Langes Zittern in Ñuñoa

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Der Start der Copa América sieht im tosenden Estadio Nacional de Chile einen lange Zeit dominanten Gastgeber. Ecuador befindet sich von Beginn an im Verteidigungsmodus gegen Jorge Sampaolis Team. Was muss man zur Auftaktpartie der Copa wissen?

Sampaoli sorgt bereits vor dem Anpfiff für eine kleine Überraschung. Im Gegensatz zum Testspiel gegen El Salvador vor einer Woche setzt er wieder auf eine Dreierkette, wie wir sie schon von der letzten Weltmeisterschaft kennen. Interessant dabei: Gary Medel spielt als rechter Halbverteidiger. Der Mainzer Gonzalo Jara agiert aus dem Zentrum heraus. Im offensiven Mittelfeld schenkt Sampaoli seinem Spielmachergenie Jorge Valdivia das Vertrauen. Folglich muss QPR-Stürmer Eduardo Vargas zunächst auf der Bank bleiben. Chile startet in einem 3-1-5-1 in die Partie.

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Grundformationen zu Spielbeginn

Die Ecuadorianer agieren derweil aus einer klaren 4-4-2-Grundformation heraus. Da Espanyols Felipe Caicedo aufgrund einer Verletzung nicht zum Kader gehört, sind die Optionen von Trainer Gustavo Quinteros begrenzter. Der Argentinier setzt auf einen Doppelsturm mit England-Legionär Enner Valencia sowie Miller Bolaños, der in der heimischen Primera Categoría Serie A auf Rang zwei der Torschützenliste liegt. Quinteros größte Waffe ist allerdings Jefferson Montero. Denn mit der Antrittsstärke des Swansea-Spielers kann keiner mithalten.

Schnelle Wege zu Sánchez

Die Chilenen bauen aus einer vergleichsweise engen Dreierabwehrreihe auf. Marcelo Díaz positioniert sich zunächst als Solosechser vor Jara und Co. Dabei lässt er zwischen den beiden Stürmern Ecuadors immer wieder den Ball prallen, um so einem der beiden Halbverteidiger etwas Raum für einen vorstoßenden Lauf zu verschaffen. Insbesondere über die linke Seite erfolgen einige Angriffe. Eugenio Mena zieht mit Ball leicht nach außen und sucht den weit vorgerückten Flügelläufer Jean Beausejour.

Ecuador läuft mit beiden Angreifern den Spielaufbau an. Dabei schiebt jeweils der ballnahe Stürmer nach vorn, wodurch sich eine pendelnde Diagonallinie ergibt. Sie können allerdings zu Beginn keinen effektiven Druck erzeugen, da auch die Abstimmung mit der Viererkette dahinter noch nicht funktioniert.

Gleich in der Anfangsphase hat Chile größere Chancen, die Alexis Sánchez vergibt. Der Mann von Arsenal wird dabei sehr schnell aus dem Mittelfeld heraus hinter Ecuadors letzte Linie geschickt. Insbesondere Valdivia sucht sowohl flache Schnittstellenzuspiele als auch höhere Lupfer, um die Verteidigungskette der Gäste zu überrumpeln, da sich diese doch recht passiv verhält und selten in ein aggressiveres Abwehrpressing übergeht. So können die Chilenen mehrfach Steilpässe in Richtung Sánchez spielen, der sich dabei aber nicht hinter die Abseitslinie bewegt, sondern zwischen den Innenverteidigern wiederum schnelle Ablagen auf Arturo Vidal oder Valdivia im Zehnerraum erfolgen.

