Türchen 23: Arrigo Sacchi

Aus einem provinziellen Querkopf wird eines der meist beachtetsten Masterminds des Weltfußballs. Arrigo Sacchi steht wie nur wenige andere Trainer für die Evolution des Spiels. Und er steht wie nur wenige andere im Sport für Paradigmenwechsel.

Seine Karriere verlief nicht wie von so vielen, die zunächst auf dem Feld Erfolge feiern und später die Transformation zum Fußballlehrer schaffen. Sacchi ist der Schuhverkäufer aus der italienischen Provinz, der sich schon in der Kindheit eher in der Rolle des Schachspielers statt in der einer Schachfigur sieht. Seine Berufswünsche: Dirigent, Regisseur oder Fußballtrainer.

„Ich hatte einen guten Lehrer, der mir erklärte, dass es der Trainer ist, der einer Mannschaft ihr Spiel gibt, so wie ein Autor, der eine Idee hat und daraus eine Geschichte schreibt“, rekapituliert Sacchi später. „Der Gedanke, elf Menschen beizubringen, sich wie eine einzige Person zu bewegen, macht mir immer noch Gänsehaut.“

Er selbst schnürt über ein Jahrzehnt lang die Stiefel für den Fusignano CF aus seiner Heimatstadt, muss aber in der Schuhfabrik seines Vaters für den wirtschaftlichen Erfolg der Familie schuften. Während dieser Zeit trägt Sacchi keine Scheuklappen. Er beobachtet mit offenen Augen die Großen des Sports. Insbesondere Ajax und die niederländische Nationalmannschaft – die Vorreiter des Totaalvoetbal – begeistern den Jungen aus der Provinz Ravenna.

Ihm gefallen „immer schon Mannschaften, die ein Spiel dominieren, den Ball besitzen wollen und Emotionen bei den Zuschauern wecken.“ Einzelspieler sind dann nicht mehr wichtig. Italienische Teams dominieren gerade in den 1960er Jahren, langweilen aber gelegentlich das Publikum – unter ihnen auch Sacchi: „Für mich waren nicht so sehr die Erfolge wichtig, als vielmehr die Art, wie diese zustande kamen.“

Geistig ist Sacchi bereits früh in seiner Karriere auf einem absoluten Spitzenniveau. In der Theorie weiß er, wie ein modernes – und damit pressingstarkes sowie ballbesitzdominantes – System auszusehen hat. Ihm fehlen jedoch das Renommee und auch das Selbstbewusstsein. In den Niederungen des italienischen Fußballs will keiner seine Spinnereien hören.

Sacchis Trainerkarriere beginnt in seiner Heimat. Ganz unspektakulär. Mit 26 hängt er seine Schuhe an den Nagel und übernimmt einen Posten bei Baracca Lugo. Es ist für ihn eine „Lehrphase“. Denn dort respektiert ihn niemand. „Mein Torhüter war 29 und mein Stürmer 32. Ich musste sie für mich gewinnen“, analysiert Sacchi rückblickend. Sein damaliges Ich bezeichnet er als „fleißigen Arbeiter“. Wenig deutet auf seine Genialität hin. Viel jedoch auf seine Besessenheit. Er lässt seine Spieler täglich antanzen. Zuvor undenkbar.

Sacchi in den 1980er Jahren. Quelle hier.

Sacchi in den 1980er Jahren. Quelle hier.

Stationen in den benachbarten Cesena und Rimini bedeuten: Juniorenfußball oder Regionalliga. Das soll sich zunächst auch nicht ändern, als er die Jungtalente der Fiorentina betreut. Seine Zonendeckung dominiert die engen Mann-zu-Mann-Schemen der kleinen Klassen. Es sind aber seine Leidenschaft und Hingabe, die andere Vereine aufhorchen lassen.

1985 folgt der Schritt zum S.S.D. Parma. Sacchi reift, obgleich er immer noch in den Niederungen trainiert. Sein Konzept der Universalität hebt die Parmigiani schnellstens in eine exponierte Stellung innerhalb der Serie C1. Sacchis Faible für den totalen, den niederländischen Fußball findet nun Anklang. Seine Spieler sollen sich auf diversen Positionen wohl fühlen. Er möchte ihre Fähigkeitenpalette erweitern.

Bereits in Fiorentinas Jugend und mit der Amateurmannschaft Riminis lässt er seine Kicker auf dem Feld rotieren. Nur ein kompletter Spieler ist ein Sacchi-Spieler.

Und er hat mittlerweile das Selbstbewusstsein, um gestandene Routiniers von seinen Ideen zu überzeugen. Sie müssen härter arbeiten. Für ihn müssen sie geistig flexibel sein. Sacchis Pressingsystem verlangt viel. Die Linien bleiben ständig kompakt. Es braucht Absicherungen zur Restfeldverteidigung. Im Konter- und Umschaltspiel müssen fünf Meter pro Sekunde zurückgelegt werden. In Ballbesitz sind alle konstant in Bewegung.

Soweit so gut. Aber man beachte: Mitte des Jahrzehnts steckt er in der Serie C1. Doch schon vier Jahre später gewinnt Sacchi den European Cup. Wie kommt es zum kometenhaften Aufstieg?

Eine wichtige Schlüsselfigur in Sacchis Karriere spielt der geborene Bösewicht Silvio Berlusconi. Der Medienunternehmer wird 1986 Besitzer des A.C. Milan. Damals noch mit Nils Liedholm an der Seitenlinie. Der Schwede befindet sich in seiner zweiten Amtszeit bei den Rossoneri, wird aber bald schon von Sacchi ersetzt.

