Türchen 21: Lucas Moura

Ein Porträt des rationalen Balancedribblers von PSG, der einige unscheinbare Facetten aufweist und in diesem Jahr noch wichtiger für seine Mannschaft geworden ist.

Lucas Moura verkörpert das für viele bestehende Bild eines herausragenden brasilianischen Ballkünstlers, der seinen atemberaubenden Dribblings durch überraschende Drehungen eine enorme individuelle Klasse verleiht. Wenn nötig, kann er mehrere Gegner im Alleingang ausspielen und den Unterschied für eine Mannschaft ausmachen. Im Verlauf der letzten Monate gab es einige spektakuläre Szenen, die die französische (Medien-)Sportlandschaft in ihren Bann zogen – wie beispielsweise in diesem Video des offiziellen Ligue1-Kanals auf YouTube:

Diese Dribblingfähigkeiten – also eines der auffälligsten Merkmale des bei PSG immer wichtiger werdenden Flügelstürmers – setzt Lucas allerdings keineswegs ausschließlich auf normale, simple oder vor allem individuell aktionsorientierte Weise ein. Stattdessen agiert er sehr teamfokussiert und bringt diese Aktionen mannschaftsdienlich ein.

Der rationale Balancedribbler

Seine Dribblings selbst gewinnen ihre Qualität und Effektivität durch gewandte Körperbeherrschung, eine hohe Berührungsfrequenz, eine gewisse Robustheit und gleichzeitig feine, geschmeidige wie schnellkräftige Drehungen. Diese Fähigkeiten kombiniert Lucas mit einer sehr rationalen und nüchternen sowie erfolgsfixierten Spielweise, die geradlinig und zielstrebig ohne Einlagen auskommt. Gegen Marseille sorgte er mit einem liegengelassenen Ball für Aufsehen und schien über die Wirkung dessen fast selbst ein wenig überraschend. Fast sämtliche Situationen, auch schwierige, löst er zuverlässig, nüchtern und systematisch mit konstruktiven, mannschaftsdienlichen Pässen, Läufen und Entscheidungen auf. Durch diese Rationalität wiederum entwickelt er in seinen Dribblings eine – vor dem Tor jedoch noch nicht so vorhandene – Effektivität und kann hervorragende Beiträge als mannschaftliche Durchbrüche „aufschließender“ oder direkt vorbereitender Akteur leisten. Indem seine Dribblings viele Gegner ziehen, er dabei aber eben das Leder nicht verliert, sondern im richtigen Moment gezielt abliefert, schafft er Raum für seine Mitspieler und vorteilhafte Dynamiken für Anschlussaktionen, bei denen er nicht selten selbst klare und saubere Zuspiele wählt. Zudem nehmen diese Läufe verbindende und raumüberbrückende Funktionen ein.

Bayer 0-4 PSG

Lucas´ Rolle bei PSG in der Vorsaison

Auch wenn er als klarer Flügelstürmer eingeschätzt werden könnte, zeigt er doch immer wieder angepasste Positionierungen und driftet sehr frei innerhalb seines abgesteckten Gebiets um den Halbraum, mittlerweile sogar konstanter darüber hinaus. Er bewegt sich aktiv und vorausschauend in Ausweichzonen, um eventuell dort an Zuspiele zu kommen, nutzt seine meistens sehr saubere Ballverarbeitung für eine bewusste An- oder Mitnahme im Sinne der Spieldynamik und bewegt sich in passiveren Phasen in geschickter Relation zu seinen dominanten Kollegen, um potentiell Zugriff für unterstützende Aktionen herstellen zu können. Mit seinen Positionierungen, Bewegungen und gruppentaktischem Geschick passt er sich generell geschickt an die Mannschaft an und nimmt eine balancierende Rolle ein. Letzte Saison war er beispielsweise oft Gegenpol zu Linksüberladungen, agierte in seiner etwas unauffälligen Art ballfern ausgleichend sowie eben balancierend und streute gelegentlich unterstützende horizontale Dribblings ein. Aus den Flügelbereichen löst er gerade unangenehme statische Szenen mit überlegten und rationalen Querflanken in den Rückraum statt in den Sechzehner auf. Ein interessanter Punkt ist auch, wie er manchmal mögliche Pässe nicht sofort spielt, sondern  verzögert, in der Zeit mit lockenden Dribblings noch einen zusätzlichen Gegner auf sich zieht und diesen damit aus der anschließend angespielten Situation herausnimmt.

