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Obwohl Spaniens Aufbauspiel nicht vollends überzeugen konnte, bilden die Iberer eine Ausnahme bei dieser Europameisterschaft. Vicente del Bosques Mannschaft erzeugt regelmäßig Torgefahr. Die Türkei unterlag im zweiten Gruppenspiel mit 0:3.

Im Vergleich zur ersten Gruppenpartie behielt der spanische Nationaltrainer seine Startelf unverändert bei. Dies bedeutete: Nolito war neben David Silva und Álvaro Morata erneut Teil der Angriffsreihe im 4-3-3. Cesc Fàbregas agierte auf der höheren Achterposition. Andres Iniesta war neben Sergio Busquets die allgegenwärtige Eminenz.

2016-06-17_Spanien-Türkei_GrundformationenFatih Terim stellte trotz der enttäuschenden Vorstellung gegen Kroatien lediglich auf einer Position um: Burak Yılmaz ersetzte Cenk Tosun als Mittelstürmer. Der zuletzt nahezu unsichtbare Oğuzhan Özyakup blieb unterdessen in der Startformation. Er spielte an der Seite von Ozan Tufan auf der Doppelacht. Hinter ihnen agierte Routinier Selçuk İnan. Flankiert wurden sie von Hakan Çalhanoğlu und Arda Turan.

Effektiv trotz Schwächen

Es dauerte keine drei Wimpernschläge und schon hatte Spanien die Kontrolle über die Partie übernommen. Eine Kontrolle, die sie so schnell nicht wieder hergaben. Die Türkei presste zunächst recht aggressiv. Burak Yılmaz stellte sich zwischen die Innenverteidiger und versuchte den Passweg zu blockieren, während der ballnahe Flügelstürmer sowie der ballnahe Achter rasch nach vorn rückten und den Druck erhöhten.

Doch dies blieb nur ein Strohfeuer, denn die Türkei richtete sich schnell in einem passiven 4-5-1/4-1-4-1 ein und ließ die beiden spanischen Innenverteidiger sowie Busquets in Ruhe das Spiel aufbauen. Die Mittelfeldkette der Türkei war klassisch in Bogenform aufgestellt. Burak Yılmaz blieb davor allein auf weiter Flur. Während die Spanier ihre Spielzüge eröffneten, kippte zumeist mindestens ein türkischer Außenspieler – in seltenen Fällen auch ein Achter – rasch nach hinten, um den auf seiner Seite vorstoßenden Außenverteidiger zu verfolgen.

Die Spanier nutzten die weiten Aufrückbewegungen von Jordi Alba und Juanfran, um einerseits Präsenz an den Seitenlinien zu schaffen und um andererseits die beiden Flügelstürmer nach innen ziehen zu lassen. Silva und Nolito starteten zu Beginn des Spielaufbaus meist auf der Außenbahn, aber sie überließen Alba und Juanfran schnell die Seite und positionierten sich selbst in den Halbräumen.

Die türkische Mittelfeldlinie stand oftmals sehr flach, wodurch der Zwischenlinienraum hin zur eigenen Abwehrkette offen war. In der ersten halben Stunde spielte Spanien bevorzugt über die linke Seite. Im Mittelfeldzentrum gab es zumeist eine 2-1-Staffelung, wobei Fàbregas und Iniesta gelegentlich die Positionen tauschten, aber normalerweise Letzterer halblinks neben Busquets positioniert war. Nach kurzen Passstafetten erfolgte die Verlagerung nach links – entweder als Chip-Pass diagonal hinter den gegnerischen Außenstürmer oder als kurzes horizontales Zuspiel, wodurch anschließend vertikal über die Seite nach vorn gespielt wurde.

Das Einrücken Nolitos zwang Rechtsverteidiger Gökhan Gönül ebenfalls zum Einrücken. Alba hatte nun Platz, um bis zur Abseitsgrenze vorzustoßen. Allerdings waren diese Abläufe nicht unbedingt optimal gegen die mannorientierte Verteidigung der Türkei. Da der spanische Außenstürmer früh einrückte, verdichtete er automatisch das Zentrum, weil sein direkter Gegenspieler sofort in der Anfangsphase des Angriffs den Weg nach innen mitging. Blieb der spanische Außenstürmer jedoch auf der Außenbahn und ließ sich erst später – also zu einem Zeitpunkt, als der Ball bereits auf dem Flügel war – zurückfallen, konnte der gegnerische Außenverteidiger nicht mehr reagieren, denn er hätte sonst die tief positionierte Viererkette verlassen müssen.

