Jürgen Klopps Start in Liverpool

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Gleich im ersten Spiel als Trainer des Liverpool FC trifft Jürgen Klopp nach nur wenigen Trainingseinheiten auf eine starke Mannschaft in einem potenziell sehr wichtigen Spiel im Kampf um die internationalen Plätze. Gegen Mauricio Pocchettinos Tottenham gab es an der White Hart Lane eine schwierige Aufgabe.

Klopp überrascht formativ

Grundformationen

Grundformationen

Für enorm viele englische Experten war klar: Klopp würde 4-2-3-1/4-4-1-1 spielen lassen, weil er das auch beim BVB tat. Doch wie ich schon in diesem Podcast mit Anfield Index erklärte und SV-Kollege Martin Rafelt detailliert in unseren Ballnah-Ausgaben Nummer 4 und Nummer 5 ausführte, geht es einerseits viel mehr um die strategischen und taktischen Abläufe als um die Formation und andererseits ist Klopp rein formativ deutlich flexibler als ihm oft zu Gute gehalten wird.

So war es in dieser Partie eindeutig kein 4-4-2-Pressing, sondern eine überraschende Aufstellung mit einem sehr interessanten Pressingsystem. Die meisten dürften beim Anblick von Milner, Can und Lucas sowie Origi, Coutinho und Lallana auf dem Aufstellungsblatt ein simples, klares 4-1-4-1 erwartet haben; hier hätten Can und Milner die Achter gegeben mit Coutinho und Lallana als Flügelstürmer.

Allerdings sind weder Coutinho noch Lallana wirkliche Flügelstürmer, sondern eher kreative Spielmacher und/oder Verbindungsgeber in der Mitte und den Halbräumen. Passenderweise spielte Liverpool deswegen mit einer Art 4-3-2-1-Ausrichtung. Immer wieder waren es Milner und Can, welche die Flügel abdeckten, indem sie aus einer zentrumsorientierten und kompakten Ausrichtung nahe an Lucas ballnah herausrückten und die Seiten abdeckten.

Coutinho und Lallana halfen situativ mit, insbesondere beim Pressing auf den gegnerischen Außenverteidiger bei tieferer Positionierung sowie situativem ballfernem Zurückfallen bei sehr weitem ballorientiertem Verschieben des ballfernen Achters. Meistens presste aber der ballnahe Zehner aggressiv in Richtung Ball und doppelte, während der ballferne Zehner sich nahe am gegnerischen Sechserraum positionierte, um diesen absperren zu können.

Gelegentlich schoben auch die Außenverteidiger aggressiv nach vorne, wodurch das Mittelfeldband gestärkt wurde und Flügelspieler Tottenhams bei der Ballannahme sofort gepresst werden konnten. Ohnehin war Pressing das Zauberwort.

Hallo England, hier kommt das Pressing!

Schon oft haben wir auf Spielverlagerung über das nur unkompakte, individuelle, inkonstante und unsaubere Pressing sowie insbesondere Gegenpressing in der englischen Premier League geschrieben. Zwar gab es immer wieder einzelne Mannschaften, welche situativ gute Ansätze zeigten – diese Saison z.B. Leicester phasenweise, in den letzten Jahren auch Chelsea, gelegentlich Arsenal, Southampton unter Pocchettino oder auch Laudrups Swansea auf ganz eigene Art und Weise –, aber weitflächig und konstant war es nicht wie in der spanischen oder deutschen Liga zu sehen.

Klopp schaffte es schon bei seinem ersten Spiel als Trainer Liverpools ein grundsätzlich starkes, kompaktes und ballorientiertes Pressing zu etablieren. Tottenham hatte damit Probleme, wurde immer wieder auf die Flügel geleitet und dann aggressiv zugestellt, ohne offene Optionen im ballnahen Halbraum und in der Mitte zu haben. Besonders eklatant war aber das Gegenpressing; immer wieder presste Liverpool direkt nach Ballverlusten aggressiv und umgehend auf den Ballführenden Tottenhams, um Konter zu vermeiden und den Ball sofort wieder in hohen Zonen zu erobern.

