Blick über den Tellerrand – Folge 43

Eine Ausgabe ganz im Zeichen des Pressings: Zahlreiche Derbys wurden davon entscheidend geprägt – von Glasgow bis ins Baskenland und in die Regionalliga Bayern.

Interessant zu beobachten: Symmetrische und strategische Pressingfragen im Old-Firm

Einige Jahre hat man in Schottland auf die traditionsreichen Hauptstadtderbys zwischen Celtic und den Rangers warten müssen, zumal als Duelle auf Augenhöhe. Ganz ebenbürtig sind die Blauen – wie allein schon mit Blick auf die derzeitige Tabellensituation ersichtlich – dem Serienmeister noch nicht, in einzelnen Spielen jedoch können sie mittlerweile wieder mit dem Rivalen mithalten. Das zeigte sich im Old Firm am vergangenen Wochenende, als Celtic vor heimischen Publikum nicht über ein 1:1 hinauskam und in weiten Phasen der Begegnung mit dem Gegner – aber auch mit sich selbst – größere Schwierigkeiten hatte.

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Rangers-Pressing bei Szenen mit verschobenr Celtic-Aufbauformation (s. Pfeile der äußeren Spieler): Miller rückt heraus, sperrt den Pass auf Bitton und kann leicht Druck machen. McKay wiederum presst über den Halbraum auf Lustig, mit enger Horizontalbindung zur Sturmreihe. Je nach Situation könnte er – was aber nur bedingt so flexibel genutzt wurde – leicht bogenförmig nach innen oder außen gehen, um fokussiert noch stärker den Kanal Richtung Brown oder den Weg zu Forrest am Flügel zu versperren (blaue Deckungsschatten). Die Sechser verteidigen prinzipiell mannorientiert gegen die Achter, Tavernier kann ballfern helfen.

So gelang es den Rangers unter Interimscoach Graeme Murty beispielsweise, den Tabellenführer zu längeren Phasen fruchtloser Tiefenzirkulation zu drängen. Vor der lose mannorientierten Doppel-Sechs ihrer 4-2-3-1/4-4-1-1-Defensivformation sollte Mittelstürmer Waghorn als Keilspieler den gegnerischen Aufbau situativ zu einer Seite lenken, wo dann Routinier Kenny Miller bogenförmig herausschob und über den Deckungsschatten einfache Pässe in den Sechserraum verhinderte. Die Flügelspieler rückten aktiv in die erste Reihe nach. Dabei waren sie mit einer asymmetrischen Umformung vonseiten Celtics konfrontiert: Brendan Rodgers´ Mannschaft schob oft die Flügelbesetzung rechts tiefer und links höher, so dass eine schiefe und ungleichmäßige Dreierreihe mit Lustig in einer Zwischenposition sowie nach links versetzten Innenverteidigern entstand.

Dieses Konstrukt – dann mit Forrest und Tierney quasi als Haupt-Flügelbesetzungen – sollte vermutlich vereinfachte Optionen bieten und dem gegnerischen Pressing die saubere Orientierung erschweren. Jedoch war das Mittelfeld daran wenig angeschlossen: Bitton blieb eher passiv, die Achter wurden einfach weiter von den Rangers mannorientiert zugestellt. Diese Zuordnungen konnten sie nicht effektiv über Bewegungen aufbrechen, da kaum einer der umliegenden Spieler darauf antwortete – wegen des starken Fokus auf die positionelle Verschiebung. Ohnehin agierten die Achter mit zu großen Horizontalabständen untereinander zu unverbunden. Im Endeffekt führte die leichte Asymmetrisierung der äußeren formativen Reihen sogar dazu, dass Celtic danach effektiv mehr Flügelbesetzung hatte und von diesem Rahmen weniger gute Verbindung in den gegnerischen Block hinein.

