Napolis Start unter Maurizio Sarri

Die letzten Spiele liefen für den neuen Napoli-Trainer herausragend und brachten hohe Siege gegen Topteams. Sarri hat in kurzer Zeit bereits eine in vielen Bereichen sehr starke Mannschaft geformt. Eine erste Betrachtung.

Es gab – bis auf die Top 3 der Vorsaison – in diesem Sommer einige interessante Trainerwechsel bei den anderen großen Klubs der Serie A: Napoli dürfte nach dem Abgang von Rafa Benítez den am wenigsten klangvollen Namen verpflichtet, aber vielleicht die beste Wahl getroffen haben. Maurizio Sarri heißt der neue Mann, der in der vergangenen Saison bei Empoli sehr ansehnlich spielen ließ. Sein Team überzeugte mit einem bewussten und fluiden, wenngleich etwas überambitionierten Zirkulationsfußball, der stark nach Zonen strukturiert war. Alex Belinger hat der Mannschaft ein verdientes Porträt bei Konzeptfußball gewidmet. Bei seinem neuen Verein hat Sarri nach drei durchwachsenen Auftaktpartien einen insgesamt erfolgreichen Start hingelegt.

napoli unter sarri 4-3-3

Napolis 4-3-3

Kernstück ist seiner Napoli-Mannschaft ist nun eine Dreieranordnung mit zwei Achtern im Mittelfeld, so dass der bisher oft als Zehner eingesetzte Hamsik eine der beiden Halbpositionen bekleidet. Nachdem anfangs noch die auch bei Empoli bevorzugte Rautenformation – mit leichter Asymmetrie zwischen Zehner und einem in Anlehnung an vorige Rollenverteilungen nach rechts tendierenden Stürmer – erste Wahl war, gab es zuletzt standardmäßig ein 4-3-3 zu sehen. Damit erzielte Napoli sehr gute Ergebnisse: in der Liga zunächst den vorläufigen Höhepunkt des neuen Projekts beim 5:0 gegen Lazio, dann – nur unterbrochen von einem unglücklichen 0:0 bei Carpi – ein Sieg im Topspiel gegen Juve und schließlich ein 4:0-Auswärtserfolg bei Milan.

Bewusste Wirkungen zwischen Halbraum und Flügel

Gegen Lazio trafen sie auf eine schwächelnde gegnerische Pressingarbeit und konnten die Asymmetrie der Hauptstädter wirksam umspielen. Bei diesen agierte Lulic links sehr tief, während die rechte Seite nicht konstant, sondern wechselnd hoch von Keita, Matri oder Mauri besetzt wurde. Nach einiger Zeit rückte häufiger Parolo hinter der vordersten Linie heraus. Auf den ersten Blick schienen die verschobenen 4-3-3-Anordnungen und das teils weite Herüberschieben zu einer Seite vielversprechend. Doch blieb Lazio ballnah eher passiv und hatte kaum Zugriff auf Napoli, die ihre Mittelfeldanordnung stark für tiefe, ballsichere Dreiecke nutzten. Verlagerten die Mannen von Sarri anschließend nach links, ließen sich entweder Hamsik oder Insigne raumsuchend in sehr breite Positionen fallen, um sich dem gegnerischen Verschieben zu entziehen. Lazios Schwäche lag in der Staffelung, mit der sie nachrückten: Parolo wurde oft diagonal überspielt, die vorderen Akteure waren zu hoch und entsprechend fehlte im ballnahen Halbraum die Präsenz.

napoli unter sarri raum vs lazio

Beispielhafte Darstellung der Logik, wie Napoli das asymmetrische Lazio-Pressing knackte. Gegen die nicht so schlecht verschobenen Staffelungen sind sie mit ihrer tiefen Struktur ballsicher, brachten den Ball schnell auf die andere Seite und bespielten dort das etwas unkoordinierte Verschieben der Gäste durch die gegenläufigen Bewegungen der raumsuchenden Hamsik und Insigne. Ghoulams aufrückende Läufe konnten kurzzeitig Basta beschäftigten.