Dieser erinnert sich an die Vorkommnisse jener Tage: „Wir waren mit dem AC Parma gerade in die zweite Liga aufgestiegen und hatten den AC Mailand überraschend zweimal im Pokal mit 1:0 besiegt. Nach unserem ersten Sieg sagte Silvio Berlusconi zu mir, er werde meinen Weg aufmerksam verfolgen. Nach dem zweiten Sieg gab er mir einen Vertrag.“

Mit einem Schlag trainiert Sacchi nicht mehr die Marco Ferraris und Walter Dondonis dieser Welt. Seine Spieler tragen nun klangvolle Namen wie Franco Baresi oder Marco van Basten. Die Skepsis ist anfangs groß. Doch mit Berlusconis Geldbeutel und Sacchis Gehirn werden die Rossoneri zu Unsterblichen.

Steve Amoia von World Football Commantaries beschreibt die Beziehung der beiden wie folgt: „Ähnlich wie Sir Bobby Robson und Louis van Gaal für den jungen, weithin unbekannten José Mourinho war Berlusconi ein Förderer Sacchis. Er erkannte sein Talent und setzte auf ‚Mister Nobody‘, um Sacchi zu zitieren. Das Resultat waren acht Pokale in vier spektakulären Jahren.“

Gli Immortali Teil 1: Der schnelle Scudetto

„Er war sehr hart. Das Training war manchmal etwas verrückt“, erinnert sich Paolo Maldini, der mit Sacchi seinen Aufstieg im Profifußball erlebt. „Er ließ dich dieselben Dinge ständig wiederholen – vor allem uns Verteidiger. Jeden Tag. Aber wenn Baresi, Costacurta, Tassotti und ich uns heute treffen, dann können wir immer noch wie damals spielen. Es bleibt im Kopf. Das war eines unserer Erfolgsrezepte.“

Milan 1987/1988

Milan 1987/1988

Sacchi führt bei den Rossoneri eine heute geläufige Trainingsform ein: so genannte Trockenübungen. Seine Spieler müssen als Kollektiv, aber ohne Ball, ihre Formation halten. Und gegebenenfalls auf den Gegner reagieren.

Einer Erzählung zufolge verstecken sich hin und wieder Spione in den Gebüschen. Doch sie können Sacchis Training keine Erkenntnisse abgewinnen. Es fehle schließlich der Ball. Wahrscheinlich ist dieser Amateur verrückt geworden. Sacchi lacht zuletzt.

1987/1988, in seiner ersten Saison, gewinnt er den Scudetto und verweist Vorjahressieger Napoli auf Rang zwei. Die Rossoneri bestechen durch eine derart raumintelligente Spielweise, dass viele Gegner schlichtweg überfordert sind, mit dem was ihnen präsentiert wird.

Wichtiger Schlüsselspieler ist Carlo Ancelotti. Im System Sacchis agiert er zunächst als zentrale Figur im Mittelfeld. Der damals 28-Jährige muss größere Zonen bewachen, erhält aber die Unterstützung von einem ganzen Quartett an Spielern. Insbesondere Baresi schiebt häufig aus der Abwehr heraus. Aber auch Freigeist Ruud Gullit spielt einen essentiellen Part. Obwohl der Niederländer zuweilen als nomineller Außenstürmer aufgeboten wird, zeichnet ihn ein diagonales Rückzugsverhalten aus, wodurch er die Spitze einer situativen Raute ausfüllt.

Interessanterweise kommandiert Sacchi seine beiden eigentlichen Flügelspieler zu drastischer Defensivarbeit ab. Die einrückenden, raumverdichtenden Bewegungen um Ancelotti herum kreieren einen engen Mittelfeldblock.

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Der Linksverteidiger rückt auf den Ballführenden heraus und nutzt seinen Deckungsschatten, um das Zuspiel auf den Flügelstürmer zu verhindern. Der Nebenmann blockiert außerdem den inneren Passweg.

Der ballnah vorrückende Außenverteidiger stopft unterdessen den Freiraum an der potenziell gefährdeten Außenseite des Blocks.

Sacchis Verteidiger operieren vielfach mit Elementen wie Deckungsschatten und Passwegbedrohung. Für das Auge des italienischen Beobachters mag ein aggressiv vorstoßender Außenverteidiger wie Harakiri aussehen, ist aber in Wirklichkeit das beste Mittel, um schnelle Flügelangriffe zu verhindern.

Sie missachten Manndeckungsschemen und kleben folglich an keinem Stürmer. Passwege und Bewegungszonen werden höher gewichtet als Eins-gegen-Eins-Duelle.

Mit 43 Toren in der Serie A erzielen die Rossoneri keine beachtliche Anzahl an Toren. Marco van Basten kämpft mit Verletzungen. Pietro Paolo Virdis erzielt als bester Torjäger immerhin elf Treffer.

Daniele Massaro findet sich im System von Sacchi nur schwerlich zurecht. Beide führen vermehrt hitzige Diskussionen. Massaro bleibt auf der Strecke.

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Einfacher Verschiebemechanismus infolge von Ancelottis seitlicher Rückfallbewegung.

Die Bewegungen der Angreifer sind in dieser Spielzeit vor allem Beiwerk. Sie initiieren nichts, sondern reagieren nur. Seitlich ausweichende Läufe fungieren lediglich als Mittel, um die Breite im letzten Spielfelddrittel zu besetzen, sofern die nominellen Außenspieler diagonale Wege nach innen gehen. Oder Milans Angreifer wollen sich lediglich der gegnerischen Manndeckung entziehen.

Im Spielaufbau ist einmal mehr Ancelotti der Fixpunkt, aber im selben Moment auch der Gestalter. Seine herauskippenden Initialbewegungen fordern die Mitspieler zum Handeln auf.

Mechanisch präzise – aber doch flüssig im Kollektiv – verschieben Gullit und Co., sodass sich automatisch Dreiecke ergeben. Die fluide, makrotaktische Ausrichtung in Kombination mit dem intelligent mikrotaktischen Einzelspielerverhalten generiert eine Ballzirkulation ohne abruptes Abstoppen.

