas unterbewertet, aber es kann auch nicht immer so optimal laufen wie bei der EM 2016, dem bisherigen Höhepunkt der isländischen Fußballgeschichte.
Insgesamt bleibt es aber auch eine saubere, konzentrierte Leistung der deutschen Mannschaft. Ich hoffe, dass wir künftig mehr davon zu sehen kriegen und nicht wieder der Schlendrian Einzug hält, wenn die Saison in ihre heiße Phase kommt und der Europapokal so richtig anzieht.

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[email protected] 10. September 2021 um 14:48

1) Man kann klare Unterschiede sehen zu Löws Ansatz
2) Es sind plausible Ansätze
3) Es sind Erfolge vorzuweisen

Bei so wenig Training: Respekt! Jetzt wissen wir ja wieder, woher der Erfolg kam der NM unter Löw und wie er ging, als Hansi weggebissen wurde von Löw.

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Taktik-Ignorant 10. September 2021 um 17:27

Ein paar Unterschiede gibt es schon, aber so viel ist gar nicht anders. Haben zumindest die Spieler selbst in den Medien verbreitet. Allerdings stimmt es, dass die Spiele deutlich besser aussahen als die letzten WM-Quali-Spiele unter Löw, was vor allem dem exemplarisch bei Sané zu beobachtenden Einsatzwillen zu verdanken sein dürfte: wenn man sich ins Spiel reinbeißt und nichts schleifen lässt, gewinnt es sich gegen solche Gegner leichter und souveräner. Allerdings waren auch die EM-Quali-Spiele unter Löw 2019 bei weitem nicht alle schlecht. Aber in der Summe sicher ein guter Start, auch was die Spielweise anbelangt.
Wie man allerdings auf den Gedanken kommen kann, Löw habe Flick „weggebissen“, erschließt sich mir nicht. Flick ging freiwillig, und er wurde dann als DFB-Sportdirektor Löws Vorgesetzter. „Wegbeißen“ stelle ich mir anders vor. Und der nachlassende Erfolg der Nationalmannschaft hat m.E. mehr mit dem Abschied einiger wichtiger Spieler zu tun und den daraus resultierenden personellen Lücken auf einigen Positionen als mit dem Abschied Flicks, der im übrigen nicht nur beim WM-Erfolg 2014 Löws Ko-Trainer war, sondern genauso bei den angeblich „vercoachten“ Halbfinalspielen bei der WM 2010 oder der EM 2012.

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[email protected] 12. September 2021 um 19:11

Ich weiß noch, wie ich mich aufregte, dass die NM bei der letzten EM völlig improvisiert in der Offensive spielte und nichts zusammenlief. Man brachte den Ball ins letzte Drittel und dann Game-Over (außer gegen Portugal, die so blöd waren die Außen freizulassen, auch nach 4 Gegentoren noch).

Ich erinnere mich noch, wie der 6er-Raum wie jetzt bei Dortmund gegen Leverkusen völlig verwaist war.

Das sind einfach Sachen, die kannst du nicht bringen.

Bei Flick sieht man jetzt einstudierte Spielzüge. Die Leute stehen eher da, wo sie stehen sollen, um auch ein Gegenpressing anbringen zu können. Natürlich ist das keine Neuerfindung von Fußball, aber die Spieler sind doch gut genug, um ihnen das 1x zu erklären und sie kapieren es.

Man fragt sich ja, was Löw mit den Spielern im Training gemacht hat. Skat gespielt? Ausdauer trainiert?

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Koom 12. September 2021 um 22:38

„Gehts raus und spuits Fußball“?

Nachdem Flick und Löw auseinandergingen und gerade Flick bei den Bayern zeigte, was er so tun kann und will, dürfte durchaus klar sein, dass Löw vermutlich eher der Motivator und Moderator war, eventuell auch die Gesamtstrategie (Ballbesitz oder Gegenpressing oder x) festlegte und Flick der eigentliche „Techniker“ war, der das dann vermittelte. Positionsspiel vor allem in der Offensive ist Flicks Steckenpferd. Die etwas bedächtigere Herangehensweise könnte u.U. von Löw auferlegt worden sein oder schlichtweg der anderen Zeit und den anderen Mitteln geschuldet.

