Blick über den Tellerrand – Folge 42

Wenn das keine „nerdigen“ Themen in dieser Ausgabe von „Blick über den Tellerrand“ sind: Wodurch zeichnet sich Dundee im tabellarischen Mittelfeld der schottischen Liga aus? Wie könnte Fabian Benkos Zukunft bei den Bayern aussehen? Und: Was hat ein südkoreanischer Zweitligaaufsteiger mit Wintersport zu tun?

Spieler der Woche: Fabian Benko

Nachdem seit David Alaba sich bei den Bayern kein Eigengewächs wirklich durchgehend in der ersten Mannschaft etablieren konnte, dürfte aus den Nachwuchsteams bald wieder der eine oder andere sehr vielversprechende Name für den großen Sprung in Betracht kommen, auch wenn bis dahin vermutlich noch etwas Zeit vergehen wird. Auch wenn tatsächlich kaum jemand der im mittleren Teil der Neunziger Geborenen sich entscheidend ins Rampenlicht zu bringen vermochte, zeigen sich nun bei den Jahrgängen danach einige interessante Personalien, so beispielsweise Fabian Benko:

Dieser hatte schon vergleichsweise viele Testspielauftritte bei den Profis und befindet sich seit etwas längerer Zeit dort im Blickfeld, zumindest für die jeweiligen Vorbereitungsphasen – ist aber immer noch erst 18 Jahre jung. Nun wartet man auf die nächsten Kurzeinsätze in Pflichtspielen für den Deutsch-Kroaten. Vom Rhythmus her sollte Benko eigentlich ein recht passender Ancelotti- (und auch Guardiola)-Spieler sein, zumal schon seine Vielseitigkeit ein Pluspunkt darstellt. Es soll nun kurz und bündig angerissen werden, was den Nachwuchsmann der Münchener positiv auszeichnet:

Zu den Spielern, die auf recht einfache Weise harmonisch und angenehm einzubinden sind, ohne dass in der Folge zu viel Simplizität entsteht, gehört auch Benko. Er ist ein potentiell zuverlässig rollenerfüllender Akteur – und zwar auf eher unauffällige, saubere und ausgewogene Weise. Damit weiß er eine Mannschaft sehr gut zu ergänzen und kann um deren charakteristische Korsettstangen herum eingesetzt werden. Gleichzeitig bleibt aber auch die – wenngleich wohl insgesamt nicht ganz so potentialausschöpfende – Möglichkeit, Benko etwas mehr zu fokussieren. Im Dribbling und in der Grundorientierung – speziell bei Drehungen, aber auch in Zwischenräumen – ist er schon ganz gut, wenngleich nicht herausragend.

Auch wenn er sich gelegentlich mal etwas präsenter einzubinden versucht, insgesamt kommen diese Qualitäten vor allem dann zur Geltung, wenn Benko sie spontan situationslösend einsetzt. Ein wirklich gestaltender Akteur im eigentlichen Wortsinne ist er nicht unbedingt. Für eine führende Rolle zeigt sich Benko auch in der Ballführung technisch leicht instabil, athletisch mit gewissen Schwächen und in der Koordination – teils unkontrolliert, mit teils überraschenden Glanzpunkten – recht wechselhaft. Insgesamt kann man von daher nicht unbedingt erwarten, dass Benko mal eine tragende Säule als „zentrales Gesicht“ der Bayern werden dürfte.

Dennoch stellt er für den Rekordmeister ein sehr vielversprechendes Talent dar – nur eben in anderer Hinsicht oder Einbindung: Herausheben sollte man bei Benko noch seine geschickte und konstruktive Grundspielweise, ebenso wie seine gute und erneut ausgeglichene sowie solide gruppentaktische Einbindung. Als Roleplayer (Wing-Back, Halbposition bei asymmetrischem Mittelfeld, potentiell Linksverteidiger, etc.) in einer etwas zurückhaltenden Interpretation könnte Benko dementsprechend in der Zukunft wertvoll für die Münchener werden, warum nicht quasi im alten „Pranjic-Kaderslot“?

Interessant zu beobachten: Dundee FC

Beim Blick auf die Tabelle der schottischen Liga findet sich im Mittelfeld des Rankings ein ganzer Pulk eng zusammenliegender Teams. Darunter fällt auch der von Paul Hartley trainierte Dundee FC, der allerdings nicht in einem durchschnittlichen Einheitsbrei aufgeht. Erwähnenswert bei den Mannen aus dem schottischen Osten – entweder im 5-3-2 oder im 4-4-2 auflaufend – ist vor allem ein bestimmter Aspekt, mit dem sie sich von anderen Mannschaften abheben können: ihre gruppentaktische Spielstärke in den Offensivzonen.

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Dundee im 5-3-2

Von entscheidender Bedeutung ist ihr Halbstürmer, der viel nach außen weicht und dort aufwändig unterstützt. Mit dem in der Winterpause ausgeliehenen, kombinationsstarken Henrik Ojamaa gibt es dafür eine weitere Bereicherung. Im 4-4-2 suchen die Flügel oft das Zusammenspiel mit diesem und achten auf Möglichkeiten für gegenläufiges Einrücken und Ablagen „überkreuz“. Die Außen- bzw. Flügelverteidiger versuchen diagonale Aktionen einzustreuen, wobei Holt häufig bis in den Strafraum stößt und sich als Abnehmer anbietet. Überhaupt zeigt sich bei Dundee ein gutes Bewusstsein für die raumgewinnende oder provokative Nutzung von Dribblings und eine recht passende Orientierung bei der Aktionswahl in Offensivzonen: Dort fokussierten sie immer mal Doppelpässe und Pärchenbildungen, pragmatisch in kleinräumiger Umgebung.