Diese gesamte zuarbeitende und in verschiedenen Formen auch balancierende Facette hat Kollege MR sehr kompakt und treffend in seiner Analyse zum überzeugenden 4:0-Erfolg von PSG bei Bayer Leverkusen im Achtelfinale der vergangenen CL-Saison zusammengefasst:

Situativ attackierte auch Lucas Moura den Strafraum. Überhaupt präsentierte sich der brasilianische Tempodribbler als verblüffend rationaler Balancespieler. Chaotischere Szenen (wie nach dem Einwurf vor dem 0:1) löste er offensiv wie defensiv zielstrebig zugunsten PSGs. Er deckte Leverkusener Instabilitäten im Halbraum mit sehr explosiven, klaren Dribblings auf und verteilte die Bälle sauber. So funktionierte er als Gegenpol zur Überladung auf links.

Bei tiefen Ballgewinnen ist Lucas als nahe Anspielstation mit seiner Ballsicherheit im Dribbling sehr wichtig, da er auch in schwieriger Unterzahl dem gegnerischen Gegenpressing den Zugriff nehmen und stattdessen Zeit für die Unterstützung der eigenen Leute generieren kann. Wenn er sich am Flügel in 1gegen1-Situationen befindet, achtet er häufig – es sind auch solche kleinen Aspekte, die ihn besonders machen – auf die genauen Winkel seiner Positionierungen sowie sein Sichtfeld, das er immer mal wieder variiert. Sollte er sich beispielsweise in etwas isolierter Situation oder zusätzlich gar unter Druck befinden, kann er besser die Optionen für die weitere Entscheidungsfindung abschätzen. Häufig befreit er sich dann über angedeutete Dribblings oder geschickte Zuspiele.

Manchmal wählt er auch Flanken, die entweder mit sehr viel Effet und Schnitt bogenartig aus der Dynamik angezogen werden, noch häufiger verwendet er dagegen aber flach hereingegebene Bälle. Diese spielt er meistens aus dem Stand heraus und immer sehr gezielt auf einen bestimmten Mitspieler – statt auf „gut Glück“, irgendwie oder in Dynamiken hinein, wie es bei vielen schwachen oder mäßigen Flanken der Fall ist. Kürzlich bereitete er so in Barcelona mal wieder einen Treffer vor, indem er quasi von außen durch die leicht statische Gesamtsituation den Ball mit einer Lupferflanke an die letzte Linie zu Matuidi „legte“, so dass sich mit dieser Aktion aus einer mäßigen Ausgangslage eine Riesenchance auftun konnte, als der französische Mittelfeldmann das Leder stark leicht nach hinten auf Ibrahimovic abtropfen ließ.

Aspekte und Möglichkeiten der Einbindung

Mit seinen Läufen und Dribblings kann Lucas durchaus auch als durchschlagender Akteur gesehen werden, doch steht dies gegenüber seinem zuarbeitenden, balancierenden Dribblingstil zurück und ist ohnehin nicht klassisch tororientiert ausgerichtet. Die typisch durchbrechenden Läufe hochgezogener Außenstürmer hinter die Abwehr sieht man von ihm selten, denn Lucas´ Diagonalität funktioniert auf andere Weise. Er hat es lieber, wenn die Angriffe bereits in tieferen Zonen ihre Diagonalität entwickeln und dann beispielsweise nach dem Erreichen seiner Zone vertikaler im Halbraum durchbrechen. Einrückende Bewegungen im Offensivbereich gelingen ihm besser – wenngleich das mittlerweile weniger gilt – in feinen, balancierten und weniger in besonders weiträumigen Kontexten. Anders sieht dies in tieferen Zonen aus, wie sich beispielsweise bei einem Auftritt der brasilianischen Nationalmannschaft anlässlich des Superclásico de las Américas gegen Argentinien Ende 2012 zeigte.

