Löw hat seinen Shakespeare gelesen

Germany3:0Slovakia

„Es steigt der Mut mit der Gelegenheit“, wusste schon William Shakespeare. Gegen die Slowakei überzeugt die DFB-Elf mit einer mutigen Strategie – auch weil die Slowakei der DFB-Elf die Gelegenheit zum Mutigsein bot.

Zum womöglich letzten Mal traf die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM auf einen Gegner, der individuell drei Nummern schwächer war. Es entstand das erwartungsgemäße Duell Favorit gegen Außenseiter – nur dass der Favorit diesmal noch riskanter aufrückte als er dies in den Spielen zuvor ohnehin schon tat. Joachim Löw änderte seine Mannschaft im Vergleich zum Nordirland-Spiel zwar nur auf einer Position – die Grundaufteilung war jedoch eine andere.

Draxler als Freigeist

Grundformationen Deutschland gegen Slowakei

Grundformationen Deutschland gegen Slowakei

Gegen Nordirland überzeugte die deutsche Mannschaft mit einer recht klaren Aufteilung im Angriffsdrittel: Die Außenverteidiger gaben Breite, Mario Götze und Mesut Özil verbanden Flügel und Zentrum, Mario Gomez und Thomas Müller besetzten den Strafraum.

Gegen die Slowakei rückte Julian Draxler für Götze in die Startelf. Er interpretierte die Position des Linksaußens anders. Draxler bewegte sich nicht vornehmlich im linken Halbraum, sondern war meist dort zu finden, wo der Ball war. Mal wechselte er die Seiten und sorgte für eine Überzahl auf dem rechten Flügel, mal bot er sich an der linken Seitenlinie für einen Doppelpass mit Linksverteidiger Jonas Hector an.

Auch ansonsten war das Positionsspiel im letzten Drittel etwas freier als zuletzt. Thomas Müller ließ sich öfter in die Halbräume oder in den Zehnerraum fallen, Mesut Özil wich gleichmäßig nach links oder rechts aus. Auch Mario Gomez ließ sich ab und an fallen. Deutschland zeigte viel Bewegung im letzten Drittel. Häufig starteten die Akteure Läufe in den Sechzehner oder auf die Flügel, um anspielbereit zu werden oder zumindest Gegenspieler mit sich zu ziehen. Für die Breite sorgten wie zuletzt die aggressiv aufrückenden Außenverteidiger, die bis an die Viererkette des Gegners heranrückten.

Stabiles Aufbau-Dreieck

Bedient wurden die vorderen Akteure wie gewohnt vom Aufbau-Dreieck Kroos-Hummels-Boateng. In dieser Partie agierten die drei noch offensiver als gewohnt. Kroos kippte praktisch permanent auf die linke Seite ab, Boateng rückte auf der halbrechten Seite leicht vor. Deutschland hatte somit ein Dreieck im Rückraum: Kroos auf der linken Seite, Boateng auf der rechten und der etwas tiefere Hummels zentral.

Damit war Deutschland bestens gerüstet für Verlagerungen. Kroos suchte häufig von seiner linken Position aus den aufgerückten Kimmich auf rechts, Boateng tat dasselbe mit Hector auf der rechten Seite.

Diese Struktur sorgte zudem für eine flüssige Ballzirkulation. Kroos und Boateng standen stets im Rückraum bereit, wenn die deutsche Mannschaft Angriffe abbrechen mussten. Durch ihre aufgerückte Position waren sie oft auch weit in der gegnerischen Hälfte anspielbereit. Somit war der Passweg bei Rückpässen kurz, die Situationen konnten dynamisch weitergespielt werden. Somit waren die Verlagerungen von Kroos und Boateng in eine dynamische Ballzirkulation eingebunden.

Typische Szene aus dem Spiel: Boateng und Kroos bieten sich im Rückraum an. Vorne hat Deutschland durch die beiden Außenverteidiger viel Breite. Skrinior muss die breite Viererkette auffüllen, die Lücken offenbarte. In dieser Szene verlagert Boateng das Spiel auf Hector, aus dessen Hereingabe entsteht eine Schusschance aus dem Rückraum.

Typische Szene aus dem Spiel: Boateng und Kroos bieten sich im Rückraum an, bilden mit dem tiefen Hummels ein Dreieck. Vorne hat Deutschland durch die beiden Außenverteidiger viel Breite. Skrinior muss die breite Viererkette auffüllen, die Lücken offenbarte. In dieser Szene verlagert Boateng das Spiel auf Hector, aus dessen Hereingabe entsteht eine Schusschance aus dem Rückraum.

Slowakische Struktur unpassend

Dass diese deutsche Struktur so gut funktionierte, lag auch daran, dass die Defensivtaktik der Slowaken eher unpassend war. Nominell agierten sie mit einer 4-1-4-1-Formation. Die Außenstürmer agierten jedoch sehr tief. Anstatt dass sie neben die Viererkette fielen, schlossen sie die Halbräume neben dem Sechser. Die Slowakei verteidigte somit in einer 4-3-2-1-Formation – mit den Achtern vor den Außenstürmern.

Die slowakische Verteidigungsformation. Die Außenstürmer ließen sich hinter die Achter zurückfallen, es entstand ein 4-3-2-1. Skrinior musste (wie in der Szene oben dargestellt) häufig die breite Viererkette auffüllen.

Die slowakische Verteidigungsformation. Die Außenstürmer ließen sich hinter die Achter zurückfallen, es entstand ein 4-3-2-1. Skrinior musste (wie in der Szene oben dargestellt) häufig die breite Viererkette auffüllen.

Dies hatte zwei Probleme zur Folge: Zum einen konnten die Slowaken die Breite des Felds nicht gut abdecken. Die Viererkette musste gestreckt agieren, damit die slowakischen Außenverteidiger die aufgerückten deutschen Außenverteidiger attackieren konnten. Dennoch blieben gerade bei Verlagerungen die deutschen Außenverteidiger häufig frei. In der Folge wurde die Viererkette zu gestreckt, Deutschland konnte Lücken zwischen Außen- und Innenverteidiger attackieren.

Zum anderen hatten die Slowaken mit dieser Formation nichts entgegenzusetzen gegen Kroos und Boatengs Präsenz auf den Seiten. Die beiden Achter orientierten sich eher zentral, die Außenstürmer standen zu tief. Kroos und Boateng standen damit quasi im „toten Winkel“ der slowakischen Formation – und konnten fast immer problemlos angespielt werden.

Die recht mannorientierte Spielweise der Slowaken gab den Rest. Die deutsche Mannschaft konnte mit den zahlreichen Läufen im letzten Drittel immer wieder Spieler aus den Positionen ziehen und Freiräume schaffen. Mit Flanken oder schnellen Spielzügen durch die Halbräume gelangte die deutsche Mannschaft zahlreiche Male in den slowakischen Strafraum. Solange die deutsche Mannschaft ernst machte im Ballbesitzspiel, hatten die Slowaken wenig entgegenzusetzen. Das 3:0 nach etwas mehr als einer Stunde war die logische Folge.

Äußerst riskantes (Gegen-)Pressing

Dass Deutschland die Slowaken in die eigene Hälfte drängte, lag auch am furiosen Gegenpressing. Durch die ballnahe Rolle von Draxler hatten die Deutschen oft eine numerische Überlegenheit, wenn sie nach Ballverlusten nachsetzten. Zudem rückten Kroos und Khedira nach Ballverlusten direkt auf, anstatt sich nach hinten zu orientieren. Auch die Außenverteidiger starteten nicht nach hinten, sondern gingen ins Gegenpressing über.

Dabei gelang es der deutschen Mannschaft gut, das slowakische Spiel aus dem Zentrum fernzuhalten. Kroos und Khedira liefen ihre Gegenspieler so an, dass der vertikale oder diagonale Passweg ins Zentrum versperrt blieb. Die Slowaken hätten theoretisch über die Flügel angreifen können. Allerdings fehlte ihnen die Breite, um das Pressing der Deutschen zu umspielen. Die Außenstürmer starteten von ihrer leicht eingerückten Position aus relativ zentral und orientierten sich auch in der Folge ins Zentrum. Die Breite gaben eigentlich nur die Außenverteidiger – und die rückten eher schüchtern auf.

Auch im regulären Pressing bei slowakischem Ballbesitz agierte die deutsche Mannschaft äußerst risikofreudig. Kroos rückte praktisch permanent vor und störte die Kreise des slowakischen Mittelfelds. Oft entstanden große Lücken zwischen den deutschen Innenverteidigern und den Sechsern. Die Slowakei konnte diese Lücken jedoch nicht bespielen – einerseits aufgrund der oben genannten Gründe wie das passende Anlaufverhalten von Kroos, andererseits fehlte ihnen an diesem Tag das technische wie spielerische Geschick. Und wenn doch einmal ein Angriff durch das Zentrum durchkam, rückten Boateng und Hummels gut heraus. Die Endverteidigung funktionierte in dieser Partie exzellent.

Zweite Halbzeit

Nach der Pause versuchten die Slowaken ihr Spiel zu verbessern, indem Hamsik auf die linke Seite beordert wurde. Dieser Wechsel machte es aber eigentlich nur schlimmer: Hamsik agierte weiterhin recht zentral und kippte häufig ab. Somit konnten die Slowaken das deutsche Pressing noch schlechter über die deutschen Flügel umspielen und hatten zudem noch weniger Präsenz im Zehnerraum als vor der Pause.

Zu den deutschen Einwechslungen lässt sich aus taktischer Sicht wenig sagen. Nach dem 3:0 war das Spiel praktisch beendet, beide Mannschaften lieferten sich jetzt einen Freundschaftskick. Somit lässt sich der Wert von Schweinsteiger für die Elf noch nicht final einschätzen.

Fazit

Die deutsche Mannschaft begeisterte im Achtelfinale mit einer riskanten Taktik. Das permanente Vorrücken sowohl bei Ballbesitz als auch im Gegenpressing schnürte die Slowaken hinten ein. Draxler überzeugte als Freigeist in der Offensive. Die Akteure des Spiels waren aus meiner Sicht jedoch erneut Kroos und Boateng. Gerade Boateng überzeugte als vorgeschobener Halbverteidiger, der eine Verlagerung nach der nächsten schlug.

Dass wir diese taktische Ausrichtung bei dieser EM nicht mehr sehen werden, sollte nach dieser Analyse logisch erscheinen. Die riesigen Lücken im Mittelfeld und auf den Flügeln lassen sich gegen Unterdurchschnittsteams wie die Slowakei kaschieren – gegen Spanien, Italien, Frankreich oder England jedoch nicht. Ab dem Viertelfinale beginnt die zweite Phase des Turniers. Ich bin gespannt, was Löw sich taktisch einfallen lässt angesichts der veränderten Rahmenbedingungen.

