Donnerstag, 22.06.2017

Türchen 21: 1. FC Magdeburg – AC Milan 1974

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Der 1. FC Magdeburg feiert den größten Tag seiner Historie. Im Feyenoordstadion zu Rotterdam wurde der favorisierte Pokalverteidiger AC Milan nach einer tadellosen Vorstellung mit 2:0 bezwungen.

Die Krügel-Jungs triumphieren über konsternierte Italiener

UEFA Cup Winners‘ Cup, 8. Mai 1974 (Korrespondentenbericht aus Rotterdam)

Als Mannschaftskapitän Manfred Zapf die Trophäe von UEFA-Präsident Dr. Franchi überreicht bekam, wurde allen Sportsfreunden aus Magdeburg und den Trainern Heinz Krügel und Günter Konzack bewusst, dass sie Historisches erreicht haben.

Das Spiel vor knapp 6000 Zuschauern im „Kuip“ begann mit einem vorsichtigen Abtasten der Kontrahenten. Missverständnisse auf beiden Seiten führten zu einer zerfahrenen Anfangsphase, geprägt von Fehlpässen und Abstimmungsproblemen.

2016-12-21_magdeburg-milan_1974_grundformationenDer 1. FCM, der mit elf Spielern aus dem Bezirk Magdeburg antrat, versuchte sein Glück zunächst mit langen Bällen hinter die Verteidigerlinie der Mailänder. Der unermüdlich sprintende Jürgen Sparwasser schüttelte mehrfach Bewacher Giuseppe Sabadini ab, wurde aber in aller Regel vom umsichtigen Libero Karl-Heinz Schnellinger, der sein letztes Spiel im Trikot der Italiener absolvierte, gestoppt.

Die blau-weißen Magdeburger mussten sich im Mittelfeld einer engen Manndeckung erwehren. Angelo Anquilletti und Enrico Lanzi verfolgten die Flügelstürmer des 1. FCM auf Schritt und Tritt. Selbst wenn diese die Positionen tauschten, wichen Anquiletti und Lanzi nicht von ihren Fersen. Es war eine ermüdende Strategie, die der junge Trainer Giovanni Trapattoni seiner Mannschaft verordnet hatte.

Ulli Schulze im Tor wurde in der ersten halben Stunde jedoch nur einmal ernsthaft geprüft, als Carlo Tresoldi in der 28. Minute von der Strafraumgrenze scharf und platziert abschoss. Schnell wurde klar, dass der Favorit aus Mailand auf das Können seiner Solisten setzte, während sich die elf Aktiven in den blau-weißen Leibchen im kollektiven Kombinationsspiel versuchten.

Insbesondere Spielmacher Wolfgang Seguin und der 19-jährige Detlef Raugust auf der Außenbahn imponierten dem verwöhnten niederländischen Publikum. Magdeburg fand seinen Rhythmus auch durch das ausdauernde Aufrücken der äußeren Verteidiger. Helmut Gaube auf dem linken Flügel marschierte unermüdlich nach vorn. Auf der anderen Seite des Spielfeldes riss Jürgen Pommerenke das Geschehen häufig an sich. Er unterstützte beim Aufbau der Spielzüge und setzte Sparwasser, den es immer wieder auf die Außenbahn trieb, in Szene.

Wenn der 1. FCM überhaupt Schwächen offenbarte, dann vor allem bei geschwinden Passstafetten des Pokalverteidigers und geschickten Vorstößen von Gianni Rivera. Gaube war mit der schweren Aufgabe betraut, den Aktionsradius des Mailänder Mittelfeldregisseurs einzuengen. Und er löste es zumeist hervorragend, während Detlef Enge und Wolfgang Abraham den italienischen Sturmspitzen Tresoldi und Alberto Bigon wenig Spielraum ließen.

Obwohl die Mailänder im Mittelfeld viel Ruhe ausstrahlten, die Aktionen der Magdeburg zumeist vorhersahen und sich auf die Absicherung des routinierten Schnellinger verlassen konnten, kam kurz vor dem Seitenwechsel der Schock für den Pokalverteidiger.

