Luiz Gustavo und de Bruyne führen Wolfsburg zum Sieg

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Die Ausrichtung des Wolfsburger Mittelfelds zeigt Verbesserungen im Offensivspiel. Überhaupt lieferte die Partie einige generelle Erkenntnisse. So wurden in manchen Phasen die typischen Mannorientierungen abgeschwächt. Trotz zwischenzeitlicher 4:1-Führung war es aufgrund des starken Gegners lange Zeit eine knappe Angelegenheit.

krasnodar-wob-2014Mit dem erst 2008 gegründeten FK Krasnodar traf der VfL Wolfsburg nicht nur auf einen formal interessanten Klub – auch die taktische Anlage des Teams von Oleg Kanonov (so die UEFA-Schreibweise) wusste zu gefallen. Aus ihrem 4-3-3 heraus gab es immer wieder gewisse Umformungen, die durch verschiedenartige Bewegungen der nominellen Achter auf den Flügel bedingt waren. Dies konnte sich beispielsweise in raumöffnenden Rochaden im Offensivspiel oder durch asymmetrische 4-4-2-hafte Defensivformationen im Pressing ausdrücken. Auffällig waren zudem die engagierten Versuche, durch lokale Ballungen enge Verbindungen zum Zusammenspiel zu entwickeln. So zogen sich die Offensivakteure immer wieder in einem bestimmten Raum zusammen – anfangs noch oft halbrechts, später dann flexibler wechselnd in verschiedensten Zonen, aber stets mit einer in der Anlage durchaus beeindruckenden Konsequenz. Auch im Konterspiel waren diese Positionierungen sehr gefährlich, da sich die nominellen Außenstürmer oft wie Zehner verhielten und mit dem weiterleitenden Ari das Zentrum attackieren konnten.

Wolfsburger Defensivvarianten

Gegen diese Spielweise versuchte es Dieter Hecking mit einer etwas abgewandelten Defensivausrichtung. Im Grunde genommen gab es quasi zwei Varianten für die Arbeit gegen den Ball, die aus der 4-4-1-1-Grundformation heraus miteinander abwechselten. Während die eher passive Ausrichtung der vordersten Linie, die Mannorientierung de Bruynes gegen Gazinsky und das flexibel ballnahe Herausrücken eines Sechsers feststehende Elemente im System waren, variierte die genaue Orientierung der defensiven Akteure.

In manchen Phasen gab es in fast sämtlichen Positionen die für Hecking typischen Mannorientierungen zu sehen, die gerade die Abwehrreihe betrafen, wo die ausweichenden Bewegungen von Ari und das Einrücken der Flügelspieler weit verfolgt wurden. Auch in der Mittelfeldlinie gab es solche Zuordnungen für die grundsätzliche Orientierung. Mit ihrer beweglichen Spielweise zog Krasnodar die Wolfsburger Kette dadurch einige Male aus der Ordnung und wusste über die gegenseitigen Rochaden zwischen Außen und Achtern für Unruhe zu sorgen. Gerade Aris weiträumiges Ausweichen versuchten die Russen in diesem Zusammenhang zu fokussieren. Entstehende Lücken wurden aber nicht ganz konstant von nachrückenden Läufen attackiert – die gelegentlichen Vertikalvorstöße aus dem Mittelfeld, teilweise gar in jedoch nicht durchschlagender Form von Gazinsky, wirkten dann aber sofort gefährlich.

Die zweite mögliche Interpretation des Defensivkonzepts kam bei den Wolfsburgern in anderen Phasen zum Tragen, in denen sie ihre Mannorientierungen deutlich zurückfuhren. So konzentrierten sich die Sechser auf den Kontakt zu ihren zentralen Grundräumen und vor allem die Viererkette blieb in diesen Situationen deutlich näher beisammen. In fast untypischem Ausmaß versuchte sie sehr klar die letzte Linie als Einheit zu halten. Dies dürfte eine Reaktion auf die Spielweise des Gegners und dessen gefährliches Attackieren der Mannorientierungen insbesondere durch die Rolle Aris gewesen sein, könnte jedoch ebenfalls auf Entwicklungstendenzen in Richtung erhöhtem Variantenreichtum hindeuten. Die vereinzelten Szenen starken lokalen Zusammenziehens am Ball mit recht gut getimtem Einrücken des ballfernen Flügelspielers in den Halbraum wären möglicherweise ein weiteres Indiz für diese Vermutung. Insgesamt hätten solche Wechsel – in noch abgestimmterer und bewussterer Ausführung – das Potential für bessere Rhythmusgabe im Defensivspiel und um die gegnerischen Angriffsmuster immer mal wieder vor neue Strukturen zu stellen.