Antizipalinho 1. Juli 2016 um 18:08

Zahlt euch Zeit eigentlich euch eigentlich Tantiemen, oder ist TE unter dem Synonym „Cathrin Gilbert“ dort als Author aktiv?
aus: http://www.zeit.de/2016/28/joachim-loew-fussball-em-deutschland-italien

„Löw veränderte seine Mannschaft in der vergangenen Partie gegen die Slowakei nur auf einer Position: Julian Draxler rückte für Götze in die Startelf und interpretierte die Rolle des Linksaußen anders. Er bewegte sich nicht nur im linken Halbraum, er war meist dort zu finden, wo der Ball war. Durch flexibles Wechseln der Seiten sorgte er mal für Überzahl auf dem rechten Flügel, mal bot er sich an der linken Seitenlinie für einen Doppelpass mit dem Linksverteidiger an. Das Team zeigte viel Bewegung im letzten Drittel, das Positionsspiel entfaltete sich jetzt freier als in den Begegnungen zuvor. Thomas Müller ließ sich immer wieder ins zentrale Mittelfeld fallen, Mesut Özil rochierte im Gegenzug dazu nach links oder rechts. Diese Sprints in den Sechzehner oder auf die Flügel führten dazu, dass mehr Akteure anspielbereit waren, sie zogen Gegenspieler auf sich. Mit ihrem Aufrücken sorgten die Außenverteidiger für eine breitere Spielanlage. „

Antworten

EK 29. Juni 2016 um 21:13

Toller Artikel 🙂
Der Junge heisst übrigens Milan Škriniar und nicht Skrinior (in der einen Grafik war es aber richtig).

Möchte ja kein totaler Buzzkiller sein aber die Kommentarsektion scheint mir als Nicht-Deutschem subjektiv etwas sehr…selbstbewusst zu sein.

Antworten

Gianni 29. Juni 2016 um 12:12

Vielleicht sollte man es einfach auf sich zukommen lassen und abwarten. Dieses ganze Gerede bringt sowieso nichts. In solch einem Spiel entscheidet nun mal stückweit die Tagesform.

Hier die Parallelen zu Bayern Juve zu ziehen ist ebenso schwachsinnig, nach dem Motto wir haben Juve 4-2 nachhause geschickt. Beide Spiele gingen in 90 Minuten mit einem Remis zu Ende, nach Spielphasen wo mal beide Teams dominiert haben, das war 2x ein Fußball Leckerbissen.

Spanien hat sich auf ein defensives Italien eingestellt, genauso wie der Großteil der Fußballexperten. Das Italien dann so offensiv presst und den Aufbau stört, war für Spanien eine große Überraschung. Dabei hätte del Bosque durchaus Lehren aus dem Freundschaftsspiel im März ziehen können, wo Italien ähnlich agierte.

Heißt also das die Spielvorbereitung der Spanier mangelhaft war. Auch null Überraschungsmomente in der Offensive, zudem hat Conte es exzellent verstanden Iniesta aus dem Spiel zu nehmen.

Gegen Deutschland sieht das ganz anders aus. Da wird sich 1a auf Stärken und Schwächen des Gegners ein- bzw. umgestellt. Das Italien ähnlich stark agiert halte ich für schwierig. Es wäre jedoch interessant zu sehen wie Deutschland sich verhält wenn man dort früh den Aufbau stört. Zudem muss Löw umstellen, dieses zentrale 2 vs. 2 der Innenverteidiger gegen die Stürmer hat sowohl den Belgieren als auch den Spaniern große Probleme bereitet. Im Freundschaftsspiel hat Löw einer 3er Kette vertraut und Italien wurde vorgeführt, vielleicht denkt er daran.

Fakt ist, ein großes Spiel erwartet uns und jeder Ausgang ist möglich. Sollte Italien nur 10 % weniger bieten als gegen Spanien könnte es sogar mit einer deftigen Schlappe enden, doch auch hier entscheidet die Anfangsphase. Macht Deutschland ein frühes Tor? Oder doch Italien? Alles unvorsehbar.

Italien hat sich zumindest bei dieser EM bis jetzt stark verkauft. Man hat mit Favoriten wie Belgien und Spanien zwei Teams geschlagen und zudem auch noch kein Gegentor gegen diese Teams kassiert. Wenn man sich die hundertprozentigen Chancen der Gegner in den beiden Spielen anschaut, kann man diese an einer Hand abzählen.

Nach so einem Turnierverlauf wäre es sicherlich keine Katastrophe gegen Deutschland auszuscheiden wenn man die Stärken dieses Teams vor Augen hat: ich sehe da quasi keine Schwächen aber hier muss ich eines mal anmerken:

Deutschland verfügt auch über das gewisse „Matchglück“. Wie oft geht Deutschland mal in Rückstand? Jedes überragende Team gerät mal in Rückstand aber Deutschland passiert das sehr selten. Sollte dies gegen Italien so passieren sieht man sich einer neuen Situation konfrontiert.

Ich denke 2012 wurde Löw kritisiert, dass er umgestellt hat. Dieses Mal könnte er evtl. kritisiert werden wenn er nicht umstellt.

Man darf auch nicht vergessen dass Italien aktuell über keinen (!!!) zentalen Mittelfeldspieler verfügt im 3er Mittelfeld. De Rossi ist angeschlagen und Thiago Motta gesperrt. Ich weiß aktuell gar nicht was Conte dann macht?!

Ich freue mich auf das Spiel und würde hoffen, dass der Sieger dieses Spiels am Ende auch den Pokal in die Höhe stemmt.

Antworten

Amateur 28. Juni 2016 um 14:39

Ich freue mich auf jeden Fall schon jetzt wahnsinnig auf das Spiel. Zum einen natürlich auch wegen den „Angstgegner“ Gerede, aber auch aus taktischer Sicht… ebenso freue ich mich auf die Analyse von Spanien-Italien, um zu sehen, ob sich mich meine oberflächlichen Gedanken zu dem Spiel da irgendwo wiederfinden 😉

Mal ein kleiner Gedanke dazu: Angenommen die Italiener spielen wie bisher auch, das relativ klassische 2 Stürmer Modell mit Pelle & Eder. Ball irgendwie zu Pelle und der legt für Eder ab, der sich in seiem Dunstkreis bewegt. MMn haben sie damit den Belgiern als auch den Spaniern richtig Probleme bereitet wäre da nicht ne 3er Kette dagegen vorteilhaft um da Überzahl zu haben? Was aber, wenn Conte mit völlig anderem taktischem Kniff dagegen agiert und ein anderes System fährt (mit nur 1 Spitze), dann ist doch einer aus der 3er Kette vergeudet… ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, ob sich die Italiener was „spezielles“ einfallen lassen und wie und ob die Deutschen reagieren. Ein bisschen erwarte ich schon ne kleine Taktikschlacht vor dem Anpfiff und erwarte dann im Spiel auf beiden Seiten durchaus Umstellungen während dem Spiel.

Geiles Duell!

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 16:47

Sowohl Kimmich als auch Hector könnten grundsätzlich tiefer agieren, um eine Art Dreierkette zu bilden. Sollte taktisch also machbar sein. Gegen die Slowakei rückten Hector und Kimmich weit nach vorne, dann bildeten Hummels, Kroos und Boateng eine Art Dreierverband hinten.

Möglichkeiten für Dreierketten hinten haben wir aber auch anderweitig. Ich würde da am ehesten für einen Wechsel Mustafi/Höwedes für Draxler tippen. Etwas wahrscheinlich würde ich aber auf Draxler raus und Weigl oder Schweinsteiger rein tippen. Der dann 3. Sechser würde bevorzugt auf Höhe der IV agieren, was Schweinsteiger bspw. kann. Dadurch wäre das Zentrum einerseits dicht, andererseits auch spielstark, Kroos wäre für mehr Offensive frei und würde dadurch Draxler kompensieren und müsste auch nicht auf eine Aussenposition (Gruß an EM 2012 von Pirlo), sondern wäre auf seiner Idealposition.

Entweder wird er das spielen oder er bleibt beim 4-2-3-1.

Antworten

GatlingJ 28. Juni 2016 um 17:09

Sobald ich was von „Löw sollte x, y, z umstellen“ lese kriege ich Akne.
Das war ja das bei 2012, soll er diesmal wenigstens die Eier haben und die jetzt gefundene Elf gegen die Slowakei aufstellen. Klar muss er diese Spieler anders, hier und da defensiver einstellen.

Wenn er aber sich jetzt wieder eine Systemänderung plus 2-3 andere Spieler aufzwingen lässt, scheitert er genau so wie 2012. Wenn er untergeht, dann bitte mit wehenden Fahnen, aber nicht mit diesem Extrembeispiel an Angsthasen Auftritt von 2012.

Allerdings: Die „Herren“ wie Draxler, Özil, Kroos, Götze werden wohl beim Aufeinantreffen mit den vier Juve-Herren hinten erstmal schock gefrostet. Glaubt da jemand im Ernst dran, dass ein Bubi wie Draxler nicht abgekocht wird von denen.

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 17:37

Den Fehler von 2012 wird er wohl nicht mehr machen. Dass hinter der nächsten Ecke gleich der Vorwurf des Starrsinns, der fehlenden Flexibilität lauert(e), scheint ihn ja mittlerweile auch nicht mehr groß zu beeindrucken. Insofern werden seine personellen/taktischen Entscheidungen vermutlich weder in der einen noch der anderen Weise angstgetrieben sein. Wahrscheinlich jagt ihm nicht mal die Vorstellung des „Abgekochtwerdens“ einen Schreck ein. Es gibt einfach zu viele Beispiele dafür, dass solche Pläne gewaltig ins Leere laufen können. Das klingt mehr so nach Männlichkeitsphantasien a la „jetzt zeigen wir mal den Jüngelchen, wie richtige Männer spielen. Nach 2012 ein gängiger Erzählmodus, nach dem WM-Gewinn 2014 komplett überholt.

Antworten

GatlingJ 28. Juni 2016 um 19:38

also ich führe die Kategorie „Spielercharaktere“ gerne aus. Ist mir klar, dass sie auf SV nicht auftaucht bzw. nicht detailliert vorkommt.
Die Spielercharaktere werden seit Jahren federführend von Löw selektiert. Herausgekommen sind schon überdurchschnittlich viele Bubi-hafte Jungs. Die können fußballerisch eine Menge und man muss sie natürlich hier und da im Kreis der N11 mitnehmen und integrieren.
So. Das passt bei vielen Gegnern, weil logischer Weise nicht alle so eine Anhäufung eines bestimmten Spielercharakters wie ITA haben. Jetzt trifft man mal wieder auf ITA – nachdem man sie bei der WM 14 glücklicher Weise umschifft hatte – und wünscht sich ungefähr dreimal ein Mentalitätsmonster wie Schweinsteiger auf dem Platz. Auch ein Boateng mal drei von der Ausstrahlung her wäre Gold wert – hat die Mannschaft aber nicht.
Draxler, Götze, Özil, Hector, Kimmich gehören alle zu den Bubi-Charakteren, dummer Weise sammeln sich die alle in den Offensivaktionen. Ein Kroos ist zwar erfahren, aber er spielt dann gut oder überragend wenn die ganze Mannschaft gut spielt.
Der Juve-Block muss sich auch nicht selbst sagen „wir zeigen es den Jüngelchen usw.“; sie sind einfach so, das ist ihre natürliche Körpersprache und Ausstrahlung. Dagegen ist die D11 halt schlecht aufgestellt.
Jetzt kommt natürlich einer an und erwähnt Neuer, Hummels und Boateng nochmal. Ja, die würden sich nicht abkochen lassen – sicher nicht – aber von denen spielt auch keiner im letzten Viertel und zieht in den Strafraum rein. Bleiben noch Müller, Gomez und Khedira, diesen dreien würde ich zutrauen die Körpersprache der ITAs abzublocken. Bei Khedira würde mich mal interessieren, ob er mit Löw irgendwas abspricht was seine Juve-Truppe betrifft. Ob Löw mit Khedira intern möglicherweise bespricht welche persönlichen Schwachpunkte die haben. Ums mal auf den Punkt zu bringen, wie kann man Chiellini, Bonucci und Co. so auf die Palme bringen, dass sie nervös werden und Scheisse bauen. Vielleicht geht das aber auch einfach nicht, und man kann sie nicht entnerven.
Meine Einschätzung steht jedenfalls und bleibt, dass in diesem Spiel diese mentalen Spielchen den Ausschlag für den Sieg geben werden – und dabei hat DL in acht Turnierbegegnungen nie gewonnen (4 mal NL, 4 mal Remis). Die Spielercharaktere in der Gesamtheit sagen mir nicht, dass die aktuelle D11 da irgendwie besser aufgestellt wäre.

