Blick über den Tellerrand – Folge 46

Während Köln sich gegen die Krise stemmt: Was macht eigentlich das neue Team von Modeste in China? Zudem fällt dieser Blick über den Tellerrand auf das Stadtderby in Porto und einen spielstarken Linksverteidiger, der im Sommer von der Fußballbühne abtrat.

Wo es (recht) gut läuft: Tianjin Quanjian

Vor gut einem halben Jahr wurde an dieser Stelle schon einmal über Tianjin Quanjian aus der chinesischen Super League gesprochen, bei denen Fabio Cannavaro sein Debüt als Profitrainer feiert. Zum damaligen Zeitpunkt hatte es nach den ersten paar Partien einen durchwachsenen Start gegeben. Kurz vor Saisonende sieht es bei Quanjian – übrigens die Mannschaft, die mittlerweile Anthony Modeste unter Vertrag hat – so aus, als könne der Italiener in seiner ersten Spielzeit als Coach direkt einen oberen Tabellenrang – und vielleicht den Einzug in die AFC Champions League – verbuchen. Diese „Erfolgsgeschichte“ stand und steht aber zumindest auf nicht ganz sicherem Boden. Viele Elemente aus dem Frühjahr lassen sich aktuell weiterhin feststellen.

Wollte man es auf eine kurze Formel bringen, könnte man bei Tianjin Quanjian von einer Spielweise mit vielen vertikalen Aktionen und attackierendem Aufrückverhalten sprechen, in der Summe dann auch mit entsprechender Weiträumigkeit, wie sie beispielsweise einem Modeste nicht ungelegen kommt. Fluidität kann man dabei innerhalb der Grundräume und im Zuge bestimmter Rochademechanismen – klassisch zwischen Achter und Flügelstürmer, sowie den Pärchen auf den Außenbahnen – in hohem Maße verorten, allerdings werden temporär unbesetzte Räume bei Ballbesitz nicht immer gemeinschaftlich positionell aufgefüllt.

Häufige Besetzungen der letzten Wochen

Häufige Besetzungen der letzten Wochen

Aus dem nominellen 4-3-3 Quanjians heraus zeigen die beiden Achter im Aufbauspiel abwechselnd weite Vorstöße in die hohen Offensivzonen. Dies bildet ein prägendes und wiederkehrendes Moment. Trotz der flexiblen Umsetzung bleibt Witsel – mittlerweile tiefster Akteur – oft allein im Mittelfeld. So ergibt sich aber eine akute Gefährdung, die Anbindungen nach vorne zu verlieren. Gegen ein Angriffspressing, wie es Hebei CFFC im vorletzten Spiel über regelmäßige Phasen praktizierte, führte das zu Problemen: Die fünf hinteren Akteure bei Tianjin fanden kaum Anspielstationen und so gelang es selten, sich aus diesen Situationen herauszuspielen. Daher operiert das Team auch häufiger mal mit langen Bällen. Dafür hat sich mit Modeste mittlerweile ein passender Zielspieler herausgebildet, der vor allem den Rechtsaußen mit Weiterleitungen als auch Pato kreativ mit kurzen Kopfballablagen oder Hackenpässen bedienen kann.

Möglich sind natürlich gezielte und stringente Eröffnungsmuster am Flügel entlang. Auch diese Route praktiziert Tianjin mit Vertikalpässen der Außenverteidiger auf ihre Vorderleute, von denen sich beispielsweise Pato auch schon mal ballfordernder zurückfallen lässt. Die Spielstärke von Zhang Cheng und Mi Haolun hilft dabei natürlich, beide wurden zuletzt aber nicht mehr so konsequent gesucht und Letzterer musste zudem einige Partien aussetzen. So kann sich aufgrund der Achterrollen dann dasselbe Anbindungsproblem erneut ergeben, nur eben in anderen Zonen. So gab es schon manche Partien, in denen die Mannschaft etwas zu „regelmäßig“ Ballverluste und Konter hinnehmen musste.

