FC Augsburg – FC Bayern München 1:2

Das erste bayerische Derby hielt einiges an Spannung bereit, als die Augsburger durchaus mit dem Rekordmeister mitzuhalten wussten und in der zweiten Halbzeit die Überraschung nur knapp verpassten.

Hinweis: Kursiv gedruckte Links führen zur Spiel-Matrix von bundesliga.de, die das Geschriebene veranschaulicht.

Geplagt von einigen Verletzungen und Sperren musste der Gastgeber antreten, so dass sich Trainer Luhukay erneut gezwungen sah, einige Änderungen vorzunehmen. Besonders bitter war der Ausfall von Bellinghausen, den Werner ersetzte, während man die Spielerverteilung in Abwehr und Mittelfeld erneut änderte – Davids, Brinkmann und Hosogai spielten im Mittelfeld, Callsen-Bracker in der Innenverteidigung und mit Verhaegh verteidigte ein neuer Mann hinten links.

Heynckes´ Antwort auf die „Schweinsteiger-Frage“

Bei den Bayern lief als Ersatz für den verletzten Schweinsteiger David Alaba im zentralen Mittelfeld auf und bekam mit Tymoschchuk auch gleich einen anderen Partner, der Gustavo auf die Bank verdrängte. Ansonsten war es die erwartete Aufstellung der Münchener mit Rafinha rechts in der Viererkette und ohne den weiterhin gesperrten Boateng.

Taktisch gesehen sah die Neustrukturierung im Mittelfeld in etwa so aus wie erwartet. Grob wurden die Rollen der beiden tieferen Spieler beibehalten, welche verstärkte Unterstützung durch Toni Kroos erhielten, der sich mehr und stärker fallen ließ, um im Aufbau zu helfen, Lahm und Ribéry abzusichern und die Kollegen zu entlasten. Grundsätzlich spielte er seine übliche Rolle, nur tiefer und mit mehr Unterstützungsaufgaben für das zentrale Mittelfeld und somit geringerem Aktionsradius  im letzten Drittel.

Somit wurde der Schweinsteiger-Ausfall durch das Verteilen seiner Aufgaben auf mehrere Schultern kompensiert. Alaba und Kroos wechselten sich beim Besetzen der schematischen Schweinsteiger-Position ab, beide füllten situativ auch den Raum auf halbrechts – allerdings konnte man nicht ganz so viel Raum abdecken, was zu gewissen Teilen Tymoschchuk übernehmen musste, aber nur bedingt klappte.

Augsburgs Defensivkonzept

Zwei für die Bayern leicht problematische Aspekte wurden nun bereits angedeutet, von denen besonders die geringere Präsenz von Kroos vorne durchaus ins Gewicht fiel und der Mannschaft einiges an Glanz raubte.

Ihren nicht unerheblichen Anteil dazu trugen auch die Augsburger mit einer soliden Defensivtaktik gegen den Tabellenführer bei. Schon mehrmals in dieser Saison gelang es dem Liganeuling, zumindest in der Defensive mit interessanten Ideen spielstärkere und theoretisch überlegene Gegner überzeugend zu neutralisieren.

Für dieses Duell sah die Strategie der Augsburger eine enge Mittelfeldspiegelung vor. Jedem der drei zentralen Spieler der Münchener wurde ein spezifischer Gegenspieler zugeordnet, der ihn relativ eng überwachte – Hosogai gegen Kroos, Brinkmann gegen Alaba und Davids gegen Tymoschchuk.

Dadurch waren die Spieler der Bayern immer mit einem direkten Gegenspieler konfrontiert, hatten gelegentlich Probleme, angespielt zu werden, aber mussten vor allem schnell ihre Aktionen planen bzw. viele auch abbrechen. Zwar war es natürlich keine strikte Manndeckung, aber die Augsburger folgten ihrem zugeteilten Spieler grundsätzlich auch bei Rochade oder einem Positionswechsel im Mittelfeld, so dass man sich hier sehr fluid zeigte und an die Begebenheiten anpasste. Darüber hinaus handhabten die Mittelfeldspieler es auch immer wieder so, sich etwas von den Gegenspielern abzusetzen, zu einer kompakten und sehr engen Dreierkette zusammenzuschließen und durch diese Schutzwand mögliche Anspielstationen in der Tiefe zu isolieren.