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Taktik-Ignorant 12. September 2021 um 22:53

Wie das Gespann Löw/Flick funktioniert hat, und wer für was verantwortlich war, wissen im Endeffekt nur diejenigen, die es miterlebt haben (Spieler, Betreuer, und vermutlich noch Olli Bierhoff). Aus der Sofaperspektive zu schreiben, Flick sei für die guten, Löw für die „vercoachten“ Spiele verantwortlich gewesen, ist ebenso daneben wie zuvor die Behauptungen, Klinsmann sei nur Fassade gewesen und Löw habe die eigentliche Arbeit gemacht.
Dass es unter Löw zuletzt nicht mehr richtig lief und die ersten Spiele Flicks ansehnlich waren, ist sicher richtig, aber noch keine Garantie für ein dauerhaft wieder höheres Niveau. Ich würde es Flick wünschen, die NM wieder unter die Top-5 der Welt zu bringen, aber das ist – auch angesichts der weiterhin vorhandenen Mängel auf bestimmten Positionen und der Rückstände in der Nachwuchsarbeit – kein einfaches Unterfangen. Der erste Schritt dürfte darin bestehen, mit der NM ein System zu spielen, in dem sich die Spieler zurechtfinden, und das dann zu verfeinern. Das scheint auch der von ihm gewählte Weg zu sein.

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[email protected] 13. September 2021 um 07:39

Ich behaupte gar nichts darüber, wo Hansi Flick die NM hinbringen kann. Ich behaupte aber sicher, dass ich Löw für unfähig halte. Kein Trainer kann aus soviel Potential so wenig herausholen über so lange Zeiträume. Wir reden ja immerhin von einer Zeit von mindestens 4 Jahren, wo die NM nur punktuell mal überzeugt hat.

Pat 13. September 2021 um 09:17

„Unfähige“ Trainer werden eher selten Fussballweltmeister. Löw hat einfach zu lange an seinem Posten festgehalten. Irgendwann geht der letzte Tick an Magie und Motivation verloren und klammert man sich zu sehr an Altbewährtes. Das erging anderen Qualitätstrainern wie Del Bosque nicht anders. Trotzdem sollte man nicht den Quantensprung vergessen, den die Nationalmannschaft unter Löw zwischen 2008 und 2014 geschafft hat.

Koom 13. September 2021 um 12:47

@Taktik-Ignorant: Ne, ich schrieb ja nicht, wem welche Spiele zuzuordnen sind. Ich denke, dass sich Löw und Flick ideal ergänzten. Flick sehe ich auch durchaus kritisch, weil der jetzt bislang in Alleinverantwortung nur exakt eine Spielweise hingelegt hat. Die ist cool, aber zumindest nach hinten gerne mal ausgesprochen offen, was er noch nicht balanciert bekommt.

Generell ist es auch immer schwierig, Trainer zu bemessen. Nehmen wir mal Klinsmann/Löw. Es war schon grundsätzlich eine andere Zeit. Der Klopp-Fußball war gerade erst im Kommen (und noch bei Mainz), der Rest pöhlte halt noch größtenteils „irgendwie“ vor sich hin. Die Bayern verwalteten mit Hitzfeld und Magath den Spielerniveau-Vorteil relativ problemlos, aber doch bedrängter als jetzt in diesem und letzten Jahrzehnt. Alles war noch viel mehr Helden/Leitwolf-Fußball. Detailarbeit wie heutzutage war noch ganz weit weg im deutschen Fußball. Wenn man da mit gutem Fitnesstraining (Klinsmanns Einfluss) und Spielstruktur (Löws Freiburg-Schule) kam, dann war das schon ein Quantensprung zu vorher und auch zu den meisten anderen Nationalmannschaften, selbst von hoher Qualität.

