Donnerstag, 26.05.2016

Türchen 21: Ronaldo Luís Nazário de Lima

Ronaldo: Der beste Mittelstürmer aller Zeiten. Leider nur für ganz kurze Zeit.

Das Wunderkind

Die Recherche zu Luis Nazario de Lima „Ronaldo“ fällt äußerst schwierig. Ein etwas jüngerer Fußballer mit ähnlichem Namen vereinnahmt die meisten Suchergebnisse; und möchte man diese ausschließen, so schließt man auch viele Suchergebnisse aus, welche den portugiesischen Kollegen erwähnen. Deswegen wird hier darauf verzichtet. Fakt ist: Ronaldo steht aktuell im Schatten eines jüngeren und noch populäreren Fußballers. Vor fast genau zwanzig Jahren wäre dies wohl undenkbar gewesen. Ronaldo war einer der ersten global vermarkteten Stars des Fußballs.

Ronaldo, dessen eigentlicher Geburtstag nicht der 22., sondern der 18. September 1976 ist, beendete mit 12 Jahren seine Schulbildung und wurde im Futsal von seinen späteren Agenten Reinaldo Pitta und Alexandre Martins entdeckt. Anfangs soll Ronaldo noch im Tor gespielt haben, bevor er ins Feld – und aufs große Feld – wechselte. Von Sao Cristovao ging er nur kurz darauf nach Cruzeiro, wo er mit 16 Jahren debütierte und mit knapp 17 Jahren bereits einer der besten Stürmer des Landes wurde. Gegen Bahia erzielte er sogar fünf Tore in einer Partie, am Ende sollten es 44 Treffer in nur 47 Spielen sein.

Ein junger Ronaldo bei der Weltfußballervergabe.

Noch vor seinem 18. Geburtstag nahm Ronaldo bei der Weltmeisterschaft 1994 für sein Land teil und wechselte nach Europa zu PSV Eindhoven. In jener Zeit sollen sogar die Münchner Bayern und Sir Alex Ferguson Interesse an ihm bekundet haben. Nike stellte ihn umgehend an die Front ihrer kommenden Werbungen und machte ihn zu einer Marke. Das Ziel: Ronaldo sollte in den 90ern für Nike im Fußball das werden, was Michael Jordan in den 80ern (und den darauffolgenden Jahren) in der NBA war. Anfangs schien es, Ronaldo würde diesem enormen Vergleich standhalten können – und vielleicht sogar über ihn hinauswachsen.

Der Wirbelwind

Schon früh nach seinem Wechsel zum PSV setzte Ronaldo ein Ausrufezeichen in Europa. Gegen Bayer 04 Leverkusen im UEFA-Cup erzielte er – fünf Tage vor seinem 18ten Geburtstag – gleich drei Tore. In Zeiten vieler klassischer Mittelstürmer bei gleichzeitig nur wenigen Teenagetalenten – die erst in den nächsten Jahren vermehrt Gang und Gäbe sein sollten – fiel Ronaldo sofort auf. Er bewegte sich intelligent, wenn auch teilweise noch unbedarft. Seine Fähigkeiten am Ball stachen sofort ins Auge, ebenso wie seine Tororientiertheit.

Diese Mischung aus Aktivität, Talent und tororientiertem Fokus ähnelt im Nachhinein am ehesten einem jungen Wayne Rooney, der bei der Europameisterschaft 2004 für Furore sorgte. Der Ronaldo von damals war aber noch etwas geschmeidiger, kreativer, wendiger und weniger brachial in seinen Dribblingaktionen. Im Vergleich zum jungen Rooney benötigte Ronaldo meistens einen Zweikampf und einen Kontakt weniger als dieser. Die meisten verglichen Ronaldo damals mit Pelé.

PSV war zu jener Zeit übrigens eine sehr interessante Mannschaft. Mit Boudewijn Zenden gab es einen talentierten Mittelfeldspieler in den Reihen, in der Abwehr spielten mit Jan Wouters, Arthur Nouman, Wilfred Bouma und natürlich Gheorghe Popescu weitere interessante Akteure.

Im Folgejahr sollten noch Wim Jonk, Philipp Cocu, Eidur Gudjohnsen und Jaap Stamm hinzukommen. Stanley Menzo und Ronald Waterreus im Kasten waren hochklassige, moderne und bis heute unterschätzte Torhüter, während vorne Luc Nilis und Ronaldo einen tollen Angriff stellten.

PSV erzielte nach Louis van Gaals Ajax – dem womöglich stärksten Team Europas in jenen Jahren – die meisten Tore in der Liga (85 in 34 Partien), in der Folgesaison brachte man es trotz Verletzungsbeschwerden Ronaldos (13 Einsätze, 12 Tore) auf nur sechs Punkte Rückstand bei fast identischer Tordifferenz (97:25) hinter Ajax (97:24).

Punktuell spielte man ganz gutes Gegenpressing und hatte schöne Angriffsspielzüge, obwohl man insbesondere 1994/95 teils zu oft über die Flügel und mit Flanken agierte; auch, um Hoekstra (oder auch unseren Lieblingsexperten Erik Meijer) zu füttern. Die besten Partien hatte man mit Ronaldo und Luc Nilis als fokussiertes, bewegliches Duo; die Spiegelung der meisten Formationen des Gegners in jener Zeit wurden damit aufgehoben, desweiteren bewegten sich Nilis und Ronaldo herausragend.

“Ronaldo did things nobody had seen before. He, together with Romário and George Weah, reinvented the center-forward position. They were the first to drop from the penalty box to pick up the ball in midfield, switch to the flanks, attract and disorientate the central defenders with their runs, their accelerations, their dribbling.” – Thierry Henry

Nilis ist ein sehr unterschätzter Angreifer, der nicht nur in der Luft stark war, sondern durchgehend Räume für die anderen Offensivspieler öffnete, sich geschickt zurückfallen lassen und Bälle verteilen konnte, aber auch im Dribbling und Abschluss unglaublich stark war. Sein Tor hier im Video bei 03:09 steht Symbol dafür.

Mit Nilis und Ronaldo konnte man gegnerische Manndeckungen aufbrechen. Wer würde wen decken? Wie weit folgt man einem Spieler nach, der sich zurückfallen lässt? Wann übergibt man, wenn sie in unterschiedlich hohen Positionen die Seiten wechseln? Und wie will man eigentlich jemanden manndecken, der einem individuell dermaßen überlegen ist? Ajax, welche ihre Manndeckungen gut organisierten und teilweise auch im Raum deckten, stellten sich noch verhältnismäßig gut an.

Nilis und Ronaldo vorne hätten bei noch etwas mehr Fokus und Unterstützung in einem anderen Umfeld – oder auch in der heutigen Zeit – eines der besten Angriffspaare jemals werden können. Jahre später sollte Nilis mit Van Nistelrooy ebenfalls bei PSV ein ungeheures Duo bilden. Ronaldo sollte nach diesen beiden Jahren aber abwandern.

Innerhalb dieser zwei Saisons war aus dem noch etwas unsauberen und auf dem Feld naiv agierenden Mittelstürmer ein überaus listiger Akteur geworden; er zog hervorragend Fouls, bewegte sich überragend, tunnelte Gegenspieler regelmäßig und schloss eiskalt ab. Er fokussierte sein Passspiel etwas stärker, avanciert auch zu einem Kreativposten seiner Mannschaft, der insbesondere den Angriffsvortrag aus dem zweiten Drittel vermehrt übernahm, und wurde letztlich ein kompletter Spieler.

Als Barcelona ihn 1996 nach Katalonien holte, war für viele klar: Ronaldo ist der beste Fußballer der Erde. Nicht nur wegen Aktionen wie dieser. Das Komplettpaket war schlichtweg zu unbegreiflich. Ein 19jähriger Spieler in der Eredivisie spielte mehr oder weniger ohne Schwächen und mit vielen Stärken, die weltweit ihresgleichen suchten.

El Fenomeno

Aus diesem Komplettpaket erwuchs letztlich der bis heute gängigste Spitzname für Ronaldo. „El Fenomeno“ mit der – nicht allzu schwierigen – Übersetzung „Das Phänomen“. Gegeben von der italienischen Presse, nachdem in der Saison 1996/97 das globale Erstaunen über die Talente Ronaldos in kollektive Bewunderung gewichen war.

Es schien, als hätte Nike jemanden gefunden, der noch größer als His Airness werden könnte. Zu jenem Zeitpunkt gab es keine Diskussion, wer der beste Spieler der Welt war. Der erst 20jährige Ronaldo traf in 37 Spielen in La Liga gleich 34mal, damals unvorstellbar.