Verschiebungen auf beiden Seiten

Nach der Anfangsphase spielt Chile fortan eher in einem 3-2-4-1, weil sich Charles Aránguiz stärker zurückbewegt und im Spielaufbau eine Doppelsechs mit Díaz bildet. Ecuador versucht unterdessen mit einer engen Mittelfeldreihe gegen den Ball das Zentrum zuzustellen. Ballnah rückt zuweilen noch ein Außenverteidiger heraus, damit der angespielte Flügelläufer Chiles keine offene Stellung ohne Gegnerdruck geschenkt bekommt. Dieses Herausschieben gilt vor allem für Linksverteidiger Walter Ayoví gegen Mauricio Isla. Denn der zuletzt in London aktive Flügelläufer bietet sich stets etwas tiefer an, während Beausejour auf der anderen Seite sofort die tiefen Sprints sucht. Wird Beausejour angespielt, schiebt deshalb sogar der rechte Innenverteidiger Gabriel Achilier heraus und lässt eine größere Lücke zentral, weil die restliche Kette nur behäbig mitverschiebt. Es geht für Ecuador zunächst um Lenkbewegungen auf die Flügel über die ersten beiden Linien und anschließende Isolationsversuche auf den Außen.

Nach zehn Minuten reagiert Sánchez, indem er aus dem offensiven Zentrum heraus nach rechts ausweicht und beispielsweise Valdivia Räume für kurze Tiefenläufe öffnet. Die chilenische Formation ist in diesem Moment gestreckter und schlichtweg dünner im Mittefeld besetzt. Dafür wird aber stringenter durch Überladungen und klassisches Hinter- oder Vorderlaufen über die Außenbahnen agiert.

Bei offensiven Umschaltaktionen hingegen bewegen sich die Spieler in Ballnähe eher verengter, wodurch zum Beispiel hinter zwei Angreifern noch weitere Spieler den Rückraum besetzen und sogar hin und wieder in Überzahl gegen Ecuadors Doppelsechs stehen.

Ecuador griffiger

Um die Dominanz von Marcelo Díaz einzudämmen, greift Ecuador mit zunehmender Spielzeit auf herausrückende Bewegungen zurück. Sechser Osbaldo Lastra rückt immer wieder mannorientiert aus der Mittelfeldreihe heraus, sobald Díaz den Ball erhält, aber mit dem Gesicht noch zum Tor von Claudio Bravo steht. So wollen die Ecuadorianer verhindern, dass sich der Anden-Baier drehen kann und aus offenen Stellungen heraus die Bälle verteilt.

Insgesamt wird das Pressing der Gäste nach der Anfangsviertelstunde griffiger. Die Bewegungen aus der Normalposition heraus wirken besser abgestimmt. Beispielsweise attackiert man nun schon direkt den Halbverteidiger oder tief stehenden Flügelläufer. Wenn der kurze Pass in den Halbraum erfolgt, ziehen der ballnahe Stürmer sowie der vorschiebende Flügelstürmer und der herausrückende Sechser ein schnelles Dreieck um den Passempfänger. Nur durch recht riskante Zuspiele in der Folge kann sich Chile aus der ersten Umklammerung befreien. Der Fokus auf Beausejour wird unterdessen größer. Der 31-Jährige von Colo-Colo spielte früher sowieso häufiger als Linksaußen, was man an seinem Bewegungsspiel sieht. Nicht nur positioniert er sich ständig nahe der letzten Linie Ecuadors, sondern zieht auch immer wieder diagonal mit Ball ins Zentrum oder besetzt die offensive Mitte, wenn diese durch das Ausweichen von Sánchez verwaist ist. Um dieses Loch ansonsten zu füllen, bewegt sich Vidal zum Ende der ersten Halbzeit hin verstärkt in die Spitze, während Valdivia als klassischer Ballverteiler horizontal durch den Zehnerraum pendelt.

Letzte Hoffnung: Montero

Problematisch bleiben für Ecuador die Anschlussaktionen an tiefe Ballgewinne. Denn zumeist gewinnen sie das Spielgerät, wenn überhaupt, in den verdichteten Räumen auf Außen oder im Halbraum – in der Regel weit in der eigenen Hälfte. Chile geht dann sofort, wie sie es prinzipiell tun, ins aggressive Gegenpressing und erzwingen so einige lange Schläge, die blind nach vorn gehen. Am ehesten scheinen noch lange Bälle in Richtung der beiden Flügelstürmer erfolgsversprechend zu sein.