Napoli konnte sich dagegen aus den Flügelräumen sehr einfach lösen und besetzte mit einem der Mittelfeldspieler immer wieder konsequent diese Zwischenlücken im Halbraum: Hamsik musste oft nur in den Raum querlegen und Insigne hatten viel Platz in guten Situationen, um nach vorne Richtung Viererkette Dampf zu machen. Zwar blieben neben Schnittstellenpässen auf Higuaín oder Callejón nicht allzu viele Optionen, doch entstanden aufgrund der guten Vorbereitung einige brenzlige Szenen daraus. Insgesamt ist bei den Leistungen der Süditaliener beeindruckend, wie bewusst und sauber die einzelnen Positionierungen, Bewegungen und Entscheidungen gewählt sind. In Verbindung mit ihren Spielertypen führt dies auch bei unorthodoxen oder nicht ganz optimal angelegten Angriffsverläufen zu überraschender Erfolgsstabilität darin. Da Napoli mit der Zeit auch das Potential über halbrechts besser nutzte, nahm ihre Überlegenheit stetig zu. Im Verlauf des Spiels wurde es daher eine exemplarische Darstellung ihrer aktuellen Qualitäten.

Wichtige Stärken: Freilaufverhalten und Unterstützungsbewegung

Vor allem gehören die vielseitigen Freilaufbewegungen des Mittelfelds zu den wichtigsten Pluspunkten, zumal dadurch auch die Aufbau- und Ballsicherheit enorm profitiert. Gibt es Raum, bewegen sie sich zuverlässig in die Lücken in den Halbzonen. Mit dieser guten Raumnutzung und dem individuell bewusster wirkenden Passspiel der Verteidiger lösen sie immer mehr Szenen spielerisch. So bespielen sie unkompakte gegnerische Staffelungen beim Pressingübergang aktuell sehr zuverlässig und lassen sich von den meisten Teams kaum noch wirklich unter Druck setzen. Stattdessen gelingt ihnen – nur manchmal indirekt, riskant oder etwas glücklich – das Aufrücken, wobei die Freilaufbewegungen wiederum helfen. Am ehesten schaffte es noch Milans 4-3-1-2/4-3-3-0/4-4-2 mit zurückfallenden Bewegungen der Stürmer, die Neapolitaner außen zu isolieren und die Querwege zur Mitte zu schließen – wenngleich nicht durchgehend und letztlich bei der 0:4-Niederlage auch nicht erfolgreich.

Gerade über links entstehen aus diesen Mechanismen in der Folge – typisch in den letzten Jahren – einige Überladungsansätze um Hamsik und Insigne. Gegen Lazio öffneten sie – hier war später auch der Bereich auf rechts sehr stark, Callejón situativ tiefer – mit geschickten Halbraum- und Flügelrochaden in den formativen Dreiecken die gegnerischen Mannorientierungen und ließen die Römer phasenweise hinterherlaufen. So wurde es am Ende ein Kantersieg, wenngleich das 5:0 vielleicht etwas zu hoch ausfiel. Vielversprechend sind in Napolis Elemente vor allem drei Elemente, die häufig auch miteinander zusammenhängen. Zum ersten ist das das rochierende, zielstrebige Zusammenspiel zwischen Hamsik und Insigne selbst. In etwas tieferer Rolle scheinen die Passmuster des slowakischen Mittelfeldmanns besser mit Insignes Positionierungen vor ihm zu harmonieren. Hamsiks Bewegungen wiederum, die in verschiedenen Kontexten, Dynamiken und Höhen oftmals gegenläufig zu denen seines Partners nach außen ziehen, öffnen oder finden Raum.

Zum zweiten stellen die vor allem von Insigne nach seinen einrückenden Aktionen gespielten direkten Zuspiele in die Tiefe eine Waffe dar. Zwar laufen diese Szenen manchmal etwas schematisch ab, haben aber gerade bei der Einbindung von Allans Nachstößen enormes Potential. Dribbelt Insigne nach innen, zieht der Neuzugang aus Udine häufig im ballfernen Halbraum in die Spitze. Die gute Vorbereitung der Szenen, das kurze und raumöffnende Zurückfallen von Higuaín und die präzise, zielgerichtete Ausführung des Laufes selbst sorgen bisweilen für beeindruckende Durchschlagskraft – das 2:0 gegen Lazio war beispielhaft. Überhaupt sind bei den Offensivaktionen fast überall irgendwo raumöffnende Supportbewegungen dabei, deren hohe Bedeutung im Teamkonstrukt den spielerischen Ansätzen entscheidend hilft, Unterzahlen zu überwinden, Dribblings effektiver zu machen und die eigenen Abläufe sauberer durchzubringen.

napoli unter sarri tor vs lazio

Allans 2:0 gegen Lazio: Insigne konnte sich nach typischer Vorbereitung über halblinks im Dribbling durchsetzen und zur Mitte ziehen. Mit kurzem Zurückfallen wurde Hoedt zwischenzeitlich durch Higuaín herausgelockt und konnte das Loch, als er es erkannte, durch die für ihn ungünstige Dynamik nicht mehr schließen. Allan schaltete frühzeitig in diesen Raum und nutzte die direkte wie indirekte Vorarbeit zum Durchbruch. Wichtig auch die passive Bewegung Callejóns gegen den etwas zu lange lose mannorientierten Radu und vor allem Insignes „Wegeführung“ beim Dribbling: Er zog zunächst ein wenig nach hinten weg, um den gegnerischen Sechser kurz zu binden, von Allan wegzuhalten sowie Zugriffschance zu suggerieren und dann im entscheidenden Moment den Pass zu spielen. Ein Beispiel für seine derzeit herausragende Form.