Antworten

WerderFan 28. Juni 2016 um 20:03

Wenn euch all diese internen Dinge interessieren, kann ich euch nur zur Lektüre von „Das Reboot“ von Raphael Honigstein raten. Da werden viele solcher Dinge erläutert

savona 28. Juni 2016 um 22:41

@ GatlingJ: Da mag was dran sein. Mal sehen, wie das Spiel läuft.

@ WerderFan: Interessantes und lesenswertes Buch, die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Der vierte Stern“ erschienen.

fs984 29. Juni 2016 um 07:35

Das ist eine völlig einseitige Betrachtung von einem komplexen Spiel. Nach deiner Logik müssten Effenberg und Basler, die grössten Trainer aller Zeiten sein. Den wer strahlt diese Mentalität mehr aus als diese beiden. Betrachte mal die Turniersieger der letzten 10 Jahre. Spanien hat die Turniere sicherlich nicht mit ihrer brutalen Körperlichkeit dominiert. Auch Deutschland wurde nicht in Brasilien Weltmeister weil Lahm den Gegner durch sein psycho Spielchen Angst einjagte. Wie viele Titel hat den deine hochgelobte 3er Kette von Juve international gewonnen? Und wie viel Titel hat Messi gewonnen, der auch nicht als Kampfschwein berühmt geworden ist.

Deine Kritik erinnert mich an die von Michael Ballack nach dem zweiten Vorrundenspiel, als er der Mannschaft fehlenden Charakter vorwarf. 2 Jahre nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft, ist und bleibt das für mich absolut lächerlich.
Es gibt auf dieser Seite so viele Erklärungsmuster für Spielentwicklungen und Verläufe, daher kann ich deine Versteifung auf einen Teilfaktor überhaupt nicht nachvollziehen.

nougat 29. Juni 2016 um 09:49

Interessanter Ansatz, allerdings darf man nicht vergessen, dass diese sogenannten bubihaften Charaktere völlig im Saft stehen und von daher im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit. Viele dieser jungen Spieler kennen auch gar nicht diese schröckliche Bilanz oder die Angst vor Italien. Vllt ist das einfach nur ein Mythos in der Öffentlichkeit, der sich von Generation zu Generation weiter trägt, weil untergegangen ist, dass bei einem stark vom Glück abhängigen Spielausgang auch durchaus kuriose Serien auftreten können. Spinnt man die Logik der „glücklichen“ Weltmeisterschaft weiter – der Angstgegner konnte nicht besiegt werden, man bekam den Titel hinterhergeworfen – ist diese Weltmeisterschaft 2014 regelrecht entwertet, und nur der Gewinn am Samstag gegen den Angstgegner Italien würde Deutschland den WM-Titel nachträglich rechtmäßig zubilligen. Man müsste dann noch nicht einmal jetzt das Halbfinale der EM überstehen; das Trauma wäre bewältigt, und man ginge glücklich und zufrieden ohne die lästigen Dankessagungen und Ehrungen nach Hause…

Auf der anderen Seite gibt es natürlich diese unglaubliche Spannung, wenn sich ein Spiel sehr lange hinzieht und keine Entscheidung gefallen ist. Oder das Tor kommt völlig unvermittelt, wie aus dem Nichts. Das ist dann schon eine mentale Herausforderung, aber auch daran kann man arbeiten. Vllt kommt die letzte Überlegung auch gar nicht zum tragen, und Deutschland schlägt Italien recht schnörkellos, und dann hat man sozusagen eine neue Serie gestartet, wo die jeweiligen Angstgegner alle reihenweise besiegt werden.

savona 29. Juni 2016 um 10:43

@ nougat
Die Logik von der „glücklichen“ Weltmeisterschaft braucht man nicht weiterzuspinnen – klar, ist nur ein Gedankenspiel -, weil sie polemischer Unfug ist. Siege gegen Frankreich, Brasilien und Argentinien machen Erfolge gegen bei diesem Turnier schwache Spanier und Italiener überflüssig. Den Griechen hat man z.B. 2004 auch nicht entgegengehalten, ihr EM-Gewinn sei nichts wert, weil sie nicht gegen Deutschland – damals als WM-2. nominell Europas Nr. 1 – gewonnen hätten. Zu recht, wenn man den Auftritt des DFB-Teams zum Maßstab nimmt. Wenn man von solch unsinnigen Sichtweisen Abstand nimmt, überfrachtet man das aktuell anstehende Spiel auch nicht mit Ansprüchen (WM-Gewinn muss legitimiert werden u.ä.) und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich die Umsetzung des eigenen Matchplans.

jimnihil 29. Juni 2016 um 12:07

Unbelassen, die mentale Komponente beim Fußball ist wichtig. Aber die Italiener in abgewichste Alleskönner und die Deutschen in Bubis einzuteilen ist dann doch etwas arg simpel. Beweis gefällig?

2012 ist niemand zusammen geklappt. Man hat die Italiener nach den beiden Treffen an ihr Tor gedrückt und diese hatten viel Glück das es nicht öfter gekracht hat. Wenn das alles so Bubis wären hätten wir 4:0 verloren, es war aber bis zum Schluß spannend.

Hannes 3. Juli 2016 um 07:15

Und nun hat „D11“ im Elfmeterschießen gewonnen. Glücklich zwar, aber meiner Meinung nach auch verdient. Beide Teams haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert und haben neben dem Fußballspielen auch noch das Elfmeterschießen vergessen.
Aber mich würde dennoch eine Einschätzung des „ITA“-Experten interessieren. GatlingJ wird uns sicher noch erklären, warum „D11“ eigentlich gar nicht gewonnen hat.

Schorsch 3. Juli 2016 um 10:30

@Hannes

Ich bin nicht der angesprochene user. Dennoch reagiere ich einmal. Die DFB-Auswahl hat tatsächlich das Spiel nicht gewonnen. Genausowenig wie die Auswahl des italienischen Fußballverbandes das Spiel verloren hat. Nicht nach 90, und nicht nach 120 Minuten. Der Sieger dieses Viertelfinalspieles wurde dann im Elfmeterschießen ermittelt, was die deutsche Mannschaft dann für sich entscheiden konnte – nachdem sich das Glück bei diesem einige Male hin und her geneigt hatte. Apropos. Man muss bei diesem Elfmeterschießen auch nicht irgendeine psychologische Kiste öffnen. Die Schützen, die verwandelt haben, dürften heilfroh gewesen sein. Und diejenigen, die verschossen haben, dürften sich sämtlich ganz mies gefühlt haben. Und auch die Keeper hatten hier ihre Achterbahn der Gefühle. Wenn man sich allein den von Jonas Hector verwandelten Starfstoß zur Entscheidung zur Entscheidung noch einmal in slow motion anschaut, dann weiß man wie nah Glück und Pech beieinander liegen.

Die deutsche Elf hat das Halbfinale erreicht, worüber ich mich sehr freue. Fast genauso sehr freue ich mich auf die Analyse des Viertelfinales Deutschland – Italien von sv.de. Wie sich das Fehlen de Rossis bemerkbar gemacht hat und welche Auswirkungen die Kompaktheit des deutschen Mittelfeldes hatte. Und natürlich freue ich mich auf die Dreierkettendiskussion… 😉

Koom 3. Juli 2016 um 10:52

Wobei man ruhig sagen darf, dass die N11 vollkommen verdient weiter ist. Wäre Boatengs lächerlich-dämlicher Patzer nicht gewesen, wäre das wohl 1:0 oder vielleicht auch 2:0 ausgegangen. Die N11 hatte die Italiener defensiv gut im Griff, offensiv kamen sie recht beständig zu Chancen.

Schorsch 3. Juli 2016 um 13:46

@Koom

Ich hab’s halt nicht so mit ‚verdient‘ bzw. ‚unverdient‘. Zumindest nicht, wenn der Sieger eines Spiels im Elfmeterschießen ermittelt wird (aber auch ansonsten nicht so sehr).

Dass ein 1:0- oder gar 2:0- oder von mir aus auch ein 2:1-Sieg der DFB-Elf nach 90 Minuten folgerichtig gewesen wäre, sehe ich auch so. Aber in einem Fußballspiel gibt es halt immer so einige Unwägbarkeiten. Z.B. diese dumme, kaum erklärbare Aktion des ansonsten sehr guten Boateng. So etwas habe ich bei ihm noch nie gesehen. Aber ist halt passiert. Und das Nutzen herausgespielter Chancen ist auch eine Qualität. Die der Trainer allerdings weniger beeinflussen kann. Die von Löw getroffenen formativen, taktischen und personellen Maßnahmen fand ich persönlich nachvollziehbar und durchaus logisch. Dem konnte Conte nicht so sehr viel entgegensetzen, vielleicht auch weil mit de Rossi ein zentraler Spieler für das Spiel aus der Abwehr heraus fehlte.

Wie auch immer, viele Anhänger des deutschen Teams werden sich durch den Ausgang des Elfmeterschießens in ihrem ‚Gerechtigkeitsempfinden‘ bestätigt fühlen. Viele Tifosi werden da anders empfinden. Ein ‚aufopferungsvoller Kampf‘ sei nicht belohnt worden, oder so ähnlich. Bei umgekehrtem Ausgang wären wohl auch die Empfindungen umgekehrt.