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Gullits diagonale Bewegungen erzeugen ein Dreieck mit dem herausgekippten Ancelotti. Baresi füllt die Lücke.

Falls das Milan der Saison 1987/1988 einen Fehler hat, dann ist es die direkte Zweikampfführung im defensiven Umschalten. Baresi zeigt große Gegenpressingpräsenz im Mittelfeld. Über die Flügel hingegen sind die Lombarden hin und wieder anfällig.

Sie gewinnen den Scudetto, scheiden aber im UEFA Cup bereits in der zweiten Runde gegen den späteren Finalisten RCD Español aus. Eine 0:2-Niederlage im Hinspiel in Lecce verkommt zum Tiefpunkt der Saison.

Die Presse schreibt bereits von einer bevorstehenden Entlassung. Aber Berlusconi, Sacchis Förderer, taucht umgehend auf dem Trainingsgelände Milanello auf.

„Diesen Trainer habe ich gewählt und er genießt mein absolutes Vertrauen. Wer seinen Ideen folgt, kann bleiben, alle anderen müssen gehen“, macht der Präsident den Spielern deutlich.

Gli Immortali Teil 2: Der erste Henkelpott

Im zweiten Jahr der Sacchi’schen Amtszeit drehen sie das Momentum auf internationalem Parkett. Während in der heimischen Serie A lediglich ein dritter Platz sowie ein zwölf Punkte großer Abstand auf Stadtrivale Internazionale zu Buche stehen, triumphieren die Rossoneri im European Cup.

Milan 1988/1989

Milan 1988/1989

Sie liefern sich große Schlachten mit Crvena Zvezda und Werder Bremen. Sie zerlegen Real Madrid im Halbfinale in alle Einzelteile. Und im Endspiel erlebt Steaua București sein rot-schwarzes Wunder. Keiner schmunzelt mehr über Sacchi.

Der Kader bleibt nahezu unverändert. Eine Ergänzung ist zugleich das letzte Bausteinchen in Sacchis Maschinerie, das zuvor fehlt. Frank Rijkaard kommt von Sporting, nachdem er sich bei Ajax mit Trainer Johan Cruijff überwirft. Bei den Portugiesen kann er aufgrund eines zu spät stattgefundenen Transfers nicht antreten. Die Karriere des Niederländers befindet sich in der Schwebe. Da kommt der Anruf Sacchis zur rechten Zeit.

Der Maestro stellt nun konsequent auf 4-4-1-1 um. Van Basten kommt wieder zu Kräften und schießt Tor um Tor. Gullit bleibt Freigeist, findet sich aber in einer verbindenden Rolle wieder. Rijkaard sorgt an der Seite Ancelottis für physische Imposanz und strategisches Denken. Die Flügelspieler erhalten bei Ballbesitz größere Freiheiten. Erst jetzt sind sie wirklich die Unsterblichen.

Rijkaard ändert die gesamte Balance der Mailänder Mannschaft. Muss Ancelotti vorher noch an seine Grenzen gehen, um die horizontal weiträumige Position im zentralen Mittelfeld auszufüllen, ist es nun Rijkaard der zum zentralen Raumblocker wird. Baresi startet häufiger von der halblinken Seite, weil er nun eher das Loch neben Rijkaard füllen muss.

Zudem offeriert der niederländische Neuzugang weitläufige Box-to-Box-Bewegungen und damit eine neue physische Komponente im Angriffsspiel. Die breitere Formation ermöglicht Flankenangriffe. Rijkaards sowie Van Bastens und Gullits Präsenz im Strafraum des Gegners dienen als passendes Werkzeug, um einfache Tore auf die Anzeigetafel zu bringen.

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Ancelotti als Ballverteiler an der Seitenauslinie. Rijkaard besetzt die große Zone im Mittelfeld, während aus der Innenverteidigung ein Spieler nachschiebt.

Ancelotti rückt unterdessen in eine verstärkt abseitige Rolle. Im Dreieck mit Donadoni und dem jungen Maldini gibt Carletto zunehmend den Spielgestalter an der Seitenlinie. In der ersten Aufbauphase postiert er sich sehr breit und empfängt fernab des gegnerischen Zugriffs den Ball. Anschließend bieten ihm Donadoni eine diagonal-offensive, Maldini eine vorderlaufend-dynamische und Rijkaard eine horizontal-statische Anspieloption.

Infolge dieser kleinen Rochaden und mit entsprechenden gruppentaktischen Elementen sind die Rossoneri für die Manndeckungsfetischisten der Fußballwelt nur schwer zu greifen. Es befreien sich nicht nur einzelne Spieler als autonome Individuen. Sie lösen die Fesseln der Bewachung in einem organisch, durchstrukturierten Prozess. Nicht jeden Mechanismus zeichnet Sacchi im Vorhinein auf die Taktiktafel. Vieles entsteht in den Köpfen seiner Spieler. Sie erlangen ein neues Verständnis für Raumstrukturen.

Wie beschreibt es Sacchi selbst? „Wir trainierten, um die Bewegungen aller elf Spieler zu synchronisieren. Der Grundgedanke war, ein Bewusstsein für die Zusammenhänge dieses Spiels zu schaffen. Alle elf Spieler sollten immer in einer aktiven Position sein, mit oder ohne Ball.“

Ebenso funktionieren die einfachen Abläufe. Rijkaard bietet sich für Vertikalpässe zwischen der zweiten und dritten Linie des Gegners an. Mauro Tassotti und Angelo Colombo doppeln die rechte Seite. Maldini zeigt intelligente Diagonalbewegungen mit und gegen den Ball. Entscheidungsfindungen wie auch reale Bewegungen des Jungtalents sind äußerst explosiv.

Die 4-4-2-Pressingformation ermöglicht derweil neue Variabilität, um auf etwaige tiefe Positionierungen des gegnerischen Spielmachers oder das schnelle Herausspielen auf einen Außenverteidiger zu reagieren.

