Die Suche nach der inneren Mitte

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Das torlose Spitzenspiel in Italien war trotz einer gewissen Grundprägung durch Defensivpräsenz keinesfalls ein klassisches Verteidigungsfestival, sondern erzählte einiges zum Zusammenwirken von Flexibilität und Konstanz, von Anpassung und Erstarrung. Beide Teams waren gut, aber blieben noch ohne die letzte, vollendete Ausgewogenheit.

Ohne Pause spielen viele europäische Top-Ligen durch den Winter, auch die italienische Serie A. Sie lieferte am vergangenen Wochenende mal wieder ein Topspiel innerhalb der bisher recht engen Spitzengruppe, das abermals einen knappen Ausgang nahm – diesmal zwischen Inter und Lazio. Zu Anfang kamen die Gäste aus der Hauptstadt etwas aktiver ins Spiel und fanden schnell zu einer kontrollierten Haltung. Die Laziali agierten zudem spielerisch fast durchweg souverän, obwohl Inter im Angriffspressing einige lichte Momente zeigte. Gelegentlich stellten die Hausherren früh am Strafraum zu, indem Borja Valero in eine 4-4-2-hafte Anordnung vorschob und fast schon höher als Icardi die jagende Rolle in diesem Konstrukt übernahm, dessen vordere Akteure sich recht geschickt innerhalb der diagonalen Bindungen der gegnerischen Fünferkette bewegten.

Spielerisches Potential bei Lazio

Vonseiten Lazios gab es zwar auch gelegentliche Phasen hohen Zustellens, sie sollten allerdings wenig zur Geltung kommen, da in diesen Konstellationen Inter zügig zu längeren Bällen griff. Das geschah quantitativ aber relativ selten, vielmehr bestimmte ein tieferes Mittelfeldpressing der Gäste überwiegend das Bild. Dass die Gäste trotz der aggressiveren Pressingversuche des Gegners zunächst die kontrolliertere Mannschaft waren, lag an ihrem konstruktiven Verhalten gegen Inters Bemühungen im hohen 4-4-2. Insbesondere de Vrij und Radu blieben hinten sehr ruhig und versuchten sich mit Drehungen häufig nochmal in Ausweichräume zu lösen. Über die zwei verlagerte sich Lazios vielversprechendste Route nach halblinks, wohin auch Milinkovic-Savic und Luis Alberto in Drucksituationen flexibel zurückfielen und einige Male ihre gruppentaktischen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen konnten.

Dazwischen lagen noch die weiträumigen Freilaufbewegungen Lucas Leivas, während Inters weitere Mittelfeldakteure eher vorsichtig agierten und der Anschluss an die vorderen Kräfte so noch ein kleines Problemfeld darstellte. Im weiteren Defensivrückzug nach hinten verstärkte sich die Kontrolle für Lazio. Die 4-3-Tiefenstaffelung Inters musste sich hauptsächlich auf Stabilität konzentrieren, wenn die drei Angreifer nicht konstant innerhalb der kollektiven Arbeit eingebunden waren: Gelegentlich zockten sie, häufig begaben sie sich lose eingerückt in die Halbräume, verschoben von dort aber nicht unbedingt sauber mit den Hintermännern mit, sondern passten die Positionierungen individueller an. Zumal das Mittelfeld der Hausherren punktuell noch durch Parolos frühe Vorstöße zurückgeschoben wurde, konnte Lucas Leiva recht ruhig die Bälle verteilen.

Unkontrollierte Übergänge aus Kontrolle

Diese Ausgewogenheit vermochte Lazio dann aber kaum mehr nach vorne zu transferieren, da sie sich im Übergang zu Rhythmusschwächen verleiten ließen. Ein großes Problem bestand darin, wie sie mit dem Herausrücken der gegnerischen Außenverteidiger auf ihre eigenen Flügel im Pressing umgingen: Da Cancelo und Santon so zu einer weiträumigen Spielweise tendierten, ergaben sich Anschlusslücken schräg nach hinten zu den Innenverteidigern. Vor allem links starteten Milinkovic-Savic und Luis Alberto abwechselnd Diagonalläufe aus den Achterräumen dorthin. Allerdings wurden solche Bewegungen zum einen zu frühzeitig angespielt – dann in unkontrollierten oder unsauberen Situationen, ohne gute Vorbereitung – und zum anderen schon quantitativ zu stark fokussiert. Möglicherweise war diese Strategie spezifisch vorausgeplant, im Endeffekt richtete sich die Entscheidungsfindung der Spieler so aber zu sehr auf den Ablauf und schränkte sich durch diese Übermäßigkeit selbst ein.

