Barcelona – Real Madrid 3:2

Nach dem etwas unglücklichen Unentschieden im Hinspiel kam es im Camp Nou zum Showdown des spanischen Supercups.

Das 2:2 brachte dem FC Barcelona dank der Auswärtstorregel etwas Rückenwind und man wollte vor heimischen Stadion seine wahre Stärke zeigen, während José Mourinho weiterhin an die Chance seiner Mannschaft glaubte und eine mutige Aufstellung präsentierte.

Wechselwirkung der Formationen

Der FC Barcelona trat vor heimischen Publikum (fast) mit ihrer nominell stärksten Elf an.

Grundformationen

Die Viererkette mit Pique, Mascherano und Abidal auf links war im Gegensatz zum Hinspiel leicht verändert, während Dani Alves und Victor Valdes ihre üblichen Positionen bekleideten. Statt Keita agierte Sergi Busquets auf der Sechs und Kapitän Xavi rückte von Beginn an ins Team.

Vor Andrés Iniesta spielten Lionel Messi, David Villa und Pedro, der den Vorzug vor Neuzugang Alexis Sanchez erhielt.

Real Madrid hingegen trat mit der gleichen Elf an wie im Hinspiel an, lediglich eine Änderung gab es: Fabio Coentrao begann auf der linken Außenverteidiger-Position anstatt des Brasilianers Marcelo.

Von Beginn an konnte man Mourinhos Idee hinter der Aufstellung erkennen. Die Madrilenen agierten sehr kompakt und aggressiv, das Prunkstück der Defensive lag jedoch in drei Manndeckungen. Ricardo Carvalho folgte zumeist dem falschen Neuner Lionel Messi, während Xabi Alonso und Khedira im Mittelfeld ebenso Funktionen als Manndecker zu erfüllen hatten – sie sollten Iniesta und Xavi aus dem Spiel nehmen.

Doch nicht nur Mourinho hatte sich für das Spiel etwas Neues einfallen lassen, auch Pep Guardiola hatte einige taktische Kniffe in seiner Mannschaft. Pedro und Villa bspw. agierten freier als sonst und tauschten sogar die Seiten (insbesondere in Halbzeit zwei), während Messi sich nicht ins Zentrum fallen ließ, sondern halbrechts. Dies hatte zwar zur Folge, dass Iniesta minimal zentraler als sonst agieren musste und mehr spielgestalterische Aufgaben übernahm, doch die zahlreichen Vorteile wogen diese negativen Aspekte auf. Einerseits konnte Messi sich aus der Verfolgung Carvalhos entwinden, andererseits konnte er von rechts mehr Tempo aufnehmen und nach innen ziehen. Pedro, der mit beiden Beinen gleichstark und extrem spielintelligent ist, unterstützte ihn mit starken off-the-ball-runs und eröffnete ihm Raum. Diese Verlagerung nach rechts auf Messi öffnete letztlich links Raum für Iniesta, der ein herausragendes Spiel zeigte und im Spiel nach vorne mehr Freiheiten hatte: die taktischen Maßnahmen zeigten sich idealerweise schon beim ersten Tor, als Messi sich auf der rechten Seite durchsetzte und dem losstartenden Iniesta einen tollen tödlichen Pass auf den Fuß spielte.

Real steckte jedoch nie auf und kämpfte um jeden Zentimeter – in der ersten Halbzeit sorgte dies für ein hochintensives, schnelles Fußballspiel auf höchstem Niveau, wo Real Barcelona trotz deren A-Mannschaft ebenbürtig war.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Taktik zeigte sich in der Rolle Dani Alves, der sich deutlich defensiver orientierte, als er es in der letzten Saison tat. Pep Guardiola versuchte mit einem defensiveren Alves sowie Pique auf der Position des rechten Innenverteidigers das kongeniale Duo Reals, Özil und Ronaldo, zur Ineffektivität zu verurteilen.

Hauptsächlich dank Dani Alves herausragender Leistung in der Defensive gelang das auch und Mourinho reagierte letztlich später in der zweiten Halbzeit: Ronaldo wechselte auf die rechte Seite, Özil wurde ausgewechselt.

