FC Bayern München – Hertha BSC 4:0

Nach der Länderspielpause traf der Tabellenführer und Rekordmeister aus München in der heimischen Allianz-Arena auf die Hertha, trainiert vom ehemaligen Bayernspieler Markus Babbel und gespickt mit ein paar ehemaligen Spielern. Die Bayern wollten dennoch keine Gnade zeigen und ihre bestechende Form der letzten Wochen unter Beweis stellen, was gelang. Hertha spielte zwar mutig und versuchte keinen Bus im eigenen Sechzehner zu parken, doch eben diese löbliche Einstellung wurde bestraft und die Niederlage fiel trotz vier Gegentoren etwas zu niedrig aus.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn

Wie gewohnt traten die Bayern in ihrem 4-2-3-1 an und mussten weiterhin auf Stürmerstar Arjen Robben verzichten, doch wie auch in den letzten Wochen war sein Fehlen kaum zu bemerken. Van Buyten und Holger Badstuber begannen vor Manuel Neuer in der Innenverteidigung und sorgten einmal mehr für eine starke Defensivleistung, insbesondere das Defensivkonzept im Verbund mit den Außenverteidigern war interessant zu beobachten. Obwohl sowohl Lahm als auch Jerome Boateng offensiv spielten, hatte man hinten immer eine Dreierkette, allerdings war sie unterschiedlich konstruiert. Bei Lahms Offensivvorstößen hielt sich Boateng etwas zurück und ließ den laufstarken Außenstürmer Thomas Müller die rechte Seite beackern, doch wenn Boateng in die Offensive ging, so rückte Lahm dennoch etwas auf und schob Schweinsteiger etwas ins halbrechte Mittelfeld und Tymoshchuk beschränkte sich auf seine Stärken: die Defensive. Seine Antizipation und Timing im Zweikampf sind in solchen System Gold wert.

Anatoliy Tymoshchuk und Bastian Schweinsteiger bildeten eine stark asymmetrische Doppelsechs, was hauptsächlich daran lag, dass man mit Philipp Lahm einen inversen Außenverteidiger und mit Franck Ribéry einen inversen und sehr spielgestalterisch tätigen Winger aufbot. So kam es, dass Tymoshchuk sich offensiv zurückhielt, während Schweinsteiger nicht nur im Kombinationsspiel mit den beiden Außen neben sich agierte, sondern als Raumfüller auf der rechten Seite fungierte. Zusammen mit Toni Kroos, der als zentraler offensiver Mittelfeldspieler zum Einsatz kam, wirkte es oft wie eine Doppelacht vor einem einzigen Sechser. Toni Kroos ließ sich ein paar Mal nach hinten fallen und orientierte sich generell sehr Richtung links, während Ribéry zwar von der linken Seite startete, aber im Laufe einzelner Spielzüge sehr stark und effektiv in die Mitte rochierte. Thomas Müller hielt sich etwas zurück, aber half sehr gut in der Defensive mit und ein weiterer positiver Punkt in dem sehr guten Spiel des Münchner Kollektivs war Mario Gomez, der sich nicht nur vor dem Spiel, sondern auch im mannschaftlichen Kombinations- und Defensivspiel präsent zeigte.

Die Gäste aus Berlin versuchten dem Ballbesitzspiel der Münchner durch hohes Pressing in der Anfangsphase und Kompaktheit entgegenzuwirken, doch mit fortschreitender Spieldauer schwanden die Kräfte und dieser Ansatz dahin, was auch darin begründet lag, dass die Bayern sehr wenig Bälle abgaben und dank ihres Dreieckspiels selbst unter Bedrängnis immer eine Anspielstation zu finden schienen. Lell rückte etwas näher an seinen Nebenmann in der Innenverteidigung, um Ribérys Läufe ins Zentrum zu stoppen, doch dies gelang kaum und Kobiashvili auf der linken Seite hatte etwas weniger Probleme mit seinem Gegenspieler. Die Innenverteidigung zwischen den Außenverteidigern wirkte gegen Gomez und das bairische Kombinationsspiel schlichtweg überfordert, insbesondere bei Laufduellen und in Zweikämpfen hatten sie kaum eine Chance gegen den deutschen Nationalstürmer. Ottl und Niemeyer auf der Doppelsechs mussten sich an die Formation der Bayern anpassen und agierten etwas asymmetrisch, oft kam es vor, dass man mit einem 4-1-4-1 agierte, da Ottl von Kroos nach hinten gedrückt würde, während Niemeyer auf für das Pressing aufrücken musste und sich an Tymoshchuk orientierte. Ebert, der zur Halbzeit ging, und Ben-Hatira, welcher später zentraler und aufgerückter spielte, kamen auf den Mittelfeldaußen zum Einsatz, doch ebenso wie Raffael hatten sie kaum Zugriff auf das Münchner Tor und konnten ihre Stärken nicht unter Beweis stellen. Lasogga als vorderster Stürmer war von seinen Mannschaftskameraden isoliert, insbesondere Raffaels tiefe Stellung sorgte dafür, dass er wenig qualitative Bälle erhielt.

