Hamburger SV – VfB Stuttgart 0:4

Zuhause empfingen die Hamburger den VfB Stuttgart, welcher am letzten Spieltag Selbstvertrauen für dieses Duell getankt hatte. Es war das Aufeinandertreffen zweier junger Trainer, die beide in der Bundesliga noch einiges zu beweisen haben. Für viele war das Ergebnis dieses Duells ein überraschendes, insbesondere in der Höhe. Mit einem 4:0-Auswärtssieg rechneten nur die Optimisten in Reihen der Stuttgarter Fans, doch letztlich kann man das Spiel auf mehrere einzelne Faktoren zerstückeln, welche für dieses Ergebnis verantwortlich waren. Taktische Vorteile, das Fehlen von Schlüsselspielern beim Hamburger SV, individuelle Fehler, destruktive Fouls und eine höhere Effizienz summierten sich zu dem hohen Sieg für den VfB – wenngleich sämtliche Gründe (oder wie es böse Zungen nennen: Ausreden) in Anbetracht des Ergebnisses irrelevant werden, so sollte man dennoch zu einer fairen Betrachtung darauf hinweisen.

Wechselwirkung der Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Bei den Hamburgern war es das klassische 4-1-3-2/4-4-2-Hybridsystem, welches Fink zugunsten seiner verkappten Dreierkette in Ballbesitz aufgebaut hatte. Durch Rincons tiefere Stellung konnte man im Aufbauspiel die beiden Außenverteidiger sehr hoch aufrücken und die Innenverteidiger breit spielen lassen, was den Gegner nach hinten drücken sollte. Man selbst hatte mehr Zeit am Ball und konnte den spielmachenden Sechser, in diesem Fall eben Rincon, seine Kreativität und Passsicherheit nutzen lassen. Problematisch wurde es gegen Stuttgart aber, dass Rincon übermüdet wirkte und sehr bald ausgewechselt wurde. Seine Rolle als Hauptpassgeber teilten sich dann Westermann und Jarolim – beide hatten mit über 75 Ballkontakten deutlich mehr als alle anderen ihrer Mitspieler. Da die Hamburger bereits zurücklagen, als der Wechsel stattfand, kam für Rincon mit Tolgay Arslan ein offensiverer Spielertyp als Jarolim. Somit wurde versucht dem Spiel im zweiten und letzten Drittel mehr Kreativität zu geben, was allerdings nur eingeschränkt funktionierte. Hinzu kamen die beiden Elfmeter zum 0:2 und 0:3, welche von Rajkovic verursacht wurden. Der Serbe zeigte defensiv wie offensiv eine eher schwache Leistung, hatte nur halb so viele Ballkontakte wie Westermann und brachte davon auch prozentuell weniger an. Auf den Außenbahnen versuchten Jansen und Diekmeier ihre Vordermänner möglichst gut zu unterstützen, doch es gab hier gewisse Probleme. Durch die gegnerische 4-2-3-1-Formation konnten die Außenstürmer einfach und effektiv in Doppelung genommen werden, somit hatten weder Ilicevic noch Sala Bindung ins Spiel. Beide konnten nur selten ihre Fähigkeiten zeigen und hatten große Probleme, mit den zentralen Spielern im Sturmzentrum zu kombinieren. Davor spielten Petric und Guerrero mit einer klassischen Rollenverteilung moderner Sturmduos: einer der beiden fungiert als hängender Stürmer, welcher nach vorne stößt, während der andere auf die Flügel ausweicht und wieder ins Zentrum zurückkehrt. Letzteren Part übernahm im Normalfall Guerrero, um Petrics Kreativität und Weitschüsse zu forcieren, was aber nicht gelang.

Bei den Stuttgartern konnte man eine 4-2-3-1-Formation beobachten, wobei Okazaki und Hajnal etwas gemäßigter agierten, als die beiden anderen. Ibisevic und Harnik hatten die primäre Aufgabe vor dem gegnerischen Tor für Gefahr zu sorgen, während die anderen beiden sich eher auf die Bindung zum Spiel beschränkten: Anbieten von Pässen, Einleiten von Aktionen und gegebenenfalls selbst zum Abschluss kommen, jenen allerdings nicht zu forcieren. Dadurch entstand eine interessante Symbiose im letzten Drittel, denn Hajnal versuchte teilweise zu oft die Lochpässe zu finden, während Harnik und Ibisevic auf jene warteten. Deswegen fehlte Okazaki etwas Bindung zum Spiel und der Japaner wirkte etwas müde, wurde aber in der Offensive von Sakai unterstützt, welcher ebenso wie (etwas überraschend) Boulahrouz bis zum gegnerischen Sechzehnmeterraum vorrückte und es mit Flanken probierte – mehr oder weniger erfolgreich.  Es brachte dennoch Abwechslung ins Stuttgarter Spiel und machte sie unberechenbarer. Dahinter organisierten Kuzmanovic und Kvist das Spiel, wobei Kvist durch seine sicheren und einfachen Pässe überzeugte. Circa 90% aller Pässe kamen an und er beruhigte das Spiel, während Kuzmanovic zwar eher horizontal agierte und die Flügel absicherte, aber dennoch der eigentlich offensivere Spieler war.  Ein Verbesserungspunkt für den Stuttgarter: Kuzmanovic hätte offensiver agieren können, Hamburg hatte ohnehin eine Lücke in der Mitte. Alledings verständlich, dass er es nicht tat, war man doch bereits vorne und verteidigte lieber Arslan – Gentner hingegen hatte nach seiner Auswechslung dieses Defensivdenken nicht und verzeichnete zwei Torschüsse, Kuzmanovic ohne Elfmeter gar keinen. Dennoch eine gute Partie gegen eine Mannschaft, die ein großes Loch im Mittelfeld hatte und damit über die gesamte Spielzeit nicht klar kam. Niedermeier und Tasci zeigten ebenfalls eine gute Leistung und unterstützten mit sicheren und teilweise sogar sehr kreativen Pässen das Offensivspiel von hinten heraus. Trotz geringerer Passgenauigkeit aufgrund vieler versuchter Gassenpässe im letzten Drittel verzeichnete man so einen kleinen Vorteil im Bezug auf Ballbesitz.

