Wie Jupp Heynckes von Louis van Gaal profitiert

Im Angesicht des Topspiels an diesem CL-Spieltag sieht ganz Fußballdeutschland gebannt Richtung München. Die Bayern treffen auf Manchester City, welche nach starken Neuverpflichtungen im Sommer einen tollen Saisonstart verzeichnen konnten – dennoch sind die Bayern bei manchen Buchmachern eindeutiger Favorit. Selbst erklärte Gegner des Rekordmeisters sehen die Münchner mit dem englischen Topklub auf Augenhöhe, der Grund liegt auf der Hand.

Das Duell gegen Manchester City - erste echte Standortbestimmung?

In den letzten Partien war der deutsche Rekordmeister nicht nur souverän, man agierte nahezu fehlerfrei. Offensiv konnte man Spektakel zeigen, während defensiv die Abwehr in nahezu sämtlichen Spielen sehr sicher stand. Manuel Neuer hat seit seinem Fehler im Spiel gegen Gladbach die wenigen Torversuche der Gegner allesamt problemlos entschärfen können. Kurzum: Man befindet sich kollektiv in Topform und die Ursache dafür suchen viele bei Jupp Heynckes. Doch wie viel Van Gaal steckt noch in dieser Mannschaft und wie sehr profitiert der ehemalige Trainer von Bayer Leverkusen davon?

Die Geschichte Jupp Heynckes‘

Nach dem Karriereende einer erfolgreichen Laufbahn als Stürmer wurde Jupp Heynckes Ende der 70er Trainer von Borussia Mönchengladbach, bei denen er einige junge Spieler weiterentwickeln und den ein oder anderen Achtungserfolg erzielen konnte. Ganze acht Jahre hielt er sich am Bökelberg und in der Saison 83/84 wurde man sogar punktgleich mit dem Meister aus Stuttgart Dritter. Neben einem DFB-Pokalhalbfinale konnte man sich auch im UEFA-Pokal bis zum Halbfinale vorkämpfen, aber Titel waren Henyckes keine vergönnt – dazu fehlte es an finanziellen Mittel. Einige Spieler wanderten zu großen Vereinen ab, da sie nicht gehalten werden konnten. Dies war der Hauptgrund, wieso sich Heynckes 1987 vom FC Bayern verpflichten ließ und dort feierte er einige Erfolge.

Zweimal Vizemeister, zweimal Meister in fünf Jahren, dazu sortierte er viele ältere Spieler rigoros aus und baute den Kader nach seinen Vorstellungen um. Er setzte auf Talente und hungrige Spieler, was belohnt wurde: Dreimal zog man in ein europäisches Halbfinale ein, zweimal sogar im Pokal der Landesmeister – doch in seinem fünften Jahr waren es wieder einmal Abgänge und Verletzungen, die dafür sorgten, dass Jupp Heynckes den Verein verließ; dieses Mal jedoch nicht freiwillig.

Nach zwölf Spieltagen stand man nur auf Platz 12 und der deutsche Fußballlehrer musste gehen. Dass es nicht an ihm lag, sollte man im Laufe der Saison feststellen, die Bayern beendeten die Saison auf Platz zehn und es wurde auch Henyckes‘ Nachfolger, Soren Lerby, entlassen. Uli Hoeneß sprach später im Bezug auf die Entlassung Heynckes‘ vom größten Fehler seiner Laufbahn als Manager.

Ein Grund dafür waren Henyckes‘ Visionen, denn im Gegensatz zur heutigen Ansicht galt er damals als Vorreiter des modernen Fußballs. Er befürwortete die Raumdeckung, sprach vom „Fußball als Automatismus“ und trotz einer körperlich harten Vorbereitung setzte er den Trainingsschwerpunkt auf Ballkontrolle, Kombinationsspiel und Taktik.

Spieler wie Matthäus, Brehme, Pfaff und Rummenigge mussten gehen, andere wie Laudrup, später sogar Effenberg, Thon und Reuter, wurden gefördert. Die Medien bezeichneten seine Spielauffassung gar als „Niederländisierung“ des deutschen Fußballs. Spätestens als er die Viererkette beim FC Bayern einführen wollte, wurde er zum Träumer und sein autoritäres und professionelles Gehabe sorgte innerhalb des eigenen Vereins für kritische Stimmen, doch ein Teil stand immer hinter ihm: die Südkurve, welche pro Heynckes skandierte und nach der Entlassung wütend war.