Ein Problem besteht aber noch im gezielten Aufbauspiel, mit dem man diese Ressourcen bedienen könnte. Häufig gestaltet sich der Vorwärtsgang über lange Bälle oder einfache Aktionen am Flügel, wo sich beispielsweise die Außenstürmer tief das Leder abholen. So tun sich die Mannen von Hartley noch schwer, ihre Spielstärke zuverlässig einzusetzen und vorzubereiten. Daher fällt die Bilanz von 26 erzielten Saisontoren nach dem 25 Spieltag auch keinesfalls herausragend aus. Wenn sie aber letztlich nach vorne gekommen sind, zeigen sie immer mal gelungene gruppentaktische Abläufe im Angriffsdrittel – beziehungsweise sporadisch auch anderswo, denn diese Qualität lässt sich in verschiedensten Situationen punktuell einbringen, wenn es die Szenerie hergibt.

In der 5-3-2-Ordnung scheint Dundee noch etwas zielstrebiger in der Hinsicht zu agieren, dass sie die Positionsstruktur durchspielen und über die klare Orientierung an den vorstoßenden Flügelläufern als Breitegebern leichter eine druckvolle Ballverteilung aufziehen können. Insgesamt jedoch mangelt es im hohen zweiten und im letzten Drittel an der konsequenten Nutzung einer nochmaligen Zirkulation: Nach abgebrochenen Angriffen zeigt sich teilweise unpassendes Rhythmusgefühl, indem die Spieler zu schnell wieder attackierende Aktionen versuchen oder seltsame Entscheidungen treffen. Dies ist ein weiterer Faktor dafür, dass das gruppentaktische Potential quantitativ zu selten in den passenden Kontexten abgerufen werden kann.

Daneben könnte man noch – wenngleich nicht ohne Einschränkungen – das Pressing anführen, das dem Gegner auch schon mal vergleichsweise lange Ballbesitzzeiten gewährt. Im 4-4-2 beispielsweise rücken die Flügelstürmer zwar sehr engagiert heraus, wenn die gegnerischen Außenverteidiger den Ball erhalten, und versperren mit leicht nach innen gedrehter Körperhaltung den Pass zur Seite. Bei anschließenden Rückpässen schiebt das Kollektiv aber kaum wieder ein Stück heraus, so dass der Gegner sich mit kurzen Rückwärts-Ablagen Raum zum Andribbeln verschaffen kann. Vielmehr zieht sich der Halbstürmer – gerade wenn O´Hara dort spielt – im Mittelfeldpressing früh zurück, im Extremfall gar in 4-5-1-artige Ansätze.

Anschließend sind es häufig die nominellen Sechser, die mit vielseitigen, aber zum Teil recht riskanten Herausrückbewegungen das weitere Defensivvorgehen prägen. Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Insgesamt verhält sich die Mannschaft sehr aufmerksam und die grundlegende gruppentaktische Abstimmung deutet sich auch hier an, etwa in einigen ansehnlichen Verschiebebewegungen. Jedoch wird das Gesamtbild im Endeffekt häufig von verschiedenen Mannorientierungen verzerrt. So wie einer der Sechser – gleichsam ist es im 5-3-2 mit den Achtern – oft weiträumig herausrückt, verfolgt der andere teilweise über längere Strecken und wird dann tief nach hinten gedrückt.

Daher entsteht bei Dundee regelmäßig eine Anfälligkeit im Rückraum. Diese Lücken „neben“ der verbliebenen Reststruktur des Mittelfelds gibt es entweder im ballfernen Halbraum nach dem Verschieben zum Flügel oder durch Eindringen in den Deckungsschatten des vorgerückten Spielers aus mittigeren Positionen heraus. Am vergangenen Wochenende hätte Dundee gegen die Rangers – den favorisierten Tabellendritten – eine überraschende 2:0-Halbzeitführung nach der Pause beinahe noch aus der Hand gegeben – entscheidend auch aufgrund jener Schwächen. Das unorthodoxe System der Hauptstädter war zwar wechselhaft und instabil, potentiell aber sehr gut geeignet, jene Bereiche zu bespielen:

Vor dem einzelnen Sechser rochierten bei den Rangers die wendigen, spielstarken Hyndman und McKay diagonal zwischen Halbraum und Flügel, häufig jeweils im Wechselspiel mit dem aggressiv in die Spitze rückenden Rechtsaußen und dem für Dribblingmöglichkeiten nach außen weichenden, linksseitigen Mittelstürmer. Viel Präsenz bekam zudem Routinier und Ex-Nationalstürmer Kenny Miller in kurioser, teils überambitionierter Rolle: Der einstige Neuner lief in einer Freirolle über den ganzen Platz herum, versuchte sich im Grunde genommen als weiträumig pendelnder Zweidrittel-Spielmacher einzubinden und viel gestalterischen Einfluss auszuüben.

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Dundee im 4-4-2. Dargestellt sind auch mögliche Diagonaldribblings mit gegenläufigen Pässen hinter den herausgerückten Sechsern (schematische Grobzeichnung) ebenso wie beispielhafte Bewegungen der Stürmer beim höheren Pressing.