Insgesamt wurde die Partie für die Gäste im Laufe der ersten Halbzeit zunehmend eine Rhythmusfrage: Je häufiger jene Problematik zu früher Vorwärtspässe auftrat bzw. je häufiger das einfach durch die fortschreitende Spielzeit der Fall war, desto mehr bzw. konstanter büßten sie einfach von Spielphase zu Spielphase ein kleines Stück ihrer eigentlich guten Kontrolle ein. In gewisser Weise handelte es sich um einen selbstverstärkenden Prozess, in den dann noch umgekehrt herein spielte, dass auch das Aufrückverhalten aus dem Mittelfeld früher stattfand: Das erhöhte wiederum die Notwendigkeit, einfach ein bisschen früher die Bälle in Vorwärtsbewegungen zu spielen. In ihren Dimensionen waren das kleine Unterschiede, aber sie zogen sich in andere Bereiche hinein: Bei weiträumigen Rückpässen funktionierte mit dem veränderten Aufrückverhalten das neuerliche Freilaufen nicht mehr ganz so zügig und geschlossen, und so weiter. Das schloss ein, dass gerade Einzelszenen immer noch sehr gelungen sein konnten: Die besten Szenen Lazios waren direkt sehr sehenswert, speziell die gelegentlichen Vertikalpässe auf Immobile und Luis Alberto mit zentralen Ablagen.

Um die Halbzeit herum hatten sie eine schwierigere Phase, als Inter das Angriffspressing in Intensität und Quantität verstärkte. Die Gastgeber rückten in den Folgelinien nunmehr auch geschlossener nach, wenngleich nicht konstant. Über Linksüberladungen, zu denen Lazio ohnehin tendierte, konnten die Gäste gar nicht selten jene langen Bälle festmachen, zu denen sie nun öfter gezwungen waren. Im Ausspielen entstand aus diesem Linksfokus aber nicht mehr viel Zählbares, da ihr Spiel sich – unterbewusst – zunehmend in diese Route „versteinerte“ und Inter dagegen frühzeitig – insbesondere mit den ballorientierten Sechsern – zuschieben konnte. Auch Halbraumverlagerungen auf den offensiven Parolo sorgten nicht für den belebenden, aufbrechenden Effekt, da Perisic sehr aufmerksam und diszipliniert zurückschob. Generell wurde für Lazio nach einer starken Phase zwischen 10. und 25. Minute deutlich, dass sie schon mit leichtem Rückgang der Spielanteile ihre gruppentaktischen Stärken ein entscheidendes Stück seltener umsetzen konnten.

Inters Ansätze gegen passiv-abwartende Römer

Tatsächlich steigerte Inter im Laufe der Begegnung konstant seine Ballbesitzanteile. Das geschah allerdings langsam und blieb somit in überschaubarerer Verhältnismäßigkeit. Es führte aber doch zumindest so weit, dass der Verteidigungsmoment Lazios für die Charakteristik der Partie bedeutsamer und zentraler wurde. Die Gäste waren schon mit einem passiven und stabilitätsorientierten Mittelfeldpressing ins Spiel gegangen, agierten weniger auf aggressive Balleroberungen gepolt. Die zentralen Akteuren bewegten sich insgesamt sehr anpassungsfähig, wenngleich nicht durchgehend und konstant kompakt. Über ihre vielseitige Spielweise und die im Grunde genommen vierfache Besetzung des Mittelfeldzentrums konnten sie Inter auf lange Sicht aus jenen Räumen heraushalten.

Deren ebenfalls bewegliches Trio im 4-3-3 fand immer mal kleine Zwischenräume, vermochte sich dort aber nicht mit nachhaltiger Kontrolle festzusetzen. Lazio bedrängte sie dort zwar nicht umgehend, aber erzeugte durch gute Folgebewegungen viele leitende Effekte und konnte sie regelmäßig zu einem Abdrehen nach außen zwingen. Dafür gelang es Inter, schnell durch die Zonen zu Raumgewinn zu kommen, unterstützt für das seitliche Spiel in die Spitze nicht zuletzt über ihre spielerisch engagierten Außenverteidiger. Cancelo und Santon befanden sich in potentiellen (neben-)formativen Leerstellen und konnten von dort einige Aktionen ankurbeln, zumal sich Lazios Flügelläufer nicht immer so weit im Pressing vorwagen wollten. Da die Inter-Außenverteidiger oft leicht nach innen zogen, übernahmen bei Lazio eher die Achter das ballnahe Herausrücken und ließen die zentrale Absicherung vom tiefen Luis Alberto ergänzen.

Diese Spielweise brauchte gar nicht so arg viel Offensivpräsenz über nachstoßende Bewegungen aus dem Mittelfeldzentrum, wenngleich mehr Konsequenz von dort für die spätere Durchschlagskraft noch hilfreich gewesen wären. Problematisch war dabei, dass die Flügelstürmer oft sehr aggressiv den Übergang in die Spitze suchten, sobald sie eingebunden wurden, und dadurch weitere Unterstützung aus der Tiefe auch schwerer „nachgeliefert“ werden konnte, als es bei einer ruhigen Anlage im Angriffsdrittel möglich gewesen wäre. Auffällig bei der Rollenverteilung war das frühe und tiefe Zurückfallen Icardis – etwa auf Höhe des gegnerischen Sechsers – in Aufbaumomenten des zweiten Drittels. Das erinnerte fast an rautenhafte Tendenzen von Spallettis Roma, passte hier aber nicht so gut, da der Kapitän etwas Präsenz auf sich zog und so das Spiel wieder recht (vor)schnell aus dem Mittelfeldzentrum weiter- bzw. „abfloss“.