Ein gutes Beispiel war das 1:0 der Spanier, das nach einer Flanke von Nolito auf Morata fiel. Zuvor erfolgte auf der linken Seite ein Rückpass zum Celta-Vigo-Profi, der vorm Strafraumeck positioniert war. Nur wenige Minuten später fiel der zweite spanische Treffer. Dieses Mal lief der Ball noch weit vorm türkischen Strafraum von der Außenbahn nach innen. Fàbregas versuchte den Ball hinter die Abwehrkette zu lupfen. Ein türkischer Innenverteidiger kam noch mit dem Kopf an das Spielgerät, das aber trotzdem vor die Füße von Nolito fiel, der zum 2:0 einschob.

Trotz dieser komfortablen Führung gab es weitere Auffälligkeiten und Probleme das spanische Aufbauspiel betreffend:

  • Die vielen Flügelangriffe führten unweigerlich zu einigen Flanken in den Strafraum, wo Morata zumeist auf sich allein gestellt war.
  • Nolito fungierte mehrfach als diagonale Verbindungsstation zwischen Busquets/Iniesta und Alba. Somit zog er die Aufmerksamkeit des gegnerischen Außenverteidigers auf sich und öffnete die hohe Flügelzone für einen Vorstoß von Alba, der aber anschließend den Ball an der Außenseite des Sechzehners führte.
  • Silva bot sich im Spielaufbau des Öfteren tief im rechten Halbraum an. Ein klassisches Zusammenspiel mit Juanfran auf dem Flügel war seltener zu sehen.
  • Spaniens frühzeitige Verlagerungen nach außen machten einige ihrer Angriffe doch äußerst berechenbar. Aus dem Mittelfeldzentrum heraus bestanden oftmals keine Verbindungen in die vorderen Halbräume. Und Passstrukturen von außen diagonal nach innen waren auch eher die Seltenheit. Die Überladungen erfolgten an den Außenseiten der türkischen Formation, die sich allerdings nicht sehr klug gegen die vor- und einrückenden Bewegungen der Spanier verhielt.

Türkei ohne Plan, ohne Verbindung

Die Türkei blieb über die 90 Minuten harmlos. In der ersten Halbzeit spielte Terims Team ohne erkennbaren Offensivplan. Es gab viele steile Anspiele in Richtung des Neuners beziehungsweise in den Zwischenlinienraum. Die Abstände zwischen den Offensivakteuren waren jedoch zu groß, um ernsthafte Kombinationen zu initiieren. Gelegentlich kombinierten Turan und Co. im linken Halbraum für kurze Zeit, aber auch dann fehlte die Anbindung ins offensive Zentrum. Hakan Çalhanoğlu versuchte durch einrückende Bewegungen eine Anspielstation vor dem Dreiermittelfeld zu schaffen. Dies brachte aber ebenso wenig Ertrag, weil auch der Leverkusen-Profi, nachdem das spanische Mittelfeld überspielt war, zu wenige Anschlussoptionen vorfand.

Am effektivsten waren einige türkische Umschaltaktionen in der Anfangsphase. Aufgrund des angesprochenen hohen Pressings zu Beginn konnte die Mannschaft den Raum hinter den aufgerückten spanischen Außenverteidigern nutzten. Insbesondere Çalhanoğlu bewegte sich dazu über die komplette Breite des Zehnerraums und bot sich auch für Arda Turan an. Jedoch konnten sie bei diesen Angriffen nicht genügend Tempo aufnehmen, sodass Spanien wieder eine geordnete Verteidigungsformation annahm.

Nach der Halbzeitpause fiel sehr schnell der dritte Treffer für den Favoriten, womit die Partie entschieden war. Nach den ersten 45 Minuten hatte Terim noch Çalhanoğlu vom Feld genommen und Nuri Şahin eingewechselt. Der Dortmunder spielte fortan auf der Doppelsechs, da die Türkei nun vornehmlich in einem 4-2-3-1 agierte, in dem Tufan über rechts kam und Özyakup auf der Zehn positioniert war. (Wer sich die einzelnen Positionen anschauen möchte, kann auf die Grafiken der UEFA zurückgreifen.)

