FC Bayern München – Hamburger SV 5:0

Nach dem erfolgreichen Ausflug in europäische Gefilde kehrte der Ligaalltag für den Rekordmeister aus München zurück.

Am dritten Spieltag der deutschen Bundesliga empfing man in der Allianz Arena den Hamburger SV, der nach den zahlreichen Problemen in der Führungsetage auch mit Problemen auf dem Platz zu kämpfen hatte.

In einem tollen Spiel kamen die Zuschauer voll auf ihre Kosten und Jupp Heynckes konnte sich vorerst dem Schatten seines Vorgängers entledigen.

Wechselwirkung der Formationen

Grundformationen

Die Hamburger versuchten ähnlich zu agieren, wie es Lucien Favres Gladbacher am ersten Spieltag erfolgreich gemacht hatten.

Mit einem 4-4-2-System wollte man durch zwei Viererketten in der Defensive sowohl den Raum zwischen den Linien blockieren, als  auch Bayerns Flügelzange aus dem Spiel nehmen. Mit Rincon kam für diese Aufgabe ein defensiver Mittelfeldspieler im rechten Mittelfeld zum Einsatz, während mit Jansen ein gelernter Linksverteidiger Aogo gegen Robben unterstützen sollte. Um die numerische Unterlegenheit im Zentrum auszugleichen, stand man sehr tief und spielte mit den zweikampfstarken Jarolim und Westermann, doch diese körperlich robuste Aufstellung sorgte für ein kreatives Loch, welchem Oenning mit einem beweglichen und flexiblen Sturmduo entgegenwirken sollte. Gökhan Töre und Son, der beim Audi-Cup bereits zwei Treffer gegen die Bayern erzielte, agierten im Sturm und hätten durch Einzelaktionen und Kombinationen mit den Außenspielern Torgefahr entwickeln sollen, was jedoch scheiterte.

Die Bayern agierten in ihrem klassischen 4-2-3-1-System, welches sie beim Spiel gegen Zürich in der starken zweiten Halbzeit gespielt hatten. Der starke Müller rutschte für Kroos ins Team und Boateng sowie Gustavo wurden geschont. Statt den beiden rückten Daniel Van Buyten und Anatoliy Tymoshchuk ins Spiel, beide übernahmen dieselben Aufgaben wie ihre Vorgänger und Jupp Heynckes musste weder System noch Ausrichtung verändern.

Von Beginn an knüpften die Bayern an ihre Leistung gegen Zürich an und spielten sich einige Chancen heraus. Ins Auge fielen hierbei die Variabilität in der Offensive und der herausragende läuferische Einsatz von Thomas Müller. Während Arjen Robben und Franck Ribéry sich oftmals frei von ihren schematischen Grundpositionen ins Zentrum bewegten oder die Seiten rochierten, agierte Thomas Müller taktisch deutlich eindrucksvoller. Er füllte die verwaisten Seiten aus, half in der Defensive mit und spielte als hängender Stürmer eine wichtige Rolle in und um den Strafraum. Durch seine herausragende Spielintelligenz im Verbund mit seiner läuferischen Qualität öffnete er sehr viele Räume für die bairische Flügelzange und war ein essentielles Mosaikstück im Offensivspiel. Seine Statistik ist hierbei ebenso beeindruckend, wie es seine Leistung war: nicht nur, dass er 11,6km 100 Meter mehr als Bastian Schweinsteiger lief und somit der Spieler mit den meistgelaufenen Kilometern war, er schaffte es zusätzlich noch, dass er mit 28 Sprints fast doppelt so viel wie der Zweitplatzierte in dieser Statistik hatte.

Thomas Müllers Leistung war ein Aspekt, wieso man ihn nicht unter Kontrolle bringen konnte, doch es gab noch zwei weitere Faktoren: einerseits war die kollektive Defensivleistung der Hamburger beängstigend schwach und man gewährte den Bayernspielern zwischen den Linien immer viel zu viel Raum, welchen nicht nur Müller, sondern auch Robben, Ribéry und Schweinsteiger nutzten. Andererseits konnte man gegen das extrem sichere Kurzpassspiel der Münchner kein Mittel finden, denn man war in den Zweikämpfen hoffnungslos unterlegen. Die Bayern gewannen überragende 58,9% ihrer Duelle und legten die Basis für eine defensiv abermals souveräne Leistung.

Das 1:0 der Bayern fiel nach einer Standardsituation, als Daniel Van Buyten Robbens Flanke ins Tor köpfte. Spätestens nach dem Rückstand war der Plan Oennings fehlgeschlagen und die Bayern liefen zu Hochform auf, denn nur vier Minuten später erzielte Ribéry ein schönes Tor nach Vorlage von Robben.

