Sampaolis Start in Sevilla

Alles neu beim Europa League-Verein schlechthin: Jorge Sampaoli tritt an, um dem FC Sevilla eine südamerikanische Kur zu verpassen und nun auch die großen Namen des Vereinsfußballs zu ärgern. Wie gestaltet sich sein Start in Andalusien?

Die Saison beziehungsweise die Vorbereitung darauf sollte für den FC Sevilla unter dem neuen Trainer Jorge Sampaoli nach einigen Einheiten in Spanien ihren Anfang in Orlando nehmen, wo man sich unweit des Disney World Resorts erstmals in Szene setzte. Für den Argentinier selbst lag dieser Beginn nicht nur räumlich nahezu an der Schwelle zur eigenen Vergangenheit, ging es doch zunächst einmal gegen einen Club aus seiner Heimat sowie gegen einen kolumbianischen Vertreter. Übrigens das Land, in dem sein neuer Co-Trainer und Guardiola-Vertrauter Juan Manuel Lillo zuletzt eigenständig eine Mannschaft betreute.

Eine Verbindung zu Südamerika gab es gleichzeitig bei den ersten getätigten Transfers nach dem offiziellen Amtsantritt Sampaolis: Die aus Argentinien stammenden Matias Kranevitter, Joaquin Correa und Franco Vazquez stießen zum Team. Zur späteren Phase der Vorbereitung sollten unter anderem noch der ehemals als kommender Weltstar gehandelte Ganso sowie in Vietto und Mercado zwei weitere Argentinier zum Team stoßen.

Erste Ideen gegen River Plate

Gegen den Vorjahressieger der Copa Libertadores warteten Sampaoli und sein Team sogleich mit einer asymmetrischen Formation auf: Carrico, Pareja und Kolodziejczak bildeten eine verschobene Dreierkette. Kranevitter nahm, unterstützt von N’Zonzi eine tiefe Mittelfeldrolle ein. Davor, beziehungsweise daneben, hatte Iborra eine Mischung aus Achter- und Zehnerrolle inne, aus der heraus er seine Ablagen und Weiterleitungen fokussieren konnte. Vitolo bewegte sich von links zusätzlich vermehrt ins Zentrum, Gameiro zeigte sich aus dem Sturmzentrum heraus gewohnt bewegungsfreudig, während Sarabia etwas höher und breiter positioniert war, um hinter den gegnerischen Außenverteidiger zu gelangen. Die interessanteste Aufgabe kam jedoch zunächst dem Mann hinter ihm, Mariano, zu.Aufstellung River Plate 1HZ

Dieser wurde nominell als so etwas wie eine Mischung aus Außenverteidiger und Wingback aufgeboten, driftete jedoch gerade zu Beginn immer wieder ins Zentrum, wo er eine Achter-Rolle („interior“) einnehmen konnte, so wie man es beispielsweise aus Mannschaften von Sampaolis Lehrmeister Marcelo Bielsa kennt. Durch entsprechende Bewegungen der Mitspieler konnten rautenhafte Staffelungen in Ballbesitz entstehen. Überhaupt bot das Aufbauspiel der Andalusier bereits am meisten Anschauungsmaterial in Bezug auf die neue Spielphilosophie. Hierbei bemühte man sich merklich um Flexibilität. In der Regel schob Kolodziejczak wie ein Linksverteidiger hoch, während Pareja und Carrico weit nach links beziehungsweise rechts auffächerten und Kranevitter den Platz vor ihnen im Zentrum einnahm. Im weiteren Verlauf des Spiels trat hier auch vermehrt N’Zonzi in Aktion.

Zudem zeigte sich die erste Aufbaulinie gewillt, Torwart Soria vermehrt einzubinden. So konnte er zwischen Pareja und Carrico eine Dreierkette erzeugen, aber auch selbst situativ in die Rolle des rechten Innenverteidigers rücken. Hierzu schob Carrico auf der rechten Seite höher, während Pareja halblinks verblieb. Die Mannschaft blieb dabei durchaus ruhig in der Zirkulation. Die Anbindung in höhere Zonen fehlte jedoch häufiger einmal, was auch an der noch nicht hinreichenden Abstimmung zwischen N’Zonzi und Kranevitter lag, die sich zu sehr in derselben Zone aufhielten. Gerade in tief seitlich festgefahrenen Situationen wurden zusätzlich grundsätzliche Mängel in der gruppentaktischen Abstimmung offensichtlich. Anstatt für Dynamik und Anbindung ans Zentrum zu sorgen, verharrten die einzelnen Spieler eher an der Linie oder im Deckungsschatten.

In der Folge gab es neben vereinzelten Ballverlusten immer wieder lange Bälle zu sehen, die vorzugsweise in Richtung kleiner Spieleransammlungen auf Außen gespielt wurden und für Überladungsansätze sowie Pärchenbildungen genutzt werden konnten.
Vereinzelt setzte sich außerdem Vitolo zwischen den gegnerischen Linien in Szene, wenn Iborra auf sein Einrücken passend reagierte. Aus der eigenen ersten Linie wurden derlei Situation bereits ansatzweise für scharfe, gerade von halbrechts diagonale, Zuspiele genutzt. Grundsätzlich ergaben sich auch ordentliche Strukturen für ein effektives Gegenpressing, bei dem es jedoch ein ums andere Mal an der entscheidenden Abstimmung fehlte. Die Absicherung ließ zu wünschen übrig, die Verteidiger wurden bei der Restverteidigung in Gleichzahlsituationen gezwungen, die sie jedoch zumeist souverän lösten.

