Donnerstag, 08.12.2016

Vielseitige Augsburger beenden Wolfsburgs Erfolgslauf

FC Augsburg1:0wolfsburg

Gegen die ergebnisstarken Wolfsburger kehrt der FC Augsburg mit einem defensivstarken 1:0-Sieg in die Spur zurück.

fca-wob-2015Der FC Augsburg ist für seine starke Aufbauarbeit bekannt, traf hier auf einen Gegner mit starkem, 4-4-2-haftem Pressing – Wolfsburg zeichnet sich durch enge Außenstürmer, flexible Bewegungen von Dost und de Bruyne vorne sowie immer wieder einzelne Mannorientierungen aus. Die Niedersachsen ihrerseits hatten sich in dieser Begegnung auf die besondere Spielstärke der Augsburger um Daniel Baier und Ragnar Klavan einzustellen. Dagegen legten sie in ihrer üblichen Spielweise einen etwas größeren Fokus auf das Zentrum und den Sechserraum, wo sich die beiden Spitzen des Pressings sehr bewusst bewegten, um diese Bereiche per Deckungsschatten zu verstellen, wobei gelegentlich die Sechser auf Baier oder Kohr herausrückten. So hatten die Hausherren in der hintersten Linie etwas Ruhe, versuchte dies auch für Ballbesitz und Zirkulation zu nutzen. Dafür setzten sie auf viele verschiedene Varianten, um die Spielweise der Niedersachsen zu überlisten.

Seitliches Aufrücken nach verschiedenen Augsburger Aufbauanordnungen

Die Innenverteidiger zeigten einige asymmetrisch verschobene Stellungen, Baier pendelte zwischen einer höheren und passiven Rolle sowie aktiveren Phasen mit situativem Zurückfallen – aber seltener – und herauskippenden Bewegungen nach links. Auf rechts gab es gelegentliche Dreierkettenbildungen mit Feulner, die vor allem in einer Phase um die 30. Minute auftraten, und situativ einrückende Bewegungen von diesem etwas höher. Dadurch drückte er den mannorientierten Schürrle etwas nach hinten ab und konnte seine Innenverteidiger vom Druck entlasten. Somit gelang es Augsburg, durchaus längere und flexible Zirkulationsphasen im ersten und zweiten Drittel aufziehen. Fiel Baier etwas nach hinten links zurück, verblieben die Gäste im 4-4-2, de Bruyne konzentrierte sich verstärkt auf die von ihm ausgehenden Diagonalpasswege und Guilavogui orientierte sich optional stärker an Altintop anstatt primär zu versuchen, ihn im Deckungsschatten zu behalten. Diesen Bereich um den Augsburger Halbstürmer konnte auch der eingerückte Caligiuri zusätzlich mit abdecken und in seinen Zugriffsbereich nehmen.

Einige Male gelang es den Mannen von Weinzierl, beispielsweise mit Rückverlagerungen von links auf den zuvor engstehenden Feulner Freiräume zu erzeugen. Doch im Zentrum waren sie in den Verbindungen nicht immer präsent und so fand dieses Aufrücken eben nur mit längeren Zuspielen oder Seitenwechseln auf die höheren Außenverteidiger statt. An dieser Stelle schwankte der Erfolg der weiteren Bemühungen in gewisser Weise: Gerade anfangs war dieser Übergang ins letzte Drittel – zumal gegen die zurückfallenden Bewegungen von Caligiuri und Schürrle – wegen der Flügellage und den eigenen wechselnden Staffelungen sehr hektisch und endete in vielen Flankenaktionen. Später  hatten sie aber auch mal bessere Szenen, da die Wolfsburger im zurückziehenden Anpassenden etwas ungeschickt agierte und flach in den Staffelungen wurde, durch die sich den Fuggerstädtern beispielsweise Ausweichoptionen auftaten.

