Eintracht Braunschweig – Werder Bremen 0:1

Eintracht Braunschweig und Werder Bremen neutralisieren sich lange Zeit gegenseitig. Die Defensiven dominieren, ehe der Aufsteiger zum Ende aufdreht, Werder aber das Siegtor macht.

Nach dem Pokal-Ausscheiden in Saarbrücken schenkte Robin Dutt seinem Personal weiterhin das Vertrauen – einzig Felix Kroos spielte für Füllkrug, was eine 4-3-3/4-3-2-1-Anordnung zur Folge hatte. Ähnlich reihten sich auch die Gastgeber bei ihrer Bundesliga-Rückkehr nach fast dreißig Jahren auf, nachdem ihre Aufstellung mit dem hohen Kruppke neben Mittelstürmer Oehrl bei der Pokalpleite in Bielefeld überhaupt nicht funktioniert hatte.

braunschweig-bremenAuch hier spielten die nominellen Flügel so eng, dass die Formation der Eintracht sich meistens wie ein 4-3-2-1 darstellte. Gerade auf den jeweils halbrechts postierten Akteur – meistens war es Hochscheidt – traf dies zu, da Trainer Lieberknecht gegen den inversen Bremer Linksverteidiger Gebre Selassie ein weites Einrücken verkraften konnte.

Die Wirkung von Braunschweigs Formation

Dabei positionierten sich Hochscheidt und Kruppke recht intelligent und passten ihre Bewegungen immer wieder neu an die Situation an, so dass die Halbräume für direkte Vertikalpässe ins Mittelfeld verschlossen waren und manchmal durch vorgeschobene Positionierungen auch die Bremer Außenverteidiger in den Deckungsschatten gestellt werden konnten. In diesen Szenen war es für die Eintracht dann möglich, ihr kompaktes Zentrum auszuspielen und Bremen in den hintersten Reihen, wohin besonders Kroos und Makiadi immer wieder tief zurückfielen, zu Ballgeschiebe zu zwingen.

Meistens waren die Hausherren allerdings darauf bedacht, das Spiel der Grün-Weißen auf die Seiten zu lenken, was durch die überraschend tiefen Positionierungen von Fritz und Gebre Selassie verstärkt wurde. Diese waren auf den offenen Flügeln nominell ungedeckt und erhielten somit viele Bälle, was von Braunschweig aber durchaus gewollt war. Somit war Bremen bei derartigen Pässen früh auf die Seite gedrängt, wo der Aufsteiger die Werderaner dann isolieren, den Raum verengen und schwierige Situationen heraufbeschwören konnte.

Werder bleibt harmlos

Grundsätzlich konnten die Bremer zwar neben der Braunschweiger Formation durchaus nach vorne kommen, doch wenn es ihnen gelang, mussten sie die Angriffe meistens über die Flügel fahren und kamen nicht effektiv ins Zentrum hinein. Fast alle Aktionen der Bremer entsprangen über halblinks, wo Ekici eher wie ein eingerückter Außenspieler agierte, während Hunt viel zentraler unterwegs und fast gar nicht halbrechts zu finden war.

Allerdings konnte Braunschweig eben frühzeitig zu diesem Flügel verschieben und gegen die Bremer Bemühungen einen sehr kompakten, engen Block aus ihrem 4-3-2-1 heraus aufbauen. Somit stand der Aufsteiger in jenen Bereichen sehr stabil und stellte Werder meistens vor schwierige Aufgabenstellungen, die diese aufgrund der eigenen noch vorhandenen Probleme nur selten zu lösen imstande waren.

Aus den tieferen Mittelfeldpositionen heraus gab es zu inkonstantes und inkonsequentes Nachrücken in die Spitze, wo Bremen daher nicht genügend Präsenz und Optionen aufbauen konnte. Während Gebre Selassie an seine inverse und spielgestalterische Rolle noch nicht so gut gewöhnt ist, agierte Fritz auf der anderen Seite viel zu zaghaft, klebte an seiner Grundposition und ließ die rechte Hälfte des Platzes offensiv ungenutzt – weder diente er selbst als Verlagerungsoption, noch konnten die Bereiche in anderer Weise bespielt werden.