Nach einem Kopfballduell an der Mittellinie marschierte Martin Hoffmann die linke Seite entlang. Seine scharfe Flanke nach innen wurde zum Entsetzen der Mailänder von Lenzi ins eigene Tor abgelenkt. Das Selbsttor des italienischen Verteidigers gab den Magdeburgern bis zum Seitenwechsel im „Kuip“ noch mehr Sicherheit in ihren Aktionen.

Der 1.FCM blieb auch zu Beginn der zweiten Halbzeit dominant. Umgehend hätten Krügels Spieler auf 2:0 erhöhen können, als Hoffmann scharf abschoss. Für den schon geschlagenen Schlussmann Pierluigi Pizzaballa konnte Sabadini noch auf der Linie retten.

Die Zeit lief gegen den AC Milan. Und die Startruppe aus Italien wurde immer ungehaltener. Aber die flexible Manndeckung des 1.FCM und die ruhige Art von Stopper Manfred Zapf machten die Angriffsversuche zunichte. Im Gegenzug überzeugten Seguin, Mittelfeldkollege Axel Tyll und die Stürmer in Blau und Weiß mit sauberer Ballführung bei Konterangriffen.

Die Entscheidung fiel in der 73. Minute, als ein Durchbruch auf dem linken Flügel gelang. Sparwasser brachte den Ball nicht im Mailänder Gehäuse unter, aber die Elbestädter erkämpften sich das Spielgerät umgehend zurück. Eine geschlenzte Flanke von Tyll landete bei Seguin, der von rechts aus spitzem Winkel einschoss.

Der 1. FCM imponierte mit seiner Spielweise und zeigte keinen Respekt vor den großen Namen des viermaligen Europapokalgewinners aus Mailand, welcher unter Führung vom 35-jährigen Trapattoni bis zum Abpfiff des souveränen niederländischen Schiedsrichters Arie van Gemert eine ineffektive Taktik praktizierte.

Die Offiziellen der UEFA sowie auch Trapattoni bezeichneten den Sieg der Elbestädter als verdient und erklärten, dass sie vor dieser Begegnung dem amtierenden Meister der DDR eine solche „solide und überzeugende Leistung“ kaum zugetraut hätten.

(angelehnt an den Bericht des Sonderberichterstatters Max Schlosser aus Neues Deutschland vom 9. Mai 1974)

Ernie Berenbroek 14. Januar 2017 um 18:49

Gianni Rivera würde ich beim AC Milan statt auf der Halbposition eher zentral im Mittelfeld positionieren und Benetti halbrechts. Rivera war ein echter Spielmacher mit spielerischer Freiheit wie zu damaliger Zeit z.B. Günther Netzer. Riveras Vorstöße kamen meistens aus dem zentralen Mittelfeld.

Meine taktische Darstellung dieses Spiels steht auf: voetbalfinales.webklik.nl/page/cupwinnerscup-pokalsieger-ec2

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Schorsch 14. Januar 2017 um 22:05

Gianni Rivera hat als etablierter Spieler fast immer im zentralen Mittelfeld agiert, mitunter etwas weiter vorne zentral hinter der Spitze. In seiner ganz frühen Zeit wurde er im rechten Mittelfeld bzw. auf Rechtsaußen aufgeboten, aber das hat nicht lange gewährt. Insofern glaube ich auch, dass er auch in diesem Finale zentral und nicht halbrechts gespielt hat. Es kann sein, dass die Positionierung Riveras in der Grafik aus der nominellen Positionierung Helmut Gaubes als Linksverteidiger her rührt. Dessen Vorstöße auf links (bei eigenem Ballbesitz) werden im Artikel erwähnt. Gaube spielte seinerzeit eher in der unterklassigen zweiten Mannschaft des FCM, wurde aber auch in der ersten öfters eingesetzt. Normalerweise spielte Klaus Decker auf der Linksverteidigerposition, aber dieser war für das Finale gesperrt. Meine Erinnerung ist da nach all den Jahrzehnten naturgemäß nicht mehr so ganz einwandfrei 😉 , aber ich meine, dass Gaube zentral als direkter Gegenspieler Riveras eingesetzt war. Er war so etwas wie ein ‚Schatten‘ Riveras und folgte diesem quasi überall hin, wohin er sich auf dem Feld bewegte. Dies wird im Artikel auch angedeutet. Rivera wich dabei häufiger etwas nach rechts aus, was die Positionierung auf der Grafik im Artikel erklären könnte. Da Rivera nicht gerade ein defensivfreudiger Mittelfeldspieler war (mit anderen Worten: Er war lauffaul und die Arbeit nach hinten war ihm fremd 😉 ), konnte Gaube bei eigenem Ballbesitz auch nach vorne stoßen. Rivera folgte ihm nicht und so schufen die Magdeburger das eine oder andere Mal bei ihren schnellen Angriffen Überzahl.