Van Basten und Gullit verhalten sich als vorderste Linie sehr diszipliniert. Sie belauern den zentralen Passweg, bleiben mit kurzen Schulterblicken aufmerksam und wissen folglich, wann und wohin sich ein Gegenspieler in ihrem Rücken bewegt. Jedoch lassen sie sich nicht dazu verleiten, Verfolgungsläufe zu starten. Denn eben jene würden die Statik des Sacchi’schen Pressings arg gefährden.

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Herausrücken Ancelottis. Donadoni belauert den Flügelpassweg. Im Zentralen Mittelfeld wird horizontal nachgeschoben. Der Linksverteidiger kann gegebenenfalls im Halbraum vorstoßen.

Vielmehr sind sie sich im Klaren darüber, dass bei erfolgreichem Initialpass des Gegners, ein Mitspieler aus dem Mittelfeld herausrücken wird. Zudem sind die beiden niederländischen Offensiven in entsprechende Abläufe zum Attackieren des ballempfangenden Außenverteidigers eingebunden. Sobald das gegnerische Team nach außen spielt, stößt der jeweilige ballnahe Zentralspieler nach vorn und nimmt dem Außenverteidiger die Sicht.

Milan steht nun im 4-3-3. Der verbliebene Sechser sowie die beiden Flügelakteure ziehen sich langsam mit Tendenz zur ballnahen Seite zusammen. Der lineare Passweg auf dem aktiven Flügel wird belauert. Gegebenenfalls kann der jeweilige Außenverteidiger in den Halbraum vorstoßen und ein kurzzeitiges 3-4-3 erzeugen. Die Lombarden zerstören jede erdenkliche Möglichkeiten für den Gegner, um Raumgewinn zu verbuchen. Sacchi hat eine perfekte Pressingmaschine erschaffen.

Gli Immortali Teil 3: Die Titelverteidigung und der Abschied

In der darauffolgenden Saison gelingt ein Kunststück, das bis heute keine Mannschaft mehr wiederholen konnte. Milan verteidigt den European Cup.

In der Serie A müssen sie sich mit Rang zwei hinter Maradonas Napoli begnügen. Der Kader bleibt weitestgehend unverändert. Sacchi ist zufrieden mit dem, was er hat.

Auf internationaler Bühne muss sich erneut Real Madrid geschlagen geben. Im Halbfinale kommt es zum mit Spannung erwarteten Duell gegen Bayern München. Nach einem 1:0 im San Siro gleicht Thomas Strunz im Rückspiel nach rund einer Stunde aus. Es geht in die Verlängerung. Ersatzstürmer Stefano Borgonovo erzielt das wichtige Auswärtstor. Den Bayern gelingt nur noch ein weiterer Treffer, sodass Milan im Wiener Praterstadion den Titel durch ein knappes 1:0 gegen Benfica verteidigen kann.

Milan 1989/1990

Milan 1989/1990

Den Zenit scheint Sacchis Mannschaft langsam überschritten zu haben. Die mangelnde Auffrischung des Kaders ist ein Faktor. Zum anderen laugt Sacchis Training bis zum letzten Tropfen Blut aus. Auch der Maestro bemerkt Erscheinungen des Lagerkollers.

„Ich gab alles und forderte auch alles. Nach dem dritten Jahr war ich ausgelaugt. Die italienische Fußballszene sah in mir einen Umstürzler. Ich musste gegen alles kämpfen, auch gegen weite Teile der Presse. Das war ein großer Druck“, gesteht Sacchi selbst ein. „Ich habe 16 Stunden am Tag gearbeitet und nur an Fußball gedacht. Wie ein Besessener. Ich war überzeugt, dass man immer noch mehr und alles besser machen konnte.“

Dies gelingt dem notorischen Sonnenbrillenträger jedoch nur bedingt. Die Spielzeit 1989/1990 wird einerseits von besser austarierten Grundelementen, aber andererseits von einer größeren Gleichförmigkeit geprägt.

In der zweiten Pressingphase erfolgt die Trichterbildung nun in mechanischer Präzision. Die meisten Akteure befinden sich im dritten Jahr unter der Aufsicht Sacchis. Sie atmen, essen und schlafen mittlerweile seine Art von Pressingfußball.

Auch die Defensivvorstöße der Außenverteidiger sind perfekt abgesichert. Beide Sechser lassen sich genau zu jenem Punkt zurückfallen, an dem kein diagonaler Schnittstellenpass, sobald der Außenverteidiger seine Position verlässt, mehr möglich ist.

Die erste Pressingphase verliert jedoch ihr gewisses Etwas. Nun stürmen die Flügelspieler frontal auf die Außenverteidiger des Gegners zu. Diagonalität und Asymmetrie lassen in Gänze nach. Individuelle Fehler sowie leichte Abstimmungsschwierigkeiten in der Abwehrkette nehmen derweil zu. Der seitliche Ballfokus wird hin und wieder zur Falle. Gefährliche Topteams können mit schnellen Horizontalverlagerungen eben jene lokale Kompaktheit Milans für sich nutzen.

Aber: Die Rossoneri bleiben eine, wenn nicht sogar die beste Defensivmannschaft weltweit. Kleine Aussetzer wie gegen Bayern München im Halbfinale des Europapokals oder gegen Juventus im Finale der Coppa Italia wären verkraftbar, würde nicht die Offensivmaschinerie der Lombarden zunehmend ins Stocken geraten.

Ancelotti fällt phasenweise aus. Der Druck lastet auf den breiten Schultern Rijkaards. Der Niederländer ist überall zu finden. Sieht man ihn gerade noch abgekippt zwischen den beiden Innenverteidigern, ist er plötzlich im offensiven Halbraum und bedient mit einem geraden Schnittstellenzuspiel den nächstbesten Flügelangreifer. Doch allein kann er die nachlassenden Verbindungen im Mittelfeld nicht kitten.