Das dritte Tor übernahm dann Robben selbst, der von rechts nach innen zog und aufgrund des zögerlichen Aogos, der bereits vorbelastet war, bis vors Tor kam und mit einem Lupfer einen herausragenden Treffer erzielen konnte. Nach der Pause änderte sich absolut nichts bei den Hamburgern und sie ließen sich von den Münchner Bayern demütigen, welche mit einem 4:0 durch Gomez und einem 5:0 durch den eingewechselten Olic einen Kantersieg davontragen durften.

Am Ende des Spiels hatten die Münchner 25 Torversuche, während die Hamburger bei ganzen vier landeten – ein einziger davon ging auf das Tor von Manuel Neuer.

Besonders kritisch anzusehen ist die schwache läuferische Leistung des HSV, die mit nur 106,7km viel zu wenig liefen, um effektiv verschieben zu können. Die Bayern liefen in jeder Kategorie mehr als die Hamburger, außer im Bereich „durchschnittliche Geschwindigkeit“ und „schnell“ – was vermutlich mit dem Hinterherlaufen der Defensivspieler Hamburgs bei den Münchner Sprintern um Robben, Ribéry und Müller zu tun hatte.

Letztlich konnten die Bayern ihr pass’n’run-Spiel unbehelligt ausüben und mit 65% Ballbesitz bei unglaublichen 88,9% angekommenen Pässen war ihre Leistung an diesem Tag sehr gut.

Fluidität und Asymmetrie im Offensivspiel als Entlastung für die asymmetrische Defensive?

Nach dem Spiel gegen Gladbach stellten sich Medien wie Experten und auch wir hier bei Spielverlagerung die Frage, wie Heynckes auf das Manko in der Defensive mit Lahm als inversem Außenverteidiger reagieren würde. Diese Abwehrkonstellation mit Lahm auf links sorgte bereits vor der Van-Gaal-Ära für Kopfzerbrechen, damals fing man sich den Großteil der Tore über links ein, da Lahm durch seine Laufwege ins Zentrum die Außen öffnete und dem Gegner Raum für schnelle Konter ließ.

Jupp Heynckes reagierte nicht mit dem Einkauf eines Linksverteidigers oder einer Verschiebung Luiz Gustavos ins linke zentrale Mittelfeld, er nutzte die Asymmetrie und eine fluidere Aufgabenverteilung in der Offensive, um die Defensive zu entlasten – eine fast schon paradoxe Lösung.

Wie das geht, sehen wir in dieser GIF, welche die verschiedenen Spielzüge der bairischen Offensive darlegt – die offensive Rolle Manuel Neuers habe ich außer Acht gelassen, um die Konzentration auf die Offensive zu richten, ich bitte um Verständnis.

Spielzüge

In der ersten Teilgrafik sieht man die Mannschaft des Rekordmeisters ohne Gegenspieler und mit ihren typischen Laufwegen. Müller lässt sich fallen, stößt in die Spitze, während die beiden Außenstürmer als inverse Winger agieren.

In der zweiten Teilgrafik ist der klassische Angriff über die linke Seite zu sehen. Ribéry ist am Ball, geht an die Strafraumkante, während sich Lahm hinten als Anspielstation anbietet, aber nicht hinterläuft, wie es vor einem Jahr mit Robben auf rechts üblich gewesen wäre oder wie man es unter Klinsmann noch tat. Damit Ribéry der Doppelung entgehen und Torgefahr entwickeln kann, bietet sich Müller in der Nähe als Kombinationsstelle an, während Gomez die Innenverteidiger ins Loch lenkt und Schweinsteiger als tiefe Anspielstation im Zentrum fungiert. Von rechts zieht Robben ins Zentrum und je nach Dauer des Angriffs könnte eine Rochade mit Müller bzw. die Besetzung des offensiven Zentrums entstehen. Der holländische Rechtsaußen bietet sich so an und bringt Unordnung in die gegnerische Defensive, doch um eine numerische Überlegenheit in Ballnähe entstehen zu lassen, wie es das Hinterlaufen Lahms täte, benötigt es einen kleinen, aber effektiven taktischen Kniff, den Jupp Heynckes hier nutzt. Der ballferne Außenverteidiger Rafinha rückt ohne reelle Chance auf den Ball mit nach vorne und behält so einen Gegenspieler bei sich, was Robben den nötigen Platz für eine gefährliche Aktion gewährt oder zumindest die Gegenspieler von Franck Ribéry weglockt.