Bin gespannt, wer der Gegner im Halbfinale sein wird. Ich müsste eigentlich für die Bleus sein, aber irgendwie liegen meine Sympathien bei den Isländern…

CHR4 3. Juli 2016 um 16:08

es war eine nahezu perfekte Balance aus frühem Pressing, Verhinderung von Kontern und Absicherung von Kontern – da hab ich von Ballbesitzmannschaften schon schlimmeres gesehen (EM HF 2012, Ch-L HF 2014) – wer mehr Chancen oder ein Torfestival gegen diese Italiener erwartet, muss sich fragen lassen, wie oft solche Spiele so enden wie das Finale 2012 – selbst Gomez hat hervorragenden Fußball GESPIELT (2x wow!) … ohne Buffon wird’s für Italien mal schwer …

zum Elfmeterschießen:
– bei Müller scheint es für mich nicht am Kopf zu liegen sondern an seiner Taktik: sein „Ausgucken“ hat bisher funktioniert, aber die letzten beiden Male hatte er Torhüter, die gerade bei ihm lange stehn bleiben; hier würde ich auch mal die taktische Herangehensweise wechseln und auch mal hart und platziert schießen, was er sicher auch drauf hat. Wenn man das paar mal macht und dann mit dem „Ausgucken“ variiert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Torhüter einfach bei ihm lange stehen bleibt geringer und er weniger ausrechenbar (nicht bezogen auf die Platzierung, sondern auf die Ausführungsweise)
– Özil einfach etwas ungenau
– Schweinsteiger hat wohl zuviel anderes im Kopf gehabt, was seinen Fokus von der Visualisierung der technischen Ausführung und Platzierung abgelenkt hat, allerdings war seine Entscheidung vor den italienischen Fans zu schießen, vielleicht genau das richtige um allen deutschen Schützen eine bessere Konzentration ohne Ablenkung durch Zwischenrufe, die man versteht (jaja, ich weiss in Tirol spricht man auch deutsch …) zu ermöglichen – auch wenn da wohl nicht dieser Gedanke sondern etwas „Aberglaube“ (Erfahrung? !!) ausschlaggebend war – aber das Ergebnis zählt und auch Messi hat seinen Elfer bei der Copa so geschossen 😉 (und ein gewisser Roberto Baggio 1994 auch …)

sehr stark, wie cool die Jungs (vor allem Kimmich und Hector und auch Boateng mit der Vorgeschichte seiner „Dummheit“ …) geblieben sind – zeigt, dass der Mannschaftsgeist top ist (gerade auch die Aufmunterungen für Boateng)

PS: freu mich schon auf die Analyse, eins der seltenen Spiele, die mir gerade aufgrund der taktischen Herangehenweise gefallen haben, obwohl es vielfach als unattraktiv bezeichnet wird

Es war das erwartet schwere Spiel und bis auf zwei Schnitzer (Boateng, Kimmich) in der Abwehr war das schon nahe dran an unserem (sehr hohen!) Limit. Natürlich kann man im Mittelfeld noch nen Tick perfekter Passen und die Angriffe noch mit etwas mehr „Glück“ abschließen – aber hey, vielleicht sollte man sich das für den weiteren Verlauf aufheben 😉

Hannes 4. Juli 2016 um 08:16

@Schorsch:

Stimmt, in den Statistiken wird es als Unentschieden geweretet. Aber man hat „im Elfmeterschießen gewonnen“, was ja irgendwie auch „gewonnen“ ist, oder? 😉

Zudem habe ich ein Spiel gesehen, in denen die Italiener -bis auf nach groben Patzern- sich keine klare Torchance erarbeiten konnten. Die Deutschen haben zumindest phasenweise versucht den Zug zum Tor zu finden.

Wobei ich in den ersten 90 Minuten auch schonmal das Gefühl hatte, die beiden hätten einen „Nichtangriffspakt“ geschlossen, da war allerhö(gs)chter Respekt auf beiden Seiten zu spüren, niemand wollte einen Fehler begehen.

amateur 28. Juni 2016 um 18:11

Ich hab ja nicht gesagt, dass Löw unbedingt umstellen sollte, nur dass es eine Überlegung sein könnte, Und auch gesagt warum. Bei Belgien-Italien war hier von den „richtigen“ Experten und nicht von einem „amateur“ zu lesen, dass das italienische 5-3-2 strukturelle Vorteile gegenüber dem 4-2-3-1 hatte. Warum also nicht diese Erkenntnis nutzen und darauf reagieren? Ob man da gleich Akne bekommen muss, weiß icht nicht 😉

Die Umstellungen 2012 waren mMn vor allem personeller Natur. Da kamen ein relativ enttäuschender Gomez & Podolski zurück in die Mannschaft für Schürrle & Klose. dazu eben Kroos für Reus. Von der Formation und der Struktur hat er aber vergleichsweise wenig geändert und durch die Wechsel nur Spieler auf andere (ungewohnte) Positionen geschoben. Damals habe ich mich auch geärgert und im Freundeskreis gerne Stammtischparolen in Richtung „Selbstkastration“ rausgehauen, weil man sich dadurch vor allem seinen eigenen Stärken beraubt hatte.
Es geht aber auch anders, zumal der Kader durchaus etwas Flexibilität hergibt. Die defensive 3er Kette z.B. wurde inwischen häufiger „getestet“ und wäre kein absolutes Neuland mehr. Mit Weigl/Schweinsteiger stehen Alternativen für ein 3er DM bereit, etc. Ne strukturelle Anpassung an andere Gegebenheiten ist nicht gleichbedeutend mit „Feigheit vor dem Feind“, sondern kann auch sinnvoll und klug sein…
Letztlich bin ich froh, dass ich nur ein „amateur“ bin und eben nicht entscheiden muss. Denn egal was er macht, Kritik wird es bei einem Scheitern geben. Stellt er um und es geht schief, wird er als feige tituliert und ihm vorgeworfen, dass er den Fehler wiederholt hat. Lässt er so laufen und es geht schief, wird ihm mangelnde taktische Flexibilität vorgeworfen. Also einfach gewinnen und Ruhe haben.

Antworten

koom 29. Juni 2016 um 11:31

@GatlingJ
Wenn die N11 da weiter macht, wo sie zuletzt aufgehört hat, dann wird Löw vermutlich auch keine große Umstellorgie machen. Ich vermute wirklich, dass es sich allerhöchstens um die Frage dreht, ob Draxler oder ob nen weiteren 6er. Beides wären gute, sinnvolle Entscheidungen.

Ich denke, er hat auch aus 2012 gelernt, dass es ok ist, dann man einerseits ein klein wenig auf den Gegner eingeht, aber nicht auf Kosten der eigenen Stärke. Und wenn dem so ist, dann bleibt es so oder so ein knappes Spiel zweier Mannschaften, die wissen, was sie tun.

Antworten

CH 29. Juni 2016 um 13:40

@koom: Ein dritter Sechser wäre aber eine Aufbaukette. Für das angesprochene Problem mit angenommenen Ballbesitz Italien (keine Umschaltsituation) also eher nicht so optimal. Bei den Slowaken hatte sich z.B. Duris sehr geschickt in die Schnittstelle zw. Hummels und Boateng gestellt. Für das vom OP angesprochenen Ablagen- und Tiefenlaufspiel fehlten Duris allerdings die aufrückenden Mitspieler. Ansonsten hätte die Slowakei da echt was draus machen können …

Eine defensive 3er-Kette mit Boateng, Hummels, Mustafi wäre eine echte Überraschung. Ich glaub‘ das Risiko geht Löw noch nicht. Eher kommen asymetrische AV: einer hoch, einer tief.

Antworten

koom 29. Juni 2016 um 14:11

Letzteres wäre auch mein Tipp. Dreierkette wäre wirklich eine unglaubliche Überraschung. Eher kommt Höwedes für Kimmich auf rechts wieder rein.

Antworten

Dr. Acula 28. Juni 2016 um 11:28

Fand Deutschland nicht so gut wie hier getan wird. Slovakei einfach schlecht, da sieht man als Gegner immer gut aus. Und Löw hat wohl eher seinen guardiola gelesen oder ist es Zufall dass die rückräume bei halbhohen „Flanken“ plötzlich besser besetzt waren und Verlagerungen auf breite gebende AVs/Außenstürmer erfolgten, nachdem man den Gegner auf eine Seite gelockt hatte? 2:0 zB ist das Ebenbild unzähliger Bayern Tore der letzten Saison.

Antworten

gs 29. Juni 2016 um 09:41

„Slovakei einfach schlecht, da sieht man als Gegner immer gut aus.“

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: weil unsere Mannschaft so gut war, sahen die Slowaken so schlecht aus. Man spielt bekanntlich immer nur so gut, wie der Gegner es zulässt. Natürlich ist die Slowakei keine mit Italien vergleichbarer Maßstab, aber sie so souverän zu beherrschen, ist auf jeden Fall eine starke Leistung.

Im Grunde kann Löw kaum etwas Besseres tun, als die gleiche Mannschaft mit der gleichen offensiven Grundausrichtung ins Spiel zu schicken. Wenn Schweinsteiger 100% fit wäre, könnte man ihn von Anfang auf der 6er Position spielen lassen, um mehr defensive Stabiliät und zugleich die nötige Erfahrung und Einstellung im Spiel zu haben. Dann würde ihm aber gerade zum Spielende hin die nötige Kraft fehlen – demzufolge gehe ich davon aus, dass er wieder nach ca. 60 Minuten eingewechselt wird, um die bis dahin erreichte 2:0 Führung sauber zu Ende zu spielen 🙂

O.k., es lebe der Optimismus, aber im Ernst: Italien hat das Glück in dem Turnier schon ganz schön strapaziert und aus ca. 3 Chancen 7 Tore gemacht, während bei uns Zig Torchancen vom Aluminium gebremst wurden (Müller kann mehrere Lieder davon singen). Auch in der Hinsicht wäre es nicht unverdient, wenn das Glück beim Torabschluss sich mal unserer Seite zuneigen würde …

Antworten

Morred 28. Juni 2016 um 09:15

Ich hoffe es gibt eine Vorschau auf Italien vs. Deutschland

Antworten

GatlingJ 27. Juni 2016 um 20:52

Genial, im TV wird DL wieder stark gemacht und geredet vor ITA, herrlich.
Auf dem Platz landet das Herzchen wieder in der Hose und die D11 wird abgekocht. Am Samstag kommt die kalte Dusche. Danach heißt es wieder „wie konnte das passieren“.

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 00:38

Wenn das jetzt schon feststeht, will ich’s mir, glaube ich, nicht ansehen. Danke für den Hinweis!

Antworten

Todti 28. Juni 2016 um 05:04

Ahaha. Großartiger Kommentar, danke dafür! 😀

Antworten

CHR4 28. Juni 2016 um 03:53

so ein negatives Gequatsche (oder bist du für ITA?) – schau dir doch einfach noch mal die Verlängerung des WM-Endspiels an (oder das Rückspiel FC Bayern-Juve) , egal wie hart der Gegner kommen wird, da rutscht gar nix (außer der Chielini evt. wiedermal aus) 😛

mit deiner Einstellung könntest du dich als Elfmeter-Coach bei den Engländern bewerben oder hast du dort vll. schon als Psychologe gearbeitet (nach der verkrampften Vorstellung gegen Island könnt ich mir das gut vorstellen)?

am Samstag ist der Tag der Vendetta Teil 2 – nur diesmal unserer! es ist an der Zeit … die Serie geht zu Ende, der andere Spanien-Bezwinger hat auch schon die Koffer gepackt … 😀

gefragt sind Konterabsicherung und dauerhaft höchste Konzentration, Stören bereits beim Spielaufbau, um keine Zeit für genaue lange Pässe zu geben und Geduld – die Zeit spielt für uns (Vorrunde gegen Polen als Referenz)

die Frage, ob wir genug Eier in der Hose haben, ist ja schon zu Anfang gecheckt worden (und nach Poldis Aussage wird das ja auch regelmäßig überprüft) 😉

Antworten

GatlingJ 28. Juni 2016 um 08:00

das hat was mit dem roten Faden in Turnierspielen gegen ITA zu tun. Da ist ein Faktor, den man weder zahlenmäßig messen kann noch beziffern. Das geht zurück bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts und hält sich bislang über alle Jahrzehnte.
Immer wieder wird „objektiv“ analysiert anhand von Zahlen, Aufstellung etc.
Tatsache ist aber, dass Italien einen netten kleinen Schlüssel hat, der exakt bei der D11 das Schloss umspringen lässt. Dieser Schlüssel passt weiß Gott nicht überall, aber bei DL steht die Türe danach immer offen 🙂
Jetzt läuft es wie immer, „zu Null Abwehr“, „Mannschaft eingespielt“. Aber am Samstag kommt Italien und packt genau diesen Schlüssel wieder aus. Nach dem Spiel werden wieder ein paar „objektive“ Faktor gesucht wieso es schief ging. Der tatsächliche Grund liegt aber einfach am Schlüssel der Italiener.
Was dieser Schlüssel exakt ist, weiß ich auch nicht. mMn liegt es in den Spielercharakteren und der Mentalität, traditionell sind bei ITA eine Reihe abgewichster teil etwas verrückter Hunde dabei – und die passen zur D11, irgendwie kommen sie damit seit Jahrzehnten nicht zurecht.

