Skripniks Pseudo-Raute gewinnt mit Glück und Rhythmus gegen starke Mainzer

mainz1:2werder bremen

Skripnik gewinnt in seinem ersten Spiel als Bundesligatrainer gegen Kasper Hjulmands Mainzer. Dabei zeigte er seine eigene Variante der angekündigten Raute.

Viktor Skripniks „Raute“

„Thomas Schaaf hat mir gezeigt, wie Fußball funktioniert“, so lauteten die Worte des neuen Werder-Trainers. Entsprechend seines Lehrmeisters kündigte er auch an, dass sich die Werderaner in den nächsten Wochen mit einer Raute präsentieren würden; eine Raute hat durch ihre Staffelung im 4-3-1-2 (alternativ auch im 4-1-2-1-2) unzählige Möglichkeiten den Gegner auf die Seiten zu leiten, Räume zu versperren und innerhalb der Formationen Pressingfallen zu bauen. Ausgerechnet Mainz, Werders Gegner, spielte vergangene Saison unter Thomas Tuchel eine der defensivstabilsten, pressingintensivsten und „modernsten“ Rauten der letzten Jahre. Diese wurde flexibel zu einem 4-1-3-2 oder 4-3-3(-0), verschob extrem ballorientiert und war in der eigentlichen Grundformation zentrums- und halbraumlastig, blieb dort ein klares 4-3-1-2/4-1-2-1-2. Skripniks Raute hingegen entspricht eigentlich nicht dieser Zahlenkombination; die ausnahmsweise bei der Benennung entscheidend ist.

Grundformationen

Grundformationen

Zwar hatten sie öfters 4-3-1-2-Staffelungen, insbesondere im höheren Pressing, sehr oft war es aber ein klares 4-3-2-1/4-1-2-2-1. Bartels und Obraniak spielten gemeinsam hinter di Santo, was besonders in tieferen Situationen gut zu sehen war. Hier ließen sich sowohl Bartels als auch Obraniak weit zurückfallen und unterstützten die zwei Achter und den Sechser, während di Santo vorne alleine die Tiefe gab.

Es ist gut möglich, dass Skripnik eine Mischung sucht. Im hohen Pressing kann er durch die Raute flexibel ein 4-3-3(oder 4-3-3-0) herstellen, die zwei gegnerischen Innenverteidiger, den gegnerischen Sechserraum und generell die Mitte zustellen. Im tieferen Pressing wird Obraniak von Bartels unterstützt, die beiden sichern die Rückpassoptionen und sorgen dafür, dass bei Verlagerungen zumindest ansatzweise die Mitte und Halbräume gesichert werden können, auch wenn die Breitenstaffelung bei nur zwei Leuten niemals die Flügel bei schnellen Seitenwechsel isolieren kann. Die 4-3-Formation in den ersten zweiten Linien bleibt aber bestehen.

Trotz dieser sehr gut klingenden Theorie waren die Bremer aber lange Zeit unterlegen.

Bremen spielt die Simplizität ihrer Formation aus

Von Beginn an machten die Mainzer das Spiel, brachten ein hohes Tempo in die Partie und dominierten das Geschehen. Sie spielten guten Fußball mit Kurzpässen, viel Ballbesitz, starkem Pressing und einem klaren Überschuss in puncto Torchancen. 7:2 Schüsse verbuchten die Mainzer bis zur 40. Minute; der Elfmeter und der darauffolgende Nachschuss zum Ausgleich waren die Schüsse 4 und 5. Bremen hatte aber den Vorteil, dass sie in Umschaltmomenten und auch aus dem Ballbesitz heraus vereinzelt gute Angriffe sehr simpel herausspielen konnten.

Neben der geringeren Intensität im Rückwärtspressing und daraus resultierend in der Defensivkompaktheit, was dann in der letzten Linie verienzelt Räume für Bremen eröffnete, waren es auch schlichtweg einzelne, seltene, aber gute Angriffe der Bremer, welche durch die spezielle Spielweise der Gäste ermöglicht wurde. Besonders Kroos auf der Sechs als guter und umsichtiger Ballverteiler half dabei; das zweite Tor stand dafür exemplarisch. Ein einfacher Pass von Kroos, ein simpler Lauf von di Santo gegen die Bewegung der gegnerischen Abwehr und ein letztlich herausragender Abschluss di Santos brachten die Führung. Einen Angriff über mehrere Kombinationen zu einer Großchance hatten die Werderaner auch nach ungefähr einer halben Stunde, als Obraniak nach einem Diagonallauf sehenswert mit seinem linken Fuß auf rechts im Strafraum zu di Santo passte, der querlegte und Bartels den Ball nicht erwischte.