Mit links oder mit rechts, aus der Drehung, der Distanz oder im 1-gegen-1 mit dem Torhüter – die Tore fielen auf jede erdenkliche Weise. Besonders spektakulär waren allerdings seine Soli aus dem Mittelfeld. Ronaldo spielte nicht mehr so kreativ und passorientiert wie teilweise bei PSV, sondern fokussierte sich vermehrt – wenn auch nicht durchgehend – auf vertikale Durchbrüche mit schnellen Kombinationen oder eben Dribblings. Sein Hattrick gegen Valencia, als er beim ersten Tor zwischen zwei Gegenspielern durchbrach und es beim dritten Treffer einfach wiederholte, und sein Alleingang gegen Compostela, bleiben bis heute unvergessen.

„Imagine you asked God to be the best player in the world and he listened to you” – Nike

“He’s not a man, he’s a herd” – Jorge Valdano

“Pele returns” – AS

Diese berauschende Saison sollte jedoch nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende seiner Zeit beim FC Barcelona sein. Josep Lluís Nunez, bis heute als Geizhals verschrien, wollte bis 2006 verlängern, doch wollte die Wünsche Ronaldos nicht erfüllen. Louis Van Gaal, der Bobby Robson ablöste, unterstützte den Präsidenten hierbei:

„Wir schaffen es nicht, mit Ronaldo zu verlängern. Aber wir haben jemanden aus unserer eigenen Kultur, der vielleicht bisschen besser ist: Patrick Kluivert.“

An Ronaldo sollte Kluivert trotz seiner großen Qualität – wie auch eigentlich alle anderen Spieler in diesem allzu kurzen Abschnitt der 90er – nicht herankommen. Ronaldo gewann den ersten FIFA Confederations-Cup mit Stürmerstar Romario an seiner Seite gegen Australien mit 6:0, wechselte zu Inter Mailand für eine Rekordablösesumme und wurde als Phänomen deklariert.

Das Phänomen. Jenes Gesicht, welches damals den Fußball überstrahlte.

Bei Inter machte Ronaldo eine Wandlung durch. Physisch wurde er plötzlich noch bulliger, massiger und eine enorme Naturgewalt. In späteren Jahren sollte es Gerüchte geben, er wäre bei PSV Eindhoven ohne sein Wissen mit Steroiden gedopt worden (was in den Verletzungen 1995/96 mündete), was später bei Inter wieder aufgenommen worden sein soll. Ob es stimmt, weiß niemand – die Wichtigkeit Ronaldos für Inter ist aber unbestritten. Dass ihm regelmäßig Cortison als Schmerzmittel ins Knie gespritzt wurde, was schließlich seine Patellarsehne so anfällig machte, ist ein offenes Geheimnis.

Womöglich wäre Ronaldo In heutiger Zeit weniger verletzt gewesen. Es mag zwar die Belastung höher sein, doch auch die Periodisierung des Trainings und viele Dinge wie das Wissen um Schlaf, Ernährung, Regenerationsprogramme, die Auswirkung psychischer Belastungen, etc. haben sich verbessert. Ronaldo wurde in den sehr körperbetonten 90ern – und der noch speziell darauf fokussierten Serie A – vermutlich auch übertrainiert.

Die italienische Doktorin  Laura Bertelè (Autorin von „Basta saper vedere – La prevenzione nel calcio (e in altri sport)“) schrieb, Ronaldo hätte bei Inter zu viel Muskelmasse gehabt (und in zu kurzer Zeit aufgebaut), was letztlich zu viel Druck bei Rotationsbewegungen auf das Kniegelenk ausübte.

Trotzdem war diese Phase unmittelbar vor seiner Verletzung der Höhepunkt Ronaldos. 2013 hatte ich eine kleine Statistik dazu gebastelt. Wie stand er im Vergleich zu den letzten Topjahren des Namenskollegen und Lionel Messis, aber auch Diego Maradonas aus den späten 90ern dar?

Mich interessierte, wie viele Scorerpunkte der Spieler pro 90 Minuten erzielt hatte, was der Torschnitt pro Spiel in der Liga war (Offensivfreudigkeit der Liga), wie der Anteil der Mannschaft daran aussah (Relative Stärke im Vergleich zur Konkurrenz) und welchen Anteil der Spieler an den Toren für die Mannschaft hatte (Wichtigkeit für die Mannschaft).

Nur zwei der Saisons Messis konnten mit den Saisons 98/99 und 97/98 mithalten und diese vier Spielzeiten waren die einzigen mit einem Wert von über 0,5. Ronaldos Einsätze in 98/99 zeigen hier sogar den allerbesten Wert auf. Diese Verbindung von unglaublicher Physis und herausragendem technisch-taktischen Talent war allerdings nicht nur für die Konkurrenz zu viel, sondern auch für Ronaldo.

Trotz zwei Weltfußballertiteln, der Vize-Weltmeisterschaft 1998 – wo Ronaldo wohl einen epileptischen Anfall vor dem Finale hatte – und dem Titel als bestem Spieler der Weltmeisterschaft endeten diese Jahre in einer Tragödie. Am 21. November 1999 riss sich Ronaldo bei einer Ballbehauptung die Patellarsehne.

Der Schatten

Die nächsten Jahre sollten zur Qual für Ronaldo werden. Zuerst fiel er für fast sechs Monate aus, bevor er sich bei seinem Comeback gegen Lazio nach nur sieben Minuten abermals die gleiche Sehne riss. Er fiel die gesamte Saison 2000/01 aus und kam in der Saison 2001/02 erst langsam in Form. In jener Zeit wurde er sogar in einigen Videospielen nicht mehr eingebaut, weil viele ein Karriereende erwarteten und nicht die hohen Kosten für die Lizenzierung zahlen wollten.

Ronaldo schaffte es gerade noch rechtzeitig, um an der Weltmeisterschaft 2002 teilnehmen zu können. Acht Tore, der Weltmeistertitel, der Weltfußballertitel und ein Wechsel für 46 Millionen Euro (heutiger Wert: Ungefähr 62 Millionen Euro) standen am Ende einer fulminanten Rückkehr. Aber trotz der Erfolge und Weltklasseleistungen in den folgenden Jahren bei Real Madrid war es nicht der gleiche Ronaldo. Es gibt eben einen klaren Unterschied zwischen Weltklasse und zwischen dem Ronaldo der 90er.

In seiner ersten Phase nach der Rückkehr wirkte er fast etwas unsauber und tollpatschig; ähnlich seiner Anfangszeit im Profibereich. Ronaldo befand sich wie damals im körperlichen Übergang zu einem etwas anderen Spielertypen. Bei der Weltmeisterschaft 2002 war er zwar wirklich sehr gut, verdribbelte sich aber immer mal wieder und hatte Entscheidungen, die für einen normalen Fußballer – der nicht die Physis einer Sagenfigur besitzt – erfolgsinstabil sind.

Bei Real Madrid fand er sich langsam mit seiner abnehmenden Ausdauer und geringeren Dynamik ab. Häufige Dribblings und Antritte, Sprints über längere Distanzen und Zweikämpfe waren nicht mehr praktikabel, ebenso wie bestimmte Aktionen in engen Räumen, etc. Ronaldo erfand sich neu. Aus der fast schon als falscher Neun agierenden Naturgewalt, die einem Genetikexperiment ähnelt, wurde jetzt ein orthodoxerer Spieler.

Ronaldo bei Real. Nicht mehr so drahtig, sondern etwas kuscheliger. Trotzdem eine Gefahr für jeden Defensivverbund.

Ronaldo gab Tiefe, beschäftigte die gegnerischen Verteidiger weniger weiträumig, aber bewegte sich weiterhin mit chirurgischer Präzision und Intelligenz. Die spielmachenden Ansätze in tiefen Zonen gab es nur noch selten, meistens wichen sie schnellen Ablagen und einzelnen darauffolgenden Sprints hinter die Abwehr in die Schnittstellen. Punktuell zeigte sich aber der alte Ronaldo.

Das weiße Ballett und die Galacticos passten taktisch-strategisch nicht perfekt zusammen und vernachlässigten bestimmte Aspekte, doch in einzelnen Phasen gab es hervorragenden Fußball. Mitverantwortlich war Ronaldo, der gelegentlich seine nach wie vor vorhandene herausragende Geschwindigkeit – dieses Mal nicht ganz so trainiert wie früher, aber weiterhin ziemlich bullig – mit seinen Dribbling- und Abschlussfähigkeiten verbinden konnte.

Meistens war er damit noch seinen Gegenspielern einen Schritt voraus; nur seinem früheren Ich lief er einen Schritt hinterher – ein Schatten seiner Selbst, im wahrsten Sinne des Wortes. Von 2004/05 an begann der Niedergang des Weltklasse-Ronaldos. Unter Fabio Capello erhielt Ronaldo 2006 kaum noch Chancen, bei der Weltmeisterschaft im gleichen Jahr schieden die hochfavorisierten Brasilianer enttäuschend aus. Im Winter 2007 wechselte er zum AC Milan.

