Dienstag, 23.09.2014

Olympia 2012: Brasilien – Ägypten 3:2

Nach den Spaniern, die allerdings überraschend Japan unterlegen waren, startete mit Brasilien auch der zweite große Topfavorit ins olympische Fußballturnier. In diesem Spiel war es aber nicht der Favorit, der sich taktisch schwach und in einem wenig verständlichen System präsentierte, sondern der Außenseiter, der Fehler machte und etwas chaotisch vorging, was zunächst in einem deutlichen 0:3-Pausenrückstand mündete, ehe man das Ergebnis noch verkürzen konnte.

Das System Brasilien

Die brasilianische Grundformation losgelöst betrachtet

Nominell begannen die Brasilianer in einem 4-2-3-1, das allerdings etwas ungewöhnlich interpretiert wurde. Vor zwei spielstarken Innenverteidigern, die wiederum von zwei offensiv- und dabei sehr spielstarken Außenverteidigern ergänzt wurden, spielten mit Sandro und Romulo zwei solide und defensiv sichere Sechser, die für mehr Freiheiten der offensiven vier Starspieler garantieren sollten.

In dieser Offensive war auffällig, dass Superstar Neymar nicht auf seiner gewohnten linken Seite zum Einsatz kam, sondern hinter dem primären Stürmer Leandro Damiao sehr frei im Zentrum agierte. Für das Juwel von Santos musste sich niemand geringeres als der bei Europas Topklubs heißbegehrte Hulk opfern, indem der bullige Angreifer für Neymar Räume öffnete, Gegner wegzog, nicht genutzte Räume wiederum besetzte und gleichzeitig als Kombinationsspieler zur Verfügung stand. Nominell begann Hulk auf der linken Seite, rochierte aber immer wieder in die Mitte, wo er Neymar half oder ihn auf den Flügel ausweichen ließ. Durch tiefes Zurückfallen übernahm Hulk auch eine verbindende Funktion in etwas tieferen Zonen, sorgte also auch für die Versorgung von Neymar, dessen temporären Schatten er sogar teilweise verkörperte oder als Satellit um ihn herum kreiste.

Auf der rechten Seite entstanden ebenso interessante Wechselwirkungen zwischen dem sehr spielmachend veranlagten neuen Chelsea-Star Oscar, der immer wieder mit Rafael auf der Seite kombinierte. Dabei rückte der Rechtsverteidiger von Manchester United oftmals weit auf und öffnete damit den Halbraum für Oscar, der von dort Spielzüge initiieren konnte. Im Zentrum stand der ballnahe Romulo als konstante Anspieloption zur Verfügung, während der tiefer stehende Sandro ballfern die Vorstöße von Marcelo absicherte. Im Gegensatz zu seinem Pendant Rafael, der sich überraschend spielstark zeigte und auch wie bei seinem Tor immer wieder die Halbräume und zentralen Kanäle bespielte, musste Marcelo mehr Raum alleine abdecken und hatte keinen konstanten Partner, denn Hulk zog ebenso wie Damiao gerade bei den Angriffen über rechts dort in jenen Bereich, um zentral Neymar zu entlasten.

Mit den Kombinationen durch den rechten Halbraum und dem Tandem aus Neymar und Hulk gelang es den Brasilianern offensiv immer wieder, Überzahlsituationen herzustellen und sich aufgrund der vielen Optionen in Ballnähe durch die gegnerische Defensive zu spielen. Bestes Beispiel war hier natürlich das erste Tor, bei welchem Hulk wie angesprochen weit auf die halbrechte Seite hinüber rochierte und dort mit Oscar und dem durchaus zentral gepolten Torschützen Rafael die Ägypter überlud.

Dass die Brasilianer sich leicht nach vorne spielen konnten, lag allerdings auch an ihrem Gegner, der bei weitem keine optimale Raumaufteilung bot, sondern den individuell und spielerisch starken Südamerikanern auch in brisanten Zonen zu viel Platz zugestand.

Ägyptens defensive Probleme

Ebenso wie bei den Brasilianern war auch die Formation der Ägypter durchaus interessant, kamen sie doch mit einem flexiblen und leicht asymmetrischen 4-3-1-2 daher, in dem sich zudem zwei bewegliche Stürmer tummelten. Allerdings sorgte diese Formation für zwei grundsätzliche Probleme.

