Vitesse unter Peter Bosz

Kaum wahrgenommen, entwickelte sich Vitesse in den letzten zwei Jahren mit einer sehr dominanten Spielweise zum vielleicht interessantesten Team der ohnehin schon beachtenswerten Eredivisie. Was macht die Mannschaft besonders und stark?

Den höchsten Ballbesitz, die meisten Abschlüsse pro Spiel, die zweithöchste Passquote – das sind normalerweise die statistischen Kennwerte eines Spitzenteams. Kurz vor Ende der Hinrunde der abgelaufenen Saison war es in der niederländischen Eredivisie die Mannschaft von Vitesse, die diese Zahlen aufwies. Das hätte bei vielen wohl für Überraschung gesorgt, da das Team aus dem Westen des Landes zu jenem Zeitpunkt nur im unteren Mittelfeld der Tabelle lag und irgendwie partout nicht vorwärts kommen wollte. Doch wer die Mannschaft genauer beobachtete, der wusste, dass die Statistiken die Wahrheit über ein Team aussagten, das eigentlich viel besser war, als es die Punkteausbeute vermuten ließ. Vitesse dominierte viele Partien, brachte sich jedoch trotz starker Ansätze und einer lobenswerten offensiven Grundphilosophie ständig selbst um wertvolle Punkte – mal aus eigenem Unvermögen, weil sich kleinere Schwächen oder Problemzonen, direkt allerdings auch sehr ungünstig, exponentiell negativ auswirkten, oft aber auch einfach aufgrund von Pech, wenn sie mal wieder an unwirklicher Chancenverschwendung litten oder unglücklich Last-Minute-Gegentreffer kassierten. Wie sie manche Partien, die sie bei exorbitant überlegenen Schussstatistiken und klarem Ballbesitzübergewicht fast traumwandlerisch sicher im Griff zu haben schienen, nicht gewannen, wirkte mitunter ebenso grotesk wie ihre in der Hinrunde durchgehend unterdurchschnittliche Tabellenplatzierung.

vitesse-bosz-1314Das sorgte für Unruhe im Verein und brachte auch Trainer Peter Bosz, der die guten Leistungen des Teams auf dem Platz, unabhängig von den Ergebnissen, nicht zu betonen müde wurde, ein Stück weit in die Bredouille. Eineinhalb Jahre zuvor war er von Heracles aus Almelo zu Vitesse gekommen und hatte als einer der interessantesten – wenngleich insgesamt unbekannt – Trainer des Landes dort eine ebenso spannende Mission gestartet. Nach einem niederschmetternden Start mit dem Aus gegen Rumäniens Vertreter Petrolul Ploiesti in der EL-Quali in seinem ersten Amtsmonat, folgte im Herbst 2013 jedoch ein herausragendes erstes Halbjahr, das die Mannschaft – nachdem sie sich von den anfänglichen vertikalen Verbindungsproblemen immer weiter gesteigert hatte – als völlig überraschender Wintermeister abschloss. Damals sahen die Offensivmechanismen noch etwas anders aus, als man es mittlerweile gewohnt ist, da sie sich in viel klareren Seitenüberladungen darstellten, die durch weites Ausweichen des Mittelstürmers und der Achter über Kombinationen, kraftvolle Angriffe mit Rücklagen und oft auch nach langen Bällen in Richtung Havenaar ausgespielt wurden. Gerade über die starke linke Seite mit Fokusspieler Lucas Piazon, dem zudem oft Raum geöffnet wurde oder der diagonal in den anderen Halbraum zog, und dem angriffslustigen van Aanholt dahinter sowie einen beweglichen Dribbelachter wie beispielsweise Atsu war die Mannschaft sehr gefährlich.

Mit der Zeit wurde durch Piazons Einrücken auch das Überladen halbrechts häufiger gesucht, wofür dann statt dem Rechtsaußen der sich absetzende Havenaar oder situativ Atsu als Achter auswichen. Im Verlauf jener Hinrunde etablierte sich ihre Dominanzspielweise zunehmend klarer und die Durchschlagskraft in der Offensive steigerte sich ebenfalls, was in einem fulminanten 2:6-Sieg bei der PSV kurz vor der Winterpause gipfelte. Allerdings rutschten sie in der Rückrunde – ebenso wie die Form beispielsweise von Piazon – deutlich ab, mussten eine auch etwas unglückliche Niederlagenserie hinnehmen und litten unter einer Ansammlung kleiner, zusammen aber ungünstig wirkender Problempunkte: Ihre Mechanismen wurden etwas unsauberer, aus Ungeduld ließen sie sich häufiger zu einfachen Flügelakionen drängen, die Balance im Mittelfeld sank ab und wurde fahriger und schließlich machten sich die gewissen Defensivprobleme – beispielsweise im Rückraum aufgrund teils zu riskant hoher Achter – deutlicher bemerkbar. So endete die Saison im Zwist mit dem Absturz auf Rang sechs und dem Verpassen des internationalen Geschäfts durch das vorzeitige Play-Off-Aus gegen Groningen. Dass der Trainer nach diesem Abschluss überhaupt weitermachen würde, stand lange auf der Kippe und blieb beinahe über Monate offen.

vitesse-bosz-1415In der anschließenden Spielzeit fand das Team zu etwas mehr Stabilität, konnte darin den nächsten Entwicklungsschritt wagen und die aus taktischer Sicht zu erwartenden Hoffnungen weitgehend erfüllen. Von den Ergebnissen her scheint es im Rückblick die Spiegelung der Vorsaison gewesen zu sein, doch allein die Statistiken verrieten schon, dass die zweite Hinrunde unter Bosz für Vitesse eigentlich deutlich stärker war als der zehnte Rang. Nachdem der Trainer auch die durchwachsenen ersten Wochen im Jahr 2015 überstanden hatte, sollte dann auch – eigentlich angefangen mit dem Heimsieg gegen Titelverteidiger Ajax – eine überaus erfolgreiche Rückrunde beginnen. Grundsätzlich muss die Spielzeit 2014/15 allerdings als Einheit einer Mannschaft betrachtet werden, die sich unter ihrem Coach seit zwei Jahren in einem noch andauernden Entwicklungsprozess befindet – was macht es nun aus, dieses Vitesse unter Peter Bosz? Für den Anfang und auf den ersten Blick sollte es genügen zu sagen, dass es sich um eine teamorientierte und in ihren Strukturen weitgehend stabile Mannschaft handelt, die sich vor allem durch ihr starkes und konsequentes Aufbau- und Ballbesitzspiel mit viel Zirkulation und geschickten Positionierungen auszeichnet.

Konsequente Ballbesitzspielweise mit erfolgsstabilem Aufrücken

Mit weitgreifender Raumnutzung und bewusster Konsequenz gehört das Aufbauspiel also zu den Stärken der Mannschaft. Dabei gibt es im Detail verschiedene Anordnungen, Mechanismen und Varianten, in denen dies gestaltet wird. Zwar sieht man zwischendurch auch mal verschiedene Abkippbewegungen aus dem spielstark besetzten Dreier-Mittelfeld, doch besonders anschaulich wird das Ganze an den unterschiedlichen Rollen und Positionierungen, zwischen denen die Außenverteidiger in den ersten Angriffsphasen wechseln können. Wie sie sich in Breite und Höhe jeweils bewegen, hängt stark von Spielsituation, Gegner und weiteren Faktoren ab und wird im Laufe einer Partie meistens mehrfach gewechselt. So gibt es Phasen, in denen sie enorm weit aufrücken und als aggressiv ausgerichtete Breitengeber für Dominanz sorgen sollen, indem sie den Gegner nach hinten drücken und die diagonalen Verbindungsräume nach hinten für flexible Bewegungsmuster aus dem Mittelfeld freilassen.

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Schematische Darstellung verschiedener möglicher Aufbaumechanismen Vitesses

Manchmal binden sie sich aber auch viel präsenter und bestimmender in die mannschaftlichen Bemühungen ein, was sich beispielsweise in etwas asymmetrisch aufgezogenen Anordnungen  niederschlägt, in denen sie aus den hinteren Halbräumen viele eröffnende Aufgaben übernehmen. Zu erkennen ist die Konsequenz in den konstruktiven Aufbaubemühungen schließlich in situationsbedingten Anpassungen der Positionierungen, die auch auf diesen Positionen vorhanden ist. So schalten die ballfernen Außenverteidiger nicht ab, wenn sie bereits frühzeitig vorgeschoben sind, sondern lassen sich – falls der eigene Aufbau im gegenüberliegenden Halbraum unter Druck gerät – auch mal nach hinten fallen und bieten sich als tiefe ballferne Verlagerungsoption zum überraschenden Auflösen der Situation an.