Vom Kugelblitz zur Kugel

Die Geniestreiche Ronaldos wurden in dieser Zeit nicht nur seltener, sondern waren auch immer weniger physischer Natur. Sie fokussierten sich auf seine starke Schusstechnik, Dribblings, welche die Dynamik des heranlaufenden Gegners oder die Gefahr eines Fouls im Strafraum ausnutzten, und seine etwas stärker zur Geltung kommende Passfähigkeiten. Besonders mit Alexandre Pato bildete er einen interessanten Sturm, in welchem der junge Spieler – oft mit dem frühen Ronaldo verglichen – sich um dessen ältere Version bewegte. Doch die mangelnde Fitness, auf seine Gewichts- bzw. seine Schilddrüsenprobleme, zurückzuführen, war eindeutig. Sie resultierte in einer Verletzung am linken Knie; abermals die Patellarsehne, nachdem er sich diese schon zwei Mal am rechten Knie verletzt hatte.

Mithilfe eines neuen Trainingsprogramms und zahlreicher Sponsoren kehrte Ronaldo im Jahr 2009 in den Fußball zurück – zu Corinthians. Auch hier zeigte Ronaldo trotz eines Wohlfühlbäuchleins vor sich gute Leistungen und einzelne Highlights. Im Februar 2011 beendete Ronaldo seine Karriere. Manche hatten im Jahr zuvor sogar seine Rückkehr als Edeljoker in die brasilianische Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 2010 gefordert, was jedoch nicht zustande kam.

2011 stoppte also das womöglich größte Stürmerpotenzial aller Zeiten seine Laufbahn.  In besonderer Erinnerung blieben seine Leistungen bei Weltmeisterschaften, wo er in nur 19 Spielen gleich 15 Tore erzielte; u.a. drei Tore bei der WM 2006, vier Tore bei der WM 1998 und acht Treffer bei der WM 2002. Mit 62 Toren in 98 Spielen war Ronaldo einer der furchteinflößendsten Mittelstürmer auf internationalem Boden.

“It’s very hard to leave something that made me so happy. Mentally I wanted to continue but I have to acknowledge that I lost to my body. The head wants to go on but the body can’t take any more. I think of an action but I can’t do it the way I want to. It’s time to go.“

Ronaldo ging; doch wurde nicht vergessen. Ronaldos herausragende Fähigkeiten können nämlich erklärt werden – zumindest in Teilen.

Falsche Neun in alle Richtungen

Bei Ronaldo wird – in Anbetracht seiner einmaligen physischen und seltenen technischen Stärken – oft vergessen, wie intelligent und für den Gegner unangenehm er sich bewegte. Besonders wohl fühlte sich Ronaldo im linken Halbraum oder gar im linken Flügel. Er hatte sehr intelligentes ausweichendes Movement, von wo aus er enorm weiträumig agieren konnte. Für manndeckende Mannschaften und Gegenspieler war das problematisch; Ronaldo zog sich auf die Seite und nahm seinen Gegenspieler mit. Zwischen dem Manndecker Ronaldos und dem Ausputzer neben ihm entstand dadurch ein Loch.

Ronaldo kurz nach seinem Karriereende.

Wurde Ronaldo nicht eng verteidigt, konnte er in diesen Zonen den Ball in den Fuß erhalten und Geschwindigkeit aufnehmen. Game over. Wenn er jedoch eng gedeckt wurde, konnten das Mittelfeld den Ball in die enorme Lücke hinter die Abwehr spielen und Ronaldo in ein Laufduell schicken. Game over.

Bei Raumdeckung konnte Ronaldo hier die Zone überladen, nach freien Räumen suchen und positionierte sich meistens geschickt knapp außerhalb des Sichtfeld gegnerischer Mittelfeldspieler, aber möglichst weit von den gegnerischen Verteidigern entfernt. Nach Ballannahmen gab es Drehungen und sofort schnelle Läufe, die entweder in Durchbrüchen und Dribblings oder Pässen nach herausgelockten Verteidigern mündeten.

Besonders in jungen Jahren gab es immer wieder Durchbruchsversuche, die zwar keine hohe Erfolgsstabilität hatten, aber einzig bei Ronaldo überhaupt eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit besaßen. El Fenomeno konnte in jener Zeit aus dem Nichts in einer isolierten, unangenehmen Situation im zweiten Drittel plötzlich in einer vielversprechenden Situation am gegnerischen Strafraum auftauchen – teilweise sogar kurzzeitig ohne Gegnerdruck vor dem Torwart.

Die Weiträumigkeit von der linken Seite aus kommend sucht vermutlich in der Geschichte des Fußballs ihresgleichen. Die meisten linken Außenstürmer besaßen nicht diesen enormen Zug nach innen, waren entweder physisch nicht weiträumig genug oder technisch nicht ausreichend stark, um ihre Weiträumigkeit auch am Ball aufrechtzuerhalten.

Die inversen Flügelstürmer moderner Tage sind ihren Zeitgenossen nicht dermaßen physisch überlegen, sondern filigraner angelegt; außerdem ist es eine andere Dynamik, als ein nach links ausweichender Mittelstürmer. Tatsächlich ist dies womöglich sogar die größte Gemeinsamkeit mit seinem portugiesischen Namensvetter: Eine einmalige Fähigkeit weiträumige Durchbrüche von links als Mittelstürmer zu gestalten, obgleich das brasilianische Original noch eine Stufe stärker in kleinräumigen Situationen war.

Dies zeigte sich bei Ronaldo meistens bei seinen ausweichenden Bewegungen auf die rechte Seite. Er hatte hier die Tendenz nicht weiträumig und invers über seine Dribblings zu kommen, sondern quasi eher als Nadelspieler zu agieren, diagonal hinter die Abwehr in die Schnittstellen der gegnerischen Kette zu stoßen oder sich an kleinräumigen Kombinationen zu beteiligen. Teilweise schlug Ronaldo sogar Flanken von der rechten Seite aus oder spielte leicht diagonale und horizontale Pässe in den Strafraum hinter die Abwehr auf einen Mittelfeldspieler, der in die von ihm durch das Ausweichen geöffnete Lücke stieß.

Somit konnte Ronaldo flexibel als Raumöffner und wichtiger Spieler für den Angriffsvortrag oder eben als Tiefenangreifer agieren, der die Verteidigung des Gegners immer auf Trab hielt; auf links konnte er sogar alles aus ähnlicher Position kreieren. Nach links tendierte er häufig auch in seinen Ausflügen zurück ins Mittelfeld.

In ruhigeren, statischeren Situationen ließ sich Ronaldo öfters etwas zurückfallen, um den Ballbesitz anzukurbeln. Strategisch war Ronaldo hierbei natürlich nicht, obgleich er gelegentlich interessante und intelligente Verlagerungen, besonders in den rechten Halbraum, spielen konnte. Meistens fokussierte er sich aber auf Ablagen und dann schnellen Raumgewinn durch eine neue Positionierung in einer höheren Linie oder eben seine Dribblings.

Ronaldo lässt sich in die Schnittstelle fallen. Wer verfolgt, wer übernimmt ihn? Ein Mittelfeldspieler müsste es machen, doch diese Anlaufwinkel liegen Ronaldo. Das Gefährliche: Er kann sich nicht nur drehen und gerade aus Raum gewinnen, sondern erfolgsstabil in die Mitte kommen, ohne den Ball zu verlieren und bevor dieser Raum gefressen werden kann.

Ronaldo lässt sich in die Schnittstelle fallen. Wer verfolgt, wer übernimmt ihn? Ein Mittelfeldspieler müsste es machen, doch diese Anlaufwinkel liegen Ronaldo. Das Gefährliche: Er kann sich nicht nur drehen und gerade aus Raum gewinnen, sondern erfolgsstabil in die Mitte kommen, ohne den Ball zu verlieren und bevor dieser Raum gefressen werden kann.

 

Wenn Ronaldo sich in tiefere Zonen fallen ließ, um sich den Ball abzuholen, konnte es unangenehm werden. Bei der Überladung fragte man sich, wen man übernehmen solle, nur um Ronaldo schon im Sprint nach vorne zu laufen sehen. Er nutzte hierbei die tiefe Positionierung – und oft auch eine (zu) enge Positionierung am Mitspieler, von dem er den Pass erhielt – auch als lockendes Element, um den Gegner nahe an sich kommen zu lassen und mit seinem herausragenden Antritt in die verlassenen Räume zu marschieren. Danach folgten Durchbrüche, schnelle Kombinationen oder auch Versuche nach abkappenden Bewegungen in die Mitte selbst den tödlichen Pass zu spielen.

Unterschätzter Passpieler und Defensivspieler mit Potenzial?

