Eden Hazard, Dynamik-Nadelspieler

Eden Hazard ist der Topstar Belgiens. Die Kombination seiner Stärken machen ihn zu einem der interessantesten und durchschlagskräftigsten Spieler des Turniers. Ein kleiner Vorgeschmack auf unsere WM-Vorschau.

Dieser Text ist wie viele andere Porträts oder Essays neben den Taktikanalysen zu allen 32 WM-Teilnehmern in unserer WM-Vorschau zu lesen. Das E-Magazin, das werbefreie 363 Seiten umfasst, ist hier zu erwerben! Es ist die einzige Leseprobe, die wir veröffentlichen werden.

30. August 2013, Europäisches Supercupfinale in Prag. Wir schreiben die achte Spielminute. Der FC Bayern ist gerade drauf und dran, den Ball im Gegenpressing zurückzuerobern.

Weit in der eigenen Hälfte spielt Fernando Torres einen Pass auf Eden Hazard, der kurz vor der Mittellinie Chelseas höchster Spieler ist. Rafinha übt Druck von hinten aus, Lahm und Robben nähern sich von den Seiten – die Münchener Falle sollte nun zuschnappen. Hazard, der mit dem Rücken zur gegnerischen Hälfte steht, täuscht jedoch ein Entgegenkommen an und dreht sich um sein rechtes Standbein.

Rafinha läuft fast ins Leere, kann sich aber gerade noch halten und nimmt die Verfolgung auf. Hazard macht jedoch kurzen Prozess, kreuzt sofort wieder den Laufweg des Brasilianers und beschleunigt. Nachdem er den herausrückenden Boateng umspielt hat, legt der Belgier den Ball gegen Alabas Verschieb-Bewegung raus auf den rechten Flügel zu Schürrle, der den Querpass zu Torres‘ 1:0 gibt.

Dies ist die wohl prominenteste Szene, die das Spiel von Belgiens Superstar Eden Hazard zusammenfasst. Der 23-Jährige kombiniert vielfältige Fähigkeiten und trägt damit die Hauptlast der Offensivkraft im Verein und in der Nationalmannschaft. Dabei wäre der talentierte Belgier nach seinem kometenhaften Aufstieg als Teenager beinahe noch als Profi gescheitert.

Stammspieler mit 17

Mit gerade einmal 16 Jahren gab Hazard sein Erstligadebüt beim OSC Lille, wohin er bereits als 14-Jähriger gewechselt war. Ein Jahr später war der Flügelspieler nicht nur Teil der Stammelf, sondern auch einer der Leistungsträger des Teams.

Lob gab es von allen Seiten. Frankreichs Weltmeister Christophe Dugarry verglich ihn schon früh mit einem der ganz Großen: „Er erinnert mich sehr an Cristiano Ronaldo, vor allem wegen seiner Geschwindigkeit. Hazard ist prädestiniert für eine große Karriere“. Am Ende seiner ersten kompletten Profisaison wurde Hazard gleich als bester junger Spieler der Ligue 1 ausgezeichnet – und stand längst auf den Zetteln der europäischen Topteams.

Probleme im Nationalteam

Natürlich waren auch dem damaligen Nationaltrainer Georges Leekens die außergewöhnlichen Fähigkeiten Hazards aufgefallen. Nach einigen Spielen für die „Roten Teufel“ wurde Hazard jedoch aus taktischen Gründen aus dem Kader gegen Österreich gestrichen. Leekens missfiel die Defensivarbeit des Shootingstars, zudem war er ihm mitunter zu verspielt.

Als Hazard wenig später im Spiel gegen die Türkei vorzeitig ausgewechselt wurde, kam es fast zum Bruch. Der Flügelspieler verließ das Stadion und ließ sich demonstrativ in einem Fast-Food-Laden ablichten. „Er könnte etwas besser trainieren. Er ist erst zwanzig. Er ist kreativ und Eden weiß, dass er mehr machen muss“, sagte Leekens damals und verzichtete nach dessen Aktion im nächsten Spiel ein weiteres mal auf Hazard.

