Spektakel und Wahnsinn mit einfachen Erklärungen: Pressingmaschine gegen Veh-Chaos

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Eine wechselhafte Partie endet mit einem fulminanten Unentschieden. Roger Schmidts Himmelsstürmer stürzen in der zweiten Halbzeit ab. Eine kurze Betrachtung eines spektakulären und in seinem Spektakel simplen Spiels.

Veh kontert strukturiertes Chaos mit unstrukturiertem Chaos

Die Stuttgarter starteten in einem 4-3-2-1, in welchem sie mit einer sehr chaotischen Besetzung der Mitte agierten. Diese Spielweise gab es unter Armin Veh bei Stuttgart schon häufiger in dieser Saison zu beobachten; in diesem Spiel wirkte es fast, als ob Veh sich in der Analyse überlegt hatte, dass man das zentrumsorientierte Chaos der Leverkusener in der Offensive mit zentrumsorientiertem Chaos in der eigenen Defensive kontern könnte. Stattdessen gab es zahlreiche Probleme, welche für eine enorme Unterlegenheit in der ersten Halbzeit sorgten.

Die Grundformationen

Die Grundformationen

Einerseits ist natürlich wichtig, dass Leverkusens Chaos strukturiert ist: Wann weichen die Mittelstürmer aus, wie weit rücken die Flügelstürmer ein und wie bewegen sich die Außenverteidiger? Das ist aufeinander abgestimmt und durch den einheitlichen, monotonen Rhythmus auch in der Dynamik strukturiert. Anderseits passten bei Stuttgart die Abstände und Bewegungen nicht. Die Dreierreihe im Mittelfeld zog sich ballorientiert häufig dynamisch zusammen, war aber schlichtwenig nicht so dynamisch wie die überfallartigen Bewegungen und schnellen Kombinationen der Leverkusener.

Anstatt durch die Verdichtung der Mitte Zugriff zu erzeugen, wurde diese Verdichtung schlichtweg egalisiert und überspielt, die Ballorientierung Stuttgarts öffnete die Halbräume und von Linienspiel im Mittelfeld war wenig zu sehen. Offensiv stimmten die Abstände ebenso wenig: In eigenem Ballbesitz fiel das Ziel der Zonenspiegelung auf die Stuttgarter negativ zurück. Sie konnten kaum Angriffe aufbauen, gerieten sofort in den Pressingstrudel der Leverkusener und einzig die langen Bälle von der Abwehr in den Sturm sorgten für Raumgewinn und einzelne Halbchancen. Besonders katastrophal war aber die Bewegung der Spieler innerhalb der Formation.

Von Freilaufen, Aktivität und intelligentem Bewegungsspiel fehlte jegliche Spur, wodurch sie eben kaum Angriffe durchbringen konnten. Diese sehr schwachen Offensivstaffelungen fanden ihren Höhepunkt in einer Szene für mich, wo Stuttgart komplett statisch in einem keineswegs breiten, dafür aber komplett bewegungslosen 5-2-1-2 (und die Außenverteidiger standen mehr oder weniger in einer Linie mit den drei zentralen Akteuren) aufbauen wollte; aka unkollektivstes Abkippen jemals.

Leverkusen spielte ihre übliche Mischung aus 4-4-2, 4-2-2-2 und asymmetrischem 4-3-3, in welchem sie einen abermals extremen Fokus auf den Ball im Verschieben hatten. Sie rückten aggressiv auf den Ball, verließen bei Zugriffsmöglichkeit ihre jeweilige Position auch weiträumig und öffneten dadurch häufig große Räume, die entweder wegen Abseits, Fehlern des Gegners unter Druck oder die enorme Massierung von Deckungsschatten um den Ballführenden herum nicht bespielt werden konnten.

Dadurch erzeugten sie einmal mehr enormen Druck, waren klar überlegen und konnten sich mit Kontern oder Schnellangriffen mehrere hochprozentige Chancen herausspielen. Zur Halbzeit stand es 3:0 für Leverkusen, sie waren drückend überlegen und sogar die Stuttgarter Fans wandten sich von ihrer Mannschaft ab. Was sollte schon noch schiefgehen?