Daher mussten sie den Ball lange über diese Routen laufen lassen – und für den Weg nach vorne häufig den Flügel entlang. In jenen seitlichen Zonen hingen sie unter begrenztem Raum regelmäßig fest und kamen nicht wirklich voran. Vor allem rechts konnte McKay einfach aus seiner Grundposition durch den Halbraum auf seinen eigentlichen Gegenspieler Lustig pressen, eine präsente erste Linie herstellen und – je nach Situation – den Pass auf Forrest oder die Mittelfeldanbindungen verdecken. So hatten dann auch Miller und Waghorn in der Horizontalen deutlich kürzere Wege und konnten sich effektiver auf die mittigen Bereiche konzentrieren. Gegenüber hatten es Tavernier und Hodson trotz möglicher Positionierungen in der Verbindung von Sviatchenko zu Tierney wegen der höheren gegnerischen Präsenz etwas schwerer, sie balancierten gewisse Unsauberkeiten aber gruppentaktisch gut.

Die Folge dieses wenig kontrollierten Vorwärtsspiels bei Celtic war schließlich, dass der nominelle Außenseiter beim eigentlich dominanten Favoriten zu vergleichsweise vielen eigenen Ballbesitzpassagen kam. Der stockende Aufbau der Gastgeber sorgte für zahlreiche Ausbälle, Einwürfe oder gewonnene Bälle in halbtiefen Zonen. Zunächst einmal nutzten die Gäste das zur Beruhigung und suchten über zurückfallende oder herauskippende Bewegungen der Sechser auch Ruhephasen. War das Gegenpressing der Hausherren gescheitert, zogen diese sich – wie überhaupt im Defensivmoment – in ein eher passives 4-1-4-1 zurück, das sich im Mittelfeld stark auf die horizontale Kompaktheit fokussierte und nicht so sehr auf kollektives Herausrücken zum Druckaufbau ausgerichtet schien.

Dagegen ergab sich für die Rangers die Möglichkeit, über die Flügelzonen aus der Zirkulation etwas Raumgewinn nach vorne herzustellen. Da die Außenspieler, insbesondere McKay mit Dribblings, das recht zielstrebig nutzten, gelangten die Gäste gegen den zunächst eher passiv-stabilitätsorientierten Gegner oft in die vorderen Zonen. Dort jedoch stellte sich das Offensivspiel der Gäste nicht besonders überzeugend dar, wurde sehr linear aufgezogen: Im Wesentlichen hatten sie ein klares, positionsorientiertes Bewegungsspiel vom Flügel (mit Tavernier aber als gruppentaktisch starkem, ankurbelnden Dribbler), einen kampfstark-wühlenden Mittel- und einen dahinter lauernden Halbstürmer. Wenig zu sehen war von den Rochaden, die Achter und Außenspieler in 4-1-4-1-Partien gezeigt hatten, oder der unorthodoxen, omnipräsenten Rolle Millers, nun als bloßer Halbstürmer eingebunden.

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Grundformationen Erste Halbzeit

Gerade auf den Achterpositionen verteidigte Celtic auch wiederum recht mannorientiert, über die horizontale Grundkompaktheit und das seitliche Nachschieben Bittons fingen sie das aber noch ordentlich auf. Da die Gäste – nach dem erfolgten Übergang ins letzte Drittel – ihre insgesamt nicht so sonderlich effektiven Aktionen oft schnell ausspielten, gingen die Bälle phasenweise früh wieder verloren – und das bei einem vergleichsweise riskanten Aufrückverhalten, bei dem auch die hinterste Linie weiträumig an die Vorderleute anschloss. In der Folge ergab es sich, dass die eigentlich auf Ballbesitz ausgerichtete, sich dabei jedoch schwertuende Mannschaft zu vielen Gegenkontern kam und auf diesem Wege gefährlich wurde.

Beim Führungstreffer handelte es sich dann um einen Einwurf, als Armstrong mit nach rechts herüber rochierte und im zweiten Versuch zum Abschluss kam. Als vielversprechend für Tormöglichkeiten erwies sich im Laufe der Partie für beide Mannschaften zudem die Nutzung langer Bälle. An diesem Punkte zeigten sich erneut interessante strategische Auswirkungen. Zwar fand Celtic durch symmetrischere Aufbauphasen insgesamt etwas besser in die Partie, ohne aber wirklich zu Kontrolle zu kommen. Bei langen Bällen konnten sie mit kurzen Rückstößen der Achter die Kohärenz der gegnerischen Linien besser stören und auch Superstar Dembélé – sonst zwischen den oft breiten Flügeln mit wenig Bindung – stärker einbinden.