Gerade das erwähnte Zurückschieben der engen Flügelstürmer funktionierte an manchen Stellen in der Ausführung nicht wie gewünscht. So wurden sie beispielsweise mit sofortigen kurzen Anschlussquerpässen der Außenverteidiger, quasi horizontal in den Zwischenlinienraum hinein, umspielt, wenn die Gäste nicht diagonal genug hinterherschieben. Bei Wolfsburg entstand dadurch manchmal im Übergangsmoment nach hinten Chaos und Destrukturierung im Zugriff. Die sich dadurch für Augsburg auftuenden Möglichkeiten brachten keineswegs enorme Kontrolle in den vorderen Zonen oder eine Menge an guten Möglichkeiten, aber immer mal wieder einzelne Löcher, durch die beispielsweise Baba nach Zuspielen trotz lokaler Unterzahl einfach losdribbeln und den Ball weitertragen konnte. Mit aufrückenden Läufen und gegebenenfalls kleinen gruppentaktischen Mechanismen kam das Heimteam somit gerade auf ihrer linken Seite zu Raum für Distanzschüssen oder provozierte Standards, die ebenfalls für einige Abschlüsse verantwortlich waren. Über rechts hatte Feulner auch aufgrund der systematischen Seitenaufteilung in der Augsburger Anlage weniger derartige Szenen, konnte aber auch immer mal wieder Einfluss auf die Staffelungen ausüben und Schüsse nach diagonalen Dribblings anbringen.

Augsburgs verschiedene Pressinghöhen

In Sachen Pressing zeigten sich die Augsburger flexibler und anfangs auch aktiver. In ihrer Grundausrichtung wechselten sie zwischen 4-1-4-1 mit Ji, der sich zwischen den Innenverteidigern positionierte, und 4-4-2 mit stärker aufrückendem Altintop. Dazu kamen auch noch 4-1-3-2-Stellungen mit Kohr weiter vorne in den Verbindungen zwischen den Sechsern. Die Stürmer bewegten sich auch in deren Dunstkreis oder rückten etwas verschoben zur Seite, versuchten manchmal auch gut, die Rückwärtswege abzudecken. Verbunden war dies mit zahlreichen herausrückenden und riskant improvisierten Manndeckungen in der Abwehr, was zu auffälligen Verschiebungen beispielsweise gegen Dost und Schürrle führte, aber wegen guter gruppentaktischer Unterstützung deren Dynamiken untereinander recht gut kontrollierte.

Diese 4-1-3-2-Stellungen dienten auch für aufrückende Übergänge ins Angriffspressing. Damit machten sie in den ersten Minuten viel Druck auf den niedersächsischen Aufbau bis zu Benaglio, der zu einigen langen Bällen gezwungen wurde – zur Halbzeit lag die Passquote des Tabellenzweiten unter der der Augsburger. Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit wurden sie in ihrer Ausrichtung zunehmend passiver, stellten die 4-1-4-1-Variante in den Vordergrund und standen Wolfsburg daher etwas mehr Ballbesitz zu. Dennoch machten sie im richtigen Moment gegen die Außenverteidiger Druck oder suchten Zugriff im Mittelfeld, wo sie Mannorientierungen passend übergaben. In dieser Phase kamen die Grün-Weißen weiterhin nicht zuverlässig nach vorne und konnten auch über Schnellangriffe nicht wirklich Gefahr heraufbeschwören.

Zweite Halbzeit

Die zweite Halbzeit begann mit einigen Veränderungen in der strategischen Ausrichtung und der Intensität des Pressings – die Wolfsburger pressten früher, veränderten die Winkel im Anlaufen etwas und konnten dadurch auch wegen abgenommener Präsenz des FCA einige frühzeitige lange Bälle dank konsequenterem Nachgehen auf Hitz feiern, während die Hausherren die Entwicklung vom Ende der ersten Halbzeit fortführten und passiver wurden. Nach etwas mehr als einer Stunde gingen sie allerdings in Führung – zunächst wurde der über links eingeleitete Elfmeter zwar vergeben, doch Kohr verwandelte aufmerksam den Nachschuss zur Führung für die Augsburger vom Torraumeck.

Bei Wolfsburg wurden die schon zuvor – bis zum Rückstand keinen Abschluss auf den gegnerischen Kasten und auch am Ende insgesamt nur zwei – vorhandenen Probleme nun etwas augenscheinlicher. Das Bewegungsspiel der drei offensiven Kräfte war nicht optimal und nicht stabil genug verbunden, die Rollenverteilung eher simpel und de Bruynes tiefe Rolle nicht dynamisch genug eingebunden, es gab einige falsche Passwahlentscheidungen bei zu vorschnellen, in Dynamiken eingebrachten Weiterleitungen nach außen und fokussierten lange Zeit das Loch hinter dem situativ aufrückenden Kohr nicht richtig. Nur einige Male agierten die Sechser etwas verschoben und spannten verstärkt Dreiecke um diesen Raum auf.

