SV-Scouting: Felix Passlack

Selten finden wir im Jugendbereich eine derartige Anführermentalität, wie sie Felix Passlack verkörpert. Der 16-Jährige ist sowohl Kapitän der U17 von Borussia Dortmund als auch der deutschen U17-Nationalmannschaft. Ein Leader und Fußballverrückter.

Passlack ist ein Junge des Ruhrpotts. Seine Karriere begann in seiner Heimatstadt Bottrop. Über Rot-Weiß Oberhausen kam er im Jahr 2012 nach Dortmund, obwohl ihm auch ein Angebot von Schalke 04 vorgelegen haben soll und er damals große Sympathien für die Gelsenkirchener hegte.

Hinsichtlich seiner Position ist Passlack sehr flexibel. Allein in dieser Spielzeit agierte er bereits auf beiden Außenbahnen in der Viererabwehrkette sowie auf der offensiveren Position. Ebenso kann er als dynamischer Umschaltzehner fungieren. Bei seinen Auftritten im Rahmen des Wintertrainingslagers der ersten Mannschaft von Borussia Dortmund spielte Passlack jeweils auf der rechten Seite.

In dieser Saison sticht der 16-Jährige mit 32 Scorerpunkten, die sich gleichmäßig auf Tore und Torvorlagen verteilen, aus dem U17-Team des BVB heraus. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Borussia Dortmund ihn genauso wie Dženis Burnić, David Sauerland und Torwart Dominik Reimann bis 2018 an den Verein gebunden hat.

Felix Passlack – Bicycle Kick Goal on Vimeo.

Technik

Muss man die Schwächen von Felix Passlack benennen, so stechen hin und wieder technische Ungenauigkeiten ins Auge. Der First Touch erfolgt nicht konstant sauber und auch entsprechenden Ballweiterleitungen mangelt es zuweilen an der allerletzten Präzision. Passlacks Spiel, sein ganzer Bewegungsablauf, ist von einer ungeheuren Dynamik und damit verbundenen Unruhe geprägt. Folglich wirken seine Aktionen teils wild und teils überhastet, aber ebenso überrollend für die gegnerische Verteidigung. Dies steht in Verbindung mit unorthodoxen Ballverarbeitungen, die er ins Spiel einfließen lässt.

Felix Passlack – Ball Control on Vimeo.

Seine technische Genauigkeit leidet sicherlich unter diesem individuellen Spielrhythmus. Ebenso fallen lange Verlagerungen oder auch halbhohe Vertikalbälle ins Auge, die mehr oder weniger auf gut Glück gespielt werden. (Bei durchschnittlich 47 Pässen weist er eine Erfolgsquote von 72 Prozent auf. Hinzu kommen 2,1 Schlüsselpässe pro Partie.) Andererseits beweisen Passlacks konstant starke Standardsituationen, dass er am ruhenden Ball enorme technische Qualitäten aufzuweisen hat.

Koordination und Physis

Passlack ist ein Kraftpaket mit niedrigem Körperschwerpunkt bei gleichzeitig hoher Agilität und Beschleunigung bei intensiven Läufen und Sprints. Er kann somit seine Physis gezielt zur Verteidigung des Balles einsetzen, wenn er das Spielgerät nach vorn schleppen möchte, und gleichzeitig Gegenspieler schlichtweg überrennen. Vom Ball ist er schwer zu trennen, weil der 16-Jährige durch seine enge Ballführung und die dynamisch-unruhigen Bewegungen im Oberkörper den Gegner immer wieder etwas auf Distanz hält. (Seine Erfolgsrate bei Dribblings liegt knapp über 50 Prozent.) Ansonsten zeichnet Passlack, wie bereits erwähnt, eine großartige Intensität aus, die er aufgrund seiner außerordentlichen Kondition stets über neunzig Minuten bringen kann.

Felix Passlack – Ball Recovery & Transition on Vimeo.

Seine Übersicht und Wahrnehmung von Räumen und Spielumgebung wirkt schon weit entwickelt. Beispielsweise detektiert er neue Anspielstationen durch kurze Augenwinkel-Blicke in die äußeren Sichtfeldbereiche, was vor allem auffällt, wenn Passlack von außen eine Kurve durch den Sechser- und Achterraum läuft. Dies wird ergänzt durch ein passendes Schulterblickverhalten bei Ballannahme, womit er direkt die offeneren Räume ansteuern kann – wo sich Passlack mit seinem dynamischen Spiel vor allem wohl fühlt.