Unter Flick/Löw war dann in der Bundesliga Klopp präsent und hatte mit Mainz tolle Erfolge und baute Dortmund auf. Flick, der mit Hoffenheim zuvor ja auch schon durchaus strukturiert unterwegs war, konnte dann mit Löw, der IMO kein tiefer Detailarbeiter ist, aber Fußball auch sehr gut versteht, dann viel aus der Bundesliga nach und nach abfarmen und auf der Arbeit von Klopp und später Heynckes aufbauen.

Löw und Flick seh ich wie Holmes und Watson. Nicht als eins zu eins Vergleich, aber einfach 2 Personen, die sich gut ergänzen. Löw fehlte definitiv ein Detailfanatiker wie Flick. Sorg hatte schon in der Bundesliga „bewiesen“, dass ihm dafür die Skills fehlen.

Ein Zuschauer 13. September 2021 um 13:18

Das mit Flick und Löw und der Aufgabenteilung überzeugt mich ja nicht so ganz. 2012 und 2008 war Flick ja auch dabei, 2016 war es schon nicht mehr. 2016 fand ich aber fast die stärkste Leistung der NM unter Löw abseits der WM 2014. Und das Problem da war auch eher im Bereich Strategie als genaue Umsetzung würde ich sagen.

Koom 13. September 2021 um 13:45

Ich fand die NM auch 2008 und 2012 schon gut unterwegs. Eigentlich war generell die Zeit Löw+Flick gut anzuschauen, viele gute Entscheidungen wurden getroffen und man war beständig Mitfavorit. Das die Spanier einfach einige Jahre weiter waren, ist halt einfach so.

2014 und 2016 kamen halt noch mehr Effekte zusammen: Guardiola veränderte viel, in der Bundesliga waren Klopp und Tuchel zudem unterwegs und bereicherten den Fußball und generell war die Kloppsche Gegenpressing-Spielweise in einem 4-2-3-1 nahezu Standard, zumindest was Defensive und Umschalten anging. Das macht die Aufgabe, daraus ein Team zusammenzubauen, dann doch schon leichter.

Passend dazu: Problematischer wurde es in der NM dann, als Klopp und Guardiola weg waren. Tuchel rieb sich bei Dortmund auf und war weniger prägend unterwegs, als er „opportunistisch“, weil er aus einem wechselhaften Kader, der in Stimmungsgrüppchen zerfallen war (noch unter Klopp) maximalen Erfolg rausholen musste.

Taktik-Ignorant 13. September 2021 um 16:02

Bei der EM 2016 war das Problem der NM eher, aus ihrer dominanten Spielweise heraus vorne zu Torchancen und zu Toren zu kommen. Abwehr und Mittelfeld waren klasse, aber im Sturm spielten ein formschwacher Müller, ein verletzungsanfälliger Gomez und Draxler, dahinter Özil (Sané war erstmalig im Aufgebot, aber noch blutjung und Ergänzungsspieler). Diese Kombination sorgte kaum für Torgefahr in gegnerischen Strafräumen. Es gab aber auch keine besseren Leute, deren Nichtberücksichtigung man Löw hätte vorwerfen können. (Kleine Anekdote am Rande: großes Lob erhielt Löw damals für seine Idee, Kimmich als Rechtsverteidiger einzusetzen, also genau für die gleiche Maßnahme, für die er bei der letzten EM so angegriffen wurde). Dadurch war aber die NM insgesamt doch schwächer als in der guten Phase von 2006 bis 2014 (wobei für mich die tollsten Spiele die bei der WM 2010 und danach bis Spätherbst 2011 waren, im Frühjahr 2012 gab es dann eine für mich nicht ganz erklärliche schwächere Phase).
Flick ist jetzt noch nicht so lange als Cheftrainer unterwegs, 1,5 Jahre bei den Bayern und 3 Spiele mit der NM. Dass er da keine 30 Spielsysteme implementiert hat, geschenkt. Besser scheint auch tatsächlich, eine Mannschaft beherrscht ein System und findet sich darin zurecht, und man feilt nach und nach daran, etwaige Schwächen zu beheben, und stellt taktisch ein wenig auf den Gegner ein.