Umgekehrt begannen die langen Bälle für die Rangers in dem Moment eine wirkliche Rolle zu spielen, als Celtic sich im Pressing aktiver und  herausrückender zu zeigen versuchte. Häufig rückte nun Armstrong als linker Achter aus dem 4-1-4-1 heraus und über den Mechanismus der Deckungsschattennutzung nach vorne, nicht selten sogar über Dembélé hinaus auf den gegnerischen Torwart. Zumal sich die offensiven Kollegen etwas schematisch daran anpassten, wirkten sich aber die langen Rückwege aus: Etwas zu oft mussten Abwehr und Doppelsechs die langen Schläge alleine verteidigen und das Abprallerduell für sich führen. So kamen die Rangers wieder zu einigen Ballbesitzszenen oder über unkontrollierte Weiterleitungen direkt zu Gefahr, da die Viererkette sich hektisch und unsauber verhielt, wenn sie den pendelnden Miller zusätzlich von Bitton übernehmen musste.

Wo es schlecht lief: Bayern II verliert das Münchener Stadtderby

Manche nicht unähnliche Elemente zur Partie aus Schottland gab es auch in einem anderen traditionsreichen Stadtderby, im großen Münchener Duell in der Regionalliga. Vor guter Kulisse im Grünwalder Stadion kamen die Roten von Trainer Heiko Vogel schwer ins Spiel und hatten Probleme mit dem Pressing des Gegners. Gegen die Dreierkette praktizierten die Löwen von Daniel Bierofka ein Angriffspressing mit drei Stürmern und nutzten die gute, einfache Grundstruktur des 4-3-3, um die ersten und natürlichen Optionen der Bayern zuzustellen.

blick über den tellerrand 43 münchener-stadtduell-regionalliga-iiAuffällig war dabei die tiefe Position des einzigen Sechsers, der sich schon frühzeitig weit nach hinten nahe der eigenen Abwehrreihe positionierte. Der Gedanke dahinter dürfte das hoch und eng formierte Angriffstrio der Roten gewesen sein, das in der letzten Linie viel Präsenz erzeugte. Ansatzweise ließ sich das bei langen Bällen für den Kampf um Abpraller einbringen, da über die recht gute Einbindung des Keepers solche längeren Zuspiele trotz des gegnerischen Pressingsdrucks noch vergleichsweise sauber vorbereitet werden konnten. Ansonsten fehlte es beim Team von Heiko Vogel jedoch an der präsenten Besetzung des offensiven Mittelfelds.

Dadurch hatte das eigentlich vielversprechende Pärchen auf der Doppel-Sechs aus Dorsch und Benko viel Last zu tragen. Gerade Letztgenannter ist aber eher ein unterstützender und ergänzender Balance-Typ, fand sich in dieser sehr prominenten Rolle, in großräumigen Kontexten alleine die entscheidenden Verbindungen geben und konstant die Struktur halten zu müssen, nicht so gut zurecht. Sobald die Bayern vom Keeper oder dem Zentralverteidiger weiter nach vorne zu spielen versuchten, wurden sie durch das gegnerische Pressing leicht nach außen geleitet und auch die Sechser hatten dann oft nur – auch wenn sich einer kurz etwas Raum verschaffen konnte – die Option zur schnellen Weiterleitung zum Flügel.

Dort hätten die beiden äußeren Akteure Bösel und Pantovic also potentielle Schlüsselakteure sein können, zeigten einige gute Ansätze. Tatsächlich hatten sie quasi hinter den ersten beiden druckvollen Linien der Sechziger vergleichsweise viel Raum, den gerade Pantovic für manches Diagonaldribbling nutzte. Alles in allem ergab sich für die beiden jedoch wenig strukturelle Anbindung. Im Regelfall hatten sie nur das eng formierte, weit vorne agierende Sturmtrio vor sich, während die direkten Rückpasswege verstellt waren. Im ballfernen Nachschieben füllten zudem die dortigen Flügelangreifer der Sechziger recht aufmerksam wieder nach hinten, rückten etwas ein und konnten so situativ Benko oder Dorsch aufnehmen.