Weil schließlich auch Hunt und Ekici als Kreativakteure zu wenig miteinander interagierten, Ersterer ebenso wie Petersen mehrfach zu fixiert auf direkte Läufe in den Strafraum war und das pragmatische, zu willkürliche Passspiel im letzten Drittel noch nicht zu Dutts Ideen passt, entstand fast gar nichts Gefährliches aus dem Bremer Ballbesitz. Kurz gesagt: Es war augenscheinlich, dass Automatismen und Abstimmung an diesem ersten Spieltag noch fehlten.

Die Situation im Mittelfeld und zwei sich neutralisierende Teams

In die andere Richtung ergab sich ein ähnliches Bild, da auch Hunt und Ekici mit ihren engen Positionierungen die Mitte stärkten oder sich situativ zwischen den gegnerischen Innen- und Außenverteidigern aufhielten, während Petersen dann etwas tiefer ging. Obwohl die Eintracht um ein konstruktives Aufbauspiel bemüht war, dabei ihren Torwart Petkovic einige Male einband und Bicakcic sowie Dogan auffächerten, hatten sie einige Probleme, da vor allem die Mittelfeldaufteilung nicht optimal wirkte.

Der eigentlich zurückfallende Sechser Theuerkauf spielte als halblinker Achter, kam dabei aber nicht zurecht und konnte nicht für die vorstoßenden oder seitlich helfenden Bewegungen sorgen, die man ansonsten von den dort aufgestellten Kollegen sieht. Möglicherweise sollte er hinter den offensivstarken Reichel herauskippen, was wegen der Bremer Aufstellung und der Positionierung Hunts aber nicht durchgesetzt werden konnte.

So blieb die ineffektive Wirkung dieser Aufstellung übrig, was auch für Caligiuri galt, der sich redlich bemühte, als alleiniger Sechser mit viel Verantwortung im Quadrat aus Innenverteidigern und Achtern aber nicht genügend strategisches Geschick zeigen konnte. Gegen den Ball durfte er manchmal herausrücken, was seinem Team Flexibilität gab, und vielleicht war diese Anordnung zwischen Caligiuri und Theuerkauf auch für situative Mannorientierungen auf Junuzovic und Hunt gedacht, doch letztlich war sie eher hinderlich für das Offensivspiel.

Daher hatten die Bremer, die mit einer weitgehend fluiden Dreifach-Sechs für defensive Anpassungsfähigkeit sorgen konnten und dabei bereits recht abgestimmt agierten, keine sonderlich großen Probleme, das zu entschärfen, was der Aufsteiger nach vorne anbot. Weil auch die Braunschweiger darunter litten, dass zu wenig Spieler mit aufrückten, war für sie durch die Bremer Linien meistens kein schlagkräftiges Durchkommen.

Bei seinen vielen Aufenthalten im Zentrum wirkte Hochscheidt emsig und löste sich zwei Mal auch überraschend stark aus schwierigen Drucksituation, doch ein wirklicher Kombinationsspieler für Engstellen ist er vor allem auf Dauer nicht. Einige Male konnte er für seine Kollegen Räume aufreißen, die diese aber nicht gut genug nutzten. Der als zentrale Spitze aufgebotene Jackson wich viel aus und versuchte antreibend zu wirken, sorgte mit seiner quirligen Spielanlage auch manchmal für Unruhe, erzeugte letztlich aber auch nicht die nötige Durchschlagskraft.

Auf beiden Seiten waren also ähnliche Systeme und Szenarien zu erkennen. Zwei stabile und anpassungsfähige Zentralen mit viel Enge und wenig Aufrücken neutralisierten sich letztlich gegenseitig, so dass die Begegnung sich weitgehend festfuhr und nur selten etwas wirklich Entscheidendes nach vorne ging. Durch die vielen Wechselwirkungen auf dem Platz kam es gelegentlich mal zu zufälligen, offenen Räumen in der Dynamik, die aber kaum genutzt werden konnten. Somit dominierten die jeweiligen Defensivreihen diese Partie, weil die noch unabgestimmten Offensiven – gerade auf Bremer Seite wohl auf enge Interaktion ausgerichtet – sich kaum Szenen dagegen zu erspielen wussten.

Umstellungen und bessere Braunschweiger nach der Pause

Man hatte vermuten können, dass die Mannschaft das Spiel gewinnen würde, die zur zweiten Halbzeit ihre Außenverteidiger besser zu nutzen wissen würde – und in der Tat hatten die Braunschweiger durch den Lattenschuss des sehr engagierten und offensivstarken Reichel auch eine der besten Chancen nach dem Seitenwechsel. Darüber hinaus war es die Einwechslung von Mirko Boland, die der Eintracht neuen Schwung verlieh und mehr Gefahr über die Seiten aufkommen ließ.