Rincons Auswechslung und Westermann als tieferer Ersatz

Nachdem Rincon das Spielfeld verließ, rückte Jarolim eine Stufe nach hinten und Westermann übernahm mehr Verantwortung im Aufbauspiel. Da Jarolim aber eher der Typ Makelele ist, einer, der großteils sichere Kurzpässe auf die Seiten spielt, fehlte ein kreativer Organisator im Spiel der Hamburger. Mit Arslan hatte man jenen zwar eingewechselt, doch einerseits fehlt ihm die Erfahrung, andererseits fungierte er höher auf dem Platz als offensiver Mittelfeldspieler und hatte nie den Raum, um eine Rolle wie Rincon zu spielen. Deshalb mussten Westermann und Jarolim diese Rolle übernehmen, jedoch hatten beide so ihre Probleme. Jarolims Naturell entspricht nicht diese geduldige Spielweise eines Rincon, welcher das Spiel organisiert und den Ball verschiebt, bis sich eine Lücke öffnet. Der Tscheche schwankt teilweise zwischen Extremen, manchmal versucht er zu aggressiv den Ball durchzubringen, deutlich öfter aber verpuffen seine Bälle in zu undynamischen Querpässen, welche weder Raum- noch Zeitgewinn bringen. Westermann ist ebenfalls eher ein Spieler, welcher sich durch seine athletischen Fähigkeiten hervortut und dazu kommt, dass der Raum bis zur Front zu groß ist, um seine Pässe anzubringen. Letztendlich entstand hier eine große Baustelle, auf der keiner arbeitete – Arslan kann noch nicht, Jarolim wird wohl nie können, Westermann durfte nicht. Die Außenstürmer hingen ebenso in der Luft wie die Mittelstürmer, das Spiel war zu statisch und die Stuttgarter Defensive  stand ungemein gut.

Taktische und destruktive Fouls

Am Ende des Spiels verzeichneten die Gäste 29 Fouls, dies entsprach beinahe doppelt so vielen Unsportlichkeiten wie Hamburg. Es war wohl die Aggressivität, welche Stuttgart defensiv gut stehen ließ. Schlug das Pressing der Schwaben fehl, wurde der gegnerische Spieler bedrängt und gehetzt, was den Hamburgern im zweiten Drittel sehr viel an Nerven und Zeit raubte. Konnte man nicht mit ausreichend Mann attackieren, wurde dieses numerische Manko mit einer robusteren Angriffsweise abgegolten und es wurde oftmals willentlich ein leichtes Foul provoziert. Der HSV hatte nun das Problem, dass der Gegner sich zurückgezogen hatte und wieder die Kontrolle im Mittelfeld übernahm, wo die Bindung zu den Stürmern fehlte. Mit diesem einfachen taktischen Mittel kaufte man dem Gastgeber nicht nur den Schneid ab, sondern ließ ihre schnellen Angriffsbemühungen verpuffen und  demontierte sie psychisch.

Hauptunterschied bei den Torchancen: die Hamburger schlossen zu früh ab, zu weit weg vom gegnerischen Tor und meist unter Bedrängnis. Stuttgart hatte deutlich mehr Chancen im Strafraum, die Lochpässe hatten ihre Wirkung

Fazit

Kein tolles Spiel, sogar von den Stuttgartern nicht, welche sich aber offensiv und defensiv stabil zeigten gegen eine schwache Hamburger Mannschaft – zwei Elfmeter sorgten letztlich für einen Sieg, der wohl ein Tor zu hoch ausfiel. Den Hauptunterschied beider Teams gab es bei den Torchancen: die Hamburger schlossen zu früh ab, zu weit weg vom gegnerischen Tor und meist unter Bedrängnis (67% ihrer Schüsse außerhalb des Strafraumes). Stuttgart hatte deutlich mehr Chancen im Strafraum, die Lochpässe hatten ihre Wirkung (80% der Schüsse im Strafraum).  Bei den Gastgebern hörte man bereits in der Halbzeitpause die ersten Pfiffe von den Tribünen und ohne Struktur im Spiel erwischten die vier Offensiven einen schwarzen Tag, ebenso wie Rajkovic. Alles in allem ein schlechter Tag für die Mannschaft aus dem Norden.

Ben 5. März 2012 um 00:31

Insgeheim habe ich mich schon seit Samstag auf diesen Spielbericht gefreut, da das eigentiche Spiel auf vielen anderen Seiten leider auf Guerreros Foul an Ulreich und Rajkovics schlechten Tag reduziert wurde. Gerade die „verhungernde“ Offensive des HSV war für mich aber spielentscheidend und dass ihr diese Meinung mit mir teilt freut mich sehr.

Weiter. Immer weiter.

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