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Ernie Berenbroek 21. Januar 2017 um 19:29

Gianni Rivera war seine Zeit weit voraus und spielte damals schon öfters wie ein heutiger Zehner. Ich interesiere mich besonders für richtige Positionerung in Grafiken, weil ich eine Webseite führe mit Aufstellungen sämtlicher Endspiele aller Europäischen Wettbewerbe, Europa- und Weltmeisterschaften, sowie des Weltpokals für Klubs. Viele Bücher, Internetseitenund andere Quellen zeigen oft falsche, taktische Darstellungen. Spielverlagerung liegt dagegen oft richtig und hat mir deshalb schon sehr viel geholfen.

Lieber Schorsch, ich würde es sehr begrüssen wenn Sie sich meine Webseite mal ansehen würden und auf mögliche Fehler hinweisen würden.

voetbalfinales.webklik.nl/page/homepage

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savona 1. Januar 2017 um 21:47

Ja, solche Unternehmerpersönlichkeiten wie etwa auch Claus Hipp (nomen NON est omen 😉) mit einem großen Verantwortungsgefühl für ihre Belegschaft und womöglich weitere Nachhaltigkeitsaspekte genießen zurecht viele Sympathien.

Abgesehen von den signifikanten Unterschieden finde ich meinen Vergleich mit Hoffentlich unter einem anderen Blickwinkel gar nicht so dumm. Auch Hopp hat sich langfristig für seinen Klub engagiert, auch als der noch ein unbekannter Dorfverein war. Wattenscheid wurde seinerzeit, wenn ich mich nicht täusche, von den Rivalen der alten Regionalliga West – damals direkt unter der Bundesliga angesiedelt – ähnlich argwöhnisch beobachtet wie später Hoffenheim. Analogien halt unter verändern gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

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Hannes 22. Dezember 2016 um 11:02

Ich habe den ganzen Artikel jetzt mit der typischen „Wochenschaustimme“ gelesen, so wie auch Stermann & Grissemann ihre Cordoba-Parodie (Deutschland gegen Deutschland 😉 ) kommentieren. Passt sehr gut. 😀

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Schorsch 21. Dezember 2016 um 10:08

Wie geil ist das denn? Ja, so waren die Sportberichte in ‚Neues Deutschland‘. Betont sachlich, wenig Emotionalität, die typischen Fußballfloskeln der damaligen Zeit (die es im Westen wie im Osten gab), die typischen DDR-Floskeln (wenn auch eher versteckt, im Gegensatz zu den Artikeln in den anderen Ressorts). Viel Individualität blieb da nicht, da waren die ‚Berichterstatter‘ austauschbar. Eine sehr gute Idee und eine saubere Umsetzung von CE, super! Wieviel CE und wieviel Max Schlosser steckt denn nun in dem Artikel?

Und ja, der 1. FC Magdeburg war ein Topteam damals und der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger kam nicht von ungefähr. Die Magdeburger wurden aufgrund ihrer Spielweise seinerzeit öfters mit Borussia Mönchengladbach verglichen (Dynamo Dresden mit Bayern). Heinz Krügel war ein Spitzentrainer, stieg mit Magdeburg auf, holte Meisterschaften und Pokalsiege und als Höhepunkt den Europacup. Spieler wie Hoffmann, Sparwasser und andere wurden unter ihm Nationalspieler. Seine taktischen anweisungen wurden als kurz, knapp und sehr präzise beschrieben. Er erwartete dann auch die exakte und konsequente Umsetzung. Und er war ein einwandfreier Sportsmann, der sich auch Stasianweisungen widersetzte. Was ihm dann seine Karriere beim 1. FC Magdeburg gekostet hat; er wurde zu einem bedeutungslosen Club ‚delegiert‘.

