Türchen 8: Dunga

Allrounder in Spezial-Rollen? Brasiliens Weltmeisterkapitän von 1994 war als Passspieler mindestens arg unterschätzt, mit seiner besonders im Pressing auffallenden Rollenvariation zukunftsweisend.

(Photo by Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images)

Unter den 24 Spielern des diesjährigen Adventskalenders dürfte Carlos Dunga sicherlich zu den „Exoten“ zählen. Ein kampfstarker Sechser, der schon vor langen Jahren seine Fußballschuhe an den Nägel gehängt hat und seine beste Zeit vor der Jahrtausendwende erlebte, soll zu den „Spielertypen der Zukunft“ gehören? Auch das geht, im Falle Dungas sogar sehr gut. Dass der brasilianische Weltmeisterkapitän von 1994 für eine solche Einordnung zunächst einmal nicht als prädestinierter Kandidat förmlich ins Auge springt, hängt auch damit zusammen, dass er ganz grundsätzlich ziemlich unterschätzt wird. Dazu haben wiederum seine ungewöhnlichen Karrierestationen bei vielen kleineren Klubs beigetragen, bei denen er einfach seltener im Blickpunkt der Medien-Show stand.

Unterschätzter Weltklasse-Sechser

Das Etikett, das Dunga gemeinhin anhaftet, ist das des kampfbetonten, gefürchteten und fast „unbrasilianischen“ Zerstörers. Eine gewisse Robustheit und Zweikampfstärke prägten seine Spielweise fraglos, er verteidigte aber ziemlich modern. Zwar agierte er bei der Zugriffsfindung besonders im direkten Duell auch schon mal ungeschickt, hatte aber viele gut getimte Tacklings und kluge Momente mit unorthodoxem Vorgehen. So überraschte er häufig Gegner, indem er plötzlich von einer anderen Seite oder aus einem anderen Winkel attackierte, sich um einen ballabschirmenden Spieler herum drehte und quasi seitlich das Leder abluchsen konnte. Er war zwar nicht besonders schnell und fast etwas hüftsteif, aber doch wendig und durchaus explosiv. Ausgehend von einer im Allgemeinen guten und stabilen Positionsfindung orientierte sich Dunga umsichtig in alle Richtungen.

Er versuchte möglichst lange möglichst viele Optionen in seinem Zugriffsradius zu halten, wenn er in Richtung einer dieser Varianten spekulierte. Ansatzweise belauerte er zu seiner Zeit schon gegnerische Passwege, mit guter Risikokalkulation und nur so weit, dass es sonstige Zugriffsmöglichkeiten nicht zu sehr einschränkte. Überhaupt zielte Dungas Spielweise in erster Linie auf Stabilität ab, aber nicht übermäßig extrem. Am stärksten zeigte sich das in seinem eher vorsichtigen Aufrückverhalten bei Ballbesitz, allzu weit nach vorne ging er selten – zumindest der Dunga der 90er-Jahre. Er hatte ein recht vorausschauendes Gefühl für die Frage nach der Absicherung, wählte Risikoaktionen hauptsächlich bei ausreichender Tiefenpräsenz, bewegte sich teilweise im Vorhinein in potentielle gegnerische Konterverbindungen hinein. Insgesamt wirkte er für sein Team vor allem als wertvoller Balancegeber.

Seine bei Ballbesitz häufig tiefe Position bedeutete aber keinesfalls „offensive“ Schwächen. Auf Einzelfähigkeiten heruntergebrochen, gehörte gerade das Passspiel zu Dungas allergrößten Stärken. Dieses war insgesamt sogar ziemlich vertikal und attackierend angelegt, dafür zog Dunga im Aufbau viel Präsenz an sich. Insbesondere seine Passtechnik und Passgewichtung ragten heraus: Unter anderem konnte Dunga mit ungewöhnlich abgewinkelter Fußhaltung sehr überraschende, feinfühlige Außenristbälle durch schwer zugängliche Schnittstellen hindurch bringen. Mit mittellangen Vertikalpässen durch die Halbräume brillierte er bisweilen, zumal er diese großteils ambitioniert in recht zentrale Offensivbereiche spielte. Auch konnte durch die nicht „zu isoliert“ in den Fuß gezielte Gewichtung die Dynamikaufnahme für Folgeaktionen flüssiger erfolgen. So etwas wird immer gut und wichtig sein.

Carlos Dunga. Für das niedrige Niveau seiner Vereine und seinen unterstützenden Spielertyp ein immens hoher Peak-Goal-Impact.