Ein wichtiges Mittel in ihrer Systematik bilden bei Vitesse die aufrückenden Läufe der Innenverteidiger, bei denen vor allem van der Heijden bisweilen glänzen konnte. Dafür zeigen die hinteren Mittelfeldspieler zahlreiche, vielseitig ausgerichtete und mit gutem Timing ausgeführte Ausweich- oder Aufrückbewegungen, um den Kollegen hinter ihnen Platz freizuziehen. Über die geöffneten Bereiche können die zentralen Defensivakteure die Bälle nach vorne tragen und direkt selbst das Aufrücken sicherstellen, aber ebenso ist es im Anschluss möglich, dass sie den Ball in der Nähe abliefern und die strukturelle Staffelung verändern oder nach einem kurzen Antritt per Direktpass einen sich frei laufenden Mitspieler bedienen – einen raumsuchend einrückenden Flügel, den zurückfallenden Neuner oder einen Achter mit geschickten Läufen. Gelegentlich wurden diese zuarbeitenden Aktionen der defensiven Mittelfeldakteure auch schon mit hereinkippenden Bewegungen der offensiven Außen in die Sechser- oder Achterräume verbunden, wenngleich die Folgeaktionen in diesen Fällen weniger strategisch wirkten.

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Beispielhafte Szene für das Aufrücken eines Innenverteidigers mit möglichen, vor allem raumöffnenden Bewegungen, der zentralen vorderen Akteure sowie möglichen Anspielräumen.

Neben den aufrückenden Läufen gab es außerdem beispielsweise in Phasen, in denen Vejinovic als tiefster Sechser alleine knapp vor den Innenverteidigern agierte, oder vereinzelt in Verbindung mit den verschiedenen Offensivbewegungen in diesen Bereich auch viele direkte raumgreifende Eröffnungen in die Tiefe. Das funktioniert über einen sich zwischen die Linien absetzenden Kollegen oder über die in kleinen Gruppen sehr geschickten Raumöffnungsbewegungen gegen mannorientierte Elemente. In diesem Zusammenhang wurden die Zuspiele aus den hinteren Linien in der letzten Saison als Variante auch mal sofort hinter die Abwehr gespielt. Dabei fungierten die Achter mit leicht nach außen weichenden Bewegungen als horizontale Passwegsöffner. Die Bälle wurden direkt und diagonal hinter die gegnerische Linie geschlagen, wo Bertrand Traoré als beweglicher vorderer Angreifer immer wieder sehr aufmerksam lauerte. Diese Angriffsmuster bespielten vor allem die in der Eredivisie typischen Mannorientierungen, die einmal bei der Destabilisierung der Kompaktheit im Mittelfeld und einmal in der eher weiträumigen Spielweise der mannorientierten Abwehr attackiert wurden.

Mit direkten Vertikalpässen gelingt es ihnen oft, einzelne Akteure im Zentrum oder über die engeren Stellungen der Außenverteidiger die aufgefächerten und generell immer mal wieder als Breitengeber dienenden Flügelspieler an der Seite anzuspielen. Erstere können sich in Freiräume drehen und Raumgewinn erzeugen, die Außen entsprechend in seitlichen Zonen vorrücken. Insgesamt sorgen somit also vor allem einerseits solche direkteren Zuspiele und zum anderen die aufrückenden Läufe dafür, dass dem ballbesitzorientierten Team recht schnell, zuverlässig und konstant effektiv das Aufrücken gelingt – dies gehört ebenfalls zu ihren wichtigsten Stärken: zügig und erfolgsstabil die vorderen Zonen erreichen zu können. Dafür bespielen sie beispielsweise auch im weiteren Angriffsverlauf gegnerische Mannorientierungen auf dem Flügel gut, um entweder direkt Raum für dort vorstoßende Aktionen zu schaffen, durch verschiedene gegenläufige Rochaden Freiheiten zu erzeugen oder beispielsweise nach Verlagerungen zum Flügel anschließend dagegen von außen in einen zentraleren Kanal zu ziehen.

Vejinovic´ Schlüsselrolle und die Heracles-Vergangenheit

Von entscheidender Bedeutung für die Wirksamkeit dieser auch stark von Direktpässen und Aufrückbewegungen getragenen Aufbauspielweise ist in der bisherigen Entwicklung des Teams Sechser Marko Vejinovic gewesen. Der sehr intelligente Mittelfeldspieler erfüllte dabei neben seiner auffälligen Rolle als aus der Distanz gefährlicher Torschütze, situativ aufrückender und kombinierender, leicht unsauberer Spielgestalter und natürlich auch weitgreifender Ballverteiler noch eine weitere wichtige Funktion. Seine herausragende Unterstützung vertikal raumerschließender Aktionen erwies sich für Vitesse als enorm hilfreich. Bei seinen tiefen Positionierungen verhielt er sich immer wieder enorm geschickt, um durch gute Nutzung von Passivität für Läufe oder Pässe verschiedenster Art Raum zu öffnen, gelegentlich sogar als Strukturbeeinflusser aufzutreten.

Zudem wirkte er manchmal als tiefer, pressingresistenter Nadelspieler, der sich um den Sechserraum herum vorausschauend so in Unterzahlen postierte, dass er nach Anspielen noch gerade genug Zeit für eine raumgewinnende Folgeaktion hatte, bevor der Gegner wirklich Zugriff erhielt. So zerstörte er immer wieder auch lasche Pressingstellungen, indem er innerhalb des potentiell isolierenden Blocks um ihn herum kurz aufrückte, über diese Distanz den Übergangsmoment überbrückte und das Leder vorne ablieferte. In diesen Szenen zeigten sich immer wieder die Qualitäten von Vejinovic. Allerdings trifft er gelegentlich – gerade im Passspiel – einige sehr seltsame, unbedachte Entscheidungen und könnte bspw. auch noch in Sachen Umschalten und Dynamikanpassung zulegen. Für Vitesse und Peter Bosz wird es nun eine sehr schwierige Aufgabe werden, diesen Schlüsselspieler zu ersetzen, nachdem er diesen Sommer für eine satte Ablöse zu Feyenoord gewechselt ist, um dort seinen steilen Karriereanstieg aus den letzten zwei Jahren in weitere Höhen fortzusetzen.

Dabei schien die Geschichte des ehemaligen U-Nationalspielers mit serbischen Wurzeln, der bei den Nachwuchsturnieren noch unter seinem Geburtsnamen Matic auflief, vor seiner Zeit bei Vitesse bereits im Sande verlaufen. Das einstmals große Talent von AZ, wo er bereits im Alter von 18 Jahren unter Louis van Gaal debütiert, sich letztlich aber zu selten eingesetzt gefühlt hatte, bekleidete nach seinem Wechsel zu Heracles keineswegs eine entscheidende Rolle, sondern pendelte zwischen Bank und Startelf – obwohl schon dort Peter Bosz sein Trainer war. Seine Vielseitigkeit verhalf ihm aber immer wieder zu wichtigen Einsätzen – ob als Innenverteidiger, Halbverteidiger, Sechser, Achter, Zehner oder Mittelstürmer, wo er seine individuelle Durchsetzungskraft und einzelne verrückte Aktionen vor dem Tor einbringen konnte – und dabei ließ er seine Qualitäten auch meistens aufblitzen. Bei seinem ablösefreien Wechsel zu Vitesse, wohin ihn Bosz mitnahm, erwartete dennoch kaum jemand etwas Großartiges und nach einer instabilen Anfangsphase mit vielen Bankplätzen kämpfte er sich letztlich ins Team und zeigte dort über eineinhalb Jahre jene herausragende Entwicklung, die der aufmerksame Beobachter schon länger hatte sehen wollen.

