Türchen 8: Mário Coluna

Große Mannschaften haben große Spieler. Und manchmal gibt es unter diesen großen Spieler auch große Anführer.

Die herausragende Benfica-Mannschaft der 60er gilt bis heute als das womöglich stärkste portugiesische Team aller Zeiten. Man holte sich zahlreiche Meisterschaften in jenen Jahren und gewann gleich 2mal in Folge den Meisterpokal, dem Vorläufer der Champions League. In nur sieben Jahren schafften sie es gleich fünf Mal ins Finale des Meisterpokals, desweiteren bildete man das Grundgerüst der starken WM-Elf von 1966.

In der Saison 1963/64 wurden sie sogar Meister, indem sie in nur 26 Ligaspielen gleich 103 Tore erzielten. Von dieser herausragenden Mannschaft sind aber eigentlich nur der langjährige Trainer Béla Guttmann und Stürmerstar Eusebio bis heute noch weltweit bekannt. Interessante Trainer wie Lajos Czeizler, Otto Gloria und Jimmy Hagan in den folgenden Jahren wurden ebenso vergessen wie José Águas, José Augusto und António Simões, welche mit Eusebio für die herausragende Offensiv sorgten.

Ein besonders wichtiger Akteur war jedoch Mário Coluna, der für die Spieler selbst als womöglich wichtigster Spieler galt.

Herz, Hirn und Fäuste der Mannschaft

Was muss man für ein Spieler und was für ein Charakter sein, wenn der womöglich beste Spieler deiner Nation dich nur als „Senhor Coluna“ bezeichnet und die Fans dich „O Monstro Sagrado“ (das heilige Monster) nennen? Vermutlich einer wie Coluna.

Barcelona gegen Benfica 1961; Grafik von Constantin Eckner

Barcelona gegen Benfica 1961; Grafik von Constantin Eckner

Der Kapitän der damaligen Benfica-Mannschaft war nicht nur einer der talentiertesten, sondern auch physisch stärksten Akteure jener Zeit. In seinen jungen Jahren boxte er – allerdings nicht organisiert und ohne wirkliche Regeln –, war ein starker Basketballspieler und Leichtathlet. Mit 16 Jahren stellte er einen nationalen Rekord von 182.5 Zentimetern im Hochsprung auf. Fußball begann Coluna erst mit 15 Jahren im Verein; vier Jahre später erhielt er seinen ersten Profivertrag.

In den nächsten Jahren etablierte er sich als enorm wichtiger Akteur bei Benfica. Er wurde zum Kapitän und zu einem der wichtigsten Spieler in der Geschichte des Vereins. Anfänglich startete Coluna als Mittelstürmer, bevor er daraufhin meistens als Innenstürmer im damals üblichen 3-2-5/3-2-2-3 agierte.

Auf dieser Position war Coluna überdurchschnittlich gut in seinen Bewegungen im Spielaufbau und gegen den Ball, unterstützte die Mittelfeldreihe effektiv und konnte in Strafraumnähe durch seine Athletik, seine Dribbelstärke und seinen hervorragenden Distanzschuss für Torgefahr sorgen. In den nächsten Jahren agierte er sogar verstärkt als Zehner in einer Art 3-3-4 und in der Endphase seiner Karriere lief er häufig als offensiverer von zwei Sechsern im 4-2-4 auf.

Neben seiner Flexibilität und seinen Fähigkeiten war es aber auch der psychologische Faktor, der ihn zu einem elementaren Bestandteil seiner Mannschaft machte. In einer Zeit voller harter Fouls, persönlichen Kettenhunden, legerer Schiedsrichter (insbesondere auswärts) und ohne Videobeweis war es Coluna, der sich meist schützend vor seine Mitspieler stellte.

So soll er u.a. zu Gegenspielern nach Fouls gesagt haben, „wenn du den Jungen noch einmal berührst, dann wirst du den Platz mit einem Fuß den anderen küssend verlassen“. Desweiteren motivierte er seine Mitspieler, teilte sie ein und kommandierte sie herum – ohne jemals Autoritätsprobleme zu erhalten. Dennoch: Auch die herausragendste Persönlichkeit kann sich ohne die nötigen Qualitäten nicht in einem positiven Einfluss auf dem Spielfeld äußern.