Zwei unterschiedliche Pressingspielweisen

Trotzdem wird in der Facette als Pressingspieler das zukunftsweisende Element bei Dunga wohl noch etwas deutlicher. Diese Funktion konnte er auf unterschiedlichste Weisen ausüben und deckte eine hohe Bandbreite an möglichen Einbindungen ab, gegen den Ball noch schärfer als im Aufbauspiel. Das Spektrum seiner strategischen Ausrichtung reichte – um es auf einer Skala zusammenzufassen – von einer extrem dominanten, führenden bis hin zu einer rein anpassenden Pressingrolle. Ebenso wie auf der Ebene der taktischen Funktion galt diese Flexibilität auch situationsbezogen für ein momentanes Verhalten. An dieser Stelle lässt sich also an einige der taktiktheoretischen Ausführungen aus dem Artikel über Daryl Janmaat vom gestrigen Türchen anknüpfen. Bei Dunga soll aus dem gesamten Komplex nun das Thema Rollenvariation etwas genauer beleuchtet werden.

Der eine „Extrempol“ seiner verschiedenen Einbindungsmöglichkeiten im Pressing bestand also in einer bestimmenden Spielweise, in der er die mannschaftliche Ausrichtung leitete und ihre Organisationsstruktur entscheidend prägte. Prinzipiell kann das aus einer kontrollierten Position in der Tiefe geschehen, noch deutlicher wird der Kontrast aber in einer aggressiven Variante, wie sie hier beispielhaft dargestellt wird: Dunga agierte sozusagen als Startspieler im Pressing und rückte weit auf, um Druck zu machen. Glänzen konnte er in dieser Einbindung beispielsweise bei der WM 1994 in vielen Partien: Aus dem losen und passiven 4-2-2-2 heraus wurde eine flache Raute geformt, in der Dunga quasi „Defensivfreiheiten“ erhielt, um gewissermaßen als „Pressing-Zehner“ seine Kampfstärke als Anführer einzubringen.

Andererseits vermochte er die mannschaftliche Pressingstruktur auch sehr gut zu ergänzen und situativ aufzufüllen. Das ging etwa, indem er in einer passiven Einbindung startete, sich hinter seine (weiträumigen) Kollegen zurückzog und auf Absicherung konzentrierte. Beispielsweise füllte er Lücken auf, die hinter ausmanövrierten Mannorientierungen entstanden oder von zu riskanten Entscheidungen einzelner Mitspieler im Pressing gerissen wurden. Auch sein flexibles, vorausschauendes Doppeln in unterschiedlichsten Räumen wäre zu nennen. Gleichsam stopfte er Lücken, die allgemein von der mannschaftlichen Struktur ohnehin schon nicht optimal abgedeckt waren und dann in einer bestimmten Situation zur Gefahr zu werden drohten. In diesem Setup war es also – zumeist in der Tiefe – Dungas Aufgabe, auf Probleme zu reagieren und so viel zu reparieren wie möglich. Im Extremfall machte er selbst dann gar keine Balleroberungen, wenn das Gesamtkonstrukt wieder gut genug funktionierte.

WM-Halbfinale 1998: Dungas Durchsichern ergänzt anpassend die Mannschaft und verbessert das Gesamtkonstrukt

Universelle und spezielle Komplettheit?

Beileibe nicht jeder Spieler kann gegen den Ball mit solch unterschiedlichen Akzentuierungen ohne Qualitätsabfall oder Orientierungsschwierigkeiten eingesetzt werden. Wenn man es vereinfacht und überspitzt formulieren wollte, vereinte Dunga problemlos jene „Jäger“- und „Sammler“-Charakteristika, die Kollege MR einmal so anschaulich differenziert hat. In seinen besten Phasen hat der Brasilianer natürlich beide Rollen gespielt bzw. hintereinander abfolgend. In Zukunft dürfte es immer mehr Spieler geben, die eine solche Bandbreite souverän beherrschen. Bei Dunga galt dies auch im Aufbauspiel, zwischen unterstützend und omnipräsent. Bei all diesen unterschiedlichen Einbindungsmöglichkeiten würde ihn als Spielertypus in einer etwaigen Kurzbeschreibung vermutlich im Grundsatz als Allrounder bezeichnen, gegebenenfalls mit dem einen oder anderen Attribut versehen (etwa „Balance-Allrounder“).