In der vergangenen Saison war Boland als linker Offensivspieler einer der absoluten Eckpfeiler des Aufstiegs gewesen, hatte nach einer enttäuschenden Vorbereitung seinen Platz zuletzt allerdings verloren und zeigte nun von der Bank kommend das, wofür man ihn in Braunschweig zu schätzen lernte. Da er für Caligiuri eingewechselt wurde, durfte Theuerkauf auf die gewohnte Sechs wechseln, während Boland als linker Achter aufgeboten wurde. Von dort sorgte er für konstanteren Vorwärtsdrang aus der Tiefe, attackierte mit starken Läufen diverse Schnittstellen in der Bremer Abwehr und rochierte kraftvoll auf die Seiten. So gehörte die zweite Halbzeit eigentlich klar den Braunschweigern, die fast gewonnen hätten, aber hochkarätige Chancen vergaben.

Auch bei den Bremern gab es einige Umstellungen. Zunächst versuchte es Robin Dutt damit, Ekici auf rechts, Hunt in die Sturmmitte und Petersen nach links zu ziehen, von wo aus dieser immer wieder in die Spitze stieß, was Junuzovic mit Bewegungen nach außen kompensierte. Durch die Einwechslung Elias wurde dies aber schnell wieder über Bord geworfen, zum Fokus auf die linke Seite zurückgekehrt und dieser Mechanismus gespiegelt – Hunt spielte kaum mehr rechts, sondern eher als zweite Spitze, was dann Makiadi gelegentlich ausglich.

Generell verloren beide Teams nach dem Pausentee mit zunehmender Dauer immer mehr an Kompaktheit, so dass sich im anfangs vollgestellten Mittelfeld vermehrt Räume auftaten. Allerdings litten auch die Verbindungen zwischen den Mannschaftsteilen und die generelle Konsequenz auf beiden Seiten, weshalb sich nicht sonderlich mehr Torchancen ergaben und die Teams auch nicht sauberer durchbrechen konnten.

Während Bremen aber weiterhin nur über ihre Überladungsansätze auf halblinks die eine oder andere Szene generieren konnte (Doppelchance für Hunt und Petersen), nutzten die Braunschweiger diese Offenheit des Spiels tendenziell besser, wofür eben vor allem der aufrückende und anschiebende Boland verantwortlich zeichnete, der die vorderen Spieler unterstützte, an den Seiten oder in den Halbräumen durchbrach und die Flügeldreiecke in Schwung brachte. Über dieses bekannte Mittel hatten die Braunschweiger im Vorjahr auf verschiedenen Wegen viele Erfolge im Angriffsspiel gefeiert – nun wurden solche Spielzüge belebt und brachten die Eintracht einige Male gefährlich in Tornähe.

Wie es im Fußball aber manchmal so kommt, waren es völlig überraschend die Bremer, welche nach einem Befreiungsschlag Prödls hinter die Braunschweiger Abwehr die Führung erzielten durch den eiskalten Junuzovic erzielten. Abgezeichnet hatte sich dieser Treffer wahrlich nicht. Mit der Einwechslung von Lukimya rettete Dutt das schmeichelhafte Ergebnis über die Zeit, während die Braunschweiger Oerhl brachten und mit der Präsenz eines 4-4-2 fast noch ausgeglichen hätten. Bicakcics Halbfeldläufe mit anschließenden Flanken waren das prägendste Element der Schlussminuten und brachten die Riesenchance für Hochscheidt ein, die Caldirola aber stark auf der Linie rettete.

Fazit

Kein sonderlich ansehnliches Spiel, da die engen Zonen auf dem Feld für die zögerlichen und unausgereiften Offensiven der Teams eine zu große Herausforderung waren. Während Braunschweig die Bremer immer wieder kompakt auf halblinks stellten, überzeugte Werder über weite Strecken mit ihrer bereits recht gut entwickelten Fluidität der Dreifach-Sechs – beidseitig dominierten also die Defensivreihen.