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Brasiliens Offensiv- und Argentiniens Defensivausrichtung in Szenen mit Lucas als tief antreibendem Diagonal-Dribbler

In einem 4-2-3-1/4-3-3 mit zurückfallendem Zehner wurden Lucas und Neymar als engagierte, balltreibende Flügelspieler forciert. Ersterer holte sich das Leder auf rechts in der Tiefe ab und zeigte dann einige plötzliche, explosive Diagonalläufe durch mehrere Gegner hindurch. Dies diente dem dynamikaufnehmenden Übergang in die Angriffszonen und  immer mal wieder zur vereinzelten Destabilisierung gegnerischer Strukturen. Manchmal ließ er sich auch aus der Formation herausfallen, um sich von Gegnern zu lösen. Auch wenn Lucas, nicht nur in dieser Partie mit seinen häufigen Rückstößen, generell – auf unterschiedliche Arten – viel und oftmals auch zuverlässig in die Ballzirkulation eingebunden wird oder werden kann, ist er jedoch keinesfalls ein spielmachender Akteur. Seine gestalterischen und in gewisser Hinsicht auch strategischen Fähigkeiten sind dafür weniger geeignet. Vereinzelt spielt er entscheidende Pässe oder kann bei den richtigen und kollektiv angelegten Bewegungen seiner Mitspieler mit klaren und logisch gelagerten Dribblings jedoch die Spielzüge seines Teams entzünden.

Bei São Paulo ließ er sich hierfür ebenfalls gerne zurückfallen, um aus dem Halbraum mit Dribblings anzutreiben. Vereinzelt gab es sogar Ansätze, ihn als Dynamik-Nadelspieler in zentralen Räumen einzubinden. In einem Match gegen Universidad Católica wurde er einige Male bewusst mit Pässen in als Pressingfallen gelassene Freiräume geschickt. Solche Phasen waren neben seiner Jugendzeit in Brasilien, als er aufgrund seiner Dribbelstärke auch mal eine Rolle als hoher Zehner zugewiesen bekam, die einzigen Ausnahmen von einer Aufstellung als Außenstürmer. Grundsätzlich gab und gibt es wenige Diskussionen um diese Positionierung, die für Lucas in den meisten seiner Mannschaften so gehandhabt wurde.

Insgesamt dürfte der Posten auf dem Flügel mit der richtigen Einbindung auch die Richtung für die Zukunft darstellen, wenngleich eine optionale, alternative Spielweise als beweglicher, ausweichender oder für manche Teams konterstarker Mittelstürmer zumindest vereinzelt interessant sein könnte. Die neben der Flügelposition beste Einbindung des dribbelstarken Brasilianers dürfte allerdings eine der vorderen Positionen in einer variablen Rautenformation (eventuell auch einem 3-5-2) sein, was bei São Paulo vereinzelt sogar schon genutzt wurde. Mit seiner ablegenden Spielweise, seinen gelegentlichen Dribblings durch die Halbräume und seiner Beweglichkeit für das Absolvieren der Laufwege in einem fluiden Sturmduo könnte es hier potentiell zu starken Synergien und einzelnen Asymmetrien kommen.

In den letzten Monaten bei PSG kamen die zentralen Beteiligungen aus seiner aktuellen Flügelstürmer-Position wieder vermehrt hervor. Überhaupt wird sein Spiel von einer bestimmten Art der Anlage seiner Läufe geprägt. Er erhält den Ball gerne in eine Verschiebebewegung nach außen gespielt, täuscht kurz die erste Mitnahme zum Flügel an, um dann sehr explosiv diagonal in die Mitte zu ziehen. Dabei steuert er häufig auch ganz bewusst kleine Lücken zwischen zwei nahen Gegnern auf vertikal unterschiedlichen Linien an und bricht dort hindurch. Hier zeigt sich der generelle Zentrumsfokus in der Spielweise des Brasilianers, der seinen positiven, balancierenden und harmonisierenden Einfluss auf eine Mannschaft noch einmal unterstreicht und begründet.