Das Spiel gegen den Ball zeigte sich insgesamt nicht sonderlich intensiv und kompakt. Vertikal ließ sich Sevilla weit strecken und verteidigte zu simpel mannorientiert. Der tiefe rechte Halbraum, der gemeinschaftlich von Sarabia und Mariano gefüllt werden sollte, stand ein ums andere Mal offen, während die Mechanismen auf links um den zurückfallenden Vitolo besser griffen. Hier ergaben sich, unterstützt durch weites Einrücken von Mariano, Momente guter Kompaktheit – zumindest der Weg zum Tor wurde ordentlich verstellt.
Darüber hinaus war es eine ausgesprochen südamerikanische Form des Pressings, bei der es kaum ausgefeilte Kettenmechanismen zu sehen gab. Dafür eine gewisse Flexibilität, die für Formationen mit Dreier-/Vierer-/ oder Fünferketten sorgte.

Weiter vorne entstand gerade in der zweiten Halbzeit, in der das gesamte Konstrukt durch die Einwechslung Cokes für Mariano eine klarer 4-2-3-1-hafte Tendenz aufwies, verschiedene Versuche das Aufbauspiel von River Plate in bestimmte Zonen zu leiten – etwa in einen der Halbräume, welcher dann durch entsprechendes Herausrücken gefüllt werden sollte. Hierbei von klaren Mustern zu sprechen wäre jedoch zu früh. Vielmehr zeigte sich ein Probieren, was im Rahmen eines ersten Testspiels absolut angemessen erscheint.
(Halb)Rechts wurden etwaige Überladungstendenzen deutlicher, um den ebenfalls eingewechselten Konoplyanka auf der gegenüberliegenden Seite in klarere 1 gegen 1-Situationen zu bringen. Der zusätzlich ins Spiel gekommene Correa sollte sein Debüt feiern, jedoch erst beim darauffolgenden Spiel eine tatsächliche Wirkung entfalten.

Halbraumdominanz gegen Santa Fé

Hier wechselte das Trainerteam auf eine klare 4-1-4-1-Formation, die weniger asymmetrisch, aber gleichzeitig in ihrem taktisch-strategischen Fokus schon deutlicher daherkam und in der ersten Halbzeit für einige ansehnliche Momente sorgen sollte. Abermals lag ein Augenmerk auf der Kontrolle in eigenem Ballbesitz bei durchaus weiträumiger Zirkulation. Die Innenverteidiger fächerten wiederum fast bis zur Seitenlinie auf, Kranevitter ließ sich in einer passenderen Rolle und Einbindung entweder komplett zwischen sie fallen oder hielt sich als Spitze eines Aufbaudreiecks vor ihnen auf. Dabei zeigte er bis auf wenige Ausnahmen eine hervorragende Orientierung, die ihm dabei half trotz seines leicht träge daherkommenden Stils vorausschauend zu agieren.
Vazquez nahm in der ersten Phase des Aufbaus zudem die tiefere Achter-Rolle ein. Gerade nach Verlagerungen von Innenverteidiger zu Innenverteidiger ließ er sich tief unterstützend im rechten Halbraum nieder, während Kranevitter sich gleichzeitig etwas hochbewegte. Aufstellung Santa Fe 1HZ

Vielfach ging es darum, sich in einem Bereich etwas zusammenzuziehen und den Übergang in eine freie Zone zu ermöglichen. Zunächst für den ballfernen Innenverteidiger, in der Folge idealerweise dann auch für den dortigen Achter. Die Außenverteidiger blieben zudem recht tief, um die mannorientiert agierenden Flügelspieler des Gegners zu binden und durch die breite Position Passwege zu öffnen. Diese wurden dann auch in entsprechendem Maße genutzt. Allen voran Kranevitter spielte den ein oder anderen Laserpass zwischen die gegnerischen Linien, während Pareja und Kolodziejczak vermehrt andribbeln konnten.

Bei einer möglichen Überladung des Halbraums gab es mehrere Muster: So konnten sich beispielsweise beide Achter durch Herüberziehen von Vazquez in eine Zone bewegen oder Correa balancierte ballfern in tieferer Position, während Vazquez sich gemeinsam mit dem ausweichenden Gameiro am rechten Halbraum orientierte, den Sarabia einrückend besetzte. Konoplyanka blieb derweil ballfern in der Breite und konnte in der Folge diagonal nach Innen starten.

Zusätzlich kamen Flügelabläufe ins Spiel – in der einfachste Variante umfasste dies bloßes dynamisches Hinterlaufen mit recht gut abgestimmten Timing. Hierbei wurde die Besonderheit des Flügels genutzt, dass man den Gegner ohne großes Risiko zunächst zurückdrängen kann, um das Spiel anschließend in gefährlichere Zonen zu tragen. Unterstützt wird ein Vordribbeln am Flügel etwa durch einen Spieler, der sich diagonal aus dem Zentrum nach Außen und gleichzeitig leicht rückwärts absetzt, während ein anderer dessen Position von außen einrückend aus der Bewegung heraus einnimmt. Man schafft mit einfachen Mitteln eine Anspieloption nach hinten und kann den bisher verbuchten Raumgewinn sichern. Zudem lässt sich eben durch Ausweichen Gameiros bei gleichzeitigem Besetzen des Zehnerraums durch den ballfernen Achter ein seitlich-diagonales Bespielen des Raums vor der Abwehr ermöglichen.Auf Strafraumhöhe konnte der Ball so teilweise auch direkt horizontal von außen zu Gameiro gelangen. Vazquez zeigte ebenfalls nach Außen gerichtete raumöffnende Bewegungen, die Coke gleichzeitig ein Dribbling zur Mitte hin ermöglichen konnten.

