Türchen 5: Robbie Kruse

Nicht nur bei defensivstarken Akteuren werden Aspekte ihrer Spielweise übersehen. Auch ausgewiesene Dribbler sind oft mehr als das. Ein sehr spezielles Exemplar dieser Gattung wurde erst gestern zu Australiens Fußballer des Jahres gewählt.

Robbie Kruse ist einer dieser Fußballer, bei denen wohl kaum jemand auf die Idee käme, ihn als Mittelstürmer einzusetzen, wenn es ein Trainer nicht bereits getan hätte. Bei Fortuna Düsseldorf besetzte er vergangene Saison jedoch meist diese Position und war dort der wichtigste Akteur des Absteigers. Da er viel über sein Tempo und seine Fähigkeiten im Dribbling kommt, gilt er dennoch hauptsächlich als Flügelspieler. Seine beste Position liegt aber vielleicht dazwischen.

Bewegungsspiel in die Dynamik

Als Mittelstürmer passte er zum flügellastigen Spiel der Fortuna, da er ein gutes Gefühl für Verbindungen in der Offensive hat. So ließ er sich bei Angriffen über den linken Flügel in den angrenzenden Halbraum fallen oder setzte sich zur Seitenlinie ab. So schuf er Raum für nachstoßende Spieler der eigenen Mannschaften und bespielte herausrückende Bewegungen der gegnerischen Sechser oder Außenverteidiger.

Seine Bewegungen mit und ohne Ball zeichnet dabei eine sehr hohe Sauberkeit aus. Er bewegt sich geschickt innerhalb der gegnerischen Dynamik, sodass er in den richtigen Momenten anspielbar ist und dadurch schwer an der Ballannahme zu hindern. Dabei ist er mannschaftstaktisch sehr anpassungsfähig und nicht auf bestimmte Strukturen angewiesen. Somit ist er im Gegensatz zu anderen Dribblern sehr leicht in ein funktionierendes Kollektivspiel einzubinden.

Kanalnutzung statt Ausspielen von Räumen oder Gegnern

Das ist auch eine Folge seines Dribbelstils, der wohl etwas unterschätzt wird. Er ist nicht so extrem dynamisch und ballstark wie ein Draxler oder Sam, weshalb er im klaren 1-gegen-1 eher Bundesliga-Durchschnitt ist, doch dafür bietet er vielseitigere Dribblings. Meist geht er mit dem Ball gar nicht eindeutig gegen einen Gegenspieler, auch setzt er sich nicht wie beispielsweise Götze oder Messi in Freiräume ab, um von dort kreative Pässe zu spielen.

Kruse besitzt bei hohem Tempo eine hervorragende Koordination und nutzt diese, um gegnerische Kanäle entlang zu dribbeln. Den Zwischenlinienraum kann er dabei nutzen, aber auch vertikale Linien oder offene Bahnen, die sich aus der Situation heraus ergeben. So kann er effektiv viele Spieler hinter sich bringen, ohne in Zweikämpfe zu müssen, was zuweilen unspektakulärer aussieht als ein weniger effektives, aber langsamere (und damit leichter zu verarbeitendes) 1-gegen-1-Dribbling.

Außerdem dribbelt er oft zielgerichtet in Engstellen hinein und will mit seiner Beweglichkeit dann durch mehrere Gegenspieler durchbrechen oder einen Pass durch die Lücke legen; eine Art Dynamik-Nadelspieler. Dabei sorgt er für Zuordnungsprobleme seiner Gegner, die sich oft falsch entscheiden und dadurch Lücken öffnen oder überrumpelt werden. So zieht er auch viele Fouls. Vergangene Saison konnte er beispielsweise Marvin Compper durch zwei Dribblings innerhalb von fünf Minuten mit gelb-rot vom Platz schicken und sorgte so für 40 Minuten Überzahl seiner Mannschaft.

Die „Innenbahn“-Dribbler

Auch seine Rolle bei Düsseldorf war eher die des Halbstürmers, da er die Mittelstürmer-Position immer wieder verließ, um dann wieder Dynamik zum Zentrum aufzubauen.

