Spanien U21 – Russland U21 1:0

Topfavorit Spanien konnte zum Start der deutschen Gruppe B bei der U21-EM als Team nicht vollends überzeugen. Doch einige ihrer Einzelspieler beeindruckten und sorgten für einen 1:0-Sieg gegen ein schwaches russisches Team.

Russlands mit Mannorientierungen…

u21-em-2013-esp-rusGegen die Dominanz – am Ende standen 78 % Ballbesitz und über 800 Pässe zu Buche – und Spielstärke der spanischen Junioren-Auswahl setzte das russische Team auf viele Mannorientierungen im Zentrum des Feldes. Aus einer 4-1-4-1-Grundformation heraus orientierte sich besonders der alleinige Sechser Tsallagov an Isco und verfolgte diesen auch in tiefe, seitliche Räume – als vielseitiger Akteur, der auch als Außenverteidiger agieren kann, war Tsallagov auf diese Läufe gut vorbereitet. Gelegentlich ließ er sich von Isco in die Abwehr ziehen, so dass eine situative Fünferkette entstand. Diese Stabilität in letzter Linie konnte Russland auch durch zurückfallende Außenspieler erzeugen.

Dass die konsequent interpretierten russischen Mannorientierungen lange Zeit nicht bestraft wurden, lag zum einen an ordentlicher Balance in ihrer Mannschaft. Die beiden Achter verhielten sich geschickt, tauschten gelegentlich die Rollen sowie Verantwortlichkeiten und legten den Grad der mannorientierten Verfolgung sinnvoll und passend aus. Besonders auf den halbrechten Achter Petrov traf dies zu, der sich balanciert mit den verschiedenen Bewegungen Illarramendis auseinandersetzte, darüber hinaus situativ in eine 4-4-2-Defensivformation für mehr Druck aufrückte und generell in seinem Team am meisten zu überzeugen wusste. In schwierigen Situationen gefielen die russischen Abwehrspieler mit ruhigem und ordentlich improvisierendem Verhalten.

…und wie Spanien damit zurechtkam

Der wichtigere Aspekt war allerdings, dass die Spanier in weiten Teilen der Partie und besonders in der Anfangsphase schlecht auf die russischen Mannorientierungen reagierten. Zu Beginn zeigten sich die Innenverteidiger zurückhaltend und konnten keine zusätzliche Präsenz gegen Russlands Mittelfeldblock herstellen. Die Spanier nutzten die Freiräume in der Zentrale schwach aus, wenn dort mannorientierte Spieler weggezogen wurden. Gerade die beiden Außenspieler agierten viel zu breit, rückten zu selten in die offenen Bereiche ein und wurden stattdessen immer wieder mit langen Diagonalbällen gesucht, die aber verpufften.

Im weiteren Verlauf fand der Titelverteidiger dann Mittel gegen die russische Verteidigungsweise und ließ beispielsweise die Innenverteidiger häufiger mit vorrücken. Beide Akteure überzeugten beim Ausnutzen der Räume, die ihnen die Mittelfeldspieler mit ausweichenden Bewegungen freizogen, und Bartra marschierte einmal fast bis zum Strafraum durch, womit er eine gute Gelegenheit einleitete. Auch die Mittelfeldspieler kamen besser in die zentralen Bereiche hinein, wo Muniain sich etwas mehr einbrachte.

Probleme beim Verbindungsaufbau

Letztlich spielten die Ibrerer im letzten Drittel aber wieder zu häufig auf den Flügel zurück und konnten ihre Verbindungen ohnehin nur über eine kurze Phase Mitte des ersten Durchgangs aufbauen. In jenem Abschnitt agierten sie sehr fluid und erzeugten mit den drei zentralen Spielern, Muniain und dem weit zurückfallenden Rodrigo gute Strukturen für Kombinationsspiel, doch blieb dies ein Strohfeuer. Nach dem kurzen Aufblitzen der eigenen Möglichkeiten mangelte es über die restliche Spielzeit dann wieder an diesen Verbindungen.

Das Zentrum war nicht konstant genug besetzt und die Halbräume wurden nicht beweglich genug angesteuert, so dass die Mannschaft immer wieder auf die Flügel beschränkt war. Aus ihrer Ballzirkulation heraus spielten sie dann viel zu häufig auf vorschnelle Weise vertikal an der Seite entlang und mussten diese Aktionen mit ineffektiven Flanken abschließen. Die gelegentlich durchscheinenden Mittel, um die russischen Mannorientierungen zu knacken, bekamen die Spanier nicht auf mehrere Spieler angewandt – wenn sie zu zwei oder zu dritt Freiheiten erspielten und Räume aufzogen, fehlte danach die Verbindung zu weiteren Kollegen. Somit verpufften Raumgewinne in erster Instanz und Russland konnte sich wieder fangen sowie sortieren, bevor für Spanien ein Weiterspielen des Ansatzes möglich war – so mussten die nächsten Spieler wieder von neuem kombinieren.

