WM Kompakt

Da einige Partien vom letzten Gruppenspieltag dieser WM bisher nicht analysiert wurden, folgt eine Kurzzusammenfassung.

Australien – Spanien 0:3

Für beide Mannschaften ging es nur noch um die Ehre. Vor allem die Spanier wollten sich unbedingt mit einem Erfolgserlebnis verabschieden. Vicente del Bosque änderte das System nicht und bot erneut ein 4-2-3-1 auf. Koke spielte auf der Doppelsechs neben Xabi Alonso und war der aktivere, vertikalere Part. Dafür hielt sich Alonso vermehrt zurück, sicherte ab und spielte den einen oder anderen Xabi-esquen Verlagerungsball.

2014-07-02_Australien-Spanien_GrundformationTeilweise agierte Spanien aber auch in einem 4-3-3. David Villa positionierte sich auf der linken Seite und war neben Fernando Torres für die Tiefengebung und Vertikalität im Angriffsspiel zuständig. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Spielen, wo Diego Costa oftmals auf sich allein gestellt war und damit die Offensivaktionen durch die Schnittstellen ausrechenbar wirkten, hatte del Bosques Team in dieser Partie durch Torres und Villa mehr Variabilität.

Zudem band die offensive linke Seite mit Villa und Jordi Alba die beiden Australier Ryan McGowan sowie Matthew Leckie in die Defensivarbeit ein, wodurch die Socceroos über diesen Flügel nicht derart viel Druck entwickeln konnten. So entstand sich ein gewisser Linksfokus über den aufrückenden Außenverteidiger Jason Davidson. In diesem Offensivmuster blieb sich Australien über das gesamte Turnier hinweg treu.

Andres Iniesta bot zum Abschluss der WM eine hervorragende Vorstellung. Er ging in viele Engen-Dribblings und brachte den Fokus auf sich, um dann wieder die aufrückenden Außenspieler oder die Vertikalsprinter in Szene zu setzen. Trotz des am Ende deutlichen Ergebnisses war Australien erneut stark im Angriffspressing und setzte den spanischen Aufbau unter Druck. Allerdings bekamen sie die Schnittstellen nicht immer geschlossen und im Eins-gegen-Eins gab es natürlich einige Durchbrüche für die Iberer. Ange Postecoglou kann trotzdem hochzufrieden mit seinem Team sein.

Japan – Kolumbien 1:4

60% Ballbesitz, große Spielanteile, geringe Torgefahr: Diese Partie war ein Abziehbild des japanischen Auftretens. Sie können mit ihrer technischen Klasse das Spielgerät sehr gut zirkulieren lassen, aber erreichen wenig bis gar keinen Druck in den gefährlichen Zonen am und im Strafraum. Sie agierten gegen Kolumbien erneut im gewohnten 4-2-3-1 mit Keisuke Honda als Zehner und Shinji Kagawa als linken Flügelangreifer, der aber tendenziell einrückte und Yuto Nagatomo die Seite überließ, was wiederrum Juan Cuadrado dazu „einlud“ defensiv ein Stück weit zu zocken und in die Lücken einzudringen.

2014-07-02_Japan-Kolumbien_GrundformationCuadrado war einer der wenigen Stammkräfte, die für Kolumbien aufliefen. Ansonsten setzte Jose Pékerman auf seine stark besetzte Bank. Das System der Südamerikaner war nicht ganz klar. Es wirkte wie ein 4-2-3-1 oder 4-1-4-1. Jackson Martínez übernahm, etwas überraschend, die linke Außenbahn, kippte aber trotzdem häufig ins Zentrum und damit an die Seite von Adrian Ramos. Der hochtalentierte Juan Quintero agierte seinerseits sehr flexibel als Zehner und konnte immer wieder in die Halbräume ausweichen.

Japans erster Ansatz war der Aufbau durch die zentralen Zonen und damit über die beiden Sechser. Das nächste Ziel sollte eigentlich Honda sein. Aber gegen die Einbindung des Milan-Profis sprachen mehrere Faktoren. Zum einen pressten Fredy Guarín und Quintero sehr stark und zugleich verfolgte Alexander Mejía Honda bis in die letzte Reihe hinein, wodurch Kolumbien teilweise eine Dreierkette aufbot. Die Asiaten verengten ihr Offensivspiel zunächst selbst, konnten aber gefährlich werden, wenn beide Außenverteidiger nach vorn stießen und beispielsweise Okazaki mit Diagonalpässen eingesetzt wurde. Selbst der zwischenzeitliche Ausgleich resultierte aus einem hohen Zuspiel von Honda.

Insgesamt spielte die Struktur der Partie aber Kolumbien in die Hände. Nach der Einwechslung von James Rodríguez wurde das Umschaltspiel noch präziser und Japan öffnete derweil die Räume. Sie hätten mit einem Sieg noch Chancen auf das Weiterkommen erhalten. Doch Martínez beendete mit zwei Treffern diesen Traum.