Überladung des rechten Halbraums

Überladung des rechten Halbraums

Solche Positionswechsel gab es auch auf der anderen Seite zwischen Escudero und Correa zu sehen. Konoplyanka beteiligte sich daran vermehrt durch Freiziehen von Räumen in Form von Tiefenläufen. Durch die aktive Einbindung ins Ballbesitzspiel standen die Außenverteidiger auch direkt für das Gegenpressing zur Verfügung und konnten durch beidseitiges Einrücken den Zugriff erhöhen. Kranevitter konnte zudem frühzeitig nachstoßen und so Ballverluste verhindern oder deren Effekt minimieren.
Wie eine Zusammenfassung all dieser neu entstandenen Möglichkeiten wirkte schließlich der Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0, bei dem sich Sevilla gruppentaktisch effektiv und gleichzeitig simpel wirkend mit Vertikalpässen, die jeweils zur Seite in minimal offene Zonen weitergeleitet wurden, durch den linken Halbraum kombinierte. Der Abschluss blieb für Gameiro ein Leichtes. So erzielen Stürmer 30 Tore pro Saison.

Einfacher Dreiecksablauf am Flügel, den es bei Chile auch schon häufiger mit Vidal als linkem Achter gab.

Einfacher Dreiecksablauf am Flügel, den es bei Chile auch schon häufiger mit Vidal als linkem Achter gab.

Einen Strich durch weitere Pläne machte den Mannen von Sampaoli eine Undiszipliniertheit Parejas und der daraus resultierende Platzverweis nach 28 Minuten. Statt einen personellen Wechsel vorzunehmen stellte Sevilla auf ein recht riskantes 3-1-4-1/5-1-2-1 um und variierte unter Einbindung von Soria immer wieder im Aufbau, indem einer der vormals als Außen-, nun als Halbverteidiger agierenden Spieler hochschob und der andere tiefer blieb. Die Achter und Kranevitter rückten zudem im Pressing aggressiver heraus. In den letzten Sekunden des ersten Durchgangs holte sich schließlich auch der Gegner aus Argentinien noch einen Platzverweis ab.

Die zweite Halbzeit verlief durch diese Spielsituation und einige Wechsel schleppender und aus Sicht der Andalusier weniger spektakulär. Der einsetzende Linksfokus weitete sich teilweise zu einem Festspielen am Flügel aus, Kolodziejczak bekleidete nach Einwechslung Carricos wieder eine ähnliche Rolle wie im ersten Test. Die horizontale Kompaktheit im Abwehrdrittel ließ nach und die Staffelung in der eigenen ersten Linie wurde des Öfteren zu flach, woraus letztlich auch noch der Anschlusstreffer von Santa Fé entsprang. Insbesondere in der Schlussphase und einer abermaligen Umstellung auf ein 4-1-3-1/4-4-1 gab es immer wieder Ansätze einer Pressingfalle im Zentrum beim höheren Anlaufen, die jedoch keinen allzu großen Effekt erzielte.

Wechselhaftes Zwischenspiel in Mainz

Um herauszufinden, wie Sevilla gegen 11 weniger mannorientierte, kompakter zueinander agierende und im Konter gefährliche Spieler agieren würde, bot sich wohl kein Flecken Erde besser an als Deutschland und dessen Schulbuchvertreter Mainz 05. Nachdem zuvor Sandhausen unter Ausschluss öffentlicher Kameras 2:1 besiegt werden konnte, setzte Jorge Sampaoli gegen den Europa League-Teilnehmer die im Test gegen Santa Fé gezeigten Tendenzen bei eigenem Ballbesitz nur teilweise fort, während es gegen den Ball weitere Varianten und Entwicklungsschritte zu beobachten gab.Aufstellung Mainz 1HZ

Kranevitter startete als Sechser vor der aus Coke, Carrico, Kolodziejczak und Escudero bestehenden Viererkette. Unterstützt wurde er im zentralen Mittelfeld von Iborra und N’Zonzi, während auf Außen Correa und Konoplyanka begannen. Gameiro hatte derweil seinen letzten Auftritt im Sevilla-Dress.
Mit Sergio Rico im Tor wurde die bereits zuvor angedeutete Tendenz, den Torwart aktiv einzubinden, noch weiter forciert. Die Torwartkette sollte auch in den nächsten Spielen ein wichtiges Mittel darstellen, um Gegner beispielsweise durch angedeutetes Andribbeln herauszulocken oder um im Aufbau zumindest eine sichere Rückpassoption zu haben, falls ein erfolgsstabiles Vorrücken zunächst nicht möglich war. Die Innenverteidiger schoben im Gegenzug wieder fast zu bis zur jeweiligen Auslinie, was teilweise für eine dreifache Flügelbesetzung sorgte. Dies resultierte in einer Spielweise, der die Verbindungen etwas abhandenkamen, zumal die beiden Flügelspieler auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls breit blieben.

Kranevitter hielt sich wiederum tief vor der ersten Aufbaureihe und hatte gute Momente, wenn er sich halblinks genau in jene Zone absetzen konnte, die zwischen den Zugriffszonen von Mainz‘ rechtem Mittelfeldspieler und dem rechten Stürmer lag. Dies war deutlich effektiver als bloßes Abkippen, wie es Iborra ein paar Mal recht ideenlos zeigte. So war dann teilweise eine effektive Weiterführung des Angriffs hinter das gegnerische Mittelfeldband oder über einen der Flügel möglich, auf denen abermals diverse Hinter- und Vorderlaufbewegungen zu beobachten waren. Am auffälligsten erschien dies auf der rechten Seite, wo Coke sich durch einen entsprechenden Sprint hin zur Innenbahn immer wieder auf der nominellen Position eines rechten Stürmers wiederfand, während Gameiro ganz außen anzutreffen war und Correa mit seinen Dribblings Kombinationen im situativ freigezogenen Halbraum einleiten konnte.

Im Zentrum fehlte es derweil viel zu häufig an entsprechenden Bewegungen oder sie wurden durch suboptimale, wenn nicht gar völlig fehlende, Anschlussaktionen selbst neutralisiert. N’Zonzi nahm häufiger einmal seine eigenen Mitspieler in den Deckungsschatten. Auf Zurückfallen Correas im Halbraum wurde kaum reagiert. Dies verbesserte sich erst im weiteren Verlauf des Spiels, als Vazquez für Correa eingewechselt wurde und zeitweise wie eine falsche Neun agierte, was die Zentrumspräsenz verstärkte. Dazu trugen schließlich auch die Einwechslungen von Vitolo für Konoplyanka und Sarabia für Iborra und damit verbundene engere Flügelrollen bei.