Ronaldos Stärke in schnellen gruppentaktischen Situationen und seine Fähigkeiten sollten ihn eigentlich zu einem starken Defensivakteur und einem guten Passspieler machen. Diese zwei Fähigkeiten gelten – neben seinem Kopfballspiel – meistens als die Schwächen des Fußballers Ronaldo.

Dabei muss man sich der individuellen Voraussetzungen Ronaldos bewusst werden, welche die kollektiven Möglichkeiten beeinflussen. Ronaldo ist auf strategisches Passspiel nicht unbedingt angewiesen, weil er die Ursachen für diese Heuristiken ad absurdum führen kann.

Ein Seitenwechsel im Positionsspiel kann zum Beispiel dafür sorgen, dass man offenere Räume vorfindet und über diese effektiver ins Dribbling gehen kann; Ronaldos Stärke wiederum sind Durchbrüche durch enge Räume, die zum Beispiel in schnellen Kombinationen münden, die entweder die gegnerische Abwehr zum Einsturz bringen oder in weiterer Folge von anderen Spielern als Seitenwechsel in höheren Zonen genutzt werden.

Ronaldo war selten ein weiträumiger und strategisch angelegter Passspieler, doch in gruppentaktischen Situationen war er herausragend. Ablagen unter Druck in die passenden Räume, Raumöffnung für die Mitspieler in engen Situationen, die Abschlusssituationen generieren können, Lupfer als Befreiung aus isolierten Situationen, usw. usf. sind Attribute, die kaum ein Spieler besitzt, aber die Ronaldo in kreativer Manier zeigte.

In der Arbeit gegen den Ball war er ähnlich angelegt. Konstante Defensivarbeit gab es natürlich nicht; was auch zu jener Zeit üblich für Stürmer war. Wenn Ronaldo jedoch presste, war er sehr stark. Besonders sein Gegenpressing und Rückwärtspressing waren durch seine Dynamik, Bulligkeit und Wucht effektiv. Durch seinen Antritt überraschte er Gegenspieler, konnte unglaublich schnell Zugriff erzeugen und dank seiner Koordination konnte er auf geplante Aktionen sehr gut reagieren oder diese gar antizipieren. Zusätzlich war er in der Balleroberung selbst recht sauber.

Dreh ihm niemals den Rücken (besser: den Schulterblick) zu. Sein Rückwärtspressing ist sehr geschickt, weiträumig und plötzlich, seine Folgeaktionen unglaublich gefährlich.

Dreh ihm niemals den Rücken (besser: den Schulterblick) zu. Sein Rückwärtspressing ist sehr geschickt, weiträumig und plötzlich, seine Folgeaktionen unglaublich gefährlich.

Vermutlich wäre Ronaldo in heutiger Zeit bei besserer Einbindung nicht nur ein ziemlich kompletter, sondern überaus defensivstarker Akteur gewesen. Dies ebenso in Anbetracht dessen, dass jede Aktion – ob in Ballbesitz oder nicht – eine offensive und eine defensive Komponente hat. Für eine Ballbesitzmannschaft ist Ronaldo in Ballbesitz eine offensive und eine defensive Waffe, weil in der Raumeinteilung so große Räume kontrollieren kann – ob im Gegenpressing oder in der eigenen Zirkulation und Angriffskreation.

Diese Facette zeigte sich immer wieder vereinzelt bei Ronaldo; in seiner PSV-Zeit, bei Inter teilweise und in seinen späteren Jahren, wenn auch mit deutlich weniger Dynamik. Eine kleine Statistik zeigt die Veränderung.

Ronaldos Karriere stammt leider noch aus jener Zeit, wo es keine detaillierten Statistiken gab. Aber dank OPTA gab es einst öffentlich einsehbare Werte zu den Weltmeisterschaften. Die Werte zeigten wegen der geringen Anzahl von Spielen allerdings nur zwei Sachen klar: Ronaldo war einst ein kombinationsorientierter Stürmer im letzten Drittel (21,7 Pässe pro Torschussvorlage in 1998, 8,5 in 2002) und hatte 1998 von allen Spielern in der Datenbank (1966 bis 2010) die höchste „Effizienz kreierter Torchancen für seine Mitspieler“ (Verwertungsquote seiner Schussvorlagen zu Toren; drei Vorlagen bei der WM 1998 dadurch).

Dabei spielte Ronaldo trotz des goldenen Balles bei der WM 1998 sogar etwas unter seinen spielerischen Möglichkeiten. Wäre er verletzungsfrei geblieben, ist diese Entwicklung dieser Fähigkeiten wohl die hypothetisch interessanteste in seiner Karriere. Hätte er Sauberkeit, Konstanz und mehr strategisches Geschickt hineinbekommen, hätte Ronaldo wirklich eine Art beidfüßiger, bulliger Messi werden können – dafür war Ronaldo in einem anderen System nahezu perfekt.

Ein-Mann-Konterherde

Im Konterspiel war Ronaldo auch in späteren Jahren noch Weltklasse, weil er punktuell seine verbliebene Geschmeidigkeit, Dynamik und natürlich seine Dribblingfähigkeiten für Einzelaktionen gegen zurückweichende Verteidiger ohne Unterstützung ausnutzen konnte. Besonders problematisch: Ronaldo zu entschleunigen oder zu verzögern, bis die eigenen Verteidiger zurückkehren, ist enorm schwer. Dafür war Ronaldo zu geschickt im Dribbling beim Sprinten, wodurch er auf einen zuraste und sowohl zu schnelles Attackieren durch eine Richtungswechsel oder zu langsames Attackieren durch das Vorbeigehen in offene Räume, oft im Verbund mit einer Finte, nutzte.

Ronaldo besaß außerdem eine herausragende Orientierung und Aufmerksamkeit im Bewegungsspiel. Der König der Isolationsdurchbrüche fand auch in schwierigen Situationen ohne wirkliche Mitspieler nicht nur jenen Raum, wo er den ersten oder zweiten Pass im Konterspiel empfangen, sondern auch direkt für eine tororientierte Stellung nutzen konnte.

Durch sein sehr gutes Timing beim Zurückfallen entledigte er sich kurzzeitig seines Gegenspielers und kam rechtzeitig für einen Pass im Umschaltmoment an, was er dann in direkte Drehungen bei der Ballmitnahme nutzte. Vielfach lief der erste Gegenspieler in Ronaldos Schatten hinein, während Ronaldo Dynamik aufnehmen und auf die Restverteidigung zulaufen konnte.

1-gegen-2 oder 1-gegen-3-Situationen (oder auch mal 1-gegen-5) waren wie die zuvor erwähnten Durchbrüche auch bei Ronaldo nicht erfolgsstabil, aber im Vergleich zu fast allen anderen Fußballer der Welt zumindest mit einer gewissen Erfolgswahrscheinlichkeit versehen und darum auf eine einmalige Art und Weise nutzbar. Bei Inter war es gar systemisch und fokussiert: Unterzahlkonter mit hoher Absicherung, wo Ronaldos individuelle Qualität die numerische Unterzahl ausgleicht. Neben Ronaldos Fintenreichtum und der wie aus einem Labor stammenden Mischung aus Sprintergeschwindigkeit im Körper eines Eishockeyspielers mit der Koordination eines Turners war es seine Abschlussfähigkeit, welche ihn zu einer Maschine im Umschaltspiel machte.

Normale Fußballer erkennen hier ein Problem, kritische Trainer einen Ballverlust und Ronaldo sieht 37 Durchbruchsmöglichkeiten. Vier wurden hier dargestellt.

Normale Fußballer erkennen hier ein Problem, kritische Trainer einen Ballverlust und Ronaldo sieht 37 Durchbruchsmöglichkeiten. Vier wurden hier dargestellt.

Abschlussgott

Bei vielen ist der erste Punkt, den sie bei ihren Erinnerungen und Meinungen über Ronaldo erzählen, seine enorme Abschlussstärke. Ich habe schon selbst öfter Sachen gehört wie „der hat noch nie ein 1-gegen-1 vergeben“ oder ähnliches; was natürlich nicht der Wahrheit entspricht. Allerdings war Ronaldo im Abschluss tatsächlich extrem stark.

Einerseits konnte er sich natürlich hervorragende Abschlusssituationen schaffen. Meistens ist es nämlich die Abschlusssituation, welche Probleme schafft. Nicht einmal eine Handvoll Stürmer unterscheidet sich über Jahre im europaweiten Vergleich von der Konkurrenz; Ausnahmefälle wie Lionel Messi ausgenommen. Das liegt daran, dass die Situation weite Teile der Abschlussmöglichkeiten diktiert. Unter Druck, ohne größeren Winkel und mit Torwart im Kasten definieren sich die Aktionen des Stürmers oftmals von selbst.

