Blick über den Tellerrand – Folge 17

Diesmal wird unsere Serie historisch – wir schauen in die jüngere Geschichte der deutschen Nationalmannschaft. Außerdem: Norbert Meiers neue Aufgabe und Pokémon-Fans in Südamerika.

Geschichtsstunde: Deutschland beim Confed-Cup 2005

Das deutsche Sommermärchen bei der Weltmeisterschaft 2006 haben wir bereits im Zuge unseres Ballnah-Magazins einmal analysiert. Dabei war die 4-4-2-Formation des DFB-Teams zwar kein Vergleich zur heutigen Zeit, präsentierte sich im damaligen Kontext aber als eines der modernsten Teams und verfügte durchaus über einige Kombinationsansätze. Dennoch blieben klare Flügelüberladungen und die Dribblings des Sturmduos die zentralen Angriffsmittel der Mannschaft.

Bereits ein Jahr zuvor hatte Jürgen Klinsmanns Auswahl beim Confederations-Cup  mit unterhaltsamen Auftritten sowie einem zufriedenstellenden dritten Platz auf sich aufmerksam gemacht. In jenem Turnier zeigte sich das Team sogar offensivstärker und durchschlagender als schließlich bei der Weltmeisterschaft selbst, agierte allerdings auch instabiler und in der Defensive anfälliger. Die offensive Fluidität, Vielseitigkeit in den Angriffsmechanismen und fast schon verrückte Ausrichtung der Mini-WM waren insgesamt jedenfalls beeindruckend und deuteten bereits auf ein erfolgreiches Abschneiden im folgenden Jahr hin.

blick über den tellerrand 17 ger2005Auf der Linksverteidiger-Position agierte damals noch nicht Philipp Lahm in seiner inversen Art, sondern entweder Thomas Hitzlsperger oder häufiger der eigentliche rechte Flügelspieler Bernd Schneider. Während seine Kreativität bei der WM nicht vollends ausgeschöpft und nur bedingt in das Zusammenspiel um Podolski, Schweinsteiger sowie Ballack eingebunden wurde, kam der technisch starke Leverkusener hier eingerückt – einige Defensivschwächen in Kauf eingenommen – hervorragend zur Geltung und war entscheidend am starken Offensivspiel auf links beteiligt. Der ausweichende Podolski und der vorstoßende Ballack unterstützten diese Seite aus dem Zentrum. Insgesamt entstanden von hier einige starke Kombinationen, die oft in Form von Schnellangriffen gespielt wurden und ansehnliche Treffer wie das 4:2 gegen Australien oder die ersten beiden Tore gegen Mexiko hervorbrachten.

Dabei musste Flügeldribbler Schweinsteiger, dessen spielerische Anlagen in dieser Umgebung aber bereits aufblitzten, noch am ehesten um seinen Platz fürchten. Gelegentlich spielte der vielseitige Schalker Fabian Ernst an seiner Stelle, agierte dabei aber vorsichtiger und mehr in die tieferen Halbräume gerichtet. Gerade im Halbfinale gegen Brasilien rochierte er oft mit Ballack, um dem Kapitän noch mehr Vorstöße in die Linkslastigkeit zu ermöglichen. Weil die Seleção durch leichte Asymmetrien um Robinho und Kaká das deutsche Aufbauspiel einige Male von dieser Seite weghalten konnte, geriet der rechte Flügel vermehrt in den Blickpunkt. Hier war der von außen weit einrückende Sebastian Deisler, der mit seinen vielseitigen Qualitäten ein starkes Turnier spielte, für die Besetzung des Zehnerraums, einzelne Dribblings durch diagonale Lücken oder eine alternative Verbindungslinie auf die starke linke Seite zuständig.

