Prüde Portugiesen, mutige Mexikaner

Portugal2:2Fed_mexique

Es gibt eine Episode bei den Simpsons, da spielen Portugal und Mexiko auf amerikanischem Grund gegeneinander Fußball. Beide Mannschaften stehen in der eigenen Hälfte und passen sich ohne jede Bewegung den Ball zu bis das wütende Publikum nach einer Halbzeit den Platz stürmt. Ganz so dramatisch war das Aufeinandertreffen beim Confederations Cups nicht – aber dafür fußballerisch etwas interessanter.

Im Gegensatz zur deutschen Mannschaft reiste Europameister Portugal praktisch in Bestbesetzung nach Russland. Die grundsätzliche Ausrichtung auf dem Platz erinnert dabei an den erfolgreichen letzten Sommer in Frankreich. In der Grundformation gibt es weiterhin keinen klassischen Mittelstürmer. Stattdessen wird diese Position abwechselnd von mehreren Spielern, vor allem Cristiano Ronaldo und Nani, besetzt. Überhaupt basiert das Ballbesitzspiel der Iberer viel auf dynamischen Bewegungen und Rochaden, die zumeist eher spontan daherkommen.

Formationen beider Mannschaften bei Ballbesitz Portugals.

Formationen beider Mannschaften bei Ballbesitz Portugals.

Europameister = Improvisationsmeister?

Formativ kann man bei den Portugiesen in Ballbesitz am ehesten von einer Mischung aus 4-2-2-2, 4-1-3-2 und 4-3-3 sprechen. Die beiden Außenverteidiger Raphael Guerreiro und Cédric Soares bearbeiten die Flügel und ziehen gerne auch einmal diagonal in die Mitte. Vor den Innenverteidigern Fonte und Pepe bildet William Carvalho so etwas wie den Fixpunkt im Spiel. Er lässt sich auch gerne einmal zurückfallen und bewegt sich unterstützend zu den Seiten. Etwas nach rechts versetzt spielt vor beziehungsweise neben ihm Joao Moutinho, der auch schon einmal in zentralere Position vorstoßen kann und insgesamt balancierend eingreift.

Halblinks ist die Rolle von André Gomes im Vergleich dazu offensiver. Der bei Barcelona häufig deplatziert wirkende 23-Jährige wurde gegen Mexiko sogar taktisch ein ums andere Mal zum entscheidenden Akteur im Team Portugals. Er stieß in den Zwischenlinienraum vor, wich ins Zentrum oder nach links aus und initiierte so Positionswechsel im Dreieck mit Cristiano Ronaldo sowie Raphael Guerreiro. Seine Anpassung an die Mitspieler wusste zu gefallen und ermöglichte so die meisten flüssigen Kombinationen der Portugiesen.

Die Effektivität dieser hatte auch mit den Charakteristiken des mexikanischen Pressings zu tun. Die Mittelamerikaner starteten mit intensivem und hohem Anlaufen, das in seiner Ausführung insgesamt von deutlichen Mannorientierungen geprägt war. Chicharito und Jimenéz besetzten die beiden Innenverteidiger und auch dahinter suchten sich die Spieler aus 4-4-2-hafter Ausgangsposition zunächst lose Zuordnungen. Im Mittelfeldpressing gab es demgegenüber ein 4-1-4-1 zu sehen, dessen Ausführung sich insgesamt ähnlich gestaltete.

Die Viererkette hielt sich eng, Salcedo und Layún pressten ihre Gegenspieler entsprechend in zentralen Zonen neben Sechser Herrera, was Raum neben den Innenverteidigern ließ. Wenn Salcedo sich beispielsweise aber auf den nach links versetzten Ronaldo konzentrierte und dos Santos zum Pressing nach vorne rückte, blieb Raum für André Gomes, ohne dass rechtzeitig effektiver Zugriff auf ihn möglich gewesen wäre.

Je tiefer Mexiko stand, desto offensichtlicher wurde die mangelnde Kompaktheit. Mit voranschreitender Zeit konnte dies zusätzlich immer weniger durch individuelle Intensität kompensiert werden, welche ein geordnetes Aufbauspiel vonseiten der Portugiesen jedoch ein ums andere Mal verhinderte.

Der Weltfußballer und Nani besetzten zunächst die beiden Innenverteidiger, um ausgehend von dort in freigezogene Räume zu sprinten oder sich für Ablagen zurückfallen zu lassen.