Alles in allem waren die Bremer nicht stärker und keineswegs „stark“, aber durchaus verbessert und personell in der Rollenverteilung besser aufgestellt; Obraniak auf der Zehn, Galvez in der Innenverteidigung und Kroos auf der Sechs sorgten personell wie taktisch sofort für eine Steigerung.  Das gibt den Bremer Fans zumindest etwas Hoffnung, ebenso wie die überraschend gute Defensivleistung nach der Führung.

Umstellung nach der Führung

Bald nach dem 1:2 stellte Skripnik um und wechselte auf ein relativ simples 4-4-2/4-4-1-1 mit leicht mannorientiertem Herausrücken und Verfolgen im Mittelfeld. Dadurch blieben die Bremer chaotisch, was schon zu Beginn insbesondere im höheren Pressing nach wie vor ein Problem war, aber insgesamt besserte sich ihre Organisation. Sie wurden stabiler und verschlossen die Räume sehr gut, wodurch Mainz kaum noch zu Chancen kam. Letztlich war dies die Ursache, wieso die Bremer die Führung über die Zeit bekamen. Die letzte und erste größere taktische Umstellung Hjulmands, die Einwechslung von Mittelstürmer Sliskovic für Sechser Baumgartlinger, konterte Skripnik direkt mit der Einwechslung Lukimyas für Bartels; Lukimya pendelte zwischen Abwehr und Mittelfeld, die Flügelstürmer im 4-5-1/5-4-1 konnten flexibel herausrücken. Alles in allem ging der Sieg nicht komplett in Ordnung; ein Unentschieden wäre passender gewesen, insbesondere wegen der guten Leistung Mainz‘ zu Beginn.

Starker Mainzer Fußball zu Beginn

Wie schon erwähnt waren die Hausherren am Anfang überaus präsent, aktiv und überzeugten in jeglicher Hinsicht. Das höhere Pressing der Bremer war noch immer nicht harmonisch und gut abgestimmt, es gab ähnliche Probleme wie unter Dutt, was die Mainzer eben sehr gut bespielten. Sie nutzten die seitlichen Freiräume gut, verlagerten das Spiel intelligent mit Seitenwechseln oder Pässen von einem Halbraum zum anderen, wodurch sie sich einige Chancen entlang der Seiten herausspielen konnten.

Insbesondere Malli und Koo auf links, halblinks und im Zentrum bewegten sich sehr gut, tauschten häufig die Positionen miteinander oder überluden flexibel unterschiedliche Zonen. So ging Koo manchmal nach links oder blieb generell auf links und rückte in enge Räume ein, fungierte dort dann als Nadelspieler und generell als Kombinationsspieler in schnellen, dynamischen Aktionen. Malli über links bewegte sich ebenfalls sehr gut, unterstützte manchmal Okazaki vorne oder ließ sich vereinzelt sogar in Richtung Sechserraum zurückfallen.

Diese beiden wurden noch von den aufrückenden Außenverteidigern fokussiert, die bei Bedarf Breite gaben oder sich im Rückraum als Anspielstation anboten. Besonders Brosinski war hier auffällig, da er sich häufig für Verlagerungen im zweiten Drittel tiefer positionierte, aber auch extrem dynamisch bis zum gegnerischen Strafraum vorstoßen konnte. Okazaki bewegt sich einmal mehr horizontal und kleinräumig, baute dazu kurze Sprints in die Tiefe ein, um sich für längere Bälle und Lupfer freizulaufen oder schlichtweg die gegnerische Abwehr nach hinten zu drücken und zu beschäftigen. Jairo auf rechts unterstützte dieses Bewegungsspiel mit diagonalen Läufen von rechts aus sowie Einzelaktionen.