Auch der heutige Chefcoach Marc Wilmots, damals noch Co-Trainer unter Leekens, war skeptisch ob des Hypes um den jungen Dribbler: „Die französische Presse ist von Hazards magischen Momenten geblendet. Sie sagen über ihn, was sie über Gourcuff im Jahr 2009 sagten“, sagte der ehemalige Schalker noch 2011. Hazard sollte jedoch alle Kritiker Lügen strafen und setzte seinen Aufstieg zum Weltklassespieler fort.

Wechsel zu Chelsea

Nachdem sich angeblich auch Real Madrid und der FC Bayern um Hazards Dienste bemüht hatten, wechselte der begehrte Offensivstar 2012 zum FC Chelsea. Dort agierte er anders als bei Lille nicht so klar als inverser Flügelspieler, sondern band seine weiteren außergewöhnlichen Fähigkeiten ein. Das spielmachende Element kam nun ebenso stärker zum Vorschein wie sein hervorragendes Engenspiel.

hazard chelseaZu Beginn der Saison ließ Roberto di Matteo Chelsea sehr offensiv spielen und bot im 4-2-3-1 Hazard, Oscar und Mata hinter Torres auf. Die drei offensiven Mittelfeldspieler agierten dabei sehr nah aneinander und versuchten ständig, Räume entlang der kompletten Horizontalen zu überladen.

Dabei wurden vor allem Hazards Fähigkeiten in engen Situationen deutlich. Während der Belgier bei Lille eher aus breiter Position heraus mit seinem Tempo sehr weiträumig – bis zur Grundlinie oder diagonal bis an den Strafraum – agiert hatte, positionierte sich Hazard nun immer wieder bewusst in Engen, die er auflöste.

Die Amtszeit von di Matteo sollte jedoch nicht lange dauern und Rafa Benitez übernahm. Unter dem Spanier wurde der spielerisch hochinteressante Ansatz mit dem technisch hochwertigen Offensiv-Wirrwarr zugunsten der Stabilität verworfen: Chelsea schlug wieder vermehrt lange Bälle.

Dynamik-Nadelspieler

Erst mit der Übernahme Mourinhos zur Saison 2013/14 konnte Hazard wieder aufblühen. Auch wenn die Londoner unter dem Portugiesen sehr defensiv spielen, fällt Hazard wieder eine deutlich zentralere Rolle in den Angriffsbemühungen der Blues zu.

Im Gegensatz zu Mourinhos erster Amtszeit, bei der Drogba gerne über lange Bälle als Ein-Mann-Armee genutzt worden war, plante The Special One seine Konter nun über Hazard: Der Belgier fungiert seither als Dynamik-Nadelspieler.

Hazard rückt bei Belgien auf die Zehnerposition.

Hazard rückt bei Belgien auf die Zehnerposition.

Im tiefen Mittelfeldpressing der Londoner darf Hazard situativ eine sehr zockende Rolle einnehmen und sich im offensiven Halbraum oder sogar im Zehnerraum für Konter positionieren. Die in der Regel durch Rückwärts- und Gegenpressing hergestellten Engen löst der Belgier mit Körpertäuschungen und einem unglaublichen Tempo auf – und gewinnt so wichtige Räume.

Neben dem geschickten Kreuzen der gegnerischen Laufwege ist vor allem die beachtliche Pressingresistenz des Kraftpakets auffällig. Auch unter starker körperlicher Bedrängnis balanciert sich Hazard mit seinem tiefen Körperschwerpunkt aus dem Netz der gegnerischen Verteidiger.

In den Szenen, die Sekunden nach diesen Manövern stattfinden, fallen sofort Hazards spielmachende Fähigkeiten auf. Auch bei höchstem Tempo und unter Druck wählt er nahezu immer richtig zwischen sicheren Verlagerungen, anspruchsvollen Schnittstellenpässen und kurzen Ablagen.

All diese Fähigkeiten in Kombination mit der beidbeinigen Schussstärke machen Hazard zu einer echten Waffe im Offensivspiel, wovon auch die belgische Nationalmannschaft zehrt.