Heynckes ging zu Bilbao, wo er ebenfalls erfolgreich arbeitete und an seine Zeit in Gladbach erinnern ließ. Er wurde in Spanien zu einem Held, wechselte aber in den 90ern zu Eintracht Frankfurt, wo er sich es mit den Stars verscherzte. Nach großer Kritik in Deutschland kehrte er zurück nach Spanien, diesmal nach Teneriffa, wo er abermals den Verein zu nie dagewesenen Höhen führte, unter anderem der Qualifikation für den UEFA-Cup. Ähnlich wie in exakt zehn Jahre zuvor wechselte er von einem Außenseiter zum Topverein der Liga: dieses Mal war es Real Madrid. Bereits in seiner ersten Saison bescherte er den Königlichen nach über 30jähriger Abstinenz wieder den Gewinn der Champions League, doch er musste gehen – in der Liga war der Abstand auf den Erzrivalen FC Barcelona zu groß geworden. Hinter vorgehaltener Hand war es allerdings kein Geheimnis, dass Heynckes selbst diesen Schlussstrich zog, da er die Intrigen des Präsidenten und den Streit mit den Medien schlichtweg nicht mehr ausstehen wollte.

Heynckes etablierte sich schließlich als ein Mann von Welt, machte sich beliebt in Spanien und Portugal als ein Trainer, welcher den „interkulturellen Dialog“ in seinen Team förderte. Er galt als einer der ersten deutschen Trainer mit Teambuilding-Maßnahmen und benahm sich gegenüber Stars wie Jungspielern gleich.“Keine negativen Stars“ war sein Motto und vielleicht war dies, neben dem kritischen Vorstand, einer der Gründe, wieso er bei Schalke scheiterte. Der Erfolgsdruck, Hierarchiedenken innerhalb der Mannschaft und des Vorstands führten im Pott zu einer weiteren Tragödie Heynckes‘ in Deutschland, ähnlich wie später in Gladbach, wo es sogar Morddrohungen gegen ihn gegeben haben soll.

2009 wurde er Interimstrainer beim FC Bayern und dies gelang ihm so hervorragend, dass er Trainer bei Bayer Leverkusen wurde – ebenfalls mit Erfolg, man etablierte sich in den Top5 der Liga und nach seiner zweiten Saison wurde Heynckes das dritte Mal Trainer des FC Bayern.

Der Zustand der bairischen Mannschaft nach Van Gaal

Louis Van Gaals Profil gleicht dem des Jupp Henyckes unerwartet, aber doch. Der niederländische Startrainer feierte große Erfolge mit Ajax in den 90ern, galt als Verfechter des totaalvoetbal und revolutionierte taktisch wie trainingstechnich den Weltfußball. Heynckes war nie ein Revolutionär wie Van Gaal, aber beide verkörpern modernen Fußball mit Konzept, Van Gaal nur etwas extremer. Auch im Bereich des Umgangs mit ihrem Personal, ihren Spielern sind die beiden ähnlich: streng, aber doch gerecht, ehrlich und direkt, keine Scheu vor dem Aussortieren und trotzdem Mitgefühl, wenn man es muss. Allerdings gilt hier Van Gaal auch als der extremere, spätestens seit sich Heynckes nach seiner erfolglosen Zeit in Gladbach verändert zeigte: ruhiger, kooperativer, gemäßigter.

Der Einfluss Van Gaals zeigte sich in der Mannschaft des FC Bayern bereits in der ersten Saison sehr stark. Die Mannschaft fokussierte sich auf Ballbesitz und zu Saisonbeginn scheiterte man damit grandios. Das Spielsystem war nicht verinnerlicht, die Mannschaft war von Van Gaal geschockt. Luca Toni bezeichnete ihn als „furchtbaren Trainer und Menschen“, welcher angeblich in einer Teamsitzung seine Hosen heruntergelassen haben soll. Holger Badstuber soll geweint haben, die Spieler sollen das strenge Trainerteam, exklusive Joncker, teilweise gehasst haben und Ribéry hatte Probleme mit Van Gaals Spielauffassung.