Die Außenstürmer der Bayern wurden häufig bereits ohne Ball von den beiden Flügelspielern der Augsburger in die Zange genommen und mussten in vielen Situationen sich sehr stark bewegen, um freizukommen, oder sich mit einem langen Flugball anspielen lassen, was insbesondere van Buyten versuchte, der dies in der van Gaal-Zeit in solchen Situation mit Robben schon tat. Durch diese Bewachung und mit weniger Unterstützung von Kroos als gewohnt ging vor allem Ribéry stark ins Zentrum, wohin ihm Reinhardt sogar bis zu einem bestimmten Grad folgte und eine Art 3-2-4-1 entstehen ließ, ansonsten verschob man gegen den Franzosen diszipliniert auf außen und stellte mit drei Mann – ähnlich den Konzepten von Hannover oder auch Kaiserslautern – zu.

Risikolos war das Vorgehen der Gastgeber aber bei weitem nicht, denn man ließ häufig Räume zwischen den Linien und stand in Gefahr, durch die mannfokussierte Arbeit im Mittelfeld in Unordnung zu geraten, wie auch durch die Rolle Reinhardts, mit der man die Orientierung der Abwehr auf eine ziemliche Probe stellte.

Doch selbst wenn es weder revolutionär noch sicher noch weitgehend fehlerfrei war, reichte das Augsburger Defensivspiel, um gegen einen auch nicht in Bestform (Schweinsteiger/Kroos, Spritzigkeit, Tempo, mentale Frische) antretenden Gegner trotz dessen Dominanz der Partie (fast 70 % Ballbesitz innerhalb von Durchgang 1) fast nichts Zwingendes zuzulassen, denn auch die Tore entstanden nach einer Ecke respektive einem langen Ball des unter Druck stehenden Neuer, der letztlich nur dank der Klasse von Gomez und Müller den Weg zum späteren Torschützen Ribéry fand.

Schwach war in dieser Szene das zögerliche Zweikampfverhalten der Augsburger, die den Münchener Star gewähren ließen. Trotzdem konnte man hier – obwohl es ein Gegentor war – angedeutet erkennen, wie eng die Augsburger die Bayern verteidigten, was durch die Rolle von Reinhardt und den verstärkten Zentrumsdrang der Flügel im letzten Drittel vermehrt wurde. Im letzten Drittel nutzte Bayern die Flügel kaum und hatte es folglich schwerer.

Augsburgs Comeback

Wenn man sich die Frage stellt, warum die Augsburger im zweiten Durchgang so viel stärker agierten, muss man zunächst anmerken, dass es bei weitem nicht so extrem war, um es ein „Spiel der zwei Halbzeiten“ zu nennen, und das Ausgleichstor eine starke psychologische Wirkung auf der einen wie anderen Seite entfaltete.

Der Trend zeigte allerdings auch schon vorher in diese Richtung. Größte Änderung der Augsburger war ein früheres und höheres Pressing, mit dem man die Bayern unter Druck setzte. Diese haben damit ohnehin einige Probleme – wie das Spiel in Hoffenheim, ebenfalls nach einem aufreibenden internationalen Auftritt, zeigte. Nun fehlte nun auch mit Schweinsteiger ein eminent wichtiger Organisator und Sicherer des Balles und man schien ein wenig überrumpelt von der Augsburger Aktivität.

Diese ließen nun – ähnlich wie Valencia gegen Leverkusen – ihre Außenverteidiger weiter aufrücken, um die bayerischen Außenspieler früher, direkt bei der Ballannahme zu stören. Man konnte als gesamte Mannschaft so besser aufrücken und den Raum enger machen sowie den Gegner nach hinten drücken, weiterhin musste die Doppelung der Außen nicht mehr so konsequent gehalten werden – es waren immer Spieler als Hilfe in der Nähe, doch eigentlich gewann man Werner und Baier als zusätzliche Kräfte für das Mittelfeldzentrum. Wieder war dies riskant, denn bspw. Ribéry konnte sich einige Male schnell um seinen Gegenspieler drehen und startete in viel freien Raum, doch den Bayern fehlten ihre Verbindungen und Abstimmungen, womit sie einige vielversprechende Konterchancen selbst erstickten.