Der DDR-Fußball war in jenen Tagen auf seinem höchsten Niveau. In der Bundesrepublik und im westlichen Ausland unterschätzt, wie offensichtlich auch der AC Milan den 1. FC Magdeburg unterschätzt hat. Es war das letzte Spiel des Karl-Heinz Schnellinger für seinen Club. Schnellinger war einer der besten Abwehrspieler der Welt zu seiner Zeit, ein Klassemann.

Vielen Dank nochmals an CE für dieses ‚Adventstürchen‘!

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savona 22. Dezember 2016 um 09:52

Zu den – damals mit Hin- und Rückspiel angesetzten – Spielen um den europäischen Supercup gegen Bayern München kam es nicht, wenn ich mich recht entsinne, weil von DDR- Seite abgelehnt (kann mich aber auch irren). Dafür wurden dann beide Teams im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister zusammengelost. Nach der fürs BRD-Team am Ende eher heilsamen Niederlage bei der WM ein weiteres brisantes innerdeutschen Duell, mit vielen Parallelen zum Achtelfinale des Vorjahres gegen Dynamo Dresden: beide Male mussten (diesmal nachhaltiger) kriselnde Bayern gegen Top – Teams aus der DDR antreten, die schon die Hinspiele in München mit viel Selbstbewusstsein und Spaß am Toreschießen angingen. Magdeburg sogar direkt nach Spielbeginn, mit Hoffmann und Sparwasser kamen die Bayern zunächst überhaupt nicht zurecht, drehten allerdings später den 0:2-Rückstand aus der ersten Halbzeit zu einem 3:2-Sieg und gewannen das Rückspiel relativ souverän. Dennoch: Magdeburg war wohl, vom Finale gegen ein überlegenes Leeds United mal abgesehen, der schwerste Gegner auf dem Weg zur erfolgreichen Titelverteidigung in einer völlig verkorksten BL-Saison.

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Schorsch 22. Dezember 2016 um 21:05

Stimmt, es war der DDR-Fußballverband, der eine Teilnahme des 1. FC Magdeburg am Supercup verboten hatte.

Bayern hatte im erwähnten Hinspiel im Europacup erhebliche Probleme, über beide Begegnungen gesehen kam man in der Tat dann souverän weiter. Ich hätte den ‚Whites‘ im Finale den Sieg wirklich gegönnt. Zum einen hatten wir nicht lange vorher gegen die Nachwuchsmannschaft von Leeds in einem Freundschaftsturnier gespielt und die Jungs waren wirklich so, wie man sich damals Fußballer von der Insel vorstellte. Trinfest sowieso… 😉 Zum anderen gehörte Billy Bremner zu meinen Lieblingsspielern. Seit damals bin ich Sympathisant von Leeds United, habe nach wie vor gute Kontakte zu einigen Spielern von damals und bin ab und an auch in Leeds zu Besuch gewesen. Nicht schön, eher rau, aber herzlich. Manchmal stimmen Klischees einfach. Und die Atmosphäre im Stadion ist so gefürchtet wie einmalig. Die ‚Peacocks‘ dürften auf der Insel die wohl fanatischsten supporter haben. Die feuern ihr Team auch noch an, wenn es mit 6 Toren zurückliegt… 🙂 Als wirklich ‚ungerecht‘ habe ich ein Jahr später den Sieg im Finale gegen Saint-Étienne empfunden. Das Spiel mit den eckigen Pfosten… 😉 That’s football…

Die Bayern schlitterten nach der grandiosen Saison 73/74 in eine Krise, die zunächst Udo Lattek den Job kostete, aber im Prinzip einige Spielzeiten anhalten sollte und mit einer zunehmenden Verschuldung einherging. Erst mit der Rückkehr Paul Breitners, der Verpflichtung des Gyula Lóránt-Schülers Pál Csernai als Trainer und der Übernahme der Managerposition durch Uli Hoeneß ging es wieder richtig aufwärts.