Koom 13. September 2021 um 18:08

Deswegen sehe ich Flick auch nur kritisch. Seiner ersten größeren „Krise“ (letzte Bayernsaison, Gegentorflut, „nur“ Meister) ist er ja davongegangen. Grundsätzlich bin ich aber mal ganz happy, bei der Nationalelf wieder einen Trainer zu haben, der ein scharfkantiges Offensivspiel beherrscht und auch mutige Entscheidungen bei der Personen- und Positionswahl trifft. Und sie auch nicht einfach nur dahinstellt, sondern vernünftig einbindet und mit Plänen ausstattet.

Alles weitere muss man sehen.

[email protected] 14. September 2021 um 14:22

Aber auch da: 2016 hat man Probleme durch geeignete Bewegungsmuster und Positionsbesetzung in den Strafraum einzudringen und zum Abschluss zu kommen. Welches Problem haben wir 2021 gesehen? Das Identische!

Ich vermute auch, dass mancher Spieler seine Position geräumt hat im Mittelfeld (nicht besetzter 6er-Raum), weil vorne tatsächlich sonst nichts ging. Dann kommt der Umschaltmoment und hinten brennt’s.

Es kann doch nicht sein, dass man ein halbes Jahrzehnt zu blöd ist Eindringen in den Strafraum zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Konzepte wie Schnittstellenpässe, Doppelpass, Viererkette hinterlaufen liegen auch vor für Spieler wie Sane, Gnabry, Müller und Co. – dafür muss man einfach willens und fähig sein Detailarbeit zu leisten.

Taktik-Ignorant 15. September 2021 um 10:10

2016 fehlten dazu die Spieler; Müller war außer Form (zumindest was seine Torjägerqualitäten angeht, ansonsten spielte er gut). Für 2018 stimmt die Kritik nicht – die Deutschen hatten die meisten Torschüsse aller Mannschaften, allerdings waren Gomez als „Joker“ und Timo Werner jetzt auch nicht so die Knipser, und Müller wieder außer Form.
2021 waren Gnabry und Sané bei weitem nicht so stark wie 2019 oder auch jetzt wieder, und Löw hat sich mit der späten Rückholung von Hummels und Müller auch verzockt. Ich sehe da keine ein halbes Jahrzehnt währende Kontinuität von Problemen beim Eindringen in den Strafraum (das klappte zwischendurch immer wieder mal gut), sondern eher 2018 und 2021 Phasen mit formschwachen Spielern (nicht Löws Schuld) und unzureichender Turniervorbereitung (Löws Schuld).

Koom 15. September 2021 um 10:27

[email protected]: Grundsätzlich d’accord. Die Spieler kommen ja auch alle mit einem Grundverständnis an, da sollte jeder wissen, wie Pressing, Fallen etc. funktionieren. Aber: Gerade Offensivspiel ist ja auch viel Zusammenspiel. In der Defensive kann man mit einer berherzten Grätsche und einem Befreiungsschlag ja viel regeln, vorne geht das kaum.

Man konnte auf dem Platz sehen, dass es im Offensivspiel nicht viele echte Ideen gab außer „gib dem Kroos den Ball“ und 2021 dann noch „schlag ne Flanke von irgendwo“. Ergo hat man also dort keine vernünftigen Abläufe und Laufwege trainiert, sondern hoffte auf individuelle Momente.

Und wie man es auch im Verein sehen kann: Es gibt zwar gerne mal einen „sofortigen Trainereffekt“, aber nahezu immer sieht man auch den vorigen Trainer noch in vielen Abläufen. Wenn es vorher einen Defensivfan hatte und nun ein Offensivtrainer kommt, dann sind die ersten Monate toll, dann fängt es hinten an zu scheppern. Und umgekehrt. Abläufe müssen überall trainiert werden, sonst werden sie vergessen. Ich denke mal, dass sowas auch der NM passiert ist. Flick ist offensichtlich ein großer Offensivfreund. Seine Arbeit wird eine zeitlang auch ohne ihn gehalten haben. Und nach und nach wechselte natürlich auch das Personal, wodurch der Lerneffekt noch mehr schwindet…

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