Doch gefährlicher sind die Gäste aus dem offenen Aufbau heraus. Dann kann Chile nicht derart viel Druck über die erste Linie entfalten, weil Ecuador den Ball doch recht passable über die Breite der Viererkette laufen lässt. Bei den anschließenden Rückzugsbewegungen schieben Vidal, Valdivia und Aránguiz allesamt ins Zentrum. Folglich bleiben die Außenverteidiger Ecuadors sehr frei. Ein erster Pass erfolgt meist von Frickson Erazo auf Ayoví. Dieser kann dann einige Meter die Linie entlang laufen und anschließend Montero ins Spiel bringen. Bei den erwähnten Rückzugsbewegungen der Chilenen neigt Sampaolis Mannschaft im 5-4-1 dazu, alle Verteidiger auf eine Fünferlinie an die Strafraumgrenze zu stellen. Es wirkt in diesem Moment vergleichsweise passiv, was auch direkte Eins-gegen-Eins-Duelle zwischen Montero und Isla zur Folge hat, wo Letzterer gnadenlos überlaufen wird.

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Grundformationen nach der Halbzeitpause

Doch am Ende der ersten Halbzeit kann bei einer Doppelnull auf der Anzeigentafel auch Ecuador nur einen Schuss aufs Tor verbuchen. Gleiches gilt für Chile, die allerdings knapp 70 Prozent Ballbesitz bei einer Passquote von 86 Prozent – gegen Ecuadors 64 Prozent – aufweisen. Ecuador kann im ersten Durchgang nur 91 Pässe erfolgreich anbringen.

Umstellungen und Treffer nach der Pause

Zur Halbzeit stellt Sampaoli um. Er wechselt Vargas für Beausejour ein. Der linke Flügelläufer verbucht in den ersten 45 Minuten 27 Ballkontakte. Er muss aber für eine Umstellung auf 4-3-3 weichen. Sánchez kommt nun über links, Vargas über rechts und Valdivia agiert wieder einmal in der Hybridrolle zwischen Zehner und falscher Neun, wie wir es schon zuweilen in den letzten Monaten beobachten durften.

Ecuador macht derweil einen gefährlicheren Eindruck. Siehe zum Beispiel die 54. Minute: Montero wird hinter Isla geschickt, weil zuvor kein Druck am Flügel erzeugt werden kann. Einmal an der Grundlinie angekommen, legt Montero in den Rückraum zu Bolaños, der jedoch verzieht.

In der neuen Formation positioniert sich Vidal tiefer und bekommt dadurch mehr spielmachenden Einfluss. Der Juventus-Akteur schafft die Verbindungen von Díaz aus, die sich insgesamt durch situative Rautenbildungen ergeben. So können Vidal und Aránguiz in den engen Lücken der ecuadorianischen Mittelfeldreihe mit ihrer präzisen Technik die sofortigen Weiterleitungen spielen. Chiles Außenverteidiger gehen zudem sehr früh nach vorn, wodurch auch diagonale Pässe auf sie erfolgen. Anschließend spielen sie von außen direkt wieder diagonal hinter die Gegenspieler und folglich in den Lauf von Sánchez oder Vargas. Werden die Außenverteidiger allerdings direkt aus dem Aufbau heraus angespielt und empfangen den Ball noch an der Mittellinie, kippen teilweise die Sechser – in diesem Fall sind es Díaz und Aránguiz – heraus und bieten eine Absicherung.

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Aufbau der Chilenen über die Díaz mit Mittelfeldraute

Die spielentscheidende Szene entsteht dann in der 65. Minute. Vidal kommt mit einem Dribbling in den Strafraum, wo er von Bolaños gehalten wird und zu Boden geht. Den Elfmeter verwandelt der „Krieger“ gleich selbst. Anschließend nimmt Sampaoli Valdivia vom Feld und bringt Matias Fernández, der sich im Verlauf der verbleibenden 25 Minuten noch einen Platzverweis per Gelb-Roter Karte einhandelt.

