Hertha BSC – VfB Stuttgart 1:0

Hertha BSC besiegt zu Hause den VfB Stuttgart mit 1:0. Es war ein lauer Freitagabendkick, bei dem Raffael nach einer starken Berliner Schlussphase das entscheidende Tor erzielte.

Ab durch die Mitte

Der VfB Stuttgart vertraute auf die aus den ersten Spieltagen bekannte 4-2-3-1 Formation. Die Offensivpositionen wurden dabei in vielen Spielsituationen von den Spielern getauscht: So ging einige Male Martin Harnik in die Spitze, Cacau fiel in diesen Situationen auf die Außenseite. Auch Okazaki zog in vielen Situationen in die Mitte. Die Taktik schien klar: Die Offensivakteure sollten in die Zentrale ziehen, um dort eine Überzahl zu kreieren. Die Außenverteidiger waren auf den Flanken deshalb meistens auf sich allein gestellt.

Hertha BSC wĂ€hlte eine relativ Ă€hnliche Taktik. Auch hier war Ramos als etatmĂ€ĂŸiger Linksaußen öfter in der Mitte zu finden, ebenso Ebert, der die gesamte Spielfeldbreite beackerte. Es war schnell augenfĂ€llig, dass beide Teams sich in der Zentrale egalisierten, so dass Torchancen in der ersten Halbzeit mehr als rar waren.

Der Mangel der fehlenden Breite haftete auf beiden Teams. Da die zentralen Verteidiger einen guten Tag erwischten, waren die Angriffe durch die Mitte selten von Erfolg gekrönt. Bei Stuttgart war es vor allem Kvist, der mit seinen 14 Balleroberungen knapp hinter den Mittelkreis Gefahren erkannte und bannte. Die Stuttgarter kamen meistens bis zum gegnerischen 16er, scheiterten dort aber an den Berliner Innenverteidigern. Sowohl Hubnik als auch Mijatovic boten mit jeweils 10 Balleroberungen eine makellose Leistung.

Fehlendes Pressing und untertauchende Offensivspieler

Dass keine der beiden Seiten Druck auf das gegnerische Tor ausĂŒben konnte, lag auch an dem mangelnden Pressing. Keins der Teams wollte offenbar in die Favoritenrolle schlĂŒpfen, weshalb sie ihre Defensivreihen in der eigenen HĂ€lfte aufstellten. Sie agierten aus einer soliden Defensive mit zwei eng aufgereihten Viererketten und suchten selten den Ballgewinn in der gegnerischen HĂ€lfte. Am ehesten waren es die Stuttgarter, die sich etwas weiter raustrauten, dies allerdings auch nur phasenweise. Verdenken kann man es ihnen bei den schwĂŒlen Temperaturen, die gestern Abend in Berlin herrschten, nicht.

Nahezu die komplette erste Halbzeit plĂ€tscherte das Spiel vor sich hin. Beiden Teams fehlte in der Offensive ein kreativer Spieler, der in solch engen Partien das ZĂŒnglein an der Waage sein kann. Doch sowohl Hajnal als auch Raffael konnten keinerlei Impulse von der Zehnerposition setzen. Das war umso trauriger fĂŒr beide Teams, als dass diese beiden Spieler relativ wenige Defensivaufgaben wahrzunehmen hatten. Hajnal beteiligte sich teilweise am Pressing, war aber in der eigenen HĂ€lfte selten zu sehen. Raffael blieb meist vor den zwei Viererketten postiert und hatte sehr wenige Defensivaufgaben.

Ihre freie Rolle in der Defensive konnten beide Spieler zu keiner Zeit bestĂ€tigen. Überhaupt tauchten die offensiven Mittelfeldspieler in diesem Spiel sehr unter. Okazaki und besonders Harnik waren sehr bemĂŒht und viel unterwegs, fanden allerdings zu keiner Zeit ins Spiel. So lief Harnik zwar ĂŒber 12 km und hatte die meisten Sprints auf Stuttgarter Seite, er hatte aber ebenso die geringste Anzahl an gespielten PĂ€ssen und die wenigsten Ballkontakte. Auf Herthaner Seite war von Ramos wenig bis gar nichts zu sehen, wohingegen Ebert mit den meisten Berliner Ballkontakten der einzig prĂ€sente offensive Mittelfeldspieler auf dem Platz war.

Nach der Pause

Nach einer höhepunktarmen ersten Halbzeit öffnete sich das Spiel ein wenig. Stuttgart musste gegen den Aufsteiger mehr tun und attackierte nun frĂŒher. Auch suchten sie den direkteren Weg zum Tor. Taktisch waren sie allerdings kaum verĂ€ndert, so dass ihr Spiel noch immer an mangelnder Breite und Einbeziehung der Offensivspieler krankte. Vor das Tor konnten sie sich nur selten kombinieren. So waren 9 von 12 TorschĂŒssen, die sich die Stuttgarter in Halbzeit 2 erarbeiteten, FernschĂŒsse von außerhalb des Strafraums.

Den Herthaner spielten nach dem Wiederanpfiff ebenfalls direkter. WĂ€hrend sie in HĂ€lfte eins zu hĂ€ufig die Angriffe durch RĂŒckpĂ€sse oder eklatante FehlpĂ€sse abbrachen, suchten sie nun den direkten Konter. Auch funktionierte ihr Spielaufbau ĂŒber die Außenverteidiger besser, die in der ersten Halbzeit noch viele BĂ€lle verstolperten. Da sich diese nun ebenfalls besser in das Offensivspiel einschalteten, gewann ihr Spiel auch an Breite.

Mit zunehmender Spielzeit schwanden bei beiden Teams die KrĂ€fte. WĂ€hrend in Halbzeit eins beide Teams abwarteten und lauerten, wurde das Spiel in Halbzeit zwei mehr und mehr zum Schlagabtausch. So war das Spiel ab der 60. Minute keineswegs hochklassig, dafĂŒr bot es nun wenigstens einige Torszenen und akzeptable Kombinationen.

Entscheidende Wechsel

Zu keiner Zeit war allerdings eine Mannschaft der anderen zwingend ĂŒberlegen. Das Spiel blieb offen und wandelte sich erst nach den Wechseln beider Trainer. Bruno Labbadia brachte zunĂ€chst Boka (60. fĂŒr Celozzi) als neuen Rechtsverteidiger. Diese Maßnahme war in der Theorie gut, da der konditionell abbauende Ramos kaum noch nach hinten mitarbeitete. Boka sollte dies mit seinen OffensivlĂ€ufen ausnutzen.

In der Praxis ging diese Maßnahme jedoch nach hinten los, da Markus Babbel nur wenige Minuten spĂ€ter reagierte: Mit der Einwechslung Toruns (65. fĂŒr Lasogga) ging Ramos in den Sturm und der neue Mann ĂŒbernahm die linke Flanke. So stabilisierte sich die linke Seite der Berliner, wĂ€hrend Boka sich als Sicherheitsrisiko herausstellte: Er ordnete sich in vielen Situationen eher als dritter Sechser denn als Linksverteidiger ein, so dass seine Flanke komplett blank blieb. Raffael nutzte dies vermehrt aus und zog nun ĂŒber links die FĂ€den.

Die Hertha kam nun öfters in die NĂ€he des Stuttgarter Strafraums. Mit der Einwechslung Pogrebnyaks wollte Labbadia das Ruder wieder herumreißen, indem er einen kopfballstarken StrafraumstĂŒrmer brachte.  Dieser hatte in der Tat zwei gute Kopfballchancen (83., 86.), arbeitete allerdings auch nicht richtig nach hinten mit. Seine Kollegen schienen nach den vielen zurĂŒckgelegten Kilometern mĂŒde, so dass zwischen Abwehr und Mittelfeld nun große LĂŒcken klafften.

Beim entscheidendem Treffer nutzte die Hertha genau das aus: Durch die Mitte konnte die Hertha unbedrĂ€ngt einen Schnittstellenpass spielen, den Ramos dank eines Ausrutschers von Maza erlaufen konnte. Seinen Schuss wehrte Ulreich vor die FĂŒĂŸe von Ebert ab, der eine prĂ€zise Flanke auf den Kopf von Raffael schlug. Ohne Gegenwehr köpfte dieser zum ersten und einzigen Treffer des Abends ein (86.).

Fazit

Es war ein typisches Freitagabendspiel: Beide Mannschaften begannen abwarten, Torchancen gab es nicht viele. Es mangelte sowohl im Berliner als auch im Stuttgarter Spiel an Breite. Nachdem die zweite Halbzeit etwas mehr Chancen bot, schoss Labbadia mit der Einwechslung Bokas ein klares Eigentor.

Da die Berliner in den letzten 20 Minuten immer stĂ€rker ins Spiel fanden, kam der FĂŒhrungstreffer kurz vor Schluss wenig ĂŒberraschend. Aber auch die Stuttgarter hatten in Form von Progrebnyak einige Chancen, das Spiel zu entscheiden. Dennoch können die Stuttgarter mit dieser Leistung gegen einen Aufsteiger nicht zufrieden sein. Labbadia wird in den kommenden Wochen versuchen mĂŒssen, die Anbindung zwischen den Sechsern und dem offensiven Mittelfeld zu verbessern.

Enno, Sportblogger a.D. 29. August 2011 um 09:12

Danke fĂŒr die Analyse, da kann ich mich weitestgehend anschließen. Allerdings verstehe ich eine grundsĂ€tzliche Wertung nicht. Es wird gesagt, dass Harnik zwar viele Kilometer gelaufen sei und viele Sprints absolviert habe, aber wenig PĂ€sse gespielt und wenig Ballkontakte gehabt habe, was zur Schlussfolgerung fĂŒhrt, dass er wenig prĂ€sent gewesen sei. Es mag sein, dass er weniger prĂ€sent gewesen ist als Ebert (wie im obigen Vergleich verdeutlicht wird), aber von geringer PrĂ€senz kann man doch nicht sprechen, wenn er bspw. viele RĂ€ume erlĂ€uft, im Pressing Druck ausĂŒbt und damit den Gegner auch ohne Ballkontakte beschĂ€ftigt. Von geringer PrĂ€senz kann man da nicht unbedingt sprechen, weshalb ich die Schlussfolgerung nicht verstehen kann.

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