Von der Sechs organisiert Witsel sein Mittelfeld nicht immer ganz konsequent auf Gegenpressing, sondern eher auf individualisierten Rückzug. Markant ist das hinter den weit aufrückenden Außenverteidigern eng und zentral bleibende Verhalten der Innenverteidiger in der Absicherung. Sie bleiben lieber etwas tiefer und schieben aus ihrer Position nur bedingt diagonal in die Anschlussräume nach. Gegen diese Gesamtkonstellation kann ein Gegner somit vergleichsweise viele Konter auslösen, dafür allerdings auch selbst im Umschalten die beiden verbleibenden Sicherungskräfte praktisch nie vor dem Angriffsdrittel schon überspielen. Teilweise treten bei Tianjian also etwas unorthodoxe Konstellationen zwischen Kompaktheit und torseitiger Restverteidigung zutage.

Generell lässt sich der Befund auf alle „defensiven Phasen“ ausweiten: Einerseits sind kleinere Schwächen in der Kompaktheit – etwa durch zu riskant koordiniertes Herausrücken des Mittelfelds im zweiten Felddrittel – zu konstatieren, in den Situationen selbst ist ansonsten das mannschafts- und gruppentaktische Verhalten jedoch recht gut: Positiv zeigen sich die gute Ballorientierung des Mittelfelds beim Verschieben zum Flügel – schon im April sehr wichtig – und die Balance in der Staffelungsfindung. Bei sehr dynamischen Szenen – vor allem natürlich im defensiven Umschalten – zeigen die Achter mitunter herausragende Rückwärtspressingkationen, aber ohne Konstanz, beim scheinbar sicheren Rückzug zum Strafraum gegen Flügelangriffe gibt es in guten Staffelungen wieder manche Nachlässigkeit mit der Kompaktheit.

Die Situation im Aufbauspiel wird etwas komplexer dadurch, dass die vielseitigen, in ihrer Balance jedoch problematischen Aufrückbewegungen der Achter mit bestimmten Abläufen gekoppelt sind. So geht ein typisches Muster in die Richtung, dass der halbrechte Mittelfeldmann genau dann vorstößt, wenn der rechte Innenverteidiger andribbelt. Im Stadtduell gegen Tianjian Teda war dies beispielsweise ganz fokussiert zu sehen. Im besten Fall kann sich dadurch passend ein raumöffnender Effekt ergeben und dem Defensivmann die Möglichkeit zum weiten Vorstoß geben. Gleichzeitig lief sich der andere Achter quasi rückwärts im ballfernen Halbraum frei, um bei Bedarf dort eine Verlagerung zu erhalten.

Die weiten Aufrückbewegungen der Achter können die Verbindungen verringern und flache Staffelungen hervorrufen, wie hier angedeutet, passen mit andribbelndem Aufrücken eines Innenverteidigers aber wiederum zusammen und böten dabei theoretisch auch ein Potential.

Die weiten Aufrückbewegungen der Achter können die Verbindungen verringern und flache Staffelungen hervorrufen, wie hier angedeutet, passen mit andribbelndem Aufrücken eines Innenverteidigers aber wiederum zusammen und böten dabei theoretisch auch ein Potential.

Fortgang dieser Szene gegen Tianjin Teda: Witsels Bewegung nach halbrechts vorne hat den gegnerischen Zehner weggezogen. Dadurch verlor der Gegner Präsenz auf der anderen Seite und Kompaktheit zum Stürmer. So wurde das Andribbeln nicht umgesetzt, sondern vielmehr die Zirkulation nach halblinks gesucht. Dem Achter bieten sich dort Möglichkeiten im Halbraum. Der gegnerische Flügel versucht herauszurücken, kann aber auch wegen seltsamer Orientierung des ballnahen Sechsers (schräg nach innen) nicht wirklich Effektivität entwickeln. Entsprechend wird es für Tianjin Teda schwer, abgesichert zum Flügel nachzuschieben, wo Pato Raum erhält und vor der Rückzugsbewegung noch den Diagonalweg zu Mittelstürmer Modeste anvisieren kann.

Fortgang dieser Szene gegen Tianjin Teda: Witsels Bewegung nach halbrechts vorne hat den gegnerischen Zehner weggezogen. Dadurch verlor der Gegner Präsenz auf der anderen Seite und Kompaktheit zum Stürmer. So wurde das Andribbeln nicht umgesetzt, sondern vielmehr die Zirkulation nach halblinks gesucht. Dem Achter bieten sich dort Möglichkeiten im Halbraum. Der gegnerische Flügel versucht herauszurücken, kann aber auch wegen seltsamer Orientierung des ballnahen Sechsers (schräg nach innen) nicht wirklich Effektivität entwickeln. Entsprechend wird es für Tianjin Teda schwer, abgesichert zum Flügel nachzuschieben, wo Pato Raum erhält und vor der Rückzugsbewegung noch den Diagonalweg zu Mittelstürmer Modeste anvisieren kann.

