Türchen 18: Michu

Wieso Miguel Pérez Cuesta der Torjäger von morgen ist – und noch mehr als das.

Da kommt irgendein 1,90m großer Spanier von einem unbekannten Klub für Kleingeld nach Wales, macht in der Premier League Tore wie er will, trifft viel innerhalb des Strafraums mit Abstaubern und Kopfbällen und feiert das mit der Luca-Toni-Glühbirnen-Geste. Der Verdacht liegt nahe: Wir reden über einen astreinen Strafraumstürmer, ein „fox in the box“, der im besten Torjägeralter seine Leistungsexplosion erlebt. Falsch: Michu von Swansea City ist nicht einmal Mittelstürmer!

Dass der vermeintliche Torjäger „auch im Mittelfeld spielen kann“, wird von Kommentatoren gerne mit einem etwas ratlos-verwunderten Unterton angemerkt. Wenn man sich seine Art und Weise zu treffen anschaut, wird das aber klarer. Seine vielen Tore entstehen nicht hauptsächlich durch ständige Präsenz im Strafraum und seine Abschlussstärke oder individuelle Durchsetzungsfähigkeit. Der Spanier kommt woanders her.

Falsche Zehn, Acht, Sechs

Bei Rayo Vallecano agierte der durchschlagskräftige Mittelfeldspieler noch oft von der Achter- oder Sechserposition aus und war auch lange Zeit keiner der Topspieler. Vor drei Jahren spielte der damals 24jährige noch in der zweiten spanischen Liga und wurde bei seinen 32 Einsätzen ganze 14 Mal nur eingewechselt, traf in dieser Saison auch nur sechs Mal. Seine Qualitätsmerkmale waren Physis und Laufstärke, nicht der Sinn für Tore.

In den folgenden Jahren wurde er zunehmend offensiv und brachte seine Spielintelligenz verstärkt nach vorne ein. Vorletzte Saison – seine letzte Spielzeit bei Rayo – wurde er dann vermehrt als Zehner eingesetzt, teils auch schon auf Linksaußen oder im Sturm. Daraus resultierten dann 15 Tore und 4 Vorlagen in 37 Spielen der Primera División, was Swansea aufmerksam machte. Dort läuft er nur noch als Mittelstürmer oder Zehner auf – im Grunde aber immer beides, da er die Präsenz im offensiven Mittelfeld under Spitze sehr gut miteinander verbindet.

Seine auffälligste taktische Stärke ist das Vorstoßen aus tieferen Bereichen. Er entwickelt dabei eine enorme taktische Dynamik, da mit überragendem Timing in schwer zu verteidigende Bereiche geht. Bei seinen Toren fällt auf, dass er in beliebigen Situationen (selbst bei Abstaubern) oft aus vollem Lauf zum Abschluss kommt, da er sich nicht klassisch innerhalb seiner Zone freiläuft, sondern eher in offene Räume hereinbricht. Für seine häufigen Kopfballtore muss er nur selten mal ein Kopfballduell gewinnen, meist kann er frei einnicken.

Kombinationsspieler und Raumdeuter

Man kann Michu durchaus als Raumdeuter bezeichnen; die Art und Weise wie er in die Spitze geht hat gewisse Ähnlichkeiten zu Thomas Müller. Michu kommt dabei aber aus anderen Grundräumen und spielt anders mit. Die beiden Raumdeuter unterscheiden sich in ihrer Präsenz und Einbindung: Während Michus Vorstöße noch bestimmender sind als die von Müller, ist sein Passspiel etwas zurückhaltender und auf unscheinbare Weise strategischer.

So verteilt er die Bälle aus dem Zehnerraum zuweilen recht überraschend in einem sehr hohen Radius. Trotz seiner etwas unsauberen Passtechnik kommen auch kompliziertere Verlagerungen meist an. So unterbricht er Spielzüge, die ihm wenig erfolgsversprechend erscheinen, und initiiert einen Neuaufbau aus anderen Grundzonen. Trotz seiner attackierenden, wenig spielmachenden Rolle hat er somit auch eine strategische Bedeutung für die Ballzirkulation.

Noch wichtiger als sein Passradius sind dabei aber sein strukturgebenden Bewegungen innerhalb des Mittelfelds, mit denen er Kombinationen anleitet. Er bewegt sich immer wieder so in Zwischenräume, dass er Bälle sehr effektiv und sauber prallen lassen kann oder gar Doppelpass-Staffetten mit mehreren Mitspielern entstehen. So erzeugt er gruppentaktische Dynamik beim Übergang ins Angriffsspiel und hilft bei der Überspielung gegnerischer Mittelfeldspieler.