Starkes Gesamtpaket trotz kleiner Schwächen

Trotz seiner rationalen und zielgerichtet fokussierten Spielweise gibt es immer wieder aber auch noch Momente, in denen sich Lucas noch nicht balanciert genug in seinen Aktionen – so etwa in der Gewichtung von Pässen – und Dribblings – beispielsweise beim Vorlegen des Balles im Mittelteil – zeigt. In seiner Anfangszeit bei PSG agierte er in seinen Läufen einige Male etwas zu attackierend. In dieser Hinsicht besteht also durchaus noch Luft für Verbesserungen in der Konstanz, wenngleich eine solche Entwicklung bereits eingesetzt zu haben scheint. Eng verbunden mit diesem Aspekt ist eine weitere Schwäche – die häufige Ineffektivität in Strafraumnähe. Einerseits entsteht diese durch die kleinen Balanceprobleme, aufgrund der beispielsweise stark angefangene, vielversprechende Szenen dann kurz vor dem Durchbruchsmoment wegen einer suboptimalen Entscheidung oder ähnlichem zunichte gemacht werden.

Andererseits fehlt es dem Brasilianer vor dem Tor häufig an konstanter Gefahr im Abschluss, was beispielsweise Pedro als ebenfalls unterstützend, wenngleich im Detail doch anders veranlagter Flügelstürmer deutlich besser gelingt. Dagegen hat Lucas einige seltsam unfokussiert vergebene Chancen, die sich mit zielstrebigeren Momenten und anderen, kurios und unerwartet hineingehenden Schüssen abwechseln. Abschließend könnte man vielleicht noch sagen, dass er mannschaftstaktisch noch nicht ganz geschärft und sich der Straffheit von Auswirkungen eigener Aktionen auf das Gesamte manchmal nicht fokussiert genug bewusst ist. Nach einem abgegebenen Pass im Halbraum bewegt er sich in der Folgeaktion gelegentlich noch zu willkürlich in irgendeinen zentralen Bereich und kapselt sich verbindungstechnisch zu extrem vom weiteren Verlauf der Aktion ab. Auch in diesem Punkt hat es aber eine fast schon radikale Weiterentwicklung gegeben.

Hier findet Lucas immer mehr Balance in der kleinteiligen Detail-Abstimmung seiner Folgebewegungen. Zusätzlich baut er beispielsweise vermehrt kurze Ablagen in sein Spiel ein. Diese beiden Aspekte in Kombination haben die vormals mäßige Effektivität in dieser Saison klar erhöht und einen nochmaligen Sprung in seinem Status für PSG bewirkt. So wird Lucas immer bestimmender in den Offensivaktionen der Mannschaft und darf sich weiträumiger sowie insbesondere präsenter einbringen. Ganze Angriffsverläufe basieren mittlerweile maßgeblich auf seinen Aktionen. In besonders guten Partien staunt man teilweise sogar, wie gute Pässe er spielt und welch gute Entscheidungen er trifft. Dass seine Einbindung, seine Wirkung und seine Bedeutung für das Spiel der Pariser dieses Jahr deutlich gestiegen sind, dürfte darüber hinaus auch im intensivierten und geplanter scheinenden Zusammenspiel mit Verratti und Pastore begründet liegen.

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Eine Szene aus der Partie gegen Bordeaux, die die bedeutende Rolle von Lucas unterstreicht. Nach dem Zuspiele von Thiago Motta in die Enge dreht er sich in den Freiraum heraus, während Verratti und Mautidi sich neu positionieren (blaue Pfeile). Anschließend spielt Lucas seinen Gegner aus, zieht diagonal wieder in die enge Überladung hinein und bedient Verratti, der für Matuidi weiterleiten kann (grüner Ablauf). Mit sehr ballsicheren und balancierten Aktionen gab Lucas diesem Angriff die entscheidende Wendung und leitete eine Fast-Großchance ein.

Gegen den Ball schaltet er sich mit disziplinierter Arbeitsrate insgesamt zuverlässig in die mannschaftliche Arbeit ein, kann neben dieser emsigen Spielweise zudem mit seiner Aktivität im Rückwärtsgang und teilweise auch durch seine Bewegungen im Anlaufen überzeugen. Gerade sein bissiges Engagement im Gegenpressing sollte man außerdem noch hervorheben. Daneben ist er allerdings kein großartig besonderer Defensivakteur oder in einer speziellen Hinsicht bahnbrechend, aber doch zumindest ein solider, eben engagierter und durchaus geschickter Flügelspieler, der ebenso rational agiert wie in seinen Offensivaktionen und sein fußballerisches Gesamtpaket dadurch abrundet.

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