Dafür passte wiederum auch die Abstimmung mit Witsel sehr koordiniert, der etwa in jener Derbypartie ebenfalls Ausweichläufe beisteuerte. Wenn das gegnerische Mittelfeldband dagegen an Kohärenz einbüßte oder sich horizontal gegen den Vorstoß des Innenverteidigers zusammenziehen musste, war es dem ballfernen Achter möglich, Passwege zum Flügelaufrücken oder gar in den Halbraum zu bespielen. Dann kam Quanjian auch mal sehr kontrolliert in die vorderen Zonen. Generell gibt es auf den Außenbahnen als Ergänzung entsprechende Bewegungsmuster der dortigen Pärchen, die sich Flügel- und Halbraumbesetzung aufteilten. Gruppentaktisch hatten sie hier schon früh in der Saison eine gute Dynamik entwickelt, stützten sich in ihren ersten Partien vor allem auf Dreiecksabläufe an den Außenbahnen.

Vor diesem Hintergrund hat sich bei der Mannschaft Cannavaros eine Ambivalenz entwickelt, dass die Leerstellen des Anbindungsproblems teilweise von gut angelegten Mechanismen gefüllt werden. Anders gesagt: Wenn Quanjian diese eigene Schwäche in einzelnen Situationen mal beheben kann, entstehen mitunter sofort sehr gute Strukturen: Vor allem Wang Yongpo bietet sich mit vorstoßenden Diagonalläufen teilweise sehr klug genau in den strukturellen Problemzonen der gegnerischen Formation für Zuspiele etwa des Außenverteidigers an. In ihrer besten Saisonphase Mitte Juli sorgte schon eine kleine Balancesteigerung in der Umsetzung, wie genau die Aufrückbewegungen der dann nicht ganz so offensiven Achter stattfanden, zu einem deutlichen Leistungsschub bei Quanjian.

Zuletzt beim Derby gegen Tianjin Teda gab es einige Szenen, in denen Zhao Xuri sich von der Achterposition zunächst nach außen freilief und im Anschluss wieder sehr gut in die Schnittstelle der gegnerischen Mittelfeldkette einrückte. Allerdings konnten sie in jener Begegnung daraus im Endeffekt lange Zeit nichts Zählbares machen, obwohl der Gegner mit einer phasenweise zockenden Rolle auf der abwechselnd von Aloísio und Lavezzi besetzten Linksaußenposition sogar noch zusätzlichen Raum anbot. Über diese Bereiche kamen sie zwar mehrmals gut nach vorne, verschwendeten aber zahlreiche Szenen. Ein entscheidendes strategisches Problem der Mannschaft von Fabio Cannavaro – in ihrer allgemein vertikalen Anlage – liegt in einer Art von Entscheidungsfindung, in der sie oftmals viel zu früh den offensiven Pass in die Spitze versuchen.

Bei Kontern ist das nicht so problematisch: Da die drei Stürmer kaum bis an den Strafraum zurück verteidigen, haben sie gute Umschaltvoraussetzungen, zumal bei Typen wie Pato und Modeste mit ihren interessanten Absetzbewegungen. Ansonsten machen sie sich aber mit ihrer übervertikalen Art sogar viele Schnellangriffe selber kaputt. Zudem neigen sie in allen Spielphasen durch die Achterrollen dazu, in ihren Staffelungen an der letzten Linie zu flach zu werden – ein typisches Dilemma ihrer Saison. Wenn ein Stürmer aber einen langen Ball festgemacht hat und somit Ballbesitz im Angriffsdrittel gesichert ist, zeigt der Rhythmus ein gegenteiliges Bild: Gegen einen tiefstehenden Gegner verhält sich Tianjin wesentlich geduldiger. Bietet sich im eigenen Aufrückverhalten gerade keine sinnvolle offensive Möglichkeit, wählen sie recht passend das Warten und den Weg in die Rückzirkulation über das äußere Formationsgerüst. Teilweise lassen sich über kombinativ ankurbelnde Aktionen der Achter doch wieder Spielzüge aufnehmen.