Erstens schien es, als versuchte man im Defensivspiel mit den Bewegungsmechanismen einer flachen 4-4-2-Formation mit zwei Viererketten zu agieren. Bei einer solchen defensiven Grundordnung kann der Ball durch die Arbeit der beiden Angreifer (einen Innenverteidiger zustellen, bogenförmig anlaufen, den Kollegen “abkneifen”) leicht auf die gegnerischen Außenverteidiger geleitet werden, die anschließend der Ansatzpunkt für ein Pressing-Szenario sind, da sie von einem direkten Gegenspieler nah angelaufen werden können, während die Mittelfeldspieler die Mitte und die Stürmer den Rückweg verstellen. Folglich wird der Außenverteidiger im engen Bereich der Auslinie isoliert und unter diesen Vorzeichen dann gepresst.

Auch die Ägypter agierten zu Beginn nach diesem Schema, hatten bei Zuspielen auf die Außenbahnen dort allerdings viel zu wenig Präsenz, um genügend Druck aufbauen oder eine Isolation herstellen zu können, denn aufgrund ihrer eigenen Rautenformation, waren die brasilianischen Außenverteidiger frei. Somit hatten genau jene Gegenspieler viel Raum, die man eigentlich beengen wollte. Die Defensivarbeit der Stürmer passte also nicht zur Formierung des Mittelfelds und öffnete jenes aufgrund dieses widersprüchlichen Vorgehens daher.

Zweitens verwirrten sich die Ägypter mit ihrer eigenen Asymmetrie, was die Probleme im Mittelfeld noch verstärkte. Der halbrechte Stürmer Mohsen ließ sollte sich immer wieder in ein 4-5-1 fallen lassen und defensiv die Außenbahn übernehmen, während folglich der rechte Halbspieler leicht einrückte. Da diese Systemumformung aber nicht konstant ablief und die Spieler in ihren Positionsverschiebungen zu wenig aufeinander reagierten, hing man als Mannschaft letztlich zwischen zwei Formationen – es war weder die eine noch die andere, was dann in Chaos mündete und dazu führte, dass manche Spieler sich gegenseitig verwirrten (der einrückende halbrechte Achter sowie der Sechser), während bestimmte Räume zu wenig besetzt waren und sich Löcher öffneten (halblinks und halbrechts).

Die Grundformation beider Mannschaften

Im Endeffekt führte dies dazu, dass der ehemalige Afrikameister trotz vier zentraler Spieler die Spielfeldmitte nur unzureichend schließen konnte und auch auf den Halbpositionen zu viele Räume für das genau dort stattfindende brasilianische Kombinationsspiel ließ. In der ersten Halbzeit konnte man perfekt erkennen, wie Ägyptens Offenheit im Mittelfeld den Brasilianern in die Karten spielte. So wurde nicht nur das Zurückfallen von Oscar oder Hulk in die Halbräume besonders effektiv, sondern auch die Schnellangriffe der vier von den zwei Sechsern abgesicherten Offensiven. Dies wurde beim 3:0 exemplarisch deutlich, als Neymar viel zu große Räume zwischen den Linien fand, Hulk auf die Außen zwang und nach dessen Flanke einnetzte.

Ägyptens Offensive und die Aufholjagd im zweiten Durchgang

Mochten die Außenseiter in der Defensive gerade beim Abdecken der Räume und beim Finden ihrer Positionen zueinander große Probleme haben, so zeigten sie im Angriffsspiel doch einige vielversprechende Ansätze. Offensiv eigenete sich ihr grundsätzliches 4-3-1-2 nämlich gut gegen die Brasilianer.

Da diese mit ihren Offensivspielern nur sporadisch bzw. eher zentral verteidigten, waren die beiden Außenverteidiger im Defensivspiel weitgehend die jeweils einzigen Spieler auf den Außenbahnen. Durch die sehr offensiven Außenverteidiger ihrer Raute konnten die Ägypter Marcelo und Rafael direkt attackieren sowie für Breite sorgen, situativ durch einen Mittelfeldspieler oder Stürmer zusätzlich auf die Seite schieben und ansonsten mit der zentralen Dominanz der Rauten-Formation auch in diesen mittleren Räumen spielen, anstatt außen Personal zu verschenken.