Daher waren die Flügelverteidiger der Roten häufig zu hektischen direkten Vorwärtspässen auf die Stürmer gedrängt. Aus deren Grundstaffelung musste sich der ballnächste Akteur aber stets nach außen freilaufen und damit vom Tor weg in isolierte Räume, zumal die beiden anderen Kollegen nur bedingt darauf reagierten. Viele dieser Weiterleitungen den Flügel entlang auf den ausweichenden Angreifer versandeten daher ereignislos. Insgesamt hatte die Mannschaft von Heiko Vogel trotz der vielversprechenden Grundformation, der ruhigen Torwarteinbindung, der nicht unflexiblen Flügelspielerbewegungen und der klar definierten Struktur große Schwierigkeiten, zuverlässig das Angriffsdrittel zu erreichen.

Nach der frühen Führung der Sechziger – herausrückende Balleroberung Pongracic´ und Lauf bis zum Tor – litt die Partie zunehmend darunter, dass die Löwen ihre Bemühungen für das eigene Aufbauspiel zurückfuhren. Auch wenn Bayern mal im Mittelfeldpressing verblieb und nicht kompakt mit den Stürmern höher vorrückte, eröffneten die Blauen oft mit langen Bällen und vermieden das größte Risiko. Die fünf vorderen Akteure orientierten sich auch in diesen Phasen recht hoch, speziell die Stürmer agierten eher für sich und auf Tiefensprints fokussiert. Dadurch hatten sie einerseits viel Präsenz und nahe Verbindungen untereinander.

Andererseits drohte jedoch schnell die Gefahr, in den Staffelungen zu flach zu werden und damit nicht mehr so ausgewogen und kontrolliert mit dem Raum umgehen zu können. So ergaben sich nur punktuell Ansätze, die durch die vielen Optionen für durchstartende Tiefenläufe dann aber auch schnell direkt sehr gefährlich wurden. Vielversprechend in der Vorbereitung waren vor allem nachrückende Einzelaktionen aus den hinteren Bereichen, wo sich Hursán ballsicher und attackierend ausgerichtet zeigte, während Fuchs ihm teilweise Raum öffnete – ein Beispiel für das gruppentaktisch insgesamt ganz gute Löwen-Mittelfeld.

Über die etwas kompakteren, teils defensiver geschlossenen Staffelungen für die langen Bälle ließ sich das besser einbringen als für die Bayern über Dorsch und Benko. Diese hatten – wie beim 0:1 – teilweise zu viel Raum innerhalb des weiträumigen Formationsrahmens abzusichern. Die Kurzerzählung der Partie (Endstand durch einen späten zweiten Treffer 0:2) ließe sich letztlich dahingehend führen, dass wenig zuverlässig gelungene Aufbauaktionen standen und damit schlicht kaum „Ereignisreiches“ passierte – wie das taktisch zustande kam, war aber über jeweils unterschiedlich gewichtete Faktoren bedingt und daher interessant.

Spiel der Woche: Deportivo Alavés – Real Sociedad 1:0

Um das Leitmotiv der Pressingprägung weiterzuführen und abzurunden, ist eines der traditionell intensiven Baskenderbys immer eine gute Wahl. Am vergangenen Wochenende stand so eines auf dem Programm: Aufsteiger und Überraschungsteam Deportivo Alavés unter Mauricio Pellegrino empfing das in dieser Spielzeit ebenfalls recht erfolgreiche Real Sociedad von Trainer Eusebio Sacristán. In ihrer Grundstruktur zeigte die Partie zahlreiche typische Elemente, wie man sie gerade aus den innerbaskischen Duellen zwischen Athletic Bilbao und Real Sociedad kennt: Ein über Vorrückbewegungen des Zehners ins 4-4-2 sowie über nachrückende Mannorientierungen funktionierendes und in der Folge viele lange Bälle provozierendes Pressing – auf beiden Seiten.