Gegen die Herausrückbewegungen und die entstehende Keilstaffelung bei Dundee konnten die Rangers in dieser Ausgangslage mit diagonalen Dribblings nach außen und anschließenden gegenläufigen Pässen in die Halbräume neben dem  verbleibenden Sechser eindringen und – wenn die Flügelspieler noch nicht schnell genug unterstützen konnten – in den Offensivübergang beschleunigen. Vor der Entstehung des Anschlusstors beispielsweise musste sich Dundee stabilitätsbedacht zurückziehen und konnte auf den sich absetzenden Garner nicht mehr so gut Zugriff bekommen. Das gab ihm Zeit, auf den Restblock anzudribbeln und einen Abschluss von der Strafraumkante abzugeben.

Nun sind die defensiven Schwachpunkte Dundees aber keineswegs dramatisch, zumal sie gerade individuell und gruppentaktisch vieles durchaus geschickt zu balancieren wissen. Im mannschaftlichen Rhythmusgefühl und der Handhabung der Mannorientierungen besteht aber noch Verbesserungsbedarf: Verteidigen sie etwas höher, passt der kompakte Anschluss der Abwehr an das Mittelfeld und dessen Herausrücken aufgrund der einzelnen Deckungen nicht so gut. Darunter leidet die Absicherung gegen längere Tiefenpässe. Die im Mittelfeldpressing eher geringe Intensität ist im Übrigen besonders deshalb auffällig, weil Dundee eigentlich gerade im höheren Attackieren schon einige gute Momente demonstrierte.

Phasenweise praktizieren die Mannen von Hartley – zumindest in der 4-4-2-Formation – ein enorm aggressives und frühes Pressing, das maßgeblich von den beiden Spitzen getragen wird. Durch leichte Asymmetrien und Bogenläufe gelingt es ihnen vergleichsweise gut, die tiefe Zirkulation des Gegners an einer Seite abzuschneiden und lange Bälle zu provozieren, ohne dass die Flügelspieler allzu weit mit nachrücken müssen. Unterstützung in vorderster Front kann dann eher abwechselnd einer der beiden Sechser durch das typische Herausrücken erzeugen. Interessant ist hier der strategische Faktor: Dundee scheint zunächst die abwartende Haltung besonders zu Beginn der Spiele zu bevorzugen, um eher dann mal auf das Angriffspressing umzuschalten, wenn sie schon führen.

So kann man mit Blick auf die spezifische „Schichtung“ der Merkmale – hier bei Dundee: – gruppentaktischer, strategischer und rhythmusbezogener Art eigentlich ganz gut festmachen, welche Differenzierungen verschiedener Teilaspekte innerhalb eines mannschaftlichen Gefüges möglich und wirkmächtig sein können.

Und sonst so? 5-3-2 am Fuße der Schanzen

Letzte Woche machte der Skisprung-Weltcup Station in Pyeongchang. Dort finden bekanntlich im nächsten Jahr die Olympischen Winterspiele statt. Entsprechend gab es nun den Testlauf für die Skispringer. Die Schanzenanlage samt zugehörigem Wintersportzentrum wurde bereits vor mehreren Jahren eingeweiht. Nachdem sich dort noch keine festen Weltcupspringen etabliert haben und auch die ursprünglich im Stadion geplanten Eröffnungs- und Abschlussfeier bei Olympia anderweitig angesetzt wurden, ergab sich in jüngerer Vergangenheit eine neue und alternative Zusatznutzung für das Stadion im Auslauf der Schanze: Als Fußball-Arena.

Schon im vergangenen Jahr trug der südkoreanische Profiverein Gangwon FC einige seiner Partien am Fuße der Schanzen, im Alpensia Ski Jumping Stadium, aus, die 2017 nun seine standardmäßige Heimstätte werden soll. Diese nette Begebenheit kann man doch mal als Anlass nehmen, sich diesen Klub genauer anzuschauen – und ihm eine taktische Analyse zu widmen. Der erst 2008 gegründete Verein Gangwon FC war zwischenzeitlich aus der koreanischen K-League abgestiegen, schaffte nun in der Spielzeit 2016 über mehrere Relegationsspiele aber wieder die Rückkehr in die Erstklassigkeit. Da die neue 2017er-Saison erst im März startet, bezieht sich die Analyse auf die entscheidenden Aufstiegs-Play-Offs im November 2016.

Erste Erkenntnis der Betrachtung des damaligen koreanischen Zweitligisten: Die sind sogar ganz cool und ihre Spielweise präsentiert einige interessante Aspekte. Das liegt aber nicht nur daran, dass sie ausgerechnet auch noch – die ebenfalls in der Bundesliga im Trend liegende – 5-3-2-Formation nutzen. Dass die Grundsystematik gar nicht so bedeutend ist, liegt in diesem Fall zudem an der enorm vielseitigen Staffelungsfindung, die sich als eine der zentralen Stärken der Mannschaft von Trainer Choi Yun-kyum herausstellt. Gerade das Mittelfeld wechselt immer wieder seine Aufteilung und teilweise auch Rollenverteilung, mit bisweilen leicht kuriosen Folgen.

Von den beiden nominellen Achtern rückt abwechselnd einer häufig in die Nähe der Stürmer, von denen wiederum Luiz Henrique zumindest im Pressing auch mal auf einen Flügel weicht und dort punktuell sehr tief zurückarbeitet. So können gegen den Ball 5-4-1- und 5-2-3-Staffelungen entstehen, in unterschiedlicher Form, da gerade Han Suk-jong nicht selten diagonal in den Halbraum vor seinem Pendant Heo Beom-Sun vorschiebt und sich anschließend gegenläufig neben diesen in die zweite Reihe zurückzieht. Insbesondere in den klareren 5-3-2-Momenten übernimmt häufig der Sechser Oh Seung-Bum die Pressingarbeit für seine Kollegen und rückt über deren Position hinaus. Für dieses Aufrücken findet er ein gutes Timing, wie überhaupt auch seine Raumwahl zu gefallen weiß.

