TEs Bundesliga-Check, Spieltag 3: Wie in den Neunzigern

Die 90er sind zurück! Gladbach bringt die Manndeckung, Leipzig das Sacchi-Pressing. Außerdem in der Kolumne zum dritten Spieltag: eine Analyse der Spielaufbau-Probleme des Hamburger SV.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag drei Aspekte raus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den “langen” Spielanalysen keinen Platz finden. Der Analysehappen für Zwischendurch.

Die Manndeckung lebt!

Um auch die Millenial-Generation an Spielverlagerung heranzuführen, starte ich diese Analyse mit einer Meme: WHAT YEAR IS IT? Diese Frage stelle ich mir Wochenende für Wochenende, wenn ich mir die Defensiven der Bundesligisten anschaue.

Die Manndeckung ist zurück! Unter einem anderen Namen (Mannorientierung) und in einem etwas anderen Gewand, doch der Trend ist nicht zu verkennen. Der Kollege Rene Maric hat einst in einem Taktiktheorie-Artikel erklärt, welche Formen der Manndeckung es gibt. Situative Manndeckungen, d.h. die Deckung eines Gegenspielers in einzelnen Situationen, nutzen nahezu alle Bundesligisten. Die Mehrzahl nutzt mittlerweile auch eine mannorientierte Raumdeckung, bei der man innerhalb der eigenen Formation im Raum verschiebt, aber einen Gegner deckt, sobald dieser in die Deckungszone eines Verteidigers eindringt. Schalke, Wolfsburg, Hoffenheim, Darmstadt, Ingolstadt und Augsburg sind Beispiele für Teams mit mannorientierter Raumdeckung.

Mittlerweile gibt es in der Bundesliga auch wieder Teams, die über diese Mischform der Mann- und Raumdeckung hinausgehen. Borussia Mönchengladbach ist das extremste Beispiel für eine Mannschaft, die sich komplett an den Gegenspielern orientiert. Auf dem ganzen Platz werden feste Zuordnungen erstellt:

gladbach-pressing-kolumne

Szene aus der Partie Gladbach gegen Werder: Gladbach in einer extrem mannorientierten Pressing-Situation. Jeder Gladbacher deckt einen Gegenspieler.

Diese Mannorientierungen auf dem ganzen Feld sind eine extrem aggressive Maßnahme; jedem Spieler steht ein Gladbacher Gegenspieler gegenüber. Gladbach ist dabei noch etwas extremer als Ingolstadt, die in der vergangenen Saison eine ähnliche Variante spielten. Dabei agierte Roger jedoch als „Libero“ hinter der vordersten Pressinglinie und verschob im Raum. Gladbach sichert das eigene Angriffspressing nicht durchgehend ab, sondern setzt bei hohem Pressing darauf, mit den direkten Zuordnungen das Spiel des Gegners zu blockieren.

Diese starke Form der Manndeckung spielt auch Eintracht Frankfurt. Gegen Schalke nutzten sie die Manndeckung ebenfalls in sehr hohen Zonen. Am Wochenende gegen Leverkusen zog man sich weiter zurück, agierte aber weiterhin eng am Mann. Der Gegenspieler war hierbei der erste Bezugspunkt für die Verteidiger, nicht etwa der Mitspieler oder die Position des Balls. Gerade die Variante von Niko Kovac erinnert in der Spielart doch stark an den Fußball aus den Neunzigern (nur dass Frankfurt wesentlich schneller und besser umschaltet). Eine Rückbesinnung auf alte Tugenden, könnte man fast sagen.

Das 4-4-2-Pressing lebt!

Die Manndeckung ist Teil Eins des 90er-Jahre Flashbacks. Teil 2 ist das Sacchi-Pressing. Damit bezeichne ich das Angriffspressing in einem 4-4-2, bei dem der Gegner auf die Flügel gelockt werden soll. Mit solch einem Pressing lässt aktuell Graslederkugelleibesübung Rasenballsport Leipzig aufhorchen. Ralph Hasenhüttl hat das System von Ralf Rangnick übernommen, setzt in Leipzig also (bisher) nicht auf sein favorisiertes 4-3-3-System.