blick über den tellerrand 43 alaves-real-sociedadDies stellte im Wesentlichen die Basis der Begegnung dar. Entsprechend ergaben sich durch den offenen Charakter und die Intensitätsspitzen viele ungeordnete bis chaotische Situationen, die vor allem gruppentaktisch gehandhabt werden mussten. Besonders die Hausherren erzeugten ihre Offensivszenen fast ausschließlich aus eindeutigen Konter- und Umschaltaktionen, wenngleich ausgerechnet das entscheidende Siegtor kurz vor der Halbzeit aus einer neu über die kurze Rückzirkulation aufgezogenen Ballbesitzpassage entsprang. Auch Real Sociedad hatte im Umgang mit den Abprallerszenen sehr gute Momente, etwa individuell über Granero mit dessen Orientierung und Drehungen.

Auffällig war bei diesem Aufeinandertreffen das situative Auftreten von 4-3-3-Strukturen, die sich in verschiedenen Konstellationen zeigten. So ließen sich die Gäste, wenn sie sich – etwa nach verlorenen zweiten Bällen – ins tiefere Mittelfeldpressing zurückzogen, häufig in eine solche Defensivanordnung zurückfallen, mit Xabi Prieto als zusätzlichem Achter. Umgekehrt fanden sich bei Alavés in Ballbesitzmomenten leichte 4-3-3-Tendenzen: Dies war jedoch vor allem durch ihren typischen Grundstil bedingt, der sich über vorsichtiges Aufrückverhalten und wenig Offensivpräsenz eher auf Stabilität fokussiert und auch hier grundsätzlich durchschlug, insbesondere auf das Mittelfeldspiel.

Profitierte Real Sociedad einerseits von ihrem verstärkten Mittelfeldbollwerk, hatten sie andererseits gewisse Probleme, kohärent aus dieser Staffelung herauszurücken. Dass Alavés gegen diese zurückgezogenen Grundpositionen dann aus der Tiefe einige längere Pässe hinter die Abwehr auf Deyverson versuchte, äußerte sich nur in einzelnen leichten Gefahrenmomenten. Schwerwiegender war für die Gäste tatsächlich, dass sie gelegentlich zu aggressiv aus einer zu passiven Ausgangssituation wieder herausschoben und dann zugriffslos überspielt werden konnten: Insbesondere mit dem Herauskippen Manu Garcías kamen sie nicht so gut zurecht.

Hierüber leiteten die Hausherren schließlich den Raumgewinn für Theo Hernández vor dem Führungstreffer ein. Entscheidend war dafür die aufmerksame und rhythmisch kluge Nutzung einer kurzen Rückzirkulation, die den Gegner aus dem Mittelfeld lockte. Ansonsten legten die Gastgeber insgesamt einen typisch minimalistischen Offensivauftritt an den Tag. Links agierte Ibai Gómez diesmal sehr frei im Bewegungsspiel, was teilweise gerade auf dieser Seite dazu führte, dass nach Pässen zur Außenbahn die Anschlussoptionen fehlten. Dafür gab es neben den Optionen für Flügelangriffe über rechts noch etwas mehr und vielseitigere Präsenz um den Zehnerraum als sonst, die mit einzelnen Risikopässen gesucht werden konnte.

Anders als Real Sociedad mit ihren 4-3-3-Übergängen nach hinten, behielten die Gastgeber ihre 4-4-1-1-Grundsystematik auch in tieferen Verteidigungsphasen bei. Das Angriffspressing organisierten sie ähnlich, durch Vorrücken Camarasas in die erste Linie über den gegnerischen Sechserraum – wenngleich weniger dynamisch ausgeführt – und teilweise hohes Nachschieben der defensiven Mittelfeldakteure. Dafür kam bei ihnen stärker ein kleines asymmetrisches Moment zum Tragen, indem sich häufig Linksaußen Ibai Gómez etwas höher zwischen gegnerischem Innen- und Außenverteidiger positionierte. Dadurch erzeugten die Hausherren verschobene 4-3-3-Staffelungen, die teilweise den Druckaufbau erhöhen, aber potentiell auch leitende Effekte erzielen konnten.