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Mögliche Defensivbewegungen Gangwons. Wenn Oh herausrückt, soll über eine sichelförmige Struktur das Zentrum gesichert und der Gegner quasi von dieser weg nach außen geleitet werden. Wenn der Flügelverteidiger herausrückt, füllt nicht nur der Halbverteidiger auf, sondern auch der ballnahe Achter (rote Pfeile). In dunkelblau das Vorrücken Hans, der sich anschließend oft halblinks einreiht.

Es bildet sich eine sichelförmige Struktur, mit der das Zentrum bogenförmig versperrt werden soll. Die Achter agieren entsprechend etwas verbreitert, können dann außen absichern und teilweise Lücken diagonal hinter dem jeweiligen Flügelläufer stopfen, wenn dieser weiter herausrücken musste. Allerdings zeigt sich auch das Bemühen, sie nicht allzu sehr in der Rückzugsbewegung zu beanspruchen, so dass speziell durchsichernde Aufgaben oft von den weiträumigen und nicht immer so balancierten Herausrückaktionen der Halbverteidiger übernommen werden. Überhaupt schiebt sich einer der Abwehrakteure auch mal phasenweise vor die letzte Linie, beispielsweise Serginho.

Insgesamt kann man das vielseitig gestaffelte Defensivspiel Gangwons dahingehend zusammenfassen, dass die Achter zwar grundsätzlich viel nach außen arbeiten und im geregelten Verschieben häufiger als die Flügelläufer die gegnerischen Außenverteidiger pressen, aber zumeist vor allem als passiver raumsichernde Kräfte um Oh herum eingesetzt werden. Rückt der Gegner am Flügel weiter vor, schiebt dieser häufig erneut an seinen beiden Vordermännern vorbei – diesmal nach außen, während diese für Präsenz in den angrenzenden Rückräumen sorgen sollen. Punktuell wird Ohs Verschieben nach außen von den seitlichen Rückwärtspressingaktonen Luiz Henriques unterstützt.

Eine wichtige und eigentlich positive Charakteristik des Teams, die sich teilweise auch in zu passiven Defensivmomenten der Achter niederschlägt, ist ihr ruhiger Spielrhythmus. Nur selten lässt sich Gangwon zu hektischen Szenen drängen, zeigt auch gruppenstrategisch viele verzögernde Aktionen und versucht, Entscheidungen bedacht vorzubereiten. Bei eigenem Ballbesitz findet das beispielsweise seinen Eindruck in der sehr guten Nutzung der Rückzirkulation aus ungünstigen Situationen: Phasenweise schöpfen sie dieses Mittel sehr umfänglich aus, um an sinnvollen Stellen noch einmal neu anzusetzen und sich die notwendige Zeit für die Entscheidungen im Vorwärtsspiel zu nehmen.

So baut Gangwon dann auch sauber und zentrumsfokussiert auf und lässt das Leder in der Dreierkette laufen. Davor agiert der ziemlich pressingresistente Oh recht ballfordernd und auch der dribbelstarke Heo mit seiner sehr guten und kreativen Orientierung lässt sich gelegentlich schräg dazu im Halbraum zurückfallen. Auch wenn über diese beiden Kräfte einige gute Szenen initiiert werden: Im Großen und Ganzen schafft es Gangwon zu selten, den Anspruch ihres kontrolliert vorbereitenden Stils effektiv einzulösen. Gerade die ruhige Spielweise scheint teilweise dazu beizutragen, dass sie aus der ersten Linie heraus zu wenig raumnutzend agieren und zu schematische Übergänge nach vorne suchen.

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Grobe Aufbaustruktur Gangwons: Während die Sechser sich innerhalb ihrer tiefen Räume oft klug, aber eben recht tief bewegen, nutzen die Verteidiger die blauen Räume eher zögerlich. Viel läuft daher über lange Bälle auf die auswendig ausweichenden Stürmer oder den sich „neben“ die gegnerische Doppel-Sechs (blasse Darstellung) absetzenden Han (rote Räume).

Viele Aufbauszenen enden mit (halb)langen Chippässen aus den hinteren Zonen, die direkt einen der Angriffsspieler suchen. Insbesondere das brasilianische Sturmduo aus Matheus Alves und dem wesentlich präsenteren, häufig wühlend ausweichenden Luiz Henrique ist ein Zielpunkt für diese Zuspiele in Freiräume hinein. Auch der in seinen Bewegungen tendenziell wechselhafte, potentiell übrigens in der Passgewichtung starke Han als zumeist höchster Mittelfeldspieler rückt in sehr hohe Zonen auf, versucht sich etwa für Diagonalbälle im ballfernen Halbraum neben der gegnerischen Mittelfeldreihe frei zu schleichen.

Diese das Mittelfeld zu oft übergehenden Angriffe sind schwierig weiterzuführen, auch wenn Lee Han-suem die Zuspiele technisch sehr gut beherrscht. Für die Folgeszenen liegt der Fokus auch weiterhin stark auf den Stürmern, die die Bälle – nicht selten in breiten Zonen – behaupten und mit Einzelaktionen voranbringen sollen. Die übrigen Kollegen unterstützen zwar, es fehlt jedoch insgesamt an einer wirklichen Offensivstruktur, um diese kollektive Improvisation zu kanalisieren. Um die Angreifer herum bewegen sich die nachrückenden Spieler oft einfach irgendwie flexibel und vielseitig. Gelegentlich können dann mal urplötzlich sehr schöne Überladungen und kombinative Abläufe entstehen, aber diese Glanzpunkte sind sehr selten.