Spiel der Woche: Boavista FC – FC Porto 0:3

büdt-46-boavista-vs-portoFußball ist ein komplexer Sport. Das kommt manchmal gerade dann zur Geltung, wenn man es gar nicht so sehr erwartet: Beispielsweise sind manche scheinbar simple Duelle zweier 4-4-2-Teams mit weiträumigen Prägungen teilweise in ihren Wechselwirkungen sogar besonders kompliziert, nicht nur durch gewisse Zufallseinflüsse, sondern aufgrund der potentiell hohen Wirksamkeit von schwierig fassbaren Details. Ein bisschen in diese Richtung ging am späten Samstagabend das Stadtderby in Porto zwischen dem europaweit gut bekannten Mehrfachmeister FC Porto und dem um 2000 mal ganz erfolgreichen, dann aber zwischenzeitlich gar drittklassigen Boavista. Prägend für die beiden 4-4-2-Formation in dieser Begegnung waren besonders die jeweils hohen Ausrichtungen der Offensivabteilungen, mit viel Präsenz, aber auch viel Bewegung an der letzten Linie.

Potentiell konnten beide Teams die Innenverteidiger des Gegners im Pressing aggressiv zustellen. Die allerletzte entscheidende Kontrolle brachte dagegen letztlich keine Mannschaft nachhaltig zustande. Die Gäste in Blau hatten insgesamt etwas mehr vom Spiel, mussten aber ebenfalls viel mit langen Bällen eröffnen. Statistisch schlugen am Ende beide Teams 20 % ihrer Zuspiele weit nach vorne. Bevorzugt suchten die Außenverteidiger der Gäste den Ball in den Rücken ihrer gegnerischen Pendants, wohin sich die wuchtigen, athletischen Angreifer immer wieder freiliefen. Das Raumöffnen gegen lose Mannorientierungen der Außenverteidiger funktionierte zwar, aber selten konnte Porto – eine Ballsicherung durch den Stürmer schon vorausgesetzt – dann stabile Anschlussunterstützung herstellen, vor allem nicht, wenn sich der jeweilige Angreifer mal etwas tiefer für den Direktball angeboten hatte:

Der Grund hierfür lag in der wichtigsten Defensivstärke Boavistas, der guten Ballorientierung ihrer Doppel-Sechs im Verschieben. Vor allem der jeweils ballnahe Akteur bewegte sich weit zur Seite herüber und füllte im Dreieck zwischen Flügelspielern und dem herausgeschobenen Innenverteidiger die passenden Räume auf. Versuchte sich ein Stürmer Portos zurück in die Mitte zu lösen, unterstützte er geschickt, um diesen zu isolieren. In Halbzeit eins konnte Boavista den Stadtrivalen häufiger auf dessen rechte Seite – weg von Brahimi – leiten, wo jener Mechanismus gegen den besonders weit nach außen tendierenden Marega gut funktionierte. Vielversprechender war es für die Blau-Weißen, auch aus seitlichen Zonen die langen Bälle in mittige Bereiche zu spielen – und das, obwohl sich Boavistas Flügelspieler nicht nur wegen des Anschlusses an die weit verschiebenden Sechser recht eng formierten.

Das Potential für „Oporto“ entwickelte sich vor allem aus Abprallern. Sprangen diese nach hinten in den eigenen Ballbesitz auf die lauernden Danilo und Herrera, konnte man das Spiel über schnelle Verlagerungen auf die nachstoßenden Außenverteidiger öffnen und so einfach zügiger in Richtung Grundlinie marschieren. Links klappte jenes Raumschaffen wegen Brahimis Einrücken häufiger. Dieser trieb sich dabei immer wieder vor den zwei gegnerischen Defensivketten herum und versuchte im Anschluss an zweite oder lose Bälle dort anzukurbeln. Allerdings kamen kaum Synergien mit den Sechsern zustande, die im Gegenzug nur wenig als Ergänzung in die Offensivzonen drängten. Das reichte dann selten gegen die gruppentaktisch stimmige Konstellation im Mittelfeld Boavistas, welches mit Anpassungsfähigkeit und intensivem Nachsetzen auffiel.