Da sein Dribbelstil, auf Schnelligkeit (wie bei Flügeldribblern), auf dem Bespielen von Strukturen (wie bei Zehnern) und seinen individualtaktischen Fähigkeiten (wie bei Stürmern) basiert, ist Kruse eine Mischform unter den Technikern. Gerade solche Spieler werden oftmals falsch eingeschätzt, weil man versucht, sie in eine der bekannten Kategorien einzuordnen. Wenn Kruse auf der Zehn oder an der Seitenlinie eingesetzt wird, kann er kaum zur Entfaltung kommen. Er muss sich in eingerückte Positionen bewegen können, von wo aus er noch genug Spielfeld zwischen sich und Tor hat , um effektiv Geschwindigkeit aufzunehmen und Unordnung zu verursachen. Seine gefährlichste Zone ist das, was man „Innenbahn“ nennen könnte.

Neben seinen Fähigkeiten am Ball bringt Kruse auch noch Kombinationsstärke, das angesprochene Bewegungsspiel ohne Ball und einen sauberen Abschluss mit. All das sorgt dafür, dass er extrem gut auf die Halbstürmer-Position in Leverkusens unorthdoxem System passt. Zudem ist er ein guter Pressingspieler – was bei solchen weniger auffälligen und dynamik-orientierten Dribblern übrigens oft der Fall ist.

Andere Spieler, die auf solch eine weise Weise mit dem Ball arbeiten und in zentraleren Bereichen recht viel Raum überwinden sind beispielsweise Jonas Hofmann, Nicolai Müller oder auch José Callejon – eher Spieler, die (verglichen mit Spielern wie Draxler oder Reus) lange Zeit nur wenige Leute auf der Rechnung hatten und die meist nur dann größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie zu ihren Fähigkeiten am Ball auch noch Torgefahr entwickeln. Schade eigentlich. Es sollte viel mehr dynamikattackierend gespielt werden. Das ist voll schön.

juwie 6. Dezember 2013 um 00:36

Ein echter Verlust für die Fortuna!

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ode 5. Dezember 2013 um 19:15

Nettes Portrait! Finde es toll, dass er im Moment ein wenig mehr Spielzeit bei uns bekommt. Leider wegen Sams Ausfall…

Was mir bei ihm aufgefallen ist: Er macht meist Sachen, wo ich sagen würde: „Der hat da vorher drüber nachgedacht!“ Besonders gegen Mainz war das krass. Der hat den Ball nicht mit aller Wucht unten in die Ecke gehauen, sondern ganz gezielt da in die Ecke ins Tor geschoben, wo er irgendwie davon schwer überzeugt war, dass der da auch reingeht, weil da die Lücke war… So was mag ich.

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Lobanowskyj 5. Dezember 2013 um 07:22

Moin,

danke dafür. Wieso aber schätzt Du Leverkusens System als „unorthodox“ ein? Hätte ich nach euren bisherigen Analysen nicht sagen können.

Wäre Kruses Spielweise nicht vielleicht für Gladbach besser geeignet als für Leverkusen?

Auf jeden Fall „voll schön“.

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MR 5. Dezember 2013 um 10:24

Naja, das System spielt halt sonst keiner.

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Otto 5. Dezember 2013 um 12:41

Ichdenke auch, dass Kruse sogar noch besser zu Gladbach passen würde und er mit dem anderen Kruse hervorragend harmonieren würde.

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CF 6. Dezember 2013 um 18:11

Könnte mir Kruse auch ganz gut bei Gladbach vorstellen, man müsste um ihn aber eine andere Struktur basteln als um Raffael. Auch vom Passmsuter passt er nicht ideal in das jetzige System. Man könnte aber ganz coole Sachen mit ihm basteln. Wäre aufjedenfall sehr interessant.

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a_me 5. Dezember 2013 um 13:37

Eigentlich klingt es immer mal wieder an, z.B. auch im Artikel über Stefan Kießling in er DFB-Elf; am ausführlichsten beschrieben wird es vielleicht hier: http://spielverlagerung.de/2012/11/20/leverkusens-moderne-halbraumverteidigung/

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