Baresi greift immer häufiger zum langen Ball. Der Gegenpressingzugriff im Mittelfeld wird schwächer. Die Rossoneri wirken ihrerseits anfällig für frühes Pressing und Zonendeckung im zweiten Drittel. Sacchis Revolution scheint ihn langsam aufzufressen.

Rückblickend sagt er: „Drei Mannschaften haben den Fußball vorangebracht: Ajax Amsterdam, der AC Mailand und heute der FC Barcelona. Alle drei sind festgelegt auf Ballbesitz und schnelle Rückeroberung des Balles.“

Diese Dominanz geht zum Ende seiner Amtszeit verloren. Die Saison 1989/1990 schließt Milan noch erfolgreich ab. In der darauffolgenden Spielzeit sind die Risse zwischen Trainer und Mannschaft nicht mehr zu übersehen. Sacchis fordernde Art hinterlässt ihre Spuren. Der ausbleibende Erfolg in der Serie A ruft Kritiker auf den Plan.

Das eher unrühmliche Ende ist Milans Ausscheiden gegen Olympique Marseille im European Cup, als sich die Lombarden nach einem Stromausfall im Rückspiel weigern, die Partie fortzusetzen, und daraufhin aus dem Wettbewerb ausgeschlossen werden.

Sacchi selbst gilt allerdings schon lange als Trainergenie. In Italien, also in dem Land, das er aus dem Dornröschenschlaf gerissen hat, wird er trotz seiner eigenwilligen Art gefeiert. Die Medien und Tifosi nennen ihn den „Propheten von Fusignano“.

ESPNs John Brewin fasst es so zusammen: „Auf dem Milanello steht eine Sporthalle, wo das physisch anspruchsvolle Pressingspiel den Feinschliff verpasst bekam. Mittlerweile unbenutzt steht es als Monument für Sacchi. Der italienische Fußball war ängstlich defensiv – bis Sacchi ihn ergriff.“

Gli Azzurri: Die Kulturrevolution

Die Nationalmannschaft steckt Anfang der 1990er Jahre in einer gehörigen Krise. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land wird nicht gewonnen. Für die anstehende EURO ist die Qualifikation quasi abgeschrieben.

Im Hinblick auf die kommende WM greift der Verband deshalb auf die Geheimwaffe des heimischen Fußballs zurück. Arrigo Sacchi ersetzt 1991 den gescheiterten Cesenati Azeglio Vicini. Bei seinem Debüt gegen Norwegen reicht es nur zu einem Remis. Die EURO 1992 ist damit endgültig verloren. Das Ziel ist jedoch der Wiederaufbau der Squadra Azzurra.

Bei diesem Vorhaben setzt er defensiv auf die ihm bekannte Achse bestehend aus Maldini, Costacurta und Baresi. Offensiv ist der 1993er Weltfußballer Roberto Baggio der Fixpunkt. Gewiss vermisst Sacchi die Qualitäten seiner Niederländer. Aber mit Baggio sowie den Rossoneri Donadoni und Massaro kann er an einem stimmigen System arbeiten. Ein System, das – wenig überraschend – jenem vom Milan der 1980er stark ähnelt.

Formationsvarianten der

Formationsvarianten der Squadra Azzurra 1994

Sacchi muss sich allerdings der Kritik erwehren, wonach er Spieler seines ehemaligen Klubs, mit dem ihm immerhin der internationale Durchbruch gelingt, bevorzugt. Inters Walter Zenga und Giuseppe Bergomi, Sampdorias Roberto Mancini sowie Juves Gianluca Vialli werden für die WM nicht nominiert. Mit jedem Einzelnen liegt Sacchi im Streit.

Eine andere Lesart: Er nominiert nur Spieler, denen er hundertprozentig vertraut. Guten Gewissens muss er davon ausgehen, dass sie in jeder Situation die Intensität im Pressing hochhalten. Die Gier nach dem Ball, der Wille zur Dominanz – sie dürfen nicht abflauen.

Der Einzug ins Finale gegen Brasilien untermauert schlussendlich den Status Sacchis und rechtfertigt in der Öffentlichkeit seine Methoden.

Zudem stellt er unter Beweis, dass er mehr kann, als seine Spieler durch die wöchentliche Knochenmühle zu schicken. Mit der Squadra kann er nur sehr selten arbeiten. Die Nominierten unterliegen den Einflüssen ihrer Vereinstrainer. Umso stärker muss Sacchi seinen Stil ändern. Er kann keine Dogmen lehren. Er muss – mehr als je zuvor – als verständnisvoller Lehrer auftreten.

Die Trockenübungen und Pressingeinheiten aus seiner Mailänder Zeit kann er allenfalls in der unmittelbaren WM-Vorbereitung unterbringen. Bis dahin bereitet sich Sacchi akribisch vor. Er durchdenkt über zwei Jahre hinweg, jedwede Formationsmöglichkeit. Er beobachtet penibel die einzelnen Spielertypen, die in Frage kommen. Sacchi feilt bis ins letzte Detail an den Übungen, die dann im Sommer 1994 Anwendung finden.

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Von Sacchi skizzierte 4-3-3-Grundordnung sowie die dazugehörigen Aufrückbewegungen

Die Weltmeisterschaft ist von ihm und seinen Assistenten – darunter sein ehemaliger Spielgestalter Carlo Ancelotti – generalstabsmäßig durchgeplant. Die Weltmeisterschaft droht zum Debakel zu verkommen. Die Italiener verlieren ihr Auftaktspiel in East Rutherford gegen Irland mit 0:1. Es folgen ein knapper Sieg gegen Norwegen sowie ein Remis gegen Mexiko. Als einer der besten Gruppendritten kann Italien am Achtelfinale teilnehmen.

