Donnerstag, 22.06.2017

SV Training #3: Eine Prise Nagelsmann

Wer einen besonderen Spielstil erfolgreich umsetzt, verfügt in der Regel auch über eine durchdachte Trainingsmethodik. Vor allem, wenn dies so schnell geschieht, wie im Falle des Hoffenheimer Trainers.

SV Training ist unsere Praxis-Rubrik. Die Inhalte verknüpfen technische, taktische und konditionelle Komponenten innerhalb eines ganzheitlichen Trainingskonzeptes, bei dem das Treffen von Entscheidungen unter variablem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck im Vordergrund steht. Aus den grundsätzlichen Ideen soll jeder Trainer schließlich selbst für ihn passende Spielformen kreieren.

Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC im vergangenen April hatte ich die Gelegenheit, mir eine öffentliche Trainingseinheit von Julian Nagelsmann anzuschauen. Es dauerte in einer Saisonphase, in der viele Spieler bereits unter den vorangegangenen Belastungen zumindest ein bisschen litten, kaum mehr als 60 Minuten. Zum Aufwärmen gab es im Wechsel für je eine Gruppe eine eher simple Passform sowie ein vom Aufbau nicht schwer zu erfassendes Rondo, bei dem ein Spieler der jeweils ballbesitzenden Mannschaft sich im Zentrum bewegte.

Im Anschluss ging es direkt zum interessanten Teil – einer weiträumigen Spielform mit mehreren Stangentoren etwa auf Höhe Mittellinie – über. Ich werde im weiteren einen grundsätzlich ähnlichen Aufbau und die grundlegende Idee dahinter besprechen sowie die ein oder andere Variante diskutieren.

Die Grundform.

Die Grundform.

In der Ursprungsform baut ein Team im Bereich bis zu den Stangentoren in beliebig festgelegter Formation gegen das hohe Mittelfeld- oder Angriffspressing des Gegners auf. Die Formation kann dabei entweder dem nächsten Gegner nachempfunden sein („Sparringsteam“) oder auch das eigene Pressing repräsentieren. Im ersten Fall geht es um eine spezifische Gegneranpassung, während im letzteren offensive und defensive Grundprinzipien innerhalb des eigenen Teams im Vordergrund stehen. Hierbei lassen sich die genutzten Grundformationen selbstverständlich variieren.

Im konkreten Beispiel baut Team Rot in einer 3-4-Staffelung samt Torhüter gegen sechs im 4-2 formierte Spieler von Team Weiß auf. Ziel für Team Rot ist es, durch eines der Stangentore auf die andere Seite zu gelangen – entweder nur per Pass oder wahlweise auch per Dribbling. Geschieht dies, so dürfen (und sollten) alle Spieler beider Teams so schnell wie möglich nachrücken. Rot darf auf der gegenüberliegenden Seite ein Tor erzielen. Für das Durchspielen eines Stangentores erhält das Team einen Punkt, ebenso für einen erfolgreichen Torabschluss.

Gewinnen die Spieler von Team Weiß den Ball bereits beim Aufbauspiel von Rot, so dürfen sie direkt ein Tor erzielen, wofür sie ihrerseits einen Punkt erhalten. Bei entsprechendem Ballgewinn dürfen die im anderen Feld befindlichen Spieler beider Teams in die entsprechende Hälfte einrücken. Wurde Weiß wiederum in die eigene Hälfte zurückgedrängt, dienen ihnen die Stangentore zum Kontern – Pass oder Dribbling durch eines von ihnen bringen einen Punkt und sorgen dafür, dass das Spiel von neuem beim Torhüter von Rot beginnt („Start-Stop-Spielform“).

Um den Umschaltfokus der Spielform zu erhöhen, kann man das Geschehen an dieser Stelle einfach weiterlaufen lassen. Es ergeben sich vielerlei Ballbesitzwechsel. Die Punkteregelungen vereinfachen sich praktisch und gestalten sich für beide Teams gleich: Durchspielen durch ein Stangentor (nur vorwärts!) = 1 Punkt, Erzielen eines Treffers ins jeweilige Großtor = 1 Punkt. Diese offene Gestaltung bietet sich im Rahmen des allgemeineren Trainings an, während erstere dem Übergangsspiel gegen eine konkrete Gegnersimulation eher entgegenkommt.