Costa Rica – England 0:0

Auch dieses Spiel war keine Offenbarung der Engländer. Es ging für die Three Lions nur noch um die Ehre. In der ersten Halbzeit war davon nicht allzu viel zu sehen. Costa Rica genügte das Unentschieden zum sicheren Gruppensieg. Sie ließen den Ball tief zirkulieren, setzten ein paar wenige Vertikalaktionen oder probierten es mit Distanzschüssen.

2014-07-02_CostaRica-England_GrundformationFormativ änderte Roy Hodgson sein Team im Vergleich zu den Niederlagen gegen Uruguay und Italien. Er setzte auf ein 4-3-3. Jack Wilshere und Ross Barkley, die Kronjuwelen im Mittelfeld, positionierten sich vor Frank Lampard bei dessen letztem WM-Auftritt. Im Zentrum herrschte vor allem im ersten Durchgang weitestgehend Neutralisation. Die beiden Pärchen Wilshere und Barkley sowie Yeltsin Tejeda und Celso Borges gönnten sich gegenseitig wenig Raum. Insgesamt war das Mittelfeldpressing auf beiden Seiten sehr ansehnlich.

England versuchte sein Glück über die linke Seite und den dynamischen Adam Lallana. Allerdings wurde Luke Shaw von Cristian Gamboa und/oder Bryan Ruiz passend unter Druck gesetzt und dadurch auch der Flügel zum großen Teil geschlossen. Gamboas Pendant Júnior Díaz entwickelte auf seiner Außenbahn Druck gegen Englands Defensive. Ihm gelangen kleinere Durchbrüche. Doch Zählbares sprang auch hier nicht raus.

Dafür öffnete Dìaz etwas die eigene Seite. James Milner hatte aber nicht die Möglichkeiten, um diese Räume profitabel zu nutzen. So wechselte dann Lallana auf diesen Flügel, da er links nicht das entsprechende Futter bekam. Das folgende Muster war recht simpel. Lange Bälle von Lampard über Halbverteidiger Roy Miller, der Geschwindigkeitsnachteile gegen Lallana aufwies. Doch die Partie blieb torlos. Auch Daniel Sturridge konnte seine Chancen nicht verwerten.

Honduras – Schweiz 0:3

Zum zweiten Mal in Folge kämpfte die Schweiz gegen Honduras um den Einzug ins Achtelfinale. Doch 2014 konnten sie sich durchsetzen und die Lateinamerikaner klar besiegen. Von Beginn an spielte Ottmar Hitzfelds Mannschaft ein hohes Angriffspressing. Sie versuchten das limitierte Aufbauspiel von Honduras unter Druck zu setzen. Die Abwehrreihe der Nati rückte nicht vollständig mit auf und konnte so die erzwungenen langen Schläge aufnehmen. In der Folge wurde Honduras des Öfteren herrausgelockt und wurde dadurch das Opfer des schnellen Vertikalspiels der Schweizer.

2014-07-02_Honduras-Schweiz_GrundformationXherdan Shaqiri agierte dabei als Zielspieler. Er war in dieser Mischung aus 4-4-1-1 und 4-2-3-1 der zentrale und zugleich aber auch horizontal pendelnde Spieler hinter Josip Drmić. Granit Xhaka agierte dafür auf der rechten Außenbahn. Shaqiri und Drmić kreierten mit großer Konstanz ein ansehnliches Kombinationsspiel. Sie kamen gut durch die Lücken, die sich in der Defensivstruktur Honduras‘ ergaben.

Nach dem ersten Treffer schalteten die Schweizer in eine tiefere und weniger intensive Staffelung. Trotz der sich ergebenen Freiräume verliefen die honduranischen Angriffe nach einem simplen, durchschaubaren Muster. Jorge Claros spielte aus dem Sechserraum heraus auf die Flügel, vor allem auf die rechte Seite. Dort hinterlief Außenverteidiger Brayan Beckeles seinen Vordermann. Mit einfachen Aktionen konnte man aber Ricardo Rodriguez keineswegs in die Bredouille bringen.

Im Gegenzug lief Honduras teilweise ins offene Messer. Shaqiri und Drmić warteten hinter den Sechsern. Eroberte Bälle spielte Gökhan Inler mit hoher Präzision in die Spitze. Obwohl die Schweiz phasenweise nur sehr geringe Ballbesitzanteile aufzuweisen hatte, konnte die Nati enorme Gefahr ausstrahlen. Der Gegner spielte Hitzfelds Mannschaft in die Karten. Mit der Hereinnahme von Linksaußen Marvin Chávez machte Honduras auf diesem Flügel mehr Betrieb. Der 30-Jährige kippte nicht ständig ins offensive Zentrum und damit in tote Räume, wie es seine Kollegen oft in der ersten Halbzeit taten. Er blieb breiter und suchte die Durchbrüche am Strafraumeck. Trotzdem blieb Honduras bis zum Ende limitiert.

Portugal – Ghana 2:1

Für beide Mannschaften zählte im Endspurt in Gruppe G nur ein Sieg und dieser am besten mit vielen eigenen Treffern. Schlussendlich lieferten sich Portugal und Ghana eine wenig intensive Partie mit vielen offenen Räumen. Ein paar Slapstick-Einlagen garnierten das Spektakel.