Eine Sache – und per se noch nicht herausragend oder zukunftsweisend – ist es, als Allrounder einfach mehrere unterschiedliche Rollen zu können. In den meisten Konstellationen kann man auf jeweils einen Teil seiner umfassenden Fähigkeitenpalette zurückgreifen und darüber improvisiert zurechtkommen. Etwas anderes bedeutet es schon, sich in diesen Rollen jeweils empathisch einzufinden, auch extrem entgegengesetzte Einbindungen gleichmäßig umsetzen zu können, sie in ihrer Komplexität wirklich intrinsisch zu erfassen und sensible „Einsicht“ zu entwickeln. Dass komplette Spieler vieles ganz gut können, liegt in der Natur der Sache, das Zukunftsfähige bestünde in aus dem Allrounderprofil heraus entwickelten „Spezialistenspielverständnissen“, so die begriffliche Anregung seitens des Kollegen RM.

Vergleich mit Zito

An dieser Stelle berührt man eine stets schwierige oder gar heikle Frage, jene nach der Beziehung zwischen Universalisierung und Spezialisierung. Dazu sei das Beispiel eines anderen brasilianischen Mittelfeldmannes aufgegriffen, der in seinem grundlegenden Allrounderprofil insgesamt sogar noch kompletter war als Dunga und im Bereich der Rollenflexibilität auch recht nahe an diesen herankommt: Zito, die unvergessene Legende von Santos, dort phasenweise Kapitän in der so erfolgreichen Mannschaft der Pelé-Ära, zudem mit dem Nationalteam Doppelweltmeister von 1958 und 1962. Bei beiden Titeln bildete er im zentralen Mittelfeld ein nominelles Duo mit Didi, jedoch in zwei gänzlich unterschiedlichen Ausrichtungen. In Schweden 1958 agierte er defensiver, sollte seine Laufstärke einbringen und sorgte raumfüllend für Stabilität im rechten Halbraum.

Vier Jahre später hatte sich die Aufteilung mit dem gealterten und auf die Tiefe beschränkenden Didi geändert. Nun ging Zito viel weiter nach vorne, um Verbindungen herzustellen und das Angriffsspiel durch gut getimte Bewegungen zu unterstützen. Ebenso wie bei Santos wurde seine Ader als Situationslöser mehr betont. Was bei Dunga etwa im Falle der strategisch unterschiedlichen Pressingrollen besonders klar und allgemein herauskam, prägte das Bild bei Zito noch konstanter und kompletter: Er war ein Allrounder, der ungemein harmonisch in „partikulare“ Spezial-Rollen schlüpfen konnte. Insgesamt weisen Dunga und auch Zito mit ihren im Detail anderen Akzentuierungen voraus, dass bzw. wie Komplettheit im Fußball von morgen noch eine neue Bedeutung annehmen kann: nicht nur Vielseitigkeit durch Universalität, sondern auch die Verinnerlichung des Speziellen.

Von Spielertypen der Zukunft

In Falle dieses Adventskalendertürchens kann man abschließend noch einmal die Differenzierung zwischen Spieler und Spielertyp der Zukunft aufnehmen. Dunga selbst ist (wohl?) kein direkter Spieler der Zukunft, dafür war er einfach technisch noch zu unsauber und koordinativ wohl etwas zu instabil, neigte zudem im Aufbauspiel dazu, sich überbordende Präsenz zu verschaffen oder bei seinen häufigen langen Diagonalbällen zu überambitioniert attackierend zu werden. Von der Logik seiner Spielweise und der Art seines Profils verwies er jedoch schon in den 90er-Jahren auf Entwicklungen von morgen, stellte gewissermaßen – wie geschildert – einen frühen, noch ungeschliffenen Prototypen mit zukunftsweisendem Modellcharakter dar.

Schorsch 8. Dezember 2017 um 18:26

Eine längst verdiente Würdigung. Vielen Dank an TR. Wobei, wer in Brasilien mit der Bezeichnung ‚Dunga-Spieler‘ belegt wird, so richtig die ganze Verachtung einer vermeintlich ‚unbrasilianischen‘ Spielweise gegenüber zu spüren bekommt. Sehr klug auch das nochmalige Aufgreifen der Differenzierung zwischen ‚Spieler‘ und ‚Spielertyp‘ am Schluss. Gefallen hat mir auch der Verweis auf Zito. Aus der damaligen brasilianischen Mannschaft kann man so manche Spielertypen herausgreifen, die zukunftsweisend waren.

Dunga – Ein Jäger und Sammler. Ich habe da so einige Bundesligaclubs im Kopf, die einen solchen 6er aktuell gut gebrauchen könnten… 😉

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