Le Classique bietet eine Pressingschlacht

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Paris Saint-Germain rückt Olympique Marseille tabellarisch auf die Pelle. Im prestigeträchtigen Derby de France kämpften die Mannen von Marcelo Bielsa verbissen, blieben aber ernüchtert auf der Strecke.

Die Ausgangslage war klar. Paris brauchte den Sieg, um bis auf einen Punkt an den Tabellenführer aus Südfrankreich heranrücken zu können. Die letzten Aufeinandertreffen in der Ligue 1 gestaltete PSG allesamt erfolgreich. Im Vergleich zur Champions-League-Begegnung mit APOEL Nikosia änderte Laurent Blanc die Startelf auf zwei Positionen. Marco Verratti ersetzte Thiago Motta zentral vor der Abwehr und Gregory Van der Weil musste die Rechtsverteidigerolle an Serge Aurier abgeben. Ansonsten blieb alles beim Alten. Durch die gute Form von Javier Pastore wird dieser in der aktuellen Spielzeit umso wichtiger für PSG und durfte sich auch gegen OM auf der Zehnerposition austoben. Somit ergab sich in der Regel ein 4-2-3-1 oder 4-2-1-3 als Grundformation, wobei Blaise Matuidi grundsätzlich weiter nach außen, in dem Fall nach links, auswich und sein Aktionsradius insgesamt vertikal-offensiver als der von Verratti ausgerichtet war.

Die Gäste aus Marseille mussten etwas umstellen. Alaixys Romao sah am letzten Wochenende beim 2:1-Sieg gegen Lens die rote Karte. Bielsa begann nicht mit einer Dreierabwehrreihe, sondern ließ direkt in einer Art 4-2-3-1 starten, wobei sich hier noch personelle Veränderungen ergaben. Mario Lemina rückte von rechts auf die Sechser- oder Achterposition. Brice Dja Djédjé agierte dafür als Rechtsverteidiger. Romain Alessandrini ersetzte André Ayew.

2014-11-09_Paris-Marseille_OM-Chance

Beispielhafte Szene aus der Anfangsphase: OM baute schnell auf. Imbula konnte sich gut aus dem Anlaufen befreien, während Mendy bereits durchstartete. Thauvin zog unterdessen den mannorientierten Aurier ins Zentrum und Lucas konzentrierte sich kurz auf eine Attacke gegen Imbula. Schlussendlich brachte Mendy die Hereingabe und der diagonal eingelaufene Allessandrini vergab knapp.

Aufbau von OM

In der Anfangsphase der Begegnung dominierten die Gäste das Geschehen. Zunächst sah es so aus, als würde lediglich ein Innenverteidiger bei den ersten Pässen an der Strafraumgrenze bleiben und den Ball von Torwart Steve Mandanda übernehmen, während der zweite zentrale Abwehrmann in den Sechserraum vorschiebt. Allerdings änderte sich dieser Eindruck bereits nach fünf Minuten, als dann Nicolas N’Koulou und Rod Fanni klar strukturiert als erste (oder letzte) Linie aufgestellt waren. Die Außenverteidiger schoben derweil ohne zu zögern nach vorn. Besonders Linksverteidiger Benjamin Mendy sprintete in Wingback-Manier sofort nach vorn. Im Sechserraum hielt sich in der Zwischenzeit häufig nur noch Giannelli Imbula auf, der von der linken Grundposition zentral vor die Innenverteidiger schob. OM passte den Ball sofort heraus, ohne dem Gegner die Zeit zu geben, um noch zum Pressingzugriff zu gelangen. Anschließend leitete Imbula weiträumig auf die Außenverteidiger weiter, meist zu Mendy.

Insgesamt war die Formation von Marseille nach links verschoben, was einerseits Dja Djédjé in eine weniger präsente Rolle verfrachtete und andererseits den häufig aufrückenden Lemina zum Balancespieler im rechten Halbraum machte. Zu Beginn hatte OM einige Torchancen. Sie suchten im Offensivdrittel sofort die Abschlüsse und wirkten insgesamt druckvoller.