2014-07-02_Portugal-Ghana_GrundformationPortugal agierte trotz der Enttäuschungen aus den ersten beiden Spielen erneut im 4-3-3. Paulo Bento reagierte personell in erster Linie auf Verletzungen. Miguel Veloso spielte, wie in der zweiten Halbzeit gegen die USA, erneut auf der linken Abwehrseite. William Carvalho diente als Anker und Wellenbrecher vor der Viererkette. João Moutinho war einmal mehr der Go-to Guy im Mittelfeld der Iberer. Er wurde aber auch nicht sonderlich von den ghanaischen Gegenspielern gepresst, nachdem er noch von Michael Bradley oder dem deutschen Mittelfeld in den Begegnungen zuvor passabel isoliert wurde. Der Monaco-Profi konnte seine exzellenten Passfähigkeiten in die Waagschale werfen und beispielsweise Cristiano Ronaldo besser einbinden.

Aufgrund des mangelnden Drucks auf den Außenbahnen konnten Veloso sowie Rechtsverteidiger João Pereira unnachgiebig nachstoßen und Flanken in den Sechzehner schlagen. Ronaldo sowie Nani rückten dabei ein und erhöhten den Druck im offensiven Zentrum in der Endphase der Angriffe. Schlussendlich war es auch eine Hereingabe Velosos, die zum Eigentor von John Boye und damit zur Führung von Portugal führte. Gyan brachte Ghana nach wunderbarer Vorarbeit von Kwadwo Asamoah kurz vor der Stundenmarke wieder zurück in die Partie.

Bei den Afrikanern machte sich das Fehlen des gesperrten und mittlerweile auch suspendierten Sulley Muntari bemerkbar. Er war eine wichtige Facette im ghanaischen Mittelfeldpressing. Insgesamt war das Pressing der Black Stars phasenweise nicht vorhanden. Die Verteidigungsreihen wurden auf beiden Seiten immer lockerer, brauchten doch beide Teams noch Treffer zum Weiterkommen. Schlussendlich traf aber nur noch Ronaldo zum 2:1.

Südkorea – Belgien 0:1

Marc Wilmots nahm zahlreiche personelle Änderungen vor und schickte damit einige Reservespieler gegen Südkorea aufs Feld. Am 4-1-4-1-/4-2-3-1-Hybridsystem wurde festgehalten. Steven Defour sollte die dominante Sechserrolle ausfüllen und die wichtigen zweiten und dritten Pässe spielen. Allerdings hatte er nicht den notwendigen Zugriff in der Defensive. Zudem wirkte Belgien im Angriffsspiel über die Außen etwas verändert. Gerade Anthony Vanden Borre rückte auf dem Flügel weit auf.

2014-07-02_Südkorea-Belgien_GrundformationDie Südkoreaner wollten die belgische Ausrichtung ausnutzen und spielten aus dem Sechserraum heraus zahlreiche Vertikalpässe über die Halbräume in die Zonen hinter die gegnerischen Außenverteidiger. Spielmacher Ki verteilte die Bälle zunehmend auf die rechte Außenbahn, wodurch Jan Vertonghen auch in der Defensive gebunden war. Der Tottenham-Profi machte aber seine Seite gut zu.

Der südkoreanische Plan bestand darin, die Geschwindigkeit von Heung-Min Son und Co. einzusetzen. Doch auch der Leverkusener blieb des Öfteren hängen, wenn Vanden Borre sich in eine ordentliche Verteidigungsposition gebracht hatte. In dieser Form konnten die Asiaten die Belgier gut beschäftigen, aber hatten keinerlei Ertrag für die Anzeigetafel. So fokussierten sie mit zunehmender Spielzeit auf zentrale Zonen und lokale Kombinationen, die Durchbrüche erzeugen sollten. Die rote Karte für Defour kurz vor dem Pfiff zur Halbzeit änderte dann die ganze Dramatik der Partie.

Südkorea kam recht stürmisch aus der Kabine und rückte kollektiv weit auf. Belgien beschränkte sich auf tiefes Verteidigen im 4-4-1. Wilmots‘ Plan war simpel. Er wechselte nach und nach seine Angreifer aus, wodurch frische Kräfte die Kontergefahr aufrechthielten. Zudem ließ der Druck von Son und seinen Kollegen bald nach. Belgien agierte und reagierte exzellent, verteidigte das Strafraumzentrum souverän und traf durch Vertonghen zum Sieg.

Thomas 4. Juli 2014 um 14:04

Ich schließe mich der Danksagung an!
Vielleicht könnte man ja noch die zwei fehlenden Spiele Südkorea – Algerien und Argentinien – Iran kurz nachrreichen. Das wäre super – Danke!

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Izi 3. Juli 2014 um 23:41

Danke für die schöne Übersicht über die „fehlenden“ Spiele! Wie immer ein gelungener und äußerst lesenswerter Artikel! 🙂

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