Individualtaktisches Verständnis

Neben all diesen Stärken ist sein Positionsspiel in manchen Situationen noch ausbaufähig. Aber zunächst die positiven Ansätze: Der Dortmunder kann seine Positionierung innerhalb einer Partie sehr gut variieren. Beim Gruppenspiel gegen Slowenien vor wenigen Tagen startete er beispielsweise zunächst als Breitengeber. Er positionierte sich vorm ballführenden Außenverteidiger direkt an der Seitenlinie und lief in der weiteren Passabfolge abseits des Balles nach innen. Ein in diesem Zusammenhang stehendes Charakteristikum ist Passlacks Vorliebe für inverse Dribblings, die er übrigens sowohl links wie rechts aus breiterer Anfangsstellung heraus zeigt.

Gegen Slowenien fungierte er nach der Anfangsphase dann eher als eingerückter Halb-Zehner und in dieser Rolle vor allem als schnelle Weiterleitungsstation bei Deutschlands Angriffen. Die Weiträumigkeit seines Bewegungsspiels wurde dann im Spielverlauf noch deutlicher, als er sich teils horizontal von seiner Grundposition bis auf den anderen Flügel bewegte und dabei mehrmals in den Rücken der Abwehr schlich.

Diese Schleichbewegungen sind sowieso typisch für Passlack. Ballfern sucht er auf seinem Flügel häufig den Weg nach außen und lauert fernab des direkten Gegenspielers auf lange Verlagerungsbälle. Dabei spekuliert der 16-Jährige auf einrückende Verteidigungsläufe des gegnerischen Außenverteidigers. Doch genauso kann er sich schnell nach innen bewegen, wie bereits angedeutet wurde.

Passlack verhält sich sehr bissig bei Ablagen im Halbraum und versucht dort sofort beschleunigend zu wirken. Außerdem geht er nach einer Ablage meist direkt in den Vertikallauf. Insgesamt ist sein Verhalten nach der Ballabgabe lobenswert. Er zeigt direkte Anschlussläufe oder balancierende Positionierungen und folglich eine bewusste Zonenbesetzung oder versuchte Raumöffnung – kein Verharren und Abwarten.

Ein eher negativerer Punkt im Spielprofil Passlacks ist sein Verteidigungsverhalten sowie sein Agieren im Pressing. Wird er als Außenverteidiger eingesetzt, neigt er zu einer zu tiefen, zu stark absichernden Positionierung innerhalb der Viererkette. Infolgedessen kommt es zu verspätetem Einsetzen des (Gegen-)Pressings. Das ist ein Dortmund-untypisches Element, da sich die BVB-Außenverteidiger doch durch progressiveres Herausrücken und Pressingverhalten auszeichnen.

Felix Passlack – Pressing on Vimeo.

Aber ebenso kann er aus tieferer Stellung durch schnelle Läufe zunächst Druck simulieren und durch anschließend leichte Verzögerungen mit seiner Dynamik im direkten Zweikampf attackieren. In Pressingmomenten selbst, vor allem im Rückwärtspressing, kommt einmal mehr die hohe Grundintensität des 16-Jährigen zum Tragen. Allerdings arbeitet er noch nicht effektiv genug mit Werkzeugen wie „Anlaufen“ und „Stellen“. Vielmehr neigt er zu einer sehr direkten Zweikampfführung und möchte so Balleroberungen erzwingen.

Gesamtwertung

Felix Passlack passt zum Dortmunder Powerfußball der letzten Jahre. Seine Schwächen, neben vereinzelten Positionierungs- und Bewegungsfehlern im Pressing, sind klar spielmachende Elemente, zuweilen das passende Rhythmusgefühl und in einzelnen Szenen die notwendige Empathie im Passspiel. Auf der anderen Seite bringt er seine physischen Qualitäten, eine enorme Schussstärke und pure Durchschlagskraft, egal ob invers-diagonal oder geradlinig-vertikal, ein.