Wenn die beiden Stürmer neben der Pressingkoordination auch noch Sechser Danilo zustellten, kontrollierte die zweite Linie dahinter weiträumig fast sämtliche Versuche des Favoriten und konnte situative Freilaufbewegungen eines Flügelstürmers in den Halbraum im Normalfall per Überzahl aufnehmen. So entwickelte sich ein insgesamt sehr chancenarmes Spiel. Auch Boavista gelang nach vorne wenig, trotz phasenweise stärkerer Linksüberladungen durch die Dynamik der schlaksigen Kuca und Yusupha. Gute Akzente gingen immer wieder von David Simão aus, aber die 4-4-2-Struktur reichte wie beim Gegner nicht für ausreichende Kontrolle im Mittelfeldzentrum. So gab es viele lange Bälle, punktuelle Gefahr deutete sich mal über Espinho an, der sich recht gut diagonal hinter den gegnerischen Außenmittelfeldspielern freilief.

Letztlich entschied sich die Partie in Halbzeit zwei: Porto ging aus dem Nichts in Führung, nachdem sich Aboubakar mal für einen Querpass fallen ließ, sich gegen zwei Mann durchsetzte und so Raum für eine Verlagerung generierte. Danach musste Boavista irgendwann offensiver werden, wechselte später auch recht angriffslustig mit veränderter Besetzung des 4-4-2. Erhöhtes Risiko wirkte sich in der ohnehin umkämpften und von langen Bällen geprägten Spielcharakteristik aber stets in Form von steigender Tendenz zu Wildheit und Chaos aus. In der Schlussphase verlor der Gastgeber zunehmend die Organisation und die Konsequenz in der Absicherung, fing sich per Schnellangriff und per Konter noch zwei späte Gegentreffer. So ging eine Serie von vier ungeschlagenen Partien für das gut mithaltende Team von Jorge Simão zu Ende, während auf der anderen Seite Coach Sergio Conceição über die Rückkehr an die Tabellenspitze jubeln durfte.

Spieler der Woche: Maxwell

Im vergangenen Sommer ging eine schillernde Fußballerkarriere zu Ende, die man so vielleicht gar nicht unbedingt auf dem Schirm hat: Mit 37 internationalen Vereinstiteln zählt man Maxwell zu den am besten dekorierten Spielern überhaupt – gelungene Klubwahl mag man dem brasilianischen Linksverteidiger da attestieren. Schon sehr früh führte in sein Weg nach Europa, bei Ajax erlangte er zu Beginn dieses neuen Jahrtausends größere Bekanntheit, ehe dann die Stationen Inter, Barca und abschließend für mehrere Jahre PSG – wo er nun nach der aktiven Laufbahn direkt den Posten als Sportdirektor übernommen hat – folgten.

Selten war Maxwell in diesen erfolgreichen Mannschaften eine tragende Hauptfigur, vielmehr ergänzte er seine Teams stets gut. Mit seiner Vielseitigkeit fand er sich in verschiedenen Rollen zurecht, wenngleich er vor allem in den letzten Jahren hauptsächlich als klassischer Role-Player auf der Linksverteidigerposition fungierte. Er spielte solide und vor allem unaufgeregt, ohne große Hektik, strategisch nicht herausragend, ohne den großen struktur- und taktgebenden Einfluss, in Stellungsspiel und Positionsfindung mit nüchterner Zuverlässigkeit, in der Entscheidungsfindung manchmal etwas zu gleichförmig. Interessant war der Brasilianer vor allem als offensiver Spielertyp, durch seine Beiträge für die Phasen eigenen Ballbesitzes.

Technisch hatte er sehr viele Fähigkeiten, nutzte das auch im Passspiel immer wieder regelmäßig als eine seiner vielleicht wichtigsten Stärken: Wenn sich Optionen für diagonale Zuspiele in Zwischenräume boten, nahm sie Maxwell ziemlich konstant war und konnte sie sozusagen aus dem Stehgreif nutzen. In jüngeren Jahren verband sich das noch stärker mit Drang in die Angriffszonen, zumal aus offensiveren Positionen heraus, wie häufig bei Ajax. Dann spielte er noch ankurbelnder und vor allem weiträumiger, band sich gezielter mit Diagonalläufen ein. Diese Kombinationsstärke ging zwischen der ansonsten weitgehend unspektakulären Spielweise fast unter. Als Illustration kann diese einfach auch nett anzuschauende Top10 seiner Ajax-Tore dienen:

Prinzipiell hätte er sich noch aggressiver einbinden und damit für die Offensivzonen zu einem dominanteren, bestimmenderen Spielertyp werden können, dazu hatte er dann aber wohl auch nicht die entsprechenden Teams. Vielmehr passte er in jenen mannschaftlichen Umgebungen dann jeweils sehr gut als situationslösender, punktuell kreativer Mitspieler. Insgesamt kann man festhalten: Maxwell war schon ein ziemlich guter, moderner und wendiger Spielertyp, eigentlich eher eine dezent bleibende Künstlerseele. Nette Randnotiz übrigens: Gewissermaßen als seinen eigenen Ersatz hat er selbst für diese Saison Linksverteidiger Yuri Berchiche von Real Sociedad verpflichtet, der für PSG eine hilfreiche Alternative werden sollte. Mit ebenfalls diagonalen und auch ankurbelnden Ansätzen sowie guter Passgewichtung hat dieser in La Liga schon auf sich aufmerksam gemacht.

Cali 3. November 2017 um 23:02

Merino spielt btw. überragend für Newcastle!

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tobit 4. November 2017 um 11:09

In die Premier League passt er als Sechser sehr gut hin. Physisch stark, sehr gutes, attackierendes Zweikampfverhalten, Passsicherheit, Übersicht – alles auf hohem Niveau. Diese Stärken konnte man auch bei Dortmund schon sehen. Da haben seine manchmal langsame Entscheidungsfindung, die eher schwache Pressingresistenz (nutzte da seinen Körper noch zu wenig – macht er das jetzt besser?) und Tuchels Philosophie (der steht – in Kombination mit der zeitweise sehr schwierigen sportlichen Situation und offensichtlichen Kommunikationsproblemen (wo sieht er sich, wo der Trainer und wie viel Spielzeit ist zu erwarten) – weitere Einsätze (im Mittelfeld) verhindert.

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grammar nazi 1. November 2017 um 16:36

Stegreif

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tobit 1. November 2017 um 15:24

Wo wir gerade eine China-Analyse drin haben:
Kann jemand was zu Ricardo Goulart (einer der konstantesten Legionäre – die meisten legen sich wohl irgendwann auf die faule Haut, wenn man sich da so manche Berichte durchliest) oder Lei Wu (erster Chinese mit mehr als 20 Toren in einer Saison seit langem und mit 25 schon erfolgreichster Chinesischer Scorer aller Zeiten) sagen? Die beiden zerlegen seit Jahren die Liga und rufen dabei wohl auch spielerisch gute Leistungen ab. Wären die gut genug, in Europa sportlich mitzuhalten (auch wenn sie wohl niemand verpflichten kann/will, angesichts ihrer wahrscheinlich hohen Gehälter) oder profitieren die „nur“ von den amateurhaften Abwehrreihen?

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CE 2. November 2017 um 09:10

Es kommt darauf an, wie du mithalten definierst. Aber die könnten auf alle Fälle bei Mittelklasseclubs eine Rolle übernehmen, bei den Bayern oder Barcelona natürlich nicht. Goulart hatte ich schon immer mal auf unserem Kontinent erwartet, aber sein Karriereverlauf spricht etwas dagegen. Er ging mit 23 aus Brasilien nach China und bekommt bei GET auf alle Fälle ein stattliches Gehalt. Das würden ihm Wolfsburg oder Lazio, um einfach mal willkürlich zwei Namen zu nennen, nicht bezahlen. Normalerweise ist der Weg ja ein anderer.

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tobit 2. November 2017 um 10:38

Interessant finde ich in dem Zusammenhang ja Paulinho, der bei Tottenham ziemlich klar gescheitert ist, nach China ging und jetzt bei Barca zum fehlenden Puzzleteil (ein wenig wie Martinez 12/13 für Bayern – weitgehend unbekannter „Abräumer“ für 40 Mio., der die Spielmacher „entfesselt“) werden könnte.
Lazio oder Wolfsburg sagst du? Das wäre ja schonmal ein ordentliches Niveau, das ich als „mithalten“ bezeichnen würde. Dass es nicht für das allerhöchste Level reicht, hatte ich auch schon erwartet (wäre ja auch komisch, wenn den alle so völlig übersehen hätten).