Doch dies ist nur eine Seite der Medaille – Probleme gibt es immer, besonders zu Beginn. Als sich die Erfolge einstellten und man ihn der Rückrunde Traumfußball am laufenden Band zeigte, war plötzlich alles heile Welt. Durch Reibung entsteht Wärme, unter Van Gaal wohl sogar Hitze, wobei es womöglich auch das war, was die Mannschaft so stark machte.

Man zog ins CL-Finale ein, holte das nationale Double und spielte Werder Bremen im Finale des DFB-Pokal mit einer unglaublichen Vorstellung an die Wand. Im nächsten Jahr wollte man mit der Entwicklung weitermachen, die Passsicherheit und das Offensivspiel klappten toll, die Defensive war gut, aber teilweise personell nicht herausragend besetzt, was sich im nächsten Jahr negativ auswirken sollte.

Van Gaal experimentierte, auf der Suche nach einer internen Lösung, nachdem man extern nichts Zufriedenstellendes fand (Coentrao soll fix gewesen sein, doch Benficas Verhandlungstaktik schreckte ab, etc.), wurde die Abwehr löchriger. Thomas Kraft statt Jörg Butt, Kroos statt Van Bommel und eine sehr hohe schematische Grundstellung sorgten für Kritik aus dem Vorstand. Ein Streit entbrannte und langsam ging es nicht mehr um das Team, sondern um die Prinzipien, von welchen Van Gaal selbst sagte, er würde sie nicht aufgeben, nicht einmal für einen Champions-League-Sieg.

Nach vielen Monaten der Reibereien und fehlender Konstanz wurde Joncker der Nachfolger Van Gaals und sorgte für den wichtigen dritten Platz – hinter Jupp Heynckes, der im Sommer übernahm.

Zurück zur Ausgangsfrage

Dadurch dass Heynckes ein persönlicher Freund des Vorstands, insbesondere von Wortführer Uli Hoeneß, ist, hat er bereits gewisse Vorteile. Die Spieler können sich nicht heimlich hinter seinem Rücken ausheulen, wie es Van Gaal kritisierte, und er hat mehr Kredit als sein niederländischer Vorgänger, der auf stur schaltete und alleine arbeiten wollte.

Doch es wäre vermessen zu sagen, Jupp Heynckes habe die aktuelle Topform des FC Bayern zu verantworten. Es war Van Gaals tolle Vorarbeit, die letztes Jahr durch viele negative Faktoren, unter anderem eine lange Saison inkl. WM und fehlende Transfers, unter ihrem eigentlichen Wert verlief. Der niederländische Coach überließ eine Mannschaft, die taktisch auf neuestem Stand war, ein eingespieltes System und eine verinnerlichte Philosophie besaß, die eine tolle Ballkontrolle und Passsicherheit an den Tag legte – dieses Fundament wurde von Heynckes perfekt erweitert.

Das Grundsystem des FC Bayern (hier: das Hamburg-Spiel) ist kaum verändert, man hat sich defensiv verstärkt und taktisch tiefer positioniert, doch die Idee bliebt dieselbe

Transfers wie Manuel Neuer, Jerome Boateng und Rafinha für die Defensive, Luiz Gutavos Einleben in das Münchner System und eine minimal veränderte Grundstellung sind die Ursachen für die aktuellen Erfolge. Hinten steht man sicherer, man agiert ohne den Zwang, ununterbrochen dominieren zu müssen, und erlaubt dafür den Offensivleuten gewisse Freiheiten. Ribéry zeigt sich auch dadurch in Topform, doch neben der verbesserten Defensive und freieren Offensive dürfte das Mentale ebenso eine große Rolle spielen. Auf den strengen Perfektionisten Van Gaal folgte mit Jupp Heynckes ein feinfühliger Trainer, der aus seinen Fehlern gelernt hat, verschiedene Sprachen spricht und mit allen Spielern viel kommuniziert.