In solchen Situationen wie gegen Brasilien konnte das deutsche Team allerdings auch diesen Flügel situativ überladen. Dafür wich Podolski verstärkt dorthin aus, während auch der jeweilige Mittelstürmer – meistens Kuranyi bzw. in den Endphasen dann der durchgehende Joker Asamoah – sich auf die Seite begab, um dort als Ablage oder Raumblocker zu fungieren. Gegen den späteren Sieger gab es einige Flanken auf die ballferne Präsenz von Ballack, in anderen Spielen – wie unter anderem gegen Tunesien – spielte man sich gut diagonal durch. Normalerweise kamen die Rechtsüberladungen häufiger vor, wenn Schweinsteiger aufgeboten war, da dieser diagonale Läufe hinter die Abwehr zeigte, wenn beide Angreifer nach rechts wichen und Podolski dort mit Deisler spielmachend wirkte – so entstand eines der Tore gegen die Tunesier.

Überhaupt trieben diese drei Nachwuchshoffnungen mit ihren gut getimten Läufen durch die damaligen Unkompaktheiten des Mittelfelds auch viele direkte Angriffe aus der Tiefe an und rückten somit einfach bis zur letzten Linie, wo dann in die kollektiven Kombinationen übergegangen wurde. So schließen wir diesen kleinen Rückblick auf ein kurzweiliges Turnier mit einem Lob für den unterschätzten Jürgen Klinsmann – das Lob gilt der Grundausrichtung, den verschiedenen Angriffsmechanismen, zwar nicht der Defensivleistung, aber durchaus auch dem wirkungsvollen Schneider-Experiment.

Interessant zu beobachten: Norbert Meier bei Arminia Bielefeld

Nach einer Reihe an schwachen Ergebnissen kam es bei Arminia Bielefeld im Februar zur umstrittenen Trennung von Aufstiegsheld Stefan Krämer. Dieser hatte den Verein über mehr als eineinhalb Jahre durch seine moderne und durchaus eigenwillige Ausrichtung bereichert, in seinen letzten Wochen aber leider die eine oder andere seltsame Entscheidung getroffen, was Personal oder Konsequenz in bestimmten taktischen Aspekten anging. Alles in allem war seine Entlassung dennoch keine ideale Aktion.

Vor allem war zu befürchten, dass sein Nachfolger eher einen Rückschritt gegenüber Krämer darstellen würde, was sich bei der Personalie Norbert Meier allerdings immerhin – das dürfte für viele Arminen-Fans noch die beste Nachricht an Krämers Ende sein – nicht bewahrheitete. Dennoch hat der vormalige Düsseldorf-Coach mit fünf Punkten in sechs Partien noch einige Probleme.. Bezüglich der Gesamtausrichtung und einigen Aspekten des Defensivspiels ist eine neue Klarheit und Konsequenz, teilweise auch mehr Struktur eingekehrt, wenngleich diese einige typischer Meier-Gegentore aus dem Rückraum mit sich brachten. Auf der anderen Seite sind die personellen Entscheidungen weiterhin diskutabel – Achahbar und oftmals auch Jerat finden zu wenig Beachtung – und es gibt kleinere Fehler, wie die fehlende Raumsicherung im defensiven Mittelfeld nach dem geschafften Ausgleich gegen Cottbus. Neben den Mannorientierungen der äußeren Akteure musste Jerat vor der Abwehr einen riesigen Raum alleine abdecken. Folglich verlor er den direkten, isolierten Defensivzweikampf gegen Stiepermanns Dribbling, dessen Schuss das unglückliche Eigentor zum 1:2 in der Nachspielzeit bedeutete.

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Schematische Grafik zum Spiel gegen Aalen. Mit guten Positionierungen zerspielten Fießer und Schütz einige Male die Gäste-Stürmer. Im Zehnerraum erhielt Schönfeld viele Bälle, hatte dann aber zu wenig Optionen.