Ansonsten entsteht fast gar keine Durchschlagskraft, solange nicht die Einzelaktionen zumindest für Offensivpräsenz und Strafraumannäherungen sorgen. Besonders in Anbetracht des Personals im Mittelfeldbereich und der eigentlich so ruhig und bewusst auf schrittweise Herausbildung der Angriffe angelegten Spielweise ist das etwas schade. Die Erfolge in den entscheidenden Aufstiegsplayoffs meisterte Gangwon mit eher minimalistischen Ergebnissen, inklusive des abschließenden Weiterkommens über die Auswärtstorregel. 50 Saisontreffer in 40 Partien würde man bei einem Aufsteiger nun auch nicht unbedingt erwarten, aber das Team war – zudem mit den wenigsten Gegentreffern der Liga – stets sehr gut und kontrolliert im Spiel und brauchte dann nur wenige Momente.

Insgesamt war der Fußball von Gangwon FC 2016 schon ganz gut und angenehm anzuschauen, auch wenn er wenig tornahe Szenen bereithielt. Es würde sich durchaus lohnen, den Aufsteiger auch in der neuen Saison weiter zu verfolgen, zumal nun stets unterhalb der Sprungschanze gespielt werden soll. Vermutlich wird man es aber nicht nur mit einer anderen Hauptkulisse, sondern auch einer stark veränderten Mannschaft zu tun haben, da große personelle Umwälzungen anstanden: Schon aufgrund der zahlreichen Leihspieler werden wohl mindestens sieben Feldspieler, die bei den Relegationspartien dabei waren, in diesem Jahr nicht für Gangwon auflaufen.

Paddy_11 22. März 2017 um 12:46

Interessantes Profil von Benko. So etwas wünsche ich mir von Jugendspielern hier viel mehr! Wen seht ihr aus der FCB Jugend in Zukunft rein von den Fähigkeiten in der 1.Mannschaft?

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FAB 23. März 2017 um 13:25

„Wen seht ihr aus der FCB Jugend in Zukunft rein von den Fähigkeiten in der 1.Mannschaft?“
Keinen, dafür hat Bayern aber mit Süle, Kimmich, Renato Sanches, Coman zunächst einmal genug Talente zugekauft.

Ich finde es sowieso zur Zeit beängstigend wie die jungen Spieler derzeit wieder in den Himmel gehyped werden. Wer hat den Mbappe vor ein paar Wochen ernsthaft auf der Rechnung gehabt und jetzt bietet Real angeblich 110 Millionen?
Interessant ist dabei allerdings, dass da jeweils ein spezieller Spielertyp gehyped wird. Vorrangig Franzosen wie Dembele, Mbappe und Martial, wahlweise auch Rashford, Sterling und Sane. Also alles eigentlich Spieler die mit Taktik eher wenig am Hut haben. Ist das ein neuer Trend auf solche jungen, schnellen Spieler zu setzen? Interessanterweise scheinen ja die „Taktikvorreiter“ Guardiola und Tuchel voll in diesem Trend zu liegen.

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Todti 23. März 2017 um 21:18

Puh, also bei „auch Rashford, Sterling und Sane. Also alles eigentlich Spieler die mit Taktik eher wenig am Hut haben.“ wäre ich vorsichtiger. Ich finde, gerade Anfang dieser Saison hat man bei Manchester City deutliche Unterschiede zwischen Sterling und Sané gesehen. Sterling hatte teilweise überhaupt keine Ahnung, wie er sich einfügen und wie er einen Angriff fortsetzen soll; das war grauenhaft anzuschauen. Sané – gerade als Neuzugang – hatte mich doch positiv überrascht. Seine Aktionen hatten grundsätzlich Hand und Fuß, wenn auch nicht allzu erfolgsstabil, und als Spielertyp passt er meiner Meinung nach auch deutlich besser in ein Guardiola’sches System.

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Schorsch 23. März 2017 um 23:28

Ich habe des öfteren die Gelegenheit, französische Nachwuchsteams zu beobachten. Seien es Auswahlmannschaften oder (häufiger noch) Jugendmannschaften größerer Clubs. Man unterschätzt in Deutschland vielleicht ein wenig die Qualität, die dort anzutreffen ist. Wenn man sich einmal allein die Nachwuchsteams des FC Metz anschaut (eine typische ‚Fahrstuhlmannschaft‘), dann kann man dort so manchen Rohdiamanten entdecken. Nicht umsonst sind Scouts aus allen größeren europäischen Ligen Stammgäste bei Nachwuchsbegegnungen. Außerdem existieren sehr eng geknüpfte Netzwerke. Die taktische Schulung dieser Teams ist bemerkenswert, aber (und das ist der eigentliche Bezug) genauso die Möglichkeit, die man der Entfaltung individueller Fähigkeiten einräumt. Es ist also durchaus nicht unüblich, in einer taktisch sehr abgestimmt agierenden Mannschaft zwei, drei absolute Individualisten zu haben, die größtmögliche Freiheiten genießen. In aller Regel handelt es sich dabei um Offensivspieler, auch und gerade (Mittel-)Stürmer. Vielleicht keine große ‚Überraschung‘ und zu erwarten. Es gibt sicherlich auch in Deutschland ähnliches zu beobachten, allerdings nach meiner Einschätzung nicht in dieser Ausprägung. Der Gedanke dahinter ist, dass die wesentlichen Stärken (z.B. Dribbeltalent) bei bestimmten Spielertypen unbedingt gefördert werden müssen und taktische Abläufe und Einbindungen sicherlich nicht zu kurz kommen, aber dennoch etwas untergeordnet sein sollen. Das ‚Abschleifen‘ und ‚Einordnen‘ würde in den ersten Jahren bei den Profis ohnehin erfolgen. Dembélé und Mbappé sind da nicht die schlechtesten Beispiele (Martial eher nur bedingt).