Herthas guter Ansatz

Alles in allem war Babbels Idee zu Beginn des Spiels eine gute, die allerdings aufgrund der frühen Treffer grandios scheiterte. Mit einem hohen und kompakten Pressing sowie einer asymmetrischen Doppelsechs hätte man trotz spielerischer Nachteile eine Pattstellung im Mittelfeld erzwingen können, da man Tymoshchuk und Schweinsteiger unter Druck gestellt hätte, sowie den Raum zwischen den Linien offensiv wie defensiv durch Ottl respektive Raffael hätte zusperren können, doch die individuelle Klasse Ribérys und Gomez‘ ebnete den Bayern ihren Weg zu (noch) mehr Selbstvertrauen wie auch viel Ruhe und Geduld, man konnte sich auf ein ruhiges Aufbauspiel beschränken und ließ die Hertha auspowern, das Spiel war somit bereits nach wenigen Minuten gelaufen. Kaum eine Chance ließ man zu, spielte sich selbst viele heraus und verbuchte mit 70% einen sehr hohen Ballbesitz. Trotz der nur allzu deutlichen Niederlage ist kaum Kritik an Babbel berechtigt, der sich etwas an den Systemen Heckings und Prandellis von vor zwei Jahren zu orientieren schien und mit viel Pech haderte. Der interessante Ansatz zu Beginn wurde von den Bayern in der ersten Viertelstunde zerschlagen und die Hertha konnte sich davon nie erholen, man bäumte sich nicht mehr auf und verlor die Lust am Spiel.

Badstuber und Gomez

Zwei Spieler, die zu Beginn der Ära van Gaal von Medien, Fans und teilweise auch dem Trainer sehr kritisiert wurden, zeigen nun tolle Leistungen: Holger Badstuber und Mario Gomez. Zwischen den beiden Spielern gibt es einige interessante taktische Gemeinsamkeiten wie Unterschiede, bspw. galt Badstuber oft als sehr moderner Innenverteidiger, dem etwas die klassischen Fähigkeiten – Robustheit, Zweikampfstärke und Aggressivität am Gegenspieler – abgingen, während Gomez das Gegenteil ist bzw. war, er galt als klassischer Stürmer, der sich allerdings zu wenig ins Offensivspiel einschaltete, zu wenig nach hinten arbeitete und generell nicht präsent genug war.

Doch beide Spieler haben ihre Schwächen ausgebessert oder kaschieren sie zumindest in der neuen Ausrichtung sehr gekonnt: auch ein Zeichen von Qualität. Besonders in Spielen wie gegen die Hertha bemerkt man das, sei es bei Badstubers Ausflügen ins defensive Mittelfeld, um den Ball vorzeitig abzufangen und dann sicher weiterzuspielen oder bei Gomez, wenn er sich stark Richtung links orientiert, um Ribéry eine Anspielstation bieten zu können. Ebenso unterstützen die Statistiken diese Ansicht, Badstuber ist der unumstrittene Innenverteidiger bei den Bayern, die seit dem ersten Saisonspiel kein Gegentor mehr in der Meisterschaft erhielten, während Gomez letzte Saison Torschützenkönig wurde und dieses Jahr bereits auf dem besten Weg ist, seine Kanone zu verteidigen. Einer von vielen Gründen, wieso die Bayern diese Saison nahezu unbesiegbar wirken.

Fazit

Abermals eine tolle Vorstellung der Münchner, die dank ihrer individuellen wie kollektiven Qualität den Berlinern keine Chance ließen. Ein 4:0-Sieg mit zwei Treffern von Mario Gomez, der auch noch höher hätte ausfallen können und Mann des Spiels war wohl einmal mehr Franck Ribéry, der mit Scorerpunkten wie Kabinettstücken seine bestechende Form der letzten Wochen unterstrich. Die Berliner dürften froh sein, das Spiel hinter sich gebracht zu haben und trotz der hohen Niederlage war es keine Demütigung, da man sich mutig mit offenem Visier gegen einen übermächtigen Gegner gestellt hat – Hut ab, denn es ist keine Schande, wenn man nach den schnellen Gegentoren etwas hängen lässt. Was zählt, war der Beginn, darauf kann man aufbauen, die Leistung nach den Gegentoren sollte man vergessen, denn gegen einen solchen Gegner ist es zu entschuldigen, wenn man die Motivation verliert.