vitesse-bosz-heracles2013Ebenso konnte man bei Heracles schon die starke taktische und philosophische Arbeit von Peter Bosz erahnen, der in jener Zeit formativ noch mehr experimentierte und neben 4-3-3-, 3-5-2- sowie seltenen Rauten- und 4-4-2-0-Formationen häufig auf ein 3-3-1-3 setzte, in dem Vejinovic zahlreiche Rollen übernehmen konnte. Die sehr weiträumige Aufbauarbeit mit vielen Aufrückbewegungen und versuchtem Ballbesitzfokus sowie die gute Nutzung der Vertikallinien für konsequentes Ablagespiel zwischen den einzelnen Reihen über abtropfende lange Bälle und vor allem ansehnliche Kombinationen stachen besonders heraus. Auch wenn es manchmal etwas chaotisch wirkte, entstanden aufgrund des doch recht guten Raumgespürs immer wieder verschiedene, teils überraschend hergestellte Anordnungen, innerhalb deren gruppentaktisch gut zusammengespielt werden konnte. Allerdings wurde das Gesamtgebilde – insbesondere auf den Achterpositionen – sehr breit interpretiert. Zwar ergab das manche Möglichkeit zum Raumöffnen, sorgte aber auch für kleinere Schwächen, indem es beispielsweise die Gefahr erhöhte, zum Flügel abgedrängt zu werden. Diese Breite war auch ein Mitgrund für die etwas unkompakte Gesamtausrichtung, zumal die Konsequenz im Nachschieben an bestimmte Bereiche ebenso weniger ausgeprägt war wie das bei Vitesse nun stärkere Gegenpressing.

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Ein schön herausgespieltes Tor Vitesses im breiten 3-3-1-3 in einem Spiel 2013 gegen Willem II. Vejinovic agierte in dieser Partie als Mittelstürmer und in dieser Szene als ablegend weiterleitender Vorbereiter. Entscheidend auch der aus dem Deckungsschatten herausziehende raumgreifende Lauf von Sechser Vujicevic, für den die breiten Achter durchaus wirksam waren. Nach dem Pass zog sich dann Quansah für mehr Anschlusskompaktheit wieder ins Zentrum.

Während Vejinovic – nach seiner wechselhaften Zeit bei Heracles – im neuen Verein zu einer wichtigen Stütze wurde und über weite Teile der Ära Bosz bei Vitesse vor allem entscheidende Funktionen als raumöffnender, gegnerbindender Akteur für die Innenverteidiger auftrat, hatten die beiden vorderen Mittelfeldakteure des 4-3-3 überdies die Aufgabe, diagonale Zwischenraumpositionierungen für einzelne direkte Zuspiele einzunehmen. Dabei verhielten sie sich geschickt und wurden mannschaftlich zudem gezielt angespielt – Passgebung und Bewusstsein wissen in dieser Hinsicht zu überzeugen. Dadurch erhält Vitesse oft kleine Überzahlen oder bringt einzelne Akteure, die sich zwischen den gegnerischen Strukturen hindurch drehen, frei, was als beschleunigendes Element für den weiteren Verlauf dienen kann. In den verschiedenen vorbereitenden Mechanismen im zweiten Drittel und allgemein der dortigen Kontrolle macht die Mannschaft zusammengefasst also einen hervorragenden Eindruck. In Strafraumnähe zu gelangen, stellt sie nur selten vor größere Schwierigkeiten.

Staffelungsschwäche unmittelbar nach dem Aufrücken

Dort angekommen, ist aber manchmal im ersten Moment keine Anspielstation möglich. Fast schon rücken sie zu schnell auf, bringen sich dadurch selbst in statische Situationen, was gelegentlich durch Phasen mit etwas unreflektierten Bewegungen um dieses Aufrücken herum verschlechtert wird. Die umliegenden Spieler verhalten sich in solchen Situationen manchmal etwas zu passiv und zu wenig freilaufend, sondern lassen sich mit der eigenen mannschaftlichen Dynamik zu sehr in die Spitze treiben. Trotz ihrer eigentlich starken Anlage sind die Arnheimer hier dann etwas zu unambitioniert. Die attackierende Grundhaltung des Teams, teilweise auch die grundlegende Weiträumigkeit als eigentlich gegenteiliger Aspekt, verstärkt dies mitunter, so dass Vitesse letztlich in derartigen Fällen gegen die letzte Linie des Gegners, die man selbst nur flach besetzt hat, oft nicht so ganz durchkommt. Dadurch entstehen nach dem Aufrücken ins Angriffsdrittel dort also in manchen Fällen Problemsituationen, in denen die Ansätze dann etwas zu klar oder zu individuell über unpassende Schüsse oder improvisierte Aktionen beendet werden müssen.

Dies endet in derartigen Fällen entweder in notgedrungenen, breiten, flach und hoch gestaffelten Dribblings der Außenstürmer am Strafraumeck, bei denen man nur horizontal gute Verbindungen hat, oder kurzer Optionslosigkeit im Zehnerraum, da die Flügelspieler im Aufrückverhalten manchmal eher einfache Bewegungsmuster zeigen, so dass man dann entweder Dynamik und Staffelungsqualität verliert oder – in etwas tieferen Situationen –ungünstig weggedrängt oder nach außen geleitet wird. Überwiegend ist in solchen Szenen, dass die Außenstürmer seitlich bei abgebrochener Dynamik an der letzten Linie stehen und in eine ungünstige, von den Optionen nur mäßig ergiebige, statische Situation neben der Abwehrkette geraten.

Andererseits versucht sich die Mannschaft allerdings auch schon auf die Dribblings der Außenstürmer als eine mögliche taktische Variante zu fokussieren und kann über diese Einbindung der individuellen Akteure in Verbindung mit entsprechenden Positionierungen der übrigen Kollegen im und um den Strafraum auch aus den eigentlich festgefahren wirkenden Szenen bisweilen noch eine gewisse Effektivität herstellen. Wie beispielsweise auch die Münchener Bayern in manchen Phasen, werden die andribbelnden Aktionen der Flügelstürmer gelegentlich als Zielpunkt von Angriffen gewählt, um nach vorbereitenden Aktionen den dortigen Spielern direkte 1gegen1-Duelle zu ermöglichen oder den Gegner aus der Bewegung stoppen und dann zur Grundlinie durchbrechen – wobei das bei Vitesse in der Ausführung schwächer ist. Insgesamt gehört diese erste Aufrückphase noch zu den Schwachpunkten des Teams.

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Frühzeitiger, etwas überraschender Direktpass von van der Heijden auf den sich abnbietenden Pröpper, der gegen die Rückzugsbewegung kurz auf Olynyk weitergeben muss. Dieser setzt anschließend das Aufrücken am Flügel fort, doch nutzt Vitesse die hohe Offensivabteilung nicht konsequent zur Bildung von Anschlussverbindungen, sondern lässt sich zentral in den Strafraum mittreiben…

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…weshalb man dann die gute Struktur verloren hat, als man am gegnerischen Sechzehner angekommen ist, und stattdessen suboptimal so dasteht.

Grundsätzlich ist die Mannschaft bei ihrem Stil also auch darauf angelegt, den Gegner über schnelle und frühzeitige Eröffnungen etwas instabil zu erwischen, einzelne Spieler freizubringen oder Aufrückwege zu öffnen und dann durch diesen Übergangsmoment einfacher ins letzte Drittel zu gelangen. Das ist über jene verschiedenen Mittel und Wege auch meistens wirksam und erfolgreich, aber muss man dann einerseits aufpassen, den im Anschluss folgenden Aufrückmoment vernünftig zu gestalten, und zum anderen die drohende Gefahr des gegnerischen Rückzugsverhaltens beachten und ihr auszuweichen versuchen – dass man sich dadurch eben genau nicht zu solchen problematischen Aktionen, die man verhindern will, drängen lässt oder in eine Lage kommt, in der man gegen diese gegnerische Bewegung keine andere Wahl als eine suboptimale Folgeentscheidung hat.

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Eine andere Szene, in der diesmal nach Vejinovic´ Einleitung – ein gutes Beispiel übrigens auch für seine innerhalb gegnerischer Blöcke aufrückende Rolle – durchaus die Möglichkeit bestanden hätte, gegen den gegnerischen Rückzug zentral weiterzuspielen: der Raum war zwar ein wenig eng, aber nicht übermäßig und zudem gab es mit drei nahe stehenden Spieler eigentlich gute Optionen und keine wirkliche Unterzahl. Die Achter bewegten sich hier aber etwas zu sehr raumöffnend-aufrückend und Dauda drehte sich suboptimal in das Zuspiel hinein, so dass er letztlich doch nach außen spielen musste.