Zusätzlich hatten die Mainzer häufig eine enge Doppelsechsstaffelung im Aufbauspiel, was ihnen Flexibilität und ein lockendes Element einbrachte. Variabel konnte einer aus Baumgartlinger und Geis zurückfallen, abkippen, sich seitlich positionieren und Bälle verteilen. Durch die Nähe zueinander hatten sie außerdem die Möglichkeit für einfache seitliche Ablagen, erhöhte Präsenz hinter der ersten Pressinglinie der Bremer und konnten miteinander kombinieren, um sich zu befreien. Wurden sie nicht gepresst, konnten sie schnell auffächern, währenddessen den Gegner anlocken und dann einen weiträumigen Pass spielen und das Angriffsspiel über die Seiten einleiten.

Auch das Pressing im 4-2-3-1/4-4-1-1 war in der Anfangsphase gut und intensiv. Mit fortschreitender Spieldauer wurden sie aber schwächer; die Bewegungsfreudigkeit in der Spitze nahm ab, Bremen zog sich außerdem tiefer und wurde stabiler, was letztlich im Verbund mit der tiefen Spielweise gegen Ende sowie den zwei Treffern zuvor Mainz‘ Rhythmus komplett zerstörte.

Fazit

Bremen zeigte unter Skripnik keine gute, aber eine bessere Leistung als in den letzten Wochen, obgleich sich taktisch die Desorganisation und das Chaos in einigen Situationen noch nicht gebessert haben; aber die Ära Skripnik ist noch jung und wurde mit einem (glücklichen) Sieg immerhin positiv eingeleitet. Seine Mischung aus Raute und 4-1-2-2-1, welche eigentlich die bestimmende Formation war, hat in ihren Bewegungen Potenzial, ist aber zurzeit noch fragil. Mainz hingegen spielte zu Beginn sehr gut, hatte jedoch später Probleme mit dem veränderten Spielrhythmus und war dennoch ein unverdienter Verlierer.

Ohne Nahme 5. November 2014 um 14:59

Zunächst einmal Danke für die Analyse, ich bin jedoch etwas irritiert und störe mich sehr an der diesem mehrfachen Hinweis auf den „(glücklichen)“ oder „unverdienten“ Sieg. Unter Dutt wurde immer von unverdienten Niederlagen gesprochen, unter Skripnik jetzt von unverdienten Siegen.

Natürlich sehe ich auch, dass Mainz in den ersten zwanzig Minuten ein Feuerwerk abgebrannt hat. Sie hätten durchaus 3:0 führen können. Aber Werder hat mehr Zweikämpfe (52%) gewonnen und mit über 40% Ballbesitz und 3km mehr gelaufen, durchaus etwas zu bieten für eine Auswärtsmannschaft.

Dazu wurde ihnen noch ein glasklarer Elfmeter verwärt. Mich hat Mainz nach Ablauf der ersten zwanzig Minuten nicht mehr sehr überzeugt. Werder hat in Anbetracht der Umstände das erste mal seit langem befriedigend gespielt. Deshalb verstehe ich nicht, was daran unverdient sein soll. Klar gehört Glück dazu, aber das ist Fußball und wenn du nicht die letzte Konsequenz hast, wenn du im Strafraum zweimal Elfmeterwürdig verteidigst geht eine Niederlage eben in Ordnung. Genau wie die Niederlagen unter Dutt bei Werder am Ende auch verdient waren, weil über 90 Minuten, trotz hervorragender Halbzeiten, eben nicht genug Substanz da war.

Dazu würde ich gerne noch auf einige wichtige Veränderungen unter Skripnik hinweisen:

Die wichtigste ist, dass endlich wieder mit einem Spielmacher gespielt wird. Vorne hat unter Dutt immer der anspielbereite Spieler gefehlt, der Bälle in der Vorwärtsbewegung halten konnte. Die wussten doch ab der Mittellinie nie wen sie anspielen konnten, wen sie suchen sollten und haben in der Vorwärtsbewegung so oft den Ball verloren, das war ja traurig.