Dja Djédjé mit vier Pässen im/ins Angriffsdrittel in der ersten Halbzeit, Mendy mit sechs Pässen. Beide jeweils mit zwei Flanken, davon nur eine von Mendy erfolgreich. (siehe Szenengrafik)

Pressing von OM & Aufbau von PSG

Dies galt auch für die Arbeit gegen den Ball. Selbst aggressives Anlaufen von Salvatore Sirigu zahlte sich teilweise aus, wenn der Italiener zu einem unkontrollierten Schlag ins Seitenaus gezwungen wurde. Paris baute zunächst recht normal über die beiden brasilianischen Innenverteidiger auf und Marseille lief zunächst in einem 4-3-0-3 an. Die vorderste Linie schob entweder zwischen die Spieler oder verfolgte als Band horizontal den Ball. Dabei ergaben sich dann teilweise skurrile Szenen: In der 26. Minute gewann André-Pierre Gignac den Ball direkt gegen Thiago Silva (!). Jedoch fokussierte OM mehr auf Ballgewinne gegen Thiagos Partner David Luiz. Dimitri Payet und Alessandrini ließen absichtlich in einigen Szenen eine kleine Formationsunwucht auf der halbrechten Seite, um die vorstoßenden, doch oftmals unkontrollierten Läufe von Luiz zu forcieren. Über die Spielzeit hinweg ergaben sich so einige Ballgewinne, da Thiago zuerst nur alleine absichern konnte. Später veränderte Marseille die Pressingformation zu einem 4-2-2-2 oder 4-1-3-2.

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Interceptions von OM in der ersten Halbzeit – Quelle: Squawka

Alles in allem hatte PSG große Probleme mit einem kontrollierten Aufbau. Zentral musste Verratti schon sein komplettes Repertoire an pressingresistenten Aktionen ausspielen, um die erste Pressingwelle der Gäste zu überwinden. Gefahr entstand meist nur bei direkten Zuspielen auf die beiden Flügelstürmer. Insbesondere Lucas Moura war auf seiner Seite äußerst präsent. Der Brasilianer suchte immer wieder nach Möglichkeiten gegen den offensiv ausgerichteten Mendy. Dies betonte zudem die leichte Pariser Rechtslastigkeit. Aurier zeigte seinerseits mehr Läufe die Außenbahn entlang, während Verratti dominanter im Spielaufbau war und mehrfach in seinen bevorzugten rechten Halbraum dribbelte.

Lucas mit vier "Take-ons" im Angriffsdrittel in der ersten Halbzeit, 50% Erfolgsquote
Grundformation

Grundformation

Es war auch Verrattis Bewegung, die quasi die Führung von PSG nach 37 Minuten einleitete. Verratti kippte mit zunehmender Spielzeit häufiger zwischen die beiden Innenverteidiger ab, wodurch man die Pressingstellung von OM besser umspielen wollte. Matuidi fungierte als einzelner Verbindungsspieler im Mittelfeldzentrum. Durch das Abkippen Verrattis wurde somit auch ein wohl dosierter Thiago-Vorstoß möglich, wie er es beim Führungstreffer tat. Der PSG-Kapitän zog mit einer dynamischen Bewegung am Gegenspieler vorbei und spielte danach einen seiner typischen, gefühlvollen Aufbaupässe diagonal zu Ezequiel Lavezzi, der direkt auf Edinson Cavani ablehnte und den Ball sofort wieder erhielt. Seine Hereingabe wurde von Lucas über die Linie gedrückt. Das Verratti-Abkippen hatte zudem eine absichernde Wirkung, wenn David Luiz wie in der 41. Minute den Ball nach vorn verlor. Bei Marseilles Umschaltangriff fungierte Verratti kurz als linker Innenverteidiger.

Pressing von PSG

Trotz der Halbzeitführung konnte PSG-Trainer Blanc nicht zufrieden sein. Phasenweise hatten die Hauptstädter nur etwas mehr als 40 Prozent Ballbesitz. Zudem wirkte das eigene Pressing etwas chaotisch und gegen die Weiträumigkeit von OM ein Stück weit orientierungslos. Zudem sorgte die breit angelegte 2-4-4-Offensivformation der Gäste dafür, dass in zahlreichen Zonen das Gegenpressing von Bielsas Team Zugriff bekam.