Das Problem ist also vor allem, dass sie sich beim direkten Aufrücken über außen oder in solchen Szenen, in denen sie der gegnerischen Rückzugsbewegung nach der Vertikaleröffnung entgangen sind und in einen Ausweichraum etwas zur Seite gewechselt haben, nicht optimal verhalten. Oft ziehen sie ihre Bewegungen in einer Dynamik weiter, setzen das Aufrücken nach den veränderten Verhältnissen fort und bringen sich dann dabei selbst um gute Strukturen und Staffelungen – sondern enden in jenen statischen Stellungen am Strafraumeck, während die zentralen Kollegen zu weit vorgeschoben flach in der Spitze gelandet sind. Entsprechend dieser Ambivalenz haben genau diese – was die Ausgangsverläufe angeht – gleichen Grundangriffsmuster in besseren Momenten aber oft große Wirkung und erzeugen spielerisch sehenswerte Szenen, wenn die offensiven Mechanismen der Mannschaft passend greifen.

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Eine Szene aus einem Spiel gegen Twente: Vejinovic agiert als Raumöffner für van der Heijden, der den sich anbietenden Pröpper hinter der gegnerischen Mittelfeldreihe findet, was…

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…diese Szene zur Folge hat: Pröpper nun im Ballbesitz, der Gegner in der Rückzugsbewegung…

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…wogegen sich Pröpper für einen Pass nach rechts heraus entscheidet. Über diese Entscheidung könnte man vielleicht schon diskutieren, doch problematisch ist vor allem, dass darauf einfach ein weiter aufrückendes Dribbling Ibarras zum Strafraumeck und eine zu durchziehende Bewegung der zentralen Akteure folgen, was in dieser suboptimalen Situation endet, in der man sich auf ein 1-1 oder den überlaufenden Außenverteidiger verlassen muss, was die Dynamik aber nochmals verringern würde.

Die Achter als Schlüsselspieler der teils ambivalenten Offensive

Gelingt dies also, wird also das Aufrücken balanciert durchgeführt oder kann der Angriff mit einer direkten Folgeaktion befeuert werden, sorgt Vitesse immer wieder für gute Spielzüge. In der abgelaufenen Saison gab es einige Grundtypen an positiven Aktionen zu sehen: Dazu gehörten beispielsweise Rechtskombinationen über die Achter und den situativ – gerade Dauda machte dies zu Saisonbeginn bisweilen hervorragend – ablegenden Mittelstürmer, bei denen sie sich im Halbraum nach Vertikalpässen durchspielten. Überhaupt nahmen die beiden vorderen Mittelfeldakteure stets herausragende Rollen ein, da mit Qazaishvili und Pröpper sehr kombinationsstarke und konstruktive Charaktere zur Verfügung standen: Der Georgier ist ungemein ruhig am Ball, technisch sauber und kann sich trotz einer gelegentlich angedeuteten Schwermütigkeit zuverlässig durch Engen hindurchbewegen, was ihn in verschiedenen Kontexten als Nadelspieler wertvoll macht, doch auch seine zuarbeitenden Ausweichbewegungen und sein gelegentliches Ballschleppen sind nicht zu unterschätzen.

Der bereits in der niederländischen Nationalelf eingesetzte Davy Pröpper, der ab der kommenden Spielzeit für Meister PSV auflaufen wird, ist trotz einer gewissen Unsauberkeit und teils etwas grober Weitläufigkeit ein sehr eleganter, hünenhafter und defensivstarker Allround-Spielmacher, der aber im klassischen Gestalten etwas unbeständig agiert und eher in wechselweise dominant supportenden Umgebungen aufblüht. Seine vielseitigen Bewegungen, seine kraftvollen Rochaden nach außen, seine unorthodoxen Dribbling-Skills, die enorme Torgefahr aus weiten Radien und bisweilen auch schwierigen statischen Szenen sowie insbesondere seine phasenweise herausragend kombinativen und in ihrem Raumbezug angenehm variablen Ablagen – daneben einige gute selbst durch Doppelpässe eingeleiteten Szenen im Zusammenspiel oder mal Dreiecksweiterleitungen am Flügel – zeichnen ihn aus, wenngleich er bei der Erfolgsstabilität in den Zurückfallbewegungen sowie der Konstanz im Rhythmusgefühl noch Entwicklungspotential hat – leider nicht mehr bei Vitesse.

Im Vorjahr war er aber noch integraler Bestandteil des Teams und durch seine vielseitige Dynamikaufnahme sowie geschmeidig improvisierte Anpassungsfähigkeit innerhalb von Szenen in entscheidend verbindender Rolle an einigen weiträumig von hinten nach vorne gespielten Vertikalkombinationen beteiligt. Zudem beeindruckte bei den vielseitigen und schnell interagierenden Szenen im Zusammenspiel der Achter, wie stabil und vielseitig geschickt ihre Verbindungen untereinander sowie zu den jeweiligen Außenstürmern im Laufe von Offensivszenen blieben. Etwas problematisch war, dass sich in die kleinen Kombinationen und Mini-Überladungen, in denen beide Achter dominante und treibende Kräfte darstellten, die übrigen Kollegen noch zielstrebiger hätten einbinden müssen. Besser sah die umliegende Mitarbeit demgegenüber bei weiteren Angriffsmustern aus, in denen einer der beiden offensiven Mittelfeldmannen besonders prominent, der andere ein wenig passiver eingebunden wurden.

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Über Pröppers Bewegungen laufender zentraler Direktangriff aus dem Aufbau gegen zu riskant aufrückendes und mannorientiertes 4-4-2-Pressing

Typische Angriffsmethoden

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Positives Angriffsbeispiel über die von Pröpper für den einrückenden Rechtsaußen abgelegten Vertikalpässen mit potentiellen Anschlussbewegungen

So forcierte Vitesse in manchen Phasen die vom hoch aufrückenden Pröpper kurz für einen „hinter“ ihm einrückenden Außenstürmer abgelegten Vertikalpässe. Ein wichtiges Mittel stellten auch die Weiterleitungen des Mittelstürmers nach diagonalen Zuspielen direkt hinter die Abwehr auf den dorthin startenden linken Achter dar, wobei dies in der Saisonanfangsphase mit den teils herausragenden Läufen des dann überraschend torgefährlichen Kelvin Leerdam – ein solider, polyvalenter Roleplayer für die Defensive, in diesem Punkt einzelner langer Sprints hinter die Abwehr aber enorm stark – noch wesentlich häufiger vorkam als später mit dem spielerisch ausgewogeneren Qazaishvili. Hinzu kamen zum einen noch die bereits erwähnten Direktpässe aus dem Defensivzentrum direkt hinter die gegnerische Abwehr sowie die häufigen Abschlüsse aus dem Hinterhalt. Diese ergeben sich häufig aus den festgefahrenen Szenen, da Vitesses Stil generell zumindest den Rückraum konstant öffnen kann und sie mannschaftlich ruhig sowie recht gut darin sind, um Schüsse und Dominanz aus diesen Ausgangslagen zu kreieren.

Zum anderen gibt es auch bei flachen Staffelungen noch gewisse saubere und funktionale Möglichkeiten zur Weiterführung, gerade in der Horizontalen. So ist es immer auch möglich, dass sie am Flügel ihre guten gruppentaktischen Qualitäten in Verbindung mit der funktionierenden mannschaftlichen Gesamtorganisation nutzen, um sich zuverlässig nach hinten wieder in die Zirkulation zu lösen oder durch das Anstoßen von kleinen Dreieckskombinationen dem Angriff wieder neues Leben zu geben – was eben manchmal erst etwas zu spät passiert. Überhaupt zeigt sich hier die potentiell kombinative Ausrichtung des Teams, bei dem immer wieder geschmeidige unterstützende Nachstoßbewegungen mit passendem Dynamikgefühl zu sehen sind. So können sie in verschiedenen Räumen und Situationen kombinieren, wenn es nur nicht gerade diese bestimmten Aufrücksituationen zum Strafraumeck hin sind. Manchmal profitieren sie von der eher passiven und in jenen Bereichen nicht so pressing-kollektiven gegnerischen Ausrichtung wie in anderen Ligen, weshalb die zwischenzeitliche Isolierungsgefahr bei Eröffnungen oder Aufrücken am Flügel geringer ist, was dann das Lösen daraus etwas erleichtert.