Linienrichter 19. Oktober 2011 um 10:48

Die Spielzonen sehr detailliert analysiert zu bekommen, ist höchst interessant und viel zu selten zu lesen. Zumeist wird im Blätterwald stark auf einzelne Spieler fokussiert und viel zu wenig auf ihre Aufgabe im Gesamtgefüge der taktischen Marschroute eingegangen. Das Markus Babbel eigentlich einen guten Plan entwickelte hatte, war für mich nach dem furiosen Start der Bayern mit drei Toren in den ersten 13 Spielminuten nicht wahrzunehmen. Man hatte den Eindruck, dass es gleich nach der Unsicherheit von Lell gegen Ribery schon ab der ersten Minute um Schadensbegrenzung ging. Die Überforderung der Herthaspieler war sofort gegenwärtig.

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Simon 18. Oktober 2011 um 01:02

Mich würde mal interessieren ob Bayern auch im 4:2:3:1 auch ‚verteidigt‘ oder ob sich die Flügelstürmer -wie unter Van Gaal- bis auf Höhe der Doppel 6 fallen lassen und so eine zweite Viererkette bilden. Gegen den Ball wurde unter Van Gaal im 4:4:1:1 agiert.

Was sind defensive Vorteile des 4:2:3:1 und was des 4:4:1:1?

Danke im Voraus

Simon

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NoBlackHat 17. Oktober 2011 um 15:36

Ich vermisse etwas die „Würdigung“ der Aufstellung Herthas. Hier hat mE Babbel mehrere Fehler gemacht, denn gegen Bayern kann man einfach nicht spielen, wie gegen jeden anderen Bundesligisten. Deshalb muß man aber nicht gleich den Strafraum verrammeln. Die linke Achse mit Kobi und Ben-Hatira ist viel zu offensivlastig, was Boateng auch merhfach gut ausgenutzt hat. Auf der rechten Seite sah es nicht viel besser aus, Lell allein gegen Ribery kann nicht gut gehen, da hätte eine Absicherung vorhanden sein müssen. Lustenberger hätte dies zB als 3. Mittelfeldspieler sein können.

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peter 17. Oktober 2011 um 13:03

Kann Franck nur beipflichten, kann mal jemand erklären wo da Pressing gewesen sein soll?
Bis Tymoschtschuk habe ich überhaupt keine Gegenwehr gesehen, in der Reihe davor allenfalls indisponiertes vorsichtiges Annähern und in der Nähe rumstehen, gerne auch zu dritt um Ribery.

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Franck 17. Oktober 2011 um 12:37

Wie immer eine tolle Analyse mit vielen interessanten Details, die mir im Spiel nicht aufgefallen waren.

Einzig die Argumentation, Hertha hätte gut begonnen, bzw. ein hohes Pressing gestartet, was aber nicht durchgehalten werden konnte, kann ich nicht teilen.

Von der Hertha habe ich ab Minute 1 nullkommanix gesehen. Wo war denn da „Pressing in der Anfangsphase“? Vielleicht in ein, zwei Versuchen in der zweiten Spielminute… Ansonsten gabs in Minute 2 die erste hundertprozentige für Bayern und dann kurz darauf ja auch das 1:0. „Fortschreitende Spieldauer“, in der das Pressing der Berliner verloren ging, ist da natürlich ein sehr dehnbarer Begriff. Immerhin war das Spiel nach 13 Minuten entschieden.

Auch könnte man meiner Meinung nach ruhig davon sprechen, dass der Sieg EXTREM höher hätte ausfallen können, wenn beispielsweise Müller eine seiner vielen Mega-Chancen reingemacht hätte.

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Humphrey Bogus 17. Oktober 2011 um 00:08

Nur eine kleine Anmerkung zur Verwendung des Adjektives „bairisch“: Es ist ein sprachwissenschaftlicher Ausdruck, der sich ausschließlich auf den Dialekt bezieht. Für das Gebiet Bayern, im politischen Sinne also, ist es korrekter, das Adjektiv „bayerisch“ zu verwenden.

Ansonsten gilt: Daumen hoch für eure tolle Website. Aktualität und Fachwissen beeinducken sehr!

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Paule 16. Oktober 2011 um 18:56

Vielen Dank für die tolle Analyse. Ich habe das Spiel leider nicht sehen können, aber nachdem was ich hier gelesen habe finde ich die Klatsche nicht mehr so bitter, immerhin hat die alte Dame scheinbar nicht so defensiv gemauert wie ich es im Vorhinein befürchtet hatte. Ein Ehrentörchen für die Motivation wäre nett gewesen, aber gegen die Bayern in ihrer aktuellen Form ist das einfach verdammt schwer. Abhaken, nächsten Samstag kommt der FSV, da geht was. 🙂

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