Auf der rechten Seiten hatte Quaresma keineswegs die klassische Rolle eines linearen Flügelstürmers inne, sondern startete vielmehr im Halbraum, begab sich von dort immer wieder in tiefere Positionen oder besetzte aus der Bewegung heraus seine eigentliche Position am Flügel.

Dass Portugal trotz der Probleme Mexikos zumeist keine Kontrolle über das Spiel hatte, lag neben der eigenen Inkonstanz vor allem daran, dass El Tri sich schlichtweg häufiger in Ballbesitz befand und dabei zu überzeugen wusste. Auch das Gegenpressing war gleichzeitig intensiv und kompakt genug, um den Ball schnell zurückzuerobern. Die grundsätzliche Tendenz zum Vorwärtsverteidigen half dabei. Nur vereinzelt erzeugte Portugal für Gefahr durch Konter, wobei insbesondere das Ausweichen Ronaldos effektiv sein konnte (siehe 1:0).

Formationen beider Mannschaften bei Ballbesitz Mexikos.

Formationen beider Mannschaften bei Ballbesitz Mexikos.

Kontrolle durch Positionsspiel

Die Mannschaft vom kolumbianischen Trainer Juan Carlos Osorio knüpfte an die überwiegend überzeugenden Auftritte bei der letztjährigen Copa America Centenario an. Die Leistungsdichte im Kader erlaubt je nach Bedarf spielspezifische Rotation, um sich dem jeweiligen Gegner anzupassen. Gewisse Merkmale sind jedoch stets zu beobachten, etwa Rautenstaffelungen als Basis für Angriffe und viele grundsätzliche Prinzipien des Positionsspiels.

Linksverteidiger Layún rückte in Ballbesitz weit vor, während der Rest der Viererkette linksseitig auffüllte. Moreno spielte somit praktisch als Halbverteidiger und dribbelte regelmäßig aggressiv an. Hector Herrera hat sich derweil zunehmend von seinem extrem weiträumigen und laufintensiven Profil vergangener Tage emanzipiert und füllte die Rolle des alleinigen Sechsers aus, indem er von Seite zu Seite pendelte und die horizontale Ballzirkulation mit entsprechenden Pässen vorantrieb. Erst im Laufe der Partie zog es ihn auch etwas häufiger nach vorne.

Neben ihm fungierte Guardado als leicht tieferer der beiden Achter, der sich zusätzlich zurückfallen lassen konnte. Zwischenzeitlich gab es etwas zu viele dieser Bewegungen, auch und gerade von Jonathan dos Santos auf der gegenüberliegenden Seite.
Chicharito zog vom linken Flügel ins Zentrum, Raul Jimenéz besetzte den Zwischenlinienraum. So entstand eine Art 3-Raute-3 bei Mexiko.

Aus diesem heraus wurde die linke Seite überladen. Praktisch das gesamte Spiel von El Tri drehte sich anschließend um das Bespielen des Zurückfallens von Chicharito und Jiménez, vor allem mittels flacher diagonaler Zuspiele. Einen vergleichbaren Fokus hatte es schon im Qualifikationsspiel gegen Honduras mit Jimenéz in zentraler Rolle gegeben.

Dagegen fehlten den ebenfalls mannorientierten, aber ungleich passiveren, Portugiesen nahezu über die gesamte Spielzeit Lösungen. Die Mannschaft von Juan Carlos Osorio erzeugte konstant bespielbare Lücken im 4-4-1-1 des Europameisters.

Cristiano Ronaldo übte etwas Druck auf die Innenverteidiger aus, während Nani Herrera zunächst eng verfolgte. Rückte Mexiko über die linke Seite vor, drückte Layún Quaresma zurück, wodurch Moutinho sich an Guardado orientierte. André Gomes kümmerte sich um den mit einrückenden Jonathan dos Santos.

Chicharito besetzte den Raum zwischen Cédric und Pepe, während sich Jiménez vor diesem und Fonte im Rücken (blind side!) von William Carvalho aufhielt, dessen Aufgabe es war, so gut wie möglich das Zentrum zu kontrollieren. Löste sich André Gomes von Jonathan dos Santos, um etwa für eine Verlagerung bereit zu sein, so übernahm Carvalho die Deckung desselben, was jedoch endgültig das Zentrum öffnete.

Schematisch betrachtet, besetzten dann beide mexikanischen Achter jeweils den Sechser und äußeren Mittelfeldspieler Portugals, während Chicharito linksseitig zwei Spieler aus der Viererkette band. Jiménez fand sich im freien Raum wieder. Von hier aus konnte er nach scharfen Zuspielen seine hervorragenden Ablagen und Drehungen einbringen, die durch Herausrücken der Innenverteidiger kaum zu verhindern waren.