Als kurze Zwischenzusammenfassung kann man sagen, dass das ballbesitzstarke Vitesse sich vor allem durch gutes und vielfältiges Aufbauspiel auszeichnet. Sie besetzten die Räume in dieser Spielphase flexibel und kommen durch sehr gute Nutzung von Raumschaffen im Mittelfeld, einzelnen Vorstößen – im Vorjahr gerade durch van der Heijden und Vejinovic – sowie schließlich zahlreiche Direktpässe schnell nach vorne. Dort zeigen sie einige starke Angriffsmuster, in denen die beiden Achter fast immer eine entscheidende Rolle spielen, und sind nicht nur nach längeren Zirkulationsphasen sehr gefährlich, sondern auch dann, wenn sie nach solchen Direkteröffnungen einen passenden Anschlussmechanismus anbringen können, wie beispielsweise Pröppers Ablagen für den Rechtsaußen. Ihr größtes Problem ist aber, wenn sie nach solchen Einleitungen zunächst nach außen verlagern oder verlagern müssen, sich dann im letzten Stadium des Aufrückens, durch problematisches Folgeverhalten, jedoch weiterführend zu leicht in die Spitze treiben lassen und entsprechend abflachende Staffelungen auf Strafraumhöhe mit etwas statisch am Sechzehnereck andribbelnd stehenden Außenstürmern resultieren.

Ein schmaler Grat im Rhythmus

Zwar ist es etwas wild und manchmal improvisiert angelegt, doch trotzdem weiß das Gegenpressing der Mannschaft von Peter Bosz insgesamt zu überzeugen. So sind beispielsweise die gelegentlich asymmetrischen Absicherungsstaffelungen und die damit verbundenen Halbraumpositionierungen des gerade tiefer bleibenden Außenverteidigers dafür wichtige Bestandteile. Verglichen mit der Intensität und den Bewegungsmustern im regulären Pressing fällt hier beispielsweise eine nochmal deutlichere und konsequentere Ballorientierung des Kollektivs auf, was sie in der Ballrückeroberung phasenweise zu einem absolut herausragenden Team macht. Gelingt ihnen per Gegenpressing dann ein Ballgewinn, gehen sie auch oft mit äußerst vertikalem und attackierendem Passspiel sehr zielstrebig und direkt wieder in den Modus für einen neuen Gegenangriff über – insbesondere die defensiven Mittelfeldmannen treiben dabei sofort wieder an. Manchmal ist dieses rasante „Gegen-Umschalten“ jedoch schon etwas übertrieben – hier bräuchte es noch etwas mehr Balance.

Aus den derart sofortigen Offensivübergängen entstehen immer mal hektische Momente, unsaubere Aktionen und etwas chaotisch umgeformte Staffelungen. So ziehen sie überengagiert umgehend wieder in die Spitze, neigen zu wilden Aktionen, pushen das Tempo der Partie unbeabsichtigt stark nach oben und verlieren dann in dieser aufgepeitschten Dynamik etwas an Kontrolle, so dass ihre eigentlich starken Strukturen und Mechanismen nicht mehr zur vollen Entfaltung kommen. Die Folge sind zu Instabilität neigende Rhythmusprobleme, die immer mal wieder auftreten und noch eine der zentralen Schwächen des Teams darstellen. Nicht immer resultieren sie aus dem suboptimalen Umgang mit erfolgreichen Gegenpressingmomenten, sondern ganz allgemein geht das Team in eigenen Druckphasen etwas zu sehr ins Risiko, überdreht, wird ungenau, überattackierend und tendiert dann bisweilen zu unreflektierten oder zu sehr auf Druck und Abschlüsse fokussierten Aktionen.

Dies erklärt, wieso sie besonders auf ihre prägende Kontrolle angewiesen sind, ohne die sie – bei passiverer Ausrichtung oder besonders erfolgreichem Pressing des Gegners – gleich deutlich schwächer spielen und sich nicht mehr wirklich in Partien hineinbringen können. Neben der teils sehr schlechten Chancenverwertung liegt darin ein wichtiger Grund, warum es unter Bosz in zwei Jahren schon zwei Schwächephasen von längerer Dauer gab. Wenngleich sie in den überattackierenden Phasen vereinzelt etwas zu flügelorientiert werden, muss man aber insgesamt sagen, dass Vitesse eine angenehme und geschickte Umsetzung und Art ihrer Weiträumigkeit pflegt. So gibt es beispielsweise zahlreiche Rochadebewegungen und mannschaftliche Umformungen, die in dieser Eigenschaft stattfinden, anstatt dass etwa eine aufgezogene Formation dogmatisch breit besetzt würde. Noch wichtiger ist, dass die Mannschaft diese Weiträumigkeit gar nicht als Grundprinzip, sondern eher als ein mögliches Mittel verwendet, und sie daher vor allem für Raumöffnen, die Ausführung der Fluidität, das situative Umspielen gegnerischer Pressingphasen gerade in tiefen eigenen Zonen oder Verlagerungen nutzt anstatt für wirkliches Flügelspiel im klassischen Sinne – denn Flanken findet man trotz der recht breiten Anlage nur situativ eingestreut, aber definitiv nicht übermäßig bei Bosz´ Team.

Natürlich gehören weite Verlagerungen – wie auch großräumige Phasen – immer wieder ins Repertoire, werden beispielsweise von den Innenverteidigern oder Vejinovic diagonal auf einen weit aufgerückten Außenverteidiger geschlagen und ebenso auch mal in höheren Zonen als ein Stilmittel eingesetzt, allerdings geschieht dies recht konstruktiv und endet – abgesehen von manchen suboptimalen Dribblings der Flügelstürmer, die aber eben phasenweise auch gezielt für Durchbruchsvarietät gesucht werden, und den gelegentlichen Problemen in der Aufrückrealisierung – nur selten zwingend in einer ebenfalls am Flügel stattfindenden Vollendung der Angriffe. Eine geschickte Nutzung solcher Verlagerungen besteht in der Erschließung eines neuen ballnahen Raumes, der direkt offen besetzt werden kann. Oft bewegt sich bei solchen Seitenwechseln auf einen sehr hoch stehenden Außenverteidiger der Mittelstürmer dorthin, um sich für eine kurze Ablage ins Zentrum anzubieten. Mit einrückenden Bewegungen öffnen der offensive Flügel und der jeweilige Achter den Raum – beispielsweise übernimmt Qazaishvili mal das Sturmzentrum oder nutzt den Platz. Indem der Mittelstürmer nach solchen Raumwechseln sehr schnell hilft und gewissermaßen die letzte Linie isoliert, zieht er sich selbst den Raum vor deren Abwehr für eine einleitende Aktion frei.

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Kashia rückt etwas auf und spielt einen langen Ball auf Achenteh. Olynyk rückt ein und zieht seinen Gegenspieler zunächst etwas mit, weshalb dieser letztlich nur verspätet herausrücken kann. Stattdessen bewegt sich Bertrand Traoré als Mittelstürmer (Labyad von rechts eingerückt, Qazaishvili von der Acht aufgerückt) bereits nach außen…

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Er erhält in zunächst freier Situation den Ball, umspielt dann noch den zurückrückenden Sechser, der bis dahin als einziger Zugriff herstellen konnte, und bedient dann den sich anbietenden Qazaishvili, von dem der andere Sechser herüberrückende weggezogen wird. So bietet sich dem Georgier – unterstützt von guten Detailbewegungen der umliegenden Kollegen – die freie Abschlussmöglichkeit aus achtzehn Metern, die er für einen Treffer nutzt. Das kann auch als Beispiel für die recht geschickte Rückraumöffnung Vitesses dienen.