Die Mannschaft, welche weiterhin in ihrem 4-2-3-1 agiert, hat weniger Verletzungen und kann dadurch mehr zusammenspielen. Die Abwehr steht sicher, die Rotation funktioniert und aktuell ist es Friede, Freude, Eierkuchen. Es ist nicht alleine Heynckes‘ Verdienst, vielmehr eine indirekte und herausragende Zusammenarbeit zweier toller Trainer, wobei Van Gaal der genialere und Heynckes der empathischere sein dürfte. Nicht umsonst gilt der Niederländer als einer der größten seines Fachs und ist überall angesehen. Günter Netzer bezeichnet ihn gar als einen der fünf besten Trainer dieses Planeten – die Lorbeeren streicht dennoch Jupp Heynckes ein, der eine gute Mannschaft übernimmt und intelligent genug ist, um die letzten Komponenten hinzuzufügen. Der Zwang zum Ballbesitz ist nicht mehr da, außer er wird einem aufgezwungen oder es ist besser, so zu agieren. Gegen Villareal wechselte man eine Konterphilosophie alle paar Minuten mit einer ballbesitzorientierten Strategie und sorgte dafür für Dominanz und Torgefahr im Wechsel: 55% gegen eine spanische Topmannschaft auswärts mag zwar kein überragender Wert sein, doch es ist mehr als ausreichend.

Um es in einer passenden Familienmetapher auszudrücken, welche der FC Bayern selbst gerne in verschiedensten Begebenheiten bedient: während Louis Van Gaal der intelligente und strenge Onkel war, der den Kindern einiges beibrachte, so ist Jupp Heynckes der weise Opa, der Fehler gewährt und sie nicht bestraft, sondern erklärt, wieso es anders besser sein würde. Papa Hoeneß freut es, wenn man auf seine Lieblinge nicht schimpft und es gibt weniger Streit – darum hängt der Haussegen nicht mehr schief und der Nachbar von nebenan muss sich wohl ein Fernglas holen, wenn er ein Familiendrama finden will.

Olli K. 28. September 2011 um 20:04

Ein inhaltlich eher oberflächlicher Artikel über das Wirken von Jupp Heynkes.
Was aber deutlich mer stört ist die deutlich zu häufige verwendung des Wörtchens ‚man‘. Das ist eher unbeholfenes Deutsch – Sorry.

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McSchreck 28. September 2011 um 22:02

Also mit Deiner Rechtschreibung (Heynkes, mer) solltest Du nicht das Deutsch anderer verurteilen. Das fällt auf Dich selbst zurück.
Und 2 x „deutlich“ in einem Satz ist auch nicht gerade elegant. Wo wir beim Thema „Unbeholfenheit“ sind.

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Judoduo 30. September 2011 um 16:01

ich liebe spielverlagerung.de, hier lerne ich mit offenem mund jedesmal was neues, obwohl ich seit 25 jahren oder mehr ins stadion gehe und nicht einer der dümmsten bin.

dann herzugehen und so einen pillepallekram anzumerken wie olli k…. danke McSchreck, couldn’t agree more!

Jungs bei spielverlagerung: Bitte bitte macht weiter so, die Seite ist echt der Hammer!

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Schmierwurst 27. September 2011 um 23:53

„Luca Toni bezeichnete ihn als „furchtbaren Trainer und Menschen“, welcher angeblich in einer Teamsitzung seine Hosen heruntergelassen haben soll. Holger Badstuber soll geweint haben,…“

Ich stelle es mir bildlich vor: van Gaal der sein Gemächt entblößt und Badstuber der daraufhin in Tränen ausbricht. Ein Bild für dir Götter.

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Jojo 27. September 2011 um 18:09

Also auf die Analyse der genaue taktischen Entwicklung des FC Bayern München bis ich schon sehr gespant 😉

Zum Artikel:

An sich finde ich den nicht schlecht, ich denke es gibt in manchen Foren unversöhnliche Gegensätze zwischen Jupp befürwortern und „Gaaliern“, die man nie versöhnen wird. Aber für alle etwas gemäßigteren Leute ist das schon ein interesanter Versuch das Ganze einzuordnen.

Als kleine Kritik: Ich finde das van Gaals Scheitern zu sehr auf äußere Umstände geschoben wird, wie z.B. mangels Topbesetzung in der Abwehr/transfer. Denn van Gaal wollte keine neuen Spieler, trotz WM strapatzen (Harmoniemodell). Dazu ging er in ziemlich auf Konfrontationskurs mit dem Vorstand und Kraft in der Situation (Verhandlung mit Neuer, unruhe der Fans) zu bringen zeugte nicht gerade von Fingerspitzengefühl, eine große Stärke von Heynckes. Luis van Gaal scheiterte daher, auch an Entscheidungen, die er später selbst als Fehler zugab, man könnte ihm da auch Überheblichkeit vorwerfen.