Antworten

Chris 28. Juni 2016 um 08:52

Ich glaube in jedem Turnier werden so ca. 753 Serien gebrochen – gestern und vorgestern zB eine ganze Handvoll von „noch nie haben…“. Soviel zu deiner Schwachsinns-Stammtisch-These. Du wärst mit deiner Hausfrauen-Psychologie bei Bild.de wahrlich besser aufgehoben als hier – warum nervst du uns in einem Taktikforum mit diesem ständigen Geseiere?

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 08:58

Als die Spanier im VF der EM 2008 gegen Italien spielten, hatten sie seit 1920, also seit 88 Jahren nicht gegen sie gewonnen; der Rest ist bekannt. Gestern besiegten die Italiener ihren aktuellen Angstgegner.

Der richtige Umgang mit solch einer Konstellation ist der, den Löw demonstriert: mit Respekt und genau so viel Optimismus an die Aufgabe herangehen. Vor dem VF der Australian Open – der Vergleich mit einer anderen Sportart ist hier legitim, weil es, wie Du richtig sagst, eine Frage der mentalen Einstellung ist, ätzte ein Forist über die Aussage von Angelique Kerber, sie wolle gegen Azarenka rausgehen und gewinnen: da sei stattdessen doch Demut gefordert, denn alle bisherigen Spiele gegen diese Gegnerin habe sie schließlich verloren. Vor der unweigerlich anstehenden erneuten Niederlage sei ihr Optimismus einfach nur lächerlich. Am Ende hatte sie nicht nur das Spiel, sondern das gesamte Turnier gewonnen.

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 10:40

Wie mans macht, macht man es halt falsch. Gegenüber Medien und Stammtisch kannst du immer nur falsch liegen. Zeigst du Demut, dann machst du dich kleiner und raubst dir dein Selbstbewusststein. Zeigst du Stärke, dann ist man arrogant und unterschätzt den Gegner. Macht man irgendwas dazwischen, dann eiert man rum.

Wichtig ist: Niemals vorher die Flinte ins Korn werfen. Scheitern darf man, aber man muss alles versuchen.

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 10:43

👍Jedes Wort stimmt!

RadicalEd 28. Juni 2016 um 09:11

Klingt eher nach Hogwarts als nach Fussball-EM was du da so von dir gibst.

Antworten

Leon 28. Juni 2016 um 09:58

Frage mich bei dir, Gatlingl, ob du dich mehr darüber freuen würdest, Recht zu behalten oder über einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft. Ich vermute, Recht haben.

Antworten

Chris 28. Juni 2016 um 18:46

Solche Leute wie Gatling haben konstant die Hosen gestrichen voll. Und um da sich zu schützen, muss man erstmal die Erwartungen runterschrauben und immer worst-case-Szenarien vorhersagen. Treten die dann ein, ist man nicht geschockt, kann sogar sich auf die Schulter klopfen. Treten sie nicht ein, hat man kein negatives Erlebnis, das einen runterzieht. Das klingt jetzt auch nach Küchen-Psychologie, ist aber sogar echte. Der Nachteil von solchen pessimistischen Erwartungsstrategien: Man weiß, dass solche Leute sich durch diese Strategie zwar emotional schützen – sie aber weniger Leistungsmotivation zeigen und meist niedrigere Ziele erreichen. Gatling hat also nicht viel vor… 🙂

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 23:08

Tja, wenn Du das aufs Berufliche ausdehnst … Keine ausgeprägte Erfolgsorientierung, sehe ich auch so. Aber ob diese Analogie so ganz fair ist? Ich halte ja immer noch für möglich, dass wir es mit einem ausgeprägten Italien-Fan zu tun haben und die Sorge ums deutsche Team nur vorgeschützt ist. Naja, wer so tricky vorgeht (wenn er es denn tut), muss sich solche Spekulationen dann halt auch gefallen lassen.

koom 28. Juni 2016 um 10:02

ITA-DEU ist so ein 50:50-Spiel. Tagesform und Glück werden es vermutlich am Ende ausmachen. Keine von beiden Teams wünscht sich den jeweils anderen als Gegner, weil dort einfach wenig berechenbar ist. In Form und „in sich ruhend“ und eingespielt wirken beide Teams. Und es werden 2 Philosophien aufeinandertreffen, mehr denn je.

Auch die SV-Leute werden nicht vorhersagen können, wie es kommt. Italien hat klar und deutlich die Spanier rausgeworfen, die durchaus ähnlich zur N11 spielen (aber weniger vertikal). Und wir haben gerade ein mannorientierungslastiges Team komplett auseinandergenommen.

Antworten

Schimanski 28. Juni 2016 um 15:32

Ich finde es ist ein Vorteil, dass Spanien so ähnlich wie Deutschland spielt. Diese Überraschungstaktik der Italiener mit dem aggressiven Anlaufen aus der Tiefe, kann Löw jetzt nicht mehr schocken. Eigentlich war das Spanien-Spiel bestes Anschauungsmaterial für unser Viertelfinale (auch in Bezug auf die kleinen Psychotricks der Italiener).

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 16:38

Ja, die Grundzuordnungen und die generelle Vorgehensweise der Italiener konnte man blaupausenartig dem Spiel gegen Spanien entnehmen. Kein gigantischer Vorteil, weil nicht alles 1:1 übertragbar ist, aber schon mal gut zu sehen, wie die italienische Vorgehensweise gegen fluide Ballbesitzteams sein wird.

Ein bisserl erwarte ich auch Anpassungen seitens Italien. Könnte mir vorstellen, dass sie insbesondere Kimmich und das defensive Mittelfeld als Schwachpunkt ansehen, den man angreifen kann. Kimmich dabei mehr als Kroos, weil Kimmich eher mal allein gelassen wird. Den dann zu Verzweiflungstaten und taktischen Fouls zu treiben halte ich für eine machbare Taktik. Da wird insbesondere Boateng als Absicherung gefordert werden. Für mich ist diese rechte Defensivseite der N11 der Knackpunkt (kein Schwachpunkt, aber angreifbar).

Ein Zuschauer 28. Juni 2016 um 16:43

Wenn sie allerdings den Fehler Mourinhos mit Alaba in der 11/12-Saison auf Kimmich übertragen wiederholen könnte das auch gewaltig in die Hose gehen und deutsche Vorteile einleiten.

B. O. B. 28. Juni 2016 um 12:59

Was war denn eigentlich? Seit ich mich erinnern kann, gab es drei Spiele bei Turnieren.
96 hat Deutschland Italien in der Vorrunde rausgekickt, wird gern vergessen. 0:0 zwar, aber reichte zum Gruppensieg. Kein Schlüssel für Italien.
2006 sehr ausgeglichen – kein Schlüssel, sondern Sonntagsschuss in der Verlängerung.
2012 Müller, Klose, Reus auf der Bank – kein Schlüssel, sondern Tür offen gelassen, ganz schlechter Tag nicht nur von Löw. Kann passieren, aber kein Grund daraus eine Regel abzuleiten.
Das ist jetzt die große Angstserie?

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 14:12

Vermutlich ein Italien-Fan, der sich (und uns) einfach schon mal auf das große Spiel einstimmen will.

Ob das Ganze überhaupt Substanz hat, lässt sich leicht mithilfe der Gegenprobe ermitteln. Demnach könnten die Italiener sich ja bereits jetzt ganz entspannt aufs HF einschwingen. Was sollen sie sich groß mit dem deutschen Team aufhalten? Werden sie sich so verhalten? Kaum anzunehmen. Dafür sind sie – und darin gebe ich dem Kollegen recht – viel zu „abgewichst“. Einen Teufel werden sie tun.
Unter Garantie haben sie einen Heidenrespekt und bereiten sich akribisch vor. Darin den Deutschen, so wie sie gerade in diesem Turnier an der Fehlerbeseitigung arbeiten, verdammt ähnlich.

Fazit: der Ausgang ist völlig offen.

Antworten

Schorsch 28. Juni 2016 um 21:06

Ich bin ein wenig älter und kann mich an einiges mehr erinnern. Und noch bin ich nicht alt genug, um Wesentliches vergessen zu haben. Auch verklärt sich bei mir im Laufe der Zeit (noch?) nicht allzuviel Vergangenes und erscheint auch nicht im milden Licht der Abendsonne.

Bei großen Turnieren traf Deutschland bislang achtmal auf Italien. Das erste Mal bei der WM 1962, das letzte Mal bei der EM 2012. Die DFB-Auswahl konnte davon nicht ein einziges Spiel gewinnen. Viermal mal begegnete man sich in der Gruppenphase bzw. Zwischenrunde, wenn es um Punkte ging (WM 1962, WM 1978, EM 1988, EM 1996). Diese Spiele endeten immer Unentschieden (3x 0:0, 1x 1:1). In all diesen Begegnungen war Italien das überlegene Team, machte aber entweder nicht mehr als nötig (WM 1962, WM 1978) oder hatte etwas Pech (EM 1988) oder konnte eine deutliche Überlegenheit (EM 1996) nicht in einen Sieg ummünzen. 1996 gab es eine seltene Gruppenkonstellation am letzten Gruppenspieltag. Deutschland hatte vorher beide Spiele gewonnen, hätte aber bei einer Niederlage gegen Italien ausscheiden können. Die DFB-Auswahl war über 90 Minuten das eindeutig unterlegene Team und konnte sich bei Andi Köpke (hielt u.a. einen Elfmeter von Zola) und der schlechten Chancenverwertung der Italiener bedanken, dass man ein 0:0 rettete. Die K.O.-Spiele (HF WM 1970, Finale 1982, HF WM 2006, HF EM 2012) hat das deutsche Team sämtlich verloren, zweimal davon in der Verlängerung (WM 1970, WM 2006). Im Finale der WM 1982 war Italien das eindeutig überlegene Team, und bei der EM 2012 war man cleverer als die deutsche Mannschaft. Bei den Halbfinalen der WM 1970 (‚Jahrhundertspiel‘) und der WM 2006 waren beide Teams in der regulären Spielzeit gleichwertig, in der Verlängerung war Italien aber entweder cleverer (WM 1970) oder das eindeutig überlegene Team. Lippi hat 2006 in der Verlängerung voll auf Offensive und somit Sieg gesetzt, wahrscheinlich auch, um ein Elfmeterschießen zu vermeiden. Durch eine einfache taktische Umstellung der Italiener geriet das deutsche Team in die Defensive, konnte keine wirkungsvollen Aktionen mehr nach vorne entfalten. Italien bekam klare Torchancen, die zunächst nicht genutzt wurden. Der Sieg in der Verlängerung war absolut folgerichtig.

