SC Freiburg – Hannover 96 3:1

Grundformationen

Grundformationen

Der SC Freiburg zeigt sein dominantes Gesicht und besiegt Hannover 96 mit 3:1. Christian Streichs Team baut auf ihr ureigenes Pressing und nimmt das Hannoveraner 4-4-2 auseinander.

Am Freitagabend trafen mit Freiburg und Hannover zwei Europa-League-Aspiranten aufeinander. Beide Trainer schickten ihre Teams in einem 4-4-2 auf das Feld. Auch in der Wahl der taktischen Mittel agierten beide Teams recht ähnlich: Ein Mittelfeldspieler kippte jeweils ab, wodurch die Außenverteidiger weiter aufrücken konnten. Auf Hannoveraner Seite war dies Hoffmann, bei Freiburg wechselten sich Schuster und Ginter ab. Im Sturm gab es bei beiden Teams eine Aufteilung zwischen einem weiter vorne postierten Zielspieler (Santini und Diouf) und einem mobileren und zurückfallenden Angreifer (Kruse und Schlaudraff).

Pressing

Der größte Unterschied der beiden Teams war die Höhe des Pressings: Während die Hannoveraner den Zugriff erst in der eigenen Hälfte suchten, störten die Freiburger früh. Sie setzten dabei auf ihr gewohntes, mannorientiertes Pressing: Sobald der Pass auf die Außenverteidiger kam, wurden sie von den Außenstürmern attackiert. Gleichzeitig verfolgten Schuster und Ginter im Mittelfeld die gegnerischen Sechser Stindl und Hoffmann bis weit in deren Hälfte.

Hannover fand gegen das gegnerische Pressing nie zum gewollten Vertikalspiel. Sie versuchten zwar, nach Ballgewinnen den zurückfallenden Schlaudraff mit vertikalen Pässen einzusetzen. Freiburg verhinderte diese Zuspiele mit dem eigenen Pressing jedoch bereits im Ansatz. Auch im ruhigen Spielaufbau hatten die Hannoveraner viele Probleme. Dieser läuft normalerweise über ihre Außenverteidiger – ein gefundenes Fressen für das Freiburger Pressing. Unter dem hohen Druck des Gegners bolzte Hannover ungewohnt viele Bälle nach vorne, welche die Freiburger Innenverteidiger einfach nur aufzusammeln brauchten. Freiburg konnte somit weit mehr Ballgewinne erzielen als die Hannoveraner.

Bei Ballbesitz ließen die Freiburger die Kugel laufen. Slomka bemängelte nach dem Spiel gegenüber dem TV-Sender sky, sein Team sei vor der Pause „nicht weit genug vorgerückt bis zur Mittellinie“. Die vergleichweise tiefe Stellung der Hannoveraner sorgte dafür, dass Freiburg bis zur Pause zwei Drittel des Ballbesitzes verbuchen konnte. Vor allem die Freiburger Sechser sahen sich keines Drucks der Hannoveraner ausgesetzt. Ein Sechser kippte in die Abwehr ab, während der Zweite sich davor horizontal bewegte. Ginter hatte am Ende des Spiels 96 Ballkontakte, Schuster gar 106.

Von Dreiecken und kreativen Standards

Freiburg konnte daher den Spielaufbau aus der eigenen Hälfte ruhig angehen lassen und auf die entscheidende Lücke warten. Sie setzten dabei auf das klassische Dreieckspiel. Über die freien Sechser konnten die Freiburger viele Dreiecke herstellen, mit denen sie die Gegner aus den Positionen zogen. Ein klassisches Beispiel hierfür war das Spiel mit den aufrückenden Außenverteidigern: Beim Aufrücken zogen sie leicht diagonal in die Mitte, sodass sie die gegnerischen Außenspieler in die Mitte zogen. Wenn sie angespielt wurden, passten sie den den Ball zurück zum in der Mitte wartenden Mitspieler, der wiederum den breit gebliebenen Außenstürmer einsetzte. So kam Freiburg relativ oft auf den Außen an die Grundlinie.

Ebenfalls erfolgsversprechend waren Angriffe über den zurückfallenden Kruse. Hannovers Mittelfeld operierte mit der von ihnen gewohnten Tiefenstaffelung, was bedeutet, dass ein Sechser tiefer agiert als sein Nebenmann. Stindl war meist der höher postierte Sechser. Kruse schlich sich in den Raum hinter ihm. Wenn er angespielt wurde, musste ein Innenverteidiger oder Außenverteidiger rausrücken, um ihm aufzunehmen. Die übrigen Abwehrspieler reagierten, indem sie zusammenrückten. Kruse nutzte dies, um die breit wartenden Außenstürmer einzusetzen.