Krasnodar will kombinieren

Diesmal fehlte den Niedersachsen in diesen Phasen systematisch zurückgefahrener Mannorientierung in der umfassenden Komplettheit noch jene letzte Abstimmung. So zeigte sich das situative Herausrücken einzelner Akteure durchwachsen, weshalb Laborde und Mamaev einige Freiheiten in den Halbräumen genossen. Auch die Rückzugsbewegung der Sechser gestaltete sich noch nicht optimal, so dass Krasnodar nach Ablagen einige gefährliche Abschlüsse aus dem Rücken von Guilavogui und Luiz Gustavo verbuchte, die dagegen nicht mehr rechtzeitig zurückrücken konnten. Mit ihrer kombinativen und lokal ballenden Spielweise gelang es den Russen insgesamt, auch gegen diese Defensivanlage der Wolfsburger ihre Chancen zu erspielen. Dies lag vor allem auch an der Qualität des Teams – nicht jeder Gegner hätte den VfL so bespielen können. Allerdings war es trotz ständiger Gefahr keine Abfolge mehrerer Riesenmöglichkeiten für die Hausherren, da sie sich teilweise auch ein wenig selbst schwächten.

Strukturell hatte die Mannschaft immer wieder herausragende Ansätze, spielte diese aber häufig nicht gut aus – die Optionen waren da, wurden aber nicht konsequent, sondern nur inkonstant oder etwas willkürlich genutzt. Durch etwas zu voreilige Ausrichtung oder Probleme in der Entscheidungsfindung versandeten eine Reihe vielversprechender Versuche.  Sie hatten gewisse Probleme im Rhythmus ihrer Aktionen und schwankten zwischen zu unbewussten und zu überengagierten, dann unklaren Phasen. Beim Anstoßen der letztendlichen Abläufe agierten sie vor der Pause teilweise etwas undynamisch und ungerichtet. In diesem Zusammenhang wurde der Fokus auf Ari manchmal zu groß, der nach seinen Ausweichbewegungen in torferneren Positionen zu häufig in primär spielmachende Rollen gedrängt wurde. So kamen gewisse Probleme in Sachen strategischer Ausrichtung und Klarheit zum Ausdruck, wohingegen seine herausragenden Fähigkeiten in Sachen dynamischer Ballsicherung und vor allem Weiterleitungen weniger eingebunden werden konnten.

Aufbau gegen Mannorientierungen, Offensive z.B. gegen 4-3-Stellungen

Aus ihrem 4-3-3 heraus verteidigten die Russen grundsätzlich in einer mannorientierten Ausrichtung. Dabei war häufig auffällig, wie häufig die beiden Achter gegen die in den ersten Aufbauphasen recht tiefen Wolfsburger Sechser weit in offensivpräsente Stellungen nachrückten. Dadurch war der VfL einige Male schon durchaus früh unter Druck, so dass Krasnodar über dieses viele Personal in den vorderen Bereichen immer mal wieder lange Bälle der Niedersachsen provozieren konnte. Andererseits öffnete diese Orientierung der russischen Mittelfeldakteure allerdings auch Räume im zweiten Drittel. Mit mittellangen Pässen wusste Wolfsburg einige Male die seitlichen Ausweichräume in diesen Bereichen anzusteuern, die offen waren und wohin das Mittelfeld nur sehr langsam verschieben konnte. Oft rückten Jung und der insgesamt starke Schäfer sehr weit auf, ließen sich dann kurz wieder zurückfallen und erhielten das Zuspiel – oder sie hatten ohnehin mehr Zeit, wenn ihre direkten Gegenspieler absichernd etwas eingerückt waren. Ähnliche Bewegungsmuster zeigten Caligiuri und vor allem Perisic vor ihnen, die in diesen Szenen gerne kurz einrückten und dann sich wieder in die von ihnen selbst geschaffenen Freiräumen am Flügel für Weiterleitungen anboten. Manchmal ließ sich der VfL dadurch zu sehr zur Seite drängen, doch einige Male gelang es auch, dass die Außenspieler entweder direkte Diagonaldribblings starten konnten oder man auf die nachrückenden Sechser zurücklegte. Diese waren in der Dynamik der Angriffe von den nach hinten rückenden Achtern Krasnodars freigekommen und konnten nun eine bessere Ballzirkulation in hohen Zonen, im zweiten Drittel aufbauen.