Jeder Trainer wünscht sich für sein Team ein oder mehrere Spieler, die das Unerwartete tun; ein Dribbling, wenn niemand damit rechnet, ein unerwarteter Torschuss. Und Schnelligkeit hat noch nie einem Stürmer (sei es auf den Flügeln, sei es zentral) geschadet.

Ich bin mir sicher, dass gerade Trainer wie Tuchel oder Guardiola solche jungen Spieler schätzen. Sie bringen einerseits Stärken mit, die sonst in ihren Teams nicht zu finden sind. Andererseits sind sie noch so jung, dass sie taktisch noch sehr entwicklungsfähig sind.

Die Schraube der Transfersummen dreht sich seit einiger Zeit immer schneller in immer größere Höhen. Dass dies auch ganz junge Spieler betrifft, ist da keine Überraschung. Mich wundert es keineswegs, dass Real an Mbappé und Barcelona an Dembélé sehr interessiert und bereit sind, entsprechende Summen zu zahlen. Wie man eine solche Entwicklung bewertet, ist eine andere Sache.

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Daniel 26. März 2017 um 21:11

@Schorsch:
Gleich vorweg: ich verfolge den französischen Fußball nur am Rand, deswegen kann es auch sein, dass ich mich hier verrenne 😉

Mir kommt es so vor, als ob sowohl hier in Deutschland als auch in Frankreich die entwickelten Talente in den letzten Jahren meist ein wenig „gleichförmig“ sind. Eigentlich alle französischen Talente, die mir in den letzten Jahren aufgefallen sind, bestechen vor allem durch ihre phänomenale Athletik und Geschwindigkeit (vor allem im Antritt). In unterschiedlichen Ausprägungen trifft das auf Pogba (hier vor allem physische Stärke und Durchsetzungsfähigkeit), Dembélé, Coman, Martial und auch Mbappé zu.

Im Unterschied dazu sind die deutschen Talente meistens physisch eher mittelmäßig, bestechen aber durch hohe Spielintelligenz, hervorragendes Passspiel und eine für ihr Alter sehr reife Entscheidungsfindung. Auch das lässt sich auf fast alle großen derzeitigen Talente anwenden (Weigl, Kimmich, Dahoud, Meyer). In Deutschland scheint mir das nicht ganz so extrem zu sein, es gibt auch Ausnahmen (Sané und Werner fallen mir da spontan ein). In Frankreich kenn ich mich aber weniger aus, deswegen täuscht da der Eindruck vielleicht auch.

Ist da was dran oder entsteht dieser Eindruck einfach durch eine eingeschränkte Sichtweise auf den französischen (Nachwuchs-)fußball?

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Schorsch 27. März 2017 um 14:46

@Daniel

Ich maße mir nicht an zu behaupten, ein Experte auf diesem Gebiet zu sein oder gar valide allgemeingültige Aussagen treffen zu können. Es ist halt so wie beschrieben. Ich sehe des öfteren französische Nachwuchsteams, auch weil ich den einen oder anderen kenne, der in diesem Bereich tätig ist. Das kann auch in Verbindung mit dem Besuch eines Erstliga-(mitunter auch Zweitliga-)Spiels geschehen, zumeist im Osten Frankreichs (was wahrlich nicht immer eine reine Freude ist… 😉 ). Ab und an langt es dann auch für die Équipe Tricolore, wie jetzt am vergangenen Wochenende (was dann auch nicht vergnügungssteuerpflichtig war… 😉 ). Darauf beruhen meine (natürlich rein subjektiven) Beobachtungen.

Um zu Deiner Frage zu kommen: Ich glaube eher nicht, dass man hier eine Art Konzept, Vorgabe, Präferenz o.ä. sehen kann hinsichtlich des Spielertypus/ der physischen Voraussetzungen. Das sehe ich für den Bereich der deutschen Nachwuchsarbeit ebenfalls nicht (zumindest nicht stark ausgeprägt). Was in den französischen Clubs nach wie vor Gültigkeit hat vor allem beim Übergang in den U 19 – , aber auch durchaus den U 17 – Bereich, ist die Bewertung des physischen Entwicklungsstandes eines Spielers. Das ist in Deutschland nicht anders, aber in Frankreich vielleicht doch ein wenig stärker ausgeprägt. Auch fallen Entscheidungen in Frankreich über weitere Entwicklungswege schon in früherem Lebensalter. Aber ich glaube, dass ein Fall wie Griezmann sich heute nicht mehr unbedingt wiederholen würde. Wobei es bei Reus nicht viel anders war. Griezmann hat dann dennoch den Weg in die U – Mannschaften Frankreichs geschafft (was bei Reus nicht der Fall war). Einen Dembélé allerdings würde ich z.B. nicht unbedingt in die von Dir angesprochene physische Kategorie einordnen. Der hat einfach ein ausgeprägtes Dribbeltalent, was auch stark gefördert wurde.