Strategischer Strukturdeuter als falsche Neun

Dieser Sinn für die Verbindungen zwischen den Angriffsspielern machen aus ihm auch einen sehr stark mitspielenden Stürmer, der sich immer wieder aus der Spitze nach hinten zurückfallen lässt. Vor allem in den halbrechten Halbraum bewegt er sich gerne, um von dort mit seinem linken Fuß das Spiel in Richtung Tor zu lenken.

Anders als weniger strategisch veranlagte Stürmer (wie z.B. Benzema) fehlt er dadurch aber kaum einmal in der Spitze. Mit seinem Gespür für Strukturen wählt er seine Bewegungen so, dass er nur dann zurückfällt, wenn die Angriffe ohne seine Unterstützung hängen blieben. Durch seine Fähigkeit aus dem Zehnerraum im richtigen Moment im Strafraum aufzutauchen kommt er nach Rückstößen wieder dynamisch in Abschlusspositionen – gewissermaßen falsche Neun und falsche Zehn in einem.

Zudem zeigt er auch innerhalb der gegnerischen Abwehrlinie gute Bewegungen, bindet Gegenspieler durch ballferne Ausweichbewegungen oder blockt Verteidiger, die sinnvoll herausrücken könnten. Seine Physis erlaubt ihm auch eine klassischere Rolle als Wandspieler für Ablagen langer Bälle. Mit dieser Vielfalt an Spielmöglichkeiten kann er (oder sein Trainer) seine Spielweise strategisch an die Situation anpassen. Zum Beispiel kann er das Spiel durch vermehrtes Zurückfallen beruhigen oder für Kombinationen in bestimmte Bereichen Raum schaffen.

Brillant gegen den Ball

Wie so oft bei Spielern mit einem ausgeprägten Sinn für Strukturen ist auch seine Positionierung im Pressing hervorragend. In vorderster Linie leitet er den gegnerischen Aufbau aus dem Zentrum heraus und bestimmt den Übergang ins Pressing. So leitet er das Pressing an, was Bewegung und Intensität betrifft. Besonders wegen Swanseas sehr flexibler Ausrichtung ist ein intelligenter erster Pressingspieler sehr wichtig für die Mannschaft.

Über seine taktischen Fähigkeiten hinaus ist er sehr laufstark und kann seine Körperlichkeit einbringen. Durch sein Timing und leicht bogenförmiges Anlaufen, das seinen Deckungsschatten vergrößert, kompensiert er seinen mäßigen Antritt und kann seinen hohen Topspeed gut nutzen. Besonders gefährlich wird er, wenn er Rückpässe provozieren und nachpressen kann; ein bisschen Velosofaktor, könnte man sagen.

Michu blockt einen freigeschobenen Raum. (Klick aufs Bild für Kontext)

Michu blockt einen freigeschobenen Raum. (Klick aufs Bild für Kontext)

Noch außergewöhnlicher als sein Aufrücken ist aber sein Rückwärtspressing oder eher seine „Rückwärtsdeckung“. Er zieht sich oft in tiefere Bereiche zurück, doch tut dies nicht nur um unmittelbar in die Balleroberung zu gehen wie beispielsweise Mario Gomez. Er besetzt auch ballferne Freiräume oder läuft seitliche Passwege zu und stabilisiert somit die optionsorientierten Verschiebungen seiner Mannschaft. Sein Positionsspiel gegen den Ball ist strategisch sehr geschickt und er weiß, wann es gilt, Tempo aus der Situation herauszunehmen, und wann er mit seinen Kollegen Druck aufbauen kann.

Zudem ist er wohl der stärkste Gegenpressing-Spieler bei Swansea. Dabei hat er einen sehr weiträumigen Sinn für die Umschaltsituationen und nutzt zuweilen überaus weite Sprints bis zurück ins defensive Mittelfeld, um die gegnerischen Konterabläufe zu unterbrechen. Gerade in einer Ballbesitz-Mannschaft ist das eine extrem wertvolle Qualität.