Auch wenn Freiburgs flügellastiges Spiel nur wenige Torchancen kreierte, holten sie doch zumindest einige Standards raus – eine Kategorie, die Freiburg beherrscht. Kein Team zeigt sich derart kreativ, wenn es um die Anwendung von kurzen Varianten bei Ecken und Freistößen geht. Das 1:0 war hierfür ein gutes Beispiel, als Freiburg über eine Dreieckskombination den Eckenschützen Schmid freispielte. Schulz stolperte den Ball ins eigene Tor (24.). Das 2:1 fiel – Freiburgs Strategie entsprechend – nach einer Hereingabe von links, Schmid hatte hier eine Überzahlsituation geschaffen. Kruse verwertete, obwohl drei Gegenspieler zwischen ihm und dem Tor standen (44.). Zwischenzeitlich hatte Hannover ausgeglichen – wohlgemerkt nach einem krassen Fehler der Freiburger, nicht nach einem eigenen Angriff (36.).

Zweite Halbzeit

Bis zur Halbzeitpause waren die Freiburger absolut dominant und spielbestimmend. Hannover versuchte nach der Pause, etwas weiter vorzuschieben und das Pressing früher anzugehen. Gleichzeitig rückten die Außenverteidiger bei eigenen Angriffen weiter auf. Die Hannoveraner versuchten nun ebenfalls, den Gegner über die Flügel zu knacken. Gegen Freiburgs Pressing und die abkippenden Sechser hatten sie jedoch noch immer keine Antwort gefunden, sodass Freiburg weiterhin den Ballbesitz dominieren konnte. Selbst wenn Hannover jetzt früh störte, konnten sie sich über lange Bälle auf den Zielspieler Santini befreien.

Erst mit der Einwechslung Pintos (63. für Stindl) verbesserte sich das Hannoveraner Spiel merklich. Einerseits stand er als Sechser beim gegnerischen Ballbesitz höher und presste die gegnerischen Sechser intensiver. Gerade den Druck auf Schuster erhöhte er. Freiburg konnte nicht mehr in das eigene Dreiecksspiel finden, das sie in Halbzeit Eins auszeichnete. Andererseits bereicherte er das eigene Aufbauspiel mit seiner Präsenz. Er zeigte sich sehr beweglich und wich der gegnerischen Mannorientierung aus. Mal baute er das Spiel aus der eigenen Abwehr auf, dann wieder stieß er vor in den Sturm. Er behob damit auch das Manko, dass Schlaudraff nicht weit abkippen konnte, ohne vorne eine große Lücke zu hinterlassen. Nach Pintos Einwechslung ging Schlaudraff wesentlich tiefer. So bereitete er die große Chance von Diouf aus der eigenen Hälfte vor (73.).

Durch die höhere Positionierung der gesamten Mannschaften wurde Hannover im Gegenzug anfälliger für Konter. Gerade in ihre stärkste Phase platzte ein schneller Gegenstoß der Freiburger, der gespickt war mit Hannoveraner Flüchtigkeitsfehlern. Schmid erzielte das 3:1 (73.). Dieses beendete das Spiel praktisch. Hannover warf nun alles nach vorne. Slomka brachte Abdellaoue (75. für Ya Konan) und Sobiech (77. für Pocognoli) und spielte nun effektiv mit vier Spitzen, die allesamt recht hoch standen. Ihnen fehlte die Verbindung zwischen Mittelfeld und Sturm, die sie nur mit langen Bällen herstellen konnte – eine leichte Beute für die Freiburger Verteidiger. Diese nutzten ihrerseits klug das Loch auf rechts aus, das in Ermangelung eines Hannoveraner Rechtsaußen entstand. Freiburg konnte das 3:1 bis zum Abpfiff verwalten.

Fazit

Dieses Spiel bewies, dass man gegen Freiburg mit einem klassischen 4-4-2 kaum gewinnen kann. Hannover lief in jede Pressingfalle des Gegners und konnte mangels eigenem Angriffspressing die Dominanz der Freiburger nie brechen. Einzig nach der Einwechslung Pintos hatten sie eine starke Phase.

Die Hannoveraner waren nicht die Ersten in dieser Saison, die mit einem 4-4-2 gegen Freiburg untergingen. Es verwundert, dass mittlerweile noch Trainer mit einer derartigen Formation gegen Freiburg antreten – einfacher kann man es Streichs Truppe kaum machen. Diese überzeugten abermals mit einem extrem ballsicheren Mittelfeld (Schuster! Ginter!!) und einem leidenschaftlichen Pressing. Mal schauen, ob der VfB Stuttgart es nächste Woche im Pokal-Halbfinale besser macht.

Article by TE

TEs Taktikleidenschaft erweckte Mourinhos Chelsea. Seitdem favorisiert er schnell umschaltende Teams. Bei Spielverlagerung kümmert er sich hauptsächlich um die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Er ist auch bei Twitter aktiv unter @TobiasEscher.