Vitesses Defensivansatz

Gegenüber der durchaus aufregenden und taktisch sehr starken Entwicklung des Teams in ihren Aufbaustrukturen wirkt die Defensive bei Vitesse weniger spektakulär. Insgesamt praktizieren sie ein nicht großartig besonderes, sondern solides 4-4-2/4-4-1-1 mit manchmal etwas ungeschickter Endverteidigung, vielen Mannorientierungen, die aber insgesamt recht balanciert ausgeführt und im Verschieben gut auf- bzw. übergeben werden, und durchschnittlicher Kompaktheit – wobei das Ganze auf den ersten Blick etwas schwächer wirkt, als es eigentlich ist. Daneben gibt es auch 4-1-4-1-artigere Staffelungen oder – vor allem im hintersten Drittel nach den etwas inkonsequenten Rückzugsbewegungen – 4-5-1-Ansätze. Innerhalb der Mannorientierungen wird das dadurch bedingte Zurückfallen der Flügelstürmer gegen aufrückende Außenverteidiger – ohnehin häufig ein gewisser Problempunkt – manchmal nicht wirklich gut ausgeführt und führt dann zu Schwächen, wenngleich es auch viele Szenen gibt, in denen sie etwas enger bleiben, nicht ganz konsequent bis in die letzte Linie folgen und aus diesen Positionen stattdessen zumindest die Passwege nach außen zu blockieren versuchen.

Ein wichtiger Punkt und eine Stärke sind die hohen Pressingansätze in 4-4-2-Grundstellungen mit vielen aufrückenden Elementen und aufmerksamen Bewegungen der ballnahen Offensivleute, die im Verlauf der vergangenen Rückrunde zunahmen, in den Play-Off-Spielen um die Europa League nochmals eine Steigerung erfuhren und darin sogar direkt für Tore nach Ballgewinnen sorgten. Schon gegen PEC Zwolle deutete sich dies in einigen Situationen als wirksam an, ehe im anschließenden Hinspiel gegen Heerenveen der zwischenzeitliche Führungstreffer so entstand: Durch die konsequente Nutzung der Asymmetrie zwischen den Flügelspielern und dem sehr schnellen sowie plötzlichen Diagonal-Nachrücken Qazaishvilis zwischen die beiden ballnahen Angreifer. Mal standen die 4-1-3-2-haften Ansätze stärker im Vordergrund, mal die unterschiedlichen Staffelungen der Flügel. Möglich sind auch sehr verschobene Stellungen, bei denen ballnah besonders weit aufgerückt wird, während der ballferne Außen als eingerückter und tiefster Sicherungsspieler agiert. Mitunter bewegt er sich sogar „hinter“ dem Sechser, der ebenso wie die Achter vor ihm enorm aggressiv verschiebt, wofür sie vom etwas weiter entfernt passiven Mittelstürmer den Rahmen erhalten.

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Eine der besten Pressingszenen der abgelaufenen Saison aus dem Spiel gegen Groningen: Mit geschickten Positionierungen, weitem Aufrücken der ballnahen und zentralen Akteure sowie tiefem Absichern Labyads. Die Nordniederländer verfangen sich trotz des aufrückenden Versuchs aus der Innenverteidigung in diesem Konstrukt.

In einzelne Lokalkompaktheiten hinein rücken

Ursächlich für die Effektivität dieser höheren Pressingphasen sind zum einen die generell in ihrer Abstimmung und im Timing verhältnismäßig starken Bewegungen der beiden vordersten Spitzen durch Qazaishvilis Aufrücken ins 4-4-2,die mit solchen geschickt versetzten Staffelungen in jenen aggressiv vorne attackierenden Umgebungen noch mehr Wirkung erzielen können. Zum anderen kommt hier das Herausrücken aus dem zentralen Mittelfeld zum Tragen, bei dem gerade Pröpper gerne überraschend aggressiv hinter die Sturmspitze herausschießt und deren Vorarbeit für unangenehme Staffelungen nutzt, während seine Mittelfeldkollegen dies gut absichern. Eine Linie weiter hinten gibt es im Grundsatz methodisch ähnliche Mechanismen, die durch die Mannorientierungen der Innenverteidiger und deren Herausrücken bedingt sind. Weil vor allem van der Heijden, aber auch seine verschiedenen Kollegen dies individuell oft sehr gut umzusetzen wussten und auch die mannschaftliche Ausführung recht geschickt daherkam, ergaben sich aus diesen vorschiebenden Bewegungen trotz der mit diesem Mittel verbundenen Gefahren situativ immer wieder wirksame Lokalkompaktheiten.

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Kompaktes Zusammenziehen der Mittelfeldlinie um den mannorientiert herausrückenden Kashia

Fiel der gegnerische Angreifer zurück, passte sich das Mittelfeld sehr gut an die dagegen ausgeführte Mannorientierung an, zog sich um den auf sich zukommenden Gegner zusammen und sorgte für eine Ballung zur Unterstützung des Innenverteidigers. Für kurze Zeit entsteht daraus eine kohärente Zugriffsstellung um den Ball – mit nahen Abständen zwischen dem aufgerückten Abwehrmann, den Sechsern und auch den Außenspielern einerseits, aber trotzdem günstigen Staffelungsschärfen und Ausweichräumen andererseits. Letzteres ist vorteilhaft, damit man aus der direkten Überzahl bei einem Ballgewinn etwas machen kann, wenngleich hier die guten Dribblertypen auf den Achterpositionen in der Vorsaison hilfreich waren. Auch beim verfolgenden Herausrücken durch einen Außenverteidiger gibt es solche Szenen zu beobachten, in denen der Gegner quasi in die kohärente Mittelfeldabteilung Vitesses hineinrennt und aufgrund deren guter Arbeit dort isoliert wird. Vor allem die Achter sind in dieser Hinsicht für ihre aufmerksam abdeckenden und kleinräumige Passwege belauernden Art zu loben.

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Aufmerksame Passwegsverstellung und Isolierung eines einrückenden gegnerischen Flügels durch Vitesses Mittelfeldakteure

Trotzdem muss man noch einmal auf die Gefahren und Schwachstellen der insgesamt stark von Mannorientierungen geprägten Ausrichtung des Teams hinweisen, die ungeachtet dieser gelegentlich sehr effektiv genutzten Szenen potentiell anfällig sind, gewisse Löcher öffnen können und das eine oder andere Mal den Zugriff rauben. Wenn die hinteren Verteidiger zu weit herausgezogen werden oder sich die Flügelstürmer mal unbalancierter nach hinten drängen lassen, kann der Gegner daraus direkt oder indirekt Kapital schlagen. Gegen einzelne Pässe in die Tiefe oder invers andribbelnde Flügelstürmer mit anschließend spielstarken Folgemechanismen – so gegen Heerenveen von Sam Larsson initiierte Szenen – hatten sie in der letzten Spielzeit Probleme. Ganz allgemein sind demgegenüber die Pressingbewegungen der beiden vorderen Angreifer und das vertikale Nachschieben der jeweils weiteren zentralen Akteure die wohl größten Stärken der Mannschaft gegen den Ball, die insgesamt auch durchgehend zu sehen und grundsätzlich für alle Moment defensiver Spielphase relevant sind, in den hohen Pressingphasen aber nochmal besonders griffig hervortreten.

Mit starker Rückrunde doch noch nach Europa

Der erwähnte Aufschwung in der vergangenen Rückrunde – nach dem Erfolg gegen Ajax gab es sechs Siege in Folge und eine Serie von zwischenzeitlich zwölf ungeschlagenen Partien – trug die Mannschaft schließlich souverän und problemlos in die ab dem siebten Platz zugelassenen Play-Offs zur Europa League, in denen vier Teams sich um ein Ticket stritten, und brachte ihnen sogar einen gesetzten Status. Nach einem sehr ansehnlichen Duell mit Ron Jans´ PEC Zwolle, das die Gelb-Schwarzen für sich entscheiden konnte, stand das Finale gegen die in der Rückrunde ebenfalls aufgekommenen Friesen aus Heerenveen an. Trotz einer recht kontrollierten Vorstellung und einzelnen auch in Unterzahlen gruppentaktisch klar ausgespielten Angriffen litten sie in dieser ersten Begegnung um das Europapokal-Ticket an überraschenden Verbindungsproblemen von der Aufbauarbeit um den Sechser herum nach vorne.