Kleine Reserven bei der Ausführung

Zum dritten schließlich werden die kurz zurückfallenden Bewegungen von Higuaín nicht nur raumöffnend genutzt, sondern als weitere Option auch mit Pässen bedient. Manchmal lässt sich der Argentinier etwas nach halblinks zu den Überladungen fallen – dann genau in den Raum, aus dem Hamsik wegzieht – und sucht das Dribbling zum Strafraum. Dabei sollen wiederum unterstützende, teilweise gegnerblockende Läufe und die beiden nominellen Flügelspieler als vielseitige Anspielstationen helfen. Etwas öfter findet das Zurückfallen des Angreifers in etwas zentraleren Bereichen statt und wird vermehrt mitspielend eingebunden. Er löst sich von der gegnerischen Abwehr, kommt entgegen und bietet sich für die aus dem Halbraum kommenden Insigne und Hamsik für kleinräumige Ablagen ab – so geschehen beim Tor des jungen Italieners gegen Juventus. Alternativ hält Higuaín das Leder kurz und verteilt es wieder, was bei seiner derzeitigen Pressingresistenz- und Dribblingform gut gelingt.

Diese Szenen könnten allerdings noch passender in die gesamtmannschaftliche Dynamik eingebunden werden. Das ist einer der kleinen Kritikpunkte, die Napoli aktuell noch manche Probleme machen und zeigen, dass das Ausspielen im letzten Drittel sich noch nicht ganz auf höchstem Niveau befindet. So gibt es – besonders auffällig in der Anfangsphase bei Milan – noch zu viele unbedachte und verschwenderische Passwahlentscheidungen in den Übergangszonen, die gute Ansätze abbrechen. Gerade bei Kontern und Schnellangriffen wurde dies schon deutlich, gelegentlich auch im Aufbau bei den Flügellinienaktionen der Außenverteidiger. Überhaupt wirken die Durchbruchsmuster aus den Überladungen teils zu seitlich orientiert. Nach Doppelpässen von Insigne und Hamsik wird einer der beiden daher noch zu oft abgedrängt. Manche Szenen enden – nachdem die erste Dynamikwelle nicht für Schnittstellenpässe, Dribblings oder Freispielen des Außenverteidigers genutzt werden konnte – in Statik am Flügel und muss mit improvisierten Unterzahldribblings zur Grundlinie beendet werden.

Herausrückmethodik der Achter veredelt das 4-3-3/4-5-1

Die gute Ausführung des 4-3-3 überzeugte auch gegen den Ball bisher in fast sämtlichen Begegnungen. Vor allem gegen Lazio gelang es Napoli zudem, sehr breitflächig und konstant Druck aufzubauen und zu halten. Ein weiteres Mal zeigte diese Partie beispielhafte Muster: Vorne positionierte sich Higuaín etwas versetzt, um das Spiel leicht auf Maurício zu lenken, wofür auch Callejóns etwas höhere Staffelung hilfreich war. Musste der Innenverteidiger schließlich – auch weil die doppelsechsartig ausgerichteten Römer im defensiven Mittelfeld zu passive Freilaufmuster zeigten, als dass sie die erste gegnerische Linie mit Direktpässen hätten attackieren können – etwas diagonal nach außen andribbeln, schoben beide Achter Napolis druckvoll und ballorientiert über dem Halbraum vor. An dieser Stelle griffen in den Pressingbewegungen zwei allgemein entscheidende Punkte in Napolis Verteidigungsausrichtung. So kann man die gute, wenngleich etwas schwankende Deckungsschattennutzung erwähnen, mit der sie gerade in diesem Match gegnerischen Dynamikaufbau lokal unangenehm abfangen konnten und kaum Entfaltung zuließen.

napoli unter sarri def

Das diagonale Hineinpressen des ballfernen Achters kann den Gegner unangenehm einkesseln, dabei die offenen Bereiche im ballfernen Halbraum per Deckungsschatten verstellen. Zudem lauern Insigne und Callejón immer mal aufrückend auf gegnerische Verlagerungen.