Stürmer für den guten Fußball

Wie nun schon mehrfach angedeutet ist Michu als Spielertyp besonders für Swansea von großem Wert. Allgemeiner kann man sagen, dass er ein Spieler für guten, sprich: intelligenten Fußball ist. Seine gute Antizipation, sein Strukturgefühl, seine Kombinationsfähigkeiten kommen vor allem dann zur Geltung, wenn die Spieler um ihn herum auch sinnvoll in Strukturen spielen. Bei einer Mannschaft mit individuellem Fokus oder sehr unkonstanter Grundausrichtung würden seine Entscheidungen öfter versanden.

Auch seine strategischen Fähigkeiten entfalten erst dann volle Wirkung, wenn seine Hintermannschaft richtig auf seine Vorgaben reagiert und ihm auch diverse Entscheidungsfreiheiten ermöglichen. Beispielsweise wäre sein Rückwärtspressing in einer klar definierten, positionsorientierten Raumdeckung völlig wertlos.

Gerade deshalb ist es fatal, Michu auf seine Durchschlagskraft zu reduzieren. Wenn er zwar auch diesbezüglich individuelle Fähigkeit mitbringt – Robustheit, sauberer Abschluss, Kopfballstärke –, so sind es doch seine taktischen Fähigkeiten, die ihn zu einem wirklich außergewöhnlichen Spieler machen. Seine enorme Vielfalt an offensiven Möglichkeiten und die taktische Verbindung von Spielstärke und Torgefahr machen ihn zu einem Spielertypen, der ein richtungsweisendes Rollenbild für den modernen Fußball sein kann.

Noch fataler, ja auf tragische Weise entsetzlich wäre es daher, in ihm gar nur seine physischen Qualitäten zu sehen und ihm wegen seiner fehlenden Agilität und der leichten Unsauberkeiten in der Ballbehandlung das Potential abspricht, in technisch anspruchsvollen Systemen zu agieren. Womöglich sind derartige Fehleinschätzungen der Grund, weshalb Michu solch ein Spätstarter ist. Zum Glück gibt es Vereine wie Swansea City, wo solche unorthodoxen, verkannten Genies ihre angemessene Würdigung erhalten.

 

PS: Nimm ihn mit, Vicente! Nimm ihn mit!!!

DC 19. Dezember 2013 um 11:08

Für mich der vielleicht spielintelligenteste Offensivspieler, der aber auf Grund seiner Statur, seines Vereins und seiner Position den meisten Kommentatoren nicht einmal bekannt sein wird. Gerade weil immer von Defensivaufgaben die Rede ist, wenn es um Spielintelligenz und richtigem taktischen Verhalten geht, finde ich Michu da eine Augenweide, wie er es mit seiner Dynamik schafft, die Defensive der gegnerischen Mannschaft kreativ zu zerbröseln. Ist einer der wenigen ausgebildeten Defensivleute, die es geschafft haben, aus ihren Fehlern zu lernen, nämlich wie man Defensiven ausspielt, anstatt noch sicherer zu stehen. Quasi wie beim Wuzzeln mit Tormann und Abwehrreihe dem Gegner im Angriff Tricks abschauen.

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Erkinho 19. Dezember 2013 um 09:45

Michu for Spain, Costa for Brazil.

Dann hätte wohl jeder seinen Spaß.

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Bernhard 18. Dezember 2013 um 23:40

Kann mir bitte jemand erklären wie genau Rückwärtspressing funktioniert? Oder gibt es hierfür auch Links (Taktiktheorie?) wo das beschrieben wird.

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MR 18. Dezember 2013 um 23:42

Man läuft nach hinten und presst dabei.

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RM 18. Dezember 2013 um 23:43

Passend dazu gibt es auch die Rückwärtsgeburt oder was?

Nene, ich mache da noch einen Artikel zu, @Bernhard.

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Bernhard 21. Dezember 2013 um 21:03

Den Gomez Artikel hab ich schon gelesen, aber MRs Erklärung klingt mir irgendwie zu schlicht.
Danke RM

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daniel 18. Dezember 2013 um 21:39

Würdest du sagen dass Michus Stil etwas besser zu einer nicht ganz so sehr auf lange Ballbesitzphasen ausgerichteten Mannschaft passt, da er so als Stürmer sein Timing besser dazu nutzen kann, aus tiefen Positionen – wie im Artikel erwähnt – aus dem Lauf zum Abschluss zu kommen? Swansea war zwar auch letzte Saison eine Ballbesitzmannschaft, aber mit etwas niedrigerer Quote als unter Rodgers und wenigstens gefühlt etwas direkter.