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savona 22. Dezember 2016 um 23:47

Beim AS St. Etienne („allez, les verts“) gab es in dieser Europapokalsaison und speziell im Finale gegen die im Halbfinale gegen Real (mit Netzer und Breitner) noch großartige Bayern ein ähnliches Phänomen wie zwei Jahre zuvor bei der WM im Falle der Argentinier: Teams aus Ländern, die seit längerem keine beeindruckenden Highlights aufweisen konnten (die Spiele um den Weltpokal, bei denen argentinische Klub erfolgreich mitmischten, waren meist üble Treterorgien) , überraschten positiv mit unerwarteter spielerischer Klasse – und waren vor allem, 40 Jahre später rückblickend betrachtet, erste Vorboten des Aufstiegs zweier neuer Topnationen im Weltfußball. Später sprach man nicht mehr viel von Houseman und Babington, 1974 aber waren sie Protagonisten einer besonders gegen den Titelfavoriten Italien sehr ansehnlich spielenden Albiceleste. Amoros und Rocheteau aus dem 76er ASSE-Team gehörten auch 1982 noch zu jener grandiosen Équipe tricolore, die den Sieg gegen das deutsche Team im Halbfinale von Sevilla mindestens so sehr verdient gehabt hätte wie St. Etienne im 76er Finale gegen abgezockte Bayern.

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savona 29. Dezember 2016 um 19:40

Amoros war gar nicht dabei. Habe ihn mit Janvion verwechselt, der an beiden Spielen beteiligt war.

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Schorsch 30. Dezember 2016 um 22:06

Das Spiel der Argentinier gegen Polen (3:2 für Polen) gehörte für mich zu den besten des 74er WM-Turniers. Ja, es stimmt, über die argentinische Nationalelf war man überrascht. Eben weil sie Fußball spielte und nicht wie noch in den 60ern nach allem trat, was sich bewegte. René Houseman und Carlos Babington waren die Protagonisten dieses neuen Stils. Houseman spielte bei der unseligen WM 78 in Argentinien bei den Gastgebern noch eine durchaus wichtige Rolle. Er kam in fast jedem Spiel zu Einsatz, auch im Finale wurde er eingewechselt. Kein Witz, gegen Babington habe ich sogar gespielt. Der wäre sicher auch für die WM 78 nominiert worden, wenn er nicht in Wattenscheid in der 2. Bundesliga Nord (yeah!) festgehangen hätte…

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savona 31. Dezember 2016 um 11:32

Gegen Babington gespielt? Respekt!

Schorsch 31. Dezember 2016 um 14:00

Alles halb so wild. Im Bereich des westfälischen und teilweise des niederrheinischen Fußballverbandes sind wir damals gegen so manche Größe aufgelaufen. Mit Carlos Babington und u.a. Hans-Günter Bruns, Jürgen Jendrossek und Ewald Hammes habe ich auch zusammen trainiert, allerdings nur für sehr, sehr kurze Zeit. Wäre gerne im Lohrheidestadion regelmäßig aufgelaufen, aber es hat aus mancherlei Gründen nicht gereicht. Es heißt ja oft, Babington hätte seine Karriere mit dem Wechsel zu Wattenscheid versaut. Ich sehe es nicht ganz so. Sicherlich wäre er einer für einen Erstligisten gewesen. Aber erstens hat Klaus Steilmann so schlecht nicht bezahlt (die meisten Spieler waren ja überdies in seinem Unternehmen beschäftigt), und zweitens wurde bei Wattenscheid ein durchaus gepflegter Ball gespielt. Die 09er standen für offensiven Kombinationsfußball, und das Niveau der 2. Bundesliga (damals noch in Nord und Süd aufgeteilt) war keineswegs das einer ‚Treterliga‘. Das war schon ein Ding, dass Steilmann Babington verpflichten konnte. Er war ja als Ersatz für Hannes Bongartz geholt worden, der zu Schalke gewechselt war (damals ein Rekordtransfer). Bongartz war damals ein toller Spieler. Wie der in den Aufstiegsrunden zur Bundesliga die Gegner durcheinandergewirbelt hat und welche Pässe der geschlagen hat, war schon Extraklasse. Später als Trainer hat er als erster (oder einer der ersten) in der Bundesliga mit einer Viererkette und einem 6er davor spielen lassen. Tempi passati. Heute abend werden die alten Geschichten wieder Urständ erleben und die aktuelle Situation ‚fachmännisch‘ beurteilt. Zumindest solange die ‚besseren Hälften‘ uns lassen. Auf die Zukunft wird dann jedenfalls gemeinsam angestoßen. Guten Rutsch und bis zum nächsten Jahr! 😉