Dominanz im Nationalteam

Unter Wilmots startet Hazard in der Regel auf dem linken Flügel, hat jedoch alle Freiheiten in der Vertikalen und Horizontalen. Dabei sucht er immer wieder den Kontakt zu Kevin de Bruyne, mit dem Hazard hervorragend harmoniert.

Dies äußert sich nicht nur im direkten Kombinationsspiel, das die beiden dank ihrer Pressingresistenz auch gerne in Unterzahl aufziehen, sondern auch in den strategischen Bewegungsabläufen. Fällt de Bruyne von der Zehn zurück zu den Sechsern, übernimmt Hazard immer wieder die Zehnerposition und gibt die linke Seite frei den aufrückenden Verthongen.

Auch bei Lukakus Läufen auf die Flügel verhält sich Hazard stets passend und stimmt sich gut mit dem ins Sturmzentrum rückenden Mirallas ab. Der Chelsea-Star besetzt je nach Laufweg des Rechtsaußen den Rückraum oder schleicht sich für Flanken an den zweiten Pfosten, wenn de Bruyne oder ein nachrückender Sechser im Rückraum auf Ablagen oder zweite Bälle wartet.

Hazard ist neben de Bruyne also der dominante Spieler der „Roten Teufel“ und sorgt durch seine Technik und Dynamik für viel Wirbel im Kombinationsspiel. Sein guter Abschluss und seine gefährlichen Standards bringen den Belgiern zudem einiges an Durchschlagskraft. Gelingt es den Belgiern, die Pflichtaufgaben in der Gruppenphase zu erfüllen, so könnte Hazard zu einem der Stars des Turniers aufsteigen.

Terminus 14. Juni 2014 um 12:23

Kleine Ergänzung noch: Die Szene, die am Anfang des Artikels beschrieben wird, wurde beim Eng am Ball-Talk über die Taktiktrends der BuLi-Saison 2013/2014 aufgegriffen – als Beispiel, wie die Fußballberichterstattung im Fernsehen erfolgt und warum die in dieser Form Blödsinn ist.
Die Zeitlupe setzte nämlich mit Hazards Pass nach außen ein, also ab dem Punkt, wo die Verwertung für ein Spitzen-Konterteam – und im Besonderen ein Mourinho-Team – Routine sein dürfte. Über Hazards Aktion gegen drei Bayern, die selbst mir die Kinnlade aus der Verankerung gehauen hat, wurde weder im Spiel selbst noch in der Nachberichterstattung auch nur ein Wort verloren.

Abgesehen von „geiler Artikel“, „krasser Spieler“ und „bin auf Belgien bei der WM gespannt“ kann man aber ansonsten nichts weiter zu dem Artikel sagen hier. Die Hazard-Lobeshymnen kommen dann von den Lesern zur ersten Belgienanalyse. 😀

PS: Natürlich noch mal fürs Protokoll: Ihr habt mit der WM-Vorschau ein sehr sehr geiles Sonderhaft auf die Beine gestellt – euer vielleicht bestes Werk bislang! Vielen Dank!

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Maratonna 14. Juni 2014 um 11:37

Das es zu so einem Spieler keine Resonanz gibt. Nach dem Deutschlandspiel gibt es dann wieder 180 comments. Da suchen sich wohl viele ihre Sahnehäubchen raus….gibt die Tage doch einige Artikel die regelrecht verkümmern. Da wird sich der ein oder andere Autor in Zukunft zweimal überlegen, ob er Artikel abseits des Mainstreams verfassen wird. Glaube sowas von @Rene schonmal gelesen zu haben in irgendeiner Diskusssion zum xten Bayernspiel. Schade es sind doch gerade diese Artikel die einem einen Blick über den Tellerrand ermöglichen, was nicht heisst das eure Beiträge zu gefragteren Spielen/Themen nicht auch toll wären. Vielleicht hättet ihr den ein oder anderen Artikel im Zeitraum zwischen Champions League Finale und WM-Start posten müssen, falls sie da schon angedacht waren. Ich denke der Focus liegt bei den meisten Lesern schon zu arg auf der WM, verständlicherweise……..bei der Vorfreude

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