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Gh 2. November 2017 um 12:57

finde interessant, dass es da zwischen nba und cba viel weniger berührungsängste gibt. hier kann man alle möglichen konstellationen beobachten: auch spieler, die in der nba zunächst gar nicht gedraftet wurden oder sich als rookies/sophomores nicht durchsetzen konnten, die es dann nach ein paar saisons in china wieder in die nba schaffen. und natürlich typen wie stephon marbury, die einfach weil sie bock drauf haben, die chinesische liga rocken. so wie thomas broich in australien. ich würde da eine größere offenheit und weniger „die vermiesen das geschäft“ attitüde begrüßen.

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TR 2. November 2017 um 23:54

Richtung Mittelklasseklubs würde ich da auch mit meiner Einschätzung gehen. Käme natürlich auch sehr stark auf die entsprechende Einbindung an. Ich mag Ricardo Goulart (ganz interessant vielleicht noch hier das Gespräch über die Cruzeiro-Mannschaft von 2013-2015 in einem alten Podcast: http://spielverlagerung.de/2014/11/03/sv-podcast-nr-24-der-blick-in-die-weite-welt/ ), aber er bräuchte dann eine Rolle, wo er sich nicht ganz so viel beteiligen müsste (bei mehr Raum kann er das schon punktuell ziemlich gut, macht das zwar nicht so strategisch, aber dafür konsequent attackierend) in tieferen oder Übergangszonen, sondern sich mehr auf die tornahen Offensivzonen konzentrieren könnte, um dabei seine starken Nachstöße, einzelne hohe kombinative Momente und seine Intuition wie technischen Finessen im Strafraum einzubringen.
Wenn jetzt hier auch Wu Lei erwähnt wurde, bringe ich einfach nochmal den Hinweis auf den Artikel zum Saisonstart in China aus dem Frühjahr, der vielleicht für manchen Leser noch ganz interessant sein könnte: http://spielverlagerung.de/2017/03/15/der-saisonstart-2017-in-china/

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tobit 3. November 2017 um 11:30

Könnte man Goulart mit Fabregas 2011 im 3-Raute-3 bei Barca vergleichen? Oder ist der noch mehr Stürmer?

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TR 7. November 2017 um 19:58

Ist schon ein interessanter und durchaus auch passender Vergleich mit vielen Parallelen, finde ich. Aber trotzdem würde ich tatsächlich noch sagen, dass Ricardo Goulart noch „stürmischer“ einzuordnen ist – mit direkterem Straframzug, könnte man vielleicht formulieren.

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tobit 7. November 2017 um 22:48

Danke für die Antwort. Wäre auf jeden Fall ein interessanter Spielertyp für viele Teams.
Wie steht es denn um die defensiven Qualitäten, oder ist er da in China völlig von befreit? Hast du da noch Eindrücke aus der Zeit in Brasilien?

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Cali 31. Oktober 2017 um 19:08

Ich sehe in Augustinsson einen ähnlichen Spielertyp. Technisch vielleicht nicht ganz so stark wie Maxwell, aber besitzt ebenfalls diese lässige spielmachende Komponente. Way to go.

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tobit 1. November 2017 um 12:34

Interessant. Hatte Augustinsson immer als „reinen“ Läufer auf dem Schirm, der vor allem durch seine Dynamik und gute Flanken überzeugt. Habe den aber (wie Maxwell auch) kaum gesehen.
Maxwell klingt für mich irgendwie ein bisschen nach Marcel Schmelzer für Ballbesitzmannschaften. Unaufgeregt, gute Entscheidungen, diagonales Passspiel, kluge Läufe – alles auch Eigenschaften von Schmelle, der aber wesentlich mehr Fokus auf seinem Spiel gegen den Ball hat (weil er technisch nicht besonders gut ist und keine Tore schießen kann).

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August Bebel 31. Oktober 2017 um 11:17

Dass Maxwell aufgehört hat, hab ich gar nicht wahrgenommen. Ist aber logisch, jetzt wo ich’s lese. Er hat übrigens bei jeder seiner europäischen Stationen mit Ibrahimovic zusammengespielt. Ich hab immer gedacht, dass Maxwell und Thiago Motta (auch Barca, Inter, PSG) mit ihrer Barca-Erfahrung sehr nützliche, wenn auch eher unspektakuläre Bausteine für PSGs Weg zur Ballbesitzmannschaft gewesen sind.

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