Dort schlagen sie in einer dramatischen Partie Nigeria in der Verlängerung. Die Entscheidung bringt Roberto Baggio – per Elfmeter. Zwei weitere 2:1-Siege gegen Spanien und Bulgarien bescheren den Finaleinzug. Im trägen Endspiel von Pasadena muss am Ende die Entscheidung im Elfmeterschießen gesucht werden.

Ministerpräsident Berlusconi verspricht Sacchi einen Kabinettsposten, sollte er den Weltpokal nach Hause bringen. Später scherzt Sacchi: Baresi, Massaro und Roberto Baggio verbauen ihm die politische Karriere. Das brasilianische Team um Dunga und Romário triumphiert zum vierten Mal bei einer WM.

Was zeichnet die Italiener im Jahr 1994 aus? Sacchis präferierte 4-4-2-Strukturen sind in Ansätzen erkennbar, aber fluider als bei Milan. Tendenziell agiert das Team aus einem 4-1-2-3 heraus.

Sacchi bindet alle zehn Feldspieler in das Liniensystem ein. Lediglich Roberto Baggio erhält gewisse Freiheiten, die er zu nutzen weiß. Der Starstürmer lässt sich gelegentlich in den Zwischenlinienraum fallen und nimmt zwischen den gegnerischen Manndeckern das Spielgerät auf. Anschließend verzögert Baggio kurz, um entweder seinen Sturmpartner oder einen vorstoßenden Außenstürmer per weiträumigen Steilpass zu bedienen.

2015-12-23_Italien_Skizze-Aufbau_Tiefenpässe

Sobald Baggio im Mittelfeld das Kommando übernimmt, ähnelt die Ballverteilung aus dem Zentrum diesen beiden Skizzen von Sacchi. Auffällig sind insbesondere die diagonalen Läufe der Flügelspieler, die in dieser Form die äußeren Deckungsspieler abschütteln sollen. Andererseits wird auch deutlich, dass der ballnahe Achter – häufig sehen Sacchis Skizzen eine Eröffnung über die rechte Seite vor – als kurze Anspielstation etwas tiefer positioniert ist.

Die Bewegungen Baggios erzeugen aufgeweichte Formationsschemen. Er pendelt meist zwischen einem Trequartista und der dritten Zentralposition im Mittelfeld. In der zweiten Welle stößt er des Öfteren bis hinter die Abwehrlinie vor und bietet sich somit als nächste zentrale Tiefenoption an.

Hin und wieder tauscht Baggio seine Position mit Massaro oder Giuseppe Signori. Ein Überraschungseffekt bleibt dadurch als Ass im Ärmel. Außerdem erzeugt Sacchi mit diesen Verschiebungen automatisch Dynamik innerhalb der Formation und folglich beim Eindringen in die gegnerische Hälfte.

Hohe Temperaturen verlangen der italienischen Mannschaft viel ab. Wenngleich Sacchi erneut ein hohes Angriffspressing als erste Phase in der Arbeit gegen den Ball einplant, muss er vereinzelt auf das Pressing Ultraoffensivo verzichten.

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So soll das Pressing Ultraoffensivo aus einem 4-1-4-1 heraus aussehen. Das Herausrücken des ballnahen Flügelspielers erzeugt eine Druckwelle, die durch stetiges Nachschieben aus dem Mittelfeld heraus aufrechterhalten wird.

Dann greifen die Italiener auf die altbewährten 4-2-4- oder 2-4-4-Staffelungen zurück, womit sie in einem orthodoxen Kettenspiel variable Zugriffsmöglichkeiten haben und dementsprechend Verformungen reibungslos ablaufen können.

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Tiefer 4-3-Block

Im Zuge von stärkeren Rückzugsbewegungen bilden sich als Alternative zu zwei Viererketten teilweise 4-3-Staffelungen. Das liegt darin begründet, dass die Italiener bei einigen Partien auf die Tempostärke ihrer Außenspieler setzen. Sie versuchen im Zentrum – die Abwehrformation darf nur in 40 Meter Breite stehen – einen Ballgewinn zu erzwingen und ihre enge Verbindung für eine schnelle Befreiungskombination zu nutzen.

Italiens Kombinationsspiel stellt bisweilen eine unterschätzte Komponente bei dieser WM dar. Die technisch versierten Zentralakteure, die wie etwa Demetrio Albertini ein herausragendes Auge für kurze und mittellange Passvarianten haben, kommen über einstudierte Dreiecksbildung und präzise Ablagen zu stetigem Raumgewinn. Und sie halten zudem den Spielrhythmus hoch. Bedächtiges Vorrücken liegt dieser italienischen Mannschaft nicht.

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Angedachte Kombination: Der Linksverteidiger eröffnet in dieser Variante den Angriff. Sein Vordermann bietet sich nach einer kurzen Curl-Bewegung für den Prallpass an. Unterdessen lässt sich der linke Offensivakteur zurückfallen und leitet auf den vor ihm postierten Angreifer weiter. Die Zick-Zack-Muster involvieren nun den zentralen Sechser, der den Angriff aus der Verengung lösen soll. Mittlerweile hat sein eigentlicher Nebenmann bereits den Weg über die Außenbahn gewählt, wodurch ein etwaiger Trigger dafür sorgt, dass der Außenstürmer entweder in den vorderen Zwischenlinienraum oder hinter die Abwehrlinie sprintet.

Sacchis Team hält sich im Turnier selten schadlos. Mehrfach kassieren sie einen Treffer. Deshalb sieht sich die Offensive umso mehr gefordert, die gegnerische Deckung mit schnellen Doppelpässen und Ablagen auszutricksen.

In der Verteidigung ist Sacchi zum ständigen Umbau gezwungen. Routinier Baresi begeht in der Auftaktpartie gegen Irland einen Fehler, bleibt aber trotzdem der Libero-hafte Fels in der Brandung. Er verletzt sich im zweiten Spiel am Meniskus. Als Konsequenz muss Sacchi seinen Übergangskapitän Maldini ins Zentrum ziehen. Auf beiden Außenpositionen sind deshalb offensivere Spielertypen aufgestellt, wodurch etwaige Situativdreierketten zur absoluten Seltenheit werden.

