Donnerstag, 08.12.2016

Türchen 22: Alejandro Pozuelo

Alex Pozuelo, das Kombinationsmonster aus der Zukunft.

Wenn ein Spieler von Swansea City zu Rayo Vallecano wechselt, dann ahnt der geneigte Spielverlagerung-Leser, dass es sich hier womöglich um einen sehr speziellen Typen handelt. Wenn der dann auch noch jung und wendig ist und einen sehr niedrigen Marktwert hat, schrillen alle Alarmglocken. Aber diese Vorzeichen sind nur die passende Untermalung für den Herrn hinter unserem Türchen 22. Um festzustellen, was Alejandro Pozuelo für ein spezieller Spielertyp ist, reicht normalerweise, ihn wenige Minuten auf dem Platz zu beobachten.

Omnipräsenter Strukturgeber, Verbindungsspieler und Überzahlschaffer

In den meisten Partien stellt man dann sehr schnell eines fest: Pozuelo ist überall. Er taucht in unterschiedlichsten Mittelfeldräumen auf, nicht plötzlich und vereinzelt, sondern permanent, planvoll und dynamisch. Besonders wenn er auf den Flügelpositionen viele Freiheiten hat, nutzt er diese, um extrem weit über das Feld zu driften. Dass er als Rechtsaußen im defensiven linken Halbraum einen Ball fordert, ist bei ihm nichts außergewöhnliches. Auch von allen anderen Mittelfeldpositionen bringt er sehr weiträumige Bewegungen ein.

Pozuelo rennt aber nicht einfach kopflos durch die Gegend, was der ein oder andere bei dieser Beschreibung vielleicht befürchtet. Er versucht einfach möglichst oft und möglichst dauerhaft, kombinativ nutzbare Strukturen herzustellen. Dreiecke, Dreiecke, Dreiecke, immer und überall. So kann er – vor allem bei einer dominanten Mannschaft – enorm häufig Überzahlsituationen schaffen. Das tut er meist nicht als statische Überladung innerhalb einer Zone, sondern zonenübergreifend. Das ermöglicht zielgerichtete, dynamisch Folgeaktionen nach dem Durchspielen der Kombinationszone und verhindert, dass Verbindungen verloren gehen und man von gegnerischer Kompaktheit isoliert wird. Pozuelo hat also ein ungemein gutes Gespür für die gesamte Angriffsentwicklung und weiß intuitiv ziemlich genau, wie man Kombinationsspiel effizient gestaltet.

Beeindruckend ist dabei, dass er zwar in einer passenden Umgebung wahnsinnig präsent ist, aber keineswegs besonders dominant. Er schaltet sich immer ein, doch nicht, um eigene Szenen zu fokussieren, sondern um seine Mitspieler zu unterstützen und kollektive Aktionen zu ermöglichen. Wenn es notwendig ist, agiert er in der späteren Vorwärtsbewegung dann auch als eher absichernder Balancegeber und reißt das Spiel nicht krampfhaft an sich. Ohnehin sucht er nicht die riskante Einzelaktion, sondern versucht jede Situation erfolgsstabil zu lösen.

Kombinationspurist

Vor allem seine Ballaktionen sind individuell gesehen höchst unspektakulär. Zumeist beschränkt er sich auf Kurzpässe, die für viele Beobachter auf den ersten Blick simpel sind. Doch Pozuelo versucht eben, Angriffe in Gemeinschaftsarbeit zu spielen und das kann er extrem gut. Seine extremer Kombinationsfokus zeigt sich nicht nur bei der strukturellen Aufbauarbeit im Mittelfeld, sondern auch bei der Entwicklung von Durchschlagskraft. Kaum ein Spieler agiert in Strafraumnähe so gruppentaktisch wie er.

Swansea 2-2 Liverpool Endphase

Mit dieser Systematik spielte Swansea im letztjährigen September unter Michael Laudrup den Liverpool FC in der Endphase an die Wand und holte sich nach Rückstand noch einen Punkt.

Durch diesen Fokus geht seine individuelle Klasse häufig etwas unter. Dabei ist Pozuelo ohne Frage ein begabter Kicker. Er hat eine tolle Passtechnik – auch für längere Bälle – und eine gute Koordination, Beweglichkeit und Ballverarbeitung. Das verbindet er mit einer hervorragenden Orientierung, sodass er auch in sehr kleinen Räumen noch erfolgsstabil kombinieren kann.

Wenn der Gegner in solchen Szenen passiv bleibt und ihm die Passwege zustellt, kann er das mit kurzen, kleinräumigen Dribblings bespielen, um dann an anderer Stelle durchzubrechen. Seine Folgebewegungen nach Ballabgabe sind dann sehr tororientiert und im Strafraum glänzt er durch große Ruhe. Auch sein Abschluss ist gut. Das sind aber alles im Grunde sekundäre Fähigkeiten; die Basis für alles ist das Spielen in der Kombination.

Fehlende Wertschätzung

Dass Pozuelo trotz dieser herausragenden Qualitäten für einen Spottpreis zu Swansea wechselte und nun angeblich ablösefrei zu Rayo, ist ein Armutszeugnis für den Profifußball. Es zeigt, dass die taktischen Fähigkeiten von Spielern immer noch kaum erkannt werden. Anscheinend können sie sogar schädlich sein, wenn sie dazu führen, dass ein Spieler seltener zur individuell spektakulären Aktion kommt.