Insgesamt war der Rhythmus der ersten Halbzeit etwas merkwürdig. Beide Mannschaften zogen sich weit auseinander, viele Spieler hatten riesige Räume abzudecken oder anzulaufen. Das passte PSG nicht unbedingt. Hinzu kam das unkoordinierte Anlaufen in einem 4-2-3-1, wobei Cavani zwischen den breit stehenden Innenverteidigern pendelte, während die leicht verengte Dreierreihe dahinter die direkten Zuspiele nach außen abfangen oder zumindest die Dynamik dieser Pässe eindämmen wollte. Phasenweise wurde PSG aber 4-1-3-2-hafter im Pressing, indem beispielsweise Pastore neben Cavani schob und man klar mannorientierter die Angelegenheit anging.

Halbzeitpause: 47:53% Ballbesitz, 79:85% Passquote

Das Comeback und die Entscheidung

Die zweite Halbzeit konnte keinesfalls das Niveau des ersten Durchgangs aufrechterhalten. Das Spiel verlor an Struktur, fragwürdige David-Luiz-Läufe gab es weiter. Der Pressingdruck von OM nahm ab, was den individuell überlegenen Parisern mehr einfache Durchbrüche ermöglichte. Die Abstände zwischen Innen- und Außenverteidiger blieben groß, wodurch Cavani oder Lucas immer wieder Läufe in diese Zonen starteten. Zudem wurde das offensive Umschalten der Gäste ungenauer und einige unangenehme Ballverluste kamen zustande.

In der 65. Minute gab Zlatan Ibrahimović nach einer Verletzungspause sein Comeback. Er wurde für Lavezzi eingewechselt, während Yohan Cabaye positionsgetreu Verratti ersetzte. Infolge der Hereinnahme von Ibrahimović verteidigte PSG fortan sehr deutlich in einem 4-3-1-2. Der Schwede sowie Cavani formierten vorn die erste Linie, Pastore war der Zwischenspieler. Bei eigenem Ballbesitz wurde Lucas dann wieder breiter auf der rechten Seite und Cavani driftete nach links ab.

Bielsa brachte derweil mit Michy Batshuayi für Florian Thauvin einen weiteren zentralen Angreifer. Allerdings wirkte die Partie nach der äußerst umstrittenen roten Karte für Imbula mehr oder weniger entschieden. Cavani netzte fünf Minuten vor Schluss einen der zahlreichen PSG-Konter nach einer Flanke von Aurier ein.

Fazit

Mehr als eine halbe Stunde wirkte Olympique wie das wirkungsvolle Gegenmittel zum doch meist eher biederen Fußball des amtierenden Meisters. Wenngleich am Ende der Favorit die drei Punkte auf dem Konto verbuchen kann, ist Bielsas Mannschaft weiterhin nicht zu unterschätzen. Manche strategische Entscheidung, wie die mangelnde Rollen-Anpassung der Außenverteidiger in der zweiten Halbzeit, darf ruhig hinterfragt werden, aber die talentierte Truppe vom Golfe du Lion bleibt ein ernsthafter Meisterschaftsanwärter, weil sich dieser Fußballansatz gegen „kleinere“ Teams über eine Spielzeit hinweg bewähren kann.

L 13. November 2014 um 00:14

„Mannorientierung für Verratti“ – oh, i see what you did there!

Aber lustiger Vorschlag. Gegen Verratti kann man sich nicht wehren. Von wem hätte er deiner Meinung nach manngedeckt werden sollen? Und welche Auswirkungen hätte das auf die Pressingstrukturen der gesamten Mannschaft gehabt (Löcher hinter dem Verfolger enstehen, er kann nicht mehr die vorherige Rolle einnehmen usw.), wäre das Pressing dann überhaupt noch effektiv gegen Luiz gewesen? Fragen über Fragen.

Antworten

mh25 10. November 2014 um 17:14

Die ersten 15min von OM waren vom Pressing her schon brutal. Paris hatte überhaupt kein Mittel dagegen und wirkte recht hilflos. Erst durch Verattis abkippen nach hinten gab es dann langsam so etwas wie einen Spielaufbau von Paris. Ich hätte gerne mal gesehen was passiert wäre hätte Bielsa auf dieses abkippen einfach mit einer Mannorientierung für Veratti reagiert…

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