Wurde der Raum um ihn konsequenter zugestellt, blieb immer noch die Option der Verlagerung auf den rechts die Breite haltenden Vela oder den im Halbraum nach vorne sprintenden Jonathan dos Santos. Mexiko kam mit diesen Mitteln erfolgsstabil bis zum Strafraum Portugals, hatte dann aber nicht immer passende Bewegungen hinter die gegnerische Viererkette zu bieten. Stattdessen wurden eher Flanken fokussiert. Eine solche führte schließlich auch zum zwischenzeitlichen 1:1 durch Chicharito.

Umstellungen und Fazit

Erwähnenswert im Laufe des Spiels waren letztlich vor allem die Einwechslungen Adrien Silvas und Gelson Martins‘, wodurch bei Portugal ein 4-1-4-1 entstand. Durch Silvas Rolle als Blocker für diagonale Zuspiele in Zentrum und Halbraum sowie durch die konstante Besetzung des Sechserraums durch Carvalho, nahm man dem bevorzugten Angriffsmittel Mexikos ein Stück weit seine Wirksamkeit.

Gleichzeitig wurde die eigene Angriffsstruktur klarer. Aus der Mittelstürmerposition startende Bewegungen Ronaldos konnten von Quaresma und Martins durch Einrücken vom Flügel balanciert werden. Beide konnten außerdem vermehrt in vielversprechende Situationen für Dribblings gebracht werden.

Auf Seiten Mexikos suchte Giovanni dos Santos nach seiner Einwechslung für Vela vermehrt nach Einbindung im Halbraum. Dieser Effekt wurde durch die Hereinnahme des offensiveren Araujo für Salcedo später noch verstärkt, ehe Portugal in der 82. Minute Andre Silva für Quaresma brachte. André Gomes ging auf den linken Flügel. Dies hatte ein klareres 4-4-2 zur Folge. In Ballbesitz setzte Portugal vermehrt auf Flanken. Doch das Kopfballtor erzielten die Mexikaner.

Diese können mit dem ersten Auftritt des Turniers zufrieden sein, vor allem in Angesicht der klaren kollektiven Entwicklungslinie des Teams unter Trainer Osorio. Fußball mit mexikanischer Beteiligung steht immer mehr für Spektakel. Damit ist Mexiko fast schon die Antithese zum prüden, improvisierten und individualistischen Stil Portugals. Ob dieser abermals erfolgreich sein wird, bleibt mehr als fraglich.

Erkinho 19. Juni 2017 um 13:29

Schade, aber Portugal scheint sich nicht wirklich weiterentwickelt zu haben – wenige gruppentaktische Dynamiken und stumpfe Passmuster..einzig individuelle Marken à la CR7, Q7 usw.
Gegen einen defensivstärkeren Gegner wird’s eng denk ich, da auch das Aufbauspiel durchweg ziemlich mies war.
Mexiko hingegen hat einen modernen, kontrollierten Ballbesitzstil. Es freut mich zu sehen, dass man vom zu kleinräumigen Ablagenspiel (welches hin und wieder schon zu wahnsinnigen Durchbrüchen führen konnte) zum definierten Positionsspiel gewechselt ist..noch nicht auf dem ganz großen Niveau, aber mit mehr abgestimmten Tiefenläufen à la Chile könnte man einige Gegner „überlaufen“.

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LM1895 19. Juni 2017 um 14:33

Mexiko gefiel mir mit Ball auch wirklich sehr gut. Viele gute Lösungen gegen die portugiesischen Mannorientierungen, immer wieder gutes Anlocken des Gegners mit anschließendem Lösen in den geschaffenen Raum, viel diagonales Passspiel und das ganze mit einem schon beschriebenen aggressiven und mutigen Gegenpressing. Einzig die Besetzung der Sturmspitze ging dann manchmal verloren, so dass man sich dann immer wieder sehr ansehnlich in den gegnerischen Sechserraum kombiniert hat, dann aber leider keinen Spieler mehr vor dem Ball hatte. Und wie beschrieben war natürlich das „normale“ Pressing etwas löchrig, was dann ab ca. der 15. Minute auch zunehmend Probleme bereitet hat.

Zu Portugal muss ich wohl nicht viel sagen, die fand ich genau so öde wie schon bei der EM :/

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