Bayer Leverkusen – FSV Mainz 05 3:2

Der FSV Mainz 05 kommt nach einem 0:2-Rückstand zum Ausgleich, geht aber trotzdem leer aus: Bayer Leverkusen gewinnt das letzte Spiel des 18. Spieltages mit 3:2 und bleibt an den Europacuprängen dran.

Robin Dutt stand vor dem Rückrundenauftakt von allen Seiten unter Beschuss. Bereits im ersten Spiel des neuen Jahres gegen Mainz 05 musste er liefern, um das Gros der Fans nicht noch weiter gegen ihn aufzulehnen. Die Formation blieb im Vergleich zur Hinrunde gleich: Erneut trat seine Mannschaft in einem flexiblen 4-2-3-1/4-4-2 Mischsystem an. Thomas Tuchel auf der anderen Seite, bekannt für seine häufigen Strategiewechsel, schickte sein Team in einem 4-3-3 ins Spiel, das in der Defensive oft zum 4-1-4-1 wurde.

Ereignisarmer Auftakt

Das Spiel begann zögerlich. Mainz war nicht bereit, schon früh ein Pressing auf dem ganzen Feld aufzuziehen. Die Leverkusener konnten so die Kontrolle übernehmen und den Ball zwischen den Verteidigern laufen lassen. Im Mittelfeld versuchten sie mit vielen Positionswechseln die Mainzer aus der Reserve zu locken. Allerdings sind sie noch immer weit entfernt von den ständigen Rochaden des Saisonbeginns. Castro rückte oft ein, Bender war gewohnt laufstark und beackerte das Feld in seiner ganzen Länge und Breite, aber gegen gut stehende Mainzer reichte dies nicht, um in die gegnerische Hälfte zu kommen.

Den Unterschied in dieser Anfangsphase machten das Offensivverhalten von da Costa und das vertikale Spiel der Leverkusener aus. Offensichtlich haben sie im Wintertrainingslager bestimmte Angriffsmuster trainiert. Dutt sagte öffentlich, seine Mannschaft müsse das direkte Spiel in die Spitze üben, was auch direkt zu erkennen war: Seine Elf spielte aus der Verteidigung vermehrt Bälle in die Füße der Stürmer, die wiederum den Ball direkt auf die Außen ablegten. Gerade da Costa schaltete sich auf rechts in die Offensive ein und nahm diese Pässe dankend an. Mit dieser Angriffsvariante offenbarten sie die zu zaghafte Zweikampfführung der Mainzer im zentralen Mittelfeld sowie ihre eher schlechte Rückwärtsbewegung auf den Flanken. Es war kein Zufall, dass die wenigen guten Angriffe der ersten halben Stunde allesamt nach diesem Muster gelangen, inklusive dem 1:0 Eigentortreffer durch Pospech nach Flanke da Costa (10.).

Der FSV fand in der ersten halben Stunde keinen Zugriff auf das Spiel. Zum Einen hing dies mit der erwähnten Zweikampfschwäche zusammen(45% gewonnene Duelle in Hälfte eins), zum Anderen war ihr Umschaltspiel erneut zu ungenau (70% Passgenauigkeit bis zur Pause). Die schnellen Kombinationen in die Spitze, in der letzten Saison ihre größte Stärke, funktionieren seit Saisonbeginn zu selten. Leverkusen bekam so die Kugel nach Ballverlusten schnell wieder zurück.

Hinzu kam, dass das Spiel der Gäste durch das System mit zwei Außenstürmern zu sehr auf die Flanken ausgelegt war. Choupo-Moting und Ujah fühlen sich jedoch in der Zentrale wesentlich wohler, ein ums andere Mal rieben sie sich auf den Außen auf, ohne dass sie nennenswerte Flanken reinbringen konnten. Torchancen gab es kaum für die Mainzer. Obwohl Leverkusen seinerseits nicht die beste Leistung zeigte, konnten sie in der 35. Minute nach einem Eckstoß ihre Führung ausbauen – Friedrich traf zur nicht unverdienten 2:0-Pausenführung.