Şahin und İnan gaben dem Team in der ersten Aufbauphase mehr Ballsicherheit, aber durch die Herausnahme von Çalhanoğlu wurden die Abstände in den hohen Zonen nochmals größer. Die Türkei spielte bei eigenem Ballbesitz vermehrt Querpässe, da es an Tiefenläufen sowie an aktiven Zwischenraumspielern mangelte. In diesem Kontext war auch Turan in seiner tiefen spielmachenden Rolle verschenkt.

Die Hereinnahme von Olcay Şahan und Yunus Mallı hatte da schon eher einen Effekt, denn beide kamen über Halbpositionen hinter dem Mittelstürmer, wodurch sie für Anspiele von Şahin und İnan sowie für Pässe von außen zur Verfügung standen. Aber ein Tor gelang den Türken trotzdem nicht.

Fazit

Obwohl die Türkei über eine größere Anzahl an talentierten, technisch versierten Akteuren verfügt, fehlte es nun in zwei Partien an den entsprechenden Offensivstrukturen, um gefährlich vor das gegnerische Gehäuse zu kommen. Kommt dann noch eine defensive Anfälligkeit hinzu, die auch schon vorm Turnier erkennbar war, steht Terims Mannschaft auf verlorenem Posten.

Spanien schaffte es trotz einiger kleiner Mängel im Spielaufbau, Torchancen herauszuspielen. Die Auftritte von La Furia Roja sind keineswegs brillant, aber eine gewisse Durchschlagskraft ist ihr bei allen Unkenrufen nicht abzusprechen. In diesem Kontext wird das abschließende Gruppenspiel gegen Kroatien hoffentlich noch mehr Aufschluss über die spanische Stärke liefern.

HW 18. Juni 2016 um 19:18

Bei den Türken ist mir gerade im ersten Spiel aufgefallen, dass, trotz der Qualität der Spieler, das Zusammenspiel nicht sehr ausgeprägt ist. Da wird oft der Kopf runter genommen und der Ballführende hat keine Übersicht wie ein Angriff am besten ausgespielt werden könnte.

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HW 18. Juni 2016 um 19:24

PS
Die Türken sind für Spanien ein toller Gegner. Die wollen immer irgendwie mitspielen und Mauern selten wie andere Teams. Daher gibt es auch immer etwas Platz für die Spanier.

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The Soulcollector 18. Juni 2016 um 19:07

Hab mir vorhin die Belgier angesehen. Die werden morgen wahrscheinlich wieder extrem gelobt, aber was die an Raum vor der Abwehr lassen ist echt unfassbar! Die Iren sind eben nicht gut genug um das zu nutzen aber ich hab die ganze Zeit nur gedacht wenn Deutschland oder Spanien mal soviel Platz hätten…
Belgien wird ja nun wahrscheinlich Zweiter und trifft deshalb erst spät auf diese Teams, aber das war schon erschreckend fand ich.

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HW 18. Juni 2016 um 19:22

Habe das zweite Spiel nicht gesehen. Habe mich beim ersten Spiel der Belgier aber gewundert warum man die besten Spieler von einander separiert in dem man sie auf die Flügel stellt. Die sollten doch so viel wie möglich zusammen spielen und das Spiel im Zentrum machen. Aber im Zentrum hatten sie diesen Lulatsch.
Im zweiten Spiel lief es offenbar besser. Ich glaube aber die Belgier haben punktuell sehr viel Talent, aber als Mannschaft ist das noch nicht so ausgereift. Liegt vielleicht am Trainer.

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CE 18. Juni 2016 um 20:00

„Die werden morgen wahrscheinlich wieder extrem gelobt…“ – Wer lobt denn die Belgier?

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The Soulcollector 19. Juni 2016 um 00:54

Ihr nicht, das ist mir schon klar (ich hab den Artikel in eurer EM-Vorschau gelesen ^^). Aber die Boulevardpresse wird Belgien jetzt wieder zum Favoritenkreis zählen und das erste Spiel als Ausrutscher darstellen. Und das Spiel gestern wird als Topleistung gesehen. Dabei war es halt nur Durchschnitt und begünstigt durch extrem harmlose Iren.