Generell spielt im Nachwuchsbereich der jeweilige unterschiedliche physische Entwicklungsstand keine geringe Rolle. Es ist keine Seltenheit, dass im Nachwuchsalter durch ihre Physis überlegene Spieler im Profibereich sich nicht weiterentwickeln, da andere Voraussetzungen weniger stark ausgeprägt sind. Da können dann andere Spielertypen durchaus ihre Vorteile haben. Ein Griezmann konnte seine Größe oder generelle Statur nicht ändern. Aber er konnte an seiner Physis arbeiten und auch in diesem Punkt eine beachtliche Wettbewerbsfähigkeit entwickeln. Ein Giroud hätte er aber nie werden können (was dann auch wieder sein Gutes hat… 😉 ).

Einen deutlichen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland mache ich dennoch aus. Dieser Unterschied liegt in der sozialen Komponente. Den Traum, Fußballprofi zu werden, leben in beiden Ländern viele Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Aber in Frankreich bedeutet eine Karriere als Fußballprofi gerade für Einwanderer aus Schwarzafrika oftmals die einzige Chance, dem tristen Milieu der banlieues zu entkommen. Da baut sich ein ungeheurer Druck auf, die Konkurrenzsituation ist mit Deutschland in dieser Form nicht zu vergleichen; es geht um Existentielles. Und ich beobachte schon, dass viele dieser Nachwuchsspieler über eine Physis verfügen, die der ihrer Altersgenossen deutlich überlegen ist. Das hat schon etwas von ‚only the strong survive‘. Nicht wenige Clubs sehen bei solchen Spielern auch die Chance, dass diese sehr früh in den Profi-Kader hochgezogen werden können und somit ein schneller ‚return of invest‘ erfolgen kann. Eine gute taktische Ausbildung erhält man in Frankreich allemale.

Antworten

Gh 30. März 2017 um 10:28

danke für den beitrag, schosch. an einer stelle möchte ich aber einhaken: die soziale lage in frankreich ist so, dass die kids aus den schlechten vierteln auch beim fußball benachteiligt sind. nicht umsonst sind die meisten nachwuchszentren in gutbürgerlichen kleineren städten. dembele und viele andere spieler, die es geschafft haben, kommen meist aus familien, die es auch schon aus dem gröbsten rausgeschafft haben. letztendlich ist ein elite-sportler kind zu haben ein nicht ganz billiger spaß heutzutage, den man sich auch erst mal leisten können muss, die risiken werden zudem im frühstadium konsequent auf familie und spieler selbst abgewälzt. dass einer bis 12, 13 auf der straße kickt und dann entdeckt wird ist eine seltenheit, in diesem alter werden bereits fortgeschrittene taktische fähigkeiten vorausgesetzt

Schorsch 30. März 2017 um 22:59

@Gh
Sicherlich muss man hier stärker differenzieren, keine Frage. Wobei es auch in den kleineren Gemeinden Frankreichs die ‚Einwandererviertel‘ gibt, die nicht mit den typischen banlieues der großen Zentren vergleichbar sind, nichtsdestotrotz allein wegen der Adressen im Alltag Benachteiligungspotential innehaben.

Das französische Nachwuchsförderungssystem ist in der Tat ein brutales Selektionsverfahren, im Handball übrigens noch stärker als im Fußball. Das Ganze ist aber gerade im Fußball keine rein französische Angelegenheit, sondern hat eine viel größere Dimension. Nämlich eine afrikanische, genauer gesagt eine franko-afrikanische. Die französische Fußballnationalmannschaft wird in diesen Ländern schon seit einiger Zeit als ‚L’équipe franco-africaine‘ angesehen und begriffen. In der Diskussion um dieses Thema ist u.a. darauf hingewiesen worden, dass die Nationalmannschaften dieser Länder für viele talentierte junge Kicker (und nicht zuletzt für deren Familien) kein erstrebenswertes Ziel darstellen würden. Sie seien qualitativ zu schlecht und böten somit keine ausreichende Profilierungschance. Für die jungen Kicker aus Nordafrika sei die Situation (mittlerweile) eine andere. Die Nationalmannschaft Algeriens z.B. würde immer mehr als Alternative zur französischen begriffen, da deren Qualität sich stetig gesteigert habe. Das führt zu teilweise sehr bedenklichen, u.U. auch dramatischen Situationen. Junge Spieler, die schon eine gewisse (und keine schlechte) fußballerische Grundausbildung in ihren Heimatländern erhalten haben (die von den jeweiligen Familien finanziert wurde), werden mit oder leider oft auch ohne Begleitung eines Familienmitgliedes nach Frankreich geschickt, um dort die Chance auf den Durchbruch zu suchen. Es gibt ‚Berater‘, die sich auf solche Spieler spezialisiert haben. Diese Kinder oder Jugendlichen tingeln dann von Club zu Club, bis sie eventuell eine Chance erhalten. Auf ihnen lastet ein ungeheurer Druck, denn an ihrem Erfolg oder Misserfolg hängt die Hoffnung ihrer Familien in ihren Heimatländern. Frei nach Brecht sieht man dabei immmer nur die im ‚Licht‘. Also diejenigen, die es ‚geschafft‘ haben. Die im ‚Schatten‘, die auf der Strecke bleiben, die sieht man halt nicht.