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MR 18. Dezember 2013 um 22:39

Nein. Generell kommt er halt wie jeder Angriffsspieler mehr zu Geltung, wenn seine Mannschaft öfter angreift, aber das ist ja vor allem abhängig von der Qualität des Durchspielens und nicht vom Rhythmus. Und die Qualität ist bei Ballbesitzmannschaften eben tendentiell deutlich höher.

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daniel 19. Dezember 2013 um 23:59

Eine andere Frage, die sich mir gestellt hat: warum hat Swansea nach der letzten Saison mit Bony einen eher orthodoxen Stürmer verpflichtet, nachdem Michu doch sehr gut funktioniert hatte, und warum kommt dieser wiederum in dieser Saison nicht an die Quote der letzten heran, vor allem wenn er als Stürmer spielt?

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a_me 18. Dezember 2013 um 16:45

OK, hatte den Artikel eine Weile und jemand hat die gleichen Schlussfolgerungen gezogen wie ich ;).

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a_me 18. Dezember 2013 um 16:45

Wäre vielleicht ein adäquater Nachfolger für Lewandowski beim BVB?

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MR 18. Dezember 2013 um 16:46

Siehe unten.

Möchte aber (als BVB-Fan) fachmännisch ergänzen: Ist doch scheißegal.

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fewepe 18. Dezember 2013 um 16:04

ich beschäftige mich nicht so sehr mit swansea, aber wo ich den artikel hier lese, kam mir ziemlich schnell der gedanke, dass er quasi der perfekte lewandowski-nachfolger wäre. wie seht ihr das?

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MR 18. Dezember 2013 um 16:35

wäre passend, ja. aber zu swansea passt er besser und es gibt wohl auch stürmer, die noch besser zum bvb passen. vor allem überschneiden sich seine fähigkeiten stark mit denen von mkhitaryan, schwer zu sagen ob und wie das harmonieren würde.

siehe auch: http://spielverlagerung.de/2013/07/26/ballnah-ausgabe-zwei/

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HawkemBVB 18. Dezember 2013 um 17:26

Welche Stürmer würden denn noch besser zum BVB passen?

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MR 18. Dezember 2013 um 17:35

Wenn ich das beantworte, wird das off-topic. Kann ich nicht verantworten.

Außerdem: So Millionenwissen raushauen – ich weiß ja nicht! Aber Rooney wär zum Beispiel fetzig. Man könnt auch mal diesen Aubameyang vorne reinstellen. Oder Schieber, man munkelt, der wäre voll der heftige Fußballer und wird in lächerlichem Maße schlechtgeredet, weil er noch keine Gelegenheit bekam, sich beim BVB einzuspielen. Aber das sind alles nur Gerüchte. Wer weiß das schon.

Darüber hinaus besteht ja die Frage, wohin man sich taktisch entwickeln will. Das ist ja der eigentliche Punkt an der Geschichte. Sollte man versuchen, Lewandowski 1:1 zu ersetzen und damit den Status Quo zu konservieren, wäre das total peinlich, weswegen mir die Diskussion ziemlich gegen den Strich geht. Vielleicht sollte ich mal in einem Artikel zu dem Thema alle beleidigen.

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Maturin 18. Dezember 2013 um 17:44

Ich bitte sogar darum, dass du uns mit einem Artikel dazu belästigst, ich fände es z.B. sehr interessant, wer denn eigentlich als Stürmer zu Mkhitaryan passt. Um deinen wertvolles Wissen nicht zu verschenken reicht es ja wenn du keine Namen sondern nur Fähigkeitsprofile nennst, dann können wir raten, und uns herlich streiten, welches Profil das beste wäre!

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MR 18. Dezember 2013 um 17:48

Mensch Jürgen, schreib mir halt ’ne Mail, dann mach ich euch das auf Rechnung.

preciouslithium 10. Januar 2014 um 12:46

könntet ihr nicht mal eine analyse zur stürmersituation des bvb machen? man kriegt ja momentan in den transfer-gerüchten jeden stürmer an den kopf geworfen, der noch gradeaus laufen kann!

DominikL 18. Dezember 2013 um 22:54

Jaaaa man bitte, aber nicht den Aubemeyang….wenn ich jedes mal n cent dafür bekommen würde wenn der wegen ner schlechten Ballanahme, nem miesen Pass oder schlechter Entscheidungsfindung bekommen würde…

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MR 18. Dezember 2013 um 23:04

Ist ja auch noch nicht ins Passspiel integriert, der kann recht kreativ sein.

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