Grundsolide Engländer besiegen stabile Schweden

0:2

England wählte in der Defensive einen passenden Plan gegen Schwedens Offensivstil. Dieser Plan, ein starker Jordan Pickford und die eigene Qualität bei Standards, reichten für ein Weiterkommen aus.

Dreimal war Jordan Pickford in dieser Partie gefordert. Drei gute Chancen bekamen die Schweden. Und dreimal parierte Pickford stark. Am Ende lässt sich festhalten: Drei Chancen sind zu wenig für den Einzug ins Halbfinale. Die wesentlichen Punkte in der Übersicht:

  • Schweden setzte von Beginn an auf Altbewährtes: ein standardmäßiges und sauberes 4-4-2 gegen den Ball, einfache Muster im Aufbau und viel Spiel auf zweite Bälle.
  • England war gegen diese Spielweise zu einem Ballbesitzansatz gezwungen und kam aus dem Spiel heraus zunächst nicht wirklich zu Chancen. Der Führungstreffer nach einem Eckball spielte den Engländern dann aber in die Karten.
  • Englands Ansatz, Schwedens Offensivspiel mit viel personeller Präsenz in der Restverteidigung und hohem Anlaufen einzelner Akteure zu kontern, ging über weite Strecken der Partie auf.

England im Spiel mit Ball: Ballbesitzansatz mit viel Präsenz in letzter Linie und Rechtsfokus

England nutzte im Spiel mit Ball eine 3-1-4-2-Grundordnung. Darin spielte die Aufbaudreierreihe breit, aber nicht zu breit, damit die Halbverteidiger von den Schweden am Flügel nicht isoliert werden konnten. Henderson spielte als tiefster Sechser auf der Schnittstelle zwischen den beiden schwedischen Stürmern und versuchte damit Toivonen und Berg im Zentrum zu binden. Alternativ kippte er links oder rechts neben die schwedischen Stürmer und vor der eigenen Abwehrkette heraus.

Im Sturmzentrum agierten Sterling und Kane im Auf- und Übergangsspiel wechselweise aus dem Sturmzentrum zurückfallend, während sich der jeweils andere gleichzeitig auf die letzte Linie beschränkte. Dele All reagierte von der Zehnerposition mit gegengleichen Läufen in die Spitze auf das Zurückfallen der Stürmer und rückte entsprechend viel in die letzte Linie nach. In den meisten Situationen versuchte England Schwedens Abwehrkette nämlich mit drei oder mehr Spielern zu belegen.

Für das Herstellen der Breite im zweiten Drittel waren Young und Trippier zuständig. Dabei rückte Trippier im Übergangsspiel bis in die letzte Linie, während Young tiefer blieb. In Kombination mit einer etwas spielmachenderen Rolle von Lingard und der nachstoßenden Rolle Allis führte das dazu, dass England über die rechte Seite prinzipiell kombinativer auftrat und diese Räume häufiger fokussierte, während man die linke Seite eher für Verlagerungen auf Young nutzte, der dann zur Grundlinie durchbrechen sollte.

England im Spiel gegen den Ball: Hohes Durchpressen bei gleichzeitiger Überzahl in der Restverteidigung

England formierte sich gegen den Ball in einer 5-3-2-Grundordnung, die im höheren Anlaufen häufig zu einer 5-2-1-2-Grundorndung wurde und die das Herstellen einer direkten Zuordnung gegen den tiefsten schwedischen Sechser im Zentrum ermöglichte. Kane oder Sterling pressten in der Regel auf Olsen durch, während der Rest der Mannschaft tiefer blieb, um eventuelle lange Bälle Schwedens zu verteidigen. 5-3-0-2- (oder später dann 5-0-3-2-) Staffelungen mit breiter Mittelfeldreihe und leicht nach vorne geschobenen Achtern waren keine Seltenheit.

Das Arbeiten gegen den schwedischen Offensivplan mit langen und zweiten Bällen hatte zur Folge, dass man Schwedens simple Aufbaustrukturen stören konnte und gleichzeitig eine hohe Präsenz in der Restverteidigung hatte, um erste Bälle zu verteidigen und zweite Bälle unter Druck zu setzen. Weil Schweden nach den langen Bällen oftmals vertikal sehr gestreckt stand, gelang es England einfacher sich aus Gegenpressingszenen zu befreien bzw. diese gar zu vermeiden.

Schweden im Spiel mit und gegen den Ball: Alles beim Alten

Bei den Schweden gab es keine Überraschung: Zwar rückte Larsson nach Gelbsperre wieder in die Mannschaft und Krafth vertrat Lustig, sonst blieb aber alles beim Alten. Entsprechend formierte man sich im Spiel mit Ball in einer 4-4-2-Grundordnung.