savona 31. Dezember 2016 um 15:07

Wattenscheid war damals ein interessantes Projekt, vielleicht eine Art Vorstufe zu Hoffenheim, was das langfristige Engagement des Mäzens resp. Sponsors anbelangt sowie die durchaus beachtlichen Erfolge. Da gab es natürlich auch noch Jean Löring bei Fortuna Köln. Was bei Steilmann aber auch ins Auge stach, war die Einbindung seiner Tochter ins Management. Damals noch etwas Besonderes. Wie erfolgreich das sich dann im Rückblick darstellt, da bin ich mir nicht so sicher. Dir auch einen guten Rutsch!

Schorsch 1. Januar 2017 um 20:44

Bin gut hineingerutscht. Mit Steirischer, Schifoan und dem einen oder anderen Obstler.

‚Projekt‘ würde ich das Engagement Klaus Steilmanns bei Wattenscheid 09 nicht nennen, auch nicht das Hans Lörings bei der Kölner Fortuna. Beide waren Unternehmer, die sich für ‚ihren‘ Club voll einbrachten. Finanziell ohnehin, aber auch zeitlich und was das Engagement als solches betrifft. So wie es in den unteren Klassen sehr häufig auch heute noch anzutreffen ist. Wattenscheid war sicherlich strukturierter entwickelt und aufgebaut worden als Fortuna, aber ein Vergleich mit Hoffenheim oder nun RB Leipzig kann man nicht ziehen. Irgendwie sind beide Clubs Symbole einer vergangenen, nicht mehr existenten Zeit gewesen, welche den veränderten Bedingungen der ’neuen Zeit‘ nicht mehr gewachsen waren.

Steilmanns Unternehmen war im Grunde ein Spiegelbild. Gegründet gegen Ende der Wirtschaftswunderzeit, führte Steilmann es als self-made-Unternehmer stetig nach oben. Er ließ in Deutschland produzieren, fokussierte sich auf den hiesigen Markt und war trotz all seiner Fehler ein fairer Arbeitgeber. Ein Patriarch alter Schule, ein rheinischer Kapitalist. Man hat ihm vorgeworfen, zulange dem Kostendruck infolge der Globalisierung standgehalten zu haben. Er wollte die deutschen Produktionsstandorte und die damit verbundenen Arbeitsplätze unbedingt halten. Das konnte sein Unternehmen nicht durchhalten, und hier kommt seine Tochter ins Spiel. Obwohl Tochter eines mittelständischen Unternehmers, war sie anders geprägt. Sie stand für das, was man Neoliberalismus nennt. Für Kostenreduzierung (=Arbeitsplatzabbau), Internationalisierung, Öffnung für Fremdkapital, Management statt Unternehmerverantwortung. Ich gebe zu, dass ich diesbezüglich gnadenlos reaktionär bin. Was gerade chic oder neudeutsch hip ist, muss nicht zwangsläufig das beste sein. Klaus Steilmann hätte Hannes Bongartz als Trainer wahrscheinlich nicht entlassen, seine Tochter als Managerin hatte da weniger Skrupel. Die Methoden der neuen Zeit sind weder dem Unternehmen, noch dem Club gut bekommen.

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