Konstanter Allroundspielmacher

Colunas größte Stärke war, dass er in jener Zeit durch diese seltene Mischung aus Physis, Technik und Taktik enorme Vorteile gegenüber seinen Gegenspielern hatte. Wenn man Coluna manndecken musste, konnte er sich nicht nur durch seinen tollen Antritt, seine guten Drehungen und seine starken Dribblings befreien, sondern lief schlichtweg so viel und schnell, dass man zwangsläufig irgendwann nicht mehr mitgehen konnte.

Gegen weniger mannorientierte Spieler profitierte Coluna davon, dass er über einen hervorragenden Antritt bei bulligem Körperbau und starker Ballführung verfügte. Immer wieder konnte sich Coluna auch unter Druck schnell aufdrehen, offene Räume gegen Gegenspieler außerhalb ihrer Balance attackieren und mit subtilen Körpertäuschungen oder betont weiträumigerer Ballführung an ihnen vorbeimarschieren.

In den Folgeaktionen Colunas hatte die gegnerische Mannschaft darum einige taktische Probleme. Wer rückt heraus? Wer deckt die entstehenden Optionen? Vielfach konnte Coluna dank seiner Physis und Technik auch noch aus dem Lauf heraus präzise, harte Distanzschüsse anbringen oder simple Schnittstellenpässe auf die offensiven Spieler durchstecken, die sich dementsprechend zum Tor bewegten. Gelegentlich war Coluna in seinen Dribblings zu ausweichend und progressiv, ohne dabei tororientiert zu sein und teilweise auch etwas unsauber, dennoch war er ein enorm dribbelstarker Mittelfeldspieler, was auch seine Zeit als Mittel- und Halbstürmer erklärt.

Benfica gegen Real Madrid 1962, Grafik von Constantin Eckner

Benfica gegen Real Madrid 1962, Grafik von Constantin Eckner

Im Gegensatz zu seinen Dribblings waren seine Pässe und Bewegungen aus strategischer Hinsicht noch etwas stärker. Coluna konnte insbesondere lange und hohe Pässe extrem starke verarbeiten und war insgesamt sehr gut bei seinen Ballannahmen. Durch seinen tollen Antritt und viele Rückzugbewegungen des Balles konnte er immer wieder die Ballposition verändern, dadurch neue Passwinkel kreieren und die gegnerischen Staffelungen mit schnellen, geschickten Pässen bespielen.

Dazu war er gut in der Strafraumbesetzung, insbesondere in der Rückraumbesetzung für Abschlüsse aus der Halbdistanz nach Ablagen, Befreiungsschlägen und Pässen in den Rückraum der Flügelstürmer. Seine Distanzschüsse und dynamische Penetration des Strafraums war Ursache für seine Torgefahr, ebenso wie sein schneller und oftmals sogar ansatzloser Abschluss.

So wie er vorne Tore kreierte, verhinderte er hinten Gegentore – subtil und doch kraftvoll. Defensiv war er überaus gut, nutzte seine physische Stärke nicht nur im Zweikampf, sondern um große Zonen zu kontrollieren, situativ zu doppeln und viele Pässe dynamisch abzufangen. Hier zeigte er, was gutes Stellungsspiel im Verbund mit guter Physis kreieren konnte.

Dennoch war Coluna im Grunde ein Spielgestalter. Er zeigte viele lockende Bewegungen, leitete die Gegner nach vorne und konnte mit langen Bällen hinter die Abwehr ebenso wie flachen Pässen in die geöffneten Zwischenräume den Spielrhythmus schnell verändern. Nicht umsonst war er einst auch Kapitän einer FIFA-Weltauswahl und wurde als „der Didi Portugals“ bezeichnet, was in jener Zeit wie ein Ehrentitel war – immerhin wurde Didi (ein tolles Porträt gibt’s hier) 1958 zum besten Spieler der Weltmeisterschaft gewählt.