Taktikpsychologie, Rhythmus und Aktivität

Tja, was sollte schon schiefgehen? Eigentlich nichts, möchte man meinen. Und nach dem Spiel fragt man sich: Tja, was ist denn eigentlich schief gegangen? Eigentlich nichts, möchte man meinen. Fakt ist aber, dass hier viele Aspekte zusammentrafen und sich veränderten. Natürlich stellte Armin Veh um: Hlousek, Maxim und Kostic kamen im Laufe der zweiten Halbzeit für Rüdiger, Leitner und Werner, sollten Frische und leicht veränderte Bewegungsmuster bringen. Dennoch erklären taktische Umstellungen nicht, wieso die Leverkusener ihr Spiel nicht mehr umsetzen konnten. Eine Vorgabe von Schmidt sich zurückzuziehen oder weniger koordiniert und weniger harmonisch zu pressen oder ähnliches gab es nämlich sicherlich nicht.

Es lag vermutlich an mehreren Faktoren. Neben Stuttgarts taktischem und physisch verändertem Auftreten hatte Leverkusen nicht mehr die gleiche Intensität und einen weniger einheitlichen Rhythmus. In einzelnen Szenen gab es zum Beispiel die dynamischen sofortigen Läufe im Umschaltspiel nicht direkt, sondern einen Schritt später oder gar nicht; viele versuchte Passkombinationen endeten dann in dem gleichen Chaos, indem sie zu Beginn entstanden waren. Auch gegen den Ball waren die Abstände nicht mehr so passend, weil schlichtweg beim Stand von 3:0 und mit der physischen Ermüdung in Kopf und Bein nicht alle im gleichen Rhythmus miteinander agierten. Dadurch war die Intensität nicht unbedingt geringer, aber fehlgeleitet.

Die offenen Räume bei Leverkusen konnten dann nicht mehr quasi von der Dynamik und dem Druck versperrt werden, die langen Bälle Stuttgarts kamen plötzlich häufiger an und Leverkusens Konter funktionierten nicht. Passend dazu sprechen auch die Statistiken eine deutliche Sprache: Vier der sechs Torschüsse hatte Leverkusen in der ersten Halbzeit, sechs von sechs Torschüssen hatte Stuttgart in der zweiten Halbzeit. Und unüblich für eine Partie von Bayer Leverkusen waren es die Leverkusener, welche die schlechteste Passquote in einer der zwei Halbzeiten besaßen: In der zweiten Hälfte hatte Leverkusen unter eine Passquote von unter 60%; ein Indiz für den verwaschenen Rhythmus und die abgenommene Einheitlichkeit in der Bewegung.

Ohne diese Harmonie und Dynamik kam Stuttgarts Defensivpräsenz in der Mitte plötzlich doch ins Spiel, während sie offensiv ebenfalls präsenter waren und mit den schnellen Stürmern einige Male durchbrachen. Aber neben psychologischen, taktischen und physischen Aspekten darf man etwas anderes nicht vergessen: Das Glück. Aus drei Standards fielen wegen Kleinigkeiten drei Tore für Stuttgart aus keineswegs aussichtsreichen Situationen. Der Fußball ist wie das Leben: Zufällig und unfair.

NanLei 25. Oktober 2014 um 17:15

VFB Stuttgart spielt vorne hui hinten pfui
Eintracht Frankfurt schießt vier Tore Madlung Volley nach Standardsituation Ecke
Vfb Stuttgart vier plus ein Abseits Harnik und danach Harnik
simon Werner solo über links in die lange rechte Ecke geschoben vorbei am Torwart
Gentner nach Standardsituatuion Freistoss
Frankfurt schießt vier Tore zuhause
kassiert vier und eins sind dann fünf

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farnold 26. Oktober 2014 um 15:13

Und was willst du uns damit jetzt sagen?