Die Prinzipien, die Leipzig beim Pressing nutzt, ähneln stark jener Maxime, die Sacchi vor knapp 30 Jahren ausrief: Die ganze Mannschaft verschiebt gemeinschaftlich im Raum, die Stürmer laufen die gegnerischen Verteidiger an und locken das Spiel auf die Außenverteidiger. Dort schlägt Leipzig zu: Die Passwege zurück ins Zentrum werden verschlossen, Leipzig hat eine Überzahl in Ballnähe.

Leipzigs Pressing in der idealtypischen Variante: Die Stürmer laufen seitlich an und blockieren so die Passwege zwischen den Verteidigern. Es bleibt nur der Ball auf die Außenverteidiger, Leipzigs Außenstürmer läuft diesen an. Agiert der Gegner mit einer Dreierkette im Aufbau, können auch die Außenstürmer die äußeren Verteidiger pressen. In dieser Variante rücken die Außenverteidiger oder die Sechser auf die gegnerischen Außenverteidiger (grüne Linien).

Leipzigs Pressing in der idealtypischen Variante: Die Stürmer laufen seitlich an und blockieren so die Passwege zwischen den Verteidigern. Es bleibt nur der Ball auf die Außenverteidiger, Leipzigs Außenstürmer läuft diesen an. Agiert der Gegner mit einer Dreierkette im Aufbau, können auch die Außenstürmer die äußeren Verteidiger pressen. In dieser Variante rücken die Außenverteidiger oder die Sechser auf die gegnerischen Außenverteidiger (grüne Linien).

Diese Form des Pressing ist nicht bahnbrechend neu, sondern wurde – wie bereits beschrieben – bereits in den Neunzigern von Sacchi erfunden und angewandt. Leipzig kann dieses Pressing über 90 Minuten durchziehen, ohne Pause, ohne Ermüdungserscheinungen. Die Mechanismen funktionieren in der neunzigsten genauso wie in der ersten Minute, wie Borussia Dortmund am eigenen Leib spüren musste.

Passenderweise kommt es am morgigen Mittwoch zum Aufeinandertreffen der beiden höchst unterschiedlichen Philosophien: Leipzigs raumorientiertes gegen Gladbachs mannorientiertes Pressing. Es ist quasi ein Remake des Klassikers Inter Milan (Manndeckung) gegen AC Milan (Raumdeckung) aus den Neunzigern, damals mit Lothar Matthäus in einer Nebenrolle. Das Remake dürfte Zeitgeist-gemäß mehr Explosionen und ein höheres Tempo bieten. Ansonsten aber zeigt sich erneut: Die Fußballgeschichte ist keine Linie, sondern eine Spirale.

Krise beim Hamburger SV (mal wieder)

Um nach dem ganzen 90er-Kram die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, folgt ein typisches 2000er-Klischee: der HSV in der Krise. Nach drei Spieltagen steht nur ein Punkt auf der Habenseite. Mit dem 0:4 gegen Leipzig haben sich die Hamburger auch das Torverhältnis versaut.

Eine Baustelle des Hamburger SV ist der Spielaufbau. Schon in der vergangenen Saison klaffte in der zweiten Linie beim HSV oft eine Lücke. Ein Sechser lässt sich meist fallen, die Außenverteidiger rücken wiederum auf. Es entsteht ein 3-1-5-1 im Spielaufbau, wenn die Außenstürmer vorrücken teilweise sogar ein 3-1-3-3.

hamburger-sv-aufbaustruktur

Hamburgs Spielaufbau: Aus dem nominellen 4-2-3-1 lässt sich ein Sechser fallen, es entsteht eine Dreierkette. Davor rücken die Außenverteidiger allerdings soweit vor, dass nur ein Sechser in der zweiten Linie verbleibt. Im Mittelfeld klafft eine große Lücke, die überspielt werden soll.

Die Hamburger wollen die zweite Linie direkt überspielen und direkt in die dritte Linie gelangen. Dort, so die Hoffnung, ist man bereits hinter dem gegnerischen Mittelfeld angelangt und kann den Angriff mit Tempo zu Ende spielen. Dieses Mittel dient also auch der Konterverhinderung: Bei dieser Struktur wären Ballverluste im Mittelfeld besonders gefährlich, dort spielt der HSV aber nicht hin. Wenn sie mit ihren Pässen in die dritte Linie durchkommen, sind sie glücklich; falls nicht, können sie immer noch ins Gegenpressing übergehen und schnell wieder in eine stabile Defensivordnung zurückkehren, ohne dass der Ball zu nah am eigenen Tor ist. (Dummerweise verlieren sie den Ball aber auch zu oft durch schlechte Aktionen in der Abwehrreihe, was das Konzept etwas ad Absurdum führt.)