Das "U": Iborras Zurückfallen verstärkt die Verbindungslosigkeit noch weiter.

Das „U“: Iborras Zurückfallen verstärkt die Verbindungslosigkeit noch weiter.

Zuvor lag neben Verlagerungen auf die Flügel ein höherer Fokus auf lange Pässe und den darauffolgenden Gewinn des zweiten Balles, was auch eine durchaus sinnvolle Einbindung von N’Zonzi und Iborra darstellte. Doch das Zusammenziehen konnte einige Male durch kleinere Lücken in zentralen Zonen umspielt werden. Zusätzlich zeigte sich die Abstimmung in der Viererkette sowie bei der Restverteidigung insgesamt nicht auf höchstem Niveau. Dies wurde zusätzlich durch wiederholtes Herausrücken und Aufnehmen von Mannorientierungen verstärkt. Sowohl Innen- als auch Außenverteidiger konnten zwar entstehende Lücken neben Kranevitter füllen, aber rissen eben weiter hinten neue Räume, die nicht mehr schnell genug verdeckt werden konnten. In einer Szene vor der Halbzeit kombinierte Mainz sich so blitzschnell durch Sevillas linken Halbraum, ohne das Zugriff oder Raumkontrolle von deren Seite gewährleistet werden konnten.

Das grundsätzlich im 4-1-4-1 angeordnete Pressing zeigte sich ansonsten gerade weiter vorne flexibel. Es hatte stets zum Ziel, den Gegner auf einer Seite festzumachen und den Weg für eine Verlagerung zu versperren. Gleichzeitig konnten früh unkontrollierte lange Schläge provoziert werden, wozu unterschiedliche Mannorientierungen genutzt und Gegenspieler in den Deckungsschatten genommen wurden. Sowohl Correa als auch Konoplyanka konnten den Innenverteidiger auf ihrer Seite bogenförmig anlaufen und den Außenverteidiger im Deckungsschatten behalten, um so das Spiel in den Halbraum zu leiten. Gameiro besetzte dann den anderen Innenverteidiger beziehungsweise schnitt ihn vom Geschehen ab. Der jeweilige Außenverteidiger orientierte sich vorrückend an seinem Pendant.

Die Flügelspieler konnten diesen Part jedoch auch selbst übernehmen. Dann ging eher einer der Achter mannorientiert in Richtung der Innenverteidiger. Je nach Situation entstanden dadurch aus dem 4-1-4-1 Staffelungen zwischen 4-3-2-1, 4-2-3-1 und 4-1-3-2, tiefer auch eher mal 4-4-1-1-haft. Auffällig war in der Folge vor allem, wie aggressiv gerade der ballferne Achter mit zur Ballseite schob. In einigen Szenen wurde sogar die Zentrumsbesetzung völlig vernachlässigt, ohne dass der entstehende Raum einfach zu bespielen gewesen wäre. In einer fast vertikalen Linie aus Spielern wurden jegliche Wege dorthin blockiert.

Diese Ausrichtung ermöglichte einerseits einige vielversprechenden Ballgewinne und führte zu schnell ausgespielten Kontersituationen. Andererseits nahm die Intensität in tieferen Flügelzonen ab, während die Strafraumverteidigung grundsätzlich chaotisch ablief und eher darauf abzielte, Mainz aus dem gewohnten Rhythmus zu bringen. Für einen 1:0-Sieg reichte es trotz gewisser Mängel durch einen Treffer von Escudero, als dieser zur Absicherung der ersten Gegenpressing-Linie bis ins Zentrum eingerückt war und den Ball volley im Eck unterbringen konnte.

Absolute Ballbesitz-Dominanz mit Risiko auf St.Pauli

Gegen einen eher wenig darauf vorbereiteten und somit durchaus ratlos wirkenden Gegner, dem man darüber hinaus individuell deutlich überlegen war, zeigte der FC Sevilla die interessanteste und gleichzeitig riskanteste Vorstellung der gesamten Vorbereitung. Erstmals griff das Trainerteam auf eine echte Dreierkette zurück und ließ die Mannschaft zunächst in einem 3-1-4-2/3-1-4-1-1 mit rautenhafter Tendenz auflaufen. Aufstellung St. Pauli 1HZ

Wie „echt“ diese Dreierkette war, offenbarte sich einerseits defensiv darin, dass es ballfern, abgesehen von vereinzeltem mannorientierten Verfolgen, keinen wirklichen Mechanismus zum Zurückfallen eines Flügelläufers gab. Diese Position war ohnehin mit zwei offensiven Spielern besetzt: Links der eher kleinräumige Kombinations-Dribbler Correa; rechts Vitolo, der gerne Haken gegen die Bewegungsrichtung der Verteidiger schlägt und beim folgenden Antritt in größere Räume oft nur mit Fouls zu halten ist.

Andererseits war auch die Rolle der Halbverteidiger überaus angriffslustig. Zeitweise spielten beide wie Außenverteidiger und dribbelten aggressiv an oder gingen in eine hohe Position. Zumindest einer von beiden tat dies durchgehend, während der andere ballfern zur Absicherung tiefer blieb. So konnte es durchaus einmal zu Situationen kommen, in denen einer der Halbverteidiger einen Diagonalball über das gesamte Feld zu seinem Pendant spielte – einer situativ in Innenverteidiger- Rolle, der andere wie ein Außenverteidiger vorgehend.Diego Gonzalez agierte zwischen ihnen wie ein Libero, blieb zurückhaltend und sollte Konter entschleunigen und bei Möglichkeit abfangen. Auch Iborra füllte im Gegenzug häufig die Dreierkette zentral auf. Zunächst eher gegen den Ball, zum Ende des Spiels auch zunehmend bei eigenem Ballbesitz.