– Clemens Fritz, hinten Rechts DER Schwachpunkt der Bremer, ist im Mittelfeld deutlich besser aufgehoben
– Galvez darf endlich in der Innenverteidigung spielen, er hat ein unglaubliches Potential dort, der nächste Sokratis!!
– Felix Kroos ist auf der 6 perfekt aufgehoben, er hat die selben Anlagen wie sein Bruder
– Junuzovic ist auf den außen am stärksten, für alles andere ist er nicht torgefährlich genug
– Fin Bartels ist sehr torgefährlich, hat einen guten Abschluss, ist im Sturm für mich DIE Entdeckung, da er anders als Pertersen auch viel mehr auf Spiel im Mittelfeld teilnimmt und weniger auf Spielzüge über die außen angewiesen ist.
– Makiadi und Elia waren unter Dutt immer fremdkörper im Spiel, sind zurecht draußen

Ich bin in Bremen sehr eng am Verein dran. Witzerweise hat Skripnik alle Veränderungen eingeführt, welche die Fans seit langem gefordert haben. In Bremen hat lange vor Skripnik ein Konsens existiert, wie Werder eigentlich spielen sollte. Werder hat in einem andere Takt getickt als Dutt. Und Skripnik tickt im Werder takt, es passt einfach. Ich glaube der Artikel unterschätzt diese ganzen Veränderungen und würdigt die Leistung von Skripnik nicht genug, für mich war der Sieg verdient.

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Koom 6. November 2014 um 15:39

Vorweg, bin Mainz-Fan, meine Meinung also sicherlich auch getrübt. 😉

Der Spielverlauf war für Werder immens glücklich. Der Elfmeter brachte ein Momentum mit, wodurch man merkte, dass vielleicht heute mal was geht, bei den Mainzern das Gegenteil. Generell hat man sich den Sieg aber wohl schon verdient gehabt. Ätzend fand ich persönlich, dass seitens Werder dann berechenbar oft der sterbende Schwan vorne gesucht wurde (allen voran Bartels), zudem das Zeitspiel extrem früh begonnen wurde.

Nichtsdestrotz sah es aber seitens Werder wieder „griffiger“ aus als zuletzt mit Dutt. Auch und gerade das Leute mal dort spielen durften, wo sie eigentlich hingehören, machte da schon viel aus, es wirkte nicht mehr so zusammengestückelt. Klassenerhalt dürfte so drin sein, viel mehr aber auch nicht. Da wurde über die Jahre einfach sehr schlecht eingekauft in Bremen.

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Jo 6. November 2014 um 18:45

„oft der sterbende Schwan vorne gesucht wurde (allen voran Bartels)“
-> das kann ich nun wirklich nicht teilen, sicher beim ersten Elfmeter nimmt Bartels die Gelegenheit gerne an (wobei bei dem Tempo sicherlich auch eine kleine Berührung zum Fallen reicht), aber die Szene in der zweiten Halbzeit als er stark Elfmeterwürdig gefoult wurde steht dann dagegen. Und wenn du Bartels den sterbenden Schwan unterstellst, dann schau dir mal bitte an wie theatralisch andere Bundesligakicker fallen! Das finde ich wirklich ein ungerechtes Urteil…

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Koom 6. November 2014 um 22:48

Oja, im Vergleich zu so manch anderem ist das, was Bartels da so gemacht hat, recht harmlos.

Ansonsten: Wie gesagt, bin 05-Fan, möchte da also die Anti-Brille nicht leugnen. 😉

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Jo 1. November 2014 um 18:44

Vielen Dank für die schnelle Analyse RM!
Ich würde zustimmen, dass wohl ein Unentschieden am fairsten gewesen wäre. Was mich interessieren würde, ob sich schon in diesem Spiel Unterschiede in der Defensiveinstellung von Skripnik im Vergleich zu Dutt zeigen? Insgesamt erschien mir die Hintermannschaft in der ersten Hälfte immer noch stabiler als unter Dutt. Das Werder so oft in Bedrängnis kam lag aus meiner Sicht aus den ständigen und teilweise überhasteten Ballverlusten im Vorwärtsgang.
Und inwiefern ist Kroos auf der 6 eine gute Option? Sicher, er hat Di Santos Tor eingeleitet und ist zumindest mir jetzt nicht direkt negativ aufgefallen in seiner Defensivarbeit in dem Spiel. Aber bei Spielverlagerung liest man ja immer mal wieder (zurecht), dass Werder eigentlich keinen vernünftigen Spieler auf der 6er-Position hat.

Insgesamt kann man als Werder-Fan mit dem Ausgang des Spiels wohl ziemlich zufrieden sein, aber ein bisschen Erleichterung darf ja auch mal sein…

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