Nichtsdestotrotz konnte sich Real einige Chancen erspielen und nach einem etwas glücklichen Treffer Cristiano Ronaldos zurück ins Spiel, doch kurz vor Ende der Halbzeit war es nun Lionel Messi selbst, der sich nach einem tollen Hackentrick des aufgerückten Piques die Ehre gab. In der zweiten Halbzeit wurde Khedira ausgewechselt und der Linksverteidiger Marcelo kam ins Spiel. Fabio Coentrao rückte wie schon im Hinspiel ins halblinke zentrale Mittelfeld und mit seiner Dynamik und positionellen Variabilität sollte er das Pressing der Madrilenen verbessern.

Das Spielgeschehen bestimmte jedoch Barcelona nun immer mehr, welche trotz für ihre Verhältnisse eher durchschnittlichen 60% Ballbesitz deutlich mehr Spielanteile hatten. Die Katalanen spielten sich ein paar Chancen heraus, doch beschränkten sich eher auf ihre typische „Verteidigung mit Ball“: sie ließen den Ball in ihren eigenen Reihen zirkulieren und warteten auf Löcher im gegnerischen Defensivverbund.

Aufgrund dessen hatte Real deutlich weniger Torversuche in der zweiten Halbzeit,

Auffällig war dennoch, dass nach Abschluss einer Chance und/oder Ballverlust das Pressing der Blauroten nicht so stark und schnell von statten ging, wie es noch in der letzten Saison der Fall war. Ob dies an der fehlenden Vorbereitung oder einer negativen Veränderung im Spielstil Barcelonas liegt, ist noch nicht festzustellen.

Kurz vor Spielende und nach oben bereits erwähnten Anpassungen in der Mannschaft Reals kam man zum 2:2 durch einen glücklichen Treffer Benzemas, welches eine Nachspielzeit wahrscheinlich machte, doch abermals Messi sorgte mit seinem Treffer in der 88. Minute für die Entscheidung.

Zuviel für die Madrilenen, welche, entnervt von der schwachen zweiten Hälfte beider Teams und den zahlreichen Beschwerden der Spieler Barcelonas beim Schiedsrichter, die Fassung verloren und sich nach einem bösen Foul Marcelos am eingewechselten Fabregas zu einer Rudelbildung mit unschönen Handgemengen hinreißen ließen. Neben Marcelo sahen auch Mesut Özil und David Villa die rote Karte – Mourinho selbst sorgte mit einer angeblichen Attacke an Cesc Fabregas und Tito Vilanova für einen Eklat; da die unschönen Szenen und deren Konsequenzen keine taktische Auswirkung hatten, verzichten wir auf ihre öffentliche Aufarbeitung.

Das zentrale Mittefeld und die moderne Asymmetrie

Ein auffälliger Punkt in diesem Spiel waren die Rollen der beiden zentralen Mittelfeldspieler.

Obwohl Xavi und Iniesta in einem Dreiermittelfeld agierten, verhielten sie sich ähnlich wie ihre Pendants auf der anderen Seite, welche als Doppelsechs spielten.

Bei beiden Teams konnte man beobachten, dass der primäre Spielmacher eine zentrale und stark horizontale Rolle übernahm, während sein Partner die Mitte und eine Seite beackerte und sich auch öfter in die Offensive mit einschaltete: Khedira spielte auf der rechten Seite, während Xabi Alonso das gesamte Spielfeld und verstärkte das Zentrum beackerte. Das gleiche Muster konnte man spiegel- und seitenverkehrt auch bei Iniesta und Xavi erkennen.

Einhergehend damit ist die defensivere Rolle der Flügelspieler und eine gewollte Asymmetrie, welche mehr Linien im Verteidigungs- wie im Offensivspiel zutage hat. Die Ähnlichkeit auf den Flügeln ist ebenso unverkennbar: mit Pedro bzw. Di Maria gibt es einen defensiveren Spieler, während sein Pendant auf der anderen Seite deutlich offensiver und torgerichteter agiert. Auffällig bei Real Madrid ist jedoch, dass Di Maria auf der gleichen Seite wie Khedira spielt und die Asymmetrie etwas stärker ist, wird aber durch Özil, der sich hauptsächlich auf links aufhält, wieder etwas ausgeglichen.

Fazit

Ein zu Beginn hochklassiges Spiel endete letztlich sehr unschön und es bleibt trotz des verdienten Sieges der Katalanen ein bitterer Beigeschmack auf beiden Seiten.