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triangolum 19. Oktober 2014 um 21:39

Es erklärt sich ganz leicht. Durch den fehlenden Druck auf die 4er Abwehrkette von Stuttgart konnte der VfB sein Aufbauspiel sicherer machen und damit auch Stabilität finden und zudem war diese demoralisierende Wirkung weg. Leverkusen hat ein System was nur greift wenn es von vorne weg Aggressiv im Aktivem wie im hinteren Bereich passiven aber konsequenten Pressing gespielt wird. Da jedoch vorne durch die Wechsel der Druck weg war auf den Ball und zudem die Wechsel nicht Positionstreu sondern einer kleinen Umstellung gleich kamen war der Zugriff auf den Ball verloren. Das ermöglichte es den Stuttgartern immer sicherer und auch mit spürbarer Befreiung zu spielen. Es lässt sich oft eine Art Anti Wirkung bei den Gegnern von Leverkusen feststellen wenn diese erst demoralisiert vernichtet sind und dann spüren das auf einmal Freiheiten da sind um es dann so richtig zu wollen. Eine Art Rache oder Jetzt erst Recht Motivation kommt dann immer auf. Zu sehen in den letzten Spielen von Leverkusen. Wenn zudem der Zugriff vorne weg ist aber das System nicht umgestellt wird so steht Leverkusen trotzdem weiterhin sehr hoch und die Räume welche durch die Passive Raumdeckung immer noch da sind erweisen sich nun als große Schwäche im System. Dann wenn wie Stuttgart der Ball sehr schnell durch die Mitte nach Außen getragen wird läuft die Überlagerung und Aggressive Pressing von Leverkusen ins leere. Die 6er können dann den Gegner nicht mehr schnell genug stellen und nach „hinten“ hatte der VfB freie Anspielstationen welche genutzt und von da schnell wieder nach vorne spielten. Das erklärt sofort auch die Problematik wieso die Leverkusener Abwehrspieler so stark unter Druck kamen. Durch das weiterhin hohe stehen des ganzen Teams ist es zwangsläufig das Stuttgart meist in Überzahl gegen die 4er Kette laufen konnte. Es blieben dann nur taktische Fouls was zu Freistößen aus gefährlichen Räumen führten. Übrigens ein mittel welches bereits Kopenhagen nicht nur nutzte sondern auch genau so wollte und alle weiteren Gegner das auch teils nutzen wollten und auch machten.

Roger Schmidt ließ sein Team also weiter sein System spielen ohne eine Umstellung vorzunehmen trotzdem er nicht Positionstreu gewechselt hatte was zur Folge hatte den Druck auf den Ball und dem VfB Aufbauspiel sofort zu verlieren.
Gegen Paderborn versuchte es Schmidt mit Positionstreuen Wechseln und ging auch beinah unter. Diesmal versuchte er es mit Wechseln welche die Defensive stärken sollten. Was jedoch auch nicht klappen konnte da wie oben schon geschrieben vorne bereits das System versagte und damit der VfB offene Räume schnell und meist in Überzahl anspielen konnte.

Kurz: Leverkusen verlor weil der Druck auf das Aufbauspiel von Stuttgart einstellte und dies führte zu einer Trotzreaktion mit hoher Motivation seitens Stuttgart was zudem viele offene Räume in Überzahl hatte und Leverkusen selbst hinten in Unterzahl kam was eine weitere Reaktion, die der Panik und Hilflosigkeit auslöste. Wer spürt das ein System keinen zugriff mehr auf das Spiel hat und kein anderes im Training eingeübt hat auf dem man im Spiel wechseln kann was mehr Stabilität in solchen Phasen geben kann verliert genau so die Kontrolle und eigentlich auch das Spiel.

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VfBürger 19. Oktober 2014 um 19:02

Könntet Ihr bitte auf Eurer Seite das VfB-Wappen ändern? Seit dieser Saison hat der VfB wieder das „alte“ Wappen… Danke“

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sofalaie 19. Oktober 2014 um 18:06

Mir fehlt zur zweiten Hälfte die veränderte Staffelung auf zweite Bälle bei Stuttgart, wo sie mehr über die Mitte gekommen und dann über die Räume neben der Doppelsechs aufgerückt sind.