Licht und Schatten

Generell machte die Organisation im Angriffsspiel bei Inter einen zwiespältigen und genauer gesagt instabilen Eindruck, was sie – bei anderer Akzentuierung – also mit Lazio teilten: Bei Aktionen über die Außenverteidiger bestand in ihrer beweglichen Anlage die Gefahr, vom herausrückenden Lazio-Achter zur Seite geleitet zu werden. So müsste sich der herum driftende eigene Mittelfeldmann ungünstig nach außen freilaufen, Lazio könnte hinterher schieben und ihn über den Flügelläufer auch direkt aufnehmen. Andererseits nutzten die Hausherren mit der Zeit das Herauskippen der Sechser systematischer und bewusster, so dass die gegnerischen Flügelläufer zunehmend gegen die Außenverteidiger schon etwas nach vorne gezwungen wurden und so die Flügelstürmer, vor allem Perisic, in breiten Positionen leichter in Dribblings gegen die Halbverteidiger gebracht werden konnten.

So entstanden für die Gastgeber vermehrt Raumgewinn nach vorne und beispielsweise in der Phase direkt vor der Halbzeit einige Ablagen gegen die schnelle Rückzugsbewegung Lazios in den Rückraum, nach denen die Sechser aus der zweiten Reihe abschließen konnten. Daran sah man aber auch schon wieder, dass die Angreifer vor allem auf direkte Offensivaktionen ausgerichtet waren, im Falle von Perisic mit einigen überambitionierten Dribblings, bei Candreva deutlicher in Form problematischer Entscheidungsfindung: Teilweise band er sich bei ausweichenden Zirkulationsstafetten Inters zu dominant und – für seine ungeduldige, vorwärtsorientierte Art – zu bestimmend ein. Alternativ zu Fernschüssen nach Rücklagen hatte Inter noch einige Ansätze über den rechten Halbraum, in welchem sich Borja Valero und Vicino häufiger einschalteten als links und mit verschiedenen Vorwärtsläufen Potential andeuteten. Indem sie punktuell unorthodox und geschickt bestimmte Lücken anvisierten, ergaben sich für die Hausherren improvisierte gruppentaktische Kombinationen oder Abpraller in günstigen Situationen.

So entfachten sie einfach immer mal über Phasen hinweg Wirbel. Die zweite Halbzeit schließlich begannen sie mit einer verstärkten Fortführung jenes Rechtsfokus über Raumsuchen Borja Valeros hinter den eigentlich höheren Milinkovic-Savic, der sich aber ebenso wie Luis Alberto tiefer zurückzog. In der Folge fokussierte sich Inter fast zu sehr auf jene Zone und wurde wieder etwas schwächer, Lazio jedoch konnte weniger flexibel nach außen unterstützen und musste am Flügel klarer in direkteren Zuordnungen verteidigen. Über manche Rückstöße von Cancelo und Candreva war Inter nicht weit davon entfernt, die Seite zu öffnen, dies durch Querpässe auf den ballnahen Vicino ausnutzen und eventuell danach verlagernd Valero nach außen hinter den nachgerückten Radu freispielen zu können. Oft stand Lazio aber eben schon etwas herüber geschoben und schaffte es noch rechtzeitig, auch die Anschlussräume dicht zu machen.

Abschluss

Im Allgemeinen waren beide Mannschaften aus einer recht kontrollierten Grundhaltung nicht ganz gefestigt genug, ihre spielerischen und gerade gruppentaktisch immer wieder aufblitzenden Fähigkeiten stabil und aus ihrer Anpassungsfähigkeit heraus in zusammenhängenden Zügen durchzubringen. Einerseits durchkreuzten Probleme in Übergangszonen diese Bemühungen, speziell in Sachen Rhythmus und Entscheidungsfindung: Die Verbindung von vorbereitender Zirkulation und Aufnahme der vertikalen, attackierenden Orientierung ging nicht abschließend zusammen. Andererseits wurden die Teams nicht nur im Laufe solcher struktureller Vorgänge „unsteter“, sondern „erlahmten“ aus einer chronologischen Perspektive über das Spiel hinweg in ihren Verhaltensmustern. So nahm auf beiden Seiten etwa als Beispielsymptom die Tendenz zu, eine bevorzugte Zone des Angriffsspiels etwas zu sehr und zu frühzeitig zu fokussieren.

tobit 11. Januar 2018 um 14:35

Wieso spielt eigentlich Felipe Anderson überhaupt keine Rolle mehr bei Lazio? Verletzt ist/war er ja nicht, oder?

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