Durch die Hereinnahme von Fernández entsteht bei Chile zeitweise ein 4-2-2-2 mit enger agierenden Stürmern sowie mit Fernández und Vidal auf fluiden Halbpositionen dahinter. Ecuadors Trainer Quinteros bleibt derweil bis zum Ende bei seiner Grundformation. Er bringt mit Pedro Quiñónez für Lastra einen frischen Sechser, der etwas aggressiver herausrückt, wodurch Ecuador situativ im 4-1-3-2 steht, aber es gibt keine grundsätzliche Umstellung.

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Grundformationen in der Schlussphase

Mit der Führung im Rücken zieht sich Chile stärker zurück. Díaz geht interessanterweise als Libero zwischen Medel und Jara. Im Ballbesitz schiebt der HSV-Profi dann wieder aus der Abwehr heraus. So versuchen sie insgesamt keine Durchbrüche zuzulassen. Ecuador kommt in der 82. Minute noch zu einem Lattentreffer. Die Mauer blockt zunächst einen direkten Freistoß. Der Abpraller kommt hoch in den Sechzehner, wo aus dem Gewühl das Spielgerät ans Aluminium fliegt. Den Schlusspunkt setzen aber die Gastgeber der diesjährigen Copa. Der eingewechselte Renato Ibarra spielt auf Höhe der Mittellinie unter Druck vom rechten Flügel zurück in Richtung eigene Abwehrreihe. Tut dies allerdings sehr unpräzise. Sánchez fängt den Ball, schickt Vargas halblinks hinter die Verteidiger. Das 2:0. Der Schlusspunkt.

Fazit

Zum Auftakt des Nationenturniers in Südamerika dürfen wir erleben, wie sich Chile ein Stück von der ultraaggressiven Pressingmaschinerie wegbewegt. Vor kurzem sagte Sampaoli: „Ich bin jetzt näher an Guardiola.“ Der Bayern-Trainer ist sein zweites großes Vorbild neben Marcelo Bielsa. Aktuell steckt etwas weniger Bielsa – sprich verrückt offene Raumaufteilung und bedingungsloses Pressing – in der taktischen Ausrichtung und ein großer Schuss Guardiola kommt hinzu.

Die Ecuadorianer sind ihrerseits eher noch nicht auf dem Niveau wie bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr. Mit Antonio Valencia, Michael Arroyo und Felipe Caicedo fehlen wichtige Stammspieler. Auch Stuttgarts Carlos Gruezo ist nicht mit dabei. Enner Valencia kann in der Auftaktpartie bis auf einige wenige ausweichende Läufe auf den Flügel wenig Wirkung entfalten. Die Sechser sind nicht präsent genug und Quiñónez bastelt sich ein doch recht glattgebügeltes System zurecht, was nicht das Potenzial hat, gegen Top-Teams aus dem Aufbau heraus zum Erfolg zu kommen.

CR 12. Juni 2015 um 12:28

extra wach geblieben? wo, auf welchem Sender wird die Copa übertragen?

Nicht auf sport1 Sport1+ eurosport eurosport2 oder sonst wo ?!

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CST 12. Juni 2015 um 12:52

Bin aus Südtirol und hier bei uns gibt es gazzetta tv (von der gazzetta dello sport)! Die übertragen alle spiele live, vielleicht kann man den livestream im internet auch in deutschland empfangen! Ansonsten kann man die spiele via youtube live sehen!

Antworten

CST 12. Juni 2015 um 12:02

*Freude* über diesen Artikel zu Chile-Ecuador! Bin extra wach geblieben um das Match zu sehen und bin jetzt erfreut, dass ich fast genau die gleichen Beobachtungen gemacht haben wie CE. Besonders die doch sehr enge Dreierkette in Hälfte eins hat mich überrascht??
Und Vidal als vertikalen Zehner/bzw Fast-Stürmer zu bringen war wohl eine Idee von Matias Manna, oder was meint ihr?

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