Die beiden Achter schoben bereits zu früh in die Offensive hoch und blieben dort – neben dieser ungewohnten Desbalance – auch noch weitgehend passiv. Normalerweise sind auch solche Bewegungen zu einem gewissen Grade eingeplant und sollen in der weiträumigen Aufbauanlage des Teams die aufrückenden Bewegungen der Innenverteidiger mit unterstützen oder deren Optionen für Direktpässe erhöhen. Doch passte das auch aufgrund einer etwas zu vorsichtigen Ausrichtung nicht so gut zusammen, so dass gerade das ansonsten so starke und vielseitige Aufrücken diesmal eher instabil daherkam und oft von einzelnen riskanten Raum-Dribblings oder weniger erfolgsstabilen langen Pässen gestemmt werden musste. Aufgrund der zwischendurch vereinzelten Gefahr solcher Angriffsmuster, einiger guter Momente bei zweiten Bällen und vor allem der Wirksamkeit der hohen Pressingphasen reichte es auswärts dennoch zu einem 2:2, das für die zweite Begegnung alles offen ließ.

Diese begann direkt mit einem frühen Rückstand, der beispielhaft für eine durchwachsene Anfangsphase stand. Ihre Rhythmusprobleme führten zu einer etwas hektischen Spielweise, die auch von manchen zu flügellastigen Offensivphasen und – teils dadurch mit bedingt – unvorsichtiger, zu raumgreifender Absicherung geschwächt war. Der nach der Pause durch einen umstrittenen Elfmeter erzwungene neuerliche Ausgleich zum 2:2 sollte sich schließlich jedoch als positiver Wendepunkt herausstellen. In der Endphase wurde der frenetische, teils etwas überwilde, aber letztlich doch sehr druckvolle Sturmlauf der Gastgeber noch mit einem zu deutlichen 5:2 belohnt – und führte in die 3. Runde der Qualifikation zur Europa League. In wenigen Tagen wird das Team von Peter Bosz dort – leider gegen einen sehr unangenehmen Gegner, Koemans Southampton – in die neue Saison starten und die bisherige Entwicklung – jedoch erzwungenermaßen mit einem neuen personellen Gesicht – fortsetzen wollen.

Ein kleiner Ausblick auf 2015/16

Wie jedes Jahr, war auch diesmal die Kaderstruktur zahlreichen Veränderungen unterworfen, was vor allem an der bei Vitesse seit einiger Zeit typischerweise ungewöhnlich hohen Zahl von Leihspielern liegt, wegen der sie häufig als „Chelseas Farmteam“ bezeichnet werden. In diesem Sommer waren es allein nach Leihen fünf Abgänge und vier Zugänge, die – acht dieser neun von Chelsea – nach einer Saison wahrscheinlich wieder gehen werden. Erneut muss Peter Bosz also mit stark verändertem Personal weiterarbeiten, wobei diesmal besonders schwerwiegt, da mit Vejinovic und Pröpper zwei absolut entscheidende Mittelfeldkonstanten der bisherigen Zeit ebenfalls gewechselt sind. Die personelle und detaillierte Interpretation der Grundspielweise ist also noch schwierig abzuschätzen. Erste Eindrücke lassen vermuten, dass der von Chelsea geliehene Lewis Baker als Sechser, der elegante, vielseitige und sich durch geschickte Ballmitnahmen auszeichenende Simbabwer Nakamba – bereits letzte Saison vereinzelt eingesetzt – halbrechts und Qazaishvili halblinks im Mittelfeld agieren werden. Spielte Nathan auf der linken offensiven Außenbahn, wurden dabei verstärkt Rochaden mit dem nach links ziehenden Nakamba und Rechtsüberladungen fokussiert, für die sich Qazaishvili stärker in jenen Halbraum orientierte.

Ansonsten gibt es personell vor allem im Sturmzentrum und rechts hinten großen Konkurrenzkampf im ansonsten eher dünnen Kader. Auf der rechten Außenbahn könnte mit dem 19-jährigen Rashica, der ablösefrei aus der Liga des Kosovo kam, ein Überraschungsmann auf sich aufmerksam machen. Er ist ein individuell recht starker, wenngleich vielleicht eher simpler Dribbler und zeigte bisher eine hohe, solide Erfolgsstabilität am Ball. In den Testspielen des Teams präsentierten sich bereits wieder die bekannten taktischen Elemente – so gab es beispielsweise viele der zahlreichen Aufbaumechanismen, wie direkte Eröffnungen durch die Mitte, zu sehen, während die zentralen Akteure als dominante Kräfte gegenüber den Breite haltenden, dribbelnden und situativ helfenden Außen auftraten. Noch häufiger als zuvor gab es lange Diagonalbälle von diversen Spielern aus dem Sechserraum heraus, die mit zahlreichen raumöffnenden- und nutzenden Läufen der Offensivabteilung verbunden wurden. Kleinere Schwächen zeigten sich beispielsweise noch in der defensiven Rückraumsicherung. Insgesamt dürfte die Mannschaft den bisherigen Weg fortsetzen und ihren grundsätzlichen Stil beibehalten. Neben der Stabilisierung des neuen Detailsystems sind dabei das Verhalten in mittleren Aufrückphasen, Feintuning in manchen offensiven Teilbereichen, einige Punkte im Defensivspiel und vor allem mehr Konstanz die nächst zu absolvierenden Entwicklungsschritte.

Ernie Berenbroek 9. Juni 2017 um 15:02

Als Niederländer verstehe ich die hohen Erwartungen mit Peter Bosz nicht. Er hat bislang noch keine bedeutende Preise gewonnen. Mit Maccabi Tel Aviv verpaßte er 2016 die Meisterschaft und verlor er das Pokalfinale. Mit Ajax Amsterdam verspielte Bosz viele Punkte in der Meisterschaft gegen niedrigere Vereine. Im Pokal schied Ajax aus gegen einen Zweitligist. Die Erfolge in der Europa League waren beachtlich. Dieser Wettbewerb ist jedoch europäisches Mittelmaß. Mit großem Einsatz wurden zuhause ein schwaches Schalke 04 und Lyon besiegt. In beiden Auswärtsspiele sowie im Endspiel gegen Manchester United wurde Ajax teilweise überlaufen.

Am meisten Sorgen bereiten mir seine taktischen Auffassungen. Mit seinem Pressing ist er seinen niederländischen Kollegen weit voraus; der Aufbau von hinten ist jedoch meistens sehr langsam und vorhersehbar (ein allgemeines niederländisches Problem). Das Tempo in den Angriffen stockt oft weil immer zuerst die Flügel benutzt werden müssen. Angriffe durchs Zentrum existieren in Holland kaum. Der Zehner ist fast ausgestorben. Ich wage vorauszusagen das Bosz spätestens mit Weihnachten entlassen ist. Viele Landgenoßen mit hogen Erwartungen gingen ihm vorhab, wie Frank de Boer bei Inter Mailand, Louis van Gaal bei Manchester United und Fred Rutten bei Schalke 04.

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Koom 9. Juni 2017 um 16:27

Seine Spielweise „passt“ ja wenigstens dann auf den Kader. Von hinten herausspielen kann der BVB auch nur mittelmässig, die Flügel sind stark und überrepräsentiert und einen 10er hat es nicht. Und sich mal hinten überrumpeln lassen konnte der BVB auch gut. 😉

Klassisch holländisch dürfte der BVB 4-3-3 spielen können. Gute 6er, gute 8er, Aussenstürmer, die auch mal nach innen gehen, viel Umschaltfokus.

Persönlich denke ich auch, dass Bosz sich nicht lange halten wird. Die Arbeit Tuchels wurde mir seitens des BVB sehr unterschätzt – und das trotz das Teile des Kaders vielleicht sogar ein Stück weit gegen den Trainer spielten.

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Schorsch 9. Juni 2017 um 21:55

Wie soll das denn gegangen sein, dass „Teile des Kaders vielleicht sogar ein Stück weit gegen den Trainer spielten“? Schmelzer lässt bewusst große Räume für gegnerische Spieler und Reus verletzt sich absichtlich? So oft können Sahin oder Bender ja nicht absichtlich Fehlpässe produziert haben, so wenig wie sie gespielt haben. Weidenfeller hat ja auch nicht so oft im Tor gestanden und Piszcek ist eigentlich eher durch positive Leistungen aufgefallen. Habe ich einen der ‚Verdächtigen‘ vergessen?