Sein unruhiges Verhalten macht es dem Gegner schwer zu verteidigen, was durch die natürliche Weiträumigkeit mit und ohne Ball noch verstärkt wird. Diese Aktivität scheint sogar manchmal dazu zu führen, dass er gedanklich bereits beim nächsten Schritt ist, während die Ballannahme noch läuft, was man gerne als Konzentrationsfehler auslegt. Doch aufgrund der hohen Rate an Ballaktionen wird die Anzahl an individualtaktischen und technischen Fehlern kaschiert. Borussia Dortmund hat ganz sicher einen Rohdiamanten in den eigenen Reihen, der Grundvoraussetzungen für nachhaltigen Erfolg im Profifußball mitbringt. Die meisten Unzulänglichkeiten sind mit weiterer Schulung auf alle Fälle zu beheben. Schon in den letzten Monaten unter BVB-U17-Trainer Hannes Wolf ist eine spürbare Weiterentwicklung zu erkennen.


Koom 15. Mai 2015 um 13:45

Schöner Artikel, sehr interessant. Wird vor allem in der Zukunft sicherlich mal spannend, wenn der Spieler dann im Profifußball regelmässig auftaucht.

Generell liest sich das hier auch nach einem klassischen Publikumsliebling. Schnell, dynamisch, kampflustig – lieber mal mit Wucht was lösen, anstatt die feine Feder unbedingt auszupacken. Solche strategischen Fähigkeiten kann man sich ja zum Teil auch später noch erwerben.

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Jens 14. Mai 2015 um 14:31

Sehr interessanter Artikel. Mich wuerde interessieren, wie der Autor an die Daten und Infos kommt? Waren Sie im Trainingslager der Dortmunder dabei? Darf da jeder beim Training zuschauen?
Oder diese Aussage hier z.B. „Bei durchschnittlich 47 Pässen weist er eine Erfolgsquote von 72 Prozent auf. Hinzu kommen 2,1 Schlüsselpääse pro Partie“
Werden Statistiken zu U17 Spielen der Bundesligajugendmannschaften veroeffentlich, oder bezieht sich das nur auf ein Spiel?
Wenn ein Spielverlagerungsautor solchen brillianten Analysen erstellt, wie sehen dann die Datenbanken der Scoutingabteilungen aus?

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RM 14. Mai 2015 um 14:45

Wir haben Zugang zu Scoutingarchiven und Statistikdatenbanken, die auch zu U17-Spielen Statistiken herstellen. Man kann sich Freundschaftsspiele aus Trainingslagerzeiten ebenso ansehen.

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FB 14. Mai 2015 um 01:15

Was hält CC eigentlich von Wück? Ich finde ihn sehr schlecht. Er lässt seinen besten ZM als linken Mittelfeldspieler spielen. Extrem langweilige 4-4-2/4-2-3-1 Formation mit ziemlich laschen Pressing.

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FB 14. Mai 2015 um 14:48

CE meine ich natürlich.

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CE 14. Mai 2015 um 19:39

Ja. Langweiliges System und merkwürdige Personalwahl. Nahezu keine richtigen Optionen für die Außenverteidigung, außer Akyol. Busam ist nur eine halbherzige Lösung. Dafür wird links ein Karakas verschwendet. Schmidt brilliert bei Bremen eher als Long-Ball-CM und wird unter Wück als 10er aufgeboten. Und so weiter…

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Schorsch 14. Mai 2015 um 21:46

Ich weiß es nicht, aber kann es sein, dass die anderen U-Mannschaften dasgleiche System spielen? 4-2-3-1/4-4-2? Als Hansi Flick seine neue Position als Sportdirektor übernahm, wurde vom DFB als eine seiner Hauptaufgaben die Ausarbeitung einer ‚einheitlichen Spielphilosophie‘ benannt. Das könnte ja u.a. auch das Spielen desgleichen Systems in allen Auswahlmannschaften des Juniorenbereichs beinhalten.

Ich kann mich an ein Interview mit Robin Dutt zu Beginn seines Intermezzos als DFB-Sportdirektor erinnern. Da ging es u.a. um das Thema, dass es einen Mangel an guten deutschen Nachwuchspielern auf bestimmten Positionen gäbe, u.a. im zentralen Sturm. Dutt meinte daraufhin er habe die Idee eingebracht, dass man in allen U-Auswahlmannschaften auf ein 4-4-2 setzen könne, da bei einem 4-2-3-1 immer nur eine Stürmerposition besetzt würde. So viel Zeit zur Umsetzung dieser Idee hatte er sich ja nicht gegeben…

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CE 15. Mai 2015 um 13:32

Ja, sicherlich wird bei den U-Mannschaften nahezu durchweg auf ein 4-2-3-1 als Grundformation gesetzt. Konkrete Umsetzungen im makrotaktischen Bereich sind aber doch von Trainer zu Trainer etwas unterschiedlich, während sich ähnliche individual- und gruppentaktische Elemente im gesamten DFB-Zirkel genauso wie bei vielen DFB-Lehrgangsabsolventen der letzten Jahre erkennen lassen.