Ihre vielleicht größte Stärke gegen den Ball sind die – aus den oft auch 4-5-1-Anodnungen heraus – aufrückenden Pressingbewegungen ballferner Spieler. Versucht der Gegner nach erstem Leiten den Bereich um den äußeren Halbraum zu bespielen, rückt gerade der fernere Achter immer wieder stark mit auf. Dadurch kann er Druck wie Lokalkompaktheit unangenehm erhöhen und den Ballführenden umstellen, ohne dass die nahen Kollegen vorschieben müssen. Die ballferne Zone lässt sich durch geschickte Deckungsschattennutzung versperren. Auch der jeweilige Flügelstürmer auf der anderen Seite schiebt immer mal nach vorne und lauert auf gegnerische Verlagerungen, die dadurch weniger effektiv, sondern riskanter werden. Gegen Juve ließen die Blauen mit dieser insgesamt überzeugenden Defensivspielweise lange Zeit kaum etwas zu und schrammten bei Seitenwechseln der tiefen gegnerischen Linie mehrmals nur knapp an vielversprechenden Ballgewinnen vorbei. Dieser Aspekt hat allerdings auch eine kleine Schattenseite – den bisweilen langen Rückweg der ballfernen Flügel:

Wenn der Gegner raumgreifende Aktionen in den richtigen Momenten anbringt, gut vorbereitet und dieses leichte Zocken attackiert, ist Napoli anfällig für lange Diagonalbälle. Auch wenn sich die Abwehr dagegen recht sauber verhält, können Gleichzahlen und Unkompaktheiten entstehen. Dies ist eine klare Schwäche der Mannschaft von Sarri. Zudem haben sie gegen höhere Außenverteidiger etwas Probleme mit der Kohärenz beim Herausrücken der Achter und zum Strafraum hin kleine Schwierigkeiten in den Horizontalstaffelungen. Nur: Diese Punkte konnte kaum ein Gegner bisher konsequent ausnutzen. So ist Napolis Stabilität nur selten in Gefahr – bloß ein Gegentor in den letzten sechs Pflichtspielen. Insgesamt gewinnt die Defensive auch an der Klarheit der 4-3-3-Ordnung: Es gibt aufgerückte, enge Staffelungen des Dreiersturms im hohen Pressing, die Mittelfeldakteure bewegen sich kompakt und harmonisch zueinander und die sonstige Rückwärtsbewegung ist – trotz kleiner Einbindungsprobleme der Flügelmannorientierungen – auf gutem Niveau.

Zwischenfazit

Nach einer Auftaktniederlage gegen Sassuolo und zwei ärgerlichen Remis ist Maurizio Sarris Napoli mittlerweile in Schwung gekommen und beeindruckt nach der Umstellung auf 4-3-3 mit Kantersiegen gegen Lazio und Milan sowie einem Erfolg gegen Juventus. Das Offensivspiel, die Ballsicherheit oder die Pressingbewegungen zeigen bereits große Klasse. Es sind kleinere Detailpunkte für das Ausspielen, die noch verbessert werden könnten, aber auch beispielsweise die bisher noch zurückgenommene, vereinzelt geschickte, aber nicht konstant effektive Einbindung von Callejón. Nach der Länderspielpause darf man sich auf ein absolutes Topspiel zwischen Napoli und der unter Paulo Sousa im 3-4-2-1 ballbesitzsicheren Fiorentina, dem derzeitigen Tabellenführer der Serie A, freuen. Diese Partie sei jetzt schon mal empfohlen.

Floyd 19. Oktober 2015 um 09:04

‚Nach der Länderspielpause darf man sich auf ein absolutes Topspiel zwischen Napoli und der unter Paulo Sousa im 3-4-2-1 ballbesitzsicheren Fiorentina, dem derzeitigen Tabellenführer der Serie A, freuen.‘

Darf man sich eigentlich auch noch auf eine kurze SV-Analyse dazu freuen? 🙂

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Dr. Acula 8. Oktober 2015 um 11:17

Wow, hatte die gar nicht auf dem schirm.. Danke für den geilen Artikel

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king_cesc 7. Oktober 2015 um 14:48

Ich wollt noch nachfragen ob was zu Sarri kommen wird und schon isses da! Danke!

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DSDD 6. Oktober 2015 um 09:29

Überragender Artikel. Sarri ist einer der interessantesten und talentiertesten Coaches international, daher ist diese Beleuchtung absolut gerechtfertigt.
Finde dass hier die generelle Intensität Napolis nicht angesprochen wurde, aber das ist nicht tragisch ;~)

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