Ich denke es sollte mehr heraus kommen woran Gaal gescheitert ist, denn er hat eine super Grundlage geschaffen (wie es Heynckes wahrscheinlich nie hätte tun können), aber er hat auch Fehler begangen, die dem gereiften und gemäßigten Heynckes so nicht unterlaufen sind/werden.

Interesant wäre es zu überlegen, wie es gelaufen wäre, wenn man es anders herum versucht hätte, die sanfte und stille Revolution unter Heynckes mit anschließendem Finale unter Gaal 😉 Naja werden wir wohl nie erfahren…

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firedo 27. September 2011 um 20:10

Ja, da sprichst du ein paar sehr interessante Fragen an, die noch offen sind.

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Diderot 27. September 2011 um 18:00

Ich muss sagen, dass mir Heynckes hier ein bisschen zu gut weg kommt. Gerade seine kürzeren Stationen in Deutschland nach seiner Rückkehr, also Frankfurt, Schalke, Gladbach, waren ziemlich desaströs verlaufen. In Gladbach hat er sehr komische Transfers getätigt und konnte einen Typen wie Insua nie richtig einsetzen. Und die älteren Gladbachfans trauern den vielen Chancen in den 80ern noch nach, als man noch oben mitspielte, aber der letzte Punch für einen Titel Jahr für Jahr fehlte.

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Luiz Gustavo 27. September 2011 um 15:50

Schöner Artikel , aber kleine Kritik am Rande:

„(Coentrao soll fix gewesen sein, doch Benficas Verhandlungstaktik schreckte ab, etc.)“
Klingt als ob du ein Gerücht irgendwo aufgeschnappt hast. Ein Tick zu unseriös m.M.n.

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EKmuc 27. September 2011 um 15:04

Schöner Artikel, angenehm zu lesen!
Ich denke der Punkt ist kurz zusammengefasst: Fussballer sind wie kleine Kinder, die wollen nicht „müssen“. Aber die Guten sind „lernfähig und -willig“, und Heynkes scheint in diesem Punkt die richtigen Stellschrauben zu finden…

P.S.: Irgendetwas Ähnliches mit „kleinen Kindern“ hat H. Stanislawski in einem anderen Zusammenhang am WE glaub ich auch erwähnt 😉

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firedo 27. September 2011 um 13:49

Schade, nach der kurzen ankündigung in den Kommentaren letztens hatte ich mich sehr auf diesen Artikel gefreut, aber ich muss sagen, dass ich ihn ein bisschen oberflächlich finde.
Meiner Meinung nach hätte man detailierter darauf eingehen, könnenwelche Automatismen und taktiken Heynkes übernommen hat und in welche Änderungen er vorgenommen hat im vergleich zu van Gaal.
Die Historie ist zwar ganz interessant, wird aber taktisch kaum Ausgeleuchtet.

Artikel wie dieser fühlen sich für mich sehr nach der üblichen seichten sportpresse in Deutschland an.

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RM 27. September 2011 um 13:55

eine exakte taktische Entwicklung des FC Bayern der letzten Jahre ist bereits in Planung, deshalb wurde hier eher auf die allgemeine / psychologische Komponente eingegangen.

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Louis 28. September 2011 um 02:37

Mich würden insbesondere Nutzen und Kosten der erhöhten Variabilität durch die Positionswechsel im Spiel interessieren (Ribéry mal auf rechts, Robben mal auf links, Schweinsteiger, Kroos, Müller). Dazu wird zumeist nur gesagt, dies würde „den Gegner verwirren“. Das alleine wird es doch nicht sein. Es geht doch wohl eher um Überzahlsituationen in Ballnähe. Mit dem Risiko, dass bei Balleroberung durch den Gegner Lücken da sind, die er nutzen kann.