Seine Physis und Defensivarbeit täuschte gelegentlich darüber hinweg, dass es Coluna war, der auch für die Spielweise und Kreativität in seiner Mannschaft verantwortlich war. In Symbiose mit seiner mannschaftsdienlichen Ader und seinem Beschützerinstinkt war Coluna einer der ersten Fußballer, der sich für keine Aufgabe zu schade war und seinen individuellen Input ins Spiel als Teil eines kollektiven Outputs sah. Hier ähnelte er vielleicht sogar dem anderen großen Star der 50er, Alfredo Di Stefano, mehr als Brasiliens Didi – obwohl Coluna nie so drückend und präsent war. Dazu war er zu sehr Senhor Coluna.

Eine Dokumentation gibt es hier auf Portugiesisch. Danke an CE für die Bilder. Auf seiner Seite finden sich übrigens viele tolle Artikel, auch zu Retrospielen!

Schorsch 8. Dezember 2015 um 21:07

Wunderbar. Einfach nur gut. In irgendeinem Kommentar zu diesem Adventskalender hatte ich Coluna einmal erwähnt, im Zusammenhang mit der großen Benfica-Mannschaft. In einem Fußballalbum von 1966 habe ich noch ein Schwarz-Weiß – Foto aus dem Trainingsquartier der Nationalmannschaft mit Coluna und Eusébio, wie sie ein kleines Kind auf dem Arm halten. Coluna hatte Eusébio ja nach dessen Wechsel zu Benfica unter seine Fittiche genommen.

Ich habe in meiner Erinnerung Coluna auch immer als Spielgestalter wahrgenommen, einer mit herausragenden Defensivqualitäten. Ich habe ihn sogar einmal ‚live‘ im Stadion spielen sehen. Als kleiner Bub, mit Onkel und Vater und Cousin vor genau 52 Jahren in der Kampfbahn Rote Erde, mein erstes Europapokalspiel im Stadion. D.h. so viel habe ich gar nicht gesehen; proppevolles Stadion, Flutlicht, viel Zigarettenqualm, und der größte war ich angesichts meines damaligen Alters auch nicht. Wir waren extra für dieses Spiel von meinem Onkel nach Dortmund eingeladen worden und für mich wurde eigens eine Woche an einer Dortmunder Schule organisiert, sonst wäre das nie erlaubt worden. So richtige Erinnerungen habe ich eigentlich nicht mehr, in der Hauptsache an diese faszinierende Atmosphäre. Benfica war das Überteam damals, die Namen Coluna und Eusébio hatten magischen Glanz. Eusébio konnte oder wollte nicht auflaufen. Und von Coluna hat man -so meine löchrige Erinnerung- nicht viel gesehen. Der BVB (der das Hinspiel 2:1 verloren hatte) ging voll drauf, so etwas waren die Portugiesen vielleicht nicht gewohnt. So eine Art Pressing. Einen leicht gefrorenen Platz waren sie wahrscheinlich auch nicht gewohnt. Brungs macht 3 Buden, Aki Schmidt in Topform.

Zurück zu Coluna. Die WM 66 war dann meine erste WM, die ich sehr bewusst am Fernseher erlebt habe und an die ich mich sehr gut erinnern kann. Portugal mit einem sehr klug spielenden Coluna und einem überragenden Eusébio war das vielleicht beste Team des Turniers, noch vor England und Deutschland. Obwohl das Gruppenspiel gegen Brasilien eigentlich eine Schande war, als man Pelé regelrecht zusammengetreten hat. Nach diesem Erlebnis wollte O Rei eigentlich keine WM mehr spielen; Gott sei Dank hat er es sich ja anders überlegt. 🙂 Wobei ich mich erinnern kann, dass es Gerüchte gegeben hat, dass Halbfinale England – Portugal sei zugunsten der Engländer beeinflusst worden. Na ja.

Antworten

HK 8. Dezember 2015 um 10:10

In Teilen erinnert das an Hans-Peter Briegel.

Antworten

blub 8. Dezember 2015 um 02:09

Schönes Portrait, er kommt sehr gut rüber.

Ich hatte bisher kaum was von Coluna gesehen und nur einige Dinge gelesen und von der beschreibung her erinnert er mich ein wenig an Loddar.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*