@ HW:
Obs am Trainer liegt weiß ich nicht. Belgien hat ja auch nicht die extrem spielstarken Aufbauspieler wie Pogba, Kroos oder Iniesta. Und mit Kompany ist auch noch der aufbauende IV ausgefallen. Da bleibt ja fast nur „lang und weit“ im Spielaufbau übrig. Aber auch defensiv war es ziemlich dürftig und das wird ihnen am Ende wahrscheinlich das Genick brechen. Zumindest gegen die Spanier (im Halbfinale?) und die Franzosen/Deutschen (im Finale?). Davor hat Belgien ja das Glück solche Teams vermeiden zu können. Portugal im AF und England im VF wäre möglich.

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Markus 19. Juni 2016 um 08:15

Also die Tschechen haben „ihr Heil“ wohl ausschliesslich nur in der Defensive gesucht…

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busco 18. Juni 2016 um 17:03

Ich fand sie bereits gegen Tschechien dominant und stark. Das Ergebnis läßt unterschiedliche Leistungen der Spanier in den beiden Partien vermuten, die nicht unbedingt vorhanden waren. Das 2:0 war etwas glücklich und das 3:0 irregulär. Es hätte auch hier 1:0 ausgehen können bzw. der Sieg gegen Tschechien hätte höher ausfallen können.
In kleineren Mannschaften, wie Schweden, Wales oder Slowakei, ist die Leistung häufig davon abhängig, wie gut ihr Topstar drauf sind (wie oft hätte Schweden wohl ohne Ibrahimovic die Endrunde einer EM oder WM erreicht). Bei größeren Mannschaften sind die Abhängigkeiten bei der Qualitätsbreite normalerweise nicht vorhanden, aber bei Spanien finde ich es doch auffällig, wie stark ein einzelner Spieler, nämlich Iniesta, das Spiel prägen kann. Das besondere an Iniesta ist, dass man ihn nicht gut aus dem Spiel nehmen kann, da er auf engem Raum und auch bei aggressivem Pressing trotzdem meistens lösen kann. Eine echte Augenweide. Die angesprochenen Kritikpunkte sind nachvollziehbar, wobei ich die hohen Flanken auf Morata finde ich jetzt nicht per se problematisch finde. Morata ist wohl der einzige spanische Spieler, der sich allein körperlich durch seine Statur durchsetzen kann.
Auch berechenbare Angriff müssen nicht automatisch schlecht sein. Robben ist ebenfalls extrem berechenbar in seinem Angriff, konnte trotzdem oft nicht gestoppt werden.

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Barme 18. Juni 2016 um 14:46

Schön zu lesen. Ausführlich das Spiel präsentiert! Top!

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Ofenschuss 18. Juni 2016 um 12:34

Ist das nicht Kritik auf hohem Niveau? Die Spanier haben im Vergleich zum ersten Spiel einen großen Schritt nach vorne gemacht, und sind nicht nur dominant, sondern auch im Strafraum präsent und gefährlich. Das defensive Umschalten funktioniert auch ziemlich gut (zum Schluß wurden sie nachlässig). Muss man Spanien nicht zum Topfavoriten ausrufen?

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CE 18. Juni 2016 um 12:43

„Ist das nicht Kritik auf hohem Niveau?“ – Auf alle Fälle.

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GatlingJ 18. Juni 2016 um 20:12

Ja, Kritik auf hohem Niveau.
und ja, sind jetzt Top-Favorit.
Grund unter anderem: genau das offensiv machen, was DL nicht gemacht hat.
In den Strafraum eindringen, Pässe aus Bewegung spielen und annehmen, Angriff zwingend mit Torschuss oder Kopfball abschließen.

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The Soulcollector 19. Juni 2016 um 00:58

Ich finde aber, dass die Spanier im Gegensatz zu 2014 eine gute Gruppe erwischt haben mit Teams, die gern selbst eher ihr Heil in der Offensive suchen. Großartige Defensivmannschaften sind das ja alles nicht. Da bieten sich dann auch gern mal die Räume, die die Spanier (und auch die Deutschen) brauchen. Spannend wird es, wenn die Iberer auf eine Mannschaft wie Wales, Island usw. treffen.

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