Gerade mit den Einwechslungen und dem verbesserten Offensivspiel nach der Pause zeigten die Braunschweiger ihrer Bundesligatauglichkeit. Wichtig wird es, dass sie ihre kreativen Spieler vernünftig einsetzen und die Positionierungen so balanciert halten, wie in weiten Teilen der letzten Saison. Defensiv deuteten sie – letztes Jahr mit teils herausragendem Pressing – ein gutes Raumverständnis und vielseitige Mechanismen an.

Bei den Bremern bestehen weiterhin viele Fragezeichen. Größter Erfolg dieser Partie dürften die eingefahrenen Punkte und die Defensive sein, die zumindest über zwei Drittel der Partie einen stabilen und recht anpassungsfähigen Eindruck machte. Ansonsten ist aber noch nicht ganz so klar, wie genau sich Robin Dutt den neuen SV Werder vorstellt – vielseitige Spieler, Zentrumsfokus, herauskippende und zurückfallende Mittelfeldspieler, Asymmetrien und ambitionierte Überladungen dürften dabei vorkommen, doch es gibt diverse Optionen. Balance, Durchschlagskraft und die richtige Einbindung der Außenverteidiger sind einige Fragen, die bei diesem Prozess angegangen werden müssen.

fcb. 12. August 2013 um 12:26

Eure Artikel sind wirklich sehr lesenswert und für einen der sich für die Fußballtaktik interessiert absolut super, allerdingsstolper ich bei euren Artikeln immer über das Wort fluide und hab keine Ahnung was das bedeutet.

Bitte um Hilfe.

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Burrinho 12. August 2013 um 13:09

Ich antworte mal.
Eine fluide Spielweise ist das Gegenteil einer positionsgetreuen. Der Spieler hat also einen sehr großen Aktionsradius (oder eben gar keinen definierten) und bewegt sich recht frei im Raum.
Im Bezug auf die fluide Dreifachsechs ist das Adjektiv wohl eher intuitiv gewählt. Bei jener Dreifachsechs werden (defensiv!) ständig offene Räume angelaufen, geöffnet und eben wieder zugelaufen.
Hier ein Artikel zur Dreifachsechs im Rahmen des Spiels Fürth-Bayern der letzen Saison: http://spielverlagerung.de/2013/01/23/und-wieder-4-5-1-gegen-bayern/

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fcb. 12. August 2013 um 14:34

alles klar. Vielen Dank!

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MB 11. August 2013 um 22:59

Im Bezug auf Caligiuri sprichst du von fehlendem „strategischem Geschick“. Ich habe das jetzt ein paar mal gelesen und tue mich nun schwer strategische Fähigkeiten von taktischen Fähigkeiten bei einem Feldspieler zu unterscheiden. Könntest du kurz erläutern, wie ihr das spielverlagerungsintern definiert?

Vielen Dank!

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TR 12. August 2013 um 16:05

Er ist eher ein vorstoßender, zuarbeitender, anpassender und balancierender Spieler, der vielseitige Bewegungen zeigt und teilweise etwas unruhig agiert. Aber es fehlt ihm eben der steuernde, anführende Gesamtblick und das spielmachende Wissen, das Team und die einzelnen Angriffe sorgsam, strukturierend und organisatorisch aufzubauen.

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Willibert 11. August 2013 um 22:54

Meiner Meinung nach war bei Werder entscheidend, dass Fritz wieder in die Viererkette zurückbeordert wurde. Er gibt dieser in der letzten Saison und nicht nur in der Saison „gebeutelten“ Abwehr wieder mehr Stabilität. Das hat Dutt schon richtig erkannt.

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blub 11. August 2013 um 16:34

Was mich beim zugucken WIRKLICH gestört hat war das Jackson und teilweise auch Hochscheidt der Ball 2m vom Fuß springt bei der annahme. (Nörgelmodus: Kumbela wär das nicht passiert)
Die kombinationen und die genauigkeit der selben müssen noch verbessert werden, die spielanlage ist grundsätzlich in ordnung.
Die relativ passive 433 anordnung fand ich ganz ok, ist aber bei spielstärkeren IVs so nicht praktikabel. Mal sehen ob man ein ähnlich gutes Pressing wie letztes Jahr auch in der BuLi umgesetzt werden kann.

Ansonsten: Dieses spiel verloren zu haben ist wirklich ärgerlich.

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TR 11. August 2013 um 16:54

Ja, Prödl und Caldirola haben mich auch nicht so wirklich überzeugt, die hätten noch mehr beitragen müssen und somit hat Bremen in der Tiefe ein bisschen was verschenkt.

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