Die Einwechslung des agilen Gogia sowie die Verschiebung von Tymoschchuk auf die ungewohnte rechte Abwehrseite schürten die Wackeligkeit der bayerischen Hintermannschaft.

Die rechte Bayern-Seite

Ein kleiner und interessanter, aber sicherlich nicht unwichtiger Randaspekt waren weitere Folgen des kleinen halbrechten Loches in der Formation der Bayern. Gerade in der zweiten Halbzeit war zu sehen, dass Augsburgs Linksverteidiger Verhaegh eine sehr unorthodoxe Rolle spielte – war der Ball auf der anderen Seite rückte er nicht wie üblich als ballfernes Glied der Viererkette mit ein, sondern stand komplett isoliert von ihr fast an der Seitenlinie und deckte Müller ab. Mit dieser liberalisierten Rolle war man – vergleichbar mit der Taktik Favres – gegen Spielverlagerungen besser abgesichert. Müller war kaum noch im Spiel und es gab außer Müller selbst praktisch niemanden, der die Lücke zwischen den Augsburger Verteidigern mit Vorstößen entblößen konnte – Wirkung des Loches.

Desweiteren hatte vor allem Davids im halblinken Mittelfeld häufig sehr viel Platz, um seine langen Bälle auf Mölders zu spielen, die auch zu einigen (Halb-)Chancen führte, denn Tymoschchuk musste hier viel Raum alleine covern und kam so nicht immer rechtzeitig hin.

Fazit

Ein leicht glücklicher Sieg für die Bayern, die ihre wohl schwächste Saisonleistung boten und gegen die gut, aber immer wieder mit Fehlern, verteidigenden Augsburger. Neben den schwächenden Umstellungen fehlten den Münchenern vor allem die Dynamik und das Tempo vergangener Wochen. Augsburg nutzte einige kleine Kniffe geschickt und kann sich Mut machen, doch insgesamt fehlte die letzte Qualität für den entscheidenden Punch.

vastel 7. November 2011 um 17:32

Danke für die gute Analyse!

Noch ein paar Bemerkungen von mir:

In der 1. Halbzeit fiel mir auf, dass die Bayern hinten nahezu mit einer Dreierkette agierten, weil Lahm sehr sehr offensiv auf der linken Bahn marschierte. Kannst du das mit Statistiken/Übersichten bestätigen bzw. ist dies noch jemandem aufgefallen?

„denn Tymoschchuk musste hier viel Raum alleine covern“
-> Bitte nicht übel nehmen, ich habe nichts gegen Anglizismen, wenn sie passen, aber hier hätte es „decken“ anstelle von „covern“ auch getan 😉

Weiter so! 🙂

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TR 7. November 2011 um 17:40

Lahm war in der Tat sehr offensiv, allerdings weiß ich nicht genau, ob man hier von einer Dreierkette sprechen sollte, denn dann würde manch einer wieder einwenden, es sei – vor allem aufgrund seiner zentralen Stellung – schon die ganze Saison eine Dreierkette gewesen.
Gründe für den offensiven Lahm waren sicherlich die geschwächte linke Seite und die geringere Hilfe für Ribéry bzw. dann dessen immenser Zentrumsdrang. Rafinha konnte nicht so offensiv, weil er zu gewissen Teilen ja auch Tymoschchuk absichern musste, der ja das tat, was in dem von dir herausgesuchten Zitat steht. Zu jenem Zitat: Prinzipiell stimme ich dir zu, nur kam es mir so vor, als hätte ich im Artikel schon so oft decken/abdecken verwendet, und ich wollte Eintönigkeit vermeiden. 😉

@datschge:
Schöner Kommentar, vor allem der Punkt zu Alaba ist zutreffend.

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vastel 7. November 2011 um 17:50

In diesem Spiel fiel es mir besonders auf, auch wenn Lahm natürlich immer ziemlich offensiv agiert.
Es kam mir in den Sinn, weil bei einigen Szenen in der 1. HZ bei Kontern bzw. Langen Bällen von Augsburg van Buyten fast als Ausputzer agierte während Badstuber und Rafinha den Stürmer unter Druck setzten.
Lahm war da meistens noch etwa an der Mittellinie.
Mangels Wiederholung kann ich dies aber nicht genau wiedergeben, es ist mir nur vom Spiel in Erinnerung geblieben.