Aus der Grundformation verschoben die Andalusier phasenweise überaus kompakt. Sie streuten immer wieder Phasen eines Mittelfeldpressings mit engen Stürmern ein, wussten aber insbesondere im Angriffspressing mit gutem Lenken des gegnerischen Aufbaus zu überzeugen. Dem jeweils ballführenden Innenverteidiger wurden so lange die Optionen durch einzelne Mannorientierungen und die Nutzung von Deckungsschatten auf stetig enger werdendem Raum genommen bis ihm nur ein unkontrollierter langer Ball übrigblieb. In einer Szene zeigte sich der zugrundeliegende Ansatz deutlich, als sich rechts vorne um den Ballführenden eine Art Fünfeck aus den beiden Stürmern, Achtern und dem eingerückten Vitolo bildete, aus dem sich der attackierte Spieler nur mit einem kaum mehr zu dosierenden Rückpass retten konnte, der auf der gegenüberliegenden Seite ins Toraus ging. Dieses „Umzingeln“ eines oder weniger Gegenspieler auf engem Raum, oft auch klar rechteckig an einer der Seitenlinien angeordnet, gab es vor allem im Gegenpressing zu sehen, welches von den guten Strukturen bei eigenem Ballbesitz profitierte.

Extreme Kompaktheit. Ballferne Seite weit offen, aber aus der Situation praktisch unbespielbar

Extreme Kompaktheit. Ballferne Seite weit offen, aber aus der Situation praktisch unbespielbar

Hier gab es vielfältige Bewegungen zueinander, die in ihrer Gesamtheit kaum zu erfassen waren, da sie letztlich immer in Relation zu offenen Räume aus der Situation heraus entstanden. Gerade anhand der zentralen Achse des Mittelfelds lässt sich zudem ein Bezug auf die jeweiligen Aktionen der Mitspieler verdeutlichen. Grundsätzlich war Sarabia leicht versetzt hinter Vietto zu finden, bot sich jedoch in der gesamten Breite als freier Spieler zwischen den gegnerischen Linien an und ging oft auch geschickt in etwas entferntere Schnittstellen, wo er anspielbereit war. Dabei agierte er grundsätzlich eher in der Rolle desjenigen, der auf die Mitspieler reagierte statt selbst aktiv deren Aktionen anzustoßen.

Er hatte je nach Situation mehrere Referenzpunkte, etwa das Ausweichen und Zurückfallen Viettos (gerne mal in einen aufeinanderfolgenden Move zusammengefügt) oder die Bewegungen von Vazquez nach links heraus. Gleichzeitig konnte er aber auch in einer Art „zweiten Welle“ selbst Schwung in festgefahrene Staffelungen bringen, indem er weiträumig auswich oder sich aktiv an Schnittstellen orientierte. In der Initiierung von Angriffsverläufen zeigte sich Vazquez demgegenüber in früheren Phasen dominanter, indem er aktiv den Ball forderte oder von sich aus seinen Grundraum verließ. Darauf reagierte wiederum eher Borja Lasso, indem er die Struktur balancierte und die Verbindungen untereinander aufrechterhielt.

Wenn man sich lediglich die Bewegungen innerhalb des Teams anschaut, lässt sich daraus eine Art Kreislauf mit Rochaden herausarbeiten, wie er exemplarisch in der nachfolgenden Grafik dargestellt ist. Die zentrale Achse blieb bei wechselnden Anordnungen in Verbindung zueinander. Es wurden stets andere Räume betont oder geöffnet, die dann je nach Gegnerpositionierung bespielbar sind oder eben nicht.

In der Abfolge und der genauen ANordnung nicht direkt dem Spiel entnommen. Aber: Diese Möglichkeiten (und viele weitere) gab es für synchronisierte Bewegungen.

In der Abfolge und der genauen ANordnung nicht direkt dem Spiel entnommen. Aber: Diese Möglichkeiten (und viele weitere) gab es für synchronisiertes Movement.

Hinzu kamen dann eben noch die Bewegungen der äußeren Spieler, welche situativ ins Zentrum ziehen (gerade Vitolo hier häufig mit dominanten Läufen) oder als Verlagerungsoption außen den Ball erhalten. Geschah dies, bestimmte die Bewegung des Flügelspielers die Reaktion der Mitspieler: Dribbelwege ins Zentrum wurden freigezogen oder Möglichkeiten zur Spielverlagerung geschaffen, etwa durch extreme Überladungen, die den gegenüberliegenden Halbraum öffneten. Die gesamte zentrale Achse konnte sich somit zur Seite verlagern und dort die Verbindungen aufrechterhalten. In offenen Situationen bestimmte dann der Flügelspieler durch den Lauf in eine Schnittstelle, wohin der Ball zu spielen war.

Mögliche Abläufe auf links. Diese konnten zusätzlich durch Ausweichen von Vietto oder Vorstoßen von Kolodziejczak erweitert werden, wodruch sich die Staffelungen nochmals veränderten,

Mögliche Abläufe auf links. Diese konnten zusätzlich durch Ausweichen von Vietto oder Vorstoßen von Kolodziejczak erweitert werden, wodruch sich die Staffelungen nochmals veränderten,

An dieser Stelle lässt sich schließlich auf die Rolle des Gegners überleiten, die in diesem Fall eben lose mannorientiert und reaktiv daherkam, somit allzu oft gegen die initiierende Spielweise ins Hintertreffen geriet. Besonders anschaulich zeigte sich dies in einer Konterszene zum Ende der ersten Halbzeit, als Sevilla durch das passive Verhalten St. Paulis begünstigt (wie auch in vielen weiteren Situationen) einen Raum nach dem nächsten frei zog, in dem sich jeweils ein neuer Mitspieler anbot. So kamen sie innerhalb weniger Momente kontrolliert bis in den gegnerischen Strafraum und von dort zu einem Torabschluss. Raumschaffende Aktionen wurden darüber hinaus auch bei Einwürfen effektiv für ein Zurückdrängen des Gegners genutzt. Ebenso zeigte sich bei der genannten Chance das fokussierte Besetzen des Rückraums in Tornähe bei gleichzeitigem Zurückdrängen der Verteidiger zum Tor hin.