Real konnte abermals überzeugen und hatte mit 16 Torversuchen sogar mehr Chancen als Barcelona (elf, davon jedoch acht aufs Tor), doch Iniesta und insbesondere Messi machten den Unterschied.

Barcelona darf sich nun nach zwei nicht gänzlich überzeugenden Vorstellungen Supercupsieger nennen, muss sich allerdings in den nächsten Duellen steigern, wenn man die Spiele gegen den Erzrivalen nicht ganz so knapp bestreiten möchte. Interessant auch die Pläne Guardiolas, welcher in der Schlussphase mit Keita auf der Sechs agierte, während Adriano und Iniesta die Flügel bespielten – Neuzugang Fabregas durfte als zentraler Mittelfeldspieler ran.

Ob diese Variante mit Iniesta auf dem Flügel und Fabregas in der Mitte sowie Mascherano in der Innenverteidigung und Keita als Backup Busquets‘ auch während der Saison öfter vorkommt, wird sich noch zeigen.

vdammty 21. August 2011 um 03:32

Hallo,
erst mal danke für die Tiefe eurer Analysen, findet man in den „Fachblättern“ kaum.

Das Lob für Alves – Klasse. Die Taktiktafel – super.

Was mich etwas stört, sind die Vergleiche Iniesta, Xavi zu Xabi, Khedira. Die Grafiken zeigen lediglich, was auch hier vorher erwähnt wurde. Die 6er von Real sollten die 8er Barcas ausschalten. Daher hatten sie natürlich ähliche Werte in der Raumgestaltung wie ihre jeweiligen Gegenspieler.
Dass Real insgesamt gut aus sah, lag an ihrem aggressiven, vor allem im Hinspiel absolut effektiven frühen Pressing und dem in den Vorbereitungsspielen teilweise sensationellen superschnellen Spiel.
Barca hatte große Mühe, sich darauf einzustellen. Der Nachteil war allerdings beim 1:0 offensichtlich: Spielte sich Barca frei, gab es Raum in Hülle und Fülle für die genialen Offensivkünstler.
Es hat sich jemand die Mühe gemacht, das Spiel nach Fouls auszuwerten, zu finden im Real-Thread bei tm.de, Beitrag 423. Ergebnis Fouls und umstrittene Szenen: 1.HZ 10,
2.HZ 27!
Meiner Meinung nach eine Folge des enorm kraftaufwendigen Real-Spieles und wahrscheinlich einer Halbzeitansprache bezüglich Aggressivität.

Weiterhin ist mir die Eckball-Verteidigung bei Barca sehr negativ aufgefallen, beide Gegentore resultierten daraus.
Held des Spiels: Es kann nur einen geben.
Verlierer des Spieles: Ronaldo (siehe Alves; und dann sein Egoismus, von Außen aufs Tor ziehen zu wollen, statt zu flanken oder Ecken herauszuholen).

Fazit: Mourinho ist dicht dran. Bekommt er Ronaldo „hin“, dazu sein Team und sich selbst diszipliniert, muss Barca sich strecken. Dann werden wir als Zuschauer beim nächsten „Clasico“vom besten Fussballspiel aller Zeiten verwöhnt, mit ungewissem Ausgang.

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YNWA 21. August 2011 um 17:22

Danke für die Foulstatistik – bestätigt meinen Eindruck.

Und schließe mich Deinem Schlusswort an: Freue mich jetzt schon riesig auf das nächste Duell; bin mir sicher, dass Real sich unter Mourinho weiter entwickelt (man denke nur an das 0:5…).

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German_Informant 19. August 2011 um 23:23

Mit dem Dativ habt ihr’s ab und an nicht so (vor heimischen Stadion?? -> im heimischen Stadion; vor heimischen Publikum -> vor heimischem Publikum). 😉

Aber ansonsten liest sich das wie immer sehr schön. Danke!

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YNWA 19. August 2011 um 12:44

Hallo RM,
herzlichen Dank für die treffende Analyse. Zunächst eine kleine sprachliche Anmerkung: Statt „anstatt dem Brasilianer Marcelo“ sollte es doch heißen „anstatt des Brasilianers Marcelo“ – rettet den Genitiv!