Gerade wenn Krasnodar 4-4-2-hafter verteidigte, gab es hier einige Lücken zwischen Mittelfeldband und Sturm. Überhaupt waren die vertikalen Abstände in der Rückzugsbewegung nicht immer optimal bei den Hausherren, die in 4-3-3-hafteren Phasen oft so verfuhren, dass die Stürmer nach dem Überspielen nicht mehr ins eigene Drittel nacharbeiteten, wenngleich sie dort wie erwähnt gefährlich bei Kontern wurden. Aus ihrer über Umwege im Zentrum aufgebauten Ballzirkulation steuerte Wolfsburg somit manchmal gute Überladungen im Halbraum an, die aber zu selten wirklich konsequent ausgeführt wurden. Anfangs hatten sie ein oder zwei gute Ansätze durch Linksüberladungen, bei denen de Bruyne und der aufrückende Luiz Gustavo sehr vielversprechend die dortigen Zonen unterstützen. Anschließend sah man solche Szenen erst einmal überhaupt nicht und stattdessen dominierte die Absicherung des Brasilianers für gelegentliche Strafraumvorstöße Guilavoguis, ehe sie in den letzten etwa zehn Minuten vor der Pause wieder aufkamen. Dass Luiz Gustavo von der Strafaumkante mit einem diagonalen Pass die Einleitung auf de Bruyne vor dem 0:1 spielte, war daher kein Zufall, wenngleich die ursprünglich vorausgegangene Situation hier nicht aus einer Linksüberladung erwachsen war.

Zweite Halbzeit und Fazit

Nach der Pause gab es mehr Phasen, in denen Krasnodar ihre generellen Probleme beim Ausspielen der eigenen Ansätze – Aris ambivalente Einbindung blieb jedoch unverändert – besser in den Griff bekam. Somit gelangen ihnen nun auch zwei Treffer, die jedoch nicht zu einem Erfolg reichen sollten. Grund dafür waren die Wolfsburger Treffer, die sich mit dem schnellen 0:2 unmittelbar nach Wiederbeginn ein Polster angelegt zu haben schienen, das aber schnell durch das Anschlusstor wieder ins Wanken geriet. Die Phase vor dem letztlich vorentscheidenden 1:3 war dann die insgesamt beste dieses zweiten Durchgangs, in dem die Hecking-Elf zwischendurch immer wieder einzelne gute Szenen erzeugte. Lobenswert gestaltete sich in diesem Abschnitt das Unterstützungsverhalten der Mittelfeldspieler im Halbraum, das bessere Verbindungen und Flügelunterstützung ermöglichte.

Beim Tor von Luiz Gustavo legte de Bruyne nach Zuspiel Jungs für Vierinha ab, der dann den Brasilianer bedienen konnte – wie dieser freigespielt wurde, war einer der besten Wolfsburger Spielzüge der noch jungen Saison. Bereits zuvor hatte es zwei ähnliche Szenen gegeben, in denen jeweils einer der beiden Sechser für eine solche Ablage zuständig gewesen war. Diese unterstützenden Aktionen belebten das Wolfsburger Offensivspiel sichtlich, das zuletzt eben genau durch deren verändertes Bewegungsspiel und diese Tendenzen bereits erste Anzeichen von Verbesserungen aufwies. In dieser Partie setzte sich der Trend insgesamt durchaus fort und unterstrich beim 1:3 direkt seine Effektivität. So dürfen die Niedersachsen am Ende gerade aus dieser Phase positive Erkenntnisse und Hoffnung für die kommenden Aufgaben mitnehmen.

Anschließend erhöhte de Bruyne nach einem – mal gut ausgespielten – Konter gar auf 1:4. Während Wolfsburg diese Führung verwaltete und die Spannung langsam entweichen zu schien, spielte Krasnodar immer noch munter weiter und versuchte sich fast ignorant, aber in einer seltsamen Mischung dabei manchmal nicht zielstrebig genug, durchzuspielen – erneut, erneut, erneut. In ihren besten Phasen sah dies sehr ansehnlich aus und führte auch zu mehreren gefährlichen Szenen nach diesem Kombinationen. Zusätzlich spielte der eingewechselte Wanderson einige Male gut mit, erzielte das 2:4 und hätte fast noch einen Treffer aufgelegt. Aus dieser offensiven Sicht – mit den vom Ansatz her extrem konsequent intendierten Ballungen und teilweise Kombinationen – kann man Hecking also durchaus zustimmen, wenn er Krasnodar als den unangenehmsten Gruppengegner einschätzt. In  zwei Wochen darf man wohl wieder ein interessantes Aufeinandertreffen der Teams erwarten.

PH 25. Oktober 2014 um 16:02

Vielen Dank für Deine Analyse.
Auch wenn Eure VfL-Artikel selten kommentiert werden, lese ich jeden davon und ich mache auch Werbung im größten Wolfsburger Fan-Blog wolfs-blog.de für Euch.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Du weiterhin die Entwicklung meines Vereins verfolgen und darüber berichten würdest (auch wenn wir VfL-Fans wenig kommentieren, so lesen hier viele Interessierte mit und zitieren Eure Analysen).

Also bitte, bitte weiter so 🙂

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king_cesc 26. Oktober 2014 um 09:30

Das Problem an den Wolfsburg analysen ist meiner Meinung nach, dass ich einfach nichts dazukommentieren kann 🙂 Die Analyse zeigt alle Einstellungen und Veränderungen Heckings auf. Der ist halt auch kein Typ über den man viel diskutieren kann. (Obwohl ja viele Wolfsburg-Fans anderer Meinung sind 😀 )

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