In den letzten Zügen dieser Aktion, wie auch in vielen kleineren Situationen, offenbarten sich aber durchaus Schwächen in der Spielweise Sevillas. Die Abstimmung untereinander war eben noch nicht ideal. Einerseits wurden mitunter Mitspieler unpassend angespielt, die in direkten Drucksituationen eigentlich zunächst gegnerbindend agieren sollten. Zudem fanden sich gerade auf links teilweise drei oder mehr Spieler in ähnlichen Positionen wieder und blieben in der Folge kurzzeitig zu statisch. Dies trug gleichwohl dazu bei, dass einige Überladungen schon zu extrem wurden und man sich gerade in höheren Zonen zu sehr an den Strafraum orientierte, sodass ein Herausspielen aus der Drucksituation kaum mehr möglich war.

Zudem fehlte in diesen Momenten manchmal die direkte Absicherung, was bei Ballverlust die riskante Restverteidigung offenlegte. Nicht selten ergaben sich Staffelungen à la 1-3-2-1-3, in denen Diego Gonzalez hinten im 1 gegen 1 verteidigen musste. Bei einer möglichen Befreiung von St. Pauli hing dann vieles davon ab, inwiefern dieser den Angriff tatsächlich verzögern konnte und wie die beiden Halbverteidiger sowie Iborra die Situation zuvor antizipierten. Im besten Fall konnten sie entweder noch direkt absichernd zurückkehren oder den Ball ihrerseits abfangen. Schlug dies fehl, kamen gefährliche Situationen zustande, an dessen Ende die erneut chaotische, aber um Zugriff und Kompaktheit bemühte, Strafraumverteidigung zum Tragen kam. Teilweise entstanden ballfern in der Box wiederum 1 gegen 1 oder 2 gegen 2-Situationen. Aus einem halbwegs erfolgreichen Konter resultierte schließlich auch der Führungstreffer für die Gastgeber.

Die zweite Halbzeit brachte mit der Einwechslung des oft zurückhaltender und -fallenden agierenden, aber eben wirren Steven N’Zonzi für Sarabia dahingehend etwas Verbesserung. Sampaoli stellte auf ein klareres 3-Raute-3 mit Vazquez als Zehner, Borja Lasso als linkem und N’Zonzi als rechtem Achter um. Dabei wurde gerade das weiträumige Spiel kontrollierter. Man schaffte es besser, St. Pauli in eine Zone zu locken, um anschließend Verlagerungen in andere Bereiche anzubringen. Aus einer solchen Situation fiel beispielsweise auch das zwischenzeitliche 1:1. Das Pressing gestaltete sich nun vermehrt 4-2-1-3-artig und zunehmend mannorientierter in der Ausführung, worunter insbesondere die vertikale Kompaktheit litt.

Es gelang durch eine typische Aktion Borja Lassos noch der 2:1-Siegtreffer, ehe das Spiel zunehmend abflaute. Von seiner halblinken Grundposition ging er halbrechts ins Gegenpressing, eroberte den Ball und leitete über einen Schnittstellenpass eine Möglichkeit im Halbraum ein, um sich dann im Zentrum wiederum als diagonale Rückpassoption anzubieten. Als sich das Spiel über die Mitte, wo er sich weiterhin unterstützend positionierte, auf die linke Seite verlagerte, ging er leicht zeitverzögert mit. Als der eingewechselte Halbverteidiger Escudero an den Ball kam, ging er direkt in die von Correa aufgezogene Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Durch eine gegengleiche Kombination im 2 gegen 4 erzeugten beide gemeinsam einen Durchbruch Correas, der mit viel Zeit zum Fünfmeterraum zog und bei geringer Distanz aus spitzem Winkel ins kurze Eck abschloss.

Eine exemplarisch zusammenfassende Szene für Borja Lasso und das gesamte Sevilla-Team an diesem Tag fand sich zudem bereits in der ersten Halbzeit:

Vitolo bindet den Außenverteidiger, Borja Lasso zieht die Aufmerksamkeit des linken Sechsers auf sich. In den Schnittstellen um den linken Innenverteidiger ergibt sich praktisch eine 2 gegen 1-Stuation.

Vitolo bindet den Außenverteidiger, Borja Lasso zieht die Aufmerksamkeit des linken Sechsers auf sich. In den Schnittstellen um den linken Innenverteidiger ergibt sich praktisch eine 2 gegen 1-Stuation.

Das Bespielen dieser misslingt jedoch. Borja Lasso kann allerdings den Abpraller sichern. Mariano kann erneut aus höherer Position aufbauen. Er spielt zu Vitolo, St. Pauli zieht sich eng zusammen. Borja Lasso bewegt sich jedoch in den offenen Passweg und kann erneut den Raum hinter der Abwehr anvisieren.

Das Bespielen dieser misslingt jedoch. Borja Lasso kann allerdings den Abpraller sichern. Mariano kann erneut aus höherer Position aufbauen.
Er spielt zu Vitolo, St. Pauli zieht sich eng zusammen. Borja Lasso bewegt sich jedoch in den offenen Passweg und kann erneut den Raum hinter der Abwehr anvisieren.

Auch hier scheitert das endgültige Ausspielen, doch St. Pauli kann sich über den Torwart nur in die Ecke "befreien", aus der es kein Entkommen gibt. Die riskante Restverteidigung kommt nicht zum Tragen. Einwurf Sevilla.