Eigentlich überwog bei Real Sociedad ein Rechtsfokus im Angriffsspiel, welcher durch diese Pressingasymmetrie jedoch auch phasenweise wieder abgeschwächt wurde. Für die Grundausrichtung der Gäste bei eigenem Ballbesitz waren die Synergien im Raum um Xabi Prieto und Carlos Vela herum von entscheidender Bedeutung – jedoch mit anderer Akzentuierung als sonst so häufig schon gesehen. Nach wie vor versuchte der Zehner mit kurzen Ablagen oder Weiterleitungen den mexikanischen Dribbler ins Spiel zu bringen, deutlich seltener waren aber die hohen Aufrückbewegungen zum Raumschaffen. Insgesamt hielt sich der Routinier diesmal tiefer auf, versuchte stärker – auf den gegnerischen Block zu – aus dem Halbraum oder situativ gar aus den Flügelzonen anzukurbeln.

In letzterem Falle übernahm er punktuell doch wieder die Außenbahn für Vela, der sich recht frei in zentrale Bereiche bewegen durfte, gelegentlich im Wechselspiel mit dem ansonsten oft einrückenden Oyarzabal, der dann zwischenzeitlich die rechte Bahn besetzte. Bezüglich der Positionierungen der vorderen Akteure gab der Rechtsfokus viel Präsenz und Überladungsmöglichkeiten. Dabei stellten die Gäste eigentlich ganz gute und optionsreiche Verbindungen her, spielten dieses Potential aber kaum dynamisch an. Sie warteten zu lange und zögerlich auf die einleitende Aktion, schienen etwas zu sehr auf entscheidende Einzelpässe fokussiert und entschieden sich am Ende oft doch wieder für den Seitenwechsel aus diesen – trotz einzelner Unsauberkeiten – vielversprechenden Staffelungen heraus.

Kurioserweise stellte sich dann die zunächst weniger beachtete oder zumindest nicht mit derartiger Präsenz unterstützte linke Seite als gruppentaktisch stärker und attackierender dar: Besonders Linksverteidiger Yuri Berchiche kurbelte engagiert – auch mit Dribblings – an und sorgte im Zusammenspiel mit Oyarzabal, situativ auch einem weiteren ausweichenden Kollegen, für gelungene und recht durchschlagskräftige Momente über Doppelpässe und Dreiecksbildungen. In der Anfangsphase schufen sie einmal zu zweit eine Riesenchance. Insgesamt brachten die Gäste den gruppenstrategischen Zug und die mannschaftstaktische Fokussierung, die für sich jeweils vielversprechend aussahen, zu selten zusammen.

Auf der linken Seite beispielsweise, aber nicht nur dort, agierten sie manches Mal in den Bewegungsmustern auch ungeordnet, mit Tendenz zu willkürlichen Rochaden. Daher blieb Alavés in den meisten Phasen stabil genug, zumal sie defensiv gerade Richtung Abwehrdrittel mehr Gleichmäßigkeit aufwiesen. Bei Real Sociedad gab es den Fokus auf das Mittelfeldzentrum, darum herum aber zeigten sich gerade die Flügel in der Neuausrichtung nach losen Bällen wechselhaft organisiert und auch das Nachschieben geschah zwar vielseitig, aber inkonstant. Demgegenüber stand Deportivo Alavés mit der sauberen Viererkette in der zweiten Linie horizontal ausgewogener und zeigte weitgehend ihre konstante und geduldige Umsetzung.

August Bebel 21. März 2017 um 16:08

Ich kann nur immer wieder ein Lob aussprechen für das, was du hier alles analysierst. Zwar interessiere ich mich nicht unbedingt für alle besprochenen Spiele oder Spieler, aber es ist doch immer was Spannendes dabei. Deyverson scheint sich in Spanien ja ganz gut zu machen. Ich hab ihn vom FC vor allem als kopfballstark und aggressiv in Erinnerung.

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