Bei einem Angriff von rechts über Arjen Robben ein ähnliches Bild, doch hier tauschen Müller und Ribéry manchmal gänzlich die Positionen und Ribéry dient im Zentrum als Station für kurze Doppelpässe oder als Prellbock für gegnerische Verteidiger. Die Rochade von Müller und Ribéry sorgt dafür, dass die Verteidiger ihrem Gegenspieler folgen müssen oder ihn übergeben – was sehr anspruchsvoll ist, da der Ball und die Gefahrenstelle Arjen Robben im anderen Blickwinkel liegt. Dadurch entstehen Löcher im Defensivverbund, von denen entweder Arjen Robben profitiert oder seine Sturmpartner. Falls Müller und Ribéry nicht rochieren, dann versucht Müller, ebenso wie Gomez, durch intelligente Diagonalläufe ohne Ball das Zentrum zu öffnen, damit Robben nach innen ziehen und abschließen kann. Da sämtliche Spieler nach vorne ziehen, rückt Schweinsteiger etwas auf, um bei einem zugestellten Zentrum Robben eine Alternative zum Schuss zu geben und den Ball danach weiterleiten zu können. Auch in diesem Szenario rückt der ballferne Verteidiger auf und versucht zumindest einen Gegenspieler aus dem Spielgeschehen zu binden, doch defensiv bringt dieses „falsche Hinterlaufen“ gewisse Vorteile: Lahm ist in Ballnähe und kann schnell pressen, falls man das möchte. Des Weiteren dient er als sichere Anspielstation für Schweinsteiger und kann bei fehlgeschlagenen Diagonalbällen sofort den ballführenden Gegner auf die Außen drängen, was der Defensive mehr Zeit zum Formieren gibt.

Spielzüge

Im dritten Szenario (es ist dieselbe GIF wie oben, ich habe sie nur wegen der Übersicht kopiert) sehen wir einen Angriff durch das Zentrum mit Müller als ballführendem Akteur. Gomez macht Raum für einen eventuellen Durchstoß Müllers (wie es gegen Hamburg kurz vor Ende der ersten Halbzeit gab), während sich Ribéry und Robben Richtung Zentrum begeben, um als Anspielstation zu fungieren. Schweinsteiger sichert ab, da nun beide Außenverteidiger leicht aufrücken, um Robben und Ribéry weniger Deckung zu ermöglichen. Interessant hierbei ist, dass Lahm in diesem Szenario noch etwas in die Mitte zieht und sich auf Ribérys gesteigerte Defensivstärke in der Rückwärtsbewegung verlässt – diesen Laufweg Lahms dürfte man aber bald ebenfalls nicht mehr sehen.

Im vierten Szenario, welches bei einem langsamen Spielaufbau oder bei vorheriger fehlgeschlagener Aktion entsteht, ist Bastian Schweinsteiger der spielbestimmende Akteur. Thomas Müller versucht vor ihm Raum zu schaffen, um ihm mehr Zeit zu gewähren und eventuell den Schussweg zum Tor zu öffnen, während Ribéry und Robben Richtung Zentrum laufen – sie bieten sich in Tornähe an, um selbst zum Abschluss bzw. zum Kombinationsspiel zu kommen und/oder um mit einer Rochade der Deckung zu entgehen. Gomez fungiert als Prellbock, welcher die Innenverteidiger in die Tiefe drücken soll. Oftmals bietet sich Ribéry auch im Zentrum an, um spielgestalterische Aufgaben zu übernehmen, ebenso wie Robben oft ganz auf außen geht, um sich an der Außenlinie frei zu laufen und von dort mit Dynamik ins Zentrum oder zur Grundlinie zu kommen. Lahm bietet sich als Anspielstation an, während Rafinha das Spiel breit macht und mithilfe Tymoshchuks anspielbereit ist. Wenig verwunderlich, dass sehr viele Angriffe über rechts kamen und man dennoch eine starke Absicherung für die Läufe Robbens hatte (Tymoshchuk halbrechts bis rechts, Rafinha davor) – Rafinha und Tymoshchuk waren trotz ihrer eigentlichen spielerischen Unterlegenheit gegenüber Lahm und Schweinsteiger an mehr Angriffen und Pässen beteiligt. Ein letzter taktisch interessanter Punkt ist, dass Badstuber hier etwas nach vorne rückt, um den linken Raum zu füllen und das kleine Ungleichgewicht zu beseitigen, was zur Folge hat, dass Van Buyten etwas in die Mitte rückt und als quasi-Ausputzer agiert.

Fazit

Der Rekordmeister zeigte eine eindrucksvolle Vorstellung und scheint wieder zurück in der Spur zu sein. Jupp Heynckes ließ mit seinen taktischen Handgriffen seine Kritiker vorläufig verstummen, doch man muss sehen, ob dies auch gegen stärkere Teams funktioniert, denn die Hamburger waren an diesem Nachmittag erschreckend schwach.