Ambivalente Leistungen von Illarramendi und Muniain

Die Problematiken des spanischen Offensivspiels ließen sich auch auf viele ihrer Akteure übertragen, auch wenn diese natürlich ebenfalls gute Ansätze zeigten. So war beispielsweise mit Asier Illarramendi – von seinem Bewegungsablauf an Igor Denisov erinnernd – der tiefste der drei Mittelfeldspieler ein Paradebeispiel für Licht und Schatten im Spiel des Titelverteidigers. Auf der einen Seite traf er einige schlechte Entscheidungen oder brachte seine Mitspieler mit unpassenden Zuspielen in die Bredouille. Andererseits konnte er mit einigen positiv auffallenden diagonalen Läufen in die Halbräume hinein für wertvolle Unterstützung der Mittelfeldkollegen sorgen und kurbelte dabei das Spiel indirekt an. Doch brachte er diese Aktionen zu inkonstant an und hätte sich in diesem Bereich noch viel häufiger aktiv zeigen sollen.

Gleiches galt für Iker Muniain, der sich mit zunehmender Spieldauer häufiger von seinem linken Flügel entfernte, allerdings noch mehr Engagement hätte zeigen und sich noch mehr einbinden müssen. Manches Mal fehlte ihm auch die Balance und Anpassungsfähigkeit, um gegenüber Isco und Thiago innerhalb von einzelnen Situationen nicht zu bestimmend zu werden. Besonders der Málaga-Akteur hatte ein wenig zu leiden, da er im Verlaufe des Spiels immer häufiger auf den Flügel und in ballferne Bereiche gedrängt wurde, was Verbindungen und Möglichkeiten des Zusammenspiels beschädigte.

Rodrigo und Cristian Tello: Spaniens Angreifer

Dies war umso unverständlicher, als dass mit Barcelonas Cristian Tello eigentlich bereits ein Spieler dafür abgestellt war, immer verschiedene freigelassene Bereiche zu besetzen und sich dabei an die ballnäheren Spieler anzupassen. Allerdings wurde Tello zu häufig als Zielspieler für Angriffe gesucht und ins Dribbling geschickt, anstatt Angriffe weiter auszuspielen. Auch individuell konnte er nicht überzeugen: Viele schlechte Entscheidungen und eine Mischung aus chaotischer und gleichzeitig monotoner Spielanlage fielen negativ auf.

Im Angriff war Rodrigo bemüht und ging immer wieder weit zurück, allerdings schien er nicht wirklich in den Gesamtkontext der Mannschaft eingebettet und hatte einige seltsame Dynamiken und Rhythmen in der Ballverarbeitung und dem Spieltempo, womit er durchaus sinnbildlich stand – für die einzelnen Spieler, die wegen individueller Aspekte nicht zusammenfanden, und für die gesamte Mannschaft und deren Problem des Verbindungsaufbaus. Bei Pässen agierten die Spanier oftmals zu gemächlich und drucklos, bei einzelnen Dribblings oder Bewegungen in Freiräumen zu hektisch und unruhig.

Spaniens Leistungsträger im ersten Spiel und ein Turnierausblick

So mussten mit Thiago und Isco die beiden individuell stärksten Spieler aus dem Zentrum des Feldes heraus das Spiel prägen und brachten dabei ihre eigenen Charakteristiken sehr dominant ein. Mit einer Kombination aus hohem individuellem Niveau und einem spontanen Ausleben der eigenen Spielweisen konnten sie für Glanzlichter, Kontrolle und Durchsetzungsfähigkeit sorgen und ihre Mannschaft anleiten. Am Ende war es nicht verwunderlich, dass Kapitän Thiago mit einem starken Freistoß auch das Siegtor kurz vor Schluss vorbereitete. Neben diesen beiden überzeugte außerdem Linksverteidiger Alberto Moreno von Sevilla, der sich in allen Bereichen souverän zeigte, praktisch fehlerfrei agierte und viel in die Partie investierte.

Auch in den kommenden Partien werden diese Akteure wieder die entscheidenden Kräfte für Spaniens Spiel sein. Allerdings müssen die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Mannschaftskonstrukts überarbeitet werden. Eine natürlichere Raumbesetzung mit vernünftigerer Bewegung sowie ein kohärentes Auftreten sind in jedem Fall benötigt. Das Potential der vielen starken Offensivspieler könnte so viel besser ausgeschöpft werden und diese Akteure würden ein attraktives Zusammenspiel entwickeln. Ansonsten wird es für den Topfavoriten schwierig, den Titel zu verteidigen.