Ronaldo konnte aber durch seine Bewegungsstärke, seine Athletik und seine Technik passende Situationen für sich kreieren. Sprints auf den ersten Pfosten vor den Gegner konnte er nahezu problemlos für sich entscheiden und dann mit freiem Abschlussfuß verwerten. Auch nach Abschlüssen seiner Mitspieler direkt auf den Abstauber zu gehen und nicht nur einem der Verteidiger, sondern auch dem Torwart zuvorzukommen – Oliver Kahn lässt grüßen – war Routinearbeit.

Bei Kopfbällen war Ronaldo nicht extrem gefährlich, konnte aber auch hier mit seiner Dynamik simple Situationen schaffen und hatte eine saubere Kopfballtechnik.

Unter Druck konnte er sich außerdem seines Gegenspielers mit Körpertäuschungen, Balltäuschungen, Geschwindigkeitswechseln oder schnellen Veränderungen der Ballposition und direkten Abschlüssen – vor der gegnerischen Reaktion – entledigen. Sogar seinen Körper nutzte er stark: Kleine Stöße, um den Gegner aus der Balance zu bringen, ob vor einem Antritt oder einem Abschluss, gab es gelegentlich.

Andererseits gehört Ronaldo aber natürlich zu jenen Ausnahmestürmern, die auch schwierige Situationen überdurchschnittlich gut verwerten können. Die meisten Schützen haben aber einen „sweet spot“; Gareth Bale hat in seiner Zeit bei Tottenham z.B. überdurchschnittlich gut Distanzschüsse verwertet, Van Persie war jahrelang aus bestimmten Strafraumzonen klar über dem Mittelwert (auch bei Expected Goals).

Ronaldos Spezialität waren natürlich die 1-gegen-1-Situationen, wo er den Torwart ausspielte und nur noch in das leere Tor einschieben musste. Dabei nutzte er den Vorteil, dass er mit hoher Dynamik auf den Torwart zulief. Wenn der Abstand zum Torwart stimmte und der Torwart wegen des Winkels beim Herauskommen eine Seite auch nur kurz offen ließ, schloss Ronaldo plötzlich ab. Seine schnellen kleinen Schritte halfen ihm dabei, auf diese kleinen Öffnungen sofort zu reagieren.

Dazu war Ronaldo sehr reaktionsschnell, abschlussstark mit beiden Beinen und konnte sowohl mit Außen- als auch Innenrist schießen. Falls sich jedoch keine Lücke auftat, nutzte Ronaldo seine Schnelligkeit, um ein Dribbling einzubauen und die Reaktion des Torwarts mit einem Dribbling in eine andere Seite auszunutzen. Besonders seine Übersteiger bleiben hierbei in Erinnerung, ebenso wie seine Körpertäuschungen mit dem Oberkörper.

Ronaldo verlagerte dabei auch sein Gewicht sehr schnell auf einen bzw. den übersteigenden Fuß – meistens nach links –, wodurch das Dribbling noch glaubhafter wirkte und Ronaldo sich in der Folgeaktion direkt nach rechts bewegen, explosiv antreten und am Torwart sauber vorbeikommen konnte. Für den Torwart gibt es eigentlich keine Möglichkeit erfolgsstabil dagegen vorzugehen. Zögern? Ronaldo rennt einfach vorbei. Kein Zögern? Man befindet sich liegend auf der einen Seite, Ronaldo vorbeisprintend auf der anderen.

Einen wirklichen sweet spot hatte Ronaldo aber nicht; eher solche sweet situations. In den typischen Abschlusssituationen war Ronaldo schlichtweg sehr gut bis herausragend. Im Basketball wäre er hierbei am ehesten mit einer sogenannten Shot Chart vom jüngeren Kobe Bryant oder Stephen Curry zu vergleichen.

Am ehesten war Ronaldo wohl bei Abschlüssen von den Strafraumseitenräumen in höheren Zonen beim Hineinziehen in die Mitte sowie außerhalb des Strafraums (fast) durchschnittlich, obwohl er hier ebenfalls öfters traf – insbesondere in Kontersituationen. Ansonsten?

Ronaldos stärkerer Fuß war der rechte, aber beide waren mindestens internationale Klasse im Abschluss. Insbesondere seine Abschlüsse mit links nach vertikalen Sprints in den Strafraum auf den zweiten Pfosten waren brillant. Seine große Stärke war jedoch, dass er sich eben in fast allen Situationen ähnlich gut zurechtfand.

Er konnte von beiden Seiten mit dem dazu passenden Fuß abschließen (mit rechts von rechts, mit links von links), aber auch abkappen, kurz in die Mitte ziehen und dann – ähnlich wie ein inverser Flügelstürmer á la Robben – mit dem anderen Fuß schießen. Straffe Schüsse ins Torwarteck gab es ebenso wie Kunstschüsse auf den zweiten Pfosten; vielfach flach und aus der Spieldynamik heraus.

Präzision in Perfektion; nach einem Lauf der lange Abschluss mit links knapp am dynamischen Zugriffsradius des Torwarts vorbei.

Präzision in Perfektion; nach einem Lauf der lange Abschluss mit links knapp am dynamischen Zugriffsradius des Torwarts vorbei.

Ronaldo verstand es mit der Höhe seines Abschlusses ebenso wie mit der Richtung, der Kraft und der Spieldynamik zu spielen. Wer erwartet sich schon einen Schuss unter Bedrängnis im Sprint? Und wer fängt einen Schuss, der einem zwischen Kopf und Oberarm unter der Latte einschlägt? Oder wie reagieren, wenn jemand im Lauf per Außenrist des gegnernahen Fußes den Ball einfach vorbeilegt? Sogar bei Freistößen war Ronaldo gefährlich und unorthodox!

Diese Mischung aus enormer Variabilität und hoher Qualität in allen Varianten machte Ronaldo zu einem unangenehmen Stürmer. Er konnte im Konterspiel, aus dem Lauf und Dribbling, nach Positionsangriffen und sogar klassischen Stürmeraktionen – mit dem Rücken zum Tor nach Drehungen, auch wenn er das selten tat – treffen und sich dabei auch diese Abschlusssituationen bei Bedarf selbst schaffen.

In seiner Abschlussfähigkeit kulminierte Ronaldos Allroundtechnik. Er nutzte alle seine Eigenschaften, um sich eine gute Situation zu erspielen, nutzte aber auch anspruchsvolle Techniken. Neben seiner Fähigkeiten vor dem Tor und im Strafraum ist sein Dribbling übrig geblieben.

Erinnerungsstück Nummer 1: Dribbling

Abgesehen von Treffern ist das Dribbling wohl jener Aspekt, den der Mainstream-Fan bei Spielern vorrangig als Qualitätsmerkmal sieht. Strategisch intelligentes Passspiel wird übersehen, nur gelegentlich werden spektakuläre Pässe und Vorlagen in der qualitativen Bewertung hoch gewichtet. Dies wird häufig – und oft auch zurecht – von Trainern und Analysten kritisiert, doch nichtsdestotrotz ist das Dribbling ein wichtiger Bestandteil des Fußballs; auch aus strategischer und taktischer Perspektive.

Ein Beispiel ist der Tunnel – im Österreichischen auch liebevoll als „Gurkerl“ bezeichnet. Ronaldo war (und ist!) ein Meister davon. Meistens dient er nur dazu, den Gegner etwas zu blamieren und seine eigenen Fähigkeiten darzustellen. Allerdings ist ein Pass durch die Beine eines Gegenspielers – wenn sauber gespielt – von diesem nicht abzufangen, der Deckungsschatten wird bespielt und der eigene Mitspieler kann den Ball häufig in sehr guten, aussichtsreichen und für den Gegner überraschenden Situationen erhalten.

Im Dribbling ist der Tunnel ebenfalls wichtig. Nichts überspielt einen Gegner so sauber wie ein sauberer Tunnel. Das ist umso mehr der Fall, wenn der Gegner einen anläuft. Schafft man hier einen Tunnel, läuft der Gegner meistens ins Leere, wurde (kurzzeitig) aus dem Spiel genommen, kann nicht gegenpressen und man kann Geschwindigkeit aufnehmen, um in den Folgeaktionen einen Dynamikvorteil zu haben. Überzahlsituationen, positionell vorteilhafte Kombinationen, eine verbesserte Ausgangssituation in weiteren Dribblings oder Abschlussmöglichkeiten können die Folge davon sein.

Dabei gibt es unzählige Varianten und Möglichkeiten. In diesem Video sieht man 113 „Pannas“ von Ronaldo. Nicht immer, aber häufig genug kann er sich aus einer unangenehmen Situation befreien und/oder einen taktischen Vorteil generieren. Bei seinen Tunnels war Ronaldo überaus flexibel.

