Inter – AS Roma 0:0

Das erste Topspiel dieses Serie A-Spieltages zwischen den beiden angeschlagenen Großklubs Inter und Roma wurde genau dadurch geprägt. Beide Mannschaften machten einige Fehler, beide Mannschaften konnten über weite Strecken nicht genug Torgefahr entwickeln.

Mit Gian Piero Gasperini auf der einen und Luis Enrique auf der anderen Seite standen sich zwei durchaus ambitionierte Trainer gegenüber, die bei ihren neuen Arbeitgebern aber jeweils die erste Liga-Partie verloren hatten. Unter besonderem Druck stand jedoch der Gastgeber, welcher nach der hanebüchenen Defensiv-Leistung in Palermo unter der Woche in der europäischen Königsklasse daheim gegen Trabzonspor unterlegen hatte.

Gasperini nahm einige personelle Veränderungen vor – für Jonathan, Zárate und Pazzini begannen Samuel, Forlán und Milito – und entschied sich in der Abwehrketten-Debatte dazu, nach der Umstellung in der Champions League wieder zur Dreier-Abwehr zurückzukehren.

Pressing

Taktische Grundformationen

Nach aufgewühltem, aber recht flotten Beginn mit frühem Attackieren auf beiden Seiten, beruhigte sich das Spiel und fand seinen Rhythmus. Während Inter dem Gegner aber zumeist den Ball überließ, behielt die Roma ihr Pressing bei, womit man den Gastgebern Zeit zum Aufbauen nahm und sie nach hinten drückte.

Die zunächst recht vorsichtige und tiefe Ausrichtung kam Inter in diesem Fall nicht entgegen, da man aufgrund der noch sehr hohen Pressing-Qualität keine Anspielstationen oder Fokuspunkte ein wenig abseits des Geschehens für Spielverlagerungen hatte. Gleiches galt für Fälle, in denen man konterte oder es einmal nach vorne schaffte – auch hier fehlte die Unterstützung, es rückten nur wenige Spieler nach, so dass die Aktionen nicht konsequent zu Ende gespielt werden konnten. An und für sich war dies nicht schlimm, da man hinten sicher stand und somit eine wichtige Grunddevise erfüllte, doch auf der anderen Seite muss man sagen, dass sich die Offensivkräfte ohne Unterstützung unnötig aufrieben und die Defensive keine Entlastung erfuhr.

Die Grundordnung der Roma – Vorteile und Nachteile in Theorie und Praxis

Wie schon in der Partie gegen Cagliari konnte die Roma aus Ballbesitz und Dominanz selten Zug zum Tor entwickeln. Dabei schien ihre Grundformation für ein dominantes Ballbesitzspiel nach Vorbild Barcelona durchaus gegeben zu sein: de Rossi ließ sich im Spielaufbau zwischen die beiden Innenverteidiger fallen und erlaubte es so den beiden Außenverteidigern – System-analog von einem kreativen und einem offensiv flexiblen Mittelfeldmann gestellt – recht weit aufzurücken und das Spiel breit zu halten. Im Zentrum wurden die beiden Achter vom sich fallen lassenden Totti unterstützt, dessen Sturmkollegen von den von ihm sowie den Außenverteidigern geschaffenen Raum profitieren sollten.

Theoretisch war dies eine durchaus sinnvolle Maßgabe, doch dabei gab es zwei große Probleme:

Erstens sollten die Spieler mit dem System vertraut sein und die verschiedenen Rollen und Aufgaben verinnerlicht haben. Dies war aber noch nicht – und das auch legitimerweise – vollzogen, so dass das Spiel der Roma ganz nett anzuschauen, aber selten richtig getimt und somit auch nicht gefährlich aussah – wie eine Mannschaft in der Findungsphase eben. Bestes Beispiel waren die Außenverteidiger, die meist nur die Breite hielten, von denen man aber nicht so genau zu wissen schien, wie man sie nun in Szene setzen, wann man sie anspielen sollte und wie sie sich genau zu bewegen und verhalten hatten.

Zweitens spielt in der Praxis immer auch ein Gegner mit und damit eine entscheidende Rolle. Ein wie in diesem Spiel von Inter praktiziertes 3-5-2 ist selten und übte daher einen besonderen Einfluss im taktischen Sinne aus. Denn Inter spiegelte die Mittelfeldanordnung und ließ Pizarro, Pjanic und Totti ziemlich strikt von einem Gegenspieler abdecken und verfolgen, hatte mit ihrer Drei-Mann-Defensive eine Überzahl und einen freien Mann gegen die Roma und konnte sogar das Duell der Außenspieler für sich entscheiden.

Forlán stellte de Rossi die Anspielstationen zu, während Milito einen Innenverteidiger abdeckte – und so musste man im Spiel nach vorne mehrere Barrieren hintereinander überwinden, was zur anfänglichen Trostlosigkeit beitrug.

Zunächst musste man den Ball aus der provisorischen Dreierkette ins Mittelfeld befördern, wozu man meistens einen Innenverteidiger frei spielte und ihn aufrücken ließ, sich dann weiter nach vorne arbeiten, was aufgrund der Mittelfeldspiegelung ein häufig sehr langwieriges und kleinschrittiges, allmähliches Aufrücken war, und schließlich den letzten oder vorletzten Pass spielen, wobei man aufgrund dessen Dauer den zweiten Schritt mehr und mehr übersprang und sofort aus dem zweiten Drittel den Vertikalpass spielte.

Hieran erkennt man, dass es nicht ein extrem engmaschiges und undurchdringbares Bollwerk Inters war, sondern aufgrund ihrer tiefen Abwehr, des Breitmachens des Feldes und der Bewegungen Tottis für solche Pässe selbst sowie ihre Abnehmer genug Raum da war, doch man nutzte ihn nur zu selten. Wenn man dies also tat, wollte Osvaldo durch die Schnittstelle gehen, Borini kurz kommen und ein Dribbling oder eine andere Aktion gegen den etwas zögernden Ranocchia starten.

Die Harmlosigkeit der Roma fußte auch darauf, dass Osvaldo und Borini die einzigen Gefahrenquellen waren, aber aufgrund der vielen Fehlpässe und Stockfehler sowie fehlenden letzten Entschlossenheit im ganzen Team dies nur in einem bzw. drei Fällen konkret untermauern konnten und ansonsten isoliert waren.

Räume für Inter

Mit der Zeit, in der die Roma das Tor der Gasperini-Truppe nicht gefährden konnte, wurde Inter mutiger und schob sich immer ein bisschen weiter hinten heraus. Zunächst waren es nur Konter, später wurden es mehr und mehr aufgebaute Spielzüge in Form einer aktiveren Haltung.

Dabei gab es zwei charakteristische Merkmale, die bei den Angriffen Inters generell zutrafen und mitwirkten. Zum einen presste Roma zwar vorne früh und aggressiv drauf, aber wenn die Offensivreihe überspielt war, ging sie nicht mit nach hinten zurück, sondern wartete vorne auf Konter, was Inter im Mittelfeld Räume anbot – aber auch das Spiel in die andere Richtung streckte und offener machte –, die man mit Vorstößen von Sneijder, aber auch von Cambiasso und Zanetti (daher wechselten beide gelegentlich die Rollen) aus der Tiefe bespielte.

Zum anderen ergaben sich aufgrund der hohen Positionierung der Außenverteidiger Räume auf außen für Inter, die besonders die aufgrund ihrer Natur gegenüber den römischen Außenverteidigern überlegenen Wing-Backs ausnutzen. Vor allem Nagatomo kam über seine Seite zu einigen vielversprechenden Vorstößen. Interessant hier die Rolle Zanettis, der nach rechts tendierend sowohl für Nagatomo absichern, womit er ihn offensiver machte, als auch ihn unterstützen, womit er ihn effektiver machte, konnte und diesem eine gewisse Flexibilität in seinem Spiel ermöglichte.

Einschnitt durch Verletzungspause und wie Inter dem Pressing entging

Diese Tendenzen entwickelten sich Mitte des ersten Durchganges weiter, als das Spiel aufgrund der Verletzung des später ins Krankenhaus gebrachten Stekelenburg für einige Zeit unterbrochen war.

Die Roma verlor ihren Rhythmus, was neben dem Angriffsspiel auch auf das Pressing einwirkte. Inter hatte hier nun etwas mehr Ruhe und konnte sich von hinten heraus besser befreien. Doch dass man dem Druck besser entgehen konnte, hatte auch noch eine zweiten Grund namens Wesley Sneijder. Dieser stand nun tiefer und positionierte sich effektiver, so dass seine Ballsicherheit und Übersicht Inter entscheidend als Gegenmittel half.

Zwar wurde damit seine Effektivität und Gefahr in Richtung Tor eingeschränkt, doch man konnte sich im Spiel etablieren und immer noch von den Räumen, die der Gegner gewährte, profitieren. Weiterhin übernahm nun Forlán im letzten Drittel vermehrt spielmachende Aufgaben, konnte aber auch nicht die große Idee beitragen, die mehr als einige ordentliche Abschlüsse produziert hätte.

Viel war nach dem ersten Durchgang nicht passiert, zu viele Ballverluste aus fehlender Abstimmung und fehlender Sicherheit hatte es gegeben. Gerade deshalb konnte man aber vor dem zweiten Durchgang nicht gerade optimistisch sein, dass sich die Qualität oder das Risiko nochmals erhöhen würde.

Zweite Halbzeit

Besonders auf Inter traf dies in der Tat nicht gerade zu. Dominanz und Spielkontrolle gingen wieder in Hände der Römer über, die aber aus ihren ca. 60 % Ballbesitz erneut wenig machen konnten. Totti ließ sich noch mehr fallen für mehr Einfluss und war neben den höheren Außenverteidigern der Hauptgrund für das höhere Stehen und das erneute Dominieren. Doch da man nach kurzer Zeit das zu Tottis Bewegungen analoge und gerade gegen die Mann-zu-Mann-Spiegelung effektive Vorstoßen Pjanics in die Lücken nicht mehr praktizierte, stand man zwar gegen einen sich etwa 20 m vor dem Tor eng einigelnden Gegner eben höher, aber im Mittelfeld wenig verteilt, stattdessen sehr eng zusammen, und konnte auch bei Situationen, in denen Inter mehr Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld ließ, diesen nie penetrieren, da man quasi im Dauerzustand vor dem Gegner agierte.

Zusätzlich wurde auch noch Sneijder so in der Defensive nicht mehr so viel benötigt und konnte deshalb vorne helfen, womit er die schleichend einkehrende Überlegenheit Inters, die in der Schlussphase kommen sollte, vorweg nahm. Gasperini nahm mit seinen Wechseln auch darauf Einfluss, denn Jonathan (für Obi), Zárate (für Milito) und später Muntari (für Forlán) waren keineswegs defensive Wechsel – sondern offensive und defensive.

Formal sorgten sie für mehr Stabilität, als dass sie die Formation enger zusammen zogen, doch offensiv war Jonathan viel effektiver, da durchschlagender, während Zárate gegen müder werdende Hauptstädter auf außen driftete sowie seine Schnelligkeit ausspielte und Muntari für physische Power stand.

Trotz einer lobenswerten Endoffensive im Schlussspurt, blieb der Sieg verwehrt.

Fazit

Beiden fehlten Sicherheit und Abstimmung.

Inter fehlte Unterstützung, Präzision und Chancenqualität.

Der Roma fehlte Zusammenhalt, man spielte nur vor dem Gegner, ohne den entscheidenden Pass anbringen zu können.

Daher am Ende Unentschieden, 0:0. Mehr nicht.

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