Übrigens: Ein weiteres Erbe, von dem JH profitiert, sind Badstuber und Müller. Beide sind damals einigermaßen direkt zu Stammspielern geworden. JH scheint da eher „konservativer“ zu sein (so ist es ja auch einfacher) und will junge Spieler „langsam heranführen“. Fakt ist: Usami und Alaba sitzen i.d.R. auf der Bank, Jennings und Emre Can hängen in der zweiten Mannschaft fest.
Deshalb: http://www.louisvangaal.nl/

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44² 28. September 2011 um 11:56

“ Mich würden insbesondere Nutzen und Kosten der erhöhten Variabilität durch die Positionswechsel im Spiel interessieren (…) Dazu wird zumeist nur gesagt, dies würde “den Gegner verwirren”. Das alleine wird es doch nicht sein. “

Das hat eine ganze Reihe von Vorteilen:

1. Dadurch, dass man Positionen wechselt und Läufe macht, zwingt man den Gegner dazu aktiv zu werden. Verfolg ich als Defensivakteur meinen Gegenspieler, lasse ich meinen Raum offen; halte ich den Raum, so überlädt der Gegenspieler womöglich einen anderen Feldbereich oder kommt sogar gänzlich frei zu einer Aktion. Je öfter ich die Gegner zu solchen Entscheidungen zwinge, umso mehr Fehler werden sie machen.
1b. Gleichzeitig wird die Abstimmung des gegnerischen Kollektivs geprüft. Solange die Zuordnungen und Raumaufteilungen leicht zu überblicken sind, kann sich jeder Verteidiger recht weitgehend „auf sich selbst“ konzentrieren. Wenn diese Grundordnung durchbrochen wird, ist aber plötzlich viel stärker das Verständnis zwischen den Spielern gefragt. Wenn ich einen startenden Offensivspieler im Defensivverbund übergeben will, muss mein Mitspieler das erkennen, sonst gibt es Probleme

2. Man verbringt mehr Zeit in Zwischenräumen. Diese Positionswechsel sind letztlich auch ständiges Freilaufen. Somit bekommt man als Mannschaft einfach mehr Optionen. Und im Zwischenraum hat man natürlich auch mehr Zeit und Möglichkeiten am Ball als wenn man den Gegner frontal vor sich hat.

3. Dadurch, dass man in Bewegung bleibt und oft den ersten Schritt macht, hat man auch einen ganz trivialen Geschwindigkeitsvorteil. Der Gegner muss oft von Null aus einen Pass anlaufen, zu dem man selber bereits unterwegs ist. Generell ist eine „Laufbahn“ für den Gegner natürlich schwieriger zu kontrollieren als ein „Standpunkt“.

In der Summe ergibt sich einfach ein schnelleres, flüssigeres Kombinationsspiel. Hinzu kommt eine makrotaktische Komponente:

4. Dadurch, dass man ständig auf der Suche nach Räumen ist, kann man intuitiv schematische Schwachpunkte des Gegners ausfindig machen. Optimalerweise erzeugt eine Mannschaft auf diese Weise eine Kollektivintelligenz, die immer wie von selbst Unbalanciertheiten der gegnerischen Formation ausfindig macht und nutzt.

Im besten Fall entwickelt man auf diese Weise ein Offensivspiel, welches zum einen stets Räume überlädt, dadurch woanders Räume öffnet und gleichzeitig stets eben jene Räume findet, welche der Gegner öffnet. Das beste Beispiel für diesen Effekt ist zweifelsohne der FC Barcelona.

Nachteile sehe ich potentiell zwei:

1. Im Umschaltspiel sind offen gelassene (quasi „unterladene“) Räume nicht besetzt und können vom Gegner für Konter genutzt. Seh ich aber als geringeres Problem, da es ein Gegenmittel gibt: Schnelles Gegenpressing. Die Spieler müssen ganz einfach im Überzahlraum verhindern, dass der Unterzahlraum vom Gegner angespielt werden kann. Auf die Weise hat man dann sogar noch einen Vorteil aus dem Nachteil gemacht.

2. Es ist einfach „intellektuell“ sehr anspruchsvoll für die Spieler. Man hat stets wechselnde Angriffsformationen und veränderte Passwege. Die Orientierung ist schwieriger als in einem starreren System. Man brauch sehr gedankenschnelle Spieler mit einem sehr guten Überblick.

So hat zB Schweinsteiger zu Beginn seiner „Umschulung“ ins zentrale Mittelfeld m.E. sehr von der fehlenden Fluidität von van Gaals System profitiert. Durch das sehr stark musterartig aufgezogene Aufbauspiel, waren seine Passoptionen fast immer die gleichen und er musste nurnoch abwarten, welche ihm der Gegner öffnen würde. Er musste sich kaum Umorientieren und seine früher oft fehlende Handlungsschnelligkeit wurde dadurch sehr stark tuschiert. Möglicherweise ging es Robben so ähnlich, nur mit Dribblings statt Pässen.

Ich stell mir auch manchmal vor, wie Cristiano Ronaldo wohl im Barcelona Mittelfeld aussehen würde. Ein relativ furchtbares Bild…naja.

Ich kann schonmal darauf hinweisen, dass auf meinem Blog in den kommenden Wochen eine kleine Videoserie zu diesem Thema gemacht wird. Die wird sich vorallem auch darum drehen, wie man gegen fluide Offensivreihen verteidigen kann.

(Ich glaub, den Kommentar kann ich auch gleich auf meinen Blog ziehen, haha.)

________Gedankenstrich ____________________

An RM und TR gerichtet nochmal ein Gedanke, oder eine Frage, je nachdem, was ihr dazu denkt. Bezogen auf folgendes Zitat im van Gaal Portrait von TR:

„Positionswechsel sind nicht die Lösung, um eine kompakte Verteidigung auszuspielen. (…) Ich finde, dass ein Spieler von einer bestimmten Position aus operieren muss. Diese Position ist nicht an bestimmte Linien gebunden. In dieser Position geht es um einen Raum, den ein Spieler bespielen muss und kann. (…) Er muss aus dieser Position Raum schaffen für die Mitspieler, aber im richtigen Moment den Raum auch wieder zumachen.”

Hab da schon mehrfach drüber nachgedacht und ich komm zu keinem anderen Resultat als: Wie zur Hölle kann er denn sowas sagen?

Position nicht an Linien gebunden? Positionswechsel nicht die Lösung? Ich kann diese Sichtweise so völlig nicht nachvollziehen. Hat der Mann denn über Jahre kein Barca-Spiel gesehen?

Ich würde es einfach als einen (nach meiner Beurteilung eben) Denkfehler seinerseits einordnen, zumal sein Bayernsystem ja tatsächlich nach diesem Gedankengut aussah. Was mich dann aber völlig irritiert ist, dass er, wie geschrieben habt, ja einer der geistigen Väter des heutigen Barca ist und bei früheren Trainerstationen deutlich fluider spielen lassen hat. Wie passt das zusammen?

Antworten

TR 28. September 2011 um 12:58

@ 44²

Also erstmal nur eine kurze Antwort, für mehr reicht meine Zeit gerade nicht. Generell würde ich sagen, dass van Gaal bei solchen Begriffen aus der Wortfamilie „Fluidität“ relativ genau und penibel ist – wie auch generell. Positionswechsel sind eben keine Rochaden, sondern einfach nur – platt gesagt, natürlich etwas mehr – einfache Positionswechsel, z.B. wenn Ribery und Robben mal für 5-10 Minuten einfach ihre Seiten tauschen. Dann ergibt die Aussage durchaus Sinn. Weiterhin sagt er ja, dass der Spieler primär in seinem Raum spielt, aber nicht ausschließlich. Innerhalb des Raums darf er sich sowieso frei bewegen und Räume öffnen. Verlassen soll er den Raum im richtigen Moment, wobei nie gesagt ist, wo und wie groß der Raum ist, denn schließlich ist er ja an keine Linien gebunden, was die Idee unterstützt, dass es um die Kontrolle und Verschiebung des Raumes geht. Bevor man dann durch Positionswechsel, Rochaden, Spielerbewegungen den Raum „ausnutzt“, muss man ihn schaffen, wozu eben dieses starre und risikolose System beiträgt, vielleicht könnte man sagen, man solle erst Ball, dann Raum kontrollieren.

Antworten

maverick.91 7. Mai 2012 um 01:42

kommt da noch was zur taktischen entwicklungsgeschichte des fcb oder is das bis nach der em verschoben?

Antworten

Villas-Boas276 27. September 2011 um 13:25

Sehr guter Artikel! Weiter so!

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