Die junge Truppe der Hanseaten wirkte weder eingespielt noch selbstbewusst. Es war kein Wunder, dass man nach dem 1:0 der Bayern psychisch einbrach und sich abschießen ließ, dennoch war die taktische Ausrichtung von Beginn an höchst fraglich, wie man an der schematischen Darstellung der durchschnittlichen Positionen erkennen kann.

Wie man sieht, fehlte es sowohl an Breite als auch an Tiefe im Spiel, ganz im Gegensatz zu der übersichtlichen und systematisch treffenden Formation des Gegners.

Der FC Bayern hätte letztlich noch höher gewinnen können, doch neben Effizienz fehlte ihnen die Präzision im letzten Drittel – Ribéry und Müller waren abermals die passschwächsten Spieler.

 

onkel-ede 22. August 2011 um 15:17

Super Analyse. Bewerbt Euch doch beim TV, damit die Live-Kommentare aufgewertet werden.
Schade finde ich, dass bei Bestbesetzung des FCB für Kroos offenbar kein Platz ist.
Der Platz neben Schweinsteiger ist ja für einen defensiv stärkeren 6er vorbehalten.
Der HSV-Trainer hatte bei seiner Taktik offenbar ein (frühes) Gegentor nicht auf dem Zettel.

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Maxl 22. August 2011 um 12:13

Das GIF fand ich auch nicht so gut. Ich habe sehr lange gebraucht bis ich duchgeblickt habe. 4 einzelne Bilder wären besser weil übersichtlicher gewesen. Mit GIFs würde ich vielleicht mehr arbeiten wenn ich eine Rochade oder ein Verschieben verdeutlichen will. Aber hier waren die 4 Szenen ja mehr oder weniger unabhängig voneinander.

Der Bericht war ansonsten sehr gut.

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Robert 21. August 2011 um 19:56

Beeindruckender Artikel, aber nur so als Tipp: Ich fände es besser, wenn die Spielzüge im Gif durchnummeriert wären und sie dann so im Artikel gekennzeichnet wären 😉

Weiter so!

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Roberto Franco 21. August 2011 um 12:08

Hätte mir gewünscht noch mehr über die Fehler des HSV zu lesen. Ich denke gestern war es eine taktische Bankrotterklärung des Trainers Oenning und das hätte man hier, auch anhand der Grafiken, sehr gut aufzeigen können.

Anonsten recht gute Analyse. Seite wird gebookmarked.

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Kroos39 21. August 2011 um 09:49

Eine wirklich sehr, sehr gute Analyse.

Man sieht, wie viel stärker eine Offensive wird, wenn beide AV gleichzeitig aufrücken. Allerdings bin ich nicht so optimistisch, was die Zukunft anbelangt. Die Hamburger haben heute erschreckend viel Raum gelassen und ein System mit 2 Mittelstürmern ist auch nicht mehr modern. Diese beiden Sachen haben uns stark in die Hände gespielt. Das wird es nicht oft geben.

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Bill 21. August 2011 um 08:29

Erst einmal:

Vielen Dank für diese Analyse! So viel besser als die Berichterstattung im TV. Eine kleiner Verbesserungsvorschlag: Falls mehrere Abbildungen in einer Analyse auftauchen, einfach durchnummerieren und im Text auf die Nummer verweisen. Ich war kurz verwirrt, zu welcher Abbildung die jeweilige Beschreibung der Laufwege/Spielzüge gehörte.

Ansonsten: Weiter so!

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Filipini 21. August 2011 um 01:49

Hey,

Bin gerade aus Zufall über 11Freunde hier reingeschneit, habe den Artikel über den FC Barcelona geselesen, dann diesen hier und muss sagen, dass du hier richtig gute und fundierte Arbeit leistest. Ich habe Fußball bisher nie so analytisch und präzise betrachtet, wie du es hier dargelesgt. Viele Feinheiten sind mir bisher so nie aufgefallen und deine Grafiken sind dahingehend wirklich sehr anschaulich. Ich habe deine Seite auch direkt mit einem Lesezeichen versehen. Freue mich schon auf die nächsten Artikel (vorzugsweise von Bayern oder dem VfB).

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RM 21. August 2011 um 02:08

Ein sehr großes und geschmeicheltes Danke für das Lob!

Anmerken möchte ich allerdings, dass wir hier zu fünft sind und meine Kollegen leisten (in meinen Augen) bessere Arbeit, also darf ich dir guten Gewissens auch ihre Analysen ans Herz legen.

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Doerk 22. August 2011 um 15:49

Sehr gute Analyse, dieser Beitrag hat „zonalmarking“-Niveau.

Werde im Spiel gegen Zürich verstärkt darauf achten, ob die Rochaden in der Offensive so beabsichtigt sind, oder der Erfolg der Chaos-Abwehr des HSV entsprang.

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