Pressing im 4-3-2-1

Pressing im 4-3-2-1

Tottenham hingegen konnte Liverpool nicht in diesem Ausmaß zustellen. Sie versuchten zwar in einem 4-4-1-1 Liverpools Aufbauspiel auf die Seiten zu leiten und dann dort die Wege nach vorne zu versperren, doch die gruppentaktischen Abläufe wurden nicht immer (sauber) umgesetzt. Zwar war die Viererkette oft sehr kompakt in der Horizontale bei Tottenham, doch insbesondere im Mittelfeld waren die Abstände in der Breitenstaffelung zu groß.

Die vertikale Kompaktheit und die generelle Intensität waren inkonstant, was Liverpool natürlich in die Karten spielte. Allerdings sei gesagt, dass Liverpool sich in Ballbesitz gut und interessant bewegte, um die Orientierungen Tottenhams in deren Arbeit gegen den Ball passend zu bespielen.

Flexible Breiten- und Halbraumbesetzung in allen Zonen

Das 4-3-2-1 ermöglichte Liverpool im Spielaufbau ebenfalls hohe Flexibilität und gute Verbindungen. Sie konnten immer wieder die defensiven Halbräume besetzen, sich extrem vertikal und diagonal bewegen und passen, hatten viele Anspielstationen im Zehnerraum und konnten auf beiden Seiten mit drei unterschiedlichen Akteuren Breite geben.

Aufbaumöglichkeiten im 4-3-2-1

Aufbaumöglichkeiten im 4-3-2-1; viele.

Tottenham hatte dadurch Probleme, weil sie nie genau wussten, auf welchen Spieler sie herausrücken konnten und welche Räume für neue Anspielstationen sie dadurch öffneten. So gab es einige schnelle Pässe von Milner aus dem rechten Halbraum aus einer breiten Position diagonal in den Zehnerraum, wo beide Zehner Liverpools die Mitte überluden und Origi sich vorne auf die Seite bewegte.

Auch Ablagen von Origi in die Mitte bei gleichzeitigen schnellen Vorstößen der Zehner aus kurzzeitig tieferer Position sorgten für Probleme. Die Außenverteidiger konnten immer wieder vorstoßen und sich auf der Seite anbieten. Auch ballfern konnte z.B. der Zehner sich zwischen gegnerischem Inne- und Außenverteidiger positionieren und nach Seitenwechsel Gegner binden, wenn der Außenverteidiger oder der ballferne Achter vorstießen. Dieses Bewegungsspiel wirkte sich auch enorm positiv auf das Gegenpressing aus.

Bei Ballverlusten auf dem Flügel und in den Halbräumen hatte Liverpool sofort drei bis vier Spieler in der Nähe und von den restlichen Spielern stand eigentlich nur der ballferne Außenverteidiger wirklich „ballfern“. Bei Ballverlusten in der Mitte waren sie extrem kompakt besetzt und konnten Konter sofort unterbinden oder Tottenham zu Quer- oder Rückpässen zwingen.

Prinzipiell wirkt dieses System auf dem Papier wie eine Idee, die nicht nur sehr gut zu den Spielern passt, sondern auch effektiv gegen viele EPL-Mannschaften funktionieren sollte. Allerdings gab es auch einige Fehler im Plan.

Ermüdungsfaktor, Individualität und Strukturschwächen

Schon zur Halbzeit sprach der englische Kommentator davon, dass die Reds diese Spielweise nicht lange aushalten können; es sei schlichtweg nicht möglich. Ich würde dem zustimmen unter der Einschränkung, dass es nach einer Woche Training noch nicht möglich ist; langfristig sollte es zumindest bis annährend zur Schlussphase umsetzbar sein. Ungefähr ab Mitte der ersten Halbzeit wurde Liverpool etwas weniger intensiv und unsauberer in ihren Bewegungen. Mal übersah ein Spieler das Einrücken, mal einer das Herausrücken oder ein Zehner die Besetzung des Sechserraums. Nach der Halbzeit wurde dies wieder besser, obgleich auch Tottenham natürlich kein schwacher Gegner ist.

Immer wieder konnte sich Tottenham mit Delle Alli, Dembele und Eriksen in der Mitte auch aus engen Pressingsituationen befreien, teilweise schoben die Außenverteidiger tiefer und zogen Liverpools Spieler aus der Formation heraus, ohne Zugriff zu erlauben und gelegentlich gab es einfach lange Bälle und Dribblings, um die noch vorhandenen Schwächen und Unklarheiten in Liverpools Struktur zu bespielen.