FAB 27. März 2017 um 13:49

Da gibt es ja den Fall Griezmann, der von keine der französischen Nachwuchsförderzentren aufgenommen wurde und deshalb nach Spanien gehen musste.
Und es ist natürlich schon auffällig, dass aus den französischen Zentren hauptsächlich athletische Spieler („mit afkrikanischen Wurzeln“) oft aus dem Pariser Problemvierteln kommen.
Ob man daraus jetzt Unterschiede ableiten kann weiß ich nicht. Ich würde vermuten, dass die Nachwuchszentren egal ob Deutschland , Frankreich oder Spanien relativ ähnlich arbeiten. Man liest ja auch oft dass diese sich sehr intensiv austauschen, weshalb ich davon ausgehe dass mit ähnlichen Konzepten, Methoden gearbeitet wird.
Von daher wäre es schon interessant, warum sich die Ergebnisse so signifikant unterscheiden, dass in Deutschland Spieler wie Weigl, Götze und Kimmich bzw. Gündogan, Dahoud und Özil hervorgebracht werden. Dagegen Frankreich: Umiti,Kante,Pogba,Dembele,Mbappe,Martial usw.
Letztlich hat es wohl mit einer grundlegenden Fussballkultur zu tun, die ja in Deutschland interessanterweise einen recht heftigen Wandel vollzogen hat (von Effenberg bis Kroos) und eben auch damit, wie diese Kultur von den „Migranten“ beeinflusst wird. Der Einfluss der „Migranten“ ist eben in Frankreich nochmal erheblich stärker als in Deutschland. In Spanien gar nicht mehr wahrnehmbar. Ich denke aber am Ende des Tages entsteht aus diesem Gemisch der Fussball, der dann auf dem Platz sichtbar ist. D.h. die Nachwuchsförderzentren können natürlich versuchen bestimmte Fussballphilosophien an die Spieler weiterzugeben, die Spieler werden aber immer ihren eigenen Charakter mit einbringen.
Dazu zeigen viele Fussballkarrieren, was für ein großes Opfer mittlerweile gebracht werden muss, um die Chance auf den Profifussball zu haben. Die ganze Familie muss dahinter stehen, wie z.B. im Fall Pulisic, der in jungen Jahren mit einem Elternteil das Land verlassen hat. Im Prinzip muss die Schulkarriere aufgegeben und der Fokus vollständig auf Fussball gelegt werden. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man als Jugendlicher mit 35 Stunden Fussball pro Woche rechnen muss, um eine Chance auf Profifussball zu haben. Die Schule kann dabei nur noch nebenbei laufen. Ich denke Migrantenkinder nehmen dieses Opfer halt eher auf sich, während man in Deutschland mit einer normalen Schulkarriere meistens noch genügend andere Optionen hat. Am deutschen NLZ-System wird ja neuerdings genau das kritisiert, dass zuviele Jugendliche durchgeschleust werden, alles noch sehr regional abläuft usw. während anderswo schon deutlich globaler rekrutiert und es möglicherweise auch etwas „härter“ zugeht, weil ja die Option Schulausbildung weniger ermöglicht/gefördert wird.

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tobit 28. März 2017 um 18:52

Diese Spieler sind in bestimmten, schwer durch Training zu verbessernden, Bereichen (Dribbling, Stellungsspiel um den 16er, Explosivität als Beispiele) wahnsinnig gut. Jenachdem, wo sie ihre Jugendzeit verbracht haben, sind die anderen Fähigkeiten (Entscheidungsfindung, Verteidigungsverhalten, gruppentaktische Bewegungen) sehr unterschiedlich ausgeprägt (bzw. oft „unterentwickelt“). Den Unterschied konnte man finde ich sehr gut beim BVB beobachten, wo Pulisic (ein Jahr jünger als Dembélé und Mor) als der reifste der drei Dribbelkönige wahrgenommen wird, eben weil bei seiner Ausbildung sehr viel Wert auf diese erlernbaren Eigenschaften gelegt wurde, während sich die anderen beiden besonders an die defensiven Aufgaben im Kollektiv erst gewöhnen mussten (was ihnen schon ganz gut gelungen ist).

Mbappe z.B. konnte man durchaus auf der Rechnung haben. Der galt schon seit etwa einem Jahr als „next big thing“ der französischen Mittelstürmer und erhielt aufgrund seiner Vereinszugehörigkeit auch vor seinem Profi-Durchbruch schon mehr Aufmerksamkeit als Dembélé bei Rennes (der den Scouts aber auch schon lange bekannt war).
Dass da jetzt direkt über so absurde Summen spekuliert wird, hat mich auch etwas überrascht. Wundern würde es mich aber nicht, wenn er nach der Saison für 65-90 Mio. wechselt. Diese Summen gibt der Markt schlichtweg her – gerade für junge Spieler ist die Zahlungsbereitschaft enorm (allein diese Saison sind 10 Spieler unter 20 für mehr 10 Mio. gewechselt, übrigens Sechs davon in die BL – da sind Mor und Isak noch nichtmal dabei)

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HK 24. Februar 2017 um 13:18

Hast recht. Viel nerdiger geht’s nicht.
Bei Benko wäre ich da nicht so optimistisch. Momentan hat er in der Regionalliga ja schon größere Probleme. Wenn es letztlich für die 2.Liga langt wäre das schon viel.

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Daniel 24. Februar 2017 um 12:34

Interessantes Portrait von Benko, danke schön. Optimistischer für seine Zukunft bei Bayern bin ich dadurch allerdings nicht. Ancelotti ist kein Freund der Rotation und Benko hat eigentlich überall sehr starke Konkurrenz: als Linksverteidiger stehen Alaba und Bernat meilenweit vor ihm, als Wing-Back Costa, Robben und Coman, im Mittelfeld kommen selbst Kimmich und Sanches nur schwer zu Einsätzen. Den „Pranjic-Kaderslot“ gibt es halt nicht mehr-dafür ist die Kaderqualität bei Bayern inzwischen zu groß.

Eine Leihe zu einem Verein wie Freiburg wäre in meinen Augen das Beste für Benkos Zukunft.

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