Baresi kehrt rechtzeitig zum Endspiel gegen Brasilien zurück. Die Abwehr Italiens steht über 120 Minuten nahezu durchweg stabil. Sacchi zaubert eine Variante des 4-4-2-Pressings aus dem Hut. Die drei jeweils ballnahen Mittelfeldspieler schieben extrem zum Flügel und bilden eine verkürzte Kette. Der ballferne Flügelspieler hingegen ordnet sich entweder in der vorderen oder in der letzten Linie ein.

Lokal verdichten die Azzurri das Spiel sehr stark, bleiben aber ansonsten locker gestaffelt. Das Resultat: Sacchis Team wirkt gegen Brasiliens schnelle Seitenwechsel stabil. Sie müssen im Verschieben nicht unmittelbar viele Meter zurücklegen, um Zugriff zu generieren. Vielmehr stopfen die Akteure, die von der anderen Seite nachschieben, etwaige Löcher oder bleiben raumdeckend im Zentrum.

Obwohl Italiens Verteidiger im Eins-gegen-Eins nicht immer einen souveränen Eindruck hinterlassen, kassieren sie kein Gegentor. Der Rest ist Geschichte. Roberto Baggio, Italiens Superstar und Sacchis große Hoffnung, schießt den letzten, den entscheidenden Elfmeter übers Tor.

Die Karriere des Arrigo Sacchi bleibt zumindest bei internationalen Turnieren ungekrönt. Zwei Jahre später scheitert er mit La Nationale in der EM-Gruppenphase. Seine Zeit in Amt und Würden ist vorüber. Die weiteren Stationen sind nicht von Erfolg gekrönt. Sacchi wirft nach enttäuschenden Monaten bei Milan und Atlético das Handtuch. Die Rückkehr zu Parma im Jahr 2001 wird von gesundheitlichen Problemen beeinträchtig.

„Der Fokus liegt heute auf Resultaten, nicht auf der Art und Weise, wie gearbeitet wird. Du kannst keinen Wolkenkratzer an einem Tag bauen“, sagt er einmal entnervt über die Schnelllebigkeit im modernen Fußball.

In den 2000ern wechselt er in die Direktorabteilungen von Parma und Real Madrid. Später gibt er sich ganz der konzeptionellen Arbeit im italienischen Nachwuchs hin. Der einstige Schuhverkäufer, der Außenseiter, der Provinzler ohne Namen hat seinen Stempel in der Geschichte des Sports hinterlassen.

Arrigo Sacchi, der „fleißige Arbeiter“, wird zum Selfmade-Vordenker. Ein Besessener, getrieben von der Idee eines totalen Fußballs und gelenkt vom Zwang zur Perfektion.

„Ein großer Trainer hat seinen eigenen Stil. Er strebt nach Qualität, nicht nach Oberflächlichem. Ich gehe nicht zum Bäcker des Bäckers wegen. Ich gehe zum Bäcker wegen der Qualität des Brots.“ (Arrigo Sacchi)

Ernie Berenbroek 27. Februar 2016 um 16:01

Ich meinte in meinen vorigen Beiträgen natürlich ‚Raute‘ statt ‚Reute‘. Deutsch bleibt für Niederländer eine schwierige Sprache.

Wer der wirkliche Erfinder der Raute im Mittelfeld war, bleibt unklar. England spielte ungefähr so ähnlich im 1966er WM-Finale, mit Nobby Stiles als Sechser und Bobby Charlton als Zehner. Danach verschwand diese Taktik bis Ende der 80er.

Auch der typische Zehner kehrte erst später wieder zurück. Maradonna spielte so bei der WM 1986. Besonder ist daß in Belgiën, nicht gerade ein Land wovon man taktische Überraschungen erwartet, 1984 ein Zehner auftauchte: der Däne Kenneth Brylle beim RSC Anderlecht im 1994er UEFA-Cupfinale.

Die taktischen Aufzeichnungen sind zu sehen auf http://www.voetbalfinales.webklik.nl

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Ernie Berenbroek 28. Februar 2016 um 15:02

Nochmals sorry: 1994er UEFA-Pokalfinale muss sein 1984er.

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Ernie Berenbroek 27. Januar 2016 um 13:22

Ich muss mich selbst korrigieren: Johan Cruijff spielte zwei Jahre zuvor (1987) mit Ajax Amsterdam bereits mit einer Reute, wie im Endspiel vom Europapokal der Pokalsieger gegen Lok Leipzig.

voetbalfinales.webklik.nl/page/cupwinnerscup-pokalsieger-ec2

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Ernie Berenbroek 27. Januar 2016 um 12:16

Milan spielte 1989 im Finale um den Weltpokal erstmals mit einer Reute im Mittelfeld, mit Rijkaard als Sechser und Donadoni als Zehner. Meistens wird mein Landsmann. Johan Cruijff ‚Erfinder‘ der Reute gennant als Trainer beim FC Barcelona. Das was allerdings einige Jahre später.

Eine Grafik von Milan im Endspiel gegen Nacional Medellin gibt es hier: voetbalfinales.webklik.nl/page/europeansouthamericacup

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Ernie Berenbroek 27. Januar 2016 um 13:26

Ich muss mich selbst korrigieren. Johan Cruijff spielte zwei Jahre zuvor als Trainer bei Ajax Amsterdam bereits mit einer Reute, wie im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger 1987 gegen Lok Leipzig. Rijkaard war auch damals Sechser. Moglich ließ Sacchi sich davon inspirieren.

voetbalfinales.webklik.nl/page/cupwinnerscup-pokalsieger-ec2

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BigNick 17. Januar 2016 um 14:45

Die Problematik, seine Spielidee auch in der Nationalmannschaft umzusetzen, zeigt sich exemplarisch an der Szene zu Pagliucas Platzverweis gegen Norwegen.
Benarrivo, der Tassotti ersetzte, hatte einfach nicht damit gerechnet, dass die restlichen Kettenglieder kamikazemäßig rausrücken und hob durch seine Passivität das Abseits auf, woraufhin ein Norweger allein vor Pagliucas auftauchte.
In irgendeinem Video beschreiben auch Sacchi oder Benarrivo diese Szene entsprechend.