Dadurch hatte Liverpool zwar mehr vom Spiel und war eigentlich die bessere Mannschaft, ließ aber mehr gefährliche Chancen zu. Desweiteren spielten sie sich gelegentlich im letzten Drittel oder beim Raumgewinn ins letzte Drittel fest, konnten Tottenhams Schnittstellen nicht öffnen beziehungsweise bespielen und auch die Bewegungen in Ballbesitz waren nicht immer so druckvoll wie in der Anfangsphase. Auch nach ungefähr einer Stunde waren die physischen Mängel offensiv wie defensiv klar zu sehen.

Fazit

Ein gutes Debüt für Jürgen Klopp beim Liverpool FC. Man sah bereits einige Änderungen: Pressing, Gegenpressing, Raumdeckung bei Ecken, eine gute Rollenverteilung der Spieler und auch andere strategische Punkte wie ballorientiertes Verschieben und Kompaktheit. Offensiv war es teilweise noch Stückwert, welches im letzten Drittel trotz guter Ansätze auf Probleme stieß, doch es scheint, als könne Klopp schon nach kurzer Zeit auf ein gutes Fundament blicken.

Tottenham passte sich geschickt, wenn auch unscheinbar an. Die Spieler ließen den Ball in Ballbesitz intelligent laufen, zogen sich teilweise individuell einfach etwas tiefer, um Liverpool-Spieler anzulocken und nutzten auch in der zweiten Halbzeit häufiger Verlagerungen oder weite Rückpässe gegen die müde werdenden Gäste.

Im Verbund mit den starken Einzelspielern – mit dem früh für den angeschlagenen Chadli eingewechselten N’Jie, Lamela, Eriksen und Kane hat man mehrere Toptalente – konnten sie sich einige gefährliche Chancen gegen die noch brüchige Defensivstruktur  Liverpools herausspielen. Beide Mannschaften wechselten sehr wenig bzw. spät, weswegen auch personell die Qualität der Partie etwas abnahm.

Dave 19. Oktober 2015 um 17:48

Ich hoffe mal, Klopp schafft es den hohen Aufwand seines Trainigs mit den „Englischen Wochen“ in Einklang zu bringen.

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Bananenflanke 19. Oktober 2015 um 16:02

Hinweis: es fehlt bisher noch der Link von der Liverpool-Serie auf diesen Artikel.

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MS 19. Oktober 2015 um 12:41

Ein zwei Anmerkungen, die eventuell noch gut die Analyse ergänzen würden: Meiner Meinung nach war klar zu sehen, dass Liverpool große Probleme beim Spielaufbau und Lösen von Pressingsituationen hat (bis auf die ersten 25 Minuten, wo Tottenham nicht so hoch presste und mehr zuließ). Vorallem Can, der zwar defensiv großteils gut gearbeitet hat (bis auf ein paar mal das Einrücken zu vernachlässigen), konnte spielerisch nicht überzeugen und hatte einige Ballverluste, Ballmitnahmefehler, Fehlpasses.
Im krassen Gegensatz dazu, und wer komplett unerwähnt blieb, Sakho. Sakho antizipierte hervorragend im Defensivverhalten und war der Einzige, der Ruhe in den Spielaufbau brachte und Pressingsituationen durch kurze Dribblings/Haken bzw. saubere Passes lösen konnte. Hier fiel vorallem die Verbdinung Sakho – Coutinho zweite Halbzeit auf.
Auffällig war außerdem das übertrieben forsche Attackieren von Milner, der zwar mit seiner Physis überzeugen konnte, und durchgehendes hohes Tempo ging, der aber oft viel zu direkt in den Mann lief und in der 78. Minuten auch leicht mit Gelb-Rot gehen hätte können.

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Koom 19. Oktober 2015 um 13:52

Neben der grundsätzlichen Herangehensweise wird das wohl der andere wichtige Punkt sein: Die Spieler kennenlernen. Vor allem, wie sie sich bei so einer Spielweise auf dieser oder jener Position verhalten. Mal schauen, wer dabei auch so „entdeckt“ wird.

