Adventskalender, Türchen 12: Sergio Pinto

Sergio Pinto ist kein typischer Hannoverspieler. Ein typischer Hannoverspieler ist bescheiden in seinem Auftreten, sucht immer den einfachen und möglichst vertikalen Kurzpass, kümmert sich nicht um den Gegner, sondern um sein eigenes Auftreten und die mannschaftliche Leistung. Mirko Slomkas Team hat sich in der letzten Saison in den Vordergrund gespielt, aber nur wenige Spieler taten dies medial ebenso – Mohammed Abdellaoue, Didier Ya Konan, Ron-Robert Zieler und Konstantin Rausch taten es vielleicht, diese Saison könnte man wohl noch Jan Schlaudraff dazu nehmen. Von Sergio Pinto keine Spur. In dieser Beziehung ist er doch ein typischer Hannoveraner: unbesungen, trotz oftmals guter bis sehr guter Leistungen. Die Überraschungsmannschaft, letztes Jahr unglaublicherweise auf Platz vier gelandet, besteht ungeachtet ihrer sogar internationalen Erfolgserlebnisse aus den No-Names. Einer der größten No-Names, da unumstrittener Stammspieler, ist Sergio Pinto. Im Oktober 1980 war er noch Portugiese, spielte sogar in der Jugend des FC Porto, doch zwölf Jahre nach seiner Geburt kam er nach Deutschland, spielte dann in einem anderen blauen Trikot, dem des FC Schalke bis 2004. Er kam auf 23 Bundesligaeinsätze, was dem ehrgeizigen und bissigen Mittelfeldspieler zu wenig waren, deshalb wechselte er nach Aachen zur dortigen Alemannia. Drei Jahre später verließ er mit einem Tor des Monats und dem erfolgreichen Bundesligaaufstieg im Lebenslauf den Direktabsteiger und schloss sich Hannover 96 an. Eine unpassende und doch fast perfekte Liebesgeschichte nahm ihren Lauf.

Selbst Pinto hat bei bundesliga.de ein ganz formales Profilbild

Pinto goes Hannover

Seine bissige Spielweise, seine gute Technik und Laufbereitschaft machten ihn zum Stammspieler im zentralen Mittelfeld. Ob als Achter, auf der Doppelsechs oder gar als Zehner: Sergio Pinto kann zentral alles spielen und zur Not übernimmt er auch die Position des rechten Mittelfeldspielers. Ein Allrounder, mit seinen Fähigkeiten scheint er dafür zwar wie geschaffen, doch jeder Fußballexperte weiß, wie wichtig solche Typen im Zentrum des Mittelfelds sind. Besonders bei einer Mannschaft wie Hannover, welche mit ihrem überragenden Konterfußball sich natürlich durch Arbeit definiert, aber doch eher wie die ruhigen Spezialisten wirken, als wie die rustikalen Zerstörer der Marke …  Sergio Pinto. Ist es vielleicht seine Bissigkeit und seine Ausstrahlung auf dem Platz, welche vielleicht sogar größeres verhinderte?

Ein zweites Tor des Monats ließ der Deutschportugiese seinem Lebenslauf hinzufügen, er ist allerdings nicht nur ein Distanzschütze, sondern überzeugt -neben seinen kämpferischen Attributen- auch in vielen technischen Bereichen. Mit Ball am Fuß verliert er nicht an Geschwindigkeit, kann nicht nur schnell nach vorne spielen, sondern den Ball auch für sich nutzen, das Tempo aus dem Spiel nehmen. Offensiv ist er ebenso stark wie defensiv, erzielte sogar schon fast zwanzig Tore für die Niedersachen, somit trifft er statistisch gesehen jedes sechste Spiel. Für einen vorrangig defensiven Mittelfeldspieler (mit Freiheiten nach vorne wohlgemerkt) eine sehr gute Quote.

In den Schlagzeilen ist er dennoch meist nur, wenn er wieder mit jemandem aneinandergeraten ist. Ob er jetzt zugibt, Michael Ballack sei das einzige Verletzungsopfer seiner Tacklings gewesen, oder die Stadt und den Verein Wolfsburg vor dem Spiel angreift, Sergio Pinto sieht seine verbalen Sticheleien relativ unbekümmert.Er sagte es ja nur, um Christian Schulz zu beschützen – vor einem Wechsel nach Wolfsburg. Schmunzelnd fügt er hinzu, dass er dies ja sogar geschafft habe.

Um das Nachwuchstalent der nationalen Organisation der Abteilung Attacke etwas einzudämmen, mischte sich der Meister höchstpersönlich ein: Uli Hoeneß vom FC Bayern kritisierte eine schauspielerische Einlage Pintos im Spiel gegen seine Münchner, Pinto tat dies lächelnd ab – und den Oskar hat er bis heute nicht dafür bekommen. Wie auch so viele andere Dinge nicht. Sein Gehalt ist nicht auf dem Niveau anderer technisch solider „aggressive-leader“ (so bezeichnete Ottmar Hitzfeld Mark van Bommel), eine Nationalmannschaftskarriere findet man ebenso wenig in seinem Lebenslauf und ein europäischer Spitzenverein wird ihm wohl in seiner ganzen Karriere verwehrt bleiben.

Ob er das Zeug dazu gehabt hätte, ist natürlich fraglich, doch den Mut hätte er und zumindest als Ersatzspieler wäre er sicher für so manchen sparsamen CL-Teilnehmer interessant gewesen – doch selbst ein Angebot erhielt der unbesungene Held der Niedersachen nie. Wie könnte es auch anders sein, wenn man als Teenager vom FC Porto zum Hallerschen FC wechselt? Was erwartet man sich, wenn man von Schalke nach Aachen wechselt? Vielleicht genau das. Eine Karriere in einem medial ruhigen Umfeld, mit einer stark aufspielenden Mannschaft und einem kompetenten Trainer, welcher weiß, dass er hier einen Spieler besitzt, der auch den Mund auf- oder den Gegner umreißen kann. Unter Slomka, welcher die 96er rigoros verändert hat, wurde auch Pinto etwas ruhiger, aber behielt sich doch seine Kanten – und taktisch stellte Slomka den eigentlichen rechten Mittelfeldspieler endlich auf seine Paradeposition, das zentrale Mittelfeld. Nun spielt Sergio Pinto sogar in Europa, mit seinen Hannoveranern. Kein typischer Hannoverspieler in keiner typischen Hannovermannschaft – überraschend passend.

LM 5. Juni 2014 um 10:34

Hm, die Rheinische Post schreibt grad, dass meine Fortuna Sergio Pinto nach Düsseldorf holen will…wäre für die zweite Liga sicherlich nicht schlecht, auch wenn der Jung schon 33 Jahre zählt 😉 Gartner und Pinto im Mittelfeld hätte was 🙂

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Alex 12. Dezember 2011 um 17:00

Hallo, das Video ist (bei mir) leider nicht sichtbar, weil die GEMA-Rechte nicht eingeräumt wurden. Ach ja, Mark van Bommel natürlich, nicht Bomel.

Ansonsten: Daumen hoch, toller Artikel.

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TR 12. Dezember 2011 um 17:04

Danke für die Hinweise!

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