Feldform und Größe lassen sich dabei gleichzeitig variabel gestalten. Anders als im Bildbeispiel ließe sich beispielsweise auch das gesamte Feld nutzen und die Stangentore direkt auf der Mittellinie platzieren. Diese kann man zur Provokation unterschiedlicher Pass- oder Dribbelwinkel auch schräg aufbauen oder zu Dreieckstoren erweitern.

Gleichzeitig kann man die Spielform für jüngere Spieler natürlich auch auf das Kleinfeld transferieren, wobei sich hier die freie „Endlos“-Variante anbietet und die Anzahl der Spieler den jeweiligen Wettkampfbedingungen angepasst wird.

Außerdem ist es, vor allem zu Beginn, möglich, bestimmte Vorgaben für das Defensivteam einzubauen. Etwa, dass die Innenverteidiger oder die gesamte Viererkette nicht vor der Mittellinie verteidigen dürfen und erst bei erfolgtem Zuspiel vorrücken. So ergibt sich ein Zwischenlinienraum für die roten Spieler. In diesen kann man beispielsweise auch einen der Wingbacks bei Ballbesitz in der eigenen Hälfte gehen lassen. Der jeweilige Spieler kann vom Flügel ballfern einrücken und sich ebenfalls durch eines der Stangentore anspielbar machen.

Aufbau über eingerückten Wingback

Aufbau über eingerückten Wingback

Allgemeine Coachingpunkte (explizit/implizit) sind in jedem Fall:

  • ruhige Ballzirkulation gegen aggressives Anlaufen
  • Einbindung des Torhüters ins Aufbauspiel
  • Laserpässe
  • Andribbeln und gegenseitige Absicherung
  • Bewegung abseits des Balles, um Anspieloptionen zu schaffen (Zurückfallen des Stürmers, Pendeln der „Zehner“)
  • Auf Bewegungen der Mitspieler achten und Passwege öffnen (vor allem Sechser)
  • Je nach Spielphase: Schnelles Nachrücken
  • Rhythmuswechsel und Reaktion darauf – trotz Druck keine Hektik im letzten Drittel
  • Deckungsschattennutzung gegen den Ball, Versperren zentraler Passoptionen
  • multidirektionales Verhalten im Pressing – vor allem Rückwärtspressing im Fokus

Phil 19. Januar 2017 um 13:06

Großartige Serie!

Eine Frage hierzu: Welchen Sinn haben genau die Stangentore, durch die gespielt werden soll?
Es sieht so aus als würden sie realtiv klein sein. Das bedeutet, dass diagnole Pässeschwierig sind durch die Tore zu spielen. Setzt Nagelsmann nicht aber genau auf diese Diagnolpässe durchs Zentrum?

Antworten

tobit 19. Januar 2017 um 14:33

Je kleiner die Tore, desto schwieriger der Pass. Es erfordert dann einen präzisen Pass und eine perfekte Stellung des Empfängers für den Punkt. Die Torgröße ist dabei ja variabel. Man könnte die Tore z.B. klein machen, wenn der kommende Gegner sehr kompakt und intensiv im Mittelfeld ist, was Pässe durch diese Zonen sehr schwierig macht.

In den Grafiken wird ja über die volle Breite (also ca. 60-65 m) gespielt, was dann etwa 3-4 m breite Tore in der Grafik ergeben würde. Das sollte für die meisten Spieler auf kurze bis mittlere Distanz machbar sein, da durch zu spielen – vorausgesetzt die Empfänger sind aufmerksam.

Antworten

ES 16. Januar 2017 um 18:54

Ich glaube, der Weinzierl lässt genau so trainieren. Nur gibt es einen Minuspunkt, wenn man durch eines der mittleren Tore schießt. 🙂

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