Wie gewohnt stellten die Schweden bereits im Aufbauspiel eine hohe Präsenz in der letzten Linie her. Forsberg, Toivonen, Berg und Claesson belegten fast durchgehend die englische Abwehrkette. Die beiden Außenverteidiger Kraft und Augustinsson agierten zwar nach vorne geschoben, hielten aber die Anbindung an den Aufbau. Selbiges galt für die beiden schwedischen Sechser, wobei sich Larsson im tiefen Aufbau auch wenige Male situativ zwischen die beiden Innenverteidiger fallen ließ.

Die 4-4-2-Grundordnung aus dem Spiel mit Ball interpretierte man im Spiel gegen den Ball in gewohnter Manier als Mittelfeldpressing, in dem sich die einzelnen Spieler grundsätzlich im Raum bewegten. Abstöße der Engländer stellte man früh so zu, dass das erste Anspiel für die Engländer aber möglich war.

Im höheren Anlaufen versuchte man die Engländer wenn möglich ins Zentrum zu steuern, in tieferen Räumen bzw. im Abwehrpressing versuchte man stattdessen sie am Flügel festzudrücken. Entsprechend liefen die Flügelspieler ihre Gegenspieler – im hohen Anlaufen die Halbverteidiger, im tiefen Anlaufen die Flügelspieler – entweder im Bogen nach innen oder geradliniger nach außen an.

Chronik des Spiels: Deckel drauf nach einer Stunde

Nachdem sich von Beginn an eine Partie entwickelte, in der die Schweden den Engländern größere Ballbesitzanteile aufzwängten, in der die Engländer aber gleichzeitig auch nicht zu Chancen kamen, fiel nach einer halben Stunde der Führungstreffer für die Three Lions. Maguire war nach einer Ecke per Kopf erfolgreich. An der Spieldynamik änderte das vorerst nichts, denn auch an der strategischen Ausgangslage änderte sich nichts: Für einen eventuellen Rückstand sah der schwedische Matchplan wohl das Erreichen der Verlängerung vor – und dafür reichte schließlich der eine Treffer.

Entsprechend nutzten weder Andersson noch Southgate die Möglichkeit zur Halbzeit zu wechseln. Und beide änderten nach der Pause auch an der grundsätzlichen Herangehensweise wenig. Dass die Engländer dann nach gut einer Stunde durch Dele Alli auf 2:0 erhöhten, warf die vermeintlichen schwedischen Planungen allerdings über den Haufen. Besonders bitter: Wenige Minuten zuvor hatte Schweden die Möglichkeit auf den Ausgleichstreffer durch Berg nicht nutzen können.

Fazit

England steht zurecht im Halbfinale. Für die Schweden ist der Weg bei diesem Turnier zu Ende. Southgate gelang es eine gute Antwort auf den simplen Offensivplan Anderssons zu finden, der bisher zwar funktionierte, aber gegen Englands Spielweise im Spiel gegen den Ball nicht wirklich passte. Im Spiel gegen den Ball konnte Schweden England über weite Phasen recht gut verteidigen, dass die Mannschaft von Southgate bei Standards extrem stark ist, machte den Skandinaviern allerdings einen Strich durch die Rechnung.

rb 9. Juli 2018 um 12:09

ich bin gespannt, wie weit die solide defensive und die standard-stärke noch trägt – ich halte eine finalteilnahme englands nach den letzten leistungen von kroatien für relativ realistisch.

apropos standard-stärke: besonders interessant finde ich ja an diesem ansatz, dass er eine nicht zu unterschätzende psychologische wirkung erzielt. und da scheint mir sogar ein strategischer plan dahinter zu stecken: in den ersten beiden spielen hat england bewusst viel gezeigt. hätte man gegen tunesien und vor allem gegen panama nicht unbedingt gebraucht. aber statt einige varianten unter verschluss zu halten, wurde die stärke in voller wucht gezeigt – mit der folge, dass gegner schon muffensausen bekommen, wenn der ball in der nähe des eigenen strafraums ruhig liegt: kolumbiens plumbe ringeinlage vor dem elfmeter erschien mir fast schon wie eine panikaktion. in der endausbauphase haben die gegner vielleicht soviel respekt davor, dass sie klare freistoßvermeidung im eigenen drittel betreiben und england mit geringerem gegnerdruck besser spielaufbau betreiben kann. neat!

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kalleleo 9. Juli 2018 um 11:44

Nachdem Schweden auf das Gegentor mit keinerlei Anpassung reagiert hat, war fuer mich das Spiel gelaufen. Bisschen enttaeuschend, aber da ist wahrscheinlich dann auch nicht mehr drin als mit den vorhandenen Spielern ein System solide einzupauken und dann dran festzuhalten (selbst wenn es nicht so laeuft – lieber anstaendig verlieren als abgeschossen zu werden?).