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August Bebel 19. Oktober 2015 um 21:47

Sakho war meiner Meinung der beste Mann bei Liverpool: große Ruhe am Ball, sauberes Passspiel, tadelloses Defensivverhalten.

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LdB 22. Oktober 2015 um 09:50

Da kann ich mich nur anschließen. Vor allem die schon angesprochenen, auf Coutinho durchgesteckten Bälle waren eine Augenweide.
Mal davon abgesehen, dass es abseits von allem überlegtem Verhalten und taktischen Geschick auch einfach Spaß macht zu sehen, wie in einer völlig konfusen Situation plötzlich Sakhos Kopf gefühlt 30cm über der Grasnarbe angeflogen kommt und den Ball aus dem Strafraum prügelt 😀

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Gustav Klimt 18. Oktober 2015 um 13:41

Can soll mal an seinem Umblickverhalten (?) arbeiten, wenn er Sechser spielen will.

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Timbo 21. Oktober 2015 um 12:57

*Übersicht 😉

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Wasserkocher 18. Oktober 2015 um 12:12

Danke für die Analyse. Ich hab leider nur die zweite Hälfte gesehen und gedacht: da hat er noch viel Arbeit vor sich, der Herr Klopp. Wenigstens spielt Emre Can jetzt im Mittelfeld.

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Alerion 18. Oktober 2015 um 11:47

Gute Analyse, aber ich würde keinsefalls von einer Überlegenheit Liverpools zu sprechen, eher umgekehrt. Liverpool hatte gute und aggressive erste 25 Minuten (wohl auch bedingt durch den ’neuen-trainer-effekt), in denen sie genau eine Chance hetausspielen konnten.
Danach übernahm Tottenham ganz klar das Ruder und zwang die Scousers zu vielen Fehlern. Das Pressing von Liverpool war phasenweise stark, aber trotzdem war spätestens an der Abwehr der Heimischen Endstation, wohingegen die Spurs 4 hochkarätige Chancen ausgelassen haben..

Außerdem muss ich als Spurs-Beobachter der letzten Jahre sagen dass sie unter Pochettino im letzten Jahr sicher das beste Pressing der Liga gespielt haben.

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Martin01 21. Oktober 2015 um 15:52

Die Torchancen der Spurs entstanden hauptsächlich aus individuellen haarsträubenden Fehlern Liverpools und haben somit keine oder wenig Aussagekraft was Taktik und Spielweise Klopps betrifft.

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datschge 17. Oktober 2015 um 17:57

Gute Analyse. Aber schon interessant, dass ähnlich wie nach der Verflichtung von Guardiola hierzulande nun auch bei Klopp in England nach anfänglicher Begeisterung über die Trainerverpflichtung der großteil der lokalen Presse nun sich schon gelangweilt über das Spiel zeigt.

Und kleiner Schönheitsfehler: Das Spiel fand an der White Hart Lane bei Tottenham statt, Liverpool war Gast.

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LuckLuke 18. Oktober 2015 um 12:34

Waren wohl beide Länder noch nicht wirklich bereit für den jeweiligen Trainer und seine Neuerungen…

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Benny 19. Oktober 2015 um 01:35

Der Mann ist Trainer – Kein Zauberer! Ich würde mal behaupten das Manchester City den wesentlich stärkeren Kader hat, und die wurden von den Spurs mal eben zerlegt! Die Spieler von Liverpool haben sich zerrissen in dem Spiel. Das Spiel sah für einen Zuschauer, der Unterhaltung suchte, ziemlich armselig aus, aber Leidenschaft und Feuer waren auf jeden Fall spürbar. In 2 Jahren würde ich wetten (mit den finanziellen Mitteln und dem Trainer) ist Liverpool ein Herausforderer für den Champions League Titel.

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HW 19. Oktober 2015 um 08:21

Nach einem Spiel!! Die Medien sollte man zu diesem Thema nicht beobachten. Drei Trainingseinheiten und ein Spiel. Mal heißt es er brauche Zeit. Dann er brauche bessere Spieler. Und in dem ersten Spiel soll die Mannschaft wie ein Kopie des BVB in besten Tagen unter Klopp spielen?
Alles mal langsam angehen. Klopp wird Spiele gewinnen, Klopp wird Spiele verlieren. Zusammen mit seiner Mannschaft.

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