Der aus einer technischen und koordinativen Perspektive beeindruckendste Tunnel Ronaldos Karriere war in einem Clásico 1995/96; bei einem schwierigen Pass rückte Fernando Hierro auf ihn heraus, woraufhin Ronaldo sich bereits für den folgenden Lauf orientierte und in der Drehung mit seinem Knie den Ball Hierro durch die Beine weiterleitete; dieses Kunststück findet man hier bei 1:39.

In anderen Situationen stieg Ronaldo mit der Sohle auf den Ball. Prinzipiell ist das riskant; aus dieser Grundposition Dynamik in alle Richtungen zu erzielen ist schwierig. Ronaldo war allerdings Weltklasse im Antizipieren der gegnerischen Aktionen. So konnte Ronaldo vielfach den Ball rechtzeitig zurückziehen und mit dem anderen Fuß den Ausfallschritt des Gegners bespielen oder den Ball zwischen den Beinen des laufenden Gegners durchrollen. Auffällig: Das ging in alle vier Richtungen. Nach innen, außen oder vorne holte er sich den Ball jedoch selbst wieder zurück, nach hinten nutzte er es für Pässe – hier aber dann deutlich schneller und nicht mit der Sohle, sondern der Ferse (und sehr, sehr selten).

Im Lauf konnte er auch dem parallel zu ihm laufenden Gegner horizontal oder diagonal durchspielen und hinter ihm vorbeilaufen, was für eine extreme Dynamik sorgt. Ronaldo kann seinen Sprint aufrechterhalten und sich seines Gegners entledigen.

Der schnellste Weg im Dribbling ist durch die Beine des Gegenspielers.

Der schnellste Weg im Dribbling ist durch die Beine des Gegenspielers.

Vor ihm stehende Gegner – oft darauf bedacht, Ronaldo physisch einfach zu stoppen – mit horizontaler Körperstellung wurden meist vom auf sie zulaufenden Ronaldo mit der Innenseite getunnelt und der Brasilianer zog dadurch viele Fouls, weil diese Gegner dazu tendieren ihn mit der einen Hand am Vorbeilaufen festzuhalten. Das ist durchaus berechtigt. Wird man in einer solchen Körperstellung getunnelt, gibt es kaum die Möglichkeit zur effektiven Repositionierung.

Am wichtigsten dürften jedoch die Tunnels Ronaldo gegen einen anlaufenden Gegner bei der Ballannahme gewesen sein. Meistens nutzte Ronaldo hierbei den Außenrist, um sich freizuspielen. Bei 1:37 in diesem Video sieht man das gleich doppelt. Eine kleine Anlauftäuschung oder schlicht die gegnerische Anlaufdynamik reichen, um die gegnerischen Beine zu öffnen. Mit dem rechten Außenrist kann man den Ball sofort simpel vorbeilegen. Ronaldo zog daraufhin meistens mit seinem stärkeren Fuß schnell zum Ball und zurück in die Mitte.

Diese flexiblen Tunnel Ronaldos waren teilweise überfokussiert und ineffizient in späteren Jahren beziehungsweise in den Spielen nach seiner Rückkehr, waren aber in jungen Jahren unangenehm zu verteidigen und ermöglichten nicht nur Ronaldo, sondern auch seinen Mitspielern viele positive taktische Effekte.

Doch auch ohne Tunnel waren Ronaldos Dribblings schwer zu verteidigen. 1998 diskutierten die französischen Verteidiger vor dem WM-Finale gar darüber.

„Foo Foo Foo! Wo ist der Ball? Es ist Magie.“ – Marcel Desailly

In diesem Video erwähnen die französischen Verteidiger gleich drei wichtige Sachen.

  1. Ronaldo nutzte bei sehr enger Manndeckung den eigenen und den gegnerischen Körper, um sich ohne Gefahr eines Ballverlusts am Gegner abrollen zu können. Dadurch drehte er sich zum gegnerischen Tor und konnte seinen Gegenspieler in ein Laufduell verwickeln, wo er den Ball mit gutem Abstand und einem kleinen Antrittsvorteil hielt.
  2. Wenn man ihn nicht eng genug deckt, kann er sich drehen. Man muss ihn aggressiv in der Drehung pressen, aber nicht zuvor zu nahe dran sein. Hier kamen zwar gelegentlich Ronaldos Tunnels ins Spiel, aber mit gutem Timing und hoher Aggressivität – und Desaillys erwähntem Fokus auf direkte Zweikämpfe bei vorhandener Absicherung – funktionierte es zumindest besser. Ohne das passende Timing lautet die Devise zurückziehen, Optionen versperren, Unterstützung suchen.
  3. Aimé Jacquet sagte, Ronaldo ginge nach seinen Übersteigern immer nach rechts, nie nach links. Das halte ich persönlich allerdings für eine Übertreibung und es traf vorwiegend auf 1-gegen-1 mit dem Torhüter zu. Ronaldo besaß nämlich unterschiedliche Übersteigervarianten. Die französischen Spieler erwähnen passenderweise, die Richtung sei egal, weil es so schnell passiere.

Das ist nämlich das Schwierige an Ronaldo gewesen. Seine Übersteiger waren tatsächlich so schnell, dass er bereits die Folgeaktion beginnt, bevor man seine Intention mit dem Übersteiger verstanden hat. Häufig wirkte es so, als hätten die Gegner ihn durchschaut – aber da war Ronaldo schon einen oder zwei Schritte unterwegs. Außerdem handeln Gehirn und Körper in Automatismen; die Mischung aus Panik vor Ronaldo, den Umständen der Situation und Ronaldos Schnelligkeit zwangen viele Gegner schon in die andere Richtung, bevor sie überhaupt reagierten.

Kein oder ein schlechter Übersteiger kann zu einem längeren Weg am Gegner vorbeiführen. Eine gute Körpertäuschung und ein schneller Übersteiger verlagern das gegn. Gewicht auf die falsche Seite und man kann enger wie sauberer an ihm vorbei.

Kein oder ein schlechter Übersteiger kann zu einem längeren Weg am Gegner vorbeiführen. Eine gute Körpertäuschung und ein schneller Übersteiger verlagern das gegn. Gewicht auf die falsche Seite und man kann enger wie sauberer an ihm vorbei.

Desweiteren las Ronaldo die Reaktionen seiner Gegner gut. Kaum ein Übersteiger war wie der andere. Gelegentlich gab es eine langsamere Ausführung mit mehr Gewicht, mal war es nur zur Absicherung des Balles und vielfach folgte auf einen Übersteiger ein anderer Trick oder ein weiterer Übersteiger (und noch einer und noch einer und noch einer). Ronaldos Beidfüßigkeit erlaubte ihm Übersteiger in beide Richtungen und mit einem kompletten Arsenal an Folgeaktionen; schnelle Abschlüsse oder alternative Dribblingvarianten.

In seinen isolierten Durchbruchsversuchen spielte Ronaldo zum Beispiel oftmals den Übersteiger aus, um in eine Zone zu einem anderen Gegenspieler zu kommen: Danach legte er den Ball an diesem vorbei und infiltrierte entweder die Lücke zwischen ihnen oder hatte sich von zwei Gegenspielern entledigt (oder den Ball verloren). Andererseits konnte Ronaldo auch von außen nach innen über den Ball steigen. Dies diente meist zur Befreiung aus engen Situationen und einem Gegner, der ihm den Weg nach links abschnitt, da er hier mit seinem starken rechten Fuß und dem Außenrist sich drehte und den Körper zwischen sich und dem Gegner hatte.

Auch ein Überspringen des Balles mit dem ganzen Körper war möglich, um den Gegner zu einer überhasteten Entscheidung zu zwingen – meist ein begonnener Schritt für einen Sprint in diese Richtung, wodurch Ronaldo dann die gegnerische Dysbalance für simple Läufe in die andere Richtung bei passender körperliche Ausrichtung dafür nutzen konnte.

Ronaldo variierte auch die Vorbereitungsaktion bei seinen Übersteigern. Die Übersteiger konnten im geraden oder diagonalen Sprint passieren oder nach einer Körpertäuschung. Trademark-Trick: Mit der Sohle über den Ball streichen und mit dem anderen Bein einen Übersteiger nach innen, um diagonal am Gegner vorbeilaufen zu können, ihn aber auf die andere Seite zu locken und seinen Körper zwischen Ball und Gegner zu haben. Im Verbund mit Ronaldos Explosivität eine kleine Geheimwaffe zum Schutz des Balles.

Neben seinen Übersteigern nutzte Ronaldo außerdem kleine Lupfer in seinen Läufen. Wenn der Gegner den Fuß ausstreckte oder grätschte, hob Ronaldo meist den Ball etwas an. Seine Schnelligkeit und Koordination konnten die dadurch entstehende Sauberkeit ausgleichen, der Gegner seine vorherige Defensivaktion aber nicht. Im Verbund mit seinen Körpertäuschungen konnte Ronaldo dadurch immer wieder den Gegner auf eine Seite locken und auf der anderen Seite die Zweikampfversuche ausmanövrieren.