Gegen einen nicht ganz konsequent verteidigenden Gegner funktionierte dies in Ansätzen gut, denn die konstante Breite, die angreifenden Außenverteidiger und die offensive Beweglichkeit sowie zentrale Präsenz boten eine gute Mischung und setzten die wenig einheitlichen Brasilianer unter Druck.

Darüber hinaus fehlte jenen aufgrund der geringen Defensivarbeit der Offensivspieler in den tiefen Zonen des ägyptischen Mittelfelds die Kompaktheit, was gerade den beiden ägyptischen Spielern auf den Halbpositionen viel Raum hinter ihren offensiven Außenverteidigern ermöglichte, um Angriffe einzuleiten und das Spiel zu gestalten. So war es nicht verwunderlich, dass beispielsweise der Anschlusstreffer zum 2:3 aus dem Abkippen eines Achters in den offenen Halbraum hinter den Außenverteidiger entstand, von wo aus er einen einfachen Diagonalball auf den von rechts einlaufen Außenspieler-Stürmer-Hybriden spielen konnte.

Ein wenig ereignisreicher zweiter Durchgang, in dem die Brasilianer defensiv etwas weniger wachsam wurden und auch nach vorne durch den scheinbar komfortablen Vorsprung in ihrer Konsequenz nachgelassen hatten, begünstige zu einem gewissen Grad den Anschluss der Ägypter, wachte nach diesem Ereignis allerdings noch einmal auf. Für die Schlussphase reagierte Brasiliens Trainer Mano Menezes dann taktisch korrekt und konnte die Offensive des Gegners weitgehend entschärfen.

Mit den Einwechslungen von Pato und vor allem Ganso sowie Danilo stellte er auf eine recht klare Raute um, die das gleichnamige 4-3-1-2 der Ägypter spiegeln und damit die individuelle Überlegenheit der Brasilianer zutage fördern sollte. Desweiteren wurden nun die Halbräume besser geschlossen, so dass die Ägypter stärker von ihren Außenverteidigern abhängig waren, die sich weiterhin in direkten Duellen mit ihren brasilianischen Pendants befanden, durch die weniger einfache Verbindung mit den Halbspielern nun aber weniger effektiv waren. Hinter ihnen wartete zudem der immer wieder nach außen rochierende Neymar auf Kontergelegenheiten, so dass Fathi und Ramadan die letzte Konsequenz abging. Es blieb beim Sieg für die Brasilianer.

Während die Ägypter nach dieser Vorstellung mit ihrer taktisch sehr ambivalenten Leistung schwer einzuschätzen sind, bleibt im Hinblick auf die Brasilianer wohl festzuhalten, dass sie trotz des Abfalls im zweiten Durchgang die größten Favoriten auf Gold sein dürften, haben sie doch eine Offensive, die brasilianisch spielt, taktisch gut aufgebaut ist und funktioniert – wenn man die Leistung hält und keine zu unglücklichen Tage erwischt, sind die hochgesteckten Ziele durchaus erreichbar.

Kurzüberblick

  • Hulk opfert sich für Neymar, agiert als Raumschaffer und Raumfüller, sorgt für dessen Versorgung, assistiert ihm als kreisender Satellit, bewacht ihn wie ein Schatten und ermöglicht ihm eine Freirolle.
  • Brasilien stellt durch horizontales Verschieben der Offensivspieler sowie spielstarke Außenverteidiger gerade auf rechts Überzahlsituationen her (1:0).
  • Ägypten mit einer zur Grundformation unpassenden Pressing-Strategie
  • Ägypten verwirrt sich außerdem durch ihre Asymmetrie selbst, wird im Mittelfeld daher chaotisch und lässt schlussendlich zu viele Räume in zentralen Zonen (3:0).
  • Offensiv finden die Afrikaner gute Ansätze mit offensiven Außenverteidigern, der Konzentration auf die Mitte und beweglichen Stürmern.
  • Vor allem die Dominanz in den Halbräumen ist entscheidend – mit der Umstellung auf eine Raute steuert Menezes im zweiten Durchgang allerdings noch rechtzeitig dagegen.

Hinterlasse eine Antwort

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*


4 − 3 =