Die russische Mannschaft

Auf russischer Seite sind der bereits erwähnte Petrov und die gute Balance ihrer Defensive hervorzuheben, die aus Spaniens Problemen Sicherheit schöpfte. In der Offensive entstand allerdings kaum Gefahr, da sich alle spanischen Mittelfeldspieler in gute Positionen für Ballrückeroberungen brachten und gegen die tiefe russische Positionierung ausreichend Konterabsicherung vorhanden war.

Aus dem geordneten Angriffsspiel heraus hatte Russland ebenfalls Probleme mit eigenen Unterzahlen. Zwar versuchten sie, mit Petrovs gelegentlicher Unterstützung auf der Seite und einem etwas eingerückten Linksaußen besonders über rechts anzugreifen, doch alles in allem konnten sie vor allem wegen der vorsichtigen Außenverteidiger nicht genügend Präsenz  im letzten Drittel herstellen.

Wegen dieser taktischen Defizite lässt sich wenig Genaueres über die einzelnenSpieler der russischen Elf sagen. Die kommenden Partien könnten sich aber interessanter entwickeln, wenn beispielsweise der eigentliche A-Nationalspieler Alan Dzagoev noch zur Mannschaft stößt. Mit einer Umstellung in der zweiten Halbzeit deuteten die Russen bereits mehr Mut zu offensiven Verbindungen und Rochaden an, als die ausweichenden Bewegungen von Mittelstürmer Cheryshev von dem eingewechselten Grigoriev ergänzt wurde.

Zusammenfassung: Spanien dominierte diese Partie extrem, hatte aber große Probleme, die vielen spielstarken Akteure miteinander zu verbinden und konkret die Schwächen der geschickten russischen Mannorientierungen zu attackieren. Diese standen defensiv sicher, konnten allerdings auf keinerlei Weise offensive Gefahr ausstrahlen.

Anmerkung: Generell haben die Berichte zur U21-EM nicht den Anspruch einer gewöhnlichen Spielanalyse. Die Konzentration liegt weniger auf den ergebnisentscheidenden Aspekten und einer genauen Betrachtung aller Spielabschnitte inklusive Umstellungen, sondern eher auf der Grundausrichtung und den Spielern. Dabei ist uns die Betrachtung von Stärken, Schwächen, Problemen und Potentialen von Teams wie Akteuren wichtig.

king_cesc 7. Juni 2013 um 22:28

Kann man Illarramendi eigentlich mit Busquets vergleichen, oder verkörpert er eine andere Art 6er?

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Holgr 8. Juni 2013 um 16:02

Nein, Illaramendi ist defensiv bei weitem nicht so stark wie Busquets und hat bei Real Sociedad meist einen defensivstarken Mann (Bergara) neben sich. Die Rolle bei der U21 ist eigentlich nicht ideal für ihn.

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RM 8. Juni 2013 um 19:00

Wo würdest du Illaramendi denn sonst einsetzen?

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TR 8. Juni 2013 um 19:55

Naja, er ist zwar deutlich anders als Busquets, aber trotzdem kann er ja als Sechser spielen.

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king_cesc 9. Juni 2013 um 11:37

Danke

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GH 7. Juni 2013 um 14:02

Habt ihr auch noch vor die deutsche U21 gegen die Niederlande zu analysieren?

Zum Spiel: Wie war denn die Veränderung als Morata für Muniain kam? Spielte man dann mit einem asymmetrischen 4-4-2 mit Isco auf links? oder war dies ein positionstreuer Wechsel?

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nowa3000 7. Juni 2013 um 07:57

Ein schönes Kommentar. Leider habe ich das Spiel nicht verfolgen können, dennoch finde ich diese Art der Analayse (mehr auf die Grundrichtung einzugehen, Potenzial der Spieler) sehr gut. Klasse Sache, da mir insbesondere einige Spieler nur wenig sagen (werden) und man so doch eine kurze Einschätzung bekommt!

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credoparusia 7. Juni 2013 um 03:12

Eine Frage habe ich an euch…

Vor langer Zeit hat Rene M. mal was erwähnt wie ein Mannschaftsporträt von Real Madrid unter Mourinho zu machen wenn dieser nicht mehr Trainer ist.
Könntet ihr denn so eine Mannschaftsanalyse machen? Ihr habt ja einige davon wie Bilbao unter Bielsa etc.

Wäre echt toll und Danke für die tollen Analysen!

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credoparusia 8. Juni 2013 um 05:52

Danke.

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