Unterschiedliche Jahrzehnte, unterschiedliche Spielergenerationen, unterschiedliche Trainergenerationen, unterschiedliche Spielweisen, unterschiedliche Formationen, unterschiedliche Taktiken – und dennoch immer wieder das Gleiche. Merkwürdig ist das schon. Alles Zufall? Oder gibt es im italienischen und im deutschen Fußball bestimmte spezifische Komponenten, die im Laufe der Jahrzehnte gleich geblieben sind und daher immer wieder bei entscheidenden Spielen bei großen Turnieren den Ausschlag für das jeweilige italienische Team gegeben haben? Cleverness, ‚Abgekochtheit‘, individualtaktische Überlegenheit? Ich weiß es nicht, aber schließe es auch nicht aus.

Jede Serie geht einmal zu Ende. Soviel Binsenwahrheit muss sein 😉 . Schaun mer mal, ob diese Serie am Samstag ihr (überfälliges) Ende finden wird. Ich hoffe es, darauf wetten würde ich allerdings nicht. Wobei – ich wette eh nie… 😉

Antworten

AS 28. Juni 2016 um 21:37

Schorsch, ich liebe ja deine Beiträge. Betrachtet man das Ganze aber mal nüchtern, dann könnte man auch zu folgendem Ergebnis kommen:
Bei 8 Spielen: 6 Unentschieden und zwei Niederlagen in der regulären Spielzeit.
„(..) und dennoch immer wieder das Gleiche.“ Ja: Unentschieden 🙂

Schorsch 29. Juni 2016 um 00:26

@AS

So viel vin rouge habe ich jetzt auch noch nicht konsumiert… 😉

Klar, alles eine Frage der Betrachtungsweise. Ich weise ja selbst ab und an nach einem Spiel, das im Elfmeterschießen entschieden wurde, darauf hin, dass es z.B. nach 90 oder 120 Minuten keinen Sieger gegeben habe das Spiel somit Remis ausgegangen sei habe und das Elfmeterschießen lediglich zur notwendigen Siegerermittlung diene. Das Vertrackte daran ist aber, dass es am Ende frei nach ABBA heißt: ‚The winner takes it all, the loser’s standing small‘. Und bei Turnieren ist dies ganz besonders so. In der Gruppenphase haben italienische Teams schon immer zum Taktieren geneigt: Nicht mehr tun als notwendig. Daher erklären sich die Unentschieden; 96 ist da eher eine Ausnahme. Aber wenn es um ‚Top oder Flop‘ ging, da waren die italienischen Teams den deutschen bislang immer überlegen, auch wenn zweimal erst in der Verlängerung war. Zu einem Elfmeterschießen ist es zwischen den beiden Teams übrigens noch nie gekommen; wäre doch mal zur Abwechslung auch nicht schlecht, oder? 😉

Für Samstag sehe ich übrigens das deutsche Team leicht im Vorteil, da man gegen die Slowakei sich nicht verausgaben musste, einige Spieler die letzte Viertelstunde schonen konnte und einen Tag mehr Regeneration hatte als die italienische Auswahl, die gegen Spanien schon ordentlich gefordert wurde. Chiellini, de Rossi und Co. sind zwar sicherlich abgebrüht, haben aber auch so ihre Jährchen auf dem Buckel. Lassen die Deutschen den Ball schnell laufen mit häufigen Spielverlagerungen, müssen die Italiener viel Verschiebe- und damit Laufarbeit verrichten. Da werden die Beine schon schwer in Halbzeit 2 und nicht jede Lücke kann mehr zugelaufen werden. Das ist die Chance der DFB-Auswahl, deren Spieler im Schnitt jünger sind.

Aber schon Sartre wusste, dass sich beim Fußball alles mit der Anwesenheit des Gegners verkompliziert. Und wenn die Italiener auf den dummen Gedanken kommen sollten, selbst in Führung zugehen, dann wird es noch einmal komplizierter…

Schaun mer mal 😉

FAB 28. Juni 2016 um 09:48

Das mit der Statistik wegen diesen 4 verlorenen Spielen ist doch unsinn. Vor dem HF in Brasilien hat D auch sein einziges WM-Spiel gegen Brasilien verloren und außerdem hat noch nie eine europäische Mannschaft in Südamerika gewonnen. Schwupps 2 Statistiken wiederlegt.
Fairerweise muss man sagen, dass Italien 82 und 2006 einfach besser war und 2012 zumindest taktisch flexibler, wodurch sie auch wieder verdient gewonnen hatten.
Diesmal spricht aber nichts für Italien, sie haben die schlechteren Einzelspieler und sind taktisch weitgehend festgefahren, während Löw 2 Jahre sämtliche taktische Formationen durchgetestet hat und diesmal Deutschland taktisch unglaublich flexibel auftreten kann. Auch dürften die Stärken von Italien gegen Deutschland eher unwirksam sein. Die Frage ist also, ob Deutschland sein Spiel durchdrücken kann, ob z.B. Kroos „sein“ Spiel macht und ob bei Müller oder Özil der Knoten platzt … Aus meiner Sicht müsste diesmal bei Deutschland schon sehr viel schief gehen, damit Italien gewinnt. Das war sonst anders.

Antworten

GatlingJ 28. Juni 2016 um 10:02

„Diesmal spricht aber nichts für Italien“ -> also, dann ist es ja gebongt, spitze. D11 gewinnt weil objektiv nichts für ITA spricht.
Der Satz widerlegt sich selbst genauso wie auch den Kommentar von Chris.
Wenn dem so wäre, „alles objektiv, taktisch erklärbar“ „Psychologie ist Quatsch“ dann wären wohl irgendwas um 40-60% der Spiele gegen ITA nicht verloren gegangen und auch Siege darunter.
Ich bleibe dabei, die Komponente, dass ITA einen Schlüssel für die Spielweise und die Charaktere der D11 hat ist hier signifikant wichtiger als gegen andere Gegner.
Das wird dann natürlich an dieser Stelle klein geredet, weil es nicht bezifferbar ist.

Antworten

luckyluke 28. Juni 2016 um 10:23

Konjunktiv…kennste wa?

Abgesehen davon habe ich auch „Angst“ vor dem Spiel gegen Italien (warum kürzt du eigentlich Italien ITA ab und Deutschland dann D11? Also wenn schon diese unsäglichen Abkürzungen, wieso dann nicht einheitlich?), aber diese irrationalen Aspekte (gibst du ja selbst zu, bzw. baust deine Argumentation darauf auf, dass es solche sind), sind hier eben fehl am Platz. Genau diese polemisch überhöhten Aussagen kann man überall lesen und die meisten Leser dieser Seite haben genug davon, weswegen einige wahrscheinlich auch so unsouverän darauf reagieren.

P.s. Kampf dem Stammtisch-/Bildargument!

Antworten

felixander 28. Juni 2016 um 10:52

Ich denke eher, dass es 2 Faktoren gibt, die D weh tun können:
1. taktisch unglaublich abgezockte und disziplinierte Italiener. Die lassen sich nicht aus der Reserve locken, verschieben kompakt, lauern auf ihre Chance.
2. Conte. Er kann ganz anders auf einen Gegner reagieren als ein del Bosque oder gestern Hodgson. Wird die Mannschaft also perfekt auf D einstellen und zur Not auch im Spiel umstellen.

Aber genau solche Spiele wollen wir doch sehen. Wer am Ende rausfliegt, wird aller Voraussicht nach nicht wirklich viel falsch gemacht haben, sondern hat in diesen 90 min schlicht in einigen Details weniger überzeugt. (Auch wenn ich insgeheim so ein bisschen auf ein 7:1-reloaded hoffe)

Antworten

FAB 28. Juni 2016 um 11:03

Mit Psychologie kann man natürlich schon etwas erklären, aber oft auch einfach das Gegenteil. Vielleicht motiviert die schlechte Bilanz die deutschen Spieler so sehr, dass sie am Samstag Italien komplett abschießen.
Vielleicht macht es die Italiener zu sicher, sodass sie überheblich werden und den letzten Schuß Konzentration verlieren.
Psychologie taugt eher zur Vergangenheitsbewältigung aber für Prognosen müsste man statistisch ausreichendes Zahlenmaterial vorhanden sein, was bei 4 Spielen einfach nicht der Fall ist!
Ansonsten wird einfach nur irgendeine Möchtegernzukunft projiziert und mit angeblich psychologischen Argumenten ausgeschückt.
Zeitverschendung …

Antworten

FAB 28. Juni 2016 um 13:23

Apropo Statistik:
Die deutsche U21 hat 2009 im EM-Halbfinale gegen Italien 1:0 gewonnen.
Bei Deutschland dabei waren: Neuer, Boateng, Hummels, Höwedes, Khedira, Özil
Zählt das auch?

Antworten

savona 28. Juni 2016 um 14:39

Nene, so geht das ja nun nicht. Nur weil das justament die heutigen Protagonisten sind, kann man doch nicht einfach die ganze Serie für ungültig erklären. Was sind denn schon deren eigene Erfahrungen gegen die von Seeler, Briegel, Ballack, etc.? Die Last der Historie möge sie hoffentlich niederdrücken, so denkt sich doch vermutlich unser Orakel.

Antworten

GatlingJ 28. Juni 2016 um 16:56

„Orakel“ -> hey Danke 🙂 Nehme ich als Kompliment.

savona 28. Juni 2016 um 17:17

@ GatlingJ
Geht in Ordnung, bloß nicht alles so ernst nehmen. Neben all den taktischen Erwägungen ist ein wenig Kaffeesatzleserei hier auch okay – wenn sie nicht mit dem Furor nervtötender Rechthaberei vorgetragen wird.

Mike the Knight 28. Juni 2016 um 07:37

Es KANN so kommen wie du schreibst. Es kann aber auch ganz anders kommen. Italien hat gestern seinen Angstgegner besiegt, und am Samstag besiegt Deutschland (hoffentlich) seinen Angstgegner 😉

Antworten

druffundewerre 28. Juni 2016 um 10:58

Was sagt Sepp Herberger dazu?
„Wissen Sie, warum die Leute zum Fußball gehen? Weil sie nicht wissen, wer gewinnt!“

Ich kann Gatling verstehen und vor vier Jahren, als meine Kumpels das 4-2 gegen Griechenland feierten, habe ich gesagt, ach, sobald die erste abgewichste Truppe kommt, fliegen sie raus.
So war es dann. Das ist aber vier Jahre her und inzwischen haben sich die Spieler enorm weiterentwickelt, man nehme nur mal Toni Kroos…
Daher wäre ich natürlich enttäuscht, wenn Deutschland verlöre, aber s. o.: Beim Fußball ist alles möglich.

Antworten

Divinho 27. Juni 2016 um 18:41

Also ein Pressing war bei der Slowakei ja nahezu überhaupt nicht vorhanden. Das war ja maximal ein „Strafraumpressing“ und es konnte munter kombiniert werden was das Zeug hielt. Lag wahrscheinlich auch einfach daran, dass durch die oben angesprochenen „Formationsprobleme“ die Slowaken einfach keinen Zugriff bekamen.

Antworten

Mario 27. Juni 2016 um 17:08

Löw hat seinen Shakespeare gelesen – auch für diese kreativen Titel mag ich euch.

Antworten

HK 27. Juni 2016 um 19:04

Schließ ich mich gerne an.

Antworten

Todti 28. Juni 2016 um 05:07

Auch ich möchte mich hier anhängen. Super Artikel, klasse Referenz. Eben weil diese Seite nicht nur aus trockener Analyse besteht, lese ich eure Artikel so gerne.

Antworten

JF 27. Juni 2016 um 16:40

„Ergänzend“ -> http://www.t-online.de/tv/sport/em2016/id_78242578/variable-offensivreihe-als-mittel-zum-erfolg.html

Im Übrigen guter Content die ganze EM über!