Insgesamt gab es bei Ronaldo viele unglaubliche Aktionen aus dem Dribbling heraus: Tempowechsel auf höchstem Tempo, abruptes Abstoppen und Richtungswechsel und sehenswerte Kombinationen, wo er wirklich aus dem Dribbling mit dem ballführenden Fuß plötzlich den Ball durch eine Öffnung legte, da er eine enorme Ruhe im höchsten Sprint hatte und eine gute Übersicht trotz Blick zum Ball in einem Gegnerhaufen aufwies.

Eine Besonderheit war aber Ronaldos Sprint im Sprint. Ronaldos Geschwindigkeit war insbesondere in der Anfangszeit seiner Karriere eine unheimliche Stärke. Seine Sprintfähigkeiten werden jedoch vielfach unreflektiert erwähnt. Reine Geschwindigkeit ist nicht spielentscheidend, sondern die Einbindung der athletischen Fähigkeiten. Ronaldo war hierbei einer der intelligentesten und geschicktesten Spieler überhaupt.

Im Sprint konnte er nicht nur die Richtung schneller wechseln als sein Gegenspieler oder stehen bleiben, um neu Tempo aufzunehmen (und den Gegner zu de-balancieren), sondern er variierte seine Geschwindigkeit im Sprint. Phasenweise wirkte es beim jungen Ronaldo, als könne er unendlich beschleunigen. Sogar mit Ball am Fuß war er so schnell, dass er im Sprint vom Gegner nur sehr langsam eingeholt werden konnte.

Ronaldos inhumane Athletik und sein Talent sorgten für ganz interessante Probleme. Normalerweise kann man in einer Situation wie in dieser Grafik noch die wichtigste Zone schnell abdecken; der Spieler am Ball gerät in Ballverlustprobleme oder riskiert diesen Lauf gar nicht, sondern spielt einen Pass. Ronaldo ist aber so gut, dass er ganz eigene Problemstellungen aufwirft. Er bringt den Durchbruch schneller an, als der Gegner die Rückzugsbewegung. Panik! Rückt man auf ihn heraus, spielt er diesen Akteur aus und hat noch mehr Platz. Man muss wirklich den Ball so kontrollieren, dass Ronaldo nicht in diese Situationen kommt.

Ronaldos inhumane Athletik und sein Talent sorgten für ganz interessante Probleme. Normalerweise kann man in einer Situation wie in dieser Grafik noch die wichtigste Zone schnell abdecken; der Spieler am Ball gerät in Ballverlustprobleme oder riskiert diesen Lauf gar nicht, sondern spielt einen Pass. Ronaldo ist aber so gut, dass er ganz eigene Problemstellungen aufwirft. Er bringt den Durchbruch schneller an, als der Gegner die Rückzugsbewegung. Panik! Rückt man auf ihn heraus, spielt er diesen Akteur aus und hat noch mehr Platz. Man muss wirklich den Ball so kontrollieren, dass Ronaldo nicht in diese Situationen kommt.

Mit seiner Athletik erlaubte sich Ronaldo einen unterschätzten Trick, den ich persönlich bisher nur bei Mkhitaryan, ansatzweise Messi und einem Amateurfußballer gesehen habe. Ronaldo lief in einem sehr hohen Tempo und ließ den Gegner an sich herankommen; wenn der Gegner in Zugriffsreichweite angekommen war, explodierte Ronaldo nochmal. Dieser ruckartige Geschwindigkeitsstoß auf bereits vorhandenem hohen Tempo konnte nicht nur von den Gegenspielern nicht mehr verfolgt werden, sondern entledigte Ronaldo auch möglicher unangenehmer Zusatzverteidiger und hatte einen Überraschungseffekt auf die gegnerische Staffelung.

Diese Eigenschaft passte zu Ronaldos genereller Eigenheit viel mit Täuschungen und dem Antäuschen von Aktionen zu arbeiten. Hier täuschte er an, dass er schon im Vollsprint war – dabei war er nur im Vollsprint, was für einen normalen Athleten möglich war. Auch beim sogenannten Elastico war Ronaldo kreativ. Der typische Ronaldinho-Elastico mit dem rechten Außenrist zur Seite und dem rechten Innenrist am Gegner vorbei konnte genutzt werden, um sich Raum für ein anderes Dribbling oder einen Pass zu schaffen oder eben diagonal am gegnerischen Standfuß vorbei in ein vorteilhaftes Laufduell zu kommen.

Ronaldo konnte ihn aus zwei Bewegungen machen (kurze Verzögerung nach dem rechten Außenrist) oder mit nur einer (sh. ansatzweise hier), sehr eng oder auch weiträumig, etwas in die Luft gehoben oder am Boden. Dadurch konnte er sich auch hier gut an den Gegner anpassen.

Bei Ronaldo könnte man allerdings Bücher vollschreiben, was er so herausragend machte und wie er sie variierte. Das Problem ist, dass es so viele Varianten und so viele Sachen gibt; manche davon sind auch fast unbeschreiblich.

Einer meiner Lieblinge: Das Draufsteigen mit der Sohle auf den Ball, das Ziehen des Balles zum Standfuß, eine minimale Absprungbewegung, wo mit dem Standfuß der Ball zum Gegner gespielt wird, bevor er mit dem höheren Fuß – zuvor auf dem Ball oben – durch eine sehr schnelle Bewegung von oben neben den Gegner vorbeigelegt wird.

Eigentlich wollte ich hier die Masse unserer Leser nutzen, um diese Szene zu finden (und als Belohnung den Ehrentitel „Dr. Splvrg.“ vergeben), doch kurz vor Abschluss des Artikels fand ich sie selbst. Dieses Video ist ohnehin ein Quell der Inspiration und Begeisterung. Die vorher genannte Szene scheint bei 2:00 aus und zeigt auch, wie hilflos der Verteidiger dabei wirkt.

Doch die Szene danach ist ebenfalls ein Akt aus Ronaldos Kiste der Unglaublichkeiten. Der Dr. Splvrg. wird nun doch vergeben, wenn mir jemand erklären kann, wie Ronaldo die direkt nächste Szene bei 2:04 auf diese Art und Weise lösen konnte. Die Ballannahme ist bereits sehenswert, ebenso wie die Orientierung in Relation zum Gegenspieler. Woher er aber weiß, dass ein Mitspieler quasi vertikal in seinem Rücken gerade mit diesem Timing aufzieht und wie er so viel Kraft in den Fersenpass legen kann, ist vermutlich maximal nach den Gesetzen der Quantenmechanik erklärbar. Für jeden Zustand gibt es bei Ronaldo bestimmte Wahrscheinlichkeiten, dass es eintrifft – und es entzieht sich meist unseres klassischen (Fußball-)Verständnisses.

Die bekannte Degradierung seiner Schalker Gegenspieler bei 2:12 und die sadistische Ader Ronaldos bei 1:46 (kann man das Blamieren eines Gegenspielers noch extremer in die Länge ziehen?) bilden nur weitere Oha- und Wow-Momente, die sich mit fassungslosem Schweigen abwechseln. Deswegen beende ich diese Sektion mit zwei simplen Zitaten und diesem Video.

„Sowas hatte ich noch nie gesehen. Jedes Mal im Training kam er im höchsten Tempo auf dich zu, jedes Mal mit einer anderen Finte. Mit dem Ball war er technisch viel besser als alle anderen.“ – Robert Prosinecki

„Jeden Tag sah ich im Training etwas Neues, etwas Wunderschönes.“Zinedine Zidane

Fazit

Vielleicht gibt es irgendwo einen anderen Ronaldo. Einen Ronaldo, ohne Verletzungen, der sein wildes Talent ausleben und sein Potenzial erfüllen durfte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es auf fast schon makabre Weise schön, dass uns der Anblick verwehrt blieb. Vielleicht auch für ihn. Zu groß scheint im Nachhinein das Versprechen an ihn gewesen zu sein. Vielleicht hätte auch der bestmögliche Ronaldo, der womöglich beste Spieler aller Zeiten, nicht das halten können, was sein endloses Potenzial versprach. Vielleicht ist es für unsere Fantasie einfacher, wenn wir für immer in diesem „Was wäre wenn?“ leben.

Denn nichts ist so schön wie unsere persönliche Vorstellung von einem Ronaldo, der ohne Verletzungen seinen Zenit erreichte. Dieser Ronaldo ist nämlich im Vergleich zum nur allzu menschlichen, sensiblen Ronaldo eine Figur ohne den Druck, den Schmerz und die Erwartungen, darum auch nur eine Fantasie. Dieser Ronaldo erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand – und: hört nie auf zu spielen.