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AP 24. Dezember 2015 um 00:54

@studdi. Welchen Namen trägt die DVD?

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studdi 24. Dezember 2015 um 09:31

Coaching the Italian 4-4-2 with Arrigo Sacchi
http://www.amazon.com/Soccer-Coaching-Italian-Arrigo-Sacchi/dp/B0000DEYSH
gibt’s mittlerweile auch auf Youtube in englisch
https://www.youtube.com/watch?v=Obn_1aHq7rw

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AP 27. Dezember 2015 um 12:06

Danke

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HW 23. Dezember 2015 um 15:49

Ist die Sache mit den Trockenübungen wirklich noch aktuell? Geisterteams ohne gegnerischen Druck, ohne Ball übers Feld zu kommandieren und Abläufe ständig zu wiederholen ist nicht längst überholt?

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CE 23. Dezember 2015 um 16:33

Favre und Luhukay schwören zum Beispiel darauf.

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Alexander 23. Dezember 2015 um 16:38

Woher weißt du dass?

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CE 23. Dezember 2015 um 17:15

Berichte von Trainingseinheiten der beiden. Zum Beispiel: „[…] Dafür gibt es ab sofort Taktik-Training wie bei Ex-Hertha-Coach Lucien Favre! Luhukay postierte erstmals alle 23 Profis im 4-2-3-1-System wie auf einem Schachbrett. Auf sein Kommando begann die Trockenübung: ‚Links, rechts, nach vorne, hinten.‘ Alle verschoben im Schnellschritt – die Zwischenräume der verschiedenen Mannschaftsteile mussten so klein wie möglich bleiben.“ – http://www.bild.de/sport/fussball/hertha-bsc/so-schwoert-luhukay-hertha-auf-bl-ein-31076948.bild.html

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HW 24. Dezember 2015 um 03:31

Das muss ja nicht bedeuten, dass es effektiv ist. Wie viele andere Trainer machen das nicht mehr, weil sie die Zeit anders nutzen, bzw. weil sie den Lerneffekt anders erreichen?

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HW 24. Dezember 2015 um 03:45

PS
Dazu kommt auch, dass damals noch eine strengere Abseitsregel angewendet wurde. Es war also einfacher hoch zu stehen und den Raum sehr eng zu machen.

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RM 23. Dezember 2015 um 16:43

Sowohl als auch. Eigentlich ist es überholt, wird aber weiterhin von einigen genutzt.

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blub 23. Dezember 2015 um 16:58

Ich finde es kommt drauf an wie und wie oft man das macht.
Als dauerhaft wiederholte Übung ist es tatsächlich nicht stand der Forschung, aber um z.B. die synthese vieler kleinteiligeren bewegungen gemeinsam auf dem Platz zu zeigen finde ichs sinnvoll.
Du willst den Spielern auch mal das große Ganze zeigen.
Gerade für IVs und 6er(die das Spiel ja vor sich haben) finde ich es wichtig das „sollbild“ zu zeigen weil es Spieler ermöglicht direkt auf dem Platz fehler zu erkennen und korrekturen durchzuführen.

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HW 24. Dezember 2015 um 03:39

Ich kann diesem Gedankengang folgen. Allerdings kommt dann auch gleich das Aber in meinem Hirn nach oben gebrochen.

Das ‚Sollbild‘ ist reine Fiktion oder Wunschdenken. In der Realität wird der Gegner sich nicht am diesem Sollbild orientieren. Wie bringt man Spieler dazu intelligent und kollektiv auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren, wenn man mit ihnen eine Choreografie einstudiert? Da verschwendet man doch massiv Zeit auf Eventualitäten, die man nie alle abdecken kann.

Das ist wie in der Schule. Wird möglichst viel Wissen in einen Schüler gestopft in der Hoffnung der braucht das irgendwann mal. Oder wird dem Schüler das Handwerkzeug vermittelt sich selber Wissen anzueignen?

Natürlich kann man Gegner beobachten und weiß dann mit gewisser Wahrscheinlichkeit wie die Spielen werden. Aber effektiver als der modernere Ansätze werden Choreografien damit auch nicht.

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Simon 23. Dezember 2015 um 15:38

War Baresi der erste falsche Innenverteidiger?

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CE 23. Dezember 2015 um 10:50

Der Vollständigkeit halber sollte man nicht verschweigen, dass Sacchis Ansichten zum italienischen Nachwuchsfußball mittlerweile „diskutabel“ sind. Artikel von SPON vom 17.02.2015 mit dem Titel „Italienische Trainerlegende: Sacchi empört mit rassistischen Äußerungen“ – http://www.spiegel.de/sport/fussball/arrigo-sacchi-sorgt-mit-rassistischen-aeusserungen-fuer-empoerung-a-1018863.html

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Effi 23. Dezember 2015 um 10:30

Da fehlt meines Erachtens ein ’nicht‘: „Jedoch lassen sie sich !nicht! dazu verleiten, Verfolgungsläufe zu starten.“ Oder?

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studdi 23. Dezember 2015 um 09:22

Sehr schöner Artikel !
Weis noch wie eine VHS (hab ich mir mittlerweile auch als DVD geholt) über die Vorbereitung der Italienischen Nationalmannschaft zur WM 1994 mein Taktik Interesse Weckte. Dort sieht man auch immer wieder diese Trockenübungen. Sowohl gegen- als auch mit dem Ball wurden immer wieder Laufwege einstudiert.

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