Ansonsten find ich die Kritik am VfB ein bisschen zu hart. Mit dem 4-3-2-1 wollte Veh einen Spieler mehr für Konter vorne haben, aber geschenkt kriegt man den eben auch nicht. Katastrophale Bewegungen hab ich auch nicht gesehen. Es ging Stuttgart doch vor allem um zweite Bälle und da fand ich die Positionierungen in Ordnung.

Wenn die Szene, die du beschreibst die selbe ist, die ich im Kopf hab, dann entstand diese Aufbau-Fünferkette doch nur, weil jemand von Leverkusen auf dem Boden lag und alle darauf gewartet haben, dass der Ball ins Aus gespielt wird; der Spieler ist dann aufgestanden und es ging mit sinnvoller Offensivformation weiter.

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HW 19. Oktober 2014 um 16:04

Strukturiertes Chaos, ist so was möglich?

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Jo 19. Oktober 2014 um 13:08

ich sehe die analyse ähnlich. das fazit ist für mich aber grundlegend falsch. leverkusen spielt sich größte chancen heraus, nutzt diese aber nicht. dafür schießt man 3 tore aus situationen die maßgeblich vom glück beeinflußt worden sind! und trotz höchster überlegenheit hat man schon in der ersten hz glück, dass der vfb nicht 2 oder 3 tore schießt, da man bei standards teilweise vogelwild „verteidigt“ hat. stuttgart hatte in der 2. hz noch 3-4 weitere dicke chance und das glück bestand darin, dass leverkusen 1-2 gänge rausgenommen hat und dann nicht mehr umschalten konnte.

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HW 19. Oktober 2014 um 16:22

Ich habe das Spiel nicht ganz gesehen, aber das Fazit im Artikel ist für mich enttäuschend. Es ist ein Achselzucken. Vielleicht ein Achselzucken, dass man von den Leverkusen am Ende gesehen hat? Klar gibt es die berühmten 50:50 Situationen, die gegen dich laufen. Aber es klingt schon ein wenig an, dass Leverkusen vielleicht das letzte Prozent Einsatz oder Konzentration mit der hohen Führung hat vermissen lassen. Ob oder warum das so war kann ich nicht beantworten. Auch Stuttgart muss etwas verändert haben, wenn plötzlich der defensive Zugriff funktionierte. Wenn es etwas plötzlich oder unerwartet passiert, dann überrascht es meistens nur aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit („Das Auto vor mir hat plötzlich gebremst, Herr Wachtmeister“). Hätte mich zumindest interessiert wie Stuttgarts Defensivkonzept dann aussah als es funktionierte.

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RM 19. Oktober 2014 um 23:21

Weil keine klare taktische Veränderung im Defensivkonzept erkennbar war, war ich dementsprechend enttäuscht von der Auswirkung und dies äußerte sich im Fazit. Taktikartikelpsychologie oder sowas.

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HW 20. Oktober 2014 um 09:08

Ich hake das Spiel mal unter taktisch und strategisch enttäuschend ab. Durch die sechs Tore war’s wohl trotzdem recht ansehnlich.

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Nils 19. Oktober 2014 um 11:52

Sehr gute taktische Analyse mit dem nötigen psychologischen unf physiologischen Input. Sehr gut, dass du das (Fehl-) Verhalten der Leverkusener in der 2. Halbzeiten genauer analysierst, sowohl offensiv als auch defensiv, unter Betrachtung der Wechselwirkung mit den Veränderungen Stuttgarts, aber auch der Tatsache, dass die Tore aus Standardsituationen und somit speziellen Momenten des Spiels entsprangen. Der mentale Leistungseinbruch von Leverkusen in Halbzeit 2 ist ein deutlicher Beleg, dass sich die junge und neu zusammengestellte Mannschaft (+neuer Trainer mit neuer Philosophie) noch mitten im Entwicklungsprozess befindet, individuelle Qualität hin oder her. Ich bin gespannt, wie schnell Leverkusen aus den Fehlern lernt und sich in den nächsten Wochen stabilisiert.

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