Abschließend ein schöner Artikel von 11Freunde und ein lässiger, fan-gemachter Film zu Ronaldo.

IH 23. Dezember 2015 um 13:44

Vielen Dank für diesen großartigen Artikel!

Antworten

EinverärgerterDerp 22. Dezember 2015 um 18:08

Ich war und bin auch immer sehr begeistert vom „jungen“ Ronaldo gewesen.
Leider wurde er physisch mit Schmerzmitteln (woher ja auch der Anfall kommen soll) und Dopingmittel zerstört. Diese unfassbaren schnellen Tempodribbling mit so einer körperlichen Präsenz waren und sind beindruckend, wobei ich hörte das er vor seiner Ankunft in Europa wesentlich schmächtiger gewesen sein soll und man ihn deswegen SCHON in Holland vollspritzte.

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Yilde 22. Dezember 2015 um 13:02

Ronaldo….Er war neben Zidane der erste wirkliche Weltstar, den ich in meiner Kindheit miterleben durfte und ich erinnere mich noch gut daran, wie die Erwachsenen damals ungläubig und gar ehrfürchtig vor dem Fernseher saßen und nicht fassen konnten, was der bullige Brasilianer da mit dem Ball anstellt. Da man als Kind allerdings noch wenig Ahnung davon hat, was denn nun wirklich generationsübergreifend ist, hatte ich später eher die Meinung, Ronaldo wäre eben einfach der Star dieser Zeit gewesen. Bis ich mich vor einigen Jahren, nun mit der Kenntnis der Stars der 2000er Jahre und des jetztigen Fußballs, mal wieder mit ihm beschäftigt habe. Ich war schlicht und einfach baff. Das sensationelle an Ronaldo ist das Gesamtpaket. Während Andere durch Inselbegabungen in bestimmten Faktoren ihres Spiels oder durch die Kombination verschiedener Weltklasse-Aspekte ihres Spiels zu den besten Spielern ihrer Zeit wurden, ist es bei Ronaldo die unglaubliche Ausprägung jeder Fähigkeit, die ein Stürmer braucht. Quasi die enorme Quantität in der Qualität – In jedem Aspekt eine absolute Bank; Technik, Dribbling, Antizipation, Explosivität, Beschleunigung und Entgeschwindigkeit, Gefühl für den Engen wie den Weiten Raum, Gegenspielerbewegungsantizipation, Konterspiel wie Ballbesitzspiel. Gerade für einen Stürmer seiner Zeit einfach unfassbar Ganzheitlich, nur dass die einzelnen Fähigkeiten jeweils überdurchschnittlich waren.
Die Eigenschaft der „Beste“ ist im Fußball immer ein Konstrukt, da nicht direkt meßbar und vom jeweiligen Zugang abhängig – für mich allerdings ist es Ronaldo. Der beste Stürmer meiner Zeit

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ernst happel 21. Dezember 2015 um 23:52

Hi da ja weihnachten immer näher rückt und langsam erfolg, leistung und druck im profigeschäft mal ruhe haben finde ich solltet ihr robert enke behandeln. Nicht nur vom fußballerischen sondern auch vom menschlichen…

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Schorsch 21. Dezember 2015 um 21:50

Phänomenaler Artikel über ‚El Fenômeno‘! Ich ziehe meinen Hut!

Ich persönlich hatte ihn immer in seiner finalen Zeit beim PSV am besten gesehen. Der Artikel hat da doch einiges erhellend über eine anderen Phasen aufgezeigt.

Merci dafür!

Antworten

Tank 21. Dezember 2015 um 21:29

Dieses ganze „Was wäre wenn?“ könnt ihr euch sparen. Neymar ist doch grade dabei zu zeigen, was hätte sein können!
Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber ein Körnchen Wahrheit steckt doch drin, oder?

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hyperpressing 22. Dezember 2015 um 15:46

Ich bitte dich, Tanker.

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Dr. Acula 21. Dezember 2015 um 21:21

findet ihr ihn ganz allgemein gesprochen „offensiv-stärker“ als messi?

Antworten

Tank 21. Dezember 2015 um 22:20

Nach dem was ich gesehen habe – was einiges, aber keinesfalls alles ist – waren Ronaldos Offensivaktionen nie so außerirdisch erfolgsstabil, wie das was Messi da seit nun bald 7 Jahren abzieht. Messi steht, was das angeht, ziemlich für sich allein. Ich selbst hab das für mich immer so ausgedrückt: Peak-Ronaldo war für den Gegner unkontrollierbar (‚uncontainable‘ trifft es fast noch besser). Das heißt aber noch nicht, dass ihm auch alles gelingt, was er versucht. Messi (wenn halbwegs fit) hatte und hat hingegen eine eingebaute Erfolgsgarantie. Daher würde ich sagen, dass Messi „ganz allgemein gesprochen „offensiv-stärker““ war als Peak-Ronaldo.

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Rurane 21. Dezember 2015 um 23:39

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Antworten

Te 22. Dezember 2015 um 21:05

https://youtu.be/xrauTpVVyDY
Zum Glückhabe ich dieses SSpiel damals gesehen, dort spielte Ronaldo als zwischen dem 8 erund 110 er Raum.Er war um es kurz zufassen Phänomenal.Er hatte alles wirklich alles seine Spiel Intelligenz die Intensität der Passe seine Pressingresitenz seine Rückwärtspressing sein Umblickverhalten einfach alles er warso komplett.
einfach nur traurig das er sich nie entfalten konnte aber das was ich bis 1997 von ihm sah ist auch von der“ooffensiv-stärke“ das beste was ich je sah.Spiel entscheidender wie Ronaldo kann man nicht ssein.Er War einfach nie zustoppen.Nach all dem was ich bis 1998 von ihm sah und was war nahezu alles was man im Internet von ihm finden kann hat er allein durch seine Anlagen alles um genau so erfolgreich wie Messi zuwerden.Fazit für mich Ronaldo konnt alles Messi konnte aber Messi konnte/kann nicht alles was Ronaldo konnte.

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HW 21. Dezember 2015 um 09:31

Steht am Anfang irgendwo portugiesisch wo brasilianisch stehen müsste?

Wie auch immer, wenn ich eine Weltelf zusammenstellen müsste, dann wäre mein Mittelstürmer der Wahl entweder Ronaldo oder van Basten. Leider beides Spieler, die aufgrund ihrer Verletzungen zu früh gebremst wurden.

Antworten

HW 21. Dezember 2015 um 09:42

PS

Bei der WM94 war er mir noch kein Begriff, er hat glaube ich auch nicht (oder nur kurz) gespielt.

Seinen Wechsel von Barca nach Italien soll Ronaldo schon nach der Vertragsunterschrift bereut haben. Ich habe mal irgendwo gelesen, er habe direkt danach bitterlich geweint und den Schritt schon vor der Ankunft in Italien für einen Fehler gehalten. Im Nachhinein natürlich schwer zu beurteilen.

Wenn ich aber über Ronaldo nachdenke, dann kommt er mir ein wenig wie Ali vor und nach dessen Come Back vor. Am Anfang seiner Karriere flink und zu schnell für die Gegner. Später dann physischer. Ronaldo hatte wahrscheinlich andere Beweggründe physisch zuzulegen als Ali. Aber er hatte diese Zeit bei PSV und Barca und dann später immer noch Phasen, auch bei Real, in denen er fast unbesiegbar war. Gegen Ende der Karriere konnte er das Alter und die ‚Altlasten‘ aber nicht mehr besiegen.
Trotzdem habe ich immer Hochachtung vor Sportlern, die nach einem Rückschlag (wie die WM98) zurückkommen oder die sich neu erfinden.

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Partizan 21. Dezember 2015 um 08:39

Danke!!!!!
Für diesen Artikel!

Antworten

Rurane 21. Dezember 2015 um 02:38

Nun also doch noch Ronaldo. Wunderbarer Artikel, der Ronaldos Besonderheiten trefflich herausstellt. Tolle Arbeit!

Ich hoffe ja, dass es bei den Trainern dann auch noch noch eine Analyse des jeweiligen Dreamteams gibt. Persönlich hätte ich ihn ja auf die Position von Vava gestellt, aber das ist nur meine Meinung. Diese Position passt auch sehr gut zu ihm. Ronaldo und Puskas im Sturm… Game Over.

Jetzt ist’s nur schade, dass Cruyff nicht mehr als Spieler dabei ist. Aber vielleicht kommt seine Zeit ja noch.

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Schorsch 21. Dezember 2015 um 21:55

D’accord zur Positionierung. Dass Cruijff nicht dabei ist, finde ich ebenfalls schade. So wie Beckenbauer und so manche andere. Aber die Auswahl passt und die Begründungen sind stimmig. Unterschiedlicher Meinung kann man immer sein; auf diesem Niveau ist es fast müßig.

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