Schalke 04 – HJK Helsinki 6:1

Der FC Schalke 04 gleicht mit einem 6:1 gegen HJK Helsinki die 0:2 Schlappe aus dem Hinspiel aus. Eine taktisch verbesserte Leistung in der zweiten Halbzeit verhindert das frühe Aus in der Europa League.

Offensive hui…

Schalke musste nach der 0:2-Auswärtsniederlage gegen HJK Helsinki einiges gut machen. Um das schwache Hinspielergebnis noch rumzureißen, vertraute Rangnick auf die gegen Mainz in der zweiten Halbzeit erfolgreiche Formation. Seine Taktik war wie bereits im Hinspiel sehr offensiv: Vorne warteten fünf Akteure, die hauptsächlich für die eigenen Angriffe zuständig waren. Unterstützt wurden sie auf den Flanken zudem von den beiden Außenverteidigern, die kaum eine Situation ungenutzt ließen, um mit nach vorne zu gehen.

Offensiv sah das Spiel der Schalker im Vergleich zum Hinspiel sehr viel besser aus. Während in der vergangenen Woche gerade dem Spiel über Außen Tempo fehlte, sorgte der wieder genesene Farfan für viel Belebung. Er suchte oft die 1:1 Situationen und kam mit seinen Sprints oft an seinem direkten Gegenspieler vorbei. Auch Draxler war sichtbar aktiver, suchte ebenfalls öfters den Weg nach vorne. Die erneut zahlreichen Flanken (18 Stück) kamen diesmal präziser als noch in der Vorwoche. Vor dem Elfmeter, den Huntelaar zum 1:0 versenkte, bekam Raul eine butterweiche Flanke auf den Fuß, ehe er gefoult wurde (15.).

Die hohe Anzahl an Vertikalpässen tat dem Schalker Spiel gut. Sie verwalteten in der Offensive weniger, sondern suchten öfters den direkten Pass nach vorne. Ihr Spiel versteifte sich auch nicht mehr so sehr auf die Außen, so dass sie mit ihren teilweisen Angriffen durch die Mitte insgesamt flexibler waren. Auch spielten sie in einigen Situationen direkter, wie bei ihrem zweiten Treffer: Hier leitete Raul einen Ball direkt in den Lauf von Huntelaar weiter, der sein zweites Tor erzielte (25.). Die tief stehende Abwehr der Finnen hatte ihre liebe Mühe mit den Angriffsbemühungen der Gastgeber, so dass es neben den zwei Toren in der ersten halben Stunde noch weitere Chancen für Schalke gab.

… Defensive pfui!

So verbessert sich die Offensive der Schalker zeigte, so löchrig war ihre Leistung in der Defensive.  Schalkes Mittelfeld brachte in der ersten Halbzeit überhaupt keinen Druck gegen den Gegner zustande. Helsinkis Konterversuche hätten im Keim erstickt werden können, doch diese konnten bis zur Mittellinie ungestört den Ball passen.

Selten wurde in modernen Fußballzeiten die Aufteilung in Offensivkräfte und Defensivspieler dermaßen zelebriert wie von Schalke an diesem Abend. Holtby arbeitete als einziger Offensivspieler ab und an mit nach hinten, ihm fehlte aber ebenso wie seinen Mitspielern jegliche Bissigkeit im Zweikampf. Durch die defensive Positionierung Papadopoulos konnten die Gäste durch die Spielfeldmitte ihre Angriffe mit Pässen auf die Außen einleiten. Dort entstanden durch die offensive Ausrichtung der Außenverteidiger unangenehme Lücken, die gerade der flinke Rechtsaußen Bah zu nutzen wusste.

Schalkes Viererkette offenbarte in der Rückwärtsbewegung einige Schwächen: Zu oft und zu einfach konnten die Finnen mit einem einzigen Schnittstellenpass die gesamte Abwehr auseinandernehmen und frei vor Fährmann auftauchen. Gerade mit dem quirligen Pukki kamen die Schalker nicht zurecht. Seine Dribblings und Sprints in den freien Raum entblößte die mangelhafte Abstimmung zwischen Matip und Höwedes. Nachdem er zwei große Chancen alleinstehend vergab, traf er nach einem schönen Doppelpass mit Ring zum zwischenzeitlichen Ausgleich (20.).

Nach einer halben Stunde hätte es nach hochkarätigen Chancen locker 4:3 für Helsinki stehen können, in der Tat führte Schalke etwas glücklich 2:1. Die Finnen ließen in dieser Phase zu viele Chancen ungenutzt. Nach der turbulenten ersten halben Stunde beruhigte sich das Spiel ein wenig. Helsinki konzentrierte sich mit dem Auswärtstor komplett auf die Verteidigung und ließ Schalke kommen. Nun zeigten sich die Probleme des Schalker Systems: Raul stand nun meist neben und nicht hinter Huntelaar, und auch Papadopoulos ordnete sich fast als dritter Innenverteidiger ein. Helsinki fiel es folglich leicht, in der Mittelfeldzentrale gegen den allein gelassenen Holtby eine Überzahl zu kreieren. Schalkes Spiel fokussierte sich in der Folge fast ausschließlich auf die Außen und wurde dementsprechend unflexibel und harmlos.

Rangnick zieht (erneut) die richtigen Schlüsse

Nach der Halbzeitpause präsentierte sich Schalke grundlegend verändert. Rangnick schraubte an den entscheidenden Stellen seiner Mannschaft. Defensiv waren die Mittelfeldspieler und Stürmer angehalten, aggressiveres Pressing zu betreiben. Das Spiel gegen den Ball verbesserte sich vor allem in der Anfangsviertelstunde, als die Gäste kaum noch aus der eigenen Hälfte kamen.

Offensiv zeigt sich, dass schon kleine Veränderungen in der Positionierung einzelner Akteure Wunder bewirken können: Da Raul nun etwas defensiver stand und im Mittelfeld neben Holtby spielte und Papadopoulos sich öfters in den Spielaufbau einschaltete, konnten die Hausherren mehr Akzente aus der Mittelfeldzentrale setzen. Holtby war nun nicht mehr so allein gelassen und fand besser ins Spiel.

In der ersten Viertelstunde nach der Pause belagerten die Schalker das gegnerische Tor und schnürte Helsinki in deren Hälfte ein. Diese hielten aufopferungsvoll ihr 4-4-2 System, ihr Widerstand brach allerdings nach zwei frühen Toren. Das erste leitete Farfan ein, indem er durch einen schnellen Antritt an seinem Gegenspieler vorbeizog und dieser sich nur mit einem Foul zu helfen wusste. Den fälligen Elfmeter verwandelte erneut Huntelaar (49.). Das 4:1 köpfte wenig später Papadopoulos, der anders als in Hälfte eins nun bei einem schnellen Angriff mit in den gegnerischen Strafraum aufrückte (56.).

Rechnerisch waren die Schalker nun weiter. Dies war der Genickbrecher für den Gegner, der sich bisher in Hin- und Rückspiel auf das Verteidigen und Kontern beschränkten. Die letzten Bedenken zerstreuten die Schalker mit dem 5:1 durch Huntelaar nach flacher Flanke Farfans (63.). Danach wurde das Spiel ein Schaulaufen, bei dem Draxler in der 82. Minute den Schlusspunkt setzen durfte.

Fazit

Eine starke Leistung nach Wiederanpfiff bewahrt Schalke vor der Blamage. Die Pflichtaufgabe gegen Helsinki wurde trotz schwachen Hinspiels gelöst und so darf man dieses Jahr in der Europa League antreten. Besonders hervor stachen Farfan und Huntelaar, die in Rangnicks System aufzublühen scheinen. Sie profitieren von dem forcierten Flügelspiel – Farfan bekommt auf Außen viele Bälle und Freiheiten, Huntelaar verwertet als klassischer Strafraumstürmer dankbar die hohen und tiefen Flanken seiner Kollegen.

Bedenklich stimmen jedoch die Leistungsunterschiede zwischen den beiden Halbzeiten. Eine schwache erste Hälfte scheint unter Rangnick das neue Motto zu werden, denn bereits gegen Köln und Mainz brauchte es eine Steigerung nach der Pause, um den schwachen Beginn auszumerzen. Gegen einen individuell schwachen und konditionell abbauenden Gegner wie Helsinki ging das abermals gut, Borussia Mönchengladbach wird diese Fehler am nächsten Wochenende allerdings nicht so leicht verzeihen.

morph0se 26. August 2011 um 12:18

Warum lässt Rangnick überhaupt dieses 4-1-4-1 spielen?

Seit dem Halbfinalhinspiel in der Champions-League gegen ManU in der letzten Saison offenbart Schalke wieder und wieder, dass die Mannschaft ihre Verantwortung in der Defensive oft auf ihre vier Verteidiger und den einen 6er beschränkt. Warum lässt Rangnick die Mannschaft offen in einen fast ausschließlich offensiv und einen anderen fast ausschließlich defensiv agierenden Mannschaftsteil spalten?

Die Fragen sind ernst gemeint, keinesfalls rhetorisch, denn so sehr verstehe ich Taktik und Fußball nicht, um zu erfassen, warum Mannschaften überhaupt in solch einer Formation spielen sollten. Schalkes Spielweise erinnert mich oft an das WM-Spiel 2010 zwischen Deutschland und Argentinien, in dem Argentiniens Mannschaft im Hinblick auf ihre gemeinsame Verantwortung in der Defensive- und Offensive nahezu zweigeteilt war. Seitdem bin ich immer irritiert, wenn – von wem auch immer – diese Mannschaftsaufteilung offen wiederholt wird.

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StolzerWestfale 27. August 2011 um 00:50

Ich glaube irgendwie dieses 4-1-3-2 wird von Rangnick nur gespielt, um Raul irgendwie in sein Team einzubauen, da in dieser Beziehung der Druck innerhalb und außerhalb des Teams sehr hoch ist.

Dieses System kann erfolgreich sein. Das größte Problem bei Schalke waren meiner Meinung nach die falsche taktische Ausrichtung der AV sowie die fehlende Präsenz im Zentrum. Der ballnahe AV muss in diesem Fall dem 6er im Zentrum mit und ohne Ballbesitz als Unterstützung zur Verfügung stehen, die (restliche) Viererkette muss dann dementsprechend einrücken. Ist der Ball in der Offensive, sollten die AV den Offensivspielern als Anspielstation an der Mittellinie zur Verfügung stehen, ansonsten wird man defensiv zu anfällig. Offensiv benötigt man für dieses System dann Außenspieler mit hoher individueller Klasse, die sowohl invers als auch klassisch agieren können. Der 10er muss vertikal spielen, sich hin und wieder fallen lassen, aber auch in die Spitze dazu stoßen. Das Gleiche bei den beiden Stürmern, sie müssen sehr spielstark sein, viel rochieren, und dabei immer torgefährlich sein. Mein Fazit: Das System ist durchaus spielbar, allerdings nicht mit dem Spielermaterial, wie es Schalke hat. Gegen Mainz hat man in der zweiten Halbzeit vom defensiven und offensiven Unvermögen des Gegners sowie von Tuchels taktischen Fehleinschätzungen profitiert, soviel Glück wird man nicht mehr so oft haben. Rangnick sollte dringend an Schalkes defensiver Grundordnung feilen, sonst kann das an einem Tag, an dem es offensiv mal nicht so läuft, sehr leicht in die Hose gehen.

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datschge 27. August 2011 um 01:14

In Helsinki hat er auch ohne Raul so spielen lassen (und verloren).

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Kroos39 26. August 2011 um 11:34

„Nun zeigten sich die Probleme des Schalker Systems: Raul stand nun meist neben und nicht hinter Huntelaar, und auch Papadopoulos ordnete sich fast als dritter Innenverteidiger ein. Helsinki fiel es folglich leicht, in der Mittelfeldzentrale gegen den allein gelassenen Holtby eine Überzahl zu kreieren. Schalkes Spiel fokussierte sich in der Folge fast ausschließlich auf die Außen und wurde dementsprechend unflexibel und harmlos.“

Genau das habe ich unter der letzten Analyse mit Schalker Beteiligung auch gesagt bzw. geschrieben. Cool, dass du das auch so siehst. Ich dachte schon, ich wäre der einzige.^^

Ich habe das Spiel leider nicht gesehen, konnte es aber dank deiner guten Analyse mir sehr gut vorstellen.

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