Für die letzten zwanzig Minuten vollzog Hecking eine ganz gute Umstellung auf ein 4-1-3-2 mit Bendtner und Dost in der Spitze. Dabei agierte Vierinha etwas tiefer im Halbraum. Wenn er dort das Zusammenspiel mit de Bruyne suchte, konnten sie Augsburg dort hinziehen und verlagerten dann diagonal nach links vorne, wo Caligiuri vorstieß und die Angreifer situativ raumblockend agierten. Damit versuchten sie die im tiefen Mittelfeld- und Abwehrpressing erneut starken Verteidigungsmechanismen und Kompaktheiten der Augsburger zu bespielen, aber dennoch konnten diese noch vieles verteidigen. Deswegen sind die Augsburger kein idealer Gegner für den Wolfsburger Offensivstil, da sie gegen Abläufe am Flügel ihre Mannorientierungen sinnvoll balancieren und klug nach hinten weichen in den richtigen Momenten, wozu dann auch noch die starken Grundkompaktheiten im Verschieben der hinteren Linien kommen.

Erst die unmittelbare Endphase war wieder vielversprechender, als Dost und Bendtner abwechselnd zurückfallend genutzt wurden. Hinter ihnen wartete neben de Bruyne, der in der Tiefe wiederum durch den stärker in den Halbraum eingerückten Vierinha entlastet wurde, auch der stärker zentral agierende Caligiuri. Nach Ablagen der beiden Stürmer wurde gelegentlich versucht, zentral durch zu spielen und mit einigen Dribblings zu versehen, oder nach außen auf die enorm hoch und breit stehenden Außenverteidiger zu verlagern. Wie schon zuvor durch den gewissen Flügelfokus immer mal wieder vorkommend, schlugen diese dann allerdings wiederum Flanken, was von der Konsequenz und der Vorbereitung recht dynamisch war, aber doch nicht mehr zum Ausgleich reiste.

Fazit

Der vielleicht überraschend erscheinende Sieg der Augsburger gegen Wolfsburg zeigt einige Aspekte der Mannschaftsentwicklungen auf. Die Mannen von Markus Weinzierl haben wieder in die Spur zurückgefunden und ihre Präsenz wieder auf den Platz gebracht, was sich am deutlichsten in der verbesserten Defensivkompaktheit äußerte. Gegen diesen cleveren, umfassend aufgestellten Gegner wurde verdeutlicht, dass die Wolfsburger trotz ihrer konstanten Effektivität und gruppentaktischer Fortschritte in der Rückrunde immer noch von einer taktischen Simpelheit ausgezeichnet werden und dadurch keinen weiteren Erfolg in ihre Serie jüngst beeindruckender Partien einreihen konnten.

Max 10. März 2015 um 18:31

Danke für den Artikel!
Kann wer eine Einschätzung zu Kohr abgeben? Nicht nur bezogen auf das heutige Spiel sondern allgemein auf ihn als Spielertypen, wie auch auf sein Potenzial.
Mein Dank ist gewiss 🙂

Antworten

DAF 11. März 2015 um 15:35

Ich fürchte da kannst du lange drauf warten. Der FCA scheint hier nur sehr wenige Anhänger zu haben, was ich schade finde – für mich ist das auch aus taktischer Sicht eine hochinteressante Mannschaft.

Ich habe leider kein sky, hab ihn nur einige Male live gesehen – insofern ist das mit Vorsicht zu genießen. Da ist er erstmal nicht großartig aufgefallen, was ich bei einem jungen Defensivspieler grundsätzlich als Kompliment betrachten würde. Im Zweikampf und im Stellungsspiel fand ich ihn stark und vor allem sehr konstant, er hat kaum Schwankungen. Im Aufbauspiel wird er wenig eingebunden, da dieses bei den Augsburgern vor allem über Klavan, Baier und (vor seiner Verletzung) Verhaegh läuft. Insofern hält sich Kohr da meist zurück und beschränkt sich auf Absicherung – ich weiß nicht, ob er auch für eine dominantere Rolle zu gebrauchen ist.

Das Potential eines Spielers einzuschätzen ist schwierig, jedes Verfahren dazu hat eine Schwächen. Sein Expected Goal Impact Peak belief sich Ende letzter Saison laut Seite auf 128,9, was ein richtig starker Wert ist (zum Vergleich: Kramer hat nur einen Peak-GI von 119,1). Allerdings hat die Berechnung des Peak-GI so ihre Schwächen, also nicht zu viel drauf geben… Potential scheint aber in jedem Fall vorhanden 🙂

Warum fragst du? Ist dir an Kohr etwas besonderes aufgefallen oder bist du ein Leverkusenfan, der wissen will, was für einen Spieler ihr bekommt? 😉

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