Antworten

positron 27. Juni 2016 um 16:27

Ich frage mich schon die ganze Zeit welche Rolle Kedhira konkret hat. Wann immer er am Ball ist, wirkt er unentschlossen, langsam, auch im Nachrücken teilweise zaghaft und er spielt meist nur Querpässe oder steht sogar Mitspielern im Weg (passierte mit Kimmich ein paar mal). Wie auch schon hier angesprochen, er ist stark im vertikalen offensiven Spiel, dort wird er aber nicht eingesetzt. Meint ihr, Löw lässt ihn spielen damit er im Rhythmus ist, wenn es gegen die besseren Mannschaften geht? Denn genau wird man ja man eventuell diese Durchschlagskraft brauchen. Andererseits fände ich Kimmich oder Weigl auf der 6 und Kroos auf der 8 besser. Weigl wäre sogar etwas besser, denn ich hab das Gefühl, dass Hummels der Platz ein wenig von Kroos weggenommen wird – man sieht kaum mal durchschlagende Momente von Hummels. Mit Weigl vor ihm sollten dort die Synergien besser sein, oder? Defensiv war man ja sowieso nicht so gefordert.

Ich bin überrascht wie gut die Synergien mit Gomez sind. Man hat mit ihm ja nun schon sehr lange nicht mehr gespielt. Überhaupt sind die offensiven Mechanismen sehr gut, trotz geringer Vorbereitung und ständigem Experimentieren der letzten zwei Jahre. Sind unsere Spieler einfach besser geschult bzw profitieren sie von den viele guten Coaches, die ja mittlerweile alle recht variable System spielen lassen?

Was ich nicht ganz verstehe ist warum man jemandem wie Podolski einwechselt. Spielpraxis braucht er ja nicht, er kennt die Spieler, hat die Saison durchgespielt (seit langem mal wieder) und Löw hat ja schon zugegeben, dass er nicht wirklich auf Grund seiner Leistung mit genommen wurde. Warum nicht einen jungen Spieler reinwerfen, wäre der perfekte Moment gewesen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es Sinn macht beim Stande von 0:1 gegen Spanien Podolski in der 70. Minuten einzuwechseln…

Antworten

ZY 27. Juni 2016 um 20:23

Khediras Rolle ist mir, taktisch gesehen, auch nicht klar. Vermutlich geht es Löw bei ihm eher um die Physis, Kopfballstärke, und möglicherweise seinen moralisch positiven Einfluss. Gegen Italien wird das sehr wertvoll sein.
Gerade deswegen – das Spiel gegen die Slovakei wäre ideal gewesen, Khedira mal zu schonen (er war immerhin auch auf einer gelben Karte), und Weigl oder Schweinsteiger Spielzeit zu gegen, und gleichzeitig das 4-3-3 zu erproben. Im gleichen Sinne fand ich es fragwürdig, Boateng und Özil (durch)spielen zu lassen: beide auf gelber Karte, beiden hätte körperliche Ruhe vor Spanien/Italien sicher gutgetan.
Wie auch immer, Deutschland hat insgesamt sehr gut gespielt.
Der Autor hat die Preisfrage bereits gestellt: wie spielt Deutschland nun gegen Italien? Mir persönlich fällt hier keine wirklich überzeugende Aufstellung ein – ich würde zu einem 4-3-3 mit Höwedes statt Hector links, Weigl auf der 6, sowie Draxler-Gomez-Müller vorne. Schweinsteiger, Götze, Sané als die offensichtlichen Einwechseloptionen… Bauchschmerzen würde mir machen, dass diese Formation bisher noch nicht gespielt wurde…

Antworten

Schorsch 28. Juni 2016 um 00:17

Welche Spieler hat Löw für das defensive / zentrale Mittelfeld im Kader? Und wieviel davon verfügen über viel Turniererfahrung und zählen zu den Spielern, auf die Löw seit Jahren baut? Für mich erklärt sich die Aufstellung Khediras nicht nur, aber insbesondere daraus. Und das ist für mich auch verständlich. Die genaue taktische Rolle Khediras erschließt sich mir bislang auch nicht so recht, aber was heißt das schon? Zumal ich auch nicht alle Spiele der DFB-Auswahl sehen konnte. Khedira ist für mich ein ‚box-to-box 8er‘; seine vertikale Dynamik, seine Physis und Zweikampfstärke sind seine Stärken. Sein Passspiel und sein individualtaktisches Verhalten eher nicht, friendly speaking. In einem 4-3-3 als rechter 8er (so wie phasenweise bei der WM 14) wäre er mMn für die Nationalmannschaft am wertvollsten. Aber Löw wird Khediras Aufstellung nicht nach der Grundformation ausrichten und dabei wahrscheinlich auch richtig liegen.

Ich erwarte nicht, dass er Schweinsteiger gegen Italien von Beginn an bringen wird. Das Risiko wäre mMn zu groß. Prinzipiell würde ich auch ein kompaktes 4-3-3, analog zur WM 14, bevorzugen. Ein Spiel ohne 10er. Kroos als linker 8er und Müller als nomineller Rechtsaußen bespielen situativ den 10er-Raum, Khedira ist der ‚Marschierer‘. Nur wer sollte dann die 6er-Position vor der Abwehr einnehmen? Schweinsteiger wäre mMn prädestiniert dafür, aber wie gesagt, das Risiko scheint mir zu groß. Sein Auftritt in der letzten Viertelstunde gegen die Slowakei hat mich persönlich nicht gerade überzeugt, auch wenn die Kürze des Einsatzes eigentlich keine Beurteilung zulässt. Dass Löw einen Weigl oder einen Kimmich in einem solchen Spiel auf diese im wahrsten Wortsinne zentrale Position setzen wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Löw ist kein Hasardeur. So wird es mMn auf ein 4-2-3-1 hinauslaufen, in welcher Spielart auch immer. Mit Kroos, Khedira und Özil.

Boateng und Khedira haben übrigens nicht durchgespielt, sondern wurden beide ca. eine Viertelstunde vor Spielende ausgewechselt. Ich bin mir sicher, dass die deutsche Elf in ihrem Spiel gegen die Slowakei weniger ‚Körner‘ gelassen hat als das italienische Team in ihrem match gegen Spanien heute. Ein Tag mehr Regeneration, bis auf Neuer (und der ist Torwart…) hat keiner der entscheidenden Spieler die 30 erreicht oder überschritten (Schweinsteiger nicht mitgerechnet). Das sieht bei Italien etwas anders aus. Vielleicht kann dies ein Vorteil für das DFB-Team sein. Im heutigen Spiel gegen Spanien wurden diese in der zweiten Hälfte der zweiten Halbzeit nicht unbedingt stärker, sondern Italien schwächer. Viele Bälle wurden nicht mehr erreicht; für mich wirkte es so, als bauten einige italienische Spieler kräftemäßig / konditionell etwas ab. Wenn es der deutschen Elf gelingen sollte, die Passfolgen und Kombinationen vom Tempo und der Geschwindigkeit auf einem hohen Niveau zu halten, könnte dies die Italiener ‚müde spielen‘. Es wird auch einiges davon abhängen, welche Strategie Conte für sein Team wählen wird. Zunächst abwarten und auf Konter bauen wie gegen Belgien oder zunächst selbst das Spiel nach vorne suchen, um sich nach einer (angestrebten) Führung irgendwann zurückzuziehen, wie heute gegen Spanien. Einen tödlichen Konter in der Nachspielzeit können sie offensichtlich immer landen.

Wird auf jeden Fall spannend.
Noch zu Hummels: Ich habe den Eindruck, dass er die Direktive von Löw hat, direkt auf Kroos weiterzugeben. Während Boateng für die langen diagonalen Verlagerungsbälle zuständig ist. Gegen Ende des Achtelfinalspiels sah man den einen oder anderen längeren, vertikalen Pass von Hummels. Da war das Spiel auch bereits entschieden und Boateng ausgewechselt.

Zu Podolski: Es war ein 1:1 – Wechsel, und so schlecht hat Podolski seine Sache nicht gemacht.

Antworten

Todti 28. Juni 2016 um 05:26

Ja, ich denke auch, die Aufstellung sowie das Festhalten an Khedira liegt einerseits daran, dass Löw (aus seiner Sicht) keine große Wahl hat, und andererseits daran, dass Khedira in den späteren Spielen vermutlich sowieso die erste Wahl gewesen wäre. Da macht es dann schon Sinn, ihn durchgängig spielen zu lassen, damit die erste Mannschaft so eingespielt wie möglich ist, zumal man in der Gruppenphase bzw. gegen die schwächeren Gegner wahrscheinlich auch mit Khedira gewinnen würde – und so war es ja auch.
Zum Thema Optionen:
Ich rede mir immer ein, dass der Aufschwung der Jungen zu spät für Löw kam und er auf das stabilere, eingespielte Personal für die EM setzt. Danach gibt es dann einen kleinen Umbruch, Weigl, Brandt, Sané und Kimmich werden hier stärker integriert – Letzteren hat Löw nun mehr oder weniger gezwungenermaßen schon frühzeitig gebracht. Der Confed Cup im nächsten Jahr kann dann als Barometer für die Entwicklung genutzt werden. Wie denkt ihr darüber? Rede ich mir das Thema nur schön? Wohlgemerkt, ich spreche nicht davon, dass die Obengenannten andere Spieler ablösen, das deutsche Team ist ja generell recht jung, aber zumindest als Role Player bzw. Optionen 12 – 16 Verwendung finden.

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 10:12

Löw versucht eigentlich immer eine gute Kadermischung aus aktueller (und vergangener) Stärke und Potential für die Zukunft zusammenzustellen. Kimmich wird vermutlich ein Fixpunkt als RV in der Nationalelf für die nächsten Jahre werden – auch mangels Alternativen, aber nicht nur. Bei Weigl wird die nächste (CL-)Saison spannend werden: Hält er das Niveau und legt noch etwas Persönlichkeit drauf, dann verdrängt er (den ähnlich spielenden) Schweinsteiger.

Brandt und Sane werden immer im Auge behalten. Da entscheidet sich vor allem, ob sie regelmässig spielen und gesund bleiben, dann werden sie immer wie mindestens Draxler und Schürrle im erweiterten Kreis sein. Auf diesen Sprinterpositionen ist die Ausfallrate immer vorhanden. In der N11 setzt sich durch, wer stabil gesund bleibt. Deswegen ist auch Podolski nach wie vor dabei: immer perfekt austrainiert, kannst du immer bringen. Das er spielerisch eher eine Brechstange ist ohne große Varianz, ist egal. Auch Brechstangen braucht man manchmal.

Generell scheint mir diese Beißer-Mentalität ein wichtiges Kriterium für Löw zu sein: Khedira, Schweinsteiger, Podolski: Du wirst die, wenn es hart auf hart geht, nie rumjammern hören wegen Verletzungen. Solange das Bein dran ist, wird damit gelaufen, gegrätscht und geschossen. Und wenn das 2 Jahre der Karriere kostet (Schweinsteiger), dann ist das halt so. Gerade in einem Turnier ist das eine wichtige Qualität.