Habt ihr eine Statistik, wie viele Fouls pro Halbzeit gespielt worden sind? Hatte den Eindruck, dass nach einer tollen ersten Halbzeit es in der zweiten deutlich stärker mit Foulspielen agiert wurde mit einem bekanntlich unrühmlichen Ende. Neben der Zahl gab es auch aus meiner Sicht auch vermehrt harte Fouls, wobei da sicherlich Pepe unrühmlicher Spitzenreiter war, bevor das Spiel so gruselig endete.

Als Liverpoolfan verfolge ich besonders die Entwicklung von „Monster“ Mascherano; wäre niemals auf die Idee gekommen (und er wohl auch selbst nicht), dass er IV bei Barca wird; beim Überangebot im Mittelfeld wohl seine Einsatzgarantie. Das Video mit der Defensivarbeit von Alves ist beeindruckend, ähnliches hätte man auch zu Mascherano zusammenschneiden können. Mich verwundert es seit nunmehr einem halben Jahr, dass Barca trotz Mascherano und einem äußerst kleinen Alves relativ wenig Probleme bei Kopfballduellen im 16er hat. Das wäre sicherlich ein Weg, gegen Barca zum Erfolg zu kommen und Benzema im Hinspiel wie auch Ronaldo in der vergangen Saison haben ja gezeigt, dass das erfolgversprechend ist.

Weiter war ich überrascht, dass Carvalho sich Messi widmen sollte – das lag doch daran, dass Messi sich eher nach rechts fallen ließ?! Pepe wäre da wohl besser aufgestellt, aber scheinbar wechseln die IV bei Real nicht ihre Positionen.

Und in der Rückschau beider Spiele wird deutlich, welchen Unterschied Messi bei aller kollektiver Stärke dann doch macht. Wie spielt Barca normalerweise, wenn Messi eigentlich mal fehlt? Letzte Saison hat er ja 5 Spiele in der Liga verpasst und dafür verfolge ich Barca dann doch zu wenig.

Enden möchte ich mit einer prinzipiellen Frage: Wie schaut Ihr Euch Fußballspiele an, um all das zu sehen, was oben beschrieben wurde? Festplattenrekorder? In Echtzeit bekomme ich ohne HD, was ich nur bei Spielen von ARD und ZDF habe, schon Probleme, einzelne Spieler sofort zu erkennen. Und die Online-Videos sind da wirklich keine Hilfe. So habe ich vergeblich versucht, die beiden Gegenspieler von Messi beim 1:0 mit Sicherheit zu identifizieren und selbst der sport1 Kommentator hatte sich von der spanischen Regie gewünscht, nicht nur den Pass und das Tor, sondern die eigentliche Entstehung nochmals sehen zu dürfen…

Herzliche Grüße YNWA
PS: Kann man bei Euch Benutzerprofile anlegen?

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Setzkasten 19. August 2011 um 18:41

Fouls wurden wahrscheinlich ungefähr gleich viele gespielt. Da der Schiedsrichter sich aber entschieden hat in der ersten Halbzeit fast alles weiterlaufen zu lassen, bekam er zwar ein unfassbar schnelles Spiel, aber in der zweiten Halbzeit auch die Quittung dafür.

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German_Informant 19. August 2011 um 23:26

Und noch besser:
statt des Brasilianers Marcelo
„Anstatt“ wird üblicherweise zu Beginn eines Satzes genommen, das kürze „statt“ wirkt inmitten eines Satzes flotter. 😉

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RM 20. August 2011 um 14:15

Tja, solange die Fehler nur sprachlich sind, ist’s okay.

Danke für das Lob und ich persönlich sehe mir die Spiele einmal und auf dem PC an, wobei es immer Unterschiede zwischen den Autoren gibt. TE z.B. arbeitet mit einem Rekorder, etc.

Benutzerprofile … ich denke nicht, wird aber eventuell ‚mal eingeführt.

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Axtschwinger 19. August 2011 um 11:48

Netter Spielbericht. Hab das Spiel nicht gesehen, scheint aber doch recht interessant gewesen zu sein. Bei den letzten clasicos nerven mich aber zunehmend die Nicklichkeiten, wobei sich Barcas Schauspielerei und Reals Getrete eins-zu-eins ausglichen. Kleiner Kommentar noch: Das Präteritum von wiegen ist „wog“, nicht wiegten.

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