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Schorsch 15. Mai 2015 um 17:28

Ich bin sehr gespannt, wie es diesbezüglich beim DFB weitergehen wird und was Hansi Flick konzeptionell ändert/optimiert/neu einführt. Personell hat sich zu Beginn dieser Saison ja bereits einiges getan. Mit André Schubert für die U 15, Meikel Schönweitz für die U 16 und Guido Streichsbier für die U 18 sind gleich 3 neue Trainer im Nachwuchsbereich eingestellt worden, die auch altersgruppenspezifische Erfahrungen mitbringen. Flick sprach von ‚frischem Wind‘, der in den Nachwuchsbereich durch diese neuen Trainer hineingebracht werden soll.


Flo 12. Mai 2015 um 19:47

Danke für die Analyse! Der Spieler fiel mir in den Winter-Testspielen der Profis dadurch auf, dass er nicht negativ auffiel. Das will in dem Alter ja was heißen, kann aber auch an meinem ungeschulten Auge gelegen haben.
Nach der Lektüre des Artikel stellen sich mir zwei Fragen.
1. Seine Durchsetzungsfähigkeit wird sehr betont, besteht hier die Gefahr, dass er diese aufgrund physischer Vorteile gegenüber anderen Jugendspielern besitzt und sie somit im Profibereich verloren geht? Das ist natürlich das klassische Problem bei der Analyse junger Spieler, aber das kannst du wahrscheinlich ganz gut einschätzen.
2. Wenn ihm die spielmachenden Elemente fehlen, wird er dann auch so einer wie fast alle Spieler der aktuellen Mannschaft, die zwar individuell durchaus was drauf haben, aber das Spiel nicht so lenken können, dass man das sieht, wenn es beim Rest des Teams mal nicht so läuft?

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CE 13. Mai 2015 um 17:34

Ich denke nicht, dass seine physische Präsenz abhanden kommt, sollte er in den Herrenfußball aufsteigen. Er ist nicht größer als die anderen Spieler – ganz im Gegenteil -, sondern lebt vor allem von Schnelligkeit und Dynamik. Und die Eindrücke beim Wintertrainingslager von Klopps Team bestätigten diese Annahme eigentlich auch. Die zweite Frage kann ich im Moment nur bejahen, aber da besteht noch Entwicklungspotenzial.

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mk 12. Mai 2015 um 19:41

Die beängstigende Serie geht weiter! Nächstes Portrait, wieder direkt danach geknipst. Also CE, schreib die U17 zum Titel, es liegt offensichtlich in deiner Hand ;).

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JG 12. Mai 2015 um 18:36

Ich mag ja Köhlert sehr,meiner Meinung nach bereits jetzt sehr weit,hoffe ihn mal in der BL zu sehen! Hoffentlich gibt’s auch einen kleinen Artikel über ihn.

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FB 12. Mai 2015 um 17:13

Sehr schöne Analyse. Ich hoffe auf eine Analyse von Burnic, meinem Lieblingsspieler aus U17 Deutschlands.

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7000 12. Mai 2015 um 16:29

Sehr interessanter Spieler.
Wird wohl bald Piszczek ersetzen. (Ich hoffe man erkennt das er talentierter ist als ein Durm)

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Schorsch 13. Mai 2015 um 00:07

Der Junge ist 16. Er muss an den Profikader kontinuierlich, aber auch behutsam herangeführt werden, was bereits geschieht. Bis er tatsächlich ein Spieler für die Startformation sein wird, werden noch ein paar Jahre vergehen. Verschonung von schweren Verletzungen vorausgesetzt. Ob ein Durm dann noch beim BVB sein wird, weiß heute niemand. Genauso wenig kann man heute mit Bestimmtheit sagen, auf welcher Position Passlack letztlich tatsächlich reüssieren wird. Passlack ist ein Talent, das in seiner Altersklasse im Moment hervorsticht. Der Artikel beschreibt mMn sehr gut, wo bei ihm Optimierungsbedarf ist. Wie intensiv und effektiv daran gearbeitet wird dürfte wohl einer der Schlüssel dafür sein, ob Passlack in einigen Jahren tatsächlich der Spieler wird, den man sich heute in ihm erhofft.

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