Das wohl größte Problem stellt bisher aber das zu ungefährliche Offensivspiel dar, das kaum Tore produzieren konnte. Die Heimbegegnung am Sonntag gegen Aalen bedeutete in dieser Hinsicht eine erste klare Verbesserung, wenngleich sie torlos endete. Grundsätzlich beeindruckten sie mit ihrem klaren, sauberen Aufbauspiel und den definierteren Freiraumbewegungen der Sechser, zeigten sich gegen die wenig kompakten Aalener aber wechselhaft in der Halbraumbesetzung. Zwar gelang es zunächst, über diagonale Aktionen und gerade rechts durch raumschaffende Bewegungen von Hille in die letzte Linie immer wieder Schönfeld in den Zehnerräumen freizuspielen, doch fingen dann die Probleme an. Sie kamen in diese wichtigen Offensivräume diagonal sehr gut hinein, dann allerdings gegen Aalens gute Reaktionen nicht wieder hinaus und weiter.

Schönfeld fehlten mit zu wenig ballferner Unterstützung und geringem Nachrücken der Sechser die Optionen, bis sich Aalen irgendwann zusammengezogen hatte. Meist waren nur der überlaufende Außenverteidiger, der jeweilige Flügelspieler – Hille agierte im weiteren Verlauf oft zu wirr und unflexibel oder bei seinen Ablagepositionierungen etwas ungeschickt – und Fabian Klos in der Nähe. Dieser wurde von Hilles Raumschaffen aber wiederum etwas nach halblinks gedrückt, so dass er einzig hier die besten Bielefelder Kombinationsansätze mit Schönfeld initiieren konnte. So machten die Arminen ihr bestes Spiel unter Meier und waren offensiv so überzeugend, wie in diesem Jahr bisher nur beim Rückrundenauftakt gegen St. Pauli, belohnten sich aber nicht dafür, was auch mit schwacher Chancenverwertung und Pech zu tun hatte. Noch sind im Abstiegskampf sechs Partien Zeit, um die gegen Aalen angefangene Entwicklung fortzusetzen.

Spieler der Woche: Yago Pikachu

Im Norden Brasiliens, im Staat Pará, liegt die Millionenstadt Belém. Einer der hier ansässigen Fußballvereine, Paysandu, ist außerhalbs Brasiliens nur wenig bekannt, hat aber immer wieder einige große Talente hervorbringen können und sorgte bei nationalen Wettbewerben gerne mal für die eine oder andere Überraschung. Im Jahr 2003 betraten sie durch die Teilnahme an der Copa Libertadores schließlich die internationale Bildfläche und ließen damals unter anderem durch Siege gegen Cerro Porteno und auswärts beim späteren Sieger Boca Juniors aufhorchen. Zuletzt war das von vielen Jungspielern geprägte Team eher in den unteren brasilianischen Ligen unterwegs und stieg 2013 trotz einiger starker Leistungen in die Série C ab.

Besondere Aufmerksamkeit zog neben seinen vielen Nachwuchskollegen insbesondere der Rechtsverteidiger mit dem besonderen Namen, Yago Pikachu, auf sich – dies ist kein Zufall, sondern der Brasilianer heißt allein wegen des berühmten Pokémon so. Was den Spielstil betrifft, fallen tatsächlich einige Ähnlichkeiten zum gelben Kindheitshelden auf, zumindest wenn man sich nicht zu sehr auf die ursprüngliche, dicklichere Version von Pikachu bezieht. So agiert der brasilianische Außenverteidiger sehr wenig und aktiv im Offensivspiel, kann spielerisch durchaus überzeugen und tendiert zu schnellen, direkten Freiraumangriffen. Diese leitet er engagiert selbst ein, nutzt dabei die diagonalen Halbräume gut und führt diese Aktionen dann konsequent zu Ende. In Kombination mit seinem teilweise hervorragenden Torinstinkt führt dies zu herausragenden nachstoßenden Läufen, die von der Außenverteidiger-Position 2013 insgesamt neun Saisontreffer in der Liga einbrachten. Vor allem mit dem spielstarken Senior-Angreifer Iarley – einem der Helden von 2003 – entwickelte sich eine effektive Interaktion. Defensiv konnte der Rechtsverteidiger durch seine aktive, sehr bewusste und geschickte Art ebenfalls weitgehend überzeugen.