Auch hier scheitert das endgültige Ausspielen, doch St. Pauli kann sich über den Torwart nur in die Ecke „befreien“, aus der es kein Entkommen gibt. Die riskante Restverteidigung kommt nicht zum Tragen. Einwurf Sevilla.

Pressingfokus und lange Bälle gegen Pacos Mannorientierungen

Nach dem spielerischen Ausflug an die Reeperbahn und dem Test einer Alternativausrichtung kehrte Sevilla gegen Granada zu einer Spielweise zurück, die vergleichbar mit jener der vorangegangenen Testspiele war. Es gab wiederum eine vom 4-3-3 abgeleitete Grundordnung zu sehen, die sich mehr auf das Flügelspiel konzentrierte. Gegen das frühe mannorientierte Zustellen von Granada erwiesen sich die Spielertypen und ihr Verhalten zunächst als unpassend. Zu häufig verharrten sie statisch in ihrer Position und konnten keine Zuordnungsschwierigkeiten erzeugen. Sergio Rico blieb oft nur der ungenau gespielte hohe Ball nach außen. Aufstellung Granada 1HZ

Alternativ suchten er und die Innenverteidiger Vietto mit Pässen in die Tiefe. Darauf war die (extrem) hoch auf Abseits spielende Hintermannschaft Granadas allerdings gut vorbereitet – vermutlich einer der größten Stärken Paco Jémez‘. Vereinzelt ankommende flache Zuspiele aus dem Aufbau in einen der Halbräume konnten zwar durchaus mal ohne direkten Druck angenommen werden, brachten jedoch wenig ein, da die Anschlussoptionen wiederum kaum vorhanden waren. Kranevitter verharrte zu schematisch in seiner Grundposition, N’Zonzi schob zwar teilweise weit mit auf die andere Seite, agierte dabei jedoch unstrategisch und trug lediglich zu trägen Momenten bei.

Erst als gegen Ende des Spiels Kiyotake zu seinem Debüt gelangte, gleichzeitig Vitolo und für die letzten Minuten noch Borja Lasso eingewechselt wurden, kam gegen ein durcheinandergewürfeltes gegnerisches Team Dynamik ins Zentrum. Gerade Vitolo und Kiyotake kombinierten auf engstem Raum miteinander und zeigten sich umtriebig. Borja Lasso präsentierte sich demgegenüber in seiner passendsten Rolle als Balance-Spieler. Zudem zeigte Iborra, dass er auf der Position des Sechsers vor der Abwehr eine immer sinnvollere Alternative wird. Er bot sich sowohl im Aufbau als auch für Rückpässe an und bediente die zentral agierenden Spieler mit sinnvollen Zuspielen.

In der letzten Szene lupfte er gegen einen auf ihn herausrückenden Spieler gar in diesen Bereich, von wo aus die oben erwähnten Spieler eine ansehnliche Szene kreierten und die Mannorientierungen einfach durchbrachen. Auch Ben Yedder, der neu aus Toulouse gekommene Stürmer, zeigte bereits gute Ansätze: Er band sich über eher kleinräumige Ablagen und Nadelspielerfähigkeiten vielversprechend ein und harmonierte durchaus mit den restlichen Spielertypen, die in der Schlussphase auf dem Feld standen. Immer wieder erzeugte Sevilla hier durch das Einrücken Vitolos von rechts Rautenstaffelungen, während Correa sich auf der ballfernen Seite weniger einschaltete und vornehmlich in der Breite blieb.

Das Mittelfeldpressing im 4-3-2-1 und Bewegungsmöglichkeiten, um die nominell offenen Räume zu füllen sowie für Ballgewinne zu nutzen.

Das Mittelfeldpressing im 4-3-2-1 und Bewegungsmöglichkeiten, um die nominell offenen Räume zu füllen sowie für Ballgewinne zu nutzen.

Die interessantesten Entwicklungen gab es jedoch eindeutig im Pressing. Hier kommt die Mannschaft den Vorstellungen von Jorge Sampaoli immer näher. So fielen auch beide Tore zum 2:0 Endstand mehr oder weniger nach direkten Ballgewinnen in Pressingsituationen. Aus dem 4-1-4-1 wurde dieses Mal ein 4-3-2-1, bei dem die Achter vorschoben. Die Flügelspieler blieben demgegenüber tiefer und breiter. Der nominell offene Raum zwischen ihnen und dem Sechser wurde häufig bewusst als Pressingfalle benutzt. Entweder blieben die Außenverteidiger enger und konnten frontal auf dort angespielte Gegner herausrücken oder die Innenverteidiger gingen ihrerseits dorthin. So wurden immer wieder Mannorientierungen aufgenommen, die zunehmend besser aufeinander abgestimmt waren, wenngleich dadurch weiterhin unruhige Momente entstanden.

Vazquez nutzt seinen Deckungsschatten. Die anderen Spieler können flexibel auf die Situation reagieren, falls der Pass im Halbraum doch durchkommt.

Vazquez nutzt seinen Deckungsschatten. Die anderen Spieler können flexibel auf die Situation reagieren, falls der Pass im Halbraum doch durchkommt.

Im höheren Pressing wurde das Leiten der gegnerischen Angriffsversuche sowie das Verengen der dann bespielten Räume nochmals besser. Dies fiel insbesondere auf der Ebene individueller Details wie Körperhaltung beim Anlaufen, Versperren von Wegen über die Körperposition und ähnlichem auf und hatte positive Auswirkungen auf das gesamte Pressing.
Dieses begann oft noch relativ schematisch aus der Grundordnung heraus, die sich mittels Mannorientierungen wie schon gegen Mainz auch mal als 4-2-3-1, 4-1-3-2 oder 4-4-1-1/4-4-2 zeigte.