Beim BVB hat niemand die sportliche Arbeit Tuchels unterschätzt. Die Probleme mit ihm hatten damit nichts zu tun.

Zu Bosz: Ich persönlich hätte klar Favre bevorzugt. Das mit seiner Verpflichtung hat nun aber nicht geklappt, weil Nizza nicht den Wunschnachfolger bekommen hat und Favre deshalb keine Freigabe erhielt. Aber warum sollte Bosz sich nicht lange halten? Ich glaube, dass es nach einer vielleicht längeren Anlaufphase mit Umstellungsproblemen durchaus immer besser laufen kann. So war es auch bei Ajax. Was das „von hinten herausspielen“ anbelangt, so hat sich der BVB personell in der IV und im Mittelfeld schon verstärkt. Wer sagt denn, dass sich nicht gerade dies unter Bosz deutlich verbessern wird?

Jeder Trainer hat eine Chance verdient. Ohne Voreingenommenheit. Frühestens nach einem halben Jahr halte ich eine Prognose hinsichtlich der weiteren Entwicklung für möglich. Es sei denn, die Hinserie würde sich leistungs- und ergebnismäßig desaströs gestalten. Aber wie wahrscheinlich ist das?

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tobit 10. Juni 2017 um 15:12

Ich glaube nicht, dass da einzelne Spieler „gegen den Trainer“ gespielt haben. Ich denke aber schon, dass es sich auf die Leistung auswirkt, wenn man als Spieler nicht von seinem Trainer überzeugt ist (und sei es nur unterbewusst). Gerade Piszczek und Weidenfeller waren doch sehr unkonstant ( => häufige kleinere oder größere Fehler, besonders im Aufbau), was man davor nicht kannte bei den beiden.

Sollte das anonyme Spieler-Zitat bezüglich der zwei Wechsel zur Halbzeit stimmen, gab es möglicherweise schon den einen oder anderen, der Tuchels sportliche Expertise und den Wert seiner taktischen Arbeit unterschätzt (oder zumindest falsch eingeschätzt) hat.

Zu Favre hätte Philipp sehr gut gepasst als Halbstürmer oder tief gehender Außen.
Auf Bosz bin ich sehr gespannt, der hat bisher ziemlich viele erfolgreiche Stationen gehabt und überall seine Grundidee umgesetzt. Mal schauen, ob er weiterhin beim 433 bleibt oder sich da eine andere Formation herauskristallisiert. Ich fände ein 442(0)/4132 mit zwei aus Reus/Philipp/Schürrle/(Auba) als ausweichenden Stürmern und zwei aus Dembélé/Pulisic/Reus/Mor/(Larsen) auf weit eingerückten Flügelpositionen sehr interessant. Das könnte auch dem Pressing und Gegenpressing entgegenkommen.

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Koom 11. Juni 2017 um 19:46

1.) Deine Ausführungen haben auch wenig Anhaltspunkte, dass sie wahr sind. 😉
2.) Von den Äusserungen her ist klar, dass manche Spieler Tuchel nicht vertrauten und an seine Lehren nicht glaubten oder sie verstanden haben. Und das können schon die fehlenden 5-6% sein, wodurch der – Zitat sv.de – „Nebel in der Defensive“ entsteht. Also ein diffuses, unklares Abwehrsystem, das teilweise einfachste Basisregeln nicht befolgen kann oder will.

Und wg. Bosz: Alles hypothetisch. Ich will dem Trainer nichts schlechtes, kenne ihn einfach zu wenig. Aber mit nem klassisch-holländischen 4-3-3-Gegenpressing-Tralala wirst du in der Bundesliga auf die Fresse kriegen. Da ist die individuelle Klasse beim Gegner im Schnitt höher als in der niederländischen Liga und mit 4-3-3 und Gegenpressing ist hier jeder aufgewachsen und hat dessen Peak auch miterlebt (Klopp). Oder kennt es in moderner Fassung von Leipzig.

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Schorsch 9. Juni 2017 um 22:33

Klopp und Tuchel hatten beide auch noch keine Titel gewonnen, als sie zum BVB kamen (sieht man einmal von einer A-Jugendmeisterschaft Tuchels ab). Gut, sie hatten beide auch nur einen Club trainiert, einen kleineren zumal. Relativen Erfolg hatten sie allerdings beide mit diesem Club. Den hatte Bosz allerdings auch bei seinen Clubs.

Was seine Arbeit bei Ajax anbelangt, so das Team nach einer gewissen Anlaufphase sein Spiel immer besser umgesetzt. In der Meisterschaft hätte man Feyenoord fast noch abgefangen (ein Punkt Rückstand). Die EL ist sicherlich nicht mit der CL zu vergleichen, aber das Vordringen ins Finale darf schon auch als Erfolg gewertet werden. Richtig ist, dass man sich auswärts schwer tat. Die Bilanz von Bosz nach einem Jahr Ajax ist sicherlich nicht die schlechteste. Außerdm hat er junge Spieler deutlich nach vorne entwickelt.

Mit seinem Pressing/Gegenpressing-Ansatz bei strukturiertem Ballbesitzspiel kann Bosz durchaus genau den passenden Fußball für den BVB-Kader implementieren. Das wird sicherlich nicht ohne Friktionen abgehen. Einige Offensivspiler des BVB sind nicht gerade vom Spiel gegen den Ball begeistert. Inwieweit das Zentrumsspiel an Bedeutung verliert, bleibt abzuwarten.

Was den ’10er‘ anbelangt, so hat der BVB unter Tuchel auch nicht so sehr oft mit einem 10er gespielt. Auch bei den Bayern unter Guardiola war das nicht so oft der Fall, auch nicht bei Real unter Zidane.

Warten wir es einfach einmal ab. Prognosen, dass Bosz zur Winterpause nicht mehr Trainer beim BVB sein wird, halte ich freundlich gesprochen für sehr gewagt.

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Dr. Acula 14. Juni 2017 um 10:55

„Er hat bislang noch keine bedeutende Preise gewonnen. “ herzlichen glückwunsch, du hast es direkt im zweiten satz geschafft, dich zu disqualifizieren. lahm und busquets haben meines wissens auch noch nie einen individuellen preis gewonnen und sind trotzdem weitaus bessere fußballer als ronaldo zum beispiel, der davon doch einige hat.

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Gh 14. Juni 2017 um 14:00

ich glaube, dass unser holländischer sportsfreund titel meinte, er hat noch keine nennenswerten titel gewonnen. ob er krawattenmann des jahres mal geworden ist oder die goldene himbeere gewonnen hat ist in der tat unwichtig. lahm hat im übrigen, so heisst es stolz auf des fc bayerns heimseite, viele individuelle titel „darunter drei Mal die höchste sportliche Ehrung der Bundesrepublik Deutschland, das Silbernes Lorbeerblatt (2006, 2010, 2014), sowie der Bambi (2014).“ gewonnen

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rodeoclown 25. Mai 2016 um 08:31

So einen Artikel kann man doch nicht zu Beginn der Sommerpause rausbringen. Jetzt musste ich ein Jahr und den Wechsel von Peter Bosz zu Ajax abwarten um in den Genuss zu kommen. Wirklich außergewöhnlicher Artikel.

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HK 30. Juli 2015 um 14:52

Das ist mal ein Pfund von Teamporträt!

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woody10 30. Juli 2015 um 14:07

kann „king_cesc“ nur zustimmen! herausragender Artikel, der durch die vielen Grafiken und die hervorragenden Ausführungen wirklich gut verständlich ist. Super auch die schöne zeitliche Einbettung, die einen angenehm zu lesenden, erzählenden Charakter aufweist. Trotz der hohen Spielerfluktuation bei Vitesse kann man die eintrainierten Muster schön wiedererkennen, was auch gleichzeitig ein Lob für den Trainer ist!

Ich werd mir die in dieser Saison sicherlich ein paar mal ansehen.

Highlight des Artikels: Vejinovic in der Heracles-Grafik 4mal in einer sich in einer vertikalen Linie befindenden Position angeordnet. Sieht gut aus!

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king_cesc 29. Juli 2015 um 08:16

Toller Artikel, de mit den vielen Grafiken verständlich bleibt!

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