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datschge 7. November 2011 um 17:24

Wie immer schöner Artikel, die Idee mit den direkten Links in die Bundesliga-Matrix finde ich gute. Kurz meine Eindrücke zum Spiel:

Ich fand Alabas defensive Leistung auf der Schweinsteigerposition fast erschreckend schlecht. Er ist bezogen auf seine Position kaum in Zweikämpfe gegangen, hat aber trotzdem nur ein Drittel davon gewonnen, hatte zwar eine unglaubliche Laufleistung (12,13km, mit großem Abstand das meiste auf dem Platz), aber Lücken schließen konnte er dadurch kaum. Er hat allerdings eine Passquote von knapp über 90%, was mich in der Vermutung stärkt, dass Heynckes seine Taktik auf einen mauernden Gegner ausgerichtet hat. Das stärkere und höhere Pressing der Augsburger in der 2. HZ war also genau das, worauf das Team taktisch nicht vorbereitet war. (So hat neben Kroos auch zwangsläufig Gomez viel mehr nach hinten arbeiten müssen. Ich denke, beides war in dieser Form nicht geplant.) Das erklärt auch, warum der eher langsame Tymoshchuk (Passquote über 95% bei den meisten Passversuchen auf dem Platz!) den Vorzug zu Gustavo bekam, letzterer aber in der 2. HZ als Reaktion auf das Pressing eingewechselt werden musste. Rafinha hätte aber aufgrund seiner Schnelligkeit auf Rechts bleiben müssen, Tymoshchuk auf diese Position zu verschieben war eine unnötige weitere Schwächung der durch die bayerische Linklastigkeit stärker läuferisch fordernden rechten Seite.

Bei Heynckes müssten die Alarmklocken klingeln Angesicht dessen, dass gegen einen nominell so schwachen Gegner das Fehlen von Schweinsteiger schon so stark auswirken kann. Viele Alternative bleiben jetzt nach der Sperre für Tymoshchuk nicht mehr. Augsburg hätte eine Punkt mehr als verdient für diese Leistung, die bayerische Defensive so ins Schwimmen zu bekommen wie schon seit letzter Saison nicht mehr.

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Robbery 8. November 2011 um 23:33

Ich denke schon das Alaba seine Aufgabe gut gemacht hat.Man macht den Fehler und vergleicht sein Spiel mit dem von Schweinsteiger..Er ist ein andere Spielertyp.In der zweiten Halbzeit hat Augsburg die Räume eng gemacht und früh gestört-So kam Bayern schlecht ins Spiel..Und nicht nur Alaba sondern auch die anderen spielten nicht mehr so stark.Vor allem Müller war ,eigentlich gar nicht auf dem Platz..Durch das Pressing der Augsburger konnte Bayern sein schnelles Spiel nicht machen.Trotzdem hatte Augsburg bis auf die eine Chance nicht so viele Gelegenheiten…Ich denke Bayern war müde in der zweiten Halbzeit und konnte die Konterchancen nicht nutzen..

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datschge 9. November 2011 um 17:49

Nein. es ist definitiv kein Fehler, Alaba mit Schweinsteiger zu vergleichen, weil Bayern letzteren die Hinrunde lang adäquat ersetzen *muss*. Entweder durch einen vergleichbaren Spieler, oder durch Umbau des Systems. Das Spiel gegen Augsburg (immerhin der Tabellenletzte) war weder ein Champion League-Spiel noch ein Ligaspitzenspiel, dennoch sah die Münchener Defensive so schlecht aus, wie in Heynckes Zeit noch nie. Das wird nicht dadurch besser, dass Augsburg offensiv eine sowohl mangelhafte Chancenerarbeitung als auch -verwertung zeigt, eher im Gegenteil. Bayern darf mit Dortmund, Mainz und Bremen die nächsten drei Spieltage gegen offensivstärkere und pressingstärkere Teams antreten. Mit Alaba auf der Schweinsteigerposition werden sie bei denen keine Chance haben. =)

Alaba ist eher einer für den Flügel. Wenn Heynckes das System nicht ändern will, muss Kroos oder Müller auf die kreative Sechs rücken.

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