Diagonale Staffelung nach vorheriger Balljagd, Granada kann aus der Enge nicht mehr herausspielen.

Diagonale Staffelung nach vorheriger Balljagd, Granada kann aus der Enge nicht mehr herausspielen.

Nachdem der Gegner jedoch in die erste gewünschte Zone gelenkt wurde, nahm die Flexibilität zu und die Spieler passten sich in ihrem Verhalten zumeist kollektiv der Situation an. Der ballferne Flügelstürmer rückte ein, die Außenverteidiger bei Bedarf hoch. Entkam Granada situativ über kurze Pässe in einzelne Lücken dann doch einer ersten Umklammerung, schob die Mannschaft gemeinsam nach und schuf flexibel neue Lokalkompaktheiten, vermehrt über Deckungsschattennutzung.

Gerade Kranevitter tat sich hier im Pressing hervor, schob meist passend aus seiner tieferen Ausgangsposition hoch und sorgte für die ein oder andere 4-2-1-2-1-Staffelung. Manchmal konnte Granada die Lokalkompaktheiten gerade in Umschaltmomenten noch zu einfach überspielen. Die Verteidigung im eigenen letzten Drittel bleibt ein Fragezeichen. Dennoch ist hier eine positive Tendenz abzulesen.

Vietto leitet nach links, die Viererkette bleibt hoch und das gesamte Team vertikal enorm kompakt. Passwege werden zugestellt oder belauert. Eine Verlagerung in offene Räume ist kaum möglich.

Vietto leitet nach links, die Viererkette bleibt hoch und das gesamte Team vertikal enorm kompakt. Passwege werden zugestellt oder belauert. Eine Verlagerung in offene Räume ist kaum möglich.

Wie es weitergeht

Ob diese Entwicklungen Bestand haben, wird sich nun in gleich 3 anstehenden Finalspielen zeigen. Zunächst wartet am 9. August Real Madrid im europäischen Supercup, ehe es beim spanischen Pendant in Hin- und Rückspiel gegen den FC Barcelona geht. Es ist davon auszugehen, dass die Ausrichtung im 4-3-3 weiterhin den Ausgangspunkt bildet und das Pressing die erste Basis des neuen FC Sevilla ist. Wie der Test gegen den FC St. Pauli bewies, gibt es bereits andersartige praktische Alternativen, mit denen jedoch zunächst nur gegen schwächere Gegner zu rechnen ist. Vielmehr gilt es, dass die Spieler grundlegende Konzepte von Jorge Sampaoli und seinem Trainerteam verinnerlichen.

Dann wird es schrittweise sicherlich eine Entwicklung hin zu immer ausgefeilteren Spielsystemen geben. Viele Fragen sind dabei noch zu klären: Welche Spieler bilden gemeinsam die besten Synergien? Wann ist Ganso bereit einzugreifen? Wann geht N’Zonzi endlich wieder in die Premier League? Für den Moment bleibt am interessantesten, wie sich das Ballbesitzspiel im 4-3-3 entwickelt und wie das Pressing gegen stärkere Gegner funktioniert. Auch für ein möglicherweise außergewöhnliches Team stellen sich vor dem Saisonstart die üblichen Fragen.

tobit 10. August 2016 um 15:40

Kann jemand was zum Spiel gestern sagen?

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Random Walk 7. August 2016 um 16:28

Wie passend ist das Personal in der Dreierkette? Ist da genügend Qualität für Sampaolis Ideen vorhanden (Stichwort Spielstärke) oder wird da aus eurer Sicht personell noch was passieren? Ist Mercado ein starker, passender Spieler?

Überragende Analyse, ich hätte mich gefreut, wenn du noch ein wenig genauer auf die Qualitäten den einzelnen, für viele sicher auch unbekannte Spieler, hättest eingehen können, aber das ist natürlich nur eine Geschmacksfrage.
Vielen Dank für den umfassenden Artikel und viel Liebe für den Autor und Sampaoli.

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tobit 7. August 2016 um 21:20

Da gehe ich eigentlich noch von zumindest einem Neuzugang der Qualitätskategorie Diego Reyes o.ä. aus.
Hätte mir auch eine genauere Beschreibung zu einigen gewünscht, da ich Sevilla nur wenig verfolgt habe.

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Michael 21. August 2016 um 16:32

Mercado habe ich zur Copa genauer gesehen. Ein absolut griffiger Spieler, welcher wie eine Klette am Gegner hängt. Nebenbei nicht ganz torungefährlich. Er erinnert mich ein wenig an Medel. Ich denke er wird nicht lange in Sevilla bleiben, denn er erfüllt alles was ein moderner Abwehrspieler mitbringen muss. Will heissen m.E. ein exorbitant guter Transfer.

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Random Walk 22. August 2016 um 02:24

Schön zu hören, hat im Spiel gegen Espanyol auch einen soliden Eindruck hinterlassen. Ich verstehe dennoch nicht, wieso man sich nicht stärker um Personalien wie Medel, Vargas und oder Diaz (v.a. Diaz!) bemüht hat. Man stelle sich z.B. Diaz anstelle von N’Zonzi vor…

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tobit 22. August 2016 um 17:12

N’Zonzi ist ja nicht der Sechser. Das ist eigentlich immer Kranevitter.
Mercado fand ich gegen Barca auch ganz gut (habe nicht alles gesehen), da hat er einen ziemlich attackierenden HV gespielt.

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tobit 7. August 2016 um 15:25

Vielen Dank
Der Artikel macht mal wieder richtig Lust auf guten Fussball.
Interessant finde ich, dass so viele offensive Spielertypen eingekauft und jetzt in verschiedensten Rollen eingebunden werden. Vazquez als Achter hätte ich nicht erwartet, da er bisher doch meist als hängender oder vorderster Stürmer unterwegs war.

Kann jemand was zu Pacos Granada bisher sagen?

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