Wie man es von Pikachu aus der Anime-Serie kennt, gibt es phasenweise immer wieder explosive Momente, in denen das Basis-Pokémon über sein eigentlich erwartbares Leistungspotential hinausgeht. Nicht unähnlich gestaltet es sich beim grundsätzlich konstanten Fußballer, der aber immer wieder kurzzeitig einige überraschende Szenen einbringt oder über einzelne Phasen verrückte Aktionen zeigt. So mischte er die zweite Liga auf und so wurde die starke Saison von Yago Pikachu trotz des Abstiegs von größeren Vereinen aufmerksam verfolgt. Unter anderem soll Flamengo an einer Verpflichtung interessiert gewesen sein, doch zog es Pikachu vor, sich erst einmal in Belém weiter zu verbessern. Es bleibt zu hoffen, dass er nun auch in der dritten Liga genügend Erfahrungspunkte für die nächsten Levelaufstiege sammeln kann. Nun wird MR bei diesen Zeilen nach Bochum schauen und sich fragen, ob auch dort ein Fußballer schon hoch genug gelevelt wurde, um sich zu entwickeln. Wenn RM dies wiederum liest, wird er mit Höchstgeschwindigkeit in den Tiefen des Internets verschwinden und die verrücktesten Pokémon-Links finden – vielleicht setzt er sich aber auch einfach nur hin, zockt einen Hack und schreibt nebenbei eine Analyse.

Thomas 1. April 2014 um 11:13

So agiert der brasilianische Außenverteidiger sehr wenig und aktiv im Offensivspiel, kann spielerisch durchaus überzeugen und tendiert zu schnellen, direkten Freiraumangriffen.

Uh, Tippfehler? „wenig“ -> „wendig“? Sonst scheint mir das doch nur bedingt sinnvoll, wie kann der sehr wenig und gleichzeitig aktiv offensiv sein? 🙂

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hegel 1. April 2014 um 00:25

eine einfache frage: wie werdet ihr auf spieler wie pikachu aufmerksam?

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blub 1. April 2014 um 04:20

Das ist TRs Superkraft.

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karl-ton 31. März 2014 um 23:05

Was den Spielstil betrifft, fallen tatsächlich einige Ähnlichkeiten zum gelben Kindheitshelden auf, zumindest wenn man sich nicht zu sehr auf die ursprüngliche, dicklichere Version von Pikachu bezieht.

Aaaaaaaaahhhhhhhhhhh! Ich hatte die falschen Kindheitshelden. Erst die Backstreet Boys und jetzt das. Hilfe! Ich weiß nicht wie konnte das geschehen, die Welt kann mich nicht mehr verstehen.

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hegel 1. April 2014 um 00:24

ist es zufall, dass man eine gute antizipation für verschiedene spielsituationen hat, wenn man als kindheitshelden detektiv conan hatte? 😀

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karl-ton 1. April 2014 um 01:42

Sicher nicht! Leider muss ich jetzt aber die Live Action Version von Mila Superstar schauen und Rage against the Machine dazu hören. Aber sicher eine gute Idee, schlag das doch mal für die Jugendausbildung beim DFB vor. Die freuen sich bestimmt.

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Chuck 31. März 2014 um 19:38

Jetzt frag ich mich allerdings, war das ein Künstlername á la Ronaldo oder wurde der gute Mann wirklich mit dem Namen auf die Welt gebracht? In beiden Fällen hat er meinen Respekt.

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Isco 1. April 2014 um 08:11

Es dürfte sich hier wohl nur um einen Künstlernamen handeln, sofern diese Informationen stimmen: http://w.fussball-talente.com/Glaybson_Yago_Souza_Lisboa-3_7-181918-1.html
Ronaldo ist übrigens kein Künstlername, Ronaldinho hingegen schon.

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RM 31. März 2014 um 19:18

Pokémon Prism, Pokémon Brown, Pokémon Dark Energy und „Ash’s Quest“ sind wahrlich wunderbare Spiele.

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