Leider gelangt der HSV jedoch zu selten tatsächlich in die Räume, die sie anvisieren. Gut verschiebende Gegner wie Leverkusen oder Leipzig halten die HSV-Spieler stets im Deckungsschatten. Die Aufbaustruktur mit der Dreierkette ist wiederum zu ausrechenbar, um tatsächlich einen überraschenden Pass anzubringen. Durch die fehlende Anspielstation im zweiten Drittel weiß der Gegner zudem, was der HSV vorhat – und lässt diesen so lange spielen, bis sie zum langen Ball greifen (oder einen dummen Fehler machen).

In dem Sinne ist es auch egal, dass der HSV viele Millionen in neue Spieler investiert hat. Ob nun keine Pässe zu Kostic, Halilovic oder Schipplock kommen, ist am Ende des Tages auch egal. Hier muss man aber nicht unbedingt Bruno Labbadia kritisieren; dieser nutzt diese Struktur seit Jahren und hatte dank gutem Gegenpressing bei langen Bällen in der vergangenen Saison mit einer ähnlichen Spielanlage einigermaßen Erfolg. Vielmehr wurde verpasst, in Verbindungsspieler im zentralen Mittelfeld oder einen Aufbauspieler zu investieren.

Kurzfristig könnte man die Struktur verbessern, indem man einen weiteren Mann für das Mittelfeld ins Spiel bringt. Ein zurückfallender Zehner könnte einen Pass in die zweite Linie ermöglichen und das Gesamtkonstrukt weniger ausrechenbar machen. So ähnlich agiert Hertha BSC bereits. Halilovic wäre eine interessante Variante, ist aber laut Labbadia noch nicht weit genug für einen Startelf-Einsatz. So könnte mit Freiburg eine weitere Mannschaft mit einem starken Pressing die schwache Aufbaustruktur der Hamburger ausnutzen. Was wären die 2000er auch ohne HSV-Krise.

[Vielen Dank an MR, der mir bei diesem Textabschnitt half.]

Lange Analysen des 3. Spieltags

1. FC Köln – SC Freiburg
Bayern München – FC Ingolstadt

WizzOo 26. September 2016 um 12:08

Relativ spät noch eine Frage zum HSV:
Wäre denn Marcelo Diaz ein geeigneter Verbindungs- oder Aufbauspieler gewesen?

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Kaiser5 21. September 2016 um 10:01

Schipplock ist kein Spieler des HSV 😉

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TE 21. September 2016 um 15:21

Naja, was ich sagen wollte: Es ist egal, ob da vorne die teuren Neueinkäufe Kostic oder Halilovic keine Bälle bekommen oder der abgegebene Ex-Spieler Schipplock.

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Goalimpact 21. September 2016 um 09:41

Nicht nur die Bundesliga kommt in den englischen Wochen auf Betriebstemperatur, sondern auch Du Tobias. Super Kolumne!

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a_me 21. September 2016 um 08:57

Ich weiß, das ist keine Frage, die einfach zu beantworten wäre, aber: Ist das jetzt „gut“ oder „schlecht“?

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The Soulcollector 21. September 2016 um 09:54

Falsche Frage.
Die Frage ist. Hat man damit Erfolg oder nicht?

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FAB 21. September 2016 um 09:54

Ich glaube so genau sollte man die Kolumne jetzt auch wieder nicht nehmen.
Allerdings gibt es Manndeckung tatsächlich erst seit den 90ern???
Ich hätte die Manndeckung in Reinform den 80ern zugeordnet. Beispielhaft wie Lothar Matthäus beim 1986 Finale 90 Minuten lang Diego Maradona hintergelaufen ist. In den 90ern gab es doch (abgesehen vom deutschen Fussball) eine sehr schnelle taktische Weiterentwicklung, wie eben durch Arrigo Sacchi, hinzu mehr Raumorientierung.
Auch beim HSV würde ich sagen, dass er sich seit Ende der 80er in einer Art Dauerkrise befindet.

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Koom 21. September 2016 um 10:52

Ich glaub, dass kommt immer mal wieder auf.