Dass der Spanier sogar bei Swansea nicht so richtig zum Zuge kam, treibt die Absurdität auf die Spitze. Der Verlauf seines Peak-Goal-Impacts (siehe Grafik) zeigt, dass er dort seine eindeutig beste Phase seiner Karriere spielte, weil er perfekt in den Stil der Mannschaft passte. Das ging so lange gut bis Michael Laudrup entlassen wurde. Dieser setzte ihn zwar (noch) selten in der Startelf ein, doch nutzte seine Qualitäten gut, um in schwierigen Spielphasen mit höheren Außenverteidigern, massivem Kombinationsfokus und großer Zentrumsdominanz Partien unter Kontrolle zu bringen. Garry Monk hat das Spiel im Angriffsdrittel deutlich vertikalisiert und dabei auch individualistischer gestaltet, was Pozuelo seiner Stärken beraubte. Außerdem trennte sich Swansea im Sommer gezielt von mehreren Spielern des Spanien-Blocks. Für Pozuelo wurde Jefferson Montero geholt, der wohl einer der individualistischsten Spieler im Profifußball ist.

Die Peak-GI-Kurve taugt bei Pozuelo wohl als Einbindungs-Index. Die Phase bei Swansea unter Laudrup ist die exakt der einzige Karriereabschnitt, bei dem es für ihn bergauf ging.

Die Peak-GI-Kurve taugt bei Pozuelo wohl als Einbindungs-Index. Die Phase bei Swansea unter Laudrup ist die exakt der einzige Karriereabschnitt, bei dem es für ihn bergauf ging.

Man muss natürlich sagen, dass Pozuelo klare Schwächen hat. Er ist zwar technisch gut, aber nicht überragend, er ist physisch eher schwach und hat auch keine besonders gute Spitzengeschwindigkeit. Dadurch ist er in isolierten Situationen kein sehr guter Spieler. Doch die taktische Entwicklung des Weltfußballs geht immer stärker zu dauerhafter Kompaktheit. Rein individuelle Situationen werden immer seltener. Fähigkeiten für kleinräumige Kombinationen, für das Schaffen von Verbindungen und Strukturen und Tororientiertheit in kompakten Situationen gewinnen an Bedeutung.

So ist Alejandro Pozuelo vielleicht ein bisschen zu früh geboren. Seine Spielweise ist die des modernen Kollektivfußballs, der aber – vor allem in offensiver Hinsicht – noch längst nicht in der Breite des Profifußballs angekommen ist. Pozuelos permanente Aktivität und Kreativität sollten vorbildhaft für jeden Fußballer sein. Stattdessen sind sie vielleicht ein Karrierehindernis. #dennwirhassenfußball

Lenn 11. Mai 2015 um 22:59

So traurig, wie er einfach nicht mal bei Rayo konstant zu Einsätzen kommt. Die letzten Wochen ja jetzt wenigstens dauerhaft im Kader…
Was allerdings mindestens genauso traurig ist: gäbe es überhaupt eine Mannschaft/einen Trainer, unter dem er tatsächlich eine ihm angemessene Rolle innehätte?
Laudrup halt evtl. , für ein Guardiola-Team reicht bei ihm halt die Gesamtqualität wohl eher nicht, sonst wäre das interessant. Ansonsten fällt mir im Moment tatsächlich nichts ein…

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SCP-Poker 11. Mai 2015 um 23:36

Verbeek wäre eventuell nicht schlecht, auch wenn Bochum mich zumeist enttäuscht hat. Hab aber nur wenige Partien gesehen und da waren auch gute dabei.
Stell mir Poz als 8er/10er neben Eisfeld ganz cool vor

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SCP-Poker 11. Mai 2015 um 23:44

In der japanischen Nationalmannschaft wäre er übrigens auch ganz gut aufgehoben… 😀

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Lenn 11. Mai 2015 um 23:46

Gut möglich, Bochum kenn ich gar nicht. Das ist aber genau das traurige, dass man da einfach in die zweite Liga gehen muss, dafür finde ich ihn individuell viel zu gut. MMn. wäre er als Stammspieler bei einem Euro League-Team sehr gut aufgehoben, mit Potenzial für mehr.

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PNM 22. Dezember 2014 um 16:50

Toller Artikel!
Könnt ihr vielleicht noch was zu seiner Rolle bei Rayo sagen?

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SCP-Poker 22. Dezember 2014 um 17:23

Bei Rayo hatte er bislang sehr wenige Einsätze, aber die letzten beiden Spiele hat er von Beginn gemacht als 8er im 334.
Im ersten Spiel war er nicht so gut eingebunden da Rayo eher weiträumig als kombinativ war.
Im zweiten war es viel besser. Da war er kombinativ eingebunden und hatte die meisten Ballaktionen seines Teams.

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SCP-Poker 22. Dezember 2014 um 17:24

Auch wieder im 334.
Es scheint so, dass Paco nun die passende Einbindung für ihn gefunden hat.

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MM 22. Dezember 2014 um 17:55

Was kann man allgemein zur Taktik von Rayo sagen?
Bzw wie bewertet ihr dort und allgemein ein 334?

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SCP-Poker 22. Dezember 2014 um 18:28

Geilste Mannschaft der Welt momentan! Keiner ist so krank! (Außer vllt Pep)

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LMey 22. Dezember 2014 um 19:31

Dem stimme ich zu. Paco ist das Naturgenie des Fußballs im 21 Jahrhundert. Was Schiller in Worte fasste, van Gogh in Bildern – das inzensiert Paco mit dem Fußballspiel.

PNM 23. Dezember 2014 um 05:07

Vielen Dank. Wollte mit sowieso mal wieder ein Rayo-Spiel angucken, das ist dann ein weiterer Grund.

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