8 Comments

  1. 7
    seb123 says:

    Ich konnte das Spiel auch im Stadion sehen…
    Mir sind immer wieder kleinere Schwächen der Freiburger aufgefallen, diese besinnen sich aber lieber auf ihre Stärken. Laufarbeit, Siegeswille, und individuell starke Spieler. Die höhere Konzentration war aber nicht immer in dieser Saison vorhanden…
    Relativ auffällig war das Flügelspiel der Freiburger. Sie sind sehr oft zur Grundlinie durchgekommen, allerdings war die Verwertung der hohen Bälle eher mies. Schon gegen Gladbach ist mir das aufgefallen, dort hat der starke ter Stegen viele der unzähligen Ecken abgefangen. So war das 1:0 nicht unbedingt das zwangsläufige Resultat des guten Flügelspiels.

    Ich als Freiburger hoffe natürlich, dass die starke Saison durch den Finaleinzug am Mittwoch gekrönt wird. Ich freue mich auch schon auf die Analyse des Spiels!
    Ich finde super, dass ihr (dank der starken Saison) auch einige Freiburg-Spiele analysiert.
    Interessant fände ich einen Artikel über Überraschungsteams im Allgemeinen in der Bundesliga. Wie schaffen es kleinere Vereine eine Ausnahmesaison zu spielen? Was steckt hinter dem Erfolg?
    Es gibt ja jedes Jahr eine Mannschaft, die mehr oder weniger überraschend oben mitkämpft. Die Hoffenheimer Herbstmeisterschaft, letztes Jahr Gladbach, dieses Jahr Frankfurt oder Freiburg. Lassen sich da irgendwelche Parallelen aufweisen?

  2. 6
    PAD says:

    Was mich im Spiel gewundert hat war, dass Slomka auf ziemlich vertikale und zielstrebige Außen gesetzt hat. Ich hatte eigentlich noch das Bild von spielstarken ballsicheren Außen bei Hannover im Kopf, welche in diesem quasi 4-2-4-Pressing von Freiburg richtige Brandherde sein können.
    Bin mir ohnehin nicht sicher, auf was sich das aktuelle Hannover-System reduzieren lässt, das scheint ja mittlerweile nichts halbes und nichts ganzes zu sein…

  3. 5
    Sebastian says:

    Ich konnte mir diese erfrischende Partie im Stadion anschauen am Freitag. Der Angriffsfußball und die Dominanz des SC war klasse, beruhte aber auch auf einer höheren Laufarbeit und Konzentration in den meisten Szenen und Schwächen bei Hannover.

    Hannover ist bereits seit einigen Wochen auf dem absteigenden Ast. In ihrer Hochform hätten sie ihre Freude gehabt an der mangelnden Verwertung der SC-Chancen, Diouf das 2-2 gemacht und vllt noch einen Konter gefahren und nicht zwei Tore durch Zieler hergeschenkt.
    Das zeigt, dass es nicht am System lag, sondern an Laufwege und Konzentration und der bei Hannover nicht mehr so wie vor 2 Jahren vorhandenen Fähigkeit zum effektiven Konter.

  4. 4
    Pioneer says:

    Schön, dass ihr dieses Spiel analysiert habt. Kann dir nur zustimmen, Hannover war erschreckend schwach. Zwei Anmerkungen zum Freiburger Spielaufbau:
    -In der Grafik sieht so aus, als ob Ginter zwischen die Innenverteidiger gefallen wäre, war dies nicht Schuster?
    -Was sehr offensichtlich war, dass Freiburg den Aufbau/Angriff gleich nach den Innenverteidigern über außen geführt hat. Aus meiner Sicht hat da Hannover meist nicht genug verschoben…

  5. 3
    blub says:

    kleine sache: Kruses tor war 44. nicht 73.

    Ich war von Ahnnover überrascht. Eigentlich hatte ich Pinto auf der 6 und Stindl RA erwartet, das hätte ihrem Spiel besser gepasst.

    Habd as Spiel genauso gesehen wie du.

  6. 2
    AP says:

    Hat mich doch sehr überrascht, dass Slomka im 4-4-2 antratt. Die Freiburger Spielweise ist ihm ja nicht unbekannt. Was hat er sich dabei nur gedacht… :-) Wäre es nicht besser in einem 4-1-2-3 bzw. 4-1-4-1
    anzutreten?

  7. 1
    Paul says:

    Seit dieser Saison bin ich ein großer Fan des SCs geworden. Sie haben einen interessanten Spielstil und auch ihre Jugendarbeit ist hervorragend. Ich rechne ihnen durchaus Chancen aus nächste Saison in Europa zu spielen. Ob es für die CL reicht bezweifele ich allerdings, denn selbst in der Quali könnten dann Teams wie Valencia, Arsenal und Milan warten

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