Irgendwie wiederholt sich Geschichte im Allgemeinen ganz gerne, im Fußball im Besonderen. 2000 rum waren alle happy, dass man Viererkette spielte und den Libero abgeschafft hatte. Plötzlich fand man dann aber wieder den Libero vor der Abwehr (noch Viererkette), mittlerweile wirds eine Art Liberokette und die Dreierkette gilt wieder als state-of-the-art. Mit den Manndeckungen verhält es sich ähnlich.

Der Punkt ist wohl, dass man sich immer ein bisserl auf einen Stil versteift und dann natürlich die damalige Gegenentwicklung wiederum hergenommen wird. Wobei Manndeckung schon heute seine Probleme hat, wenn der Gegner reichlich Rochaden und Positionswechsel nutzt, bzw. mehr Flexibilität (bspw. durch mehr Box-to-Box-Spieler oder freiere „Liberos“).

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Tom 21. September 2016 um 12:48

Der Vorteil ist noch zur Zeit, dass die Gegner nicht so richtig mehr wissen, wie man die Manndeckung knackt, bzw. das nicht eingespielt ist.
Wie das aussieht, wenn man gegen eine Mannschaft spielt, die selber viel besser die Manndeckung spielt und somit auch im Training damit konfrontiert wird, sieht man in der ersten Halbzeit Gladbach-Bremen. Bremen versucht es selber mit Mannorientierung und wird gnadenlos auseinander genommen.

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TE 21. September 2016 um 15:22

Nein, die Manndeckung gibt es schon länger. Diese Form der Manndeckung, also bei einem hohen Pressing in die Manndeckung überzugehen, sonst aber in tieferen Varianten mit einer eher zonenorientierten Variante zu arbeiten, erinnert mich persönlich immer an das Ende der Neunziger. Hitzfeld hat das ja teilweise auch spielen lassen (nur mit etwas weniger Pressing) und Trapattoni auch.

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FAB 21. September 2016 um 15:50

ok, diese Variante gibt es dann wohl tatsächlich erst seit den 90er. In den 80er Jahre hat sich die Manndeckung eher auf das Defensiverhalten bezogen, hohes Pressing hat man damals zumindest in der Bundesliga höchstens nur kurzzeitig (sozusagen als wildes Powerplay) gesehen.
Mir ist dieses mannorientierte hohe Pressing bei Gladbach noch nicht aufgefallen. Ich denke es macht auch nur dann Sinn wenn es gegen eine höchst verunsicherte Defensivreihe geht (wie es Werder zur Zeit vielleicht ist), ansonsten sind doch die Abwehrspieler mittlerweile ausreichend technisch und taktisch versiert, ein solches Pressing sehr leicht auseinanderzuspielen.

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FAB 21. September 2016 um 15:54

nicht Powerplay sondern Forechecking um bei Steffen Simons Fachjargon zu bleiben.

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TE 21. September 2016 um 15:19

Worauf beziehst du dich?

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Marcanton 21. September 2016 um 06:36

Ich muss TE widersprechen: Natürlich ist auch die HSV Krise ein Revival aus den 90ern, inklusive dem Beinahe-finanziellen Kollpas am Anfang (abgewendet durch den Doll-Verkauf) bis hin zu mehreren Saisons akuter Abstiegsnosst und absoluter fussballerischer Tristesse. Besser wurde es erst 99/00 und so begann das erste Jahrzehnt in HH mit CL-Fußball, gefolgt von vielen einstelligen Plätzen, zweimal EL-Halbfinale, nochmals CL und mehreren Siegen gegen die Bayern, sogar auswärts. Die totale Krise ist dann erst wieder seit 2010 angesagt…

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TE 21. September 2016 um 15:19

Stimmt eigentlich. Wobei es in den 90ern ja nicht ganz so schlimm war wie in den 2010ern…

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Dr. Acula 20. September 2016 um 22:33

das beste format überrascht mich immer wieder, danke dafür.

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tobit 20. September 2016 um 17:12

Ich finde es bei Schubert sehr interessant, dass er – entgegengesetzt zu fast allen anderen – die Flügel am wenigsten manndeckend spielen lässt. Gerade Aussenstürmer neigen ja zu rigider Manndeckung gegen gegnerische AV – warum kehrt er diesen „Automatismus“ um?
Mir gefällt das – vielleicht auch weil ich die 90er fussballerisch nicht verfolgt habe.

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