Antworten

FAB 28. Juni 2016 um 11:26

Wieso kommt der Aufschwung der Jungen zu spät?
Aktuell ist doch erstmal der Jahrgang 87/88 dran, den Sommermärchen-Jahrgang mit Schweini und Poldi komplett abzulösen, also im Prinzip die Mannschaft die 2009 den U21 EM Titel geholt hat. Spieler wie Khedira, Özil, Boateng und Hummels sind doch genau jetzt auf dem Höhepunkt ihres Könnens.
Für Löw ist es natürlich optimal, dass jetzt ein sehr starker Jahrgang 95/96 nachkommt, der jetzt schon in die Mannschaft drängen.

Antworten

Todti 28. Juni 2016 um 22:12

Zu spät für dieses Turnier war gemeint. Da sie sich erst im Laufe der vergangenen Saison auf hohem Niveau aufgedrängt haben, kam das zu spät für Löw, um sie noch für diese EM in die Mannschaft zu integrieren (anstatt nur im erweiterten Kader mitzunehmen).
Auf der größeren Skala passt das Timing natürlich.

Antworten

Schorsch 28. Juni 2016 um 12:44

Der eine oder andere ganz junge Spieler ist wohl auch deshalb im Kader, weil sich andere, normalerweise ‚gesetzte‘ Spieler vor der EM verletzt hatten bzw. nicht mehr rechtzeitig in Form kommen konnten. Als Beispiele seien hier Reus und Gündogan genannt. So etwas ist normal und passiert vor jedem großen Turnier.

Einen personellen ‚Umbruch‘ nach der EM, wie klein oder groß auch immer, sehe ich nicht. Diese EM wird wohl das letzte große Turnier für Schweinsteiger und Podolski sein, aber eine wie auch immer geartete Zäsur stellt dies mMn nicht dar. Schweinsteiger hatte in den letzten 2 Jahren ohnehin kaum Länderspiele und Podolski ist seit längerem nicht mehr als ein Ergänzungsspieler. Wenn sie von Verletzungen verschont bleiben und eine einigermaßen Form aufweisen, dann werden Neuer, Boateng, Hummels, Kroos, Özil, Müller, Khedira auch in 2 Jahren bei der WM für die DFB-Auswahl auflaufen und Draxler, Götze, Höwedes, Gomez und Hector zumindest im Kader sein. Hinzu kommen Spieler wie Reus und Gündogan. Wenn es auf bestimmten Positionen Probleme und Mangel an Auswahl geben sollte, dann haben sehr junge Spieler wie Kimmich auch die große Chance, sich dort fest zu etablieren (siehe auch Hector). Ansonsten ist ein größerer Umbruch wohl erst nach der WM 2018 zu erwarten, aber auch das ist nicht ganz sicher. Gar so alt werden o.g. Spieler auch in 4 Jahren noch nicht sein und die Wahrscheinlichkeit, dass sie dann immer noch auf hohem Niveau spielen, ist so gering nicht. Wobei es natürlich immer die Möglichkeit gibt, ‚den Lahm zu machen‘ und zurückzutreten. Was ich persönlich als durchaus klug ansehe.

In den nächsten 2 Jahren werden wieder eine ganze Reihe von Spielern getestet werden, da bin ich mir sehr sicher. Ich sehe es wie Du auch so, dass die jetzt sehr jungen Spieler dann auch die Chance haben werden, sich als feste Größen im Kader zu etablieren (aber nur bedingt für die Startformation). Wer das sein wird, kann niemand konkret sagen, nur vermuten. Die Unwägbarkeiten im Fußball sind schon recht groß, gerade bei jungen Spielern.

Aber jetzt geht es erst einmal im Viertelfinale dieser EM gegen die italienische Auswahl. Zugegebenermaßen habe ich einen Faible für die Azzurri und hätte diese Begegnung sehr gerne als Finale gesehen. Ich hoffe allerdings auf ein Weiterkommen der deutschen Nationalmannschaft.

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 13:50

Einen wirklich Umbruch wird die N11 in absehbarer Zeit nicht erleben. Die Übergänge sind sehr fließend, das macht Löw auch IMO relativ gut. Es „rumpelt“ eigentlich nur auf den Problem-AV-Positionen, aber ansonsten ist da immer ein sehr guter Mix unterwegs. Schweinsteiger wird vermutlich gehen, Gündogan wird ihn dauerhaft ersetzen – oder Weigl, wenn dieser weiter seine Form hält. Kimmich dürfte sich in den Stamm gespielt haben als AV, da ja sowieso keine Konkurrenz weit und breit zu sehen ist (Weiser mit Abstrichen).

Eigentlich sehe ich nur die MS-Position fraglich, aber Gomez hat noch ein paar Jahre und eine Entwicklung hier kann sehr schnell gehen. Und unumstritten war und ist Gomez ja auch nie gewesen.

Antworten

The Soulcollector 27. Juni 2016 um 16:16

Ich könnte mir vorstellen das Löw nun auf ein 4-3-3 umstellt, falls Schweini wirklich fit ist. Damit könnte man die AVs besser absichern bei ihren Vorstößen. Außerdem ist der Spielaufbau sicherer bei gegnerischem Gegenpressing. Bleibt halt die Frage wen man dann vorne rausnimmt.

Antworten

FAB 27. Juni 2016 um 17:07

Aus meiner Sicht gibt es 2 Optionen für das Viertelfinale:
Schweinsteiger ist fit -> 4-3-2-1 mit Neuer-Kimmich,Boateng,Hummels,Hector-Schweinsteiger,Khedira,Kroos-Müller,Özil-Gomez
Schweinsteiger ist nicht fit -> Dreierkette mit Neuer-Boateng,Mustafi,Hummels-Kimmich,Khedira,Kroos,Hector-Müller,Özil-Gomez
Ich finde Kimmich hat sich nun ins Team gespielt. Eine etwas defensivere Variante würde ihm helfen, um seltener in gefährliche 1gegen1 Zweikämpfe zu kommen. Offensiv ist er sowieso eine Verstärkung.
Auch Gomez zeigt viele Vorteile, arbeitet sehr mannschaftsdienlich, intensiv und zeigt sich ja mit 2 Toren durchaus treffsicher.
Die Rolle von Kroos fand ich gegen die Slowakei etwas eigenartig, den Spielaufbau hat er sich ja sozusagen mit Boateng aufgeteilt und dafür musste er halt stärker gegenpressen aber ok, hat wohl zum taktischen Kniff von Löw gehört und hat ja funktioniert. Für meine Geschmack war er aber im Spielaufbau etwas weniger präsent als sonst und hat mit seine Bewegungen manchmal unnötig für Räume gesorgt, aber egal.
Im Viertelfinale sollte er allerdings wieder eine präsentere, kreativere Rolle bekommen, dazu müsste er allerdings wieder besser unterstützt werden durch Khedira (und evtl. Schweinsteiger).
Dass Draxler so geglänzt hat gegen die Slowakei hat wohl auch sehr viel mit der Slowakei zu tun, die einfach auch unglaublich viel Raum gegeben haben. Soviel Raum wird er im Viertelfinale nicht bekommen. Sowieso war es eine defensiv sehr seltsame Vorgehensweise von der Slowakei und auch gut analysiert von TE.

Antworten

AK 27. Juni 2016 um 22:26

Denke auch, dass Löw einen OM “opfert”, um gegen Italien entweder einen zusätzlichen 6er zubringen (Schweinsteiger für ein 4-3-3) oder einen zusätzlichen IV (Höwedes für eine Dreier- bzw. Fünferkette).

Taktisch kann ich mir vorstellen, dass das Spiel in Phasen unterteilt wird und dass D. in einigen davon hoch presst und gegenpresst (haben wir eigentlich Pressingfallen im Repertoire?) und sich in anderen in hinter die Mittellinie fallen lässt, um kompakt zu stehen und bei Ballgewinn schnell umzuschalten.

Antworten

koom 28. Juni 2016 um 10:54

Persönlich hoffe ich, dass er nicht zu viel experimentiert und damit die Mannschaft in eine taktische Situation schickt, die ihr nicht behagt. Persönlich würde ich wohl auflaufen wie jetzt gegen die Slowakei. Das ist ein guter Mix an Spielertypen, hat Dribbler, Raumdeuter, Kanten, Halbraumnutzer, Flanken – so ziemlich alles drin. Und wechseln kann er dann immer noch mit hoher Qualität: Mehr Pressingresistent und Halbraumnutzung: Götze. Mehr Tempo: Sane. Mehr Mittelfeldkontrolle: Schweinsteiger rein.

Wichtig wird gegen Italien vor allem die Einstellung sein, dass man in jeder Minute da ist. Italien ist eine abgewichste, alte Elf mit viel Geduld und fiesen Kniffen, dass muss man im Kopf haben.

Antworten

CHR4 28. Juni 2016 um 16:07

schließe mich an – an der Aufstellung muss nicht zwangsläufig was geändert werden, eher an der taktischen Detailausrichtung
hoffe Löw geht nicht nur auf KonterVERMEIDUNG (ala Pep) sondern auch auf KonterABSICHERUNG!
mit einer solche Linkslastigkeit im Angriff wie vor 4 Jahren ist nicht zu rechnen, da sind wir jetzt besser ausbalanciert, was die Italiener diesmal mehr zum Verscheiben zwingt und sie müde macht
und dass man den Aufbauspielern nicht so soviel Zeit und Raum geben darf wie Kroos damals Pirlo, sollte jetzt, spätestens nachdem Belgien diesen Fehler bei Bonucci wiederholt hat, auf dem Schirm sein
konstante Intensität ist der Schlüssel – forsch aber dennoch cool udn sich nciht von Leuten wie Chielini provozieren lassen

Antworten

OttoKane 27. Juni 2016 um 16:01

Also ich finde Kroos kam im Pressing herausgerannt wie ein Verrückter und ist dabei auch munter ins Leere gelaufen. Das kam mir schon heftig riskant und auch nicht so effektiv wie beschrieben vor.
Kimmich hatte defensiv etwas mehr zu tun als zuletzt und war dabei meines Erachtens auch etwas wacklig, etwa als er die Gelbe Karte kassiert. Oder sehe ich das überkritisch?
Wie die Nordiren habens auch die Slowaken genau einmal im ganzen Spiel versucht, gleich vorne auf die IVs draufzugehen und Neuer unter Druck zusetzen. Wie bei den Nordiren wurde da sofort ein gefährlicher deutscher Angriff draus – das gibt mir auch ein Stück Hoffnung dass wir gegen stärkere Gegner einen Trumpf haben.

Antworten

HK 27. Juni 2016 um 19:02

Kimmichs Rolle war erstaunlich. Während über links konstant Draxler und Hector kamen, Kroos ständig dahin drängte , wurde die rechte Seite offensiv wie defensiv Kimmich fast vollständig allein überlassen. Müller war fast ständig eingerückt, Khedira rückte nicht raus.
Das war in einem EM-Playoff ganz schön viel Verantwortung für einen fast noch Debütanten. Würde mich mal interessieren, ob das bewusst so gemacht war oder sich einfach nur so ergab.
Wie auch immer, unter diesen Umständen war das wieder eine mehr als respektable Leistung. Kimmich sollte sich damit für das VF erst mal festgespielt haben.

Antworten

felixander 27. Juni 2016 um 14:46

Was würdest du Löw denn fürs nächste Match (sagen wir mal gegen Spanien) empfehlen, TE?

Ich nehme mal an, Draxler wird dann nicht spielen und Scholl flippt aus, wie man so dumm sein kann, den Mann des letzten Spiels rauszunehmen. Aber Götze sollte mit weniger Raum und Zirkulation in Engen besser klarkommen, oder?

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*