Mainz mit mehr Druck nach der Pause

Die Zuschauer sahen in den ersten 45 Minuten kein sonderlich spannendes Match. Nur sechs Torschüsse (3:3) zeugen von einer ereignisarmen Partie. Hierzu trug auch das dicht gestaffelte Zentrum auf beiden Seiten bei. Die Überladung der Spielfeldmitte ist ein gern gewähltes Spielmittel im modernen Fußball. Im Falle dieser Partie war kein einziger Spieler auf dem Platz, den man als „klassischen Außenstürmer“ bezeichnen könnte. Selbst Andre Schürrle zog oft und gerne in die Mitte. Dies sorgte auf beiden Seiten dafür, dass sich die zahlreichen Akteure in der Spielfeldmitte neutralisierten.

Formationen nach der Pause

Thomas Tuchel schien diese Probleme zu erkennen und hatte eine interessante Lösung parat: Er verstärkte sein zentrales Mittelfeld, in dem er auf ein 4-4-2 mit Raute umstellte, getreu dem Motto: Wenn die Partie schon in der Mitte entschieden wird, wollen wir dort mit vollem Elan bei der Sache sein. Zusammen mit seiner (höchstwahrscheinlich leicht angesäuerten) Ansprache sorgte dies für eine komplett neue Mainzer Mannschaft nach dem Wiederanpfiff. Die Mittelfeldspieler rückten jetzt weit auf und setzten die Leverkusener Sechser direkt unter Druck. Zwischen der 45. Und 55. Minute gewannen die Mainzer fast 75% der Zweikämpfe. Soto war als Zehner eine feste Anspielstation im offensiven Mittelfeld, was dem Spielaufbau gut tat.

Einen großen Anteil an der verbesserten Leistung hatten auch die eingewechselten Spieler: Caligiuri (für Ujah) fügte sich gut ins Pressing ein. Besonders stark war Szalai (für Yilmaz), der im Sturm neben Choupo-Moting die ganze Breite des Feldes beackerte. Gerade das Zusammenspiel auf der rechten Flanke mit dem aufrückenden Pospech klappte gut. Die starke rechte Seite hatte auch mit der leichten Asymmetrie im Leverkusener System zu tun, bei dem hinter Schürrle ein kleiner Freiraum auf dem Flügel entstand.

Mainzer Druck lässt nach

Die Werkself wurde von den Bemühungen ihrer Gegner überrumpelt. Sie verloren direkt nach Eroberung den Ball, bekamen überhaupt keine Ruhe in das Spiel. In den zehn Minuten nach Anpfiff kamen sie gerade einmal zu acht Pässen. Spätestens nach dem Anschlusstreffer durch Polanski (50.) fielen sie defensiv komplett auseinander. Im Mittelfeld stimmte die Rückwärtsbewegung nicht mehr, was die Verlagerungen für die Mainzer vereinfachte. Beim 2:2 durch Caligiuri stimmte das komplette Defensivverhalten nicht, eine Flanke aus dem Halbfeld reichte gegen die indisponierte Verteidigung zum Assist (53.).

Nach dem Ausgleich konnten sich die Mainzer noch weitere Chancen herausspielen. Allerdings konnten sie das hohe Tempo mit dem aggressiven Pressing nicht lange halten. Nach rund 20 Minuten konnten sich die Leverkusener so langsam befreien. Allerdings war ihr Angriffsspiel nicht sehr ansehnlich. Mit der Einwechslung Kießlings (65. für Ballack) brachte Dutt zwar einen zweiten Stürmer, das Angriffsspiel wurde dadurch aber nicht belebt. Die Bälle zu den beiden Angreifern wurden sofort abgefangen, Kombinationen mit Ablagen wie in Hälfte eins gab es kaum noch.

Als die Partie gerade an Tempo verloren hatte, war es eine Standardsituation, die Leverkusen zurück auf die Siegerstraße brachte. Bender köpfte eine Ecke ins leere Tor (70.). Mit dieser überraschenden erneuten Führung wurden die Mainzer unter Zugzwang gesetzt. Zwar warfen sie alles nach vorne, doch bis kurz vor Schluss kamen sie kaum noch zu Chancen. Die Einwechslung einer weiteren Offensivkraft in Form von Malli (78. für Polanski) war zwar dem Spielstand entsprechend psychologisch richtig, allerdings gaben die Mainzer damit auch die Dominanz über das Mittelfeld auf. Möglichkeiten gab es so nur nach Angriffen über die Außen. Als kurz vor Schluss bei einer strittigen Situation der Elfmeterpfiff ausblieb, war Mainz‘ Schicksal besiegelt – es blieb beim 2:3.

Fazit

Mit Hängen und Würgen ergattert Bayer Leverkusen einen Sieg. Mit der Leistung seiner Mannschaft kann Robin Dutt aber nicht zufrieden sein. Nach einer akzeptablen ersten Halbzeit brach sein Team erneut beim kleinsten Widerstand ein. Nach dem Anschlusstreffer agierte seine Mannschaft kopflos, konstruktive Konter gab es bis zum Abpfiff praktisch nicht. Es zeigt sich, dass eine Winterpause zu wenig Zeit bietet, einer Mannschaft eine neue Ausrichtung zu geben – die Stärken (Robustheit im Zweikampf, Lars Bender) und die Schwächen (kaum Kombinationsfluss, Andre Schürrle außer Form) waren identisch mit denen im Vorjahr.

Der FSV hat die Partie in der ersten Halbzeit hergegeben. Thomas Tuchel fasste treffend zusammen, dass eine Mannschaft, die in Serie Gegentore in der ersten Halbzeit fängt, nicht erwarten kann, diese Fehler mit wenigen tollen Minuten herauszureißen. Der ausbleibende Elfmeterpfiff war zwar ärgerlich, allerdings hätte er auch kaschiert, dass die Mainzer in dieser Saison zu oft den Anpfiff verpennen. Wenn sie den Abstiegskampf vermeiden wollen, müssen sie unbedingt an ihrer Konzentration arbeiten.

juwie 24. Januar 2012 um 13:39

Eine sehr instruktive Analyse – wie immer.

Aber es muss in der Grafik nach der Pause wohl „Soto“ statt „Ujah“ heißen.

Antworten

TE 24. Januar 2012 um 13:54

Danke für den Hinweis! Leider habe ich gerade kein Bearbeitungsprogramm zur Hand, ich hoffe, die Analyse bleibt auch mit diesem kleinen Fehler genießbar.

Antworten

BenHasna 23. Januar 2012 um 17:44

Ich glaube die „zweite Wende“ hatte auch taktische Gründe und startete mit der Auswechslung Ballacks, wobei die Personalien selbst eine total untergeordnete Rolle spielten. Aber mit jenem Wechsel stellte Leverkusen ebenfalls auf eine Raute um (Reinartz defensiv, Bender/Castro, Schürrle offensiv) und wenn auch nicht das Spiel zu beherrschen, vermochte Bayer danach immerhin wieder einen Fuss in die Partie zu kriegen. Dutt wird sich wohl gedacht haben, Mainz‘ Rhythmus zu brechen und die völlig planlose eigene Aufteilung zu reparieren, würde am ehesten gelingen, wenn er die Aufgaben vereinfache und jedem Spieler einen direkten Gegenspieler vor die Nase setze.

Und es hat ja funktioniert. Mainz hat weiter einiges versucht, aber vieles war plötzlich viel mühsamer und vielleicht ging in einigen Szenen darob die Sorgfalt verloren, während bei Leverkusen wirklich jeder darauf eingestellt war, erstmal den Gegenspieler in den Griff zu bekommen – und dank der individuellen Klasse in einigen Direktduellen auch klar überlegen war.
Klar hätte es unentschieden ausgehen können, oder wohl müssen, und war Leverkusen nicht wirklich überragend am Ball gegen Ende, anderseits würde ich das vor dem Hintergrund der taktischen Umstellung eben auch nicht allzu stark in den Mittelpunkt rücken – wahrscheinlich hatten sie kaum oder gar nicht in der Raute trainiert und dann gehen die Offensivaktionen, zumal im Direktduell gegen eine eingespielte Raute, auch nicht so leicht vom Fuss.

Das heisst nicht, dass ich Leverkusen gut oder merklich verbessert fand insgesamt, aber taktisch hat man die missliche Situation anfangs zweiter Hälfte ganz gut hingebogen.

Antworten

TE 24. Januar 2012 um 12:45

Interessante Theorie, allerdings habe ich bei Bayer keine große Änderung im System nach der Ballack-Auswechslung gesehen. Ballack war meiner Meinung nach in einer schematisch hohen Position, fast schon als Stürmer direkt hinter Derdiyok. Das Einzige, was sich im Sturmzentrum änderte, war die Position der beiden vordersten Akteure zueinander – zunächst hintereinander, dann nebeneinander. Da allerdings die meisten Pässe zu den Stürmern nichts eingebracht haben, sehe ich da keinen Unterschied. Das Pressing veränderte sich leicht, da die direkten Gegenspieler der Stürmer, sprich die Mainzer Verteidiger, aber nicht wichtig für den Spielaufbau in dieser Phase waren, ließ ich diesen Aspekt raus.

Auch im Mittelfeld waren die Rollen nach dem Wechsel kaum anders. Castro und Bender agierten schon in der ersten Halbzeit schematisch höher als Reinartz auf den Halbpositionen. Schürrle agierte zu keiner Zeit zentral, worauf auch die Daten aus der Bundesliga.de-Matrix hinweisen.

Wo ich dir aber zustimmen würde, ist die Tatsache, dass Leverkusen näher am Mann war. Sie haben in der Tat öfters das Duell Eins-gegen-Eins gesucht. Eine Spiegelung des gegnerischen Systems ließ sich natürlich in einigen Teilen erkennen, allerdings war diese Spiegelung meiner Meinung nach bereits vor dem Wechsel im Mittelfeld vorhandn.

Antworten

BenHasna 24. Januar 2012 um 15:24

Jo, kann es nicht wirklich belegen halt, aber bin mir schon sehr sicher. Online gibts ja nirgends Bildmaterial von zwei, drei ganzen Spielzügen?! Falls du Gelegenheit hast, schaus dir nochmals im TV an.

Oder sonst schau dir mal Castro und Bender in der Matrix an. Schürrle sieht nicht nach Zentrum aus, jo, aber haben ihn ja auch nicht dahin gestellt, damit er aus jener Position das Spiel machen könnte, sondern einfach, damit Mainz‘ 6er nicht immer so viel Zeit hat am Ball. Wirklich Aktionen registriert in der Matrix werden dadurch für Schürrle nicht unbedingt im Zentrum, tut wie gesagt da ja nicht viel, einfach paar Passwege zustellen. Und in Ballbesitz weicht er dann aus, wie es ihm liegt und es auch Sinn ergibt, denn wenn er nicht so flexibel wäre, hätte ja umgekehrt auch Mainz leichteres Spiel in der Defensive, weil der 6er ihm dann eh immer auf den Füssen steht. So würde ich halt die Matrix von Schürrle erklären, aber eben, Bender und Castro, ziemlich eindeutig mit vielen Aktionen auf den Halbpositionen und auch an ganz anderen Stellen als in den ersten 60 Minuten (Bender plötzlich rechts nach 60 Minuten als zentraler, fast eher halblinker 6er/8er – Castro plötzlich links nach 60 Minuten auf rechtem Flügel/eingerückt).

Antworten

BenHasna 24. Januar 2012 um 15:34

Eben die PK nach dem Spiel geschaut hier:
http://www.bayer04.de/B04-DEU/de/_md_bayer04tv.aspx?guid=0-812B8CA1-A3AC-4AD7-95F6-EBF1FACCE06F-613&id=2381

ab ca. 2:00, Dutt: „[nach Mainz‘ Umstellung]…wir haben dann auch durch die Herausnahme von Michael, Hereinnahme eines zweiten Stürmers und den Andre Schürrle als schnellen Spieler auf die 10 zu stellen dagegen reagiert.“

Antworten

TE 24. Januar 2012 um 16:01

Danke für den Link, Dutt scheint auf deiner Seite zu sein. Ich bleibe jedoch bei meiner Einschätzung, dass dies nicht unbedingt der entscheidende Faktor war, gerade weil Schürrle in der Praxis nicht so zentral war (s. Bundesliga-Matrix) und kaum Bälle gewann.

Wichtiger war das zentrale Mittelfeld, und da gehe ich mit dir d’accord, dass Bender und Castro auf den Halbpositionen besser gegen den Gegner pressten als zuvor – 14 von 20 gewonnenen Zweikämpfen in den letzten 30 Minuten sprechen für eine klare qualitative Verbesserung. Du hast Recht, ich hätte ihre leicht modifizierte Rolle und ihr Zweikampfverhalten besser herausarbeiten müssen.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*