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Aliou Bob Marley Cisse 9. Juli 2018 um 13:51

Es ist mir allgemein ein Rätsel, wie in einer Fußballwelt, in der jede einzelne Szene auseinander genommen wird, in der jede taktische Variante eines Gegners durchanalysiert wird simple 4-4-2-Systeme wie von Island und Schweden reichen, um bei Turnieren gegen spielerische überlegene Gegner in die K.O-Runde, oder gar unter die letzten acht zu kommen. Am Ende gibt es aber folgerichtig und wohl auch Gott sei Dank den Gegner gegen den man in Rückstand gerät und damit war es das auch schon meistens.
Ich habe schon einmal geschrieben, dass ein Trainer auch einberechnet in Rückstand zu geraten, vielleicht gar mit 0:2 und am Ende wissen sollte, wie diese Situation zu lösen wäre. Wo war das bei Schweden und wo war das bei den viel gelobten Urus?
Roberto Martinez hat nach dem 0:2 der Japaner schnell mal auf 4-er-Kette umgestellt, obwohl die im gesamten Turnier nicht genutzt wurde, Fellaini ins Zentrum gestellt und die Partie noch völlig verdient gedreht. Klar, er hat mehr spielerische Möglichkeiten, aber in Schweden wird ja nicht nur der selbe Spielertyp herumlaufen. Man sieht wieviel spielerische Qualität mittlerweile bei England vorhanden ist. Dänemark sah ich auch als weitere Skandinaviertruppe flexibler.

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Koom 9. Juli 2018 um 14:43

Achtung, Populismus: Mit einem handelsüblichen Auto kommst du leichter von Hamburg nach München als mit nem Formel-1-Auto. Will heißen: Stabil und sicher führt dich meistens weiter als optimiert und fragil.

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Aliou Bob Marley Cisse 10. Juli 2018 um 16:05

Eine WM ist aber keine Autostrecke von Hamburg nach München, sondern eher ein Grand Prix in Monte Carlo.

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Koom 10. Juli 2018 um 16:53

Noch passender: Eher eine Rallye Dakar. Dort gewinnt auch nicht zwingend das schnellste Fahrzeug, sondern das stabilste, verlässlichste.

Nicht falsch verstehen: Das schließt hohen Ballbesitzfußball ja nicht aus. Spanien hat das sehr eindrucksvoll gezeigt, da waren eine Menge Spieler auf ihrem Höhepunkt und es war sehr gut balanciert – aber schon nur 1-2 Rädchen falsch oder schlecht eingestellt und es funktioniert nicht.

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Aliou Bob Marley Cisse 13. Juli 2018 um 17:18

Grundsätzlich natürlich korrekt. Wie hat denn Deutschland 2014 den WM-Titel errungen? Mit Höwedes als Außenverteidiger und durchwegs mehr Ökonomie als Löw es zuvor spielen ließ. Im Viertelfinale stellte man gegen ein damals noch in den Kinderschuhen steckendes Frankreich sehr schnell auf Defensive um und in der Nachspielzeit hätte Benzema beinahe noch den Ausgleich gemacht, wenn Neuers Faust nicht gekommen wäre. Allerdings waren in Brasilen auch die noch höheren Temperaturen ein Grund dafür, dass Teams allgemein auf mehr Ökonomie und Effizienz gesetzt haben. Die Temperaturen in Russland sind zumindest nicht ganz so extrem. Dass kaum jemand Angriffspressing spielt fällt allerdings stark auf. Es wäre halt schön, wenn eine Mannschaft wie Belgien mit 14 geschossenen Toren bis zum Semifinale belohnt wird. Sie haben verloren, weil sie das erste Tor bekamen. Die Frage ist halt, ob man nicht einen Hybrid aus der klassischen skandinavischen 4-4-2-Spielweise und etwas progressiveren Ansätzen finden könnte. Ein dynamischerer Achter, etwas höhere Außenverteidiger, ein ernsthafter Konterstürmer. Ansonsten ist das Aus doch nur nach hinten hinauszögerbar und wir sehen am Ende ein Spiel, dass nicht so viel Spaß macht-wie Frankreich-Island 2016. Da hätte ich mir England gewünscht und 2018 hätte ich mir die Schweiz gegen England gewünscht. Ich hatte nämlich nach dem 1:0 von Maguire keinen Zweifel wer die Partie gewinnt, auch wenn theoretisch Chancen da waren.


BornALion 8. Juli 2018 um 12:01

Also, ich finde die defensive Taktik der Engländer von allen Mannschaften bisher am stabilsten. Die schwedischen Chancen waren zwar da, aber nicht sehr zwingend, Kolumbien für mich in der regulären Spielzeit noch weniger. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass die defensive Grundordnung ein 3-3-2-1-1 war. Spannend: